Читать книгу Borgo Sud - Donatella Di Pietrantonio - Страница 13
6
ОглавлениеAm nächsten Tag musste ich sie im Auto »wohin« bringen. Wir fuhren am rechten Flussufer entlang, als sie sagte, ich solle anhalten. Wir gingen zu Fuß weiter, Adriana immer etwas vorneweg, kerzengerade und auf den Weg konzentriert. Kleine salzige Wellen schwappten von der Mündung stromaufwärts, irritierten meine Augen.
»Hätten wir nicht später kommen können, wenn es kühler ist?«, fragte ich.
»Manche Sachen muss man in der Mittagshitze machen«, erwiderte meine Schwester und wandte sich Richtung Borgo Sud.
Gewiss litt auch sie unter ihrem Strohhut und der Sonnenbrille, die sie sich ohne zu fragen bei mir geborgt hatte. Wir wagten uns zwischen die Sozialwohnungsblocks und die ein- bis zweistöckigen Häuser. Ich war noch nie in diesem Viertel gewesen, wusste aber, dass Adriana seit Jahren hier verkehrte.
Die Stadt erstaunte mich, sie entpuppte sich als größer und verschieden von dem Plan in meinem Kopf, der sich aufs Zentrum und wenige Vororte beschränkte. Einige Hauswände waren mit naiven Motiven bemalt, ich blieb einen Moment stehen, um das Bild eines muskulösen Seemanns zu betrachten, der sein Boot aufs Trockene zog, im Hintergrund Segel im Wind.
Auf der Straße war niemand unterwegs, weder zu Fuß noch im Auto, die Fensterläden waren geschlossen, die Lieferwagen der Fischhändler parkten am Gehsteigrand. Das Viertel wirkte wie ein geschlossener Raum, in dem die Zeit langsamer verging und andere Regeln herrschten. Eine unsichtbare Grenze schottete ihn von Pescara rundherum ab. Aber es war sauber, nicht ein weggeworfenes Stück Papier auf dem Boden.
Adriana bemerkte, dass ich zurückgeblieben war, trat zu mir und zog mich am Arm.
»Das ist kein Ausflug, beeil dich«, knurrte sie zwischen den Zähnen. »Die, die nicht draußen auf dem Meer sind, schlafen nach dem Mittagessen«, fügte sie leise hinzu, als könnten wir jemanden wecken.
Aber auf einem schattigen Balkon im ersten Stock saß doch jemand und aß mit nacktem Oberkörper eine Wassermelone. Als er uns sah, hielt er mit dem Stück in der Luft inne. Er spuckte Kerne aus. Unter seinem Blick bewegte Adriana sich ruckartig, ein Zeichen dafür, dass sie Angst hatte. Irgendwann machte sie plötzlich kehrt, ich folgte ihr in den Schutz eines Wohnblocks. Hinter uns hörte man Geschrei, es konnte von dem Mann stammen.
Eine Weile liefen wir mit schnellen Schritten herum, aber irgendwie ziellos. Schließlich, nachdem sie sich mehrmals umgeblickt hatte, führte sie mich zur Rückseite eines grünen Hauses. Zuerst lauschten wir all dem Schweigen, dann schob sie ihren Arm durch die Stäbe eines Gittertors und fand tastend den Schlüssel, um es zu öffnen, so als sei sie diese Geste gewohnt.
»Was machst du da, wohin gehen wir?«, protestierte ich halblaut.
»Ich hab dir ja gesagt, dass ich mir ein paar Sachen holen muss, es dauert nicht lang.«
Sie zog mich hinein in etwas, das kein Hof, keine Veranda und auch kein Garten war, aber noch sichtbare Spuren eines Familienlebens aufwies. Auf einer Seite kümmerten neben einem Liegestuhl und einem geschlossenen Sonnenschirm ein paar Pflanzen in der ausgetrockneten Erde vor sich hin. Der übrige Platz war mit einem gewellten Vordach geschützt: darunter eine Arbeitsplatte mit Gaskocher und Spülbecken, ein Tisch mit Plastikdecke und lauter verschiedenen Stühlen. In einer Ecke gelbe Fischerstiefel und zusammengeknüllte Netze, die vielleicht geflickt werden sollten. Der Schirokko der letzten Tage hatte alles mit einem Sandschleier bedeckt. Die Fenstertür stand offen und die Scheibe war zerbrochen, die Splitter knirschten unter Adrianas Schritten.
