Читать книгу Harry in love - Christina Masch - Страница 7

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Kapitel 2

„Mum. Mum, hast Du gerade Zeit? Ich, oder besser gesagt wir würden gerne einmal mit Dir reden“, offenbarte Isabel eines Nachmittags Anfang Dezember ihrer Mutter. Sie stand mit Harry in der Tür zur Wohnstube, in welcher Lindsay Canningham gerade an einer Spitzenstickerei arbeitete.

„Natürlich habe ich Zeit. Für Dich, mein Kind; Verzeihung, für Euch habe ich immer Zeit!“, sagte Lindsay mit einem aufgeregten Lächeln und fuhr zur Couchgarnitur herüber. Mit einer Handbewegung bat sie Isabel und Harry, sich zu setzen. Erwartungsvoll und mit leuchtenden Augen blickte Lindsay zu ihrer Tochter herüber.

Unsicher blickte Isabel zu Harry auf. Er hielt ihre rechte Hand und bestätigte ihr mit einem Nicken, dass er ihr beistand. Ganz automatisch strich er mit dem Daumen beruhigend über ihren Handrücken. Isabel schloss noch einmal die Augen und atmete tief durch. „Mum …“

„Lass mich raten, Du bist schwanger!“, kam Lindsay Isabel zu Hilfe.

Sogleich wich jegliche Farbe aus Isabels Gesicht und sie musste mit den Tränen kämpfen. Harry räusperte sich und schüttelte den Kopf. Anschließend folgte betretene Stille.

Nach einer Weile sagte Isabel mit brüchiger Stimme: „Mum, Du lagst mit Deiner Vermutung aber nicht ganz falsch. Jedoch ich bin es nicht mehr. Ich habe das Kind – Harrys Kind – verloren …“

„Oh, Darling! Das tut mir so leid!“, kam es mitleidvoll von Lindsay, die sogleich zu Isabel herüberkam, um ihre Tochter in die Arme zu nehmen. Unweigerlich begann Isabel in den Armen ihrer Mutter zu weinen. „Psssst, Sternchen, weine nicht. Alles wird wieder gut. Ich bin für Dich da; wir sind für Dich da! Warum bist Du denn nicht einfach schon viel früher zu mir gekommen?“ Isabel stutzte und sah verwirrt zu ihrer Mutter auf, die ihr sogleich die Tränen aus dem Gesicht wischte. Nichtsdestotrotz musste Lindsay anfangen zu lächeln und antwortete auf die still gestellte Frage ihrer Tochter: „Isabel, ich bin nicht dumm und vor allem bin ich nicht blind! Meinst Du, ich habe Deine allmorgendliche Übelkeit nicht bemerkt? Deshalb habe ich auch nicht verstanden, warum Du Dich auf einmal so merkwürdig benommen hast und Dich plötzlich für jeden und auch vor jedem verschlossen hast. Ich bin davon ausgegangen, dass – verzeihen Sie, Euer Hoheit – das englische Königshaus etwas gegen diese Schwangerschaft hätte; weshalb es ja auch zum Bruch Eurer Beziehung kam … Dass der Grund ein anderer ist, konnte ich ja nicht ahnen!“

„Oh, Mum, es tut so schrecklich weh!“, japste Isabel, abermals um ihre Selbstbeherrschung ringend.

„Ich weiß. Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut“, war Lindsays schlichte Antwort darauf, bevor sie sich abwandte und räusperte.

Isabel sah fragend zu Harry herüber, der sie sogleich wieder beschützend in seinen Arm nahm. Er konnte jedoch nur mit den Schultern zucken, da auch er nicht wusste, was Lindsay mit ihrer letzten Äußerung gemeint hatte. Beide schauten zu Lindsay herüber, die gerade in einer Schublade in der alten, braunen Schrankwand wühlte. Nachdem sie gefunden hatte, wonach sie suchte, kam sie wieder zurückgefahren und schob über den Couchtisch eine alte Schwarzweiß-Photographie zu Isabel und Harry herüber. Isabel nahm das Bild auf und blickte auf ein Grab, auf dem ein kleiner weißer Teddy an ein wunderschön verziertes Holzkreuz angelehnt saß. Davor lagen fünf dunkle Rosen. Fragend sah Isabel ihrer Mutter ins Gesicht. „Das ist das Grab von Alice; Alice Standfort. Deine Schwester“, gab Lindsay schlicht bekannt.

