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Sonnenwende
ОглавлениеAnschließend bin ich im Generalkonsulat angemeldet. Ich gehe auf dem Boulevard Chacabuco hoch zur Plaza España, vorbei am Palacio Orellano. Der stammt zwar erst aus den 20er Jahren, sieht aber aus wie ein echter Palladio. An der Südfassade eine breite Marmor-Freitreppe, griechischer Giebel, ionische Vorhalle mit hohen Doppelsäulen. Allerdings liegt dieser prächtige Säulenportikus im Schatten, nicht im Licht, wie es sich gehört. Südfassade auf der Südhalbkugel ist eben nicht dasselbe wie Südfassade zu Hause bei Palladio in Vicenza. Hier steht die Sonne mittags im Norden, nicht im Süden, wie Sie wissen. Die Cordobeser witzeln darüber und behaupten, der Architekt hätte das Prunkgebäude 1:1 einem italienischen Renaissance-Palast nachgebaut und dabei nicht bedacht, dass der Äquator von Argentinien aus gesehen im Norden liegt. Glaube ich nicht so ganz. Der Architekt war sicher kein Idiot. Und Señor Orellano vermutlich auch nicht. Wer sich so eine Villa leisten kann, hat genügend graue Zellen unter dem Skalp, um zu wissen, dass die Sonne auf der Südhalbkugel von rechts nach links wandert und mittags im Norden steht. Da war sicher eine Absicht dahinter, aber welche? Ich wollte der Sache immer schon nachgehen. Bisher nicht in Angriff genommen, muss nachgeholt werden. Demnächst. Neben dem Portal steht ein Mannschaftswagen des Militärs und dahinter zwei Jeeps. Die Fahrzeuge nehmen sich neben den Palmen im Park und all dem Marmor aus wie Warzenschweine in einer Universitätsbibliothek. Und die Typen, die im olivgescheckten Kampfanzug mit Maschinenpistole neben den knapp bekleideten Marmorstatuen Posten stehen, machen die Sache nicht besser. Der Palacio Orellano dient seit einiger Zeit als Offiziersclub. Mittags können Sie da große Amischlitten mit den Fahrern sehen, Chevrolets und Buicks und so was, während die Herren Offiziere an der Tafel ihre Pläne aushecken.
Als ich auf das Konsulatsgebäude zugehe, sehe ich Orchotaanschiss, der vom Konsulatsbalkon den Blick über seinen Amtsbezirk schweifen lässt. Über seinen Beritt, wie er sich ausdrückt. Er stand auf seines Daches Zinnen und so weiter, Sie wissen schon. Die Vorstellung, dass dieser Blick sich gleich voll Wohlgefallen auf die selbstgeräucherten Forellen heften wird, die mir die Ledermappe vollstinken, schmeichelt meinem Ego irgendwie, ohne dass ich dieses Gefühl für angebracht hielte. Frau Wedekind am Empfang winkt mich wie stets mit indifferenter Miene durch. Ich habe nie versucht herauszubekommen, ob dies die Anmaßung der unteren Chargen zum Ausdruck bringt oder ob sie mich nicht leiden kann. Ich stiefle die Treppe hoch und klopfe. Des Konsuls markige Stimme ruft „herein!“. Er geht mir entgegen, die beiden Arme zur Begrüßung ausgestreckt. Wie er das macht, ohne dass ihm das Sakko von den Schultern rutscht, das er sich stets so flott umlegt, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Sein welliges Haar, das noch gelber ist als die Zähne, bildet einen unästhetischen Kontrast zu seinen ungewöhnlich roten, feucht glänzenden Lippen. Ich muss mich immer zusammennehmen, um ihm direkt in die Augen zu blicken, bei diesem Farbenspiel rundherum. Petri Heil, mein lieber Schill, ruft er jovial und ich gebe Bescheid mit Petri Dank, lege das Paket mit den