Читать книгу Die erste Legende von Ashamur - Eileen Schlüter - Страница 8

Kapitel 3

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Ein unbeschreiblicher Schmerz in ihrer Brust ließ ihren Atmen stocken. Ihr Herzschlag donnerte in ihren Ohren. Sie öffnete ihre Lippen zum Schrei, aber sie blieb stumm. Das Letzte was sie sah, war ihre kalkweiße Hand, die sie flehend von sich streckte, bevor sich ein schwarzer Schleier vor ihre weit aufgerissenen Augen legte. Dann war alles still, doch ihre unausgesprochenen Worte drangen an die Ohren des Mannes, der einen Dolch in ihr Herz gerammt hatte. „Dhakur nes ourih!“

Kel fuhr aus dem Schlaf hoch und unterdrückte in letzter Sekunde einen Schrei. Sie rieb sich übers Gesicht und bemerkte, dass es nass war. Tränen rannen über ihre Wangen und tropften auf ihr Nachtgewand. War es dieser seltsam reale Traum, der diese melancholische Stimmung ausgelöst hatte, die sich in ihrer Brust ausbreitete? Kel war sich sicher, diesen Traum nicht zum ersten Mal geträumt zu haben.

Doch sie konnte die Zusammenhänge nicht einordnen. Ergaben die rätselhaften Worte einen Sinn oder handelte es sich nur um wirres Zeug, wie es in Träumen häufig vorkam? Am Ende entschied sie sich, dem Traum keine große Bedeutung beizumessen und legte sich wieder schlafen. Doch Schlaf stellte sich nicht ein. Die Gedanken schwirrten in ihrem Kopf herum. Was, wenn die Männer des Westtempels erkannten, das Kel ein Mädchen war? Noch dazu eine Magieträgerin! Was würden sie wohl mit ihr tun? Sie verhaften, wie die Nachbarsfrauen, die nur harmlose Tinkturen hergestellt hatten? Oder würde man sie in eines der roten Häuser verkaufen, wo Männer ihr alle erdenklichen Abscheulichkeiten antun würden, um ihren eigenen Befriedigungen nachzugehen?

Oder war der Tod die gerechte Strafe für eine Frau, die Kräfte besaß, die nur Männer besitzen durften?

Sie nahm sich vor, nie wieder diese verfluchte Gabe anzuwenden, doch sie wusste, dass sie nicht immer Einfluss darauf nehmen konnte. Manchmal beschwor sie unbewusst Magie, wie damals bei Ocai und seinen Kumpanen. Oder heute beim Essen, als sie ihren Trinkbecher vom Umkippen abgehalten hatte. Sie müsste lernen, ihre Magie unter Kontrolle zu bringen.

Niemand durfte davon erfahren. Sie würde Jard irgendwie dazu bringen müssen, dass er es für sich behielt, wenn sie erst im großen Ausbildungstempel des Westens waren, wo sie sich ausschließlich auf das Erlernen der traditionellen Kampfkunst konzentrieren wollte, während Jard seine heilerischen Fähigkeiten voll entfalten würde.

In zwei Wochen würden sie aufbrechen. Ihr Herz klopfte aufgeregt, bei dem Gedanken, endlich die schöne Insel Eriu zu sehen und sogar für einige Zeit dort zu leben. Ihre Großmutter hatte ihr einmal erzählt, dass es der große Traum ihres Vaters gewesen war, in einem der fünf Tempel ausgebildet zu werden. Er war ein talentierter Schwertkämpfer und außerdem ein ausgezeichneter Bogenschütze gewesen. Doch war alles anders gekommen. Seine Frau, Xora, war bei Kelestras Geburt gestorben. Er musste für das kleine hilflose Bündel sorgen und vergrub seinen Traum von den Ausbildungstempeln, auch wenn Nona ihn immer ermuntert hatte, für einige Zeit zu gehen. Sie würde mit dem Geld, das sie mit ihren Flechtkörben und Keramikarbeiten verdiente, schon auskommen für sich und Kel. Doch Avias hatte sich lieber für das schnelle Geld entschieden und sich für die Schlacht von Ivadyn, gegen Herzog Rahol aus dem Südreich, rekrutieren lassen, von der er nie zurückkehrte.