Isabel stand sogleich der Mund weit offen. Harry räusperte sich und sagte: „Vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt gehe?!“

„Nein, Du bleibst! Ich bin der Ansicht, dass auch Du ein wenig mehr über unsere Familiengeschichte erfahren solltest. Es wird zudem, glaube ich, Euch beiden helfen, mit dem Verlust besser klarzukommen“, erklärte Lindsay sachlich. Erwartungsvoll blickten nun Isabel und Harry zu Lindsay herüber.

„Alice sollte im Spätsommer 1981 auf die Welt kommen. Doch wie ihr sicherlich schon erahnen könnt, kam es nicht dazu. Ja, Isabel, auch ich habe ein Kind verloren. Allerdings zu einem späteren Zeitpunkt als Du. Ich war bereits im sechsten Monat schwanger!“, erzählte Lindsay ruhig und gefasst.

„Oh mein Gott!“, rief Isabel entsetzt aus.

„Sprich bitte nie Deinen Vater darauf an!“, erwähnte Lindsay sogleich. „Ich glaube, er würde dann durchdrehen! Du musst nämlich wissen, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch in Yarmouth lebten. Dein Vater hatte es dort nicht leicht, weil die Bürger des kleinen Hafenstädtchens der Meinung waren, dass seine Mutter eine Hexe sei.“

„Ja, ich weiß. Als wir auf der Isle of Wight waren, hat uns ein Pfarrer die Geschichte erzählt“, sagte Isabel.

„Bestimmt Pater Pilgrim?! Hat er Euch auch die komplette Geschichte; also auch die Gründe für unseren Umzug nach London erzählt?“, fragte Lindsay.

Harry schüttelte den Kopf. „Er sagte lediglich, dass es wohl zu einem Unglück kam?!“

Lindsay lachte bitter auf. „Es war der 12. März, ich kam gerade von einer Freundin wieder und lief die Hafenpromenade zu uns nach Hause. Als ich plötzlich mehrere Männerstimmen vernahm. Da es schon schummrig war, ging ich schneller. Doch die Männerstimmen kamen immer näher, bis ich mich plötzlich umringt von acht Männern wiederfand. Sie waren allesamt dunkel gekleidet, trotzdem erkannte ich jeden von ihnen. Es waren Arbeitskollegen Deines Vaters, ehemalige Schüler aus seinem Jahrgang, die ihn all die Jahre schikaniert hatten. Ihn allerdings nie kleingekriegt haben! Und es passte ihnen so gar nicht, dass ich nicht nur zu Deinem Vater hielt, sondern ihn auch noch unterstützte, wenn nicht sogar verteidigte. Doch was sie am meisten aufregte, war, dass wir seit mehr als zwei Jahren in wilder Ehe unter ihnen lebten und ich nunmehr auch noch unehelich von ihm schwanger war. Sie wollten weder Keith noch mich im Ort haben und noch weniger wollten sie, dass ich die ‚Brut‘, wie sie es nannten, in ihrer ehrbaren Stadt austrug!“

Lindsay machte eine kurze Pause.

„Erst pöbelten und schubsten sie mich nur etwas herum. Einfach, weil es ihnen Spaß machte und sie hofften, mich damit einzuschüchtern. Doch als ich mich stattdessen versuchte zu wehren, wurden sie rabiater und fingen an, mich zu schlagen und zu boxen“, erzählte Lindsay mit traurigem Blick, so als würde sie all das noch einmal bildlich vor sich sehen. Isabel und Harry sogen gleichzeitig heftig die Luft ein; sie dachten an das Gleiche. Lindsay nickte nur traurig und ihr liefen Tränen über die Wangen. Sogleich sprang Isabel auf und kniete vor ihrer Mutter nieder und umfasste ihre Hüfte. Ihr Kopf ruhte auf ihren Beinen. Zärtlich strich Lindsay Isabel übers Haar. „Ihr habt richtig geraten, sie trafen dabei auch meinen Bauch und das nicht nur einmal. Es kam zu Blutungen und ich verlor das Leben in meinem Bauch.“

„Das tut mir sehr leid“, kam es mit brüchiger Stimme von Harry.

Lindsay nickte dankend. Anschließend berichtete sie unbeirrt weiter: „Falls Du Dich fragst, mein Kind, wo Dein Vater zu dieser Zeit war und mich nicht unterstützte und verteidigte: Er war noch auf See und fand mich erst mehrere Stunden später bewusstlos und zusammengekrümmt auf der regennassen Hafenpromenade. Er fuhr mit mir direkt ins nächstgelegene Krankenhaus. Doch alle Hilfe für das Baby kam zu spät. In einer Not-OP holten sie den toten Fötus und retteten mir damit das Leben; ich wäre nämlich sonst verblutet.“

„Oh mein Gott!“, rief Harry heftig aus.

„Oh Mummy! Sag sowas nicht; Du machst mir Angst!“, japste Isabel.

Beruhigend strich Lindsay weiter über den Kopf ihrer Tochter. „Ich lebe ja noch. Und auch wenn Dein Vater kein Kind mehr haben wollte, kamst Du, mein Engel, vier Jahre später gesund und munter auf die Welt …“, beendete Lindsay ihre Erzählung mit einem Lächeln.

Es herrschte betretenes Schweigen.

Isabel war die Erste, die sich wagte wieder etwas zu sagen. Sie sah vom Schoß ihrer Mutter auf und fragte: „Aber warum hast Du mir nie davon erzählt?“

„Weil Du doch an der Tragödie, die so viele Jahre zurückliegt, eh nichts hättest ändern können! Zudem, warum sollte ich Dir Deine so glückliche Kindheit und Deine noch vor Dir liegende, vielversprechende Zukunft mit einem solchen Bericht zerstören?“, warf Lindsay in den Raum. „Es hat doch schon genügt, dass Dein Vater uns nach meinem Unfall das Leben jahrelang schwergemacht hat. Sicherlich wirst Du nun aber auch verstehen, warum Papa keine Widerreden duldet und nur schwer loslassen kann?!“

„Weil er Angst davor hat, mich auch noch zu verlieren …“, kam es Isabel prompt in den Sinn.

Lindsay nickte. „Das wäre das Schlimmste für ihn!“

„Die Frage ist jetzt vielleicht etwas unangebracht, aber kann es sein, dass Ihr Mann nur deshalb uns Royals hasst, weil er vielleicht meiner Familie die Schuld an seinem erlittenen Schmerz gibt?!“, schoss es Harry spontan durch den Kopf.

Isabel sah erschrocken auf. Lindsay schickte Isabel sogleich mit einer Handbewegung wieder zu Harry herüber und antwortete: „Was genau der Grund dafür ist, warum mein Mann eine Abneigung gegen das englische Königshaus hat, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur so viel, dass dies irgendetwas mit Isabels Geburt zu tun haben muss … Ich habe schon des Öfteren versucht herauszubekommen, was ihn so aggressiv gegen die Krone macht; vor allem in letzter Zeit, weil ich mir vom Herzen gewünscht habe, dass Isabel mit Dir, Harry, glücklich werden würde. Aber es ist partout nicht aus ihm herauszubekommen … Mir graut schon jetzt vor dem Tag, an dem er von Eurer Liaison erfährt! Aber darüber braucht ihr Euch nicht den Kopf zu zerbrechen. Das werde ich dann mit ihm allein ausmachen; wie schon so vieles im Leben.“

„Was meinst Du damit, Mama?“, hakte Isabel nach.

„Als ich damals Alice und auch beinahe mein Leben verloren habe, wollte Dein Vater nur eines: Rache nehmen!“, begann Lindsay zu erzählen.

„Er wollte aber niemanden umbringen, oder?“, fragte Isabel vorsichtig nach, die auf einmal ein ganz komisches Gefühl in der Bauchgegend hatte.

„Das vielleicht nicht gerade, aber die acht Männer wären auf jeden Fall ihres Lebens nicht mehr froh geworden und würden sich stattdessen jeden Tag schmerzlich daran erinnern, was sie ihm all die Jahre angetan haben …“, erklärte Lindsay weiter. „Es genügten jedoch die einfachen Worte: Wenn Du jetzt gehst, dann verlasse ich Dich und das für immer! Isabel, Du musst wissen, dass Dein Vater mich über alles liebt und ich ihn; auch wenn er es einem nicht immer einfach macht!!! Aber es war Liebe auf den ersten Blick und so etwas erlebt man nur einmal im Leben! Ich habe ihm gezeigt, was es heißt, nicht der Fußabtreter für andere zu sein, sondern sich dem in den Weg zu stellen und sein eigenes Ding durchzuziehen. Er lernte durch mich ein gänzlich anderes Leben kennen und vor allem, er selbst zu sein! Leider kam es dabei auch zum Bruch mit seinem Vater, der es ihm nicht verzeihen konnte, dass er sich gegen ihn gestellt hatte.“

Fragend sah Isabel zu ihrer Mutter herüber.

Lindsay erzählte weiter: „Dein Großvater wollte immer, dass Dein Dad in seine Fußstapfen trat und Schreinermeister wurde. Doch Keith liebte es, allein auf See zu sein und so wurde er Fischer. Viel Berufsauswahl gab es in dem kleinen Ort sowieso nicht. Aber dass Dein Vater ausgerechnet den Beruf aller wählte, traf Deinen Großvater zutiefst. Adam gab mir die Schuld daran, seinem einzigen Sohn diese Flause in den Kopf gesetzt zu haben. Dabei hatte ich Keith noch darin bestärkt, diesen so unverwechselbaren Beruf seines Vaters zu erlernen. Adam glaubte mir dies natürlich nicht und betitelte mich daher gerne als ‚Blondes Gift aus der Großstadt‘. Dass es da immer wieder zu Streitigkeiten zwischen Vater und Sohn kam, ist nur verständlich. Sehr zum Leid Deiner geliebten Nanny. Doch auch sie war gebunden und da sie Deinen Großvater ebenfalls über alles liebte, hielt sie sich aus den Streitigkeiten heraus und ertrug sie stillschweigend. Deine Großmutter war sowieso eine großartige Frau: Sie liebte mich wie eine eigene Tochter. Du weißt, dass meine Mum viel zu früh an Krebs starb. Cassandra war wie eine Mutter für mich, weshalb auch ich sie immer nur ‚Mum‘ genannt habe. Sie war das Bindeglied zwischen der ganzen Zwietracht, die im Ort gegen die Beziehung von Keith und mir gesät wurde. Sie bestärkte uns in unserem Tun und Handeln und in unserer Liebe. Sie war es auch, die nach Alices Tod alles daransetzte, dass niemand im Ort erfuhr, wohin Dein Dad und ich eines Nachts entschwunden sind.“

„Als wir in Yarmouth waren, meinte Pater Pilgrim, dass es zwischen Ihrem Mann und seinem Vater eines Tages zu einem riesigen Streit kam – noch vor dem tragischen Unglück – und sie seither kein Wort mehr miteinander gesprochen haben. Darf man erfahren, was der Grund dafür war oder war wirklich nur die Berufswahl der Auslöser?“, fragte Harry interessiert nach.

Lindsay lächelte sanft. „Nein. Es kam zum endgültigen Bruch zwischen Vater und Sohn, als Keith seinem Dad stolz kundtun wollte, dass er Großvater werden würde.“ Überrascht sahen sich Harry und Isabel an. Lindsay musste unweigerlich kichern. „Ja, wenn man das hört, könnte man meinen, man sei in einem falschen Film. Aber wie schon gesagt, war Adam nicht gerade begeistert von der Beziehung zwischen seinem Sohn und mir. Nur wegen Cassandra, Isabels Großmutter, duldete er unsere Liaison.“

„Der Priester sagte auch, dass ihr nicht auf der Beerdigung von Großvater wart“, erwähnte Isabel.

„Das ist richtig. Aber das hat weniger mit dem damaligen Streit als vielmehr mit dem Schwur zu tun, dass wir nach Alices Tod nie wieder einen Fuß an diesen Ort an der Küste setzen würden. Und Deine Großmutter hielt es auch nur noch bis zwei Stunden nach der Beerdigung von Adam dort aus. In diesen zwei Stunden lief sie durch die Stadt und prophezeite jedem, dass Du eines Tages kommen würdest und dann …“

Auf alle drei Gesichter trat ganz automatisch ein breites Grinsen.

„Wenigstens eine kleine Genugtuung“, kam es Isabel in den Sinn. „Hätte ich jedoch gewusst, was Euch in Nannys und Dads Heimat widerfahren ist …“

„Hättest Du nicht einen einzigen Schritt in diese Stadt getan“, beendete Harry Isabels angefangenen Satz.

Lindsay bestätigte die Schlussfolgerung mit einem Nicken. „Ja. Aber ich wollte, dass Du wenigstens einmal an den Ort gehst, in dem Dein Vater und Deine Großmutter wie auch Dein Großvater gelebt haben. Denn die Gegend dort ist eigentlich eine sehr schöne und die meisten Einheimischen von damals haben zwischenzeitlich ja auch schon das Zeitliche gesegnet oder sind selbst von dort weggezogen. Im Grunde ist die ‚Canningham-Tragödie‘ nur noch eine überlieferte Geschichte. Viele wissen nicht einmal, wann sich das Unglück überhaupt tatsächlich zugetragen hat. Einige meinen sogar, dass sie bereits aus dem 18. Jahrhundert stammt …“, offenbarte Lindsay mit leichtem Amüsement. Isabel glaubte, sich verhört zu haben und so schaute sie auch.

„Aber irgendwie sind wir gänzlich vom eigentlichen Thema abgekommen“, stellte Lindsay auf einmal mit einem nunmehr wieder traurigen Gesicht fest. Harry atmete tief durch und sah fragend zu Isabel. Er war sich nicht sicher, ob für Isabel die ganzen Informationen nicht ein wenig zu viel wurden. Doch Isabel drückte nur seine Hand und gab ihm einen Kuss auf die Wange, ehe sie wieder aufmerksam zu ihrer Mutter schaute.

Auch Lindsay atmete noch einmal tief durch und begann von Neuem zu erzählen: „Nachdem ich wieder einigermaßen körperlich genesen war, beerdigten wir Alice am 8. April 1981, einem Mittwoch, auf dem Highgate Cemetery. Pater Pilgrim war extra aus Yarmouth gekommen, um Alice beizusetzen. Nur er, Cassandra, Dein Vater und ich standen um das kleine Grab herum. Adam fehlte, aus Rücksicht auf Deinen Vater; aber er hatte das Holzkreuz geschreinert. Die Rede vom Pfarrer war sehr würdevoll und zum Abschluss sangen wir Alice ein Schlaflied. Just in dem Moment begann es zu schneien.“

Überrascht schauten Harry und Isabel zu Lindsay herüber.

„Ja, ich weiß, das ist, glaube ich, so gut wie noch nie in England vorgekommen. Es waren auch nur wenige, vereinzelte, kleine weiße Flöckchen. Sie fielen ganz sachte und langsam zu Boden. Cassandra meinte immer, dass Alice uns einen letzten Gruß damit überbringen wollte.“ Harry und Isabel bekamen sogleich eine Gänsehaut und drückten sich gegenseitig fest die Hand. „Anschließend setzte ich den Teddy auf das Grab. Es war mein eigener Teddy, den ich einmal von meiner Mutter bekommen hatte. Es sollte ihr kleiner Freund sein, der sie auf ihrer Reise in eine bessere Welt begleitete“, sagte Lindsay leise. Unweigerlich stiegen Isabel erneut die Tränen in die Augen und sie schluckte schwer. „Du musst nicht weinen. Denn dort, wo Alice jetzt ist, geht es ihr besser. Und ich denke, dass sie jetzt gerade in diesem Moment mit ihren Großeltern auf einer großen Wolke sitzt und in Gedanken bei uns ist“, versuchte Lindsay ihre Tochter zu trösten.

Isabel konnte trotzdem ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und fragte: „Mum, wie kannst Du so ruhig dasitzen und sogar lächeln, wo mir nur noch zum Heulen zumute ist?!“

„Kind, das liegt daran, dass ich nicht an das traurige Erlebnis, was mir zuteilwurde, denke, sondern mir viel lieber vorstelle, wie gut es Alice jetzt hat! Ich weiß, dieser Rat ist nach so kurzer Zeit für Dich noch nicht umsetzbar. Aber für die Zukunft hilft er Dir sicherlich. Mir hat damals Cassandra diesen Rat gegeben: Man soll an das Schöne denken und die grauen Wolken hinter sich lassen. Ich habe mich damals zwar nicht eingeschlossen, so wie Du es getan hast. Aber ich habe auch stundenlang nur dagesessen und habe um meine kleine Tochter geweint. Vor allem, weil Dein Vater keine wirklich große Stütze war. Nachdem er der Küste den Rücken gekehrt hatte, fand er nach recht kurzer Zeit seine Berufung als Fernfahrer: Dort konnte er ebenfalls stundenlang allein unterwegs sein. Zwar nicht auf dem Wasser, aber auf kilometerlangen Asphaltstraßen. Er und sein Truck!“

„Das heißt, Du warst die ganze Zeit allein?!“, hakte Isabel entsetzt nach.

Lindsay seufzte. „Ja, so ist es. Dein Vater war auch seit der Beerdigung nicht mehr auf dem Friedhof. Und ich muss gestehen, ich auch schon eine ganze Weile nicht mehr; was seit meiner Querschnittslähmung sowieso etwas schwieriger geworden ist.“

„Da ließe sich sicherlich etwas machen …“, gab Harry spontan bekannt.

„Danke, das ist sehr liebenswürdig von Dir. Ich werde ganz bestimmt einmal darauf zurückkommen“, erwiderte Lindsay mit einem Lächeln.

„Darf ich mitkommen?“, fragte Isabel sogleich.

„Aber natürlich, mein Kind!“

„Was haltet ihr von nächsten Sonntag?“, warf Harry erneut spontan ein. Sogleich lächelten ihn Lindsay und Isabel an. „Also, abgemacht, nächsten Sonntag besuchen wir Alice.“

Isabel hauchte ihrem Freund daraufhin einen dicken Kuss auf die Wange und wisperte: „Danke.“ Anschließend wandte sie sich wieder ihrer Mutter zu: „Mummy? Du hast gesagt, dass Du die ganze Zeit allein warst. Einmal davon abgesehen, dass Du an was Schönes gedacht hast, der Schmerz war doch aber trotzdem da: Wie hast Du es geschafft, die Trauer zu überwinden?“

„Nachdem meine Tränen versiegt waren, stürzte ich mich in meine Arbeit als Krankenschwester. Auch wenn die Anfangszeit wirklich hart war! Jeden Tag große und kleine Kinder um sich herum zu haben, geht schon ganz schön an die Psyche; und dass es Dir da nicht anders ergeht, zeigt mir Dein Körper, Isabel. Aber ich bin dankbar, dass Du in der Zwischenzeit wieder ein wenig zu Kräften gekommen bist. Das haben wir sicherlich auch unter anderem Deinem Freund zu verdanken?!“ Während Harry eindringlich nickte, wurde Isabel rot. Lindsay lächelte selig. „Aber zurück zum Thema: Auch wenn es komisch klingen mag, aber mit jedem Kinderlachen kam auch meine eigene Kraft wieder zurück. Es baute auf, zu sehen, wenn die Kindertränen vergessen waren, wenn ein gebrochener Arm geschient war oder die Eltern die Kinder nach der Genesung wieder aus dem Krankenhaus abholten. Sie gaben mir Halt, denn sie gaben mir die Bestätigung, dass ich gebraucht wurde. Und wenn ich dann den Kindern wieder eine Märchengeschichte vorlas, dann strahlten mich tausend Kinderaugen dankend an. Sie gaben mir ihre Liebe, weil ich für sie da war, wenn ihre Eltern nicht bei ihnen sein konnten, und ich schenkte ihnen meine. Ich kam somit wieder in Einklang mit mir und meiner Umwelt. Tja, und bei einer Routineuntersuchung im Spätsommer 1984 erfuhr ich dann, dass ich erneut schwanger sei – mit Dir …“, eröffnete Lindsay.

„Hast Du Dich da gefreut oder hattest Du Angst?“, war sogleich Isabels nächste Frage.

Lindsay sah unweigerlich zu Harry herüber. Sie konnte ihm im Gesicht ansehen, dass er sich auf das Kind mit Isabel gefreut hätte.

Lindsay ergriff Isabels linke Hand und strich ihr sanft über den Handrücken. „Zuerst einmal schlug die Information ein wie eine Bombe und ich war am Boden zerstört: Um ehrlich zu sein, kam durch diese Botschaft alles wieder hoch und ich hatte eine wahnsinnige Angst! Nicht, dass ich mir Sorgen darüber machte, ob ich Dich eventuell aufgrund der Vorgeschichte wieder verlieren könnte. Nein, mir machte vielmehr Sorge, was Dein Vater dazu sagen würde. Da ich nicht wusste, zu wem ich hätte gehen können, um mir meine Sorgen von der Seele zu reden, bin ich nach Highgate zu Alice gefahren. Als ich vor ihrem Grab stand und ihr von Dir erzählte, blendete mich plötzlich heftig die Sonne, obwohl der Himmel sonst wolkenverhangen war. Da wusste ich, dass alles gut werden würde! Ich fuhr überglücklich mit dem Bus wieder zurück nach Hause. Wir wohnten zu diesem Zeitpunkt noch über einem Blumenladen. Als ich an dessen Schaufenster vorbeilief, sah ich dort einen Geige spielenden Engel in der Fensterecke sitzen …“

„Der Engel an Deiner Schreibmaschine!“, unterbrach Harry Lindsays Erzählung und sah dabei zu Isabel herüber.

„Genau. Er ist Isabels persönlicher Schutzengel hier auf Erden!“, erklärte Lindsay. „Ich kaufte also diesen Engel und stellte ihn sogleich auf mein Nachtschränkchen neben meinem Bett. Er sollte Dich, liebe Isabel, ab sofort beschützen. Aber es gab noch jemand anderen: Denn in genau dieser Nacht kam Dein Vater unverhofft zurück von seiner Tour. Ich hatte ihn eigentlich erst drei Tage später zurückerwartet. Er erzählte mir damals, dass er gerade im Depot angekommen war, um dort die Ladung für die nächste Station umzuladen, als ihn plötzlich die Sonne heftig blendete, obwohl es ein wolkenverhangener Tag war. Er ließ sogleich alles stehen und liegen und fuhr direkt nach Hause. Als er dann den Engel auf meinem Nachttisch erblickte, wusste er sofort Bescheid. Er beantragte umgehend am nächsten Morgen Sonderurlaub und ließ mich die nächsten sechs Monate nicht mehr aus den Augen. Er wachte mit Argusaugen über Dich und mich. Ich glaube, er war auch einer der ersten Männer im Kreissaal, obwohl dies zu der damaligen Zeit den Männern noch untersagt war; vor allem, da wir ja noch nicht einmal verheiratet waren?!“ Harry und Isabel lächelten gerührt. Lindsay tat es ihnen gleich.

„Ich sollte Dir vielleicht noch etwas erzählen: Die gesamten sechs Monate bis zu Deiner Geburt haben wir nicht ein einziges Mal darüber gesprochen, wie Du heißen solltest. Dein Name stand bereits fest, als Dein Vater in der einen besagten Nacht nach Hause kam. Ich erfuhr ihn jedoch auch erst nach Deiner Geburt.“

„Aber woher wusste denn Dad, dass ich ein Mädchen werde?“

Lindsay lachte. „Ich habe keine Ahnung; er wusste es einfach!“

Mit den Worten „Danke, Mum“ ging Isabel zu ihrer Mutter herüber und nahm sie in den Arm. „Mir geht es jetzt besser. Ich hab Dich lieb.“

„Ich Dich auch, mein Engel!“

„Na, habt ihr Kaffeedurst bekommen?“, fragte Lindsay mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen, als gegen halb fünf am Nachmittag Harry die Treppe von Isabels Zimmer herunter ging und zu Lindsay in die Küche kam. Harry schüttelte den Kopf. Besorgt blickte Lindsay dem Freund ihrer Tochter ins Gesicht. „Was ist mit Isabel?!“

„Sie schläft. Ich glaube, das waren ein wenig viel Informationen auf einmal für sie, die sie da zu verarbeiten hat“, erwiderte Harry matt, der auch ein wenig geschafft wirkte. Lindsay bat Harry sich zu setzen und schob ihm sogleich eine Tasse Kaffee herüber.

„Danke.“

„Und wie geht es Dir?“, fragte Lindsay direkt.

„Ich muss gestehen, dass diese ganzen Informationen auch für mich ein ganz schöner Schock waren und ich möchte nochmals meine aufrichtige Anteilnahme aussprechen. Ein Kind auf natürliche Weise zu verlieren ist ja schon schwer, aber das, was …“

„Reden wir nicht mehr darüber“, unterbrach Lindsay Harry. „Ich weiß Deine Anteilnahme zu schätzen, aber viel wichtiger ist, dass ihr jetzt an Euch denkt!“

„Das ist auch der Grund, warum ich heruntergekommen bin. Ich habe nämlich darüber nachgedacht, was man machen könnte, um Isabel auf andere Gedanken zu bringen und wie ich vielleicht wieder ein glückliches Lächeln auf ihr Gesicht zaubern könnte“, erklärte Harry.

„Das ist eine sehr schöne Idee und an was hast Du dabei gedacht?“, fragte Lindsay.

„Ich dachte daran, mit ihr vielleicht zu verreisen. Möglichst weit weg von hier; irgendwohin, wo es schön warm ist und es viel Sonne gibt! In die Karibik oder so?! Aber ich weiß nicht, ob Isabel da mitmachen würde; schon allein wegen ihrem Vater und der Sache mit dem Kindergarten; eine Vertretung für zwei Tage ist ja kein Problem, aber bei zwei Wochen sieht es sicherlich schon ein wenig anders aus …“, offenbarte Harry.

