Читать книгу Death Cache. Tödliche Koordinaten - Danise Juno - Страница 7
ОглавлениеKapitel 3
Gleichstand. Zufrieden lehnte sich Michael im Lederstuhl zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sah sich seine Online-Statistik an. Er hatte soeben die letzten beiden Caches, die ihm zum Ausgleich auf Geopapst gefehlt hatten, eingetragen. Sollte der ruhig sehen, wie dicht er ihm auf den Fersen war. Was konnte es Besseres geben, als zum Cachertreffen zu fahren und Geopapst auf Augenhöhe zu begegnen? Der zweite Platz der Rangliste war nicht zu verachten, auch nicht, wenn er sich diese Position vorerst mit seinem Konkurrenten teilen musste. Noch.
Michael warf einen Blick auf die altmodische Standuhr, die in diesem muffigen alten Büro stand, solang er denken konnte. Das ehemals alleinige Reich seines Vaters. Sechs Monate waren vergangen, seit er seinen alten Herrn zu Grabe getragen hatte und doch hatte er das Gefühl, als könnte Quentin Tonelli Senior jeden Augenblick durch die Tür hereintreten.
Die Anwesenheit seines Vaters war immer noch spürbar. Nichts hatte sich seither verändert. Der wuchtige Schreibtisch, dessen Zwilling im Firmenbüro stand, der erhöhte Lederstuhl, auf dem er saß wie auf einem Thron, und der niedrige Stuhl gegenüber, auf dem sich Geschäftspartner und Untergebene niederzulassen hatten.
Augenblicklich fühlte er sich in seine Kindheit zurückversetzt und hörte die Worte seines Vaters über sich hereinbrechen.
»Das ist Psychologie«, erklärte Quentin Tonelli ihm damals, tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe und sah ihn eindringlich an. »Wenn du selbst erhöht sitzt, zeigst du deutlich, wer das Sagen hat und degradierst jeden potentiellen Geschäftspartner zu einem Bittsteller.«
Michael wusste nur zu gut, was Vater ihm damit sagen wollte, verspürte er die Wirkung doch gerade am eigenen Leib. Er rutschte unruhig auf dem Sitz herum. Die Finger kneteten das zerknüllte Taschentuch in seinen Händen. Der stattliche Mann wirkte übermächtig, schon sein bloßer Wille trotzte ihm ein Kopfnicken ab.
»Merk dir das, Junge.«
»Ja, Vater«, brachte er flüsternd hervor und senkte den Kopf. Er musterte den Teppich. Ein schweres Flechtwerk aus rot-bunter Wolle. Aus dem Orient vielleicht.
»Eines Tages wird die Tonelli-Firmengruppe dir gehören und ich werde dafür sorgen, dass der Vorsitz nicht an einen Schwächling geht.«
Michael schluckte. Er wusste, welcher Sermon nun folgen würde, vermied es aber tunlichst, einen Ton von sich zu geben.
»Als ich die Firma gegründet habe, wollte die Konkurrenz mich augenblicklich vom Markt drängen. Sie schnappten mir die Aufträge nur so vor der Nase weg und unterboten jeden Preis.« Er schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich habe nicht gezetert wie ein altes Weib. Ich habe mir etwas einfallen lassen, egal, wie übermächtig der Feind war.«
Die Blütenmuster des Teppichs begannen ineinanderzufließen. Aber ich habe mich doch gewehrt, dachte Michael. Trotzdem hat Alex mir die Nase eingeschlagen. Warum verstehst du das denn nicht? Ich bin doch viel kleiner.
»Kampfgeist ist das Zauberwort.« Er hob die Stimme und spie das Wort förmlich auf den Tisch. »Kampfgeist! Ich habe mir Großvaters klappriges Fahrrad geschnappt und mir einen Sack voll Steine geladen. Dann bin ich durch die Stadt gefahren und habe reihenweise Fenster eingeschmissen. Reihenweise, sage ich dir.«
Krampfhaft versuchte Michael, das Zittern seiner Hände zu verstecken. Er klammerte sich fester an das Taschentuch, als wäre es ein Damm gegen das wogende Meer in seinen Augen, das versuchte hinauszustürzen.
Die folgenden Worte ließ Tonelli auf der Zunge zergehen wie ein Sahnebonbon: »Angebot und Nachfrage, Junge. Die Aufträge kamen wie von allein. Massenweise. Und rate mal, wer liefern konnte, weil er nicht die Auftragsbücher mit schnödem Kleinkram voll hatte, an dem nichts zu verdienen war. Sie haben sich ihr eigenes Grab geschaufelt, weil sie ihre Produktion damit verstopft haben.« Er grinste. »Sie hatten mich fertigmachen wollen und ich habe am Ende obsiegt.« Er hob den Zeigefinger wie ein Mahnmal in die Luft. »Und wie habe ich das gemacht? Wie, Junge?«
»Durch List und Tücke«, flüsterte Michael die Worte, die er schon gefühlte tausend Mal gesprochen hatte.
