Читать книгу Das rote Seidenkleid - Dorothée Linden - Страница 5
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ОглавлениеEndlich war er sein eigener Herr, das war die Hauptsache. Benjamin Benny Haussmann hatte die Aufgabe, die Kinder des Waisenhauses zu betreuen, sie zur Schule zu bringen, in Englisch zu unterrichten und all das zu erledigen, was gerade anlag. In der ersten Woche nach seiner Ankunft in Kathmandu war er stumm geblieben. Zu sehr hatte es ihn beschämt, ein ungleich besseres Leben führen zu können als all die Kinder hier. Im Gegensatz zu ihnen hatte er Eltern, die ihn aus diesem Waisenheim heraus adoptiert und mit nach Deutschland genommen hatten, die ihn liebten und großgezogen hatten, in einem Zuhause mit eigenem Zimmer und Unmengen an mehr oder weniger nützlichen Dingen.
Die körperliche Schwäche und Anfälligkeit, die ihn als Baby ständig hatte krank werden lassen, wie man ihm gesagt hatte, war Vergangenheit. Seinen schlaksigen, schlanken Körper trainierte er regelmäßig, und dank des späten Wachstumsschubs war er immerhin inzwischen fast so groß wie seine Freunde.
Seine stumme Demut und Zurückhaltung hatte er bald abgelegt. Er mochte die Kinder, und sie mochten ihn, das spürte er und sah es ihnen an. Einige sprachen schon ein wenig Englisch, mit den Kleinen radebrechte er in Gesten und mit Zeichen, was sie schnell zum Lachen brachte.
Er ließ seinen Blick über den Inhalt des Regals schweifen. Es hatte nicht allzu viel zu bieten: Taschenbücher auf Englisch, die, so vermutete er, Praktikanten vor ihm zurückgelassen hatten, und ein paar zerfledderte Comicbände. Er reckte sich und zog aus dem obersten Fach einen Atlas mit verblichenem Einband heraus. Der Staub, der ihm in dichten Flocken ins Gesicht fiel, löste einen Hustenanfall aus, was die Kinder, die sich um ihn scharten, lustig fanden. Er blätterte bis zu einer Übersichtskarte der Erde.
»Hier sind wir«, sagte er und hielt seinen Finger auf die Fläche von Nepal, »und hier ist Deutschland.«
Er wiederholte Nepal und Germany, und die Kinder sprachen es nach. Er vollzog eine ausladende Bewegung mit dem Arm und imitierte einen Motor.
»Man muss einen ganzen Tag mit dem Flugzeug durch die Luft fliegen, bis man ankommt.« Flugzeug, Motorenlärm, die Armbewegung, Deutschland, Nepal. Bald brummten alle Kinderflugzeuge durcheinander, und die Kleinen kreischten vor Vergnügen.
Das neunjährige Mädchen mit den pechschwarzen, tief liegenden Augen blätterte weiter bis zur Doppelseite mit den Weltmeeren. Benny hob und senkte seinen Unterkiefer und ließ in gleichmäßigen Bewegungen die angewinkelten Arme wie Flossen durch ein unsichtbares Wasser gleiten.
»Fische schwimmen im Wasser«, sagte er, langsam und deutlich. Die Kinder sahen ihn an, verstanden und wiederholten seine Worte. Erst ging es noch durcheinander mit den Fischen und dem Schwimmen, aber bald waren die Begriffe klar. Die Mädchen hüpften durch den Raum, bewegten sich wie schwimmende Fische an Land und sangen die neuen Worte dazu.
»Jetzt auf Nepali«, sagte Benny. Ein Junge, der mindestens elf Jahre alt sein mochte, erklärte es den anderen Kindern, und Benny gab sich Mühe, die für ihn fremden Laute genauso schnell zu erfassen wie die Kinder.
Am Abend, als er in seinem Bett lag, übte er weiter. Auf die Kinder war er angewiesen, was die korrekte Aussprache anbetraf. Mit einem Jugendroman und einem Wörterbuch ausgestattet, wollte er so weit kommen, bis er sich verständigen und einer Unterhaltung folgen konnte. Man schlug sich ganz gut mit Englisch durch, aber er hoffte auf einen offeneren Kontakt mit den Leuten, wenn er mit ihnen zumindest bruchstückhaft in ihrer Landessprache reden würde.
