Читать книгу Borgo Sud - Donatella Di Pietrantonio - Страница 10
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ОглавлениеGestern haben sie mich am späten Vormittag aus dem Unterricht ins Sekretariat gerufen. Es war kurz vor dem Ende der Stunde, wir sprachen gerade über Francesco Biamonti. Sein Buch Die Reinheit der Oliven ist einer der Romane, die ich für dieses Semester ausgewählt habe, es fällt meinen Studenten nicht leicht, ihn zu lesen, aber sie haben angebissen. Ich wollte ihr Verständnis des Italienischen und einige Gewissheiten über ihr Land auf die Probe stellen.
Alain war beeindruckt von dem »unruhigen Schweigen« des Protagonisten und von der Landschaft, den Seealpen, die von der ersten bis zur letzten Seite die Erzählung durchziehen. »Wie eine Interpunktion«, sagte er.
»Man fühlt sich wirklich, als wäre man dort, in Ligurien«, fügte die kleine Brünette hinzu, die in der zweiten Reihe sitzt.
»Es liegt ja auch gleich hier hinter der Grenze, etwas weiter südlich.« Ich nickte zum Fenster hin.
Luc rutschte auf seinem Platz hin und her, bevor er sich meldete. Er wollte einen Satz vorlesen, der seinen Nationalstolz gekränkt hatte. »Ab und zu nimmt jemand Frankreich in den Arm, zeigt es der Welt, damit alle glauben, es sei lebendig, dabei ist es tot.«
Ich bin ihm zuvorgekommen: »Soll man einen kritischen Blick immer ablehnen oder kann er nützlich sein, um das zu verstehen, was wir an uns nicht sehen können?«
Im Büro erwartete mich ein dringender Anruf aus Italien. »Sie haben es schon auf Ihrem Handy probiert, aber es war abgeschaltet«, sagte die Angestellte, die Hand über dem Hörer. In der Sekunde bevor ich antwortete, habe ich mir alle möglichen Unglücksfälle vorgestellt, aber nicht das. Nicht das, was mich im Zimmer 405 wach hält. Nebenan kommt jemand zurück, ich höre die Türe und dann das Pinkeln im Bad auf der anderen Seite der Wand.
Die Stimme am Apparat war mir fremd, und der Dialekt von Pescara klang am Anfang total irreal.
»Du musst sofort herkommen« – der Rest war ein aufgeregtes, unartikuliertes Gestotter.
Der Anruf war kurz, ich sagte, wenn ich einen Platz im Zug bekäme, würde ich am nächsten Morgen losfahren. Als ich aufgelegt hatte, schnappte ich nach Luft, und die Angestellte schob mir einen Stuhl hin. Ich setzte mich. Mir fielen die Atemübungen ein, die Piero mir beigebracht hat, als wir zum ersten Mal zusammen auf den Gran Sasso gestiegen sind. An einem Tag, der so klar war, dass der Berg vor uns aufragte wie eine blendende Basilika, kletterten wir auf dem direktesten Weg hinauf. Bei einem ungeschützten Abschnitt blickte ich ins Leere unter uns, so leicht konnte man diesen Tod wählen, es genügte, die Hände zu lösen. An die Felswand geklammert, zitterte ich, unfähig, weiterzugehen.
Im Sekretariat der Universität Grenoble besann ich mich auf die Zwerchfellatmung, fand meine Selbstbeherrschung wieder. Man brachte mir auch ein Glas Wasser, und ich trank es. Eine ganze Vergangenheit rief mich zurück, wie eine gespannte Feder, die sich plötzlich lockert und in die Ausgangsstellung zurückkehrt.
Nun bin ich hier. Draußen hört man ein mechanisches Pfeifen, vom Hafen her, durch die Dunkelheit verstärkt. In regelmäßigen Abständen wird es unterbrochen, und so wiegt die Stille schwerer. Wer weiß, ob Adriana es auch hört, das Pfeifen und die Stille. Morgen werde ich sie sehen. Morgen ist schon heute, 01:01 blinkt es an meinem Handgelenk, die doppelte Stunde.