»Warte hier auf mich, und falls du was Verdächtiges hörst, pfeif«, sagte sie auf der Schwelle.
Sie ließ mir keine Zeit, sie daran zu erinnern, dass ich nicht pfeifen konnte. Sie durchquerte ein Zimmer und noch eins, dann hörte ich sie die Treppe hinaufsteigen. Vorsichtig, die Ohren gespitzt beim geringsten Geräusch, aber auch mit der Selbstverständlichkeit von jemandem, der in diesem Haus gewohnt hat. Ich wollte nicht ohne sie draußen herumstehen und trat ins Halbdunkel einer Küche, nur dass auf einer Seite ein schmales Bett stand und am Fußende die Wiege, in der Vincenzo geschlafen hatte. An den zerwühlten Laken erkannte ich meine Schwester, die plötzlich aufgewacht war und sie weggeschleudert hatte.
Die Einrichtung war schlicht, aber gepflegt in allen Einzelheiten. Auf einem Wandbord lag eine Sammlung Muscheln, nach Größen geordnet, die goldenen Spiralen ins Licht gerückt. Auf dem Fernseher einige Bücher: Hundert Fischrezepte stand auf den Buchrücken, Das Meer auf dem Tisch.
Überall erkannte ich Adrianas Hand, aber meine Fremdheit dem gegenüber, was sie hier geschaffen hatte, erschütterte mich.
An einem Haken neben der Tür, durch die wir hereingekommen waren, hing eine wetterfeste Seemannsjacke. Ein starker Geruch nach Verwesung verpestete den Raum, ich blickte mich um: Im Spülbecken deckte ein umgedrehter Teller einen anderen zu. Ich hob ihn hoch, befreite eine Fliege, die davonflog. Die rohen Fleischscheiben wimmelten von weißen Larven, kleinen, trägen Würmern, die in den zum Auftauen dort liegen gebliebenen Lebensmitteln schwelgten. Ich sah das Datum auf dem Abreißkalender an der Wand: Seit Adrianas Flucht waren mehr als zehn Tage vergangen.
Am Boden trat ich auf etwas Weiches: die Haarsträhne, die Adriana fehlte, als sie bei mir ankam. Auf dem Tisch lag, beschwert mit einem Glas, ein Zettel, auf dem mit mühsamer, ungeübter Schrift stand: Wenn du wiederkommst, klingel bei mir, ich helf dir.
Die Unterschrift darunter: Isolina.
Adriana stürmte die Treppe herunter.
»Gehen wir«, sagte sie.
Sie drückte mir einige vollgestopfte Tüten in die Hand, solche aus dem Supermarkt, sie selbst trug eine pralle Reisetasche. Die zwei Teller samt Inhalt hatte ich zum Wegwerfen schon in eine andere Tüte gesteckt. Sie legte den Torschlüssel an seinen Platz zurück und wir gingen hinaus. Nun mussten wir erneut das Viertel durchqueren. Wir gingen rasch, aber ohne zu laufen, und drehten uns immer wieder um. Böse Augen starrten uns aus den höheren Stockwerken nach, oder vielleicht bildete ich es mir nur ein. Ich teilte Adrianas Angst, ohne zu wissen, welche Gefahr ich mit ihr teilte. In den vorangegangenen Tagen hatte ich ihr nicht ein Wort darüber entlocken können, was ihr zugestoßen war. Manchmal lassen ihre Geständnisse lange auf sich warten, so wie jetzt.
Keuchend erzählte ich ihr von der Botschaft auf dem Tisch.
»Ach, die liebe Isolina«, sagte sie obenhin. »Sie wohnt da nebenan.«
Plötzlich öffnete sich ein Brachfeld zwischen den Wohnblocks. Kinder und Jugendliche spielten in kurzen Hosen, ihre T-Shirts waren Farbtupfer auf dem von der Sonne verbrannten Gras. Einige lungerten hinter einer Reihe Wellblechhütten um etwas oder jemanden herum.
»Lelé, wer weiß, was sie ihm wieder antun«, murmelte Adriana zwischen den Zähnen und verlangsamte den Schritt.
Einen Moment lang zögerte sie, dann ging sie stur weiter. Wir atmeten schon die feuchtschwüle Luft am Fluss, als sie schlagartig stehen blieb, von einem Gedanken erfasst.
»Ich hab was Wichtiges vergessen, das muss ich noch holen. Du bring jetzt das Zeug zum Auto und fahr es dann runter zum Strand, ich komm in einer Viertelstunde« – damit machte sie auf dem Absatz kehrt. Sie drehte sich kurz um und rief: »Wenn du mich nicht kommen siehst, fahr heim, und passt auf das Kind auf.« Ein Schrei in der Luft.