»Richtig. Durch List und Tücke. Du musst die Züge deiner Gegner voraussehen, sie dir zunutze machen und dann handeln.« Quentin Tonelli beugte sich in seinem Ledersitz vor und fixierte ihn. »Handeln! Nicht davonlaufen!«
»Ja, Vater.« Michael schluckte den Kloß hinunter, der sich in seinem Hals gebildet hatte. Er hatte die Augen weit geöffnet, hoffte verzweifelt, die Tränen mochten eintrocknen.
Tonelli lehnte sich zurück, seine Züge wurden weicher. Die Pause dehnte sich aus. Das Ticken der Standuhr dröhnte in Michaels Ohren. Endlich schloss sein Vater mit den Worten: »Jetzt geh zu deiner Mutter. Sie freut sich, dass du wieder zurück bist.«
Michael nickte, widerstand jedoch der Versuchung aufzuspringen. Stattdessen sagte er: »Es tut mir leid, dass ich dich enttäuscht habe, Vater.«
Quentin Tonelli brummte.
Michael glitt vom Stuhl und ging hinaus. Erst als er die Tür hinter sich fest verschlossen hatte, wischte er sich die Tränen aus den Augen. Er würde nicht weinen. Heute nicht.
Heute nicht, dachte Michael und sein Blick blieb an den aufgestapelten Kisten hängen. Sie waren vollgestopft mit Unterlagen, die vom Leben und Wirken des großen Quentin Tonelli Zeugnis ablegten. Michael wusste, dass er sich mit seinem Erbe auseinandersetzen musste, doch bisher hatte er sich erfolgreich dagegen gewehrt. Der Aktenturm stand seit dem plötzlichen Herztod seines Vaters unangetastet am selben Fleck, sah aus wie der mahnend erhobene Zeigefinger des alten Herrn und begann Staub anzusetzen wie die Erinnerungen an ihn. Die von ihm geschaffene Maschinerie lief, indessen gut geölt, in den fähigen Händen des Geschäftsführers weiter. Glas wurde bestellt, produziert und ausgeliefert und das ohne nennenswerte Konkurrenz. Es gab zwar hin und wieder einige Emporkömmlinge, die versuchten, am Lack der Firma zu kratzen, doch hinterließen diese hochstudierten Hohlköpfe lediglich einen Schmierfilm ihrer Unfähigkeit und verschwanden so schnell wieder in der Versenkung, wie sie gekommen waren.
Michaels Sorge galt einzig und allein seinem Gewissen, das ihn immer noch glauben machen wollte, seinem alten Herrn etwas schuldig geblieben zu sein.
Er schüttelte den Kopf und klappte energisch seinen Laptop zu. Nach kurzer Suche entdeckte er seinen Schlüsselbund, der verwaist hinter einem Papierstapel ruhte, raffte ihn vom Schreibtisch und lenkte sich alsdann mit Gedanken an das bevorstehende Treffen ab. Es war schon seit einer guten Stunde im Gange. Er musste sich sputen.
Auf das Äußerste gespannt, welche Menschen sich hinter den Nicknamen verbargen, die ihm häufig in den Logbüchern begegnet waren, ging er um den Schreibtisch herum und verließ eilends das Büro. Vor allem interessierte ihn ein bestimmter Cacher: das Phantom, Sammaël.
Wie er es auch anstellte, er verpasste ihn stets um Haaresbreite. Ob Standardcache oder Schwierigkeitsgrad fünf. Sammaël loggte Gold. Den ersten Fund, FTF, gab es für Michael nie. Das ging ihm mittlerweile gehörig auf die Nerven. Was ihn jedoch noch mehr wurmte, war, dass er bisher nicht in der Lage gewesen war, einen Cache zu loggen, den Sammaël persönlich ausgelegt hatte. Der Typ war auch als Owner nicht zu toppen. Die Rätsel, hinter denen sich die Cachekoordinaten verbargen, waren knifflig. Der Typ jagte sie nicht nur durch die Enigma, sondern verschlüsselte diese zusätzlich noch auf alle erdenklichen Arten. Runenschrift, Akkadisch, ägyptische Hieroglyphen; all diese Dinge waren ihm schon im Listing zu Sammaëls Caches begegnet. Es sah ganz so aus, als wollte er um jeden Preis verhindern, dass ein Anfänger sich an seinen Geocaches vergriff.
Elitär, dachte Michael, als er die geschwungene Treppe ins Erdgeschoss hinabstieg.
Anders hätte er es nicht ausdrücken können. Dieser Umstand verletzte ihn in seinem Stolz, wenn er daran dachte, wie weit er schon gekommen war, seit er mit dem Geocachen begonnen hatte. Sie beide, sollte er sagen.
Er war inzwischen in der mit sandfarbenem Marmor ausgelegten Halle angelangt und ging auf das Eingangsportal zu.