Auch sie hat in der Nacht, als sie zu mir kam, nicht mehr geschlafen. Am Morgen erwartete sie mich im Bad, auf dem Rand der Wanne sitzend, mit einem Handtuch auf den Schultern und frisch gewaschenen Haaren.
»Los, mach schon, ich will nicht, das Piero mich so sieht«, sagte sie und hielt mir die Schere hin.
Ich protestierte, das könne ich nicht, sie müsse zum Friseur gehen.
»Nein, ich geniere mich. Es ist nicht schwer, mach sie einfach so kurz wie hier«, und sie fasste sich ans Ohr.
Um es mir leichter zu machen, kämmte sie die Haare ganz glatt. Ich begann, die ungeeignete Schere in der einen Hand und die Strähnen zwischen den Fingern der anderen, immer nur eine. Weich fielen sie auf Adrianas Beine, unten in die Badewanne, auf den Boden. Sie hatte sich beruhigt, ich fühlte es, keine verkrampften Muskeln mehr, keine zusammengebissenen Zähne.
»Woher kommst du?«, fragte ich vorsichtig.
»Den Ort kennst du sowieso nicht.« Sie wischte sich ein paar Haare von der Nasenspitze. »Jetzt mach mich nicht verrückt mit deiner Fragerei, schneid und sei still.« Sie gähnte mit einem Knirschen. »Du musst mir was zum Anziehen leihen, ich bin etwas überstürzt losgerannt«, und sie lachte einen Augenblick, während sie am Saum ihres Nachthemds zog.
»Und Vincenzo?«, fragte ich sie.
»Babynahrung braucht er keine, ich stille ihn noch. Für die dringendsten Sachen gehst du nachher raus und kaufst sie ihm.«
»Ich?«
»Ja, du. Es ist besser, wenn ich eine Weile zu Hause bleibe.« Sie schloss den Mund auf eine Art, die keine Widerrede duldete.
Zuletzt föhnte sie sich, und wir waren beide untröstlich über das Resultat: Die Haare sahen aus wie abgebissen, und sie wirkte krank mit ihren tiefen, fahlen Augenringen. Sie wurde aber nicht wütend, sondern bat mich um Pieros elektrischen Rasierapparat und fuhr sich damit ohne Hast über den Kopf, wobei sie geschmeidig den Hals drehte.
»Prima, fangen wir wieder bei null an«, sagte sie und musterte sich beinahe erfreut im Spiegel.
Auf einmal sah sie wie ein kleines Mädchen aus, so verletzlich wie ein rohes Ei. Sie war siebenundzwanzig, aber man bekam Lust, sie zu beschützen, ihr über den im Vergleich zu dem wilden Gesicht perfekten Stoppelkopf zu streichen. Ich berührte ihn einen Moment mit den Fingerspitzen, und sie entzog sich nicht, daraufhin spreizte ich die Hand, wie um ihn nach all dieser Zeit mit einer reglosen Liebkosung zu umfassen.
Anschließend gingen wir ins Schlafzimmer, um nach Vincenzo zu sehen. Adriana hatte zwei Kissen an die Bettkante gelegt, damit er nicht herunterfallen konnte. Auf der anderen Seite schlief Piero in Kleidern auf dem Laken, zu dem Kind hingedreht, einen Arm auf dem kleinen Körper, aber ganz locker. Durchs Fenster fiel das erste, noch graue Licht des Tages auf sie, und die Geräusche der erwachenden Stadt, die Müllabfuhr auf ihrer Runde. Adriana stieß einen leisen, überraschten Schrei aus, und Piero öffnete die Augen, ohne sich zu bewegen.
»Das hätte ich ja nicht von dir erwartet«, sagte er mit einem Blick auf das Kind zu ihr.
Er war leise heimgekommen und hatte unsere Stimmen im Bad gehört. Kaum hatte er begriffen, was los war, hatte er sich neben dem Neuankömmling ausgestreckt. Er dehnte sich bis zu den gebräunten Füßen.