***

„Geht es dir besser?“, erkundigte sich Jard. Kel war immer noch blass und hatte dunkle Schatten unter den Augen. Im Unterbewusstsein plagte Jard ein schlechtes Gewissen. Hatte er seinen Freund vielleicht zu sehr gedrängt, ihn am Ende sogar genötigt, den Bluteid zu schwören?

„Tut mir Leid, wegen gestern. Ich hoffe, du kommst damit zurecht.“ Er knabberte nervös auf seinen Lippen herum, den Blick vorsichtig auf Kel gerichtet, der eines der Pferde, die sie für die Reise nach Eriu benötigten, mit einer groben Bürste, vom letzten Winterfell befreite.

Kel nickte. „Schon gut, ich hätte mich nicht so anstellen sollen. Ich weiß, dass dir diese Blutsbrüderschaft viel bedeutet. Mir auch, Jard. Ich hätte mir keinen anderen Bruder wünschen können.“

Seine Stimme klang erstickt, doch Jard war erleichtert, dass Kel nicht länger mit sich haderte.

Kel räusperte sich. Irgendetwas lag ihm scheinbar noch auf dem Herzen. Jard wechselte die Seite seines Pferdes und stand nun dichter an Kel. Er schrubbte den Rücken seines Fuchses und schielte hinüber zu ihm.

„Jard, ich muss dich um was bitten“, murmelte Kel, die Stirn in Falten gelegt.

„Klar, Bruder!“, schoss Jard übereifrig hervor.

„Du weißt, dass ich nicht gerne Magie gebrauche. Ich bin auch nicht... nicht gut darin, so wie du. Ich meine, ich könnte meine Hände stundenlang auf eine schmerzende Schulter legen, es würde nichts geschehen, außer, dass meine Hände dabei höchstwahrscheinlich einschlafen.“

Jard musste Grinsen. „Das ist reine Übungssache“, explizierte er.

„Ich wünschte mir, ich besäße keine Magie“, sagte Kel schwermütig.

Überrascht brach Jard die Putzbewegung mit der Pferdebürste ab. Der Wallach gab ein feuchtes Schnauben von sich.

„Ich verstehe dich nicht, Kel. Uns Magieträgern wurde diese besondere Gabe von unseren Ahnen, den Allmächtigen, geschenkt, also sollten wir sie auch nutzen. Weißt du eigentlich, wie viele Menschen uns darum beneiden? Einschließlich Liva!“

Kels Schimmelstute schlug nervös mit dem Schweif und gleichzeitig mit dem Hinterhuf. Scheinbar hatte Kel sie zu grob an der Flanke geschrubbt.

„Sie wäre nicht lange glücklich, schätze ich. Als einzige Magieträgerin der Welt.“ Bei diesen Worten nahm Kels Miene geradezu schmerzliche Züge an.

Was war nur los mit ihm?

„Ich wäre dir dankbar, wenn du es für dich behältst, dass ich ein Magieträger bin, wenn wir im Tempel sind. Ich will mich dort nur auf das Kämpfen konzentrieren und habe nicht vor, Magie zu benutzen. Frag nicht nach Gründen, ich habe mich einfach dazu entschieden! Ich habe auch deinen Vater gestern Abend gebeten, dass er mich in seinem Schreiben an Großmeister Nakoro nicht als Magieträger bezeichnet. Ich glaube, er war verwundert, aber letztendlich hat er meinen Wunsch respektiert. Bitte tu du es auch!“

Kels Stimme klang heiser. Das einzige Resultat, das die Wolfsnessel offenbar bei ihm bewirkte.

Jard nahm einen tiefen Atemzug durch die Nase.

„Du kannst dich auf mich verlassen, Bruder. Niemand erfährt von mir irgendwas. Du bist nur ein ganz normaler Junge, der es auch ohne Magie schaffen will, der beste Kampfschüler aller Zeiten zu werden und sich die begehrte Lotusmandala- Tätowierung zu verdienen.“ Jard versuchte ein lockeres Lächeln zustande zu bringen. Möglicherweise überlegte es Kel sich ja im Tempel noch einmal anders, wenn er erst mit vielen anderen Magieträgern zusammen war, dachte Jard zuversichtlich und setzte die Fellpflege seines Pferdes fort.

