Читать книгу Lassie, Rex & Co. klären auf - Dr. Pasquale Piturru - Страница 10
ОглавлениеWie ich Euer Begleiter wurde –
Domestikation und Entstehung unserer Rassen
Durch die Nähe zu Euch Menschen begannen wir bereits vor über etwa 50.000 Jahren damit, uns Euch anzupassen und damit einen speziellen Prozess einzuleiten: Die Domestikation. Wie der Name bereits verrät (lat. Domus = Haus), haben wir dabei im Laufe der Jahrtausende gelernt, mit Euch unter einem Dach zu leben. Unsere Domestikation liegt, chronologisch betrachtet, noch vor der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht. Wir sind also das älteste Haustier des Menschen. Durch die Anpassung an Euch Menschen und Eure Lebensumstände haben wir Hunde uns anders weiterentwickelt als unser Ahne, der Wolf: Unser körpereigener Fettanteil wurde größer, Muskeln und Bindegewebe dagegen schwächer, die Leistungsfähigkeit unserer Sinnesorgane reduzierte sich. Schädelkapazität und Volumen des Gehirns nahmen relativ zum Körpergewicht um 30% ab. Hey, dafür sind wir aber sexuell wesentlich aktiver als der Wolf: Man nennt das „Hypersexualisierung“. Ein Beispiel dafür ist mein guter Freund Love, ein Zwergpudel, der als Hundecasanova in der norditalienischen Hafenstadt Genua bekannt war. Er wurde 18 Jahre alt und mit 17 zum letzten Mal Vater. Dieser Bursche war der Traum aller läufigen Hündinnen.
Durch diese körperlichen Veränderungen hat sich auch unser Verhalten modifiziert: Das Scheuverhalten und die Wahrnehmungsfähigkeit haben nachgelassen. Und folglich auch unsere Reaktionen auf Umweltreize, ebenso Angst und Furcht. Die Stresstoleranz hingegen nahm zu. Nur durch diese Verhaltensänderungen war es uns Hunden möglich, uns Eurem Lebensstil anzupassen. Keine andere Tiergruppe vermochte dieses so gut wie wir. Wir haben uns so große Mühe gegeben! Deshalb sind meine Artgenossen und ich der Meinung: Wir verdienen es, dass unsere Menschen und Ihr, die Leser dieses Buches, uns ein bisschen besser verstehen lernen!
Nach unserer Domestikation begannen die Menschen, uns nach besonderen Merkmalen zu selektieren. Die Besten aus unseren Reihen aus unterschiedlichen Bereichen – nach der Begabung zu Jagd, Arbeit, Feldkämpfen in Kriegen, Wachsamkeit oder einfach die Schönsten – wurden ausgewählt und miteinander gekreuzt. Leider wurde unser Wert dabei nur von den Menschen beurteilt. Es entstanden die ersten Hunderassen. Als älteste Rassengruppe gelten heute die Windhunde, die bereits auf gut viertausend Jahre alten ägyptischen Darstellungen zu finden sind. Dann erst folgten andere Rassen.
Die Phase der Hundezucht, die sich vorwiegend auf unser äußeres Erscheinungsbild konzentrierte, begann im 19. Jahrhundert. Hierbei schlichen sich die ersten gravierenden Fehler ein, denn bei der Schaffung unserer Rassen wurden von Euch viele Kriterien übersehen. Einer Eurer Wissenschaftler erkannte im Jahre 1971 dann, dass bei der Auswahl auf ein bestimmtes Merkmal auch viele andere mit verändert werden können. Demnach entstanden durch Züchtungen art- und rassetypische Verhaltenseigenschaften.
Häufig sind diese Verhaltenseigenschaften „selbstbelohnend“. Das bedeutet: Wir brauchen kein spezielles Lob, um ein rassetypisches Verhalten zu zeigen. Das Verhaltensmuster in uns motiviert uns so sehr, dass es die tollste Belohnung ersetzt. Diese rassetypischen Eigenschaften sind durch späteres Lernen und Konditionieren nur schwer zu beeinflussen. Sie können deshalb ein Riesenvorteil sein, weil manche von uns für bestimmte Aufgaben wie das Jagen oder Schafehüten unheimlich begabt sind, aber auch große Probleme bei unserer Erziehung bereiten. Deshalb entstanden in Euren Kreisen auch mit der Zeit rassetypische Sprichwörter, etwa: „Ein Terrier ist und bleibt ein Terrier“ oder „Dickköpfig wie ein Chow Chow“ …
Aufgrund unserer einstigen gezielten Paarung für ehemals wichtige, spezielle Verwendungszwecke sind in uns auch heute noch selbstbelohnende Verhaltensweisen erhalten. Deshalb ist es für Euch sehr wichtig, zu wissen, für welche Zwecke wir eigentlich einst gezüchtet wurden. Man kann uns Hunde heute nach unserem ursprünglichen Verwendungszweck einteilen:
Vom Bauernhund bis zum Terrier
Bauernhunde, wie zum Beispiel der Bernhardiner, sind groß und mächtig. Da sie ursprünglich zum Bewachen und Verteidigen des Hofes nahe am Haus bleiben sollten, haben sie keine Neigung zum Streunen. Sie verfügen dafür über ein ausgeprägtes Territorialverhalten. Es kann daher vorkommen, dass Hunde dieser Rassen einfach etwas Anderes, für sie Interessantes, verteidigen: So wie mein Freund Alof, ein Berner Sennenhund, der die Sitzbank seines Herrchens im Stadtpark gegen jeden verteidigt …
Hirten- und Herdenschutzhunde wurden Bauernhunde, die nicht direkt am Hof lebten. Zu ihnen zählen der Maremmano-Abruzzese, der Anatolische Hirtenhund, Pyrenäenberghund oder der Kuvasz. Sie finden ihre rassenspezifischen Aufgaben noch in den Gebirgsregionen Süd- und Osteuropas sowie in Asien, wo es noch oder wieder Wölfe und Bären gibt, vor denen die Schafherden geschützt werden müssen. Sie sind ebenfalls sehr groß und haben ein mindestens ebenso ausgeprägtes Territorialverhalten wie die Bauernhunde. Außerdem leben sie selbständig und sind misstrauisch gegen alles Fremde. Denn sie sollten ursprünglich Vieh- und Schafherden gegen Wölfe, Bären, Luchse und auch Nutztierdiebe verteidigen.
Treibhunde sind etwas kleiner, dafür aber sehr wendig, denn sie mussten den Tritten der Rinder beim Treiben ausweichen können. Sie verfügen über Ausdauer, viel Temperament und Mut, da sie sich von einem wehrhaften Rind nicht beeindrucken lassen durften. Typisch für diese Rassen sind das laute Bellen und das „Zwicken“ in die Fesselgelenke. Appenzeller- und Entlebucher Sennenhund sind Vertreter dieser Rassen; auch der Rottweiler, der jedoch das meiste dieses ursprünglichen Verhaltens heute bereits verloren hat.
Schäferhunde, auch Hütehunde genannt, arbeiten ähnlich. Wie der Name sagt, hüten diese Hunde einfach alles. Der Border Collie Guar und der Australian Shepherd Diano beispielsweise hatten an ihrem ersten Hundeschultag nichts Besseres zu tun, als ihre Artgenossen zu hüten, denn Schafe gab es leider nicht. Die Hundetrainerin war deshalb ziemlich genervt. Schäferhunde sind mittelgroße Hunde, die sehr schnell sind und über eine ausgeprägte Ausdauer verfügen. Sie arbeiteten ähnlich wie die Hirtenhunde, jedoch weniger selbständig und deshalb immer in enger Bindung an ihren Menschen.
Sie sind sehr wachsam und bellfreudig. Um sich gegen wehrhafte Schafe durchzusetzen, mussten sie die Schafe auch packen können. Dieses Packen durfte aber keinesfalls zu fest ausfallen, damit die Schafe nicht verletzt wurden. Das feinnervige Differenzierungsvermögen führte dazu, dass viele unserer heutigen Diensthunderassen aus den alten Schäferhunden entstanden sind. Häufige Vertreter der Diensthunde sind beispielsweise Hovawart, Deutscher Schäferhund, Dobermann, Airedale Terrier und der für militärische Zwecke genutzte Schwarze Russische Terrier. Diese Rassen wurden speziell für den Schutzdienst selektiert. Ihre Vertreter müssen deshalb in Konfliktsituationen übermäßig aggressiv reagieren und auch beißen.
Um diesen Schutztrieb unter Kontrolle zu halten – vor allem, wenn solche Hunde in einer Familie leben – müssen sie sehr früh, gut und lange in ihrem Umfeld sozialisiert und eingewöhnt werden.
Doggenartige Hunde, auch Molosser genannt, wurden zwar auch als Wachhunde, vorwiegend jedoch zum Kampf gegen Bären und Bullen gehalten. Einige von ihnen, zum Beispiel der Broholmer, dienten auch als schwerere Jagdhunde für die Wildschwein- oder Bärenjagd. Die große Körpermasse ist das typische Merkmal dieser Rassen. Hinzu kommt bei fast allen der relativ breite, aber dafür im Schnauzenbereich kurze Schädel. Bekannteste Vertreter dieser Rassen sind der Mastiff, der Mastino Napoletano und der Boxer.
Die Spitze machen ebenfalls eine große Rassengruppe im Hundekanon aus. Hört man „Spitz“, so hat man ein bestimmtes Erscheinungsbild eines Hundes vor sich: Kurze Stehohren, spitze Schnauze und eine Ringelrute. Bei den Spitzen ist zwischen den Nordischen Hunden und den asiatischen und europäischen Spitzen zu unterscheiden.
Die Nordischen Hunde sind in drei Untergruppen zu unterteilen: Nordische Schlittenhunde, wie Siberian Husky, Alaskan Malamute, Grönlandhund und Samojede, die für ihr Leben gern laufen, zeigen keine besondere Wachsamkeit und sind kaum anhänglich. Dafür jagen sie gern. Für Nordische Jagdhunde, wie Laika, Finnenspitz, Jämthund und Norwegischer Elchhund, ist – ihr Name sagt’s – die Hetzjagd gar ihr Leben. Die Nordischen Hütehunde dagegen, wie Schwedischer Lapphund und Norwegischer Buhund, zeigen kaum Jagdpassion, bewachen dafür gern.
Die asiatischen Spitze zeigen je nach ihren Aufgabengebieten Unterschiede in den Rasseeigenschaften: Der sehr lernfähige Eurasier geriet zum exzellenten, bewegungsfreudigen Begleit- und Schutzhund mit sehr sensiblem Wesen. Der Kishu wurde speziell als Jagd- und Wachhund und der kleine Japan-Spitz als Haus- und Familienhund gehalten, der keinen Lärm machen durfte – daran hält er sich noch heute.
Die europäischen Spitze, wie Wolfs- oder Deutscher Spitz und Volpino Italiano, begleiteten die Fuhrmänner und waren wegen ihrer Wachsamkeit bestens bekannt. Im Mittelalter nannte man sie „Mistbeller“.
Pinscher und Schnauzer waren ebenfalls Begleithunde der Fuhrmänner und Stallknechte, kurz: Des normalen Volkes. Das Freihalten der Ställe von Ratten und Mäusen kam solchen Hunden zu. Sie begleiteten und bewachten aber auch die Fuhrwerke.
Daher sind diese Hunde besonders bewegungsfreudig und besitzen ein ausgeprägtes Territorial- und Jagdverhalten. Außerdem sind sie extrem bellfreudig.
Begleithunde sind auch heutzutage noch die Zwerg- oder Schoßhunde. In der Vergangenheit wurden sie auch „Salon-“ oder „Damenhündchen“ genannt. Zu ihnen zählen beispielsweise Pekinese, Havaneser, Malteser und Bologneser.
Diese Rassen eignen sich besonders gut für ältere Menschen, da sie nicht ganz so viel Bewegung brauchen. Weil diese Rassen so sehr auf ihren Menschen bezogen sind, neigen sie oft zu Trennungsängsten. Sie müssen deshalb sozialisiert und gut trainiert werden.
Erblich bedingt, neigen diese Rassen teilweise zur Wasserkopfsucht, die unter anderem auch Lernschwierigkeiten mit sich bringt.
Jagdhunde kann man anhand ihrer Spezialisierung unterteilen. Grundsätzlich jagt nahezu jeder Hund gern. Doch die Jagdhunde im engeren Sinne weisen je nach ihrer Verwendung besondere, ausgeprägte Fertigkeiten in ihrem Aufgabengebiet auf.
Niederläufige Jagdhunde wie der Dackel haben es auch heute noch „im Blut“, alles zu suchen und zu töten, was klein ist und „quietscht“ oder „fiepst“. Nicht nur Kaninchen. Deshalb sind sowohl niederläufige Jagdhunde als auch Pinscher und Schnauzer eigentlich nicht für Familien mit kleinen Kindern geeignet.
Das kann ich Euch an dem Beispiel von Brisco zeigen: Der Rauhaardackel Brisco wurde von einer Familie mit einem sechs Monate alten Kind übernommen. Brisco erschien der Familie von Anfang an sehr lieb und lustig. Er zeigte immer ein „besonderes Interesse“ an dem schreienden Kind, was Herrchen und Frauchen jedoch als Wachsamkeit und Liebe zu dem Kind interpretierten. Eines Tages ließen die Eltern das Kind auf dem Teppich im Wohnzimmer kurz unbeaufsichtigt – Brisco würde schon aufpassen. Das Kind fing an zu schreien; in Briscos Hirn jedoch kam das als Fiepen und Quietschen an. Brisco biss daher reflexartig zu – und war sogar davon überzeugt, Angemessenes getan zu haben. – Er hatte jedoch noch Glück. Statt eingeschläfert zu werden, landete er „nur“ im Tierheim, auf seinen Papieren wurde er als „Kinderbeißer“ vermerkt, sodass er wohl noch lange dort sitzen wird. Aber trägt mein armer Artgenosse denn „Schuld“, dass dieses Verhalten in seinem Naturell liegt? – Brisco sah das schreiende Kleinkind stets als potenzielle Beute an.
Bevor man sich für eine Hunderasse entscheidet, sollte man sich über die eigene Familienkonstellation und die Erwartungen an das Tier informieren. In guten, objektiven Büchern oder bei einem kompetenten, im Gegensatz zu Züchtern unparteiischen Tierarzt. Das Gespräch würde sich sicherlich lohnen und verbindet schon mit dem neuen „Familienarzt“.
So genannte Schweißhunde wie Bayerischer Gebirgsschweißhund und der ältere, mächtige Hannoversche Schweißhund mit ihrem extrem ausgeprägten Riechvermögen werden auf „Schweißfährten“ – so heißen in der Jägersprache Blutspuren – angesetzt und führen den Jäger zum Beispiel zum angeschossenen, geflüchteten Wild. Die lauffreudigen Bracken dagegen – so der ausdauernde, älteste Vorstehhund Europas, der Bracco Italiano – und alle anderen Vorstehhunde wie Pointer, Setter und Griffons dienten außer dem Vorstehen und Apportieren auch dem „Wild abwürgen“.
Wasserjagdhunde apportieren Jagdbeute aus dem Wasser, so die Retriever. Zudem noch im Wasser zu suchen und zu hetzen beherrschen grandios etwa Lagotto Romagnolo, Pudel oder American- und Irish Water Spaniel.
Stöberhunde wie Spaniel oder Deutscher Wachtelhund sind passionierte Waldliebhaber. Windhunde, von dem kleinen Italienischen Windspiel bis hin zum riesigen Irish Wolfhound, sind extrem schnell und jagen auf Sicht. Alles, auch was sich weit entfernt bewegt, kann eine potenzielle Beute sein. Je schneller die Beute sich bewegt, umso interessanter ist sie.
Ursprüngliche Jagdhunde sind auch die Terrier. Durch eine besonders große Diversifizierung in verschiedene Terrier-Rassen zeigt diese Rassengruppe weit gefächerte, unterschiedlichste Begabungen für verschiedenste Aufgabengebiete.