Die Kinder übten gern mit ihm. Die anderen Praktikanten oder Aushilfen, die aus dem fernen Europa anreisten, interessierten sich nie für ihre Sprache, hatte er erfahren.
Ron, der Leiter des Waisenhauses, ein insgesamt umgänglicher, doch bisweilen mürrischer Mann aus Kathmandu mit einer Vorliebe für dicke Zigarren, deren Rauch beißend scharf in den Räumen hing, schätzte seinen Ehrgeiz nicht. Mehrmals hatte er ihm schon gesagt, dass er ausschließlich Englisch mit den Kindern lernen solle.
Aber: Es war ihm gleichgültig. Es verlor täglich mehr an Bedeutung, was man ihm vorschreiben wollte. Er war volljährig und konnte selbst entscheiden.
Und er würde sich endlich auf die Suche nach seinen Wurzeln begeben. Auf eigene Faust. Mama hatte ihm immer wieder versichert, dass sie alles getan habe, um seine leiblichen Eltern aufzutreiben. Vergeblich. Er sei vor der Tür dieses Waisenhauses in Kathmandu zurückgelassen worden, und niemals habe jemand in Erfahrung bringen können, wer das getan hatte.
Mama hatte ihm von Ann-Kathrine aus Dänemark erzählt, die Medizin studieren wollte wie er und die damals im Waisenhaus ihr Praktikum machte. Sie hatte ihn als abgelegtes Bündel vor der Tür gefunden, ihm den Namen Benjamin verpasst, sich um ihn gekümmert und ihm später, als er sich eine Infektion eingefangen hatte, das Leben gerettet.
Im Heim hatte es keinerlei ärztliche Versorgung gegeben. Nachdem die Dänin ihn in warme Decken gehüllt und ihn in ihr eigenes Bett gelegt hatte, war sie zum Krankenhaus am anderen Ende der Stadt gelaufen. Dort erklärte sie, sie brauche für ihren kleinen Sohn dringend Medikamente. Man verkaufte ihr ein Antibiotikum mit dem Hinweis auf die Dosierung. Sie legte ihr Erspartes auf den Tisch, raste zurück, füllte das Medikament in eine Nuckelflasche, nahm ihn, das schwache Baby, in ihre Arme und sang ihm so lange dänische Volksweisen aus ihrer Heimat vor, bis er alles ausgetrunken hatte. Die Intervalle seiner Atemzüge normalisierten sich, das Fieber sank, und endlich waren sie beide vor Erschöpfung eingeschlafen. Die junge Frau, die damals nicht viel älter gewesen war als er jetzt, hatte genau die richtige Entscheidung getroffen und ihm ein Medikament besorgt, das die lebensbedrohliche Erkrankung in den Griff bekommen hatte.
Benny hatte es immer und immer wieder von Mama hören wollen, bis er ein Bild von dieser fremden Frau vor Augen hatte. Auch sie würde er finden. Das war sein Plan. Er wollte sich persönlich für ihren Einsatz bedanken und sie nach seiner Herkunft fragen, immerhin hatte sie eine Zeitlang im Waisenhaus gelebt. Mama sagte, sie sei damals einfach verschwunden, nur wenige Monate, nachdem er nach Deutschland gekommen war, sei der Kontakt abgerissen und die Dänin nie wieder aufgetaucht. Mehr konnte sie ihm nicht über sie berichten.
Seit dem schrecklichen Tod seiner kleinen Schwester fühlte er sich schuldig und voller Scham. Er selbst war gerettet worden, hatte es aber nicht geschafft, Priya zu helfen und sie am Leben zu halten.
Papa und Mama waren damals in die Stadt gefahren, um ein Sofa zu kaufen. Das alte wäre noch gut gewesen, aber Horst aus dem Dorf hatte sich darauf übergeben, als Mama und Papa ein großes Fest gegeben hatten. Mama hatte alles wieder sauber gemacht, aber Papa konnte es nicht aushalten, auf fremder Kotze zu sitzen, er war ausgerastet und hatte darauf bestanden, ein neues auszusuchen. Er war so außer sich, dass Mama schließlich mitgefahren war. Es war nicht oft vorgekommen, dass sie die Kinder allein im Haus zurückließ.
Als sie und Papa an diesem Nachmittag aus der Stadt zurückkamen, war das Schreckliche passiert: Priya lebte nicht mehr.
Sie hatte Atemnot bekommen, was nicht weiter besonders war und immer wieder vorkam. Für solche Fälle gab es das Inhalationsgerät, Puster hatte Mama es genannt. Priya stülpte ihre Lippen darüber, wenn sie dachte, zu wenig Luft zu bekommen und atmete das Mittel zweimal ein. Das funktionierte gut und zuverlässig. Ihr Atem ging kurz darauf ruhiger, und sie konnte vergnügt weiter spielen.
An jenem Nachmittag jedoch war der Puster weg. Einfach unauffindbar. Der Atem seiner kleinen Schwester ging flach und fiepend, vornübergebeugt saß sie auf ihrem Bett und rang nach Luft. Das ganze Zimmer hatte er abgesucht, nichts. Priya hauchte kaum hörbar etwas, das er als Hinweis auf Papas Koffer verstanden hatte. Benny war in das Schlafzimmer von Mama und Papa gestürzt und auf die Bettkante gesprungen. Auf dem Schrank standen zwei riesige schwarze Koffer. Priya und er hatten den Inhalt schon inspiziert, als die Eltern mal unterwegs waren und Sonja, die auf sie aufpassen sollte, vor dem Fernseher gesessen hatte. Es war enttäuschend gewesen, nichts als Medikamente, Pillendöschen, Fläschchen und eben Inhalationsgeräte. Er hatte einen Puster herausgenommen und war zu seiner Schwester ins Zimmer gerast. Priya beugte sich ihm verzweifelt entgegen, aus ihren Augen starrte Panik. Er hatte zitternd den Inhalator zwischen ihre Lippen gepresst und ihr drei lange Stöße in den Mund gedrückt, ein zusätzlicher konnte nicht schaden, hatte er befunden.
»Atme langsam, Priya, ich rufe Mama an«, hatte er gesagt, war in die Küche zum Telefon gelaufen und hatte die Taste gedrückt, mit der sie sofort auf Mamas Handy landeten. Mama hatte das Gerät extra dafür angeschafft, dass ihre Kinder sie erreichen konnten, falls sie mal ausnahmsweise nicht in deren Nähe war.
Sie hatte nicht abgenommen. Aber sie konnte doch sehen, dass er angerufen hatte! Er hatte Priya in seine Arme genommen, sie schien sich beruhigt zu haben, und zur Sicherheit noch einmal den Puster angesetzt. Seine Schwester hatte sich nicht bewegt. Ihm war nicht klar gewesen, ob er das als gutes oder schlechtes Zeichen werten sollte und sein Ohr an ihre Brust gedrückt. Nichts. Er hatte nicht begreifen wollen, was geschah, es nicht zulassen können, es war zu schrecklich. Priya lag da, bewegungslos in seinen Armen, die Augen weit geöffnet, das Gesicht komisch verfärbt.
Das Nächste, an das er sich erinnerte, war der Schrei. Ein nicht enden wollender, schrecklicher Schrei, der von Mama kam. Papa versuchte aus ihm herauszubekommen, was eigentlich passiert war. Mama schrie, er solle Benny in Ruhe lassen, er sehe doch was los sei.
»Komm«, sagte Papa, »wir legen sie aufs Bett!«, nahm ihm seine tote Schwester aus den Armen und schloss ihre Augen. Es sah wenigstens nicht mehr ganz so furchtbar aus.
Benny sagte: »Ich muss mal«, lief ins Schlafzimmer seiner Eltern, kletterte auf die Bettkante und wuchtete den Koffer zurück auf den Schrank. Den Inhalator warf er in den Abfall. Er wollte nicht auch noch Ärger mit Papa riskieren, weil er an seine Sachen gegangen war. Später, als er stumm auf Priyas Bett gelegen hatte, spürte er den verloren geglaubten Puster unter ihrem Kopfkissen.
Als Papa ihn am Abend noch einmal fragte, was genau passiert war, hatte er wahrheitsgemäß geantwortet, dass er Priya drei Stöße aus dem Inhalator gegeben habe, es aber nichts gebracht hatte.
Seitdem musste er mit der quälenden Gewissheit leben, dass er zwar ein glücklich gerettetes Kind war, selbst aber versagt hatte.