***

Sie brachen im Morgengrauen auf. Es war ein warmer Frühsommertag und die Pferde hielten ein angenehmes Tempo. Bis Sonnenuntergang wären sie unterwegs zur Westküste, von wo aus sie mit einer Fähre zur Insel Eriu fahren würden. Die kurze Überfahrt war für die Pferde weniger nervenaufreibend, als die mehrstündige Schiffsfahrt von Aracons Hafen aus. Überdies war Kel noch nie aus Aracon herausgekommen und war neugierig auf die Dörfer und kleinen Städte, die sie auf der Reise durchqueren würden.

Das erste Dorf, das sie am Vormittag erreichten war bekannt für seine wunderbaren Obstplantagen. Hier wurden insbesondere die einheimischen rosafarbenen Chamshi und die herrlich süßen Nashiri gezüchtet, doch auch exotische Früchte von fernen Kontinenten wie Äpfel, Birnen, Kirschen und Pflaumen gab es hier. Kel und Jard kauften bei einem Straßenhändler jeweils einen Beutel Obst, das sie mit ihren Pferden teilten.

Sie pausierten am Rand eines Kürbisfeldes, als ein Wagen, vor den ein klappriger Wasserbüffel gespannt war anhielt. Der Mann auf dem Bock schien sichtlich erschöpft. Zwischen der Fracht auf dem hinteren Teil saßen eine zum Teil verschleierte Frau und zwei kleine Kinder. Die Kinder schliefen. Offenbar war die Familie lange Zeit unterwegs gewesen.

Kel und Jard begrüßten den Mann mit einer freundlichen Geste, als dieser von seinem Wagen sprang.

„Ihr seht hungrig aus“, sagte Jard und bot dem Mann sofort etwas von seinem Obst an.

Der Mann half seiner Frau herunter. Die schlafenden Kinder deckte er mit einigen leeren Säcken zu.

Kel bot der Frau von ihrem Obst an. Dankbar griff sie zu einem Apfel und biss genussvoll zu.

„Setzt Euch zu uns“, sagte Kel und hockte sich wieder ins Gras. Der Mann breitete einen weiteren leeren Sack aus und bedeutete seiner Frau, sich darauf nieder zu lassen. Kel verfolgte den Mann irritiert, der plötzlich einen länglichen hölzernen Gegenstand unter seinem schmuddeligen Hemd hervorzog, der an einer groben Schnur um seinen Hals hing. Sie kniff die Augen zusammen, um den Gegenstand besser zu erkennen, den der Mann gegen die Sonne hielt und dabei unverständliche Worte murmelte. Dann drehte er sich in jede Himmelsrichtung, streckte das hölzerne Artefakt in die Höhe und wiederholte die geheimnisumwobenen Worte. Rituale jeglicher Art waren nichts Ungewöhnliches im Reich der vier Himmel. Sie gehörten zum Alltag vieler Männer, dachte Kel und wurde prompt wieder an den Blutschwur mit Jard erinnert. Allerdings hatte Kel noch nie so einen fingergroßen Gegenstand gesehen, der aussah, wie eine geschnitzte Pfeilspitze mit einem Drachenkopf am anderen Ende. Auch die fremdartigen Worte kamen ihr nicht bekannt vor. Rituale und Schwüre wurden schon seit über dreihundert Jahren üblicherweise in der heutigen Sprache gesprochen. Es gab nur wenige Worte, die aus der Uraltsprache in den gegenwärtigen Sprachgebrauch übernommen worden waren und meistens nur in der Heil- sowie in der Kampfkunst verwendet wurden.

Als der Mann fertig war, küsste er die kleine Figur dreimal und ließ sie wieder unter seinem Hemd verschwinden. Dann setzte er sich neben seine Frau und biss gierig in eine saftige Chamshi.