Daran wollte er gar nicht erst zurückdenken. Es erfüllte ihn mit einer gewissen Genugtuung, dass Geopapst sich an Sammaëls Caches ebenso die Zähne ausbiss. Bisher war zumindest noch keiner in seiner Statistik aufgetaucht. Wer würde das Rennen machen? Es hieß »Mysthunter gegen Geopapst«. Wie immer.
Er schnappte sich den Trekkingrucksack, den er noch vor wenigen Stunden an eine der Säulen gelehnt hatte, und kontrollierte kurz, ob sein Equipment komplett war. Dann schulterte er ihn und verließ die Villa Auwald.
Das klotzige Haus warf seinen Schatten auf den vorgelagerten Schotterplatz, in dessen Mitte er seinen Wagen abgestellt hatte. Er drückte auf den Schlüssel, der M3 entriegelte sich; mit wenigen Schritten hatte er den BMW erreicht und öffnete die Fahrertür.
»Michael!«, rief ihm die Haushälterin nach.
Er wandte sich zum Eingangsportal um. Die rundliche Frau stand auf der Schwelle, eine gemusterte Schürze um die Hüfte gebunden, das graue Haar knotenähnlich in den Nacken gesteckt.
»Ja?«, fragte er.
»Werden Sie zum Abendessen zurück sein?«
Traditionell um achtzehn Uhr, wie einst sein Vater festgelegt hatte. Höchste Zeit, damit zu brechen, dachte er. »Nein, ich esse heute auswärts«, sagte er und grinste, als er hinzufügte: »Ab morgen gibt es das Essen um sieben.«
Die Haushälterin nickte lächelnd. »Wie Sie wünschen.«
Er stieg in den Wagen und fühlte sich albern, aber irgendwann musste er schließlich anfangen. Veränderungen waren etwas Gutes.
Eine Viertelstunde später fuhr er auf einen mit hohen Hecken umsäumten Parkplatz, der aus allen Nähten platzte. Ihm blieb nichts anderes übrig als zu wenden und sein Auto auf dem angrenzenden Wirtschaftsweg abzustellen.
Zielstrebig schlenderte er auf eine angelegte Lücke zwischen dem dichten Buschwerk zu, die durch einen heruntergelassenen Schlagbaum für Fahrzeuge aller Art gesperrt, doch offensichtlich als Zugang für die zahlreichen Fußgänger gedacht war. Die Luft flirrte ob der herrschenden Hitze, eine Mini-Windhose tanzte über den Schotter und wirbelte Staub auf.
Michael ging um den Schlagbaum herum und ließ seinen Blick über die weitläufige Wiese schweifen. Sie wurde beherrscht von einer weiß getünchten Windmühle, deren Flügel durch gewaltige, schmiedeeiserne Halterungen zum Stillstand gezwungen waren. Es sah ganz so aus, als sei sie schon seit Jahren außer Betrieb, wenngleich sie einen sehr gepflegten Eindruck machte. Selbst die einfach verglasten Kittfenster sahen aus, als wären sie frisch geputzt.
Am Fuß der Mühle sah er eine geöffnete Pforte, aus der zwei Männer mit einem Bierkasten in ihrer Mitte heraustraten. Offensichtlich diente sie bei Vermietung des Areals als Lagerraum.
Er wollte gerade die Wiese betreten, als er auch schon den ersten Hund erblickte, der zwischen den Menschen umherstreunte. Michael wäre am liebsten auf der Stelle wieder gefahren. Wieso ließen sie diese verdammten Köter überall frei herumlaufen? Angewidert beobachtete er, wie ein besonders großes und hässliches Exemplar keine zwei Meter entfernt einen monströsen Haufen setzte. Der Hund hob die Nase in die Luft, schnüffelte, dann kratzte er mit den Hinterpfoten und schleuderte büschelweise Gras hinter sich, das ihm hohen Bogen über den Scheißhaufen hinweg ins Gebüsch flog.
Michael stand wie angewurzelt und sah mit Entsetzen, wie das riesige Vieh den Kopf zu ihm umwandte. Es schien ihm, als würden ihn die stechend gelben Augen taxieren. Dann setzte sich der Köter unvermittelt in Bewegung und kam geradewegs auf ihn zu. Der Geifer rann aus seinen Lefzen, sammelte sich zu schaumigen Flocken und tropfte ins Gras.
Nicht wegsehen, schoss es ihm durch den Kopf. Oder war das genau verkehrt? Michael war wie erstarrt. »Hau ab«, zischte er.
Eine sportliche junge Frau trat neben ihn und sagte: »Keine Sorge, den kenne ich.«
Michael sah sie an, erkannte Jenny, mit der er schon diverse Geocaching-Touren bestritten hatte, und ätzte: »Klar, und anschließend kommen die berühmten letzten Worte: Der tut nichts, der will nur spielen.«
Sie raffte mit geübtem Griff die langen, blonden Haare zusammen, beugte sich leicht vor und hielt dem Hund die freie Hand unter die Nase.
