Читать книгу Ammerseeherzen - Christina Kreuzer - Страница 9

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Kapitel 1

Der von allen für tot geglaubte Massenmörder Angus Streitberger versteckte sich am Ufer des Ammersees. Sein Leben bestand seit Wochen aus Enthaltsamkeit und Regeneration. Nachdem er am Strand halbtot aufgewacht war, sammelte er mit letzter Kraft Kräuter, wie Salbei, Johanniskraut und Spitzwegerich für seine schmerzenden Schusswunden und Prellungen. Dabei weihte er jedes Büschel mit einem geheimen Druidenspruch. Die Verletzungen ließen ihn schwer atmen, behinderten den alten Mann. Er konnte sich kaum aufrecht halten. Sein linker Oberschenkel war glatt durchschossen und an der Hüfte fehlte ihm ein faustgroßes Stück Haut. Außerdem hatte er am ganzen Körper schwere Prellungen und Schürfwunden. „Wie an Gold sich nie Rost ansetzt, so flieht der Spitzwegerich jede Fäulnis und faules Fleisch!“ Die Heilkunst von Pflanzen und Sternen, die er als Druide auswendig gelernt hatte, leisteten ihm jetzt gute Dienste. Sein Oberschenkel heilte schnell, doch die Wunde an der Hüfte entzündete sich immer wieder und wollte sich einfach nicht schließen.

Aus Ästen, Sträuchern, weggeworfenen Plastiktüten und einem großen Stück Segeltuch, das eines Tages am Strand angespült wurde, baute er sich im dichten Wald zwischen Herrsching und Breitbrunn einen Unterstand. Sein Scramasax, ein höllisch scharfes Jagdmesser, das er immer in einer kleinen Ledertasche am Gürtel trug, hatte er Gott sei Dank nicht im Wasser verloren. Das Messer war außer den Fetzen, die seinen zerschundenen Körper verhüllten, alles, was er noch hatte. Immer wieder schleppte er sich in den sicheren Wald, um nicht in die Sichtweite der Polizeihubschrauber zu geraten, die dauernd um den Ammersee kreisten und wahrscheinlich nach ihm suchten. Er musste aufpassen, sich weiterhin versteckt halten und ganz vorsichtig sein. Mit trockenem Holz, einem gefundenen Feuerstein, einem rostigen Stück Flacheisen, das im Sand am Ufer lag und trockenen Zunder aus alten Vogelnestern, fiel es Angus nicht schwer, ein fast rauchloses Feuer zu entfachen, das nur zur Zubereitung seiner mageren Mahlzeiten brannte. Nachts versuchte er mit Tannenzweigen und trockenen Moos der Kälte zu trotzen. Als er endlich wieder einigermaßen laufen konnte, klaute er in Buch, einer kleinen Gemeinde am Ammersee, auf einem Campingplatz, ein Hemd, eine Hose und ein paar alte Badeschlappen. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Kleidungsstücke dazu, die die Badegäste an den Stränden des Ammersees vergessen hatten. Er ernährte sich von kleinen Fischen und zahlreichen Fröschen. Vogeleier, Wildkräuter und essbare Blumenblüten verwandelten die kargen Speisen zu einem wahren Festessen. Einmal kratzte er sogar ein zusammengefahrenes Eichhörnchen von der Hauptstraße zwischen Breitbrunn und Inning. Nur langsam kam seine alte Stärke zurück. Die Schusswunden verheilten gut und bei seinen Streifzügen durch die Wälder am Ammersee Ostufer humpelte er kaum noch. Nur die Wunde an der Hüfte bildete immer wieder wildes Fleisch, das er sich mit dem Scramasax mehrmals selbst entfernte. Angus Streitberger trieb ein großes Ziel an, ließ ihn keinerlei Schmerzen spüren. Rache! An Hauptkommissar Dippold und seiner kleinen widerspenstigen Kollegin! Sie hatten sein Lebenswerk zerstört, ihn gedemütigt und verletzt. Die Rachegedanken rumorten in seinem kranken Gehirn. Nur wie sollte er Rache nehmen? Er besaß fast nichts mehr! Kein Geld, keine Papiere und seine wertvolle goldene Sichel ging bei seiner Flucht verloren. Mehrmals hatte er in den Abendstunden den Kienbach zwischen Andechs und Herrsching nach der geliebten goldenen Sichel abgesucht. Die hätte er zu Geld machen können. Doch seine Suche blieb erfolglos.

Angus verhielt sich in seinem Versteck im Wald ruhig und so unauffällig wie möglich. Der Run der Urlauber, Badegäste und Windsurfer auf die schönsten Uferstreifen des Ammersees nahm bei Föhn und sonnigen Wetter bedenkliche Ausmaße an. Demnächst würden auch noch die neugierigen Schwammerlsucher dazu kommen. Angus wusste, früher oder später würde man ihn und sein Lager doch entdecken. Schon bald nahten kältere Nächte und er hatte weder genug zu essen, geschweige ein Dach über dem Kopf. Er musste hier weg. Angus beschloss in den nächsten Tagen an die Südseite des Ammersees zu übersiedeln. Dort gab es weniger Touristen und ein großes Naturschutzgebiet, die Schwedeninsel.

Angus lag tagsüber am Ufer des Ammersees in der Sonne, geschützt durch Schilf und Gras und verfolgte die Sprünge und Kapriolen einiger Windsurfer auf dem Wasser, die gefährlich nahe an seinem Lager in einem alten VW-Bus campten. Angus ging es immer besser, aber er war noch lange nicht im Vollbesitz seiner Kräfte um seinem einäugigen Totengott Gollmac zu dienen. Wäre dieser Hauptkommissar Dippold mit seiner jungen Kollegin Juliane von Jettenbach nicht gewesen, dann wäre er längst am Ziel seiner Träume. Nur ein Totenschädel hatte ihm noch zur Unsterblichkeit gefehlt. Er könnte jetzt in der Anderswelt seinem Totengott huldigen, stattdessen lag er verwundet und geschwächt am See seiner keltischen Urahnen. Diese verfluchten Schnüffler! Sie hatten seine Ehre beschmutzt. Sie hatten keine Ahnung mit wem sie sich da angelegt hatten, wussten nichts über seine Stärke und seine Macht. Sie wussten gar nichts über ihn. Sie hielten ihn immer noch für tot, ertrunken in einem Bach, im Wasser abgetrieben und verschollen im See. Innerlich lachte Angus über die beiden unwissenden Ermittler. Er dagegen kannte alle Schwachstellen der beiden Polizisten. Er hatte der hübschen Kommissarin, während der Gefangenschaft in der Höhle unter dem Kloster Andechs, jede Menge Auskünfte entlockt. Sie hatte ihm ihr ganzes Leben preisgegeben. Dazu alles was sie über seinen Todfeind Kommissar Dippold wusste, vor seinen Füßen ausgebreitet. Er brauchte nur noch darauf treten. Seine Rache würde fürchterlich sein.

*

In der Nacht bevor Angus Streitberger sein ärmliches Lager, zwischen den kleinen Fichten, angeflogenen Birken und Haselnusssträuchern verließ, entzündete er am Ufer des Sees ein loderndes Feuer. Er brachte Belenus dem Sonnengott ein Tieropfer. Er kam sich erbärmlich und armselig vor, denn er hatte für die lange Reise seines Sonnengottes nur eine verletzte, magere Wildente, die er ihm opfern konnte. Feierlich, um Mitternacht, trennte er der quakenden Ente den Kopf mit seinem Messer ab und fing das Blut in einem Plastikbecher auf. Er weihte das Tier, entriss ihm das noch zuckende kleine Herz und schlang es hastig hinunter. Angus schmatzte und fühlte, wie sein Körper die kleine Stärkung aufnahm. Das gesammelte Blut schmierte sich der Druide ins Gesicht und in die Haare. Danach tanzte er singend um das Feuer und sprang immer wieder durch die Flammen. Nach altem Glauben reinigte er seinen Körper und neutralisierte die negativen Energien. Erst im Morgengrauen sank der erschöpfte Druide nieder und träumte von Lebenskraft, vom Kreis der Seelen, der keinen Anfang und kein Ende hat.

In der nächsten Nacht brach er zur Schwedeninsel auf. Er lief am Ufer des Ammersees bis zum Ortsanfang von Herrsching entlang. Kein Mensch war um diese Zeit unterwegs, alle Häuser stockdunkel, kein Lichtschein von fahrenden Autos. An der Abzweigung zur Fachhochschule benutzte der Druide die spärlich beleuchtete Seepromenade, vorbei am Segelclub und kam in den Kurpark.

„Huhu!“ Angus zuckte zusammen. Er schaute sich um und sah einen Mann auf einer der Parkbänke aufgeregt winken. „Huhu!“ Schwerfällig stand der höchstens 20-jährige auf. Offensichtlich war er betrunken, denn er wankte schwankend auf Angus zu. „Hallo Opi! Hey du …! Hast vielleicht fünf Euro für mich?“

Die rechte Hand des Druiden umfasste blitzschnell den Griff seines Scramasax. Wollte ihn etwa dieser kleine, angetrunkene Wicht aufhalten? „Verschwinde!“, zischte Angus, den zwei Köpfe kleineren Halbstarken in der schwarzen Lederjacke an. „Geh mir aus dem Weg!“

„Hey du … du alter Tattergreis, rück schon die Kohle raus, oder ich mach dich alle!“ Drohend stand der Jüngling vor ihm. Zweimal versuchte Angus an ihm vorbei zu gehen, doch jedes Mal torkelte der Bursche auf den Druiden zu und versperrte ihm den Weg. „Haha, kommst nicht vorbei, alter Sack! Du Mummelgreis kommst hier nicht…“ Das letzte Wort brachte er nicht mehr über die Lippen. Erstaunt schauten seine Augen nach unten auf seinen Brustkorb, in dem plötzlich ein Messer steckte.

Bevor der Sterbende zu Boden ging, griff Angus den Mann unter die Arme und setzte ihn neben seiner leeren Bierflasche auf die Parkbank. „Huuhuuu!“, unterbrach ein Waldkauz die Stille im Kurpark. „Du schwacher, kleiner Mensch! Wieso legst du dich ausgerechnet mit Angus, dem Pförtner der Anderswelt an“, waren die letzten Worte, die der junge Mann in seinem Leben hörte. Der Druide setzte sich kurz neben die Leiche, sah sich um und sein Blick fiel auf die Boote am Steg des Segelclubs, die in der leichten Dünung des Sees hin und her dümpelten. Kurzerhand packte Angus den Toten an der Lederjacke und schleifte ihn zur Anlegestelle der Segelboote. Achtlos ließ er den Körper einfach auf dem Landungssteg liegen und versuchte eines der Boote aufzubrechen. Erst beim fünften Versuch hatte Angus Glück bei einer Yacht, die bereits auf einem Bootsanhänger verladen war und zum Abtransport neben dem Steg am Ufer stand. Die Kajüte war nicht gesichert. Mit letzter Kraft zerrte er die Leiche über den Anhänger ins Schiff und bahrte den Oberkörper auf dem Kajüten Tisch auf. Er zog behutsam das Messer aus der Brust des Toten und beugte sich schmatzend über ihn. Wie ein Vampir stürzte sich der Druide auf den austretenden Blutschwall und saugte schlürfend das dampfende, noch warme Blut auf. Dann fiel er im Blutrausch, wie eine wilde Bestie über den Leichnam her.