„Was war das für ein Brauch?“, fragte Jard interessiert. „Mir scheint, Ihr seid nicht von hier.“

Der Mann berührte die Stelle auf seiner Brust, wo die Figur unter seiner Kleidung lag.

„Wir sind aus Ashamur. Seit sechs Tagen sind wir unterwegs. Wir wollen zur Insel Katuri, denn dort sind wir sicher!“ Der Mann war sichtlich aufgeregt, während er sprach; zudem blickte er ständig in den Himmel, als suche er dort etwas.

„Sicher wovor?“, erkundigte sich Kel.

„Vor der Prophezeiung, Junge!“, zischte die Frau unter ihrem Halbschleier hervor.

„Ruhe Weib! Wer hat dich gefragt?“, brummte der Mann.

Die Frau blickte rasch zu Boden.

„Es wird zurückkehren und nichts als Verwüstung hinterlassen. Ich spüre es. Ich bin kein großer Magieträger, aber ich habe es in den schwarzen Wolken gelesen, die über die Königsstadt zogen. Es wird kommen! Ich habe es den anderen gesagt, doch sie glaubten mir nicht. Sie sind verdammt! Daraufhin haben wir unser Hab und Gut gepackt und sind losgefahren. Katuri ist ein sicherer Ort, denn die Insel gehört nicht zum Reich der vier Himmel. Dort wird diese Kreatur uns nicht finden.“ Wieder starrte der Mann in den Himmel, offenbar fürchtete er, die düsteren Wolken könnten ihn bis hierher verfolgt haben.

„Eine Prophezeiung sagt Ihr?“ Jard kratzte sich am Kinn. „Von welcher Prophezeiung genau sprecht Ihr? Es gibt dutzende, dreiviertel davon wurden erfunden, um Kindern das Fürchten zu lehren.“ Kel bemerkte, dass Jard die Geschichte des Mannes genauso wenig ernst nahm wie sie selbst. Doch der Aberglaube war fest verankert in den Köpfen vieler Menschen.

Eine Prophezeiung, von der sie immer wieder gehört hatte, offenbarte beispielsweise, dass die Sonne nie wieder scheinen werde und die Menschen in ewiger Dunkelheit leben sollten, wenn sie nicht vor Mitternacht in ihren Betten lagen. Aus diesem Grunde war vor Jahrhunderten die Sperrstunde eingeführt worden, an die sich weniger als die Hälfte der Menschen hielt. Angst, dass die Sonne nie wieder scheinen würde, hatte sie längst nicht mehr.

„Ihr glaubt mir nicht?“, fuhr der Mann die beiden an. „Ich sehe es in euren Augen! Ich sage euch, flieht solange ihr noch könnt, Burschen!“ Er sprang auf die Füße und zerrte seine Frau sogleich mit sich. Er schob sie unsanft auf den Karren, stopfte dem Büffel den Rest seiner Chamsi ins Maul und schwang sich auf den Kutschbock.

„Unser aller Untergang naht!“, rief er mit mahnender Stimme und knallender Peitsche. Der Karren setzte sich in Bewegung. Kel und Jard verfolgten ihn mit skeptischen Blicken, bis er um eine Kurve verschwunden war.

„Wen meinte er mit es?“, fragte Kel. Achselzuckend kramte Jard in seinem Beutel nach einer Pflaume.

„Ich glaube, er sprach von einer Kreatur. Was auch immer man darunter versteht. Ich glaube zwar an Magie, immerhin sind wir selbst Magieträger, aber alles hat seine Grenzen. Zum Beispiel kann niemand – nicht einmal der beste Magieheiler – jemanden wieder vom Tode erwecken. Genau deswegen, glaube ich auch nicht, dass es etwas so Mächtiges gibt, das die Welt einfach zerstören kann.“

„Du hast sicher Recht“, erwiderte Kel und blickte in den Himmel. Für eine Schreckenssekunde meinte sie, eine Düsternis über ihnen zu erkennen, doch als sie den Blick schärfte war dort oben nichts als ein tiefblauer Sommerhimmel.

Die erste Legende von Ashamur

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