Ich zählte die Minuten, während ich an der Stelle auf sie wartete, die sie mir genannt hatte. Ich stieg aus dem Auto, drinnen war es nicht zum Aushalten. Draußen regte sich kein Hauch, es gab nirgends Schatten. Die Luft war salzig und roch stark nach Meer, trocknete den Mund aus. Eine Frau überquerte die Straße, in der Hand eine Strohtasche, aus der die zusammengerollte Badematte hervorlugte. Sie musterte mich, als sei ihr meine Anwesenheit zwischen den Hitzewellen, die auf dem Asphalt flimmerten, völlig unerklärlich.
Adrianas Viertelstunde zog sich hin, wollte nicht enden. Dann war sie plötzlich um, und die Zeit begann zu rasen. Ich sah Adriana tot, mit einem Messer in der Brust, erwürgt oder einfach zufällig von jemandem überfahren, da sie das Laster hatte, auf die Straße zu laufen, ohne sich umzusehen. Schon immer hatte ich Angst um sie gehabt, so leichtsinnig und fahrig, wie sie war. Als junge Mädchen hatten wir ein paar Jahre zusammengewohnt. Ich stand damals kurz vor dem Examen, saß abends am Küchentisch und lernte unter der runden Neonlampe. Adriana kam und kam nicht heim. Gegen zwei, drei Uhr morgens sank mein Kopf auf die Bücher, erschöpft vom Warten auf ein winziges Geräusch: das Drehen ihres Schlüssels im Schloss, den Beweis, dass sie wieder eine Nacht voller Abenteuer in der Stadt überlebt hatte.
Wie lange sollte ich auf sie warten? In dem gnadenlosen Licht schien sich die Vorahnung ihrer letzten Worte schon bewahrheitet zu haben: Zu Hause passte Piero auf das Kind auf, das unterdessen bestimmt aufgewacht war.
Als sie unvermutet an der Autotür stand, wusste ich nicht einmal, woher sie gekommen war. Unterm Arm trug sie einen in Zeitungspapier gewickelten Gegenstand.
»He, willst du noch länger hier rumstehen?«, herrschte sie mich sofort an.
Sie nahm den Hut ab und legte ihn vorsichtig hinten auf den Gegenstand, den sie noch geholt hatte. Zwischen den wenigen Millimetern Haar, die auf ihrem Kopf nachgewachsen waren, funkelten lauter Schweißtropfen wie winzige Brillanten.
Bis zur Brücke über den Fluss schwiegen wir, im wütenden Verkehr des Sommernachmittags. Adriana hatte meine Sandalen ausgezogen und die Füße auf die Lüftungsklappe gestützt.
»Wer weiß, ob Vincenzo bei Piero geweint hat«, sagte ich leise.
»Dein Mann kann gut mit Kindern umgehen«, erwiderte sie nachdenklich.
»Und Rafael? Ist er der Vater?«
»Als er noch da war, hat er immer mit Vincenzo rumgetollt.« Bei der Erinnerung zitterte ihre Stimme.
»Und wo ist er jetzt?«, fragte ich.
Zum Kaufhaus Upim hingewandt, um ihre Tränen zu verbergen, bedeutete sie mir mit der linken Hand, sie nicht weiter zu bedrängen.
»Was war denn noch so Wichtiges im Haus?«, fragte ich nach ein paar Minuten, als wir an der Ampel standen.
»Das wirst du gleich sehen.« Adriana streckte sich zum Rücksitz hin.
Sie riss das Papier ab, es schien sich um ein Bild zu handeln, so von der Seite betrachtet. Der große Vincenzo, wie sie ihn nun nannte, lehnte neben seinem Freund, dem Zigeuner: sie lächelten in Schwarz-Weiß, beide mit einer Zigarette zwischen den Fingern. Im Hintergrund unscharf das sich drehende Karussell, und dann eine Wiese unter dem heiteren Himmel. Ein paar Monate nach der Beerdigung hatte ein anderer Zigeuner dieses Foto gebracht, und Adriana hatte es für sich beansprucht. Im Dorf hing es an der Wand gegenüber von unserem Bett, wir sahen es jeden Morgen beim Aufwachen.
Aus dieser Wohnung, die ganz ihr selbst gehörte, hatte sie sich ein Stück unserer Erinnerungen zurückgeholt.