Читать книгу Seltsame Vorfälle - Elisa Scheer - Страница 8
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ОглавлениеAm nächsten Tag klopfte dieser nette Polizist an ihre Bürotür, als Stella gerade Materialien für eine Ausstellung sichtete und einen Katalog-Entwurf korrigierte.
Sie lachte ihn an. „Sagen Sie bloß, sie wissen schon, was in diesem Paket war?“
„Ich weiß es: eine halbe Schweineleber.“
„Äh, sowas Wabbeliges, nicht wahr? Ich hasse Leber – wenn das eine Anspielung sein wollte, muss sich jemand schwer in der Adresse geirrt haben!“
Hollerbach setzte sich. „Und wer könnte das sein?“
Sie zuckte die Achseln. „Im Prinzip jeder, der mich nicht gut kennt und einen sehr seltsamen Sinn für Humor hat. Und rohe Leber anfassen kann, natürlich – sie war ja wohl nicht gebraten, oder?“
„Sie haben recht. Aber sie kennen wirklich niemanden, der etwas – äh – seltsam drauf ist und vielleicht etwas gegen Sie hat?“
„Nein. Ich komme eigentlich mit allen gut aus. Und die meisten meiner guten Bekannten sind ohnehin Vegetarier, die fassen kein Fleisch an. Schon gar keine Innereien!“
„Und Sie haben in letzter Zeit auch keine neuen, vielleicht etwas seltsamen Leute kennengelernt?“
„Nein… im Art Café war ich schon öfter, auf die anderen Gäste habe ich noch nie geachtet – und in die Ausstellungssäle im Erdgeschoss und im ersten Stock komme ich eher selten. Ich sitze ja doch immer hier oben. Naja, ab und zu wechselt man mit einem Besucher ein, zwei Sätze – aber die kenne ich doch gar nicht!“
„Worüber reden Sie mit den Besuchern? Kleiner Flirt?“
„Herr Hollerbach, ich bitte Sie! Zu den Toiletten geht´s da rechts, nein, das da ist kein Rembrandt, sowas können wir uns gar nicht leisten, hier bitte, ein Infoflyer, bitte setzen Sie sich nicht auf den rosa Stuhl, der ist Teil des Kunstwerks…“
Hollerbach grinste.
„Und dann sagt der Kunstkenner, das ist doch bloß Unordnung, so sieht es im Zimmer seiner Teenietochter auch aus?“
„Mit sowas müssen wir auch ab und zu rechnen. Immerhin hat bei uns noch keine Putzkraft eine Installation abgeschrubbt und weggeräumt, denken Sie nur an Joseph Beuys!“
Hollerbach lächelte vage – von Beuys hatte er wohl noch nie gehört? Das fand Stella jetzt nicht allzu tragisch, Beuys wurde ihrer Ansicht nach seinerzeit doch ziemlich überschätzt.
„Und an die Leute, mit denen ich ab und zu mal ein paar Sätze gewechselt habe, kann ich mich ehrlich gesagt nicht mehr erinnern. Im Gegensatz zu uns tragen die ja auch keine Namensschildchen!“
„Das heißt aber, wenn jemand im Museum auftauchte und sich wegen irgendwelchem Quatsch über Sie ärgern sollte, wüsste er gleich, dass Sie dort arbeiten und wie sie heißen?“
„Das natürlich schon…“ In ihrem Kopf schlug ein winziges Glöckchen an, da war doch – nein, schon wieder weg. War wohl nur Unsinn gewesen…
„Ja?“
„Bitte?“
„Sie sahen gerade aus, als sei Ihnen eine Idee gekommen?“
Stella schüttelte ärgerlich den Kopf. „Es war bestenfalls ein Hauch eines Gedankens. Verschwunden, bevor ich ihn auch nur annähernd erfasst hatte. Tut mir leid.“
„Wenn Ihnen wieder einfällt, was es war…“ Er reichte ihr eine Visitenkarte, die sie interessiert studierte. „Ben – Benjamin oder Benedikt?“
„Weder noch – einfach nur Ben!“ Er lächelte abschiednehmend.
Stella blieb an ihrem Schreibtisch sitzen: Schweineleber? Ein bisschen eklig, aber doch wohl keine Bedrohung?
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Max und Liz hatten auch keinen Fortschritt zu vermelden, als er zurückkehrte und berichtete. „Ich glaube, sie weiß doch etwas – aber sie sagt, es war nur ein vager Gedanke. Vielleicht weiß sie nicht mehr, wer ihr komisch vorgekommen ist.“
„Vielleicht trifft sie den oder die ja mal wieder und dann wird ihr einiges klar“, hoffte Katrin. „So nach dem Motto Der hat mich doch damals so merkwürdig angesehen – und genau, der heißt sowieso…“
„Wenn der oder die gescheit ist, lässt er sich nicht mehr blicken“, unkte Max.
„Aber gar nicht mehr?“, wandte Katrin ein. „Will so einer nicht sehen, wie sein Opfer immer nervöser wird? Sich daran aufgeilen vielleicht? Wenn ich so eine kranke Sau wäre, würde ich mich doch in der Nähe herumdrücken, versteckt natürlich, und mich freuen, wenn sie heult oder so.“
„Theoretisch könnte er auch der sein wollen, an dessen breite Brust sie sich dann flüchten soll, weil ihr Stalker sie so unter Druck setzt“, warf Max ein.
„Ich glaube, so ist die nicht“, wandte Ben ein. „Eher cool. Regelrecht frech sogar. Die lässt sich nichts bieten, glaube ich.“
„Wie will sie das verhindern, wenn sie ihren Gegner gar nicht kennt?“
Ben brummelte. „Man müsste sie im Auge behalten. Ob sie wiederum von jemandem beobachtet wird.“
„Personalaufwendig“, gab Max zu bedenken.
Katrin überlegte, ob sie einschreiten sollte, wenn Max sich hier als Chef aufspielte – die Gruppenchefin war doch eigentlich sie? Aber auch Max sollte sich natürlich profilieren…
„Gut, Max, du hast da leider recht, aber wenn noch Weiteres vorfällt, sollten wir wirklich über eine Überwachung nachdenken.“ Das war doch richtig schön ausbildermäßig?
Max nickte. „Enkofer scheint sich langsam zu erholen, ist aber noch nicht aufgewacht. Wenn wir Pech haben, kann er sich an den Überfall dann gar nicht mehr erinnern. Und außer dieser Frau Luggauer haben wir keine Zeugen – und die hat nichts gesehen, nur die Schüsse gehört. Mit Schalldämpfer.“
„Was ist mit den Kugeln?“, fragte Katrin.
„Haben wir noch nicht, die KTU schaut jetzt die Wände in der Galerie an. Kann also noch kommen. Ich soll gefälligst keine Hektik verbreiten.“
„Du kannst ja nichts dafür, Max.“
„Superwitz“, murmelte Ben. „So viele falsche Fährten – für eine Handvoll unverkäuflicher Bilder?“
„Und schwere Körperverletzung noch obendrein“, ergänzte Liz erbost. „Vielleicht versuchen die Täter – Tatpersonen – ja, die Beute zu verscherbeln.“
„Viel Spaß“, wünschte Max griesgrämig. „Das ist ja schon dem Enkofer nicht gelungen!“
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Als Stella aus dem Personaleingang des Museums trat und in die schwächliche Sonne blinzelte, sah sie diesen jungen Mann, den sie vor wenigen Tagen in der Ausstellung gesehen hatte. Er studierte einen der Schaukästen und schien sie nicht gesehen zu haben, also entfernte sie sich rasch in die andere Richtung, an der Galerie Enkofer vorbei.
Der Junge war ja doch eher uninteressant, außerdem hatte sie schon wieder vergessen, wie er hieß, und das würde dann doch nur peinlich.
Ungesehen kam sie sozusagen von hinten zu ihrem Auto, das – als hätte sie es morgens geahnt! – ganz hinten auf dem Parkplatz stand, so weit wie möglich von der Straßenfront mit den Schaukästen entfernt.
Erleichtert atmete sie auf, sobald sie die Fahrertür zugeschlagen und sich angeschnallt hatte.
Mein Gott! Sie tadelte sich selbst wegen ihrer Hysterie. Dieses unbedarfte Kerlchen, hatte sie etwa Angst vor dem?
Blödsinn, bloß keine Lust, den näher kennenzulernen. Auf so etwas hatte sie schon seit Jahren schon keine Lust mehr. Alleine war es schöner, eindeutig.
Sie fuhr nach Mönchberg, überlegte unterwegs, ob sie etwas einkaufen musste, kam zu dem Schluss, dass sie Klopapier brauchte und vielleicht Brot, Käse und Eier. Wurst mochte sie nicht, da dachte sie dann womöglich an die Sache mit der Schweineleber!
Nein, sie hatte keine Angst vor Männern, das wäre ja noch blöder! Aber es gab Männer, mit denen hatte man beruflich zu tun und führte sachliche Gespräche, das war auch ganz okay – und dann gab es Männer, die einen nur so anquatschten und eigentlich ein bisschen lästig waren: so zwecklos!
Mit Freunden ganz zweckfrei zu ratschen, war toll, aber mit Leuten, bei denen man nicht wusste, was sie von einem wollten, nur wusste, dass man selbst von ihnen nichts wollte – no, Sir!
Irgendwer hatte mal in einem uralten Film so ungefähr gesagt Ich habe so viele Bekannte, bevor nicht einer von ihnen stirbt, kann ich keinen neuen aufnehmen. Das hatte ihr sehr gut gefallen! War´s nicht Audrey Hepburn gewesen, in einem Film, wo sie von sehr seltsamen Männern verfolgt wurde… ? Wie war bloß der Titel? Keine Ahnung, anscheinend wurde sie doch langsam alt…
Egal. Klopapier und was zu essen, das wusste sie immerhin noch! Mit ihrem Proviant und einem Zehnerpack kam sie zurück und packte alles in den Kofferraum, dann fischte sie den Zettel von der Windschutzscheibe: Zu blöd zum Parken?
Häh? Sie umrundete zweimal ihren Wagen, der exakt mittig zwischen den Markierungen stand und weder zu nahe an der Wand des Supermarktes war noch zu weit in den Fahrweg zwischen den Parkplätzen ragte. Was bitte sollte da denn falsch sein?
Sie warf den Zettel auf den Beifahrersitz und stieg wieder ein. Als sie in die Tiefgarage im Minoritenweg gefahren war, tat sie etwas, was sie noch nie gemacht hatte: Sie blieb unten an der Einfahrt stehen und blickte starr in den Rückspiegel, bis das Tor sich wieder schloss – niemand war ihr gefolgt, natürlich nicht.
Der Zettel kam von irgendeinem mürrischen Typen, der mit seinem Angeber-SUV (wahrscheinlich zur Penisverlängerung!) zwei Parkplätze gebraucht hätte und sich geärgert hatte, dass sie es gewagt hatte, auch parken zu wollen.
Ganz klar! Obwohl – würde so einer nicht seine Frau zum Einkaufen schicken und in der Zeit lieber auf der Autobahn per Lichthupe alle anderen von der linken Spur scheuchen?
Vorurteile waren wirklich etwas Schönes… vielleicht war er ja auch einer dieser selbsternannten Meisterköche, der noch schnell etwas Ingwer oder Safran für ein Nouvelle Cuisine-Rezept brauchte? Nur ein anderes Vorurteil, musste sie zugeben, während sie die Treppen hinaufeilte.
Den albernen Zettel legte sie oben aufs Regal, denn aus irgendeinem unklaren Grund widerstrebte es ihr, ihn dahin zu werfen, wohin er eigentlich gehörte – ins Altpapier.
Du lieber Himmel! Sie kaute auf diesem Schwachsinn herum und der Typ/die Typin, wer auch immer den Zettel geschrieben hatte (in einer recht ordentlichen Schrift übrigens, eigentlich erstaunlich!), hatte seinen momentanen Ärger garantiert längst vergessen - aber sie ließ sich hier den Abend verderben!
Das kannte sie schon: Sie hatte einmal fast einen ganzen Tag lang überlegt, warum ihr ein anderer Autofahrer den Finger gezeigt hatte, obwohl sie doch gar nichts falsch gemacht hatte. Wie schnell sich die schlechte Laune anderer Leute übertragen ließ!
Egal jetzt.
Sie schaute in den Kühlschrank, packte ihre Einkäufe hinein, schnitt sich dann zwei Scheiben Brot ab, einige Scheiben Käse, legte alles auf einen kleinen Teller, wusch zwei Tomaten und legte sie aufgeschnitten dazu. Ein Ei kochen? Ach, wozu, das hier reichte ja wohl!
Schön, zu Hause zu sein. In der Sicherheit ihrer eigenen Wohnung. Huch? Sicherheit? Fühlte sie sich jetzt draußen verfolgt? Nur wegen Schweineleber und diesem albernen Parkzettel? Soweit kam´s noch, dass sie sich von zwei Vollpfosten in Ängste drängen ließ…
Etwas Hausarbeit lenkte sie ab, danach überlegte sie, was sie morgen alles im Büro zu erledigen hatte, plante die Reihenfolge der Aufgaben durch und war schließlich recht zufrieden mit sich.
Dann rief sie ihre Mutter an und vertiefte sich in genüsslichen Tratsch über Tante Beate und ihre Kinder, die wie üblich allerlei Unsinn anstellten – merkwürdige Liebhaber*innen, originelle bis abstruse Studienpläne und Studienwechsel; die Jüngste war letzthin durchs Abi gefallen und hatte eigentlich keine Lust, das letzte Jahr noch einmal zu machen – und keine*r der vier machte Anstalten, endlich einmal auszuziehen! Ihre Mutter fand ja, Beate habe keine gute Hand in der Erziehung, Stella dagegen fand, die vier wüssten einfach nicht, was sie wollten oder wonach sie eigentlich suchten. Sie sah die anderen ja selten und hatte auch nicht das Gefühl, dass die sie besonders mochten – sie war mindesten sechs Jahre älter als ihre Cousins und Cousinen und brav in Amt und Würden, was die anderen mit ihrem Hang zur Bohème vermutlich als Angriff auffassten. Dabei war es Stella doch egal, was sie trieben, solange es ihnen Spaß machte!
Waren die etwa so sauer auf ihre bürgerliche Existenz, dass sie ihr eine Schweineleber schickten? Also Mia, die Jüngste, bestimmt nicht, die war doch streng vegan unterwegs? Und Robin, der Älteste, auch nicht, der verachtete Spießer doch nur…
Nein, sie glaubte es von keinem. Die waren etwas chaotisch, was sie ja auch gerne sein durften, wie sie sich sofort selbst versicherte, aber niemand war böse – oder auch nur bedenklich seltsam!
Alles Quatsch! Sie verabredete eher vage, sich mit Mama wieder einmal im Café Fugger zu treffen, vielleicht in der nächsten Woche, und lehnte sich dann nachdenklich zurück. Nein, die Heiling-Kinder ganz bestimmt nicht!
Ein Idiot, der selbst nicht einparken konnte – und ein dummer Junge, wahrscheinlich, der sie in einem der Ausstellungssäle gesehen hatte und sich ihren Namen wegen des ungewöhnlichen Akzents hatte merken können. Und jetzt würde sie früh ins Bett gehen und diesen Kriminalroman lesen, der im Wien der letzten Habsburger Jahre spielte und ausgesprochen verwickelt und spannend war!