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Montag, 18. März

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Ich riss die erstbeste Abteiltür auf und ließ mich auf einen freien Platz fallen. Während ich noch nach Atem rang, ruckte es und der Zug fuhr an. Egal! Ich saß eine ganze Zeitlang nur da und schnaufte. Kondition hatte ich auch keine mehr...

Als ich mich nach geraumer Zeit umsah, merkte ich, dass das Abteil doch nicht ganz leer war; am Fenster, mir schräg gegenüber, saß ein Mann in mittleren Jahren, der verbissen in den Laptop hämmerte, den er auf seinen Knien balancierte. Ich warf ihm einen gleichgültigen Blick zu und schloss die Augen wieder.

Wieso war alles so scheiße? Bevor ich mich in die einzelnen Aspekte dieses Gedankens vertiefen konnte, wurde die Abteiltür aufgerissen.

„Noch jemand zugestiegen?“

„Ja, ich“, murmelte ich und öffnete träge die Augen. „Ich habe aber kein Ticket.“

„Dann müssen Sie nachlösen.“

„In Ordnung.“ Mir doch egal!

„Und wohin wollen Sie fahren?“

Gute Frage! Keine Ahnung...

„Wohin fährt denn der Zug?“

Der Schaffner, Verzeihung, der Zugbegleiter, ein pickliges Bürschlein, kaum volljährig, sah mich ungläubig an. „Das wissen Sie nicht?“

„Deshalb frage ich ja“, antwortete ich mürrisch.

„Salzburg, Linz, Attnang-Puchheim, Wien-Hütteldorf, Wien-West“, leierte er herunter.

Ich überlegte. Attnang-Puchheim klang wirklich verlockend, davon hatte ich noch nie gehört. Nein, lieber nicht. „Wien-West“, entschied ich endlich.

„Einfach oder Retour?“

„Retour.“ Irgendwann musste ich ja wieder zurück, leider.

„Bahncard?“

„Natürlich nicht!“

„Bar oder Karte?“

„Karte.“ War das umständlich!

Sein seltsames Gerät begann zu rattern und er zog einen Fahrschein heraus. Ich reichte ihm mit müder Geste meine Kreditkarte, er zog sie durch, ließ mich den Beleg unterschreiben und reichte mir alles samt Ticket zurück.

„Am Fahrkartenschalter wäre es billiger gewesen“, kommentierte er noch und sah mich neugierig an.

Ich öffnete meine Augen wieder ganz und sah ihn tadelnd an. „Ich hatte es aber eilig. Dazu kann man doch nachlösen, oder?“

„Sicher. Aber wenn Sie nicht einmal wussten, wohin Sie fahren...“ Er zuckte die Achseln und verließ das Abteil. Der Mann am Fenster warf mir einen neugierigen Blick zu, aber ich starrte offenbar giftig genug zurück, jeden

falls senkte er seine Augen rasch wieder auf seine Tastatur und tippte weiter.

Ich kuschelte mich in die Ecke, sah geistesabwesend auf den Gang hinaus und döste, bis die Gedanken in meinem Kopf wieder zu rotieren begannen. Scheiße, alles Scheiße. Wie hieß es in dramatischen Filmankündigungen immer so schön? Sie stand vor den Trümmern ihres Lebens... Das traf es genau – warum waren Klischees immer so wahr? Heute Morgen um halb sieben war meine Welt noch in Ordnung gewesen. Irgendwie war das auch ein Zitat, mir fiel nur nicht mehr ein, woher es stammte. Gleichgültig...

***

Um halb sieben saß ich mit Norbert am Frühstückstisch, ganz friedlich. Er las Zeitung (wie immer), ich trank schwarzen Tee und aß eine halbe trockene Semmel, weil mich auf diesem Tisch sonst nichts reizte. Wir hatten eine ruhige Nacht verbracht, ganz ohne die üblichen Zänkereien, Norbert musste in einer Viertelstunde zur Arbeit aufbrechen. Er war Personalchef in einer ziemlich großen Elektronikfirma und verdiente gut, im Gegensatz zu mir – ich wurde in Frances´ alberner PR-Agentur für einen Hungerlohn ausgebeutet, so kam es mir jedenfalls manchmal vor.

Plötzlich ließ Norbert die Zeitung sinken. „Was wirst du heute Abend anziehen? Doch hoffentlich nicht wieder diese abgewetzten Hosen und die Lederjacke?“

„Heute Abend?“, fragte ich dumm zurück.

„Ja, heute Abend.“ Er legte die Zeitung beiseite und sah mich an, blankes Entsetzen in den blauen Augen hinter der eleganten Brille. „Du hast es doch nicht etwa vergessen?“

„Offenbar doch“, seufzte ich, „also, was haben wir heute Abend denn vor? Hoffentlich ist es nichts allzu Frühes, du weißt doch, dass Frances mich nie rechtzeitig gehen lässt.“

„Heute Abend ist der Empfang im Russischen Hof, zu Ehren unseres Vertrags mit dieser spanischen Firma, mit der wir das Joint-Venture vereinbart haben.“

Nie gehört. Davon hatte er garantiert nichts erzählt! Das sagte ich ihm auch, und sein Gesicht rötete sich ärgerlich.

„Vor einer Woche habe ich dich gebeten, dir diesen Abend freizuhalten! Du wolltest es dir sofort aufschreiben! Auf dich kann man sich wirklich nicht verlassen.“

„Übertreib doch nicht so“, versuchte ich ihn besänftigen, „ich schau sofort nach.“

In meinem Zeitplaner stand für heute alles Mögliche, aber keinesfalls etwas über den Russischen Hof, irgendwelche Spanier oder Norbert. Was leider dort stand, war 19.00 Esplanade Dr. Böhmelmann. Äh, der alte Wichtigtuer!

„Hier steht nichts“, sagte ich also, „aber um sieben habe ich schon einen Termin, tut mir Leid. Wann fängt der Zauber im Russischen Hof denn an?“

„Um halb acht. Schaffst du das?“

„Ausgeschlossen“, wehrte ich ab, „der blöde Böhmelmann quatscht immer erst eine Stunde rum, bevor er ein Konzept begutachtet, und dann gehen die Verhandlungen erst richtig los. Neun, halb zehn – frühestens.“

„Vergiss es, das ist zu spät. Betty, du bist wirklich zu nichts zu gebrauchen.“

„Hör mal!“ Das war ja doch ein starkes Stück! Außerdem glaubte ich immer noch, dass er mir von dieser Veranstaltung gar nichts gesagt hatte.

„Das ist so wichtig für meine Karriere, und du lässt mich im Stich!“

„Mein Gott“, antwortete ich ungeduldig, „dort werden doch noch mehr Leute sein, deren Partner an diesem Abend beruflich verhindert sind, was ist denn daran so tragisch?“

„Oh nein, alle anderen haben Frauen, die wissen, wie man Prioritäten setzt.“

„Inwiefern?“, erkundigte ich mich freundlich, aber wachsam

„Na, welche Arbeit ist denn wohl langfristig die Wichtigere? Du musst doch zugeben, dass diese alberne Tätigkeit, der du da nachgehst – ich bitte dich, irgendwelchen Idioten Medienauftritte zu verschaffen! – nicht weiter ernst zu nehmen ist. Und was du verdienst, ist ja wohl auch eher lächerlich.“

„Für mich reicht es“, widersprach ich ärgerlich.

„Ja, weil deine Wohnung unbenutzbar ist, dein Auto nicht fahrtüchtig, deine Garderobe abgerissen und deine Rücklagen knapp für drei Monate reichen. Schau dich doch um – so etwas könntest du dir nie leisten!“

Ich sah gehorsam in die Richtung, die sein weit ausholender Arm wies. Ja, eine ordentliche Wohnung. Etwas viel Beige vielleicht, aber heizbar, mit dichten Fenstern, fließendem heißen Wasser und einer funktionstüchtigen Küche. Drei Zimmer, sogar mit einem kleinen Balkon, der auf einen gepflegten Hof sah und über die Dächer kleiner Siedlungshäuschen. Bevor ich etwas sagen konnte, fuhr Norbert fort:

„So kann es doch nicht weitergehen, diese Bohemien-Existenz! Betty, du wirst bald dreißig, willst du nicht langsam erwachsen werden? Schau, über kurz oder lang wirst du diesen – äh – Job doch ohnehin aufgeben müssen, entweder weil diese Agentur pleite macht, oder -“

„Oder was?“

„Nun, wenn du dich entschließen könntest, zu akzeptieren, dass mein Beruf der ist, der uns in Zukunft ernähren wird – das tut er genau genommen ja jetzt schon – dann könnten wir vielleicht über eine Ehe und Kinder nachdenken. Und mit einem Baby wirst du wohl nicht weiter hinter irgendwelchen Möchtegern-Prominenten herjagen, oder?“

„Das ist ja ein berückendes Angebot.“ Einen so bescheuerten Heiratsantrag hatte ich auch noch nie bekommen! Wollte er mich vergraulen, oder warum war er heute gar so spießig? Gut, wir zankten uns immer über alles Mögliche, aber das heute hatte so etwas Grundsätzliches, und außerdem –

„Sag mal, war das eben so etwas wie ein Ultimatum?“

„Vielleicht. Du musst dich endlich entscheiden, was dir wichtiger ist.“

„Warum? Du musst dich doch auch nicht entscheiden, du hättest dann beides – deine Karriere und eine Tussi, die bei wichtigen Anlässen dümmlich grinsend neben dir steht und haucht Ich bin ja so stolz auf meinen Mann! Das willst du, was?“

„Wer will das nicht?“

„Ich nicht. Nur, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht. Aber du bist auf mich ja auch nicht stolz, oder? Und was sollte das eben heißen, dein Beruf ernährt uns beide? Erklär mir das doch mal näher, bitte!!“

„Na, davon finanziere ich zum Beispiel diese Wohnung, und wir halten uns doch immer hier auf, wir essen hier, du schläfst hier...“

„Aber doch nur, weil du dich weigerst, zu mir zu kommen!“

„Deine Wohnung ist eine Bruchbude und gesundheitsgefährlich.“

„Blödsinn!“, fauchte ich, obwohl ich das eigentlich nicht ganz abstreiten konnte. „Aber wenn du von mir einen Heizkostenzuschuss oder Übernachtungsgebühren haben willst, dann sag´s nur, das werde ich mir gerade noch leisten können.“

Ich ließ die angebissene halbe Semmel fallen. „Was kostet eine Semmel bei dir? Ich lege aber Wert auf die Feststellung, dass ich keinerlei Aufstrich hatte. Also, ein Tee, eine halbe trockene Semmel – was macht das, bitte?“

„Sei nicht albern, Betty. Bleib doch bei der Sache!“

„Das tue ich doch. Du sagst, ich lebe auf deine Kosten, und das will ich ändern.“

„Ich habe nichts dagegen, dass du auf meine Kosten lebst, aber dann musst du eben auch für meinen Job etwas tun. Lass deinen Termin sausen, zieh dir etwas Anständiges an und geh mit mir heute Abend in den Russischen Hof, sonst -“

„Was sonst? Sonst muss ich für Übernachtung und Frühstück bezahlen? Sonst suchst du dir eine, die richtig hinter ihrem Mann steht? In seinem Schatten bleibt? Sonst bist du stinksauer? Ziehst dein ach so großzügiges Angebot für die Zukunft zurück? Was?“

„Warum keifst du denn so? Du bist doch kein Fischweib! Bleib vernünftig. Also, begleitest du mich heute Abend, im Sinne unserer gemeinsamen Zukunft?“

Die Drohung war recht dünn verschleiert, fand ich.

„Sag mal, du redest von unserer Zukunft, als sei sie eine geschäftliche Abmachung, ein Pakt zur Förderung deiner Karriere, deines Komforts und deiner Fortpflanzung – ach ja, und deiner Triebabfuhr. Liebst du mich eigentlich noch? Immerhin sind wir schon drei Jahre zusammen...“

„Warum müssen Frauen immer so gefühlsbetont werden? Ich möchte erst einmal die Fakten geklärt wissen. Bist du bereit, dich hinter mich zu stellen?“

„Liebst du mich noch? Bevor du das nicht beantwortet hast, ist doch alles andere sinnlos!“ Liebte ich ihn eigentlich noch, fragte ich mich in diesem Moment erschrocken. Das sollte ich vielleicht zu allererst herausfinden!

„Stehst du hinter mir?“ Sein Blick war unnachgiebig.

Ich stand auf. „Keine Antwort ist auch eine Antwort.“

Aus der Hosentasche fischte ich einen verknüllten Zehneuroschein und warf ihn auf den Tisch. „Das reicht wohl für Übernachtung und Frühstück – das Bett war nicht frisch bezogen und ich habe nicht geduscht.“

Dann schnappte ich mir meine Tasche und verließ die Wohnung. Als die Tür hinter mir mit beeindruckendem Krachen ins Schloss knallte, grinste ich befriedigt. Hoffentlich tadelten ihn seine spießigen Nachbarn ordentlich dafür!

***

Eine Durchsage ertönte; wir näherten uns der österreichischen Grenze, das Zugteam verabschiedete sich, von Lautsprecherknattern untermalt, und eine neue Zugbegleiterin tauchte in der Abteiltür auf, um die Tickets zu prüfen. Ich reichte ihr meins und sah aus dem Fenster. Freilassing... dann waren wir ja bald in Salzburg. Und es regnete, natürlich! Ich hatte nichts dabei, keinen Schirm, kein Gepäck, kein gar nichts – nur meine Umhängetasche. Vielleicht sollte ich mal Inspektion machen?

Ich leerte die Tasche aus. Tolle Ausbeute! Geldbeutel, mit Kreditkarte, ec-Karte, dreihundert Euro in bar, Personalausweis, Führerschein, Fahrzeugschein, Handy (mit fast leerem Akku und ohne Ladegerät), Terminplaner, Fotoapparat, eine halbleere Schachtel Zigaretten, drei Feuerzeuge, eins davon leer, zwei grüne Äpfel, ein fast aufgebrauchter Labello, Sonnenbrille, Handschuhe, Seidentuch, ein halbvolles Päckchen Papiertaschentücher, bei dem wie immer der Verschluss abgerissen war, so dass die verbleibenden Tücher am oberen Rand etwas angegraut wirkten, eine Rolle Pfefferminz ohne Zucker, ein kleiner Spiralblock und ein Kuli mit Werbeaufschrift. Wo hatte ich den denn her? Ich studierte ratlos den Schriftzug eines Brennstoffhandels in Zolling, Zollinger Hauptstraße 223 a. Da war ich noch nie gewesen, das wusste ich so sicher, wie ich wusste, dass Norbert, mein nunmehr Verflossener, mir erst heute Morgen von diesem bescheuerten Empfang berichtet hatte. Ich genehmigte mir ein Pfefferminz, räumte die Tasche wieder ein und lehnte mich lutschend zurück, während der Zug sich Salzburg Hauptbahnhof näherte.

***

Meine Gedanken wanderten wieder zurück. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, bei dem äußerst zufrieden stellenden Knall, mit dem ich Norberts Wohnungstür ins Schloss geschmettert hatte. Ich rannte in Anbetracht der frühen Tageszeit ungewöhnlich energiegeladen die Treppen hinunter und schloss mein Auto auf. Was hieß hier nicht fahrtüchtig? Gut, beim nächsten TÜV wäre es sicher aus mit uns, aber noch fuhr er, hustend und spuckend und eher langsam, aber er fuhr. Im Moment wenigstens – das Geräusch, das mein betagter Kleinstwagen auf dem Weg nach Hause von sich gab, beunruhigte mich doch etwas: Da war doch so ein seltsames Röcheln? Und dieses Klingelgeräusch, das er seit letzter Woche in den Kurven zu Gehör zu bringen pflegte? Verdächtig! Roland sollte ihn sich mal ansehen, Roland wohnte bei mir im Haus und war ein recht talentierter Autobastler. Für eine richtige Werkstatt war ich zu geizig, das war die Kiste auch schon längst nicht mehr wert.

Ich hoppelte auf den Hof und stellte den Wagen ab.

Viertel nach sieben, ich hatte noch Zeit, Frances kam nie vor neun. Die Holzstufen hatten sich schon wieder weiter gesenkt, jedenfalls kam es mir so vor, als ich die Treppen hinauf rannte, in den Kurven musste man sich wirklich gut am Geländer festhalten. Meine Wohnungstür, die ich eigenhändig – und mit vielen Farbnasen – türkisgrün gestrichen hatte, klemmte. Nichts Neues! Ich rüttelte, zerrte, schloss noch mal zu und dann wieder auf und drückte dann leicht nach links. Na, bitte!

In der Wohnung roch es wie immer – ein Teil Moder, ein Teil Schimmel, ein Teil mein Duschgel, das etwas penetrant nach Äpfeln duftete. Gut, der Schimmelgeruch war lästig, aber doch nicht gesundheitsgefährlich. Die Wände waren eben feucht.

Das Haus stammte aus dem Jahr 1911 und war 1954 so gründlich modernisiert worden, dass jede Chance auf den Städtischen Fassadenpreis für immer dahin war – glatte Front, dunkelbraun verputzt (mit Abplatzungen um die Fenster), über der kleinen, hässlichen Eingangstür eine Art Grafik, die wohl als abstrakt gedacht war, aber nur scheußlich aussah. Das Treppenhaus aus Holz, die Wände in hellgrüner Ölfarbe lackiert, in den Wohnungen Originallinoleum von 1954 – dunkelgrau mit dünnen bunten Kreisen, die einander schnitten. Man durfte eben nicht zu genau hinsehen.

Für den Hausbesitzer lohnte sich eine Renovierung auch nicht mehr. Letztes Jahr hatten einige Gestalten von der Bauaufsicht sich bei uns umgesehen, bedenkliche Gesichter gezogen und gedroht, wiederzukommen. So weit ich wusste, versuchte der Besitzer immer noch, Kapital für einen Neubau zusammenzukriegen. Solange wohnten wir hier billig – dreihundert Euro warm für zwei Zimmer, Küche, Bad – das ging doch! Fast in der Altstadt!

Gut, warm war ein Euphemismus, die Heizung fiel dauernd aus, und mein Boiler heizte auch nur, wenn er Lust dazu hatte (was nie dann war, wenn ich Lust auf eine heiße Dusche hatte), die Küche bestand nur aus einem steinernen Ausguss, einer zweiflammigen Kochplatte auf einem Holztisch und einem kleinen, ziemlich vereisten Kühlschrank, die Badewanne stand auf Füßen und wies nur noch Reste des Emails auf, die Böden waren uneben und unter dem Teppich bildete sich wirklich Schimmel, wenn man ihn nicht regelmäßig lüftete, aber die Leute im Haus waren ganz nett, niemand regte sich über irgendetwas auf, und überall sonst hätte ich das Doppelte gezahlt. Lieber sparte ich die dreihundert Euro jeden Monat, wer wusste, wann ich es brauchen konnte! Frances zahlte mir wenig genug, bei den vielen Überstunden und den stellenweise eher schrägen Aufträgen waren achtzehnhundert netto nicht toll. Soweit hatte Norbert Recht… Trotzdem war das eine Frechheit gewesen!

Ich ließ meine Tasche fallen und trat mir die Schuhe von den Füßen, dann zog ich mich auf dem Weg in das eiskalte Schlafzimmer langsam aus und begann, im Kleiderschrank herumzusuchen. Vielleicht die schwarz-weiß-karierten Hosen und das weiße Sweatshirt... die anderen Stiefel... wo waren die nur? Frische Wäsche...

Als ich genügend durchgefroren war, traute ich mich ins Bad. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass man unter der kalten Dusche umso weniger fror, je kälter einem vorher schon gewesen war, und ich war mir sicher, dass sie heute wieder mal kalt war. Tapfer stellte ich mich in die kaputte Wanne und drehte das Wasser auf. Ja, wie vermutet, eiskalt! Ich brauste mich flüchtig ab, seifte mich schnell ein und spülte den nach Apfel duftenden Schaum wieder ab. Schlotternd und prustend wickelte ich mich in ein Handtuch und wusch mir unter dem verkalkten Waschbeckenhahn schnell die Haare. Meine kurzen Stoppeln waren wenigstens pflegeleicht!

Ich rubbