Читать книгу Borgo Sud - Donatella Di Pietrantonio - Страница 11
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ОглавлениеMeine Studenten werden wohl nicht mehr da sein, dachte ich, als ich zurückging, um meine Büchertasche zu holen. In dem Moment wollte ich auch niemanden sehen. Doch die Brünette aus der zweiten Reihe hatte auf mich gewartet. Sie hieß Béatrice, aber ich hatte gehört, dass sie auf der italienischen Aussprache ihres Namens bestand. Als ich den Hörsaal betrat, nahm sie ein Heft von der Bank und ging mit ihrem Rucksack auf mich zu. Ich sammelte die auf der Tischplatte verstreuten Blätter ein, legte sie zitternd aufeinander, ohne auf die Seitenfolge zu achten oder ob sie richtig oder falsch herum lagen. Aus dem Augenwinkel verfolgte ich ihre Bewegung in meine Richtung, genervt von ihrer Beharrlichkeit zur falschen Zeit.
»Entschuldigung, ich hätte noch eine Frage«, sagte sie, doch ihre Stimme verriet eine übertriebene Befangenheit.
»Können wir nicht nächste Woche darüber sprechen? Ich muss jetzt gehen.« Brüsk zog ich den Reißverschluss meiner Tasche zu.
Dann machte ich den Fehler, kurz zu zögern, und erkannte an ihr etwas von mir selbst. Ich konnte sie nicht so verschüchtert und enttäuscht stehen lassen. Es sah aus, als würde sie gleich zu weinen anfangen, und das hätte ich nicht ausgehalten, gestern nicht. Ich zwang mich, freundlich zu sein.
»Also, ich höre.«
»Meiner Ansicht nach ist Véronique die Hauptfigur des Romans. Sie lässt alle anderen um sich kreisen, vor allem die Männer. Aber woher kommt ihre Macht, abgesehen von ihrer Schönheit?«
»Vielleicht von dem Verlust, den sie in sich trägt«, erwiderte ich und sah ihr in die Augen.
Sie machte den Eindruck, als sei sie gerade aus dem Bett gestiegen, auf den Lidern den verwischen Kajal vom Vortag.
»Woher kommt deine Familie?«, habe ich sie dann aus Höflichkeit gefragt.
»Meine Großeltern stammen aus Sizilien, aber als sie nach Grenoble zogen, zwangen sie meinen Vater, nur noch Französisch zu sprechen. Italienisch war für sie die Sprache der Schande, wegen der faschistischen Okkupation, die es hier gegeben hatte.«
Sie weiß nicht, dass sich unsere Auswanderer vor allem für ihre Armut schämten. Bestimmt wird Béatrice bei der Prüfung die Bestnote verdienen. In der kurzen Zeit, die sie mir abringen konnte, hat sie die Geschichte ihrer Familie zusammengefasst, mit ihr will sie sich aussöhnen. Ich habe sie dazu ermutigt, später wird sie selbst entdecken, wie schwierig es ist, Frieden zu finden. Zwanzig Minuten lang hat sie es geschafft, die Wirkung der Nachricht, die ich erhalten hatte, außer Kraft zu setzen.
Mit der Straßenbahn bin ich vom Campus zurückgefahren, den Blick nach draußen gerichtet. Einige Studenten arbeiteten in der fahlen Sonne in den ihnen zugeteilten Minigärtchen. Andere liefen in Scharen zur Mensa, sie bereiteten eine Demonstration gegen die Universitätsreform vor. Ein Wildkaninchen hoppelte über den Rasen und hielt alle zwei, drei Sprünge inne, als wüsste es nicht wohin.
Ich habe den Tag programmgemäß abgewickelt, nur das Mittagessen habe ich vergessen. Der leere Magen meldete sich nicht. Aus Trägheit lief ich an meiner Haustür und dem Tierfuttergeschäft vorbei. Irgendwann wusste ich nicht mehr, wo ich mich befand. Zum Glück genügt es in Grenoble, die Straße hinunterzuschauen: »Au bout de chaque rue, une montagne«, schrieb Stendhal. Chartreuse, Belledonne und Vercors sind majestätische Orientierungspunkte, sie werfen ihren Schatten über die Stadt. Piero hätte sie geliebt, wenn er mich hier besucht hätte. Mehr als einmal hat er es mir angekündigt, wenn ich in den Ferien nach Pescara zurückkehrte oder er mich anrief, um mir zum Geburtstag zu gratulieren: »Sobald ich mal freihabe, komme ich in deine Gegend zum Bergsteigen.«
Adriana aber ist tatsächlich gekommen, sonst niemand aus der Familie. Seit wenigen Monaten hatte ich die Stelle inne und teilte mir eine Mansarde mit einer Kollegin aus dem Fachbereich Geschichte. Adriana hatte mich nach der Adresse gefragt, um mir eine Karte zu schreiben.
An einem Regenabend erschien sie mit dem fünfjährigen Vincenzo, der vor Müdigkeit weinte. Sie waren in Bologna und Turin und dann noch in Chambéry umgestiegen, bis heute ist mir unbegreiflich, dass sie sich nicht verirrt haben. Bis dahin war sie nur getrampt, in ihren ausgeflipptesten Jahren.
»Ich wollte mal nachsehen, ob es dir hier gut geht«, sagte sie, während sie mir die sorgfältig verpackten Törtchen aus den Abruzzen reichte.
Ich sehe meinen Neffen wieder vor mir, am nächsten Tag in den blasenförmigen Seilbahngondeln. Hundert Mal wollte er ein- und aussteigen, die Hände am Plexiglas, die Lippen ein perfektes, staunendes O. Adriana bewunderte die drei in den Sechzigerjahren von italienischen Maurern erbauten Türme und verglich sie mit den höchsten Häusern von Pescara.
Bei schönem Wetter gehe ich sonntags immer noch manchmal zur Bastille hinauf, aber zu Fuß. Es ist eine beliebte Wanderung, auch meine Freundin Théa und ich machen sie gern. Wir mischen uns unter die Touristen, die Angst haben, in die Gondeln zu steigen, oder sich den Gipfel schwitzend verdienen wollen. Durchtrainierte junge Leute laufen in Shorts und Turnschuhen die Schotterstraße hinauf, die in Serpentinen zur Festung führt. Ich lausche ihrem keuchenden Atem, wenn sie uns mager und durchtrainiert überholen.
Was ich suche, ist der weite Blick, die klarere Luft. Ich sehe die Altstadt, in der ich wohne, so geschlossen und gut erkennbar von dort oben, ein warmer, dunkler Kern, eingefasst von dem Beton, der später kam. Anschließend treffen wir ein paar Freunde im Café de la Table Ronde. Draußen sitzend, trinken wir Martini bianco, die Zeit fließt alkoholisiert und leicht dahin.
Ich habe die Uhr abgenommen und mich in der Länge dieser Nacht verloren. Von der Straße hört man keine Stimmen oder Schritte mehr, auch nicht das Klappern des Kanaldeckels unter den Autoreifen. Mein Telefon vibriert, eine SMS fragt, ob ich wach bin, ob wir uns morgen früh um acht vor dem Hotel treffen. Aus dem Zimmer über mir kommt das Stöhnen eines Beischlafs, aber nur kurz, offenbar sind sie müde. Mein Gedächtnis dagegen ist hellwach, wahllos kochen Erinnerungen hoch, unkontrollierbar.
Gestern Nachmittag hatte ich einen Termin bei Yvette, ich bin trotz allem hingegangen. Ihr Geschäft liegt in der Rue de Bonne, nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Sie ist eine überschwängliche Blondine mittleren Alters, ihr Lippenstift zerfließt in den dichten Falten um ihren Mund. Sie ist keine wirkliche Klatschbase, aber ihr Geplapper entlockt den Kundinnen Vertraulichkeiten: Bei ihr kommen alle Geschichten des Viertels an, selbst ich plaudere ein wenig, aber nur über mein französisches Leben. Ich erzähle ihr von Hector, dem Kater, der halb mir und halb meinem Nachbarn gehört. Sie amüsiert sich über dieses Haustier, das zwischen zwei Wohnungen hin- und herpendelt und auf dem Treppenabsatz frisst, wo wir auch unsere Pflanzen stehen haben. Yvette tut so, als hätte sie meine Antwort vom letzten Mal vergessen, und fragt mich noch einmal, ob Christophe und ich jetzt ein Paar sind. Gleichzeitig schlägt sie mir helle Strähnchen vor, frechere Haarschnitte. Vielleicht hofft sie, dass etwas Romantisches geschieht.
Gestern sah sie mich mit verändertem Gesicht hereinkommen. Es waren nur zwei Kundinnen da, die schon von den Mädchen bedient wurden. Sie bestand darauf, mir die Haare selbst zu waschen, ging nach hinten voraus und hielt mir den schwarzen Vorhang auf. Ich setzte mich ans erste Waschbecken, sie waren alle frei, legte den Hals in die dafür vorgesehene Vertiefung und ließ den Kopf nach hinten sinken.
Yvette prüfte die Wassertemperatur, verdünnte das Shampoo in einem Schälchen und goss es mir feierlich übers Haar, wie zur Taufe. Mit kreisenden Bewegungen der Fingerkuppen begann sie mir die Kopfhaut zu massieren, ich konnte den Schaum knistern hören. Sie fragte mich, ob etwas passiert sei.
»Ich muss nach Italien zurück.«
Als sie den Schläfen näher kam, begannen die Tränen zu fließen. Von den Augen zu den Ohren, auf die eingeseiften Haare, Yvettes Hände. Sie hörte zu massieren auf, hielt mir nur still den Kopf. Wir warteten, dass der Moment vorüberging.
Später beim Föhnen ließ sie die Bürste kreisen, im Spiegel bewegten sich ihre Finger rasch wie Spinnenbeine. Eine Kundin verabschiedete sich und stolzierte mit ihrer neuen Frisur hinaus, die andere unterhielt sich mit dem Mädchen, das ihr die Wellen modellierte, über die letzte Folge von Julie Lescaut. Yvette fragte mich, woher ich denn käme, in Italien. Von den Abruzzen hatte sie noch nie gehört, sie lägen auf der Höhe von Rom, sagte ich ihr, am Meer auf der anderen Seite.
»Vom Meer kann ich nur träumen«, seufzte sie.
Zum Schluss zerzauste sie mich föhnschwingend ein wenig mit der warmen Luft, damit es natürlicher wirkte. Einige Strähnen arbeitete sie mit Gel heraus.
»Dann sehen wir uns, wenn Sie zurückkommen.« Damit nahm sie mir den Friseurumhang ab.
Auf der anderen Straßenseite blieb ich vor den Schaufenstern stehen, als würde ich für die Sommerferien oder zu Weihnachten heimfahren, als wäre nichts geschehen. Nie bin ich ohne Geschenke für Vincenzo erschienen: Also kaufte ich zwei T-Shirts mit Asterix auf der Brust und ein paar Butterkekse. Die knabbert er immer noch gern auf dem Sofa vor den Zeichentrickfilmen. Er schaut jetzt Family Guy.
Damals, als Adriana mit ihm als Baby und einem Beutel zu mir in die Via Zara geflüchtet war, hatte sie fast nichts dabei. Beim Weglaufen hatte sie in der Eile nur einige Windeln, einen Schnuller und einen Plüschelefanten einpacken können. Damals habe ich angefangen, ihm Essen und Kleidung zu kaufen.
An jenem ersten Tag ließ ich meine Schwester samt Neffe daheim und ging mit Piero los. Draußen überfiel uns der Wind, er war aufgekommen, um die Schwüle wegzufegen, die seit Tagen auf der Stadt lastete. Überall flog Sand durch die Luft, vom nahen Strand. Ein kurzes gemeinsames Stück, bis zu Pieros Praxis, dann trennten wir uns.
»Und spar nicht an den Sachen für den Kleinen«, sagte er und tippte mir mit dem Zeigefinger auf die Nase.
Wir verabschiedeten uns mit einem Kuss auf die Lippen und ich drehte mich um und sah ihm nach, als er das Haustor öffnete. Die vom Klettern durchtrainierten Muskeln, eine stramme Landschaft unter dem blauen Hemd.
An manchen Sonntagen begleitete ich ihn und beobachtete unten vor der Wand den Nahkampf zwischen ihm und dem Felsen. Ich bewunderte seine Anmut, die Sprünge zwischen einem Sporn und dem nächsten raubten mir den Atem. Die hartnäckige Arbeit mit Armen und Beinen, Händen und Füßen, Fingern und Zehen ermüdete meinen Hals, meine Augen. Er wurde immer kleiner, ein Farbklecks weit oben, an den Stein und ans Leben geklammert. Wenn er herunterkam, gehörte er noch ganz dem Berg, dem Licht, das er in der Höhe gesehen hatte. Seine Freunde beglückwünschten ihn, einige waren erst seit Kurzem in der Gruppe. Zu mir war er zärtlich, aber distanziert, und ich war eifersüchtig auf den Apennin, damals.
Als ich vom Einkaufen zurückkehrte, hatte ich den Wind satt, Sandkörner knirschten zwischen meinen Zähnen. Die Tür zum Gästezimmer war nur angelehnt, ich hörte Vincenzos Stimmübungen, meine Schwester, die sanft zu ihm sprach. Sie saß neben ihm auf dem Bett, doch als ich eintrat, knallten im Luftzug die Fensterflügel zu, und sie sprang mit einem Schrei auf.
»Bist du verrückt geworden?«, fragte sie, eine Hand auf der Brust.
»Seit wann erschrickst du sogar vor der Luft? Wer ist denn hinter dir her, der Teufel?«
»Na ja, beinah«, rutschte es ihr heraus.
Sie setzte sich wieder neben das Kind, sah mich von unten herauf mit geschlossenem Mund an, sie durfte nichts sagen. Ich zog die Anziehsachen, die ich für Vincenzo gekauft hatte, aus den Tüten, und einen Augenblick lang begeisterte sie sich für ein Paar winzige Jeans mit verstellbarem Gummizug. Ein geblümtes Trägerkleid für sie war auch dabei. Adriana hatte schon immer eine Schwäche für Sommerkleider, am liebsten hätte sie hundert pro Saison gehabt. Auch solche vom Markt genügten ihr, bodenlang oder mini. Am Bügel hielt ich es ihr hin und sie bewunderte es lange, befühlte den leichten Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. Hinterher hatte sie feuchte Augen, glänzend vor Verzweiflung. Sie schluckte, um nicht zu weinen.
»Du spinnst ja« – sie schüttelte den Kopf –, »hast einen Haufen Geld rausgeschmissen.«
Sie fragte, ob ich Sternchennudeln für Vincenzo gekauft hätte, es sei fast Zeit für sein Mittagessen. Wir gingen hinüber, um alles vorzubereiten, sie mit ihrem Sohn auf der knochigen Hüfte.
»Vor wem hast du Angst?«, fragte ich.
Keine Antwort, die Sternchen garten im Schweigen, und draußen toste das Meer. Ich fügte ein bisschen Öl und Parmesan hinzu, Adriana setzte sich mit Vincenzo auf dem Schoß an den Tisch und begann ihn zu füttern. Sie machte die gleichen Bewegungen, die ich zu Hause im Dorf gesehen hatte, als sie noch ein kleines Mädchen war und unseren Bruder Giuseppe fütterte, fast immer sie.
»Hast du etwa gestohlen?«, provozierte ich sie.
Den Löffel zwischen Teller und Mund, hielt sie inne.
»Wie kommst du darauf?«
»Es wäre ja nicht das erste Mal«, rutschte es mir heraus.
Sie rührte die Suppe um und wandte sich wieder Vincenzo zu.
»Niemand klaut gern. Du hast halt keine Ahnung, dir fehlt nichts.«
Wir wussten beide, wovon ich sprach. In jenem Winter hatte sie ihre Arbeit verloren, aber irgendwas würde sie schon auftun, wie gewöhnlich, ihrer Meinung nach musste man sich nie Sorgen machen. Oder sie würde eine Zeit lang ins Dorf zurückgehen, zu unseren Eltern. Ich hatte ihr Geld angeboten, doch sie verzog den Mund. Es war mein erstes Jahr mit Piero, nach unserer Hochzeit.
»Wenn ich Geld brauche, sag ich es dir«, hatte sie lässig versichert.
Draußen versuchte es seit einer Weile zu schneien, wir hatten uns der Terrasse genähert und auch einander. Schräg fielen die Flocken, der Strand wurde langsam weiß, gekräuselt wie eine Zuckerwüste. Auf der Scheibe sah man den Hauch unseres Atems und ein paar stumme Gedanken.
»Leihst du mir diesen ganz langen Schal in allen Farben?«, hatte Adriana gefragt.
»Ich such ihn dir raus.« Damit war ich ins Schlafzimmer gegangen.
Sie wartete drüben auf mich, den Blick auf die eisgrauen Wellen gerichtet. Dann hatte sie es plötzlich eilig, ihr war eingefallen, dass sie zu einem Termin musste, wegen einer Arbeit. Mehrmals hatte sie sich den Wollschal um den Hals geschlungen und mich dann beschwingt auf die Wange geküsst.
Am nächsten Morgen kamen zwei Arbeiter, um die Vorhänge an den Fenstern anzubringen. Ich konnte sie nicht bezahlen. Der Schnee war verschwunden wie das Geld aus meiner Handtasche, die ich auf eine Kommode gelegt hatte. Ich zögerte einige Tage, bevor ich zu ihr ging, ich hatte Angst vor der Auseinandersetzung. Sie bestritt, das Geld genommen zu haben, und war sogar beleidigt über meinen Verdacht.
»Das haben dir deine Studenten geklaut und du hast es nicht mal gemerkt«, sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken.
Wir stritten mit herben Worten, aber auch wie als kleine Mädchen mit Schubsen und Zerren. Adriana schaffte es, mich zurückzuversetzen zu all dem, was ich hinter mir hatte lassen wollen. Seit Kurzem arbeitete ich mit Morelli an der Universität Chieti und würde ihr nicht erlauben, meinen Elan zu bremsen. Die Eltern, die Brüder und das Dorf auf den Hügeln waren weit weg, zusammen mit der Härte des Dialekts. Sie besetzten viel Raum in nicht sehr glücklichen Erinnerungen und nur wenig in der Gegenwart. Adriana dagegen war immer gleich lebendig und gefährlich. Ich empfand ein heftiges Unbehagen, ihre Schwester zu sein.