„Ja, da gibt es einiges zuvor noch abzuklären. Aber ich finde den Gedanken an einen Urlaub nicht schlecht. Harry, um ehrlich zu sein, war Isabel noch nicht ein einziges Mal außer Landes. Es gibt Tage, da beneidet sie ihre Freundin Anabel, denn die reist regelmäßig in der Weltgeschichte umher; zuletzt war sie auf Teneriffa. Wenn wir als Familie Urlaub gemacht haben, dann immer nur in England. Der Einzige von uns, der wenigstens Teile von Europa gesehen hat, oder besser gesagt regelmäßig sieht, ist mein Mann aufgrund seiner Arbeit.“

Harry nickte.

„Ich selbst möchte einmal im Leben nach Frankreich, nach Paris, und den Eiffelturm sehen!“, offenbarte Lindsay schwärmerisch. „Isabel dagegen ist, glaube ich, mehr für die Natur und das Meer zu haben. Deshalb finde ich die Karibik als Urlaubsziel wunderbar; nur, wir haben nicht so viel Geld …“

„Das steht ja wohl außer Frage, dass ich für die Kosten aufkomme!“, unterbrach Harry Lindsay sofort. „Ich würde auch alles andere veranlassen und regeln. Wenn Du für die Zeit, in der Isabel nicht daheim ist, eine Haushälterin benötigen solltest, würde ich sie Dir zur Verfügung stellen. Genauso wie ich mich um eine angemessene Ersatzbetreuung von Isabels Kindern kümmern würde. Melissa käme dafür zum Beispiel wieder in Betracht.“

„Harry, das ist alles sehr lieb und nett von Dir gemeint. Und ich wollte Dir sicher nicht zu nahe treten; es geht nur darum, dass wir es nicht gewohnt sind, einfach so etwas geschenkt zu bekommen. Wir haben uns in unserem Leben bislang alles allein und hart erarbeiten müssen und können demnach nur schwer einfach solche Großzügigkeit annehmen“, erklärte Lindsay und wurde unweigerlich rot.

Harry lächelte. „Ich weiß. Aber Isabel ist nun einmal meine Freundin und demnach ist es für mich eine Selbstverständlichkeit. Gerne arrangiere ich auch eine Reise für Dich und Deinen Mann nach Paris. Ihr sollt schließlich nicht auf der Strecke bleiben! Dein Mann muss ja auch nicht erfahren, von wem die Reise stammt. Vielleicht hast Du mal bei einem Preisausschreiben oder so teilgenommen und rein zufällig nun das große Glück gehabt, den Hauptpreis zu gewinnen …?!“

Lindsay fing sogleich an zu lachen. Harry stimmte mit ein. „Harry, Du bist ein ganz schöner Schelm!“

„Ja, das hat meine Mutter auch immer gesagt“, gab Harry noch immer breit grinsend bekannt. „Also, was ist? Wollen wir versuchen, eine ganze Familie wieder glücklich zu machen? Nicht, dass ihr nicht glücklich seid, aber …“

„Ich weiß schon, was Du sagen willst“, unterbrach Lindsay Harry erneut. „Also gut, einverstanden: Lass uns alles Traurige vergessen und die Glückseligkeit wieder in diese Familie zurückbringen!“

„Schön.“

„Harry?“, fragte Lindsay daraufhin und fuhr dabei einmal um den Tisch herum.

„Ja?!“, kam es mit leichter Skepsis im Blick von Harry, als Lindsay nunmehr direkt neben ihm zum Stehen kam.

„Darf ich Dich jetzt einfach einmal küssen?!“

Noch bevor Harry irgendetwas darauf erwidern konnte, hatte Lindsay ihm auch schon einen dicken Schmatz auf die Wange gedrückt. „Danke.“

Harry errötete unweigerlich und blickte etwas verwirrt zu seiner Schwiegermutter in spe herüber. „Wofür war der denn jetzt?“

„Für alles. Für alles, was Du bisher für uns getan hast! Du bist ein guter Junge. Auch wenn es ein paar Menschen gibt, die das bestreiten würden. Aber ich weiß es besser! Und Deine Mutter wäre stolz auf Dich.“

Harry lächelte verlegen.

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