»Vorsicht«, sagte Michael warnend. Er malte sich schon aus, wie der Hund zuschnappen und nur noch einen blutigen Stumpf ihres blassen Armes zurücklassen würde.
Vollkommen unbeeindruckt zog sie einen sommerbesprossten Nasenflügel kraus. An den Hund gerichtet sagte sie: »Du bist doch ein ganz Lieber, nicht wahr, Krümel?«
»Torte trifft es wohl eher«, stellte Michael fest, ohne das Vieh aus den Augen zu lassen.
»Nein, er heißt wirklich so«, sagte sie kichernd.
Der Hund schnupperte kurz, kam einen weiteren Schritt auf sie zu. Michael packte Jenny beim Arm, bereit, sie auf der Stelle wegzuziehen.
Jenny zuckte zusammen.
Die rosa Zunge des Hundes schoss zwischen den Lefzen hervor, und Krümel begann hingebungsvoll ihre Hand abzuschlabbern.
»Das kitzelt«, kicherte sie.
Michael stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Gleichzeitig verspürte er Ekel ob ihrer vor Sabber triefenden Finger.
Von fern ertönte ein schriller Pfiff. Der Hund wandte den Kopf und stellte die Ohren auf. Ein hochgewachsener Mann, der einen außergewöhnlich gepflegten Vollbart trug, näherte sich. Er hielt eine frisch verliebt dreinblickende Blondine im Arm. Als sie bis auf wenige Meter herangekommen waren, klopfte er auf seinen Schenkel und es schien, als wollte er etwas zu dem Hund sagen, doch es verließ nur ein heiseres Krächzen seine Lippen. Die schlanke Frau sah ihn besorgt von der Seite an. Ein mitfühlender Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. »Ach, Artschi-Schatz. Bitte schone dich doch«, sagte sie und legte eine Hand auf dessen Arm. Dann rief sie den Hund. Der Mann namens Artschi sah zu Michael und Jenny herüber, hob die Hände in einer Geste, die einer stummen Entschuldigung gleichkam und schenkte ihnen ein sympathisches Lächeln. Krümel zögerte indes nicht und lief mit wedelnder Rute auf seine Herrschaften zu. Erleichtert sah Michael ihm nach.
Jenny zog ein Feuchttuch aus der engen Jeans, riss die Verpackung auf und wischte sich die Finger ab.
Michael schüttelte leicht den Kopf.
»Was?«, fragte sie und hob belustigt die Brauen.
»Der Hund hätte dir die Hand glatt abbeißen können.«
»Quatsch. Krümel ist echt ein herzensguter Kerl. Hast du doch gesehen.« Sie sah ihn einen Augenblick schweigend an. Schließlich stellte sie fest: »Du hast nichts für Hunde übrig, oder? Du bist ganz blass um die Nase.«
Michael zuckte mit den Schultern. »Katzen sind mir lieber«, sagte er ausweichend.
Sie nickte wissend und wechselte das Thema. »Du bist spät dran.« Lächelnd hakte sie sich bei ihm unter. »Komm, gehen wir zu den anderen.«
Gemeinsam schlenderten sie über den Platz. Rings um die alte Mühle saßen und standen die Leute in Grüppchen beieinander, unterhielten sich, scherzten und lachten. Familien hatten sich auf Picknickdecken niedergelassen. Eine Frau verteilte Salat aus einer großen Schüssel auf die Plastikteller ihrer Kinder. Vermutlich stand der dazugehörige Vater am Schwenkgrill, der über einer kreisrunden Feuerstelle aufgebaut worden war, um für die Fleischbeilage zu sorgen.
Dahinter erblickte Michael mehrere Reihen Bierzeltgarnituren. Als sie darauf zusteuerten, sah er ihn schon.
Geopapst stand halb auf der Bank, das andere Bein auf dem Boden. Mit einer Hand stützte er sich auf den Tisch und schien die um ihn herum sitzende Gruppe köstlich zu unterhalten.
Wie der schon aussah, mit seinen Armeehosen, den schwarzen Stiefeln und dem Tanktop. Die dunkelbraunen Haare hatte er mit einem Stirntuch aus dem Gesicht gebunden. Wen will er in dieser Aufmachung beeindrucken? Die Frauen liegen ihm doch ohnehin zu Füßen.
Geopapst richtete sich auf und wandte sich um. Er sah erfreut aus, als er sie erblickte. Er winkte sie zu sich heran.
Michael hob die Hand zum Gruß und erstarrte inmitten der Bewegung. Auf dem Oberarm seines Konkurrenten prangte ein großes schwarzes Tattoo. Es zeigte einen stilisierten Skarabäus mit einer Nummer darunter.
»Findest du nicht auch, dass er langsam übertreibt?«, flüsterte Jenny, nicht ohne einen Hauch von Bewunderung in ihrer Stimme. »Wer lässt sich schon einen Travel Bug auf den Arm tätowieren. Das bleibt doch für immer …«
Ihr Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Michael konnte sehen, wie ihre Augen über den muskulösen Arm streiften. Natürlich – auch sie war dem südländisch angehauchten Typ erlegen. Er tätschelte betont Jennys Hand und schlenderte möglichst lässig auf den Tisch zu. Als sie die Bierzeltgarnitur erreicht hatten, wurde er von fünf Augenpaaren angestarrt.