In der Küche scherzte er mit Adriana über ihre neue Frisur und hielt mich am Handgelenk fest, als ich die Gasflamme für den Kaffee anzündete. Von Nahem roch er ein wenig nach Krankenhaus, die Desinfektionsmittel und der Schmerz hatten ihn bis nach Hause begleitet. Ich fragte ihn, wie es seinem Vater ging, und er beruhigte mich.
»Lass uns zur Feier des Tages im Esszimmer frühstücken«, sagte er im Hinausgehen. Das war er von seiner Mutter gewöhnt, und ich machte es zu diesem Anlass genauso: Tischdecke aus flämischem Leinen, Porzellantassen und Silberlöffel, die wir zur Hochzeit bekommen hatten. Gedankenverloren deckte ich den Tisch, für Adriana, die ich drüben hantieren hörte, und für ihr Kind, das seit wenigen Stunden in mein Leben getreten war. Gerade hatte eine Zukunft begonnen, die ganz anders war, als ich es mir vorgestellt hatte.
»Da ist die Tante«, stellte sie mich vor, als Vincenzo aufwachte.
Sie hielt ihn mir hin, doch er verzog die Lippen wie zum Weinen, und ich ließ die Arme sinken. Mit beweglichen, sehr dunklen Augen sah er sich um. Einen Moment lang runzelte er die Stirn, entspannte sich aber gleich wieder, beruhigt durch den Kontakt mit seiner Mutter. Neugierig berührte er ihren kahl rasierten Kopf. Adriana wechselte ihm die Windeln, sie hatte welche in ihrem Beutel dabei, dann knöpfte sie ihr Nachthemd auf, setzte sich auf mein Bett und hielt ihm die Brust hin. Vincenzo trank sich satt und bewegte ab und zu die Hand auf dem blau geäderten Busen. Ich konnte es kaum glauben, dass meine dünne kleine Schwester fähig war, so viel Milch zu produzieren; ein Rinnsal floss vom Mundwinkel bis zum Hals des Kindes. Mit schrägem Blick kontrollierte es, dass ich den Sicherheitsabstand einhielt. Es war schon neun Monate alt.
Piero kam mit einem Strauß Feldblumen, den er auf einem Wochenmarkt gefunden hatte, und noch warmen Croissants aus der Konditorei Renzi zurück. Sofort angelte sich Adriana eines und verschlang die Hälfte mit einem Bissen.
»Ein Tisch wie bei reichen Leuten«, war ihr Kommentar, während sie die Blumen in die Vase stellte.
Das Kind hatte sich vom Onkel auf den Arm nehmen lassen und lächelte ihn an, als wären sie sich in dem kurzen gemeinsamen Schlaf schon nähergekommen. Aus der Küche brachte ich die Espressokanne, in der noch die letzten Tropfen hochblubberten. Wir setzten uns, Vincenzo auf Pieros Schoß, Adriana daneben. Sie reichte ihrem Sohn das Ende des Croissants. Wir wirkten wie eine Familie, die in Ruhe ihr Frühstück genießt.
Plötzlich klopfte es mehrmals an der Tür. Adriana sprang ruckartig auf und stieß dabei an das Tischbein, dass die Espressokanne wackelte. Ich konnte sie gerade noch auffangen, verbrannte mir aber die Finger. Adriana stürzte ins Bad und vergaß sogar Vincenzo.
Der Signora von oben war ein Handtuch auf unseren Balkon gefallen. Sie habe ja gar nicht gewusst, dass wir einen Neffen hätten, so ein hübsches Kind, und die Mama sei auch da, ja, sie sei nur einen Augenblick drüben. Jetzt würden wir sicher auch Lust kriegen, ein Kind zu bekommen, sagte die Nachbarin, nahm Vincenzos Hand und schwenkte sie fröhlich. Das war zu viel für ihn, die Mutter plötzlich verschwunden, und dann die Fremde, die auf ihn einredete und ihn anfasste: Er begann zu weinen, zuerst nur leise, dann mit aller Kraft seiner kleinen Stimme. Selbst das konnte Adriana nicht aus ihrem Versteck locken, vielleicht hörte sie ihn auch gar nicht, weil sie sich in eine Ecke verkrochen hatte, wie früher manchmal zu Hause im Dorf, die Hände auf die Ohren gepresst. Ich rief sie, und sie antwortete nicht, ich rüttelte an der Klinke, hämmerte mit Fäusten an die Badezimmertür. Die Nachbarin war mir inzwischen egal. Mit meiner Schwester war es schon immer so, von einem Augenblick zum anderen konnte sie mich zu Tränen rühren oder vor Wut rasend machen.