*

Gestärkt von einem köstlichen Mahl, enterte Angus Stunden später seelenruhig ein Ruderboot beim Bootsverleih an der Seepromenade und ruderte damit zur Schwedeninsel. Das Boot überließ der Druide gleich nach seiner Ankunft wieder dem See. Um sich nicht zu verraten, ließ er es einfach abtreiben. Die Insel im Naturschutzgebiet war Sperrgebiet und niemand würde ihn hier stören. Bis zum Sonnenaufgang verbrachte er die Zeit am Ufer und starrte auf das Wasser. Der Vollmond spiegelte sich bis zum Morgengrauen im See, die kleinen Wellen glitzernden und brachen sich wie Millionen Edelsteine am Ufer. Der einäugige Totengott Gollmac meinte es gut mit ihm. Er hatte ihn ins Paradies geführt. Diese Ruhe! Die leichte Brise säuselte in den Blättern der halbhohen Bäume und als die Sonne aufging, veranstalteten die Vögel ein einzigartiges Konzert. Der Druide war glücklich! Angus, der Druide fing leise zu Summen an und träumte von Rache, Unsterblichkeit und Reichtum.

Am folgenden Tag richtete sich Angus Streitberger auf der Halbinsel im Ammersee häuslich ein. Er entdeckte die Reste eines Gebäudes, einen gemauerten Grundriss, versteckt unter alten Balken und Brettern. Daraus baute sich der Druide, einige Meter entfernt zwischen kleinen Bäumen, eine behelfsmäßige Hütte. Er sammelte Pilze, Holz und trocknete Kräuter über einem fast rauchlosen Feuer. Der See versorgte ihn reichlich mit frischen Fisch. Der Herbst konnte kommen. Angus Streitberger genoss die Einsamkeit und vermisste nichts. Seine Wunden verheilten gut und schon bald würde er wieder der alte sein. Nur einmal wurde er in den letzten Wochen gestört. Angus bemerkte gerade noch rechtzeitig einen in den Schilfwiesen umherstreifenden Mann. Er trug ein großes Fernglas, beobachtete anscheinend Vögel und machte sich irgendwelche Notizen. Angus versteckte sich schnell in einem dichten, jungen Birkenbestand, der von hohen Binsen und Gräsern umgeben war. Kurz kam dem Druiden in den Sinn, der Mann könnte ein weiteres Opfer für seinen Totengott Gollmac sein. Der Neugierige würde seinen zerschundenen Körper stärken. Aber dann müsste Angus erneut seinen Standort wechseln. Ihm gefiel es auf der Insel, hier fand er genug Nahrung und er würde in kürzester Zeit wieder zu vollen Kräften kommen. „Hau ab! Verschwinde, sonst zahlst du mit deinem Leben!“, zischte der Druide leise. Als hätte der Mann die Warnung gehört, kehrte er kurze Zeit später um und kam Angus nicht näher. Ungestört verbrachte Angus Streitberger den ganzen Winter auf der Insel.

*

An einem nebligen Februarmorgen saß Angus am Ufer und hielt seine Angel ins klare Wasser. Die hatte er aus einen einfachen Haselnussstock, einem Faden von einem alten Fischernetz und einem verrostenden Stück Draht, selbst gebaut. Die Sonne tat sich an diesem Tag schwer den dichten Nebel aufzulösen. Gerade als der erste Fisch gebissen hatte durchdrang der erste Sonnenstrahl die Nebelsuppe und tauchte den ruhigen See in eine silbern glänzende Scheibe. Angus zog den zappelnden Fisch an Land, hackte ihn mit seinem Scramasax den Kopf ab und nahm den Fisch an Ort und Stelle aus. Den Kopf und die Eingeweide warf er zurück ins Wasser. Dabei fiel sein Blick auf etwas Glitzerndes, etwas Goldenes im See, nur drei Meter vom Ufer entfernt. Neugierig watete er ins flache Wasser und sah zwischen Sand und grauen Kieselsteinen einen goldfarbenen Block liegen. Angus dachte, er träumt. Unter Wasser scharrte er mit den Fingern einen schweren Barren aus dem Sand und hob ihn triumphierend in den Himmel. „Gold!“, schrie er zuerst laut. Dann sah er sich nach allen Seiten um und flüsterte leise „Gold!“ Der Barren war echt. Goldstempel und Punzen glänzten in der Sonne. Ein Grinsen erschien in den hohlen Wangen des Druiden. Er konnte es nicht fassen. Sein Gott ließ ihn nicht im Stich. Bald schon würde er fürchterlich Rache nehmen.

Ammerseeherzen

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