Читать книгу Der Andere - Auto-Bio-Grafie eines bisher noch Unbekannten - Dietmar Halbhuber - Страница 6
Salute!
ОглавлениеHans Huber schreitet in die „Alte Wache“ 1 ein.
Es ist Ende der 80er Jahre, kurz vor dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik (was da freilich, wie wir wissen, noch keiner weiß) in da noch Ost-Berlin.
Die beiden uniformierten Wachmänner am Eingang schultern, wie unser Hans zwischen ihnen hindurch schreitet, straff das Gewehr um. Beide im gleichen Moment. Huber verweilt, anders, als alle anderen Besucher hier, nur kurz in der Halle und schreitet dann gleich wieder raus aus dem Ehren-Haus.
Und???
Was tun da die beiden Wachmänner am Eingang???
Sie schultern straff wieder um!
Beide wieder im gleichen Moment.
Hans Huber schreitet zu den beiden Freunden hin, die heute von der Provinz her zu ihm nach Berlin zu Besuch gekommen sind.
- Und? Gesehen?
Die beiden Freunde nicken. Woraufhin der Freund nicht etwa bei ihnen verweilt, nein: Kehrt macht er, kehrt zur Wache zurück und schreitet da dann wieder durch die beiden Wach-Soldaten hindurch.
Die beide auch gleich wieder was tun?
Sie schultern, obwohl sie das eben erst getan hatte, wieder um:
Wumms!
Bumms!
Auch diesmal aber schreitet unser Hans, ohne zu besichtigen oder zu gedenken, gleich wieder aus der Halle raus.
Und gleich auch schultern die Wachmännern straff wieder um.
Hans Huber schreitet, diesmal in bedeutendem Staats-Mann-Schritt, wieder zu seinen Freunden hin, die nun schon belustigt grinsen.
Und wieder und wieder wiederholt Hans Huber seine Rein- und Raus-Gänge. Und wieder und wieder schultern die Wachmänner, wenn er zwischen ihnen hindurch schreitet, flott um:
Wumms!
Bumms!
Bumms!
Wumms!
Die Freunde lachen erst immer mehr. Wie sie dann aber gar noch anheben wollen, Beifall zu klatschen, da herrscht Freund Hans sie aufgeregt an:
- Das doch nicht!
Was nämlich, wenn die anderen Leute hier mitkriegten, was er da tut! Schon ja doch sind die ersten Spaziergänger vor der Halle stehen geblieben, staunen und fragen sich:
- Was soll das???
Und wenn die nun das tun, was zu diesen Zeiten im kleinen Land alle zu tun haben, wenn es zu klatschen anhebt? Wenn sie mitklatschen?
Ganz so, wie immer für die, wie sie eben ein bekannter Liedermacher benannt hat, „Tribunen auf den Tribünen“! Und wie Hans Huber es vor kurzem auch einen blau beblusten Sprechchor vor einer der Tribünen so hat rufen hören:
- Die Sonne lacht, wir sind so froh, hoch lebe das Politbüro!
Nein!
Das jetzt und hier nicht!
Flöge doch umgehend auf, welche Untat der Hans da eben tut!
Und dann???
Ab vor das Tribunal!!!
Knast vielleicht gar???
- „Verunglimpfung der staatlichen Wach-Organe“!
Winkt der Hans die Freunde also flugs zur U-Bahn hin. Erst mal weg hier! Raus aus der Mitte der Hauptstadt, wo ja da noch ganz in der Nähe die Tribunen in ihren Palästen residieren.
U-Bahnen sie also zum Prenzlauer Berg hin – da noch Szene-Viertel, mit all den aus der Provinz herbei gezogenen verrückten Typen – wo Hans Huber seit einiger Zeit wohnt. Und da natürlich gleich erst mal in den „Kahn“, dem da noch einzigen Kneipchen weit und breit.
Bestellen sie sich bei der Gela, einer der wenigen freundlichen Kellnerinnen im ganzen Land, ein Bierchen und klärt Hans Huber die beiden Freunde dann auch gleich auf.
War er doch, anlässlich eines Besuchs seiner stramm sozialistischen Eltern mit dem Genossen Vater an der Spitze, vor kurzem schon mal in die „Alte Wache“ eingeschritten und hatte, wie er da zwischen den Wachmännern hindurch schritt, ein so komisches Zischeln gehört:
- Gssst!
Und hatte er, wie das im Dicken Damals so war, gleich erst mal befürchtet, wieder was falsch gemacht zu haben!
Bis dass der Genosse Vater, da zwar in Zivil anmarschierter, immerhin aber doch strammer Volks-Polizei-Major, hatte der ihn aufgeklärt:
- Irgendwann ja doch ziemlich schwer so ein Gewehr – immer nur auf der einen Schulter! Wie das aber dem Genossen nebenan verklickern, wenn Du hier stramm zu stehen und dabei immer nur das zu tun hast:
Augen!
Gerade!
Aus!
Siehst Du doch nur, was vor Dir ist, nicht das daneben! Und umschultern müssen die nun mal beide gleichzeitig! Gehört sich doch so, oder?!? Dem Genossen neben Dir aber zurufen: ‚Du: Ich kann nicht mehr!’ Das geht ja nun gar nicht!
Das hatte der Vater gesprochen und seinen Hans dann auch gleich aufgeklärt:
- Zischeln! Geheimes Zeichen geben:
Gssst!
Na, und das hatte Sohn Hans, politisch frech, wie er inzwischen geworden war, heute also mal ausprobiert: Ob das auch ginge, wenn nicht einer der beiden Strammsteher, sondern er zischeln würde. Konnte der Eine ja vom Anderen nicht wissen, dass der gar nicht …
Und?!?
Wem hatten die beiden Wach-Männer also immerfort salutiert!?!
Wenn nicht einem Abtrünnling?!?
Der Kneip-Tisch wackelt vor Lachen. Gela bringt noch das eine oder andere Bier und die beiden da Sitzenden stellen sich dabei vor, was da in der Dienst-Besprechung „Unter den Linden“ hernach wohl abgegangen sein musste. Wenn sich die beiden Staats-Soldaten vor ihrem Vorgesetzten gegenseitig bezichtigten, heute so oft immer wieder gezischelt zu haben …
- Prost!
Staatsmacht durcheinander gebracht!
- Prost!
Wir hier aber, liebe Leserin, lieber Leser, schreiten erst mal dahin zurück, wo das Alles in die Körper-Zellen von unserem Hans hinein gekrochen war und sich da lebenslang festgesetzt hatte …