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Krampf ist mein Name
ОглавлениеDeborah Dahlke
Mein Krampf
Diesen Roman widme ich allen Menschen, die unter dem Joch einer staatlichen Willkür leben müssen.
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„Mein Name ist Krampf.“
Und wenn er das einmal gesagt hatte, hatte er so gut wie alles gesagt, denn mehr als seine Identität kundtun konnte er nicht, jedenfalls nicht bei fremden Menschen, die ihm wie „Vertreter einer außerirdischen Gattung“ vorkamen.
Krampf war ein Asperger-Autist von Kindheit an.
„Ihr Sohn leidet an tiefgreifenden Störungen in seinen Beziehungen zu seinen Mitmenschen und diese haben eine Einengung zur Umwelt zur Folge“, mit dem Satz des Hausarztes Dr. Heitzek, der für immer den Knaben mit einem undurchdringlichen Nebel umhüllte, mussten sich die Eltern, er Schatzmeister der Neuen Völkischen Partei Deutschlands, sie, Hausfrau, begnügen. Und auch mit der wissenschaftlichen Darstellung, die Synapsen in dem Gehirn des Sprosses seien wie kleine Tropfen umher irrender Rinnsale, die sich meistens willkürlich zu einem Ganzen fügen würden.
Wie gerne sie selber eigenhändig die Tropfen im Gehirn des Sohnes aussortiert hätten, um sie in die richtige Bahn zu lenken und die skurrilen, irrsinnigen verbalen Auswüchse, die sie an den Rand der Verzweiflung brachten, auszumerzen. Wie einst als der Sohn auf den Tod der Großmutter mit einem „sie gibt sich Mühe“ reagiert hatte oder als er der Mutter, von einem ihrer Migräneanfälle geplagt, still im Bett liegend, Verse des Hohenliedes deklamiert hatte:
Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Öffnung, da wurden meine Gefühle für ihn erregt. Ich stand auf, um meinem Geliebten zu öffnen, da troffen meine Hände von Myrrhe und meine Finger von flüssiger Myrrhe, als ich sie legte an die Griffe des Riegels ...
Aloys Krampf liebte das Lied der Lieder. Aber noch mehr liebte er Orchideen, seitdem er, fünfjährig, an der Hand seiner Mutter, in dem botanischen Garten in Boulogne Billancourt bei Paris eine goldene Madagassische Orchideen-Blüte am Wegesrand entdeckt hatte.
Nein, zu einem logischen Ganzen fügten sich die tropfenartigen Synapsen bei Aloys Krampf nicht. Er war Autist, wenngleich einer leichten Form, gefangen in einer Welt voller biblischer Liebesgeflüster und wilder Orchideen.
Aber alles in dem Leben des 24-jährigen und in dem Schicksal einer ganzen Nation sollte sich an jenem miesen regnerischen Tag ändern, als er seinen Dienst als Gärtner bei Frau Rosenthaler antrat, einer 96-jährigen Witwe, die auf 188,4 Milliarden Deutsche Mark saß, und deren Reichtum sich jede Sitzminute unter ihrem Schoß im Durchschnitt um 48.367 Deutsche Mark vermehrte - wohnhaft am Heiligen See Nr. 117, 14467 Potsdam.
Stramm, den Topf mit dem Affen-Knabenkraut gegen seine Brust gedrückt, wartete Aloys auf den Bus der Linie 22, der ihn gen Norden Richtung Potsdam, zum Heiligen See fahren sollte. Einundzwanzig Haltestellen bis zu der stattlichen Villa im französisch klassizistischen Stil. Sein Blick wanderte aufwärts bis zur dritten Etage zu seinen Verbündeten am Fensterrahmen, der Mutter, stolz, dem Vater, besorgt, und Erich, dem Dackel, gleichgültig.
„Mein Name ist Krampf. Ich bin der neue Gärtner. Ich habe eine Orchidee mitgebracht“. Die Sätze saßen. Er hatte lang genug vor dem Spiegel geprobt.
- „Mein Name ist Krampf“, warf er in den Bus hinein.
Aber keiner rührte sich.
In der vorletzten Reihe nahm er Platz. Still betrachtete er die weißlich-rosa, innen purpurfarbenen, gepunkteten Kelch- und Kronblätter seiner Affen-Orchidee.
Ein Mann gesellte sich zu ihm. Ein Exot mit schwarzer Haut, wie er merkte.
- „Mein Name ist Krampf“, sagte Alois.
- „Okay“, antwortete der Exot und ließ zwischen den Zähnen ein durchgekautes Ding erblicken, das einem Kaugummi ähnelte.
- „Eine Rarität“, fügte Aloys hinzu und wies auf die Blüten auf seinem Schoß, die unzähligen kleinen, aufrecht stehenden Affen ähnelten.
- „Okay“, gab der Exot von sich.
Vor dem Anwesen der Frau Rosenthaler empfing ihn ein Portier in Livree. Er führte ihn zu dem Trianon, so nannte die Herrin des Ortes die Orangerie in der Mitte ihrer Parkanlage, und bat ihn in einem roten Salon im Rokoko Stil einen Augenblick Platz zu nehmen.
- „Sprechen Sie laut, Herr Krampf, Madame ist schwerhörig“, sagte er ihm, bevor er den Raum verließ.
Aloys überlegte kurz was er nach den drei Sätzen sagen sollte. Aber im Grunde hatte sein Vater für ihn alles geklärt. Er musste also nur von seinem Können überzeugen.
Die Tür ging auf und eine kleine, zierliche Frau mit hellen durchdringenden Augen in einem viel zu großen Chanel Kostüm kam zum Vorschein, umgeben von vier Bediensteten, jeweils zwei an jeder Seite. Kleine, große und mittelgroße Locken aus dünnen, violett grauen Fäden zierten ihr Gesicht. Sie watschelte wie eine Ente zu ihm hin, nahm seine Hand in die ihrige, lächelte mild und begleitete die Geste mit den Worten: „Ich grüße Sie, Herr Krampf“.
- „Ja“, antwortete er, „Krampf ist mein Name.“
Darauf rückten eifrig zwei ihrer Bediensteten einen Sessel zu ihr. Sie setzte sich, bat ihren Gast, auf dem ihr gegenüber stehenden Hocker Platz zu nehmen, musterte ihn still und lächelte mild.
- „Mein Name ist Krampf“, sagte Aloys, „ich bin der neue Gärtner. Ich habe eine Orchidee mitgebracht“.
- „Was ist das für eine?“, fragte sie höflich.
- „Eine Rarität“, sagte Aloys, während er ihr den Topf auf den Schoß stellte.
- „Wunderschön!“, erfreute sie sich.
- „Affen-Knabenkraut, Madame.“
- „Affen-Knabenkraut? Oh wie schön!“
- „Das Affen-Knabenkraut ist eine ausdauernde, krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 20 bis 45 Zentimetern erreicht.“
- „Oh ...“
- „Die zwei bis fünf in einer Rosette angeordneten Laubblätter sind ohne Flecken und bis zu zwanzig Zentimeter lang. Die Blütezeit reicht von Mitte April bis Ende Mai. Der ovale Blütenstand ist dichtblütig. Typisch für diese Art ist das Aufblühen von oben nach unten. Die zwittrigen Blüten sind zygomorph und dreizählig. Kelch- und Kronblätter bilden einen Helm. Die Lippe ist 15 bis 20 Millimeter lang, deutlich drei lappig, wobei der mittlere Lappen tief zweigeteilt mit kurzem Anhängsel in der Mitte steht. Die Seitenlappen sind sehr schmal, wie man sieht, hell bis kräftig rosa gefärbt, während die Mitte der Lippe weißlich mit feinen Punkten ist.“
- „Ja. Ich sehe alles was Sie da beschreiben, Herr Krampf. Wunderschön! Wirklich wunderschön!“
- „Das Affen-Knabenkraut“, fuhr Aloys fort, „gedeiht am besten auf kalkreichen, trockenen, humushaltigen, tiefgründigen Lehmböden. Die Nährstoffe werden in den Hoden gespeichert. So nennt man die kugeligen Wurzelknollen. Die Hoden, in Griechisch Orchis, haben den Orchideen ihren Namen gegeben.“
- „Fabelhaft!“, rief Frau Rosenthaler.
- „Haben Sie gehört?“, fragte sie ihr Personal, „Orchidee heißt Hoden! Wo ist der Otto? Das muss er sich unbedingt anhören.“
- „Der Otto ist tot“, sagte ein Mann an ihrer Seite, den sie Butler nannte.
- „Tot? Wann ist er gestorben?“, wollte sie wissen.
- „Letztes Jahr, Frau Rosenthaler, mit der Leiter.“
- „Mit der Leiter auch noch. Wie schade!“, seufzte sie.
- „Und der Herr Krampf tritt heute dessen Nachfolge an“, ergänzte der Butler.
- „Na, dann ist der Otto nicht umsonst gestorben“, kommentierte die alte Dame.