Sie wurden freundlich empfangen, beinahe zu überschwänglich. War er womöglich Gesprächsthema gewesen? Sein Blick fiel auf einen schmuddelig wirkenden, dürren Mann, der selbst im Sitzen schwankte als habe er schweren Seegang. Sein Blick wirkte trübe, und als er den Mund öffnete, verströmte er eine unangenehme Alkoholfahne.
»So, du bist also Mysthunter?«, nuschelte er.
Geopapst antwortete: »Ja, U-con. Das ist er.«
Sieh an, dachte Michael, ich habe mich also nicht getäuscht.
Ein strohblonder Kerl in Jeans, der dem Mann gleich gegenübersaß, bückte sich nach einem Rucksack, den er unter dem Tisch abgestellt hatte.
Neben ihm hockte ein stiller Kerl mit grünem Basecap. Über dem Schirm prangte der Schriftzug Ameise e.V. bogenförmig über dem gleichnamigen Insekt. Er brachte zur Begrüßung nur ein stummes Nicken zustande.
»Sebasch«, stellte Geopapst ihn vor.
»Und ich bin Bax«, sagte der Strohblonde, nachdem er sich aufgerichtet hatte, und stellte eine Flasche Schöfferhofer auf den Tisch. Dann streckte er ihm die Hand entgegen. »Willkommen«, sagte er und grinste breit. »Es ist mir eine Ehre, dich kennenzulernen.« Er förderte eine zweite Flasche zu Tage und reichte sie ihm. »Ich sagte gerade eben noch, dass ihr beide …«, er sah Geopapst an, »… schon fast legendär seid.« Seine blauen Augen funkelten.
Verblüfft nahm Michael das Weizenbier entgegen. »Legendär?« Mit einer solchen Einschätzung hätte er im Leben nicht gerechnet.
Bax nickte vielsagend. »Kaum ein Neuling macht innerhalb weniger Monate so viele Caches wie ihr zwei. Ihr müsst wahrlich irre sein.« Er lachte und zog einen imaginären Hut. »Freilich, an Sammaël kommt bisher noch keiner ran, aber ihr beide habt das Zeug dazu.«
»Jetzt übertreib nicht gleich«, sagte eine etwas flippig wirkende Frau, die mehrere Creolen übereinander an nur einem Ohr trug. Ihre schwarzen Haare schimmerten bläulich und fielen ihr zwei Finger breit über die Schultern. Der asymmetrisch geschnittene Pony war in grellem Pink gefärbt. Sie musste ungefähr in seinem Alter sein, vielleicht knapp jünger.
Bax musterte sie einen Augenblick. »Und wie kommst du darauf, dass die zwei das nicht schaffen können?«
Sie schnaubte. »Du weißt doch gar nicht, was du da sagst. Wenn du schon von Legenden sprichst, dann gehört Sammaël ganz nach oben auf die Liste. Keiner ist schneller an einem FTF und niemand legt so schwere Caches wie er. Sammaël ist und bleibt unerreicht.«
Sie klopfte mit der flachen Hand auf die freie Stelle neben sich und sagte an Jenny gerichtet: »Setz dich her. Hier ist Platz genug.«
Bax schien eingeschnappt. »Du scheinst es ja zu wissen«, sagte er. »Du kannst sagen, was du willst, die zwei hier sind gut, und Sammaël sollte sich lieber mal ganz fest anschnallen.«
Jenny bedankte sich und setzte sich neben sie.
»Ach kommt schon«, sagte Geopapst. Sein Blick war fest auf die Frau gerichtet. »Jetzt streitet euch nicht. Wenn Sammaël es nötig hätte, sich zu verteidigen, dann wäre er hier. So schnell kommen wir an den eh nicht ran.«
Er vielleicht nicht, dachte Michael. »Und wer bist du?«, fragte er die flippige Schwarzhaarige.
»Kiba.«
Ihr Blick traf ihn bis in den tiefsten Winkel seiner Selbst. Was für tolle Augen. Eine solche Farbe hatte er noch nie gesehen. Türkis wie der Indische Ozean, Gold gesprenkelt wie die darin liegenden Inseln des Male Atolls. Kein Wunder, dass Geopapst sie so angesehen hatte. Diese Augen waren fantastisch.
Nur mit halbem Ohr bekam er mit, dass Bax zu ihm sprach. Er musste sich förmlich von ihr losreißen und bekam nur noch die zweite Satzhälfte mit.
»… deine Freundin ist so klug und sitzt schon.« Bax deutete auf die freie Stelle gegenüber der beiden Frauen. »Also steh dir nicht die Beine in den Bauch.«
Michael zog ein Feuerzeug aus seiner Jeans und folgte dem Angebot nur zu gern. Kiba duftete. Anders vermochte er es nicht zu nennen. Ihr Körper verströmte einen angenehmen Geruch, dem er auf der Stelle verfiel. Ein undefinierbares Kribbeln breitete sich in seiner Magengegend aus.
Er ließ den Kronkorken lässig von der Flasche schnippen, raffte ihn mit einem Griff auf und ließ ihn in seinen Rucksack gleiten, den er neben sich auf den Boden gestellt hatte. Dann trank er einen kräftigen Zug, ohne sie aus den Augen zu lassen.
Geopapst ließ sich auf die Bank fallen. »Hast in letzter Zeit viel gemacht«, sprach er ihn an.
Michael grinste. Aus der Bemerkung ging klar hervor, dass auch Geopapst seine Statistik ganz genau beobachtete. »Du auch, aber ich bin dir auf den Fersen«, entgegnete er. Unvermittelt dachte er an die Ulme. Das tote Kaninchen zuckte durch seine Erinnerung und erneute Zweifel nisteten sich in ihm ein. Etwas schroffer fügte er hinzu: »Und tote Kaninchen halten mich sicher nicht davon ab.« Er wartete gespannt auf die Reaktion seines Konkurrenten.
Geopapst runzelte die Stirn. Seine Stimme klang kühl, als er, ohne auf die Bemerkung einzugehen, fragte: »Willst du mich discovern?« Er deutete auf seinen Arm. »Dann schreib dir die Nummer auf.«
Was heißt das jetzt?, fragte sich Michael. Zufall oder nicht? Traute er ihm so etwas Widerwärtiges zu? Missmutig wühlte er in seinem Rucksack nach einem Kugelschreiber, um die Registrierungsnummer dieses unliebsamen Travel Bugs zu notieren. Er stieß mit den Fingern an das neue Garmin, das er sich vor kurzem für viel Geld zugelegt hatte. Es war an der Zeit, diesen Angeber in die Schranken zu weisen. Er zog das GPS heraus, wog es kurz in der Hand.
»Habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass ich einkaufen war?«, fragte er und legte das Gerät dann mit einem gewissen Triumph auf den Tisch. »Das Tomtom hat jetzt ausgedient.«
»Du hast mit einem Straßennavi etwas gefunden?«, fragte Bax und sah völlig ungläubig aus. »Respekt.«
Auch Kiba wirkte überrascht und nickte anerkennend.
»Oh ja«, bestätigte Jenny. »Wir waren oft zusammen unterwegs. Ich kann euch sagen, er hat eine ausgeprägte Cacher-Nase. Kaum waren wir vor Ort, wusste er schon, wo wir suchen müssen.«
Das ging Michael runter wie Öl. Er war nicht nur legendär; nein, mit einem Schlag war er legendärer.
Geopapst nahm das Garmin zur Hand und beäugte es interessiert.
Michael beobachtete ihn und wartete gespannt auf dessen Urteil.
»Wow, da hast du dich aber in Unkosten gestürzt. Ein Oregon«, sagte er. »Wahnsinnsteil.« Nichts an seinen Gesichtszügen verriet Neid. Im Gegenteil, er schien sich ehrlich für ihn zu freuen.
»Damit hast du den Vogel abgeschossen«, sagte Geopapst und gab es ihm zurück. »Ich habe immer noch das eTrex. Hab’s mittlerweile gekauft. Is’ nicht zu vergleichen mit deinem, aber erfüllt seinen Zweck.«
Während er das sagte, streckte auch Bax seine Hand nach Michaels Garmin aus. Er gab es ihm.
»Eigentlich unnötig für die normalen Zwei- bis Dreier, aber wenn du die Schweren von Sammaël finden willst, dann gibt es natürlich nichts Besseres«, urteilte Bax.
»Das hatte ich vor«, bestätigte Michael und nickte. Er begegnete Geopapsts wachsamem Blick und grinste in sich hinein. Mit seinem Garmin hatte er einen klaren Vorteil und es sah so aus, als ob auch Geopapst das langsam klar wurde.
»Dachte ich mir«, sagte Bax. »So hatte ich dich auch eingeschätzt.«
Kiba musterte ihn interessiert. »Hast du es denn schon mal versucht?«
»Nein, bisher noch nicht«, log Michael.
»Vielleicht solltest du zuerst ein paar normale Fünfer gefunden haben, bevor du dich da ran wagst«, sagte sie und verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. Dann stand sie auf und langte nach ihrer Tasche.
»Und du?«, erkundigte sich Michael.
»Was?«, fragte Kiba.
»Du hast sicher schon einen Sammaël Cache in deiner Liste, oder?«
Sie richtete sich auf, die Tasche in der Hand. »Einen?« Sie hob die Brauen und schnaubte verächtlich.
»Sie hat sie alle«, antwortete Geopapst an ihrer statt, und in seiner Stimme schwang eine eigentümliche Art von Stolz.
Michael wurde hellhörig und versuchte, in dessen Gesicht etwas zu entdecken, das seinen Verdacht bestätigte. Waren sich die beiden bereits näher gekommen? Kiba reagierte jedenfalls nicht darauf.
Sie beugte sich zu U-con, stützte sich auf dessen Schulter und sagte: »Bis nachher am Museum. Ich rufe dich noch an wegen der Uhrzeit, ok?«
U-con nickte nur, ohne sich umzudrehen. Er hob die Flasche und trank.
Ihr Blick ruhte auf dem braunen Glas und Michael glaubte, darin Missbilligung zu sehen. Sie sagte jedoch nichts weiter, richtete sich auf und wandte sich um. Über ihre Schulter rief sie zurück: »Ciao!«
Michael sah ihr nach, wie sie langsam über die Wiese davonschlenderte.
»Was is’ denn heute?«, ergriff Geopapst das Wort.
»Ein paar von uns gehen auf einen Nachtcache«, antwortete U-con.
»Wo?«, fragte Geopapst.
»Erpeler Ley«, antwortete U-con.
Bax schaltete sich ein. »Da liegt doch dieser Bridge of Remagen II.«
»Ja«, brummte U-con kurz angebunden.
»Aber das ist doch gar kein ausgewiesener Nachtcache«, hakte Bax nach.
»Nein«, sagte U-con knapp.
Zu Geopapst und Michael gewandt sagte Bax: »Der ist der Hammer. Ich war schon zweimal dort und bin mit leeren Händen wieder runtergekraxelt.« Er verzog die Mundwinkel. »Ich habe dort sogar mein GPS verloren. Ich hatte es zwar mit der Schlaufe um mein Handgelenk gesichert, aber ich bin abgerutscht und es ist mir in die Schlucht gefallen. Ich wette, ein Geocacher könnte sich mit komplettem Equipment eindecken, wenn er nur mal die Schlucht absucht.« Er lachte. »Vorausgesetzt natürlich, die Sachen wären noch heil; eine mörderische Kletterei, sag ich euch. Der Cache soll irgendwo oberhalb des Brückenkopfes auf dem Berg liegen.«
»Und den wollt ihr nachts suchen?«, schaltete Michael sich ein.
»Das ist verrückt«, sagte Jenny.
U-con war Michael ein Rätsel. Er sprach kaum ein Wort und wenn, dann derart knapp, dass man glauben könnte, sein Wortschatz hätte lediglich den Umfang dessen eines Kleinkindes. Obendrein bezweifelte er stark, dass der Mann in diesem Zustand in der Lage war, die erwähnte Klettertour zu bestehen. Er war voll wie ein Eimer.
»Lass mich raten«, sagte Geopapst. »Ein ›difficulty fünf‹, oder?«
»Nein, dreieinhalb«, sagte Bax. »Die Terrainwertung liegt bei viereinhalb. Aber des Nachts kann man den mit Sicherheit höher werten.«
»Kann man sich anschließen?«, fragte Gernot an U-con gerichtet.
Sofort schrillten in Michaels Kopf sämtliche Alarmglocken. Geopapst mit Kiba allein unterwegs? Das musste er auf der Stelle verhindern. Also sagte er: »Ich hätte auch Zeit.« Sein Blick fiel auf Jenny. »Wie sieht es bei dir aus? Möchtest du auch mitkommen?«
Sie lächelte entschuldigend. »Ich würde wahnsinnig gern, aber mir ist das zu spät. Du kannst mir ja dann erzählen, wie es war.«
U-con richtete seinen Blick abwechselnd auf Geopapst und auf Michael und musterte sie. Schließlich zuckte er fast lustlos mit den Schultern. »Ist ein freies Land«, brummte er.
»Was ist mit dir, Sebasch?«, frage Michael, um dem stillen Typ nicht gänzlich das Gefühl zu geben, ausgeschlossen zu sein. »Lust?«
Dessen Hand wanderte zu seiner Basecap. Er rückte sie zurecht, doch es sah eher so aus, als sei er verlegen und wüsste nicht, was er sagen sollte. Schließlich schüttelte er den Kopf.
U-cons Blick ruhte auf Sebasch. Darin lag ein Ausdruck, den Michael nicht deuten konnte.
»Ich bin jedenfalls dabei«, sagte Bax. »Dann kann ich ihn endlich loggen. Wann trefft ihr euch?«
»Wahrscheinlich wieder gegen eins«, brummte U-con unwillig.
»Wieder?«, fragte Michael.
Ohne darauf zu antworten, nahm U-con den zerknitterten Zettel von Bax entgegen, der gerade erklärte, dass dies seine Handynummer sei und er möge ihm doch bitte wegen der Uhrzeit Bescheid geben.
»Meinetwegen«, war das einzige Wort, das er beinahe über die Lippen quetschen musste.
Nachdem sie gegenseitig alle Mobilnummern ausgetauscht hatten, sagte Bax: »Also ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich schmeiß mir jetzt ein Steak auf den Grill. Wenn ihr auch was habt …?« Er ließ die Frage offen, zog seinen Rucksack unter der Bank hervor und schlenderte zur Feuerstelle hinüber.
Auch U-con erhob sich, wankte und stützte sich am Tisch ab. Jenny sprang auf und kam ihm zu Hilfe.
»Geht schon«, winkte U-con ab.
»Das sehe ich«, sagte sie und ihre Stimme troff vor Sarkasmus.
»Warte«, sagte Sebasch routiniert. »Ich helfe dir.«
»Ich kann mir mein Bier schon alleine besorgen«, ereiferte sich U-con, doch die beiden hörten nicht auf seinen Protest.
»Komm schon, ich bringe dich nach Hause«, entgegnete Sebasch und an Jenny gewandt fügte er hinzu: »Hilf mir, ihn zu meinem Auto zu bringen.«
»Natürlich«, sagte sie und duckte sich unter U-cons Arm. Sie nahmen ihn in ihre Mitte und entfernten sich.
Er hätte ihnen helfen sollen, dachte Michael, aber im Grunde war er froh, dass die beiden es auch ohne ihn schafften. Er wollte mit Geopapst einen Augenblick allein sein. Er fühlte dessen Blick auf sich ruhen und wusste instinktiv, dass auch er auf diesen Moment gewartet haben musste. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, ergriff Geopapst das Wort.
»Was ist eigentlich dein Problem?«, fragte er. »Hab ich dir irgendwas getan?«
Michael wusste nicht, was er antworten sollte. Diese direkte Frage hatte er nicht erwartet. Er schüttelte nur den Kopf. »Nein. Doch. Scheiße …«, stammelte er.
»Was?«, fragte Geopapst und sah ihn herausfordernd an.
Urplötzlich brachen alle Zweifel aus Michael heraus. »Was sollte das mit dem Kaninchen in der Ulme?«, ging er auf Konfrontation. »Und warum legst du so heftige Caches für mich? Du scheinst es echt darauf anzulegen …« Er stockte.
»Ich? Spinnst du?« Geopapst schnappte nach Luft. »Ich hab echt keine Ahnung, wovon du redest. Kaninchen? Du hast sie doch nicht alle.«
»Ich weiß, was ich gesehen habe«, schnappte Michael.
»Bist du dir da ganz sicher?«, entgegnete Geopapst. »Ich sehe nur, dass du dich gewaltig verändert hast, und das nicht zum Guten.«
»Was soll das heißen? Du bist doch derjenige von uns, der wegen der Toplist komplett durchdreht.«
Geopapst schnaubte missbilligend. »Du solltest dich mal reden hören.« Ohne ein weiteres Wort erhob er sich und ging davon.
In Michael brodelte es. Er rammte seine Faust auf den Tisch. Seine Bierflasche wankte, drohte umzukippen. Er packte sie gerade rechtzeitig und setzte sie an die Lippen. Er leerte sie mit einem Zug, während er Gernot wütend hinterherstarrte.
Es war nicht von der Hand zu weisen. Geopapst spielte mit ihm. Es war, wie er gesagt hatte. Die Caches, die er legte, waren eine klare Herausforderung an ihn. Und sie waren gefährlich. Ausnahmslos. Gerade das kratzte an seinem Ego. Er würde sich nicht von ihm ausstechen lassen. Er war inzwischen besser als Geopapst und das würde er ihm auch beweisen. Er würde den zweiten Platz der Toplist schon noch ausbauen und sichern. Dann gab es nur noch Sammaël zu bezwingen.
Mit diesen Gedanken schrie er seine innere Stimme nieder. Sie wollte ihm etwas sagen, flüsterte unaufhörlich gegen seine Wut an, doch er wollte sie nicht hören. Er konnte diesen winzigen Stachel des Zweifels nicht zulassen. Niemals. Es liegt nicht an mir, ich habe mich nicht verändert. Ich nicht.
Irgendwann war einfach alles aus dem Ruder gelaufen. Sie waren jetzt die schärfsten Konkurrenten. Und das Kaninchen …
Sein Magen krampfte sich zusammen, die Wut verrauchte beim Gedanken an Jack. Es war, als könnte er sein warmes, weiches Fell an der Wange fühlen, die Knopfaugen sehen. Die tief empfundene Stille in diesem intimen Moment öffnete sein Herz für ein winziges Zugeständnis. Eine solche Widerwärtigkeit traute er Geopapst im Kampf um die Toplist nicht zu. Nein, das war absolut unmöglich. Es muss ein Zufall gewesen sein.
Es kostete ihn die größte Mühe, seine Gedanken in eine andere Richtung zu zwingen. Er wollte an die kommende Nacht denken, an die Herausforderung und an die Möglichkeiten. Dieser Ausflug versprach spannend zu werden, und er würde Kiba wieder treffen. Die Frau mit den faszinierendsten Augen, die er je gesehen hatte. Diese Augen. Der blanke Wahnsinn.