Sierra-Forellen auf das Sideboard aus besten Teakholz neben die orangefarbene Porzellanlampe Modell Bundesbaudirektion und lasse mich von ihm zum Schreibtisch ziehen. Sehen Sie einmal, mein lieber Herr von Schill, sagt er mit triumphierender Miene, was vor wenigen Tagen eingetroffen ist, und deutet auf einen metallenen Apparat, von dem aus sich ein dickes schwarzes Kabel zum Adapter in der Steckdose schlängelt. Was ist das denn? frage ich erwartungsgemäß, er schiebt mir den Stuhl imperativ in die Kniekehlen und setzt sich mir gegenüber in seinen Drehstuhl Marke Generaldirektor. Ein Rechenautomat, für die Verwaltung, sagt er und sieht mich an wie ein Kind, das sein erstes Fahrrad vorführt. Toll, sage ich, um wie viel Mal schneller rechnet das Ding denn als Sie? Überhaupt nicht, erwidert er zu meiner Überraschung, ich kann das wesentlich fixer. Ich frage ihn, ob ich das glauben darf, und er sagt passen Sie auf und zeigt mir, was er jetzt eingibt: eine Million geteilt durch eine Million. Dann drückt er auf eine Taste, lehnt sich zurück und verschränkt die Arme über seiner Feldherrnbrust. Das Ding fängt an zu arbeiten, dass der Schreibtisch wackelt. Räder drehen sich, ab und zu springt ein Teil hoch und klappt wieder zurück, der Apparat wandert, von seiner eigenen Vibration getrieben, langsam in Richtung Schreibtischkante und es herrscht ein Lärm wie in einer Schneiderwerkstatt voller Nähmaschinen. Nach einiger Zeit sagt Anschütz mit Pokerface „eins“ und mustert mich kühl wie Cäsar den gefangenen Vercingetorix. Der Apparat arbeitet sich weiterhin ab, lässt seine Zahnräder tanzen und druckt schließlich einen Streifen aus, den Anschütz mit drei Fingern abreißt und mir kommentarlos reicht. Ich ahne was ich lesen werde: natürlich, 1.000.000 : 1.000.000 = 1. Es folgt ein triumphierendes fettes rheinisches Lachen wie nach einem Herrenwitz, Anschütz kommt aus Köln. Ich bringe mit fröhlich anerkennenden Blicken meine heitere Bewunderung für seine Nummer und den amtlichen Schnellrechner zum Ausdruck, während der Konsul zur Ehrenrettung bundesdeutscher Technologie dem Rechenautomat eine neue Aufgabe eingibt: eintausenddreihundertzweiundfünfzig Komma zwölf geteilt durch drei. Gönnerhaft sagt er, während der Apparat sich erneut an seine Sklavenarbeit macht, so nun rechnen Sie mal, Schill. Ich nehme das als rhetorische Floskel und klatsche Beifall, als das technische Wunderding aus Deutschland schließlich wieder ein Resultat ausspuckt, das schon stimmen wird.
Auf seinem Schreibtisch sehe ich ein Päckchen Fotos. Aus der Heimat? frage ich. Nee, von der Sonnwendfeier in La Falda, etwas verspätet, ich musste erst den Film zu Ende knipsen, antwortet er und schiebt mir die Bilder rüber. Fröhliche junge Menschen lachen mich an, offensichtlich war der 21. Juni ein klarer Wintertag, der Himmel strahlt in einem kräftigen Blau, im Hintergrund sieht man die Berge der Sierra Grande. Auf anderen Aufnahmen stehen die jungen Leute singend im Kreis, mit brennenden Fackeln, und starren in ein gewaltig loderndes Johannisfeuer. Oder sie springen Hand in Hand durch die Flammen. Mutig, mutig! Etwas heruntergebrannt ist es zu dieser Stunde natürlich schon, das Feuer, die jungen Leute sind ja nicht doof. Alles ist so, wie es damals war oder vielleicht noch immer ist, was weiß ich, ich war ja nie drüben.
Die Jungen und Mädchen auf den Fotos kenne ich nicht, sehr wohl aber die alten Säcke, die man immer wieder rumgrinsen sieht. So ein selbstgewisses, eitles Profi-Dompteurlächeln. Der lange Hansen mit seiner Hans-Albers-Frisur, daneben seine Tochter als Germanen-Gretchen mit roten Schleifen in den blonden Zöpfen. Und dann der dicke Flossencamp, der immer dasteht, als hätte er einen Flaggstock im Rücken. Sie können es einfach nicht lassen, man könnte annehmen, sie haben die Hakenkreuzfahne unter dem Hemd versteckt, bereit, sie bei der ersten besten Gelegenheit zu hissen. Ihre Ortswahl für die Sonnwendfeier ist ja auch nicht ohne: in La Falda steht das halbverfallene Hotel Eden, einst der Stolz des Landes, erbaut von der Familie Eichhorn. In seiner Blütezeit in den 20er- und 30er-Jahren umfasste das Hotel mehr als 100 Zimmer und über dreißig Suiten sowie einen großen Speisesaal für 250 Personen, dazu einen Nebensaal für Kinder und Begleitpersonal. Marmortreppen und aus Europa importiertes Mobiliar im Jugendstil komplettierten die Luxuseinrichtung. Für das Vergnügen der Gäste wurden ein großes Pool-Areal, eine Tennisanlage und ein 18-Loch-Golfplatz angelegt. Erstklassige Pferde standen für Ausritte und Polospiel bereit. Die Eichhorns waren als aktive Förderer Adolf Hitlers bekannt, und während des Krieges wurde im Festsaal jeder deutsche Sieg gefeiert. Nach der Kapitulation der Deutschen entstand das Gerücht, Hitlers Selbstmord sei nur fingiert gewesen. In Wirklichkeit, so munkelte man damals, hätten der „Führer“ und einige Getreue im Hotel Eden Zuflucht gefunden, bevor sie endgültig untertauchten. Wie Sie sehen, ist La Falda der ideale Ort, um ganz unverfänglich zur Sonnwende Fackeln zu schwingen und Feuer lodern zu lassen.
Ich erhielt einen Hinweis vom Amt, gesteht Anschütz leicht verlegen und meint das Auswärtige, dass man in Bonn meine Anwesenheit bei dieser Feier künftighin nicht für opportun hält. Ich habe darauf hingewiesen, dass keinerlei nationalsozialistische Embleme verwendet und auch keine belasteten Lieder gesungen wurden. „Flamme empor“ und ähnliche Texte, die haben wir in Köln bei der katholischen Jugend auch gesungen, ich bitte Sie. Dabei schaut er mich Zustimmung heischend an, als hätte ich im Auswärtigen Amt das letzte Wort. Ich kann mir lebhaft vorstellen, was den alten Opportunisten bewegt. Er kommt hier natürlich nicht darum herum, sich mit der deutschen Kolonie zu arrangieren, ob er will oder nicht. Beim Angeln hat er mir einen Fall geschildert, der ihn offensichtlich beschäftigt. Wir angeln nämlich zusammen, müssen Sie wissen. Ich habe ihm das beigebracht und deshalb zähle ich auch zu dem Kreis seiner Intimi. Ich bin ein Intimus, eine Vertrauensperson, weil er mir sein Herz ausschütten kann, während er den Forellen zeigt, was ein Wurm ist. Ungefähr alle vier Wochen ziehen wir zusammen los, die anderen Wochenenden verbringt er beim Golfen. Wo waren wir eben? Richtig, die deutsche Kolonie. Also, er hat mir geschildert, wie der deutsche Botschafter in La Paz abgesägt wurde, weil er sich zu sehr in die Belange der Kolonie eingemischt hat. Genauer gesagt, der Botschafter fand, dass im Vorstand der Deutschen Schule eigentlich kein Platz für ehemalige Nazis sei. Sie meinen, das ginge ihn auch nichts an? Tut es doch, tut es doch! Die Deutsche Schule wird nämlich von der Bundesrepublik gefördert. „Vom Reich“, wie einige dieser Herren immer noch zu sagen pflegen. Ein paar Anrufe aus der deutschen Kolonie „beim Amt“, wie Anschütz zu berichten wusste, genügten damals, und der Botschafter wurde hinwegbewegt. Keine Strafversetzung, beileibe nicht, eine durchaus ehrenvolle, sogar vorteilhafte Versetzung, aber eben weg. Das spricht sich herum, meinte unser Konsul damals, während er einen neuen Wurm auf den Haken pfriemelte. Das spricht sich herum, lieber Schill, und bei der übernächsten Versetzung bekommen Sie das zu spüren, glauben Sie mir. Der Respekt vor diesem unkontrollierbaren Vorgang war seinen wässerigen Augen abzulesen. Ich weiß nicht, ob er das richtig sieht, aber immerhin war kürzlich im Spiegel zu lesen, dass jeder Dritte im Auswärtigen Amt Mitglied der NSDAP war. Glauben Sie nicht? Ich finde das ist überraschend wenig, wenn Sie bedenken, dass in Bayern 94 Prozent der Richter und Staatsanwälte bei der Partei waren. Wie auch immer, davon sind nach dem Krieg noch eine Menge übrig geblieben, denke ich. Es gab nach fünfundvierzig sogar Botschafter, die alte Nazis waren, einer davon in Buenos Aires. Nicht ganz auszuschließen, dass da auch dreißig Jahre danach noch Spätfolgen auftreten, nicht wahr?
Gut, Rückblick abgeschlossen, zurück zur Gegenwart. Und die sieht so aus, dass der gute Anschütz laviert. Ich will ihm ja nicht nachsagen, dass er weiter rechts steht als ein CDU-Mitglied dies normalerweise tut, aber zum linken Flügel seiner Partei zählt er bestimmt nicht, das können Sie mir glauben. Also, mit einem Wort, es fällt ihm nicht schwer, zur Sonnwendfeier die Fackel zu schwingen, „Flamme empor“ zu singen und vielleicht auch noch den einen oder anderen einschlägigen Song. Und so wie es im Amt aussieht, wird er schon über die Runden kommen, mit der Unterstützung des Deutschen Clubs und des Schulvereins. In Bonn wird man schon Nachsicht üben, wenn er ein bisschen an der rechten Kante rumschlittert, denke ich mal.
Ich schiebe Anschütz die Fotos wieder rüber, und er fragt, was denn die Makelei macht. Im Augenblick gut, antworte ich, es gibt in der Wirtschaftskrise nicht wenige, die sich, bedauerlicherweise, von ihren Immobilien trennen müssen. Andererseits wird angesichts der gegenwärtigen Inflation viel gekauft, die Leute setzen auf Sachwerte, ich kann nicht klagen. Ich erzähle ihm von einem schönen Bungalow mit 800 qm Garten und Schwimmbecken, auf dem Rosenhügel, den ich vor wenigen Tagen hereinbekommen habe, und ob er ihn sich nicht ansehen möchte. Nein, nein, wehrt er ab, wo käme ich hin, wenn ich an jedem Dienstort ein Haus kaufen würde. Nicht an jedem, versuche ich ihm zu erklären, aber hier und jetzt ist die Situation wirklich optimal. Der Peso wird immer weniger wert, Ihre DM bleibt stabil, das Haus zahlt sich von selbst ab. Wenn Sie es dann noch an Ihren Nachfolger vermieten können, machen Sie echt einen Reibach. Er schüttelt den Kopf, dass die Tränensäcke unter seinen wässerigen Augen ins Wackeln geraten, nichts zu machen. Irgendwie ist das ja die sympathische Seite bei ihm, dass er total uninteressiert an Geschäften ist. Ich meine, so prächtig verdient ein Diplomat auch wieder nicht, und etwas Zuerwerb tut jedem gut. Eine sichere Beamtenpension lähmt eben die Urinstinkte, wenn Sie mich fragen.
Genug der Kontaktpflege, es gibt zu tun. Ich erlaube mir noch den wohlgemeinten Hinweis, dass eine geräucherte Forelle keine Langzeitkonserve ist und frisch genossen am besten schmeckt, dann stiefle ich zurück zu meinem Pick-up.
Auf Indianerart
Ich mache das Garagentor auf und lasse mich von Zitzewitz begrüßen. Laut bellend springt er an mir hoch, der schönste Boxerrüde von ganz Córdoba, was sage ich, von ganz Argentinien. Ich bin immer erleichtert, wenn ich ihn nach zwei oder mehr Tagen Abwesenheit heil und gesund antreffe und er mir sagt, wie sehr er mich vermisst hat und wie sehr sich über mich freut. Nein, keine Gesundheitsprobleme, mit seinen fünf Jahren ist er bärenstark und robust. Aber er wäre nicht der erste Wachhund, der an einem Stück vergiftetem Fleisch eingeht, das Einbrecher über die Mauer geworfen haben. Ich habe ihm eine ganze Menge Sachen beigebracht, das ist nicht immer einfach, manchmal denkt er etwas langsam, aber wenn er erst einmal kapiert hat, was man von ihm will, dann sitzt das auch. Außer dass er nicht futtern soll, was er nicht von mir bekommt, oder von Ernesto, dem Gärtner, der sich um ihn kümmert, wenn ich unterwegs bin. Er ist der verfressenste Hund den man sich vorstellen kann. Nie würde er etwas liegenlassen, was nach Fressen riecht, mein Zitzewitz. Wie ich auf den Namen komme? Nein, nicht aus Verehrung für den preußischen Landadel. Ich möchte nur nicht, dass andere ihn rufen, die Peones etwa, wenn ich ihn mal mitnehme aufs Campo, oder fremde Kinder, das verdirbt den Charakter. Zitzewitz kann hier keiner aussprechen, da scheitert die romanische Zunge ohne die geringste Chance. Und bei Schischewi oder Ähnlichem hört mein Hündchen gar nicht erst hin, das verbietet ihm sein Selbstgefühl.
Als ich den Pick-up neben den frisch gewaschenen Stolz der argentinischen Autoindustrie, genannt Peugeot 504, in die Garage stelle, höre ich eben noch das Telefon zweimal klingeln. Zu spät. Kaum bin ich im Bad, um mir die Hände zu waschen, klingelt es erneut. Da hat es jemand eilig. Ich hebe ab und höre Trixi erleichtert aufatmen. Gott sei Dank, sagt sie, Marcos, du musst sofort kommen, bitte, bitte! Was ist denn los, will ich wissen, ich bin doch erst heute Morgen von Euch weggefahren. Es stellt sich heraus, dass Vicky heute Morgen nicht auf der Estancia erschienen ist. Trixi hat etwas herumtelefoniert und erfahren, das Vicky in der Nacht von der Polizei festgenommen wurde und sich immer noch auf dem Kommissariat in Belgrano befindet. Du musst etwas unternehmen, Marcos, fleht sie mich an, Rafa ist unterwegs bei Kunden, ich kann ihn nicht erreichen. Ihr Schluchzen trifft mich mitten ins Herz. Vicky in der Gewalt dieser zwei uniformierten Räuber und Trixi mit vor Aufregung feuchtem Höschen allein auf der Estancia - man muss nicht auf einen baltischen Adeligen der alten Art als Erzeuger zurückblicken können, um in der Brust plötzlich das Herz eines Ritters von König Arthus´ Tafelrunde schlagen zu fühlen. Beruhige dich bitte, sage ich durchs Telefon, ich nehme noch eine Dusche und bin praktisch schon auf dem Weg.
Diesmal nehme ich den 504 und packe Zitzewitz auf den Rücksitz. Eigentlich ist der Wagen für die Straßen nach Belgrano zu schade. Aber wir haben es eilig, die Jungfrau aus den Fängen des Drachen zu befreien, und der Pick-up ist eine lahme Schüssel, da müssen die Stoßdämpfer von Argentiniens Stolz schon Verständnis aufbringen.
Vor der Polizeiwache sitzt Marinelli, die Uniformmütze in den Nacken geschoben. Der Wanst in dem verwaschenen dunkelblauen Hemd quillt über den Gürtel. Er denkt, er wäre John Wayne, der mit seinem Colt ganz El Dorado unter Kontrolle hat, unverkennbar. Wie geht´s, Herr Hauptmann? sage ich. Er besitzt doch tatsächlich die Unverschämtheit zu antworten, er habe schon schlechtere Nächte erlebt und zeigt ein ganz billiges, primitives Machogrinsen, das Schwein. Ich bedaure zutiefst, dass ich nicht in der Situation bin, ihm ein paar deutliche Worte zu stecken. Stattdessen sage ich, betont formell, dann könne er mir doch sicher Auskunft über Señorita Victoria Carvallo geben. Ob ich denn ein Verwandter sei, fragt er provozierend, andernfalls sei er zur Verschwiegenheit verpflichtet. Schon das Wort Verschwiegenheit aus diesem fettlippigen Froschmaul ist blanker Hohn. Ich schiebe mit der rechten Hand etwas Sand zusammen, nehme ihn mit drei Fingern hoch und lasse ihn möglichst langsam wieder zu Boden rieseln. Dabei schaue ich Marinelli vielsagend an. Er ist ein Dummkopf, aber dass er sich jetzt für die Gratisladung Bausand erkenntlich zu zeigen hat, ist ja nicht schwer zu kapieren. Außerdem hat er Übung mit solchen Spielchen, der korrupte Sack. Immer noch grinsend antwortet er: Aber sicher, die ist hier, die Señorita, und was ich sonst noch über sie erzählen kann, ist sehr positiv, aber damit würde ich Ihnen ja nichts Neues sagen, das wissen Sie doch schon selber, oder? Er nützt seine Situation bis zum Letzten aus, der Drecksack, aber er vergisst in seiner Blödheit, dass ich ihm das heimzahlen werde, und zwar prompter als er mir den Bausand, darauf kannst du dich verlassen, du Arsch Marinelli. Aber ehrlich, das ist mir jetzt langsam zu dumm, mich mit dieser subalternen Null herumzuärgern, und ich erkläre ihm, dass ich eben mal durchgehe, um Acevedo Guten Tag zu sagen. Der Herr Leutnant ist unterwegs, Verbrecher jagen, sagt Marinelli, und macht eine ironisch respektvolle Miene, der falsche Hund. In dem Augenblick kommt der Landrover um die Ecke, und Acevedo steigt aus. Er nimmt zum Gruß die Hand an die Uniformmütze, schaut zu mir, dann zu Marinelli und wieder zu mir. Gehen wir hinein! sagt er und stiefelt voraus. Sein Kollege bleibt draußen sitzen und betrachtet seinen Wanst. Die Polizeiwache ist nicht viel mehr als eine billige Baracke, und einen Moment lang empfinde ich so etwas wie Mitleid für die Männer, die ihr Leben in solchen halbverfallenen, verschmutzten Räumen verbringen müssen. An dem schiefen Kleiderhaken im Flur hängt friedlich eine Maschinenpistole, ich könnte mich ohne weiteres bedienen. Offensichtlich hat man hier volles Vertrauen, dass die Montoneros sich darauf beschränken, den Norden des Landes unsicher zu machen und dass die Stadtguerilla eben nur in der Stadt schießt und bombt, und nicht hier auf dem Land am Rande der friedlichen Sierra. Ich biete ihm eine Zigarette an und sage, dass ich gerne Señorita Vicky mitnehmen und nachhause bringen würde.
Er hebt eine Augenbraue an, die linke, lehnt die Zigarette mit einer knappen Handbewegung ab und antwortet ganz ruhig.
- Wir haben Victoria Carvallo heute Nacht festgenommen, weil wir nicht ausschließen können, dass sie mit dem Mord auf der Estancia zu tun hat.
Langsam verliere ich die Geduld.
- Sie glauben doch selbst nicht, dass ein 20jähriges Indianermädchen zu einem solchen Mord fähig wäre? Einen Mann in der Hängematte zu verbrühen? frage ich und nehme einen tiefen Lungenzug.
- Im Gegenteil! Das ist doch Indianerart, sagt er kühl, öffnet das Fenster und schiebt mir den Aschenbecher hin.
Jetzt platzt mir der Kragen. Was denkt er sich, dieser Sohn spanischer Einwanderer? Ich gebe meiner Stimme eine gewisse Schärfe.
- Wir wollen nicht vergessen, dass die Spanier in solchen Dingen auch nicht unerfahren sind. Man kann sich ja einmal bei den Indianern danach erkundigen.
- Das ist lange her. Sollte man nicht besser bei den Deutschen nachfragen? Da könnten möglicherweise Spanier und Indianer noch dazulernen, soviel ich gehört habe.
Ich denke angestrengt nach, um mir eine Parade einfallen zu lassen, als mir klar wird, dass das nicht höhnisch oder aggressiv klang. Eher betrübt. Ich mache langsam und gründlich die Zigarette aus, um mich unter Kontrolle zu kriegen und sage:
- Ich bin Argentinier, Leutnant.
- Ich auch, Señor Schill, antwortet er ruhig und mustert mich mit seinen braunen Augen.
Ich fürchte, ich habe ihn unterschätzt. Das ist ein anderes Kaliber als der dicke Marinelli, zweifellos. Ich habe den Eindruck, er weiß was er will und was er kann. Na, dann wollen wir´s mal versuchen und ein bisschen einlenken.
- Nun sagen Sie doch schon, was liegt denn eigentlich gegen das Mädchen vor?
- Ich will es Ihnen sagen. Erstens: Sie haben bei unserem ersten Gespräch die Existenz von Victoria Carvallo mit keinem Wort erwähnt, obwohl sie bei dem Ermordeten geputzt hat. Was Ihnen natürlich bekannt war. Zweitens: eine Freundin der Festgenommenen, Clara Gomez, erzählte uns, Koch habe die Carvallo mehrfach belästigt, während sie selbst behauptete, er habe sich ihr gegenüber stets korrekt verhalten. Drittens: sie ist Bolivianerin und hat keine gültige Aufenthaltsgenehmigung. Viertens: es besteht also Fluchtgefahr. Das reicht doch wohl, Señor Schill, oder sehen Sie das anders?
Da kann man nicht viel einwenden, wie er das so sachlich und kühl darlegt, und ich fange an, mir ernstlich Sorgen um Vicky zu machen, obwohl dieser Acevedo nicht so wirkt, als würde er auf Teufel komm raus einen Sündenbock suchen, nur um eine Erfolgsmeldung absetzen zu können. Um Zeit zu gewinnen, frage ich ihn, woher er eigentlich von dem Verbrechen wusste. Die Frage drückt mich schon seit gestern. Er und diese Null von Marinelli sind schließlich nicht zufällig hoch gekommen nach „El Porvenir“.
- Gegenfrage, erwidert er und lächelt überlegen aber keineswegs hämisch, wieso hat mich Herr Bertram nicht verständigt.
- Ganz einfach, wir bekamen keine Verbindung.
- Señor Schill, sagt er mit einem Ton als spräche er zu einem Kind, das noch nicht gelernt hat zu lügen, das glaube ich Ihnen nicht, und Sie wissen, dass ich das nicht glaube. Warum lassen Sie sich nichts anderes einfallen? Oder noch besser, spielen Sie doch mit offenen Karten!
- Wie das? stammle ich leicht hilflos und ärgere mich zugleich über meine verlegene Reaktion.
- Na gut, lassen Sie mich den Anfang machen. Ich will Ihnen sagen, woher ich Bescheid wusste, obwohl ich Ihnen das nicht sagen müsste. Wir haben einen telefonischen Hinweis erhalten.
- Das kann nicht sein, auf „El Porvenir“ gibt es nur einen einzigen Telefonapparat.
- Das ist richtig, davon habe ich mich überzeugt.
- Und das heißt?
- Der Anruf erreichte uns sehr früh, etwa zwei Stunden bevor wir bei Ihnen oben waren. Was schließen Sie daraus?
- Dass es jemand gibt, der vor uns Bescheid wusste. Jemand der nicht auf „El Porvenir“ wohnt. Was genau sagte der Anrufer?
- Er sagte nur einen Satz: Fahren Sie schnell nach „El Porvenir“, dort ist heute Nacht der Verwalter ermordet worden.
- Sonst nichts?
- Das war alles. Aber eine Sache fiel mir auf. Der Anrufer konnte kein „r“ aussprechen.
Er sah mich bedeutungsvoll an.
- Sie meinen...? frage ich zögernd.
- Es wäre gut möglich, dass es sich um einen Deutschen handelt, der das spanische „r“ nicht beherrscht.
- Oder um einen Franzosen, wende ich ein.
- Es könnte ja auch ein Spanier mit einem Sprachfehler gewesen sein, sagt er mit einem kleinen Lächeln und zieht die Revers seiner Uniformjacke glatt.
- Ich werde heute nach Córdoba zurückfahren, fährt er fort. Wissen Sie, ich bin dort seit kurzem stationiert, ich war vorher in Buenos Aires. Hierher nach Belgrano bin ich nur gekommen, um die Comisaría kennen zu lernen. Eine Informationsfahrt, wenn Sie so wollen. Ich nehme an, Ihnen liegt daran, dass der Mörder rasch gefunden wird. Ihre Freunde Bertram dürften sich vermutlich seit gestern dort oben nicht mehr sehr wohl fühlen.
Er stellt sich neben mich und sieht durchs Fenster hinaus Richtung Marinelli, der im Halbschlaf vor sich hindämmert.
- Mein Kollege wird vermutlich bei der Aufklärung keine große Hilfe sein. Also, helfen Sie mit und lassen Sie es mich wissen, wenn Sie etwas herausfinden. Einverstanden?
Zu meiner Verwunderung streckt er mir seine Hand entgegen. Ich schlage ein und frage ihn, ob er Vicky nach Córdoba mitnehmen wird. Bei der Vorstellung, sie hier in Belgrano allein zu wissen mit diesem Scheißkerl von Marinelli, wird mir richtig schlecht.
- Sie kann nach Hause, oder was sie so nennt, sagt er zu meiner Überraschung.
- Heißt das, dass sie nicht mehr unter Verdacht steht?
- Ich habe ihr Alibi überprüft, sie ist frei. Bis auf weiteres.
- Wo war sie denn zur Tatzeit?
- Das muss sie Ihnen schon selber sagen. Warten Sie bitte draußen, es gibt noch ein paar Formalitäten zu erledigen.
Ich gehe hinaus und stelle mich weit genug von Marinelli entfernt auf, um von ihm nicht angesprochen zu werden. Aber er tut ohnehin so, als würde er meditieren. Es vergeht eine lange Viertelstunde, dann kommt Vicky heraus. Sie ist wirklich eine anmutige Erscheinung, wie sie die drei Stufen runtersteigt und das kurze hellblaue Jerseykleidchen sich an ihre braunen Schenkel schmiegt. Unbewegt, als wäre nichts gewesen, geht sie auf mich zu. Ich sage, dass ich sie nach „El Porvenir“ bringen werde. Acevedo schaut zu meinem Peugeot hinüber und fragt etwas amüsiert lächelnd, wer denn der Beifahrer ist. Beifahrer? frage ich, was denn für ein Beifahrer? Aber da sehe ich, dass mein Boxer nach vorne gesprungen ist und sein edles Profil zeigt. In der Tat, er sieht aus wie der alte Heyse, der manchmal mein Haus einhütet, nur die Zigarre unter der dicken Nase fehlt. Das ist Zitzewitz, antworte ich, aber Acevedo lässt sich gar nicht erst darauf ein, den Namen nachzusprechen - clever, clever! - sondern sagt, dass er Hunde gern hat und dass er ihn „Tio“ nennen wird, „Onkel“ also. Aha, man wird sich also wieder sehen, mit oder ohne Hund. Ist das eine Drohung, oder der Beginn einer wunderbaren Freundschaft? Wer weiß, wer weiß.
Vicky steigt ein, ohne an Marinelli, der sich in seinem Stuhl aufgerichtet hat und ihr mit einem schmierigen Ausdruck in seinem Tomatengesicht nachsieht, auch nur einen einzigen Blick zu verschwenden. Während der Fahrt frage ich sie, ob es schlimm war und sie antwortet, dass sie schon jemand finden wird, der diesem Schwein von Marinelli die Hoden abreißt.
Oben in „El Porvenir“ wartet Trixi auf uns, sie hat ebenfalls so ein Minifähnchen an, ganz ungewöhnlich, macht sie sonst nie. Wenn sie auf der Estancia ist, trägt sie immer Jeans. Der Wind presst das bisschen Stoff, soweit es reicht, an die nette Stelle, wo die Beine enden. Natürlich sieht man nichts, aber was man sieht, ist ganz allerliebst. Sie fragt Vicky, was sie als erstes möchte, eine Tasse Kaffee, ein Glas Wasser oder was sonst. Eine Dusche, antwortet Vicky, und eine Zahnbürste. Trixi legt einen Arm um ihre Schulter und sagt, das könnte sie jetzt auch vertragen, gehen wir doch zusammen unter die Dusche.
Die beiden ziehen schnatternd ab, und ich verstehe mühelos, dass sie auf meine Anwesenheit in der Dusche keinen Wert legen.