»Adriana, komm raus und kümmere dich um deinen Sohn«, schrie ich und wartete auf eine Reaktion, die nicht kam.
Ich ging wieder hinüber und gab der verstummten Signora ihr Handtuch zurück. Dann verabschiedete ich sie rasch. Unterdessen bemühte sich Piero, Vincenzo zu beruhigen, und zeigte ihm zur Ablenkung am geöffneten Fenster das Meer, die nahen Wellen, ein vorbeifahrendes Boot, aber der Blick des Kindes reichte nicht bis dorthin. Es wollte nur seine Mutter. Sobald ich die Wohnungstür geschlossen hatte, kam Adriana mit einem frischen Gesicht heraus, nahm ihren Sohn, der ihr die Arme entgegenstreckte, wieder an sich, und das Weinen verstummte, als hätte sie einen geheimen Schalter gedrückt.
»Du hältst dich für wer weiß wie lieb, dabei strotzt du vor Bosheit.« Sie konnte sich nicht verkneifen, mir das zu sagen, bevor sie sich wieder an den Tisch setzte, um zu Ende zu frühstücken.
Piero und ich sanken erschöpft aufs Sofa, ich spürte, wie ihm der Schweiß aus allen Poren drang. Wir waren das Durcheinander, das Kinder mit sich bringen, nicht gewöhnt. Einige befreundete Paare hatten zwar schon welche, aber sie waren noch klein: Von Weitem mochten wir die Babys der anderen. Unsere Kinder waren bisher ein vages Projekt, kein wirklicher Wunsch, eher ein Gedankenspiel, notwendig, aber nicht ausreichend.
Nach wenigen Minuten erhob ich mich, ich musste die zwei in einem Zimmer unterbringen und dann hinausgehen, um für Vincenzo das Nötigste einzukaufen. Piero streckte die Beine aus und schlief noch ein bisschen, um sich von der Nacht bei seinem Vater im Krankenhaus und von den Überraschungen des Morgens zu erholen.
Am Abend haben wir dann geredet. Ich lag schon im Bett, als er heimkam, er knipste die Lampe auf seinem Nachttisch an und beugte sich herunter, um mich auf den Nacken zu küssen, auf seinen Lieblingswirbel. Das leise Rascheln des Hemds, das er auf dem Stuhl ablegte, die am Fenster abgestreiften Schuhe.
»Mein Mädchen ist noch wach«, flüsterte er und brachte unter die Decke den Pfefferminzduft seines Atems und einen Rest von der Fröhlichkeit der Gesellschaft mit, die er gerade verlassen hatte.
»Du musst Adriana entschuldigen«, sagte ich. »Sie ist ohne Vorwarnung hier hereingeplatzt, aber ich glaube nicht, dass sie und das Kind lange bleiben werden.«
Er machte das Licht aus und umarmte mich von hinten, er mochte es, so einzuschlafen.
»Ich freue mich, sie hier in der Wohnung zu haben. Vincenzo ist süß, und mit deiner Schwester ist es immer lustig.«
»Für mich nicht so sehr«, erwiderte ich und nahm seine Hand.
Er rieb seine Nasenspitze an meiner Schulter, als juckte es ihn. Dann erstickte er einen Schrei an meinem Rücken, aber nur zum Spaß: »Deine Füße sind ja auch im Sommer eiskalt.«
»Und deine glühend heiß.«
»Jetzt wärme ich sie dir«, sagte er mit schlaftrunkener Stimme.
Ich fühlte, wie sich sein Körper entspannte und um mich ausbreitete. Seine Hand lockerte sich in meiner. Ich würde so bleiben bis zum Morgen, wach an einem sicheren Ort.