Читать книгу ICH, DIE FRAU DES TALIBAN - Dimitra Mantheakis - Страница 4

1

Оглавление

Kabul, 1999

Die Hinrichtungsstätte… Das Stadion… Die geschlossenen Fahrzeuge, in denen wir transportiert werden, fahren jetzt durch das Eingangstor auf die Tribüne zu, wo die Knan, die Herrscher, sitzen. Die Menge johlt, wiegt sich vor und zurück, von einer Seite zur anderen. Turbane und Burkas sind gleichermaßen vertreten. Doch wen kümmert das schon…

Ich fühle mich wie im Zentrum eines Kreisels; der Schwindel dreht mir den Magen um, dessen Bitterkeit mir in den Mund steigt. Meine Lippen sind trocken. Entlang der ersten Reihe sehe ich kleine Steinhaufen. Einer dieser seelenlosen Brocken wird in Kürze die schmerzhafte Waffe sein, die meinen Tod herbeiführen, meinen Lebensfaden für immer zerreißen wird. Mein Herz krampft sich zusammen, als mir bewusst wird, dass ich nunmehr die letzte Phase des Alptraums durchlebe, der mein Schicksal ist.

Die Wärter treiben uns ungefähr in der Mitte des Sportplatzes aus den Wagen, unweit der Tribüne der Offiziellen. Gewehrsalven sind zu hören; sie zerreißen die Luft und bohren sich in die ausgezehrten Körper der Männer. Die Menge gröhlt triumphierend. Vor Grauen schlagen meine Zähne aufeinander. Die Frauen neben mir beginnen zu stöhnen und wie wilde Tiere zu heulen. In irrsinniger Todesangst versuchen sie, nach rechts und links auszubrechen, doch vergebens. Grobe Stöße, Fußtritte und Schläge mit Stöcken und Gewehrkolben stellen die Ordnung wieder her.

Zur Statue erstarrt verfolge ich die brutalen Szenen, stumm und vor Panik wie von Sinnen. In meiner Verzweiflung hebe ich die Augen zum Himmel und flehe Gott um Hilfe an.

Als Antwort segelt ein Wurf Steine auf uns zu, begleitet von Beschimpfungen und Flüchen aus geifernden Mäulern. Der erste trifft mich in den Bauch - mein Leib krümmt sich vor Schmerz. Der zweite landet in der Seite. Ich schreie gellend, immer und immer wieder, versuche verzweifelt mit krampfhaften Bewegungen, den nächsten Steinen auszuweichen. Die Frauen neben mir sind bereits in die Knie gesunken. Sie wurden offenbar am Kopf getroffen. Die Glücklichen…

Einige Sekunden noch dauert die Steinigung an. Das Gefühl, als ob alles, was geschieht, einer anderen Person widerfährt, breitet sich in mir aus. Schmerzen und Verzweiflung haben mir meine letzten Kräfte genommen.

Ich weiß, dass in wenigen Minuten alles zu Ende sein wird. Schon spüre ich den brennenden Atem des Todes auf meinem Gesicht.

Dann plötzlich, wie ein Protest Gottes, wird der Himmel durch einen furchtbaren Blitz in zwei Hälften zerfetzt. Ein ohrenbetäubendes Krachen übertönt alle anderen Geräusche und erschüttert das Stadion wie ein Erdbeben.

Geschützdonner ist in nächster Nähe zu hören. Raketen und Granaten zerschneiden die Luft und bohren sich an verschiedenen Stellen ins Stadion, graben sich tief in die Sitzreihen und den Boden ein und wirbeln Körper, Betonplatten, Erde in die Höhe.

In wilder Panik rennt die aufgeschreckte Menge, in Staubwolken eingehüllt, blind durcheinander, nur fort, trampelt sich gegenseitig nieder, stößt schrille Schreie aus, rast.

Als ich mich, verwundet und schwindlig, nach links wende auf der Suche nach einem Weg, um bei diesem Aufruhr und Höllenlärm zu entkommen, trifft mich ein Stein seitlich am Kopf, neben dem Ohr. Und wie ein Vorbote des Nichtseins von Morgen, das bereits zu Gestern wurde, schwindet die Welt, schwindet mein Leben dahin…

ICH, DIE FRAU DES TALIBAN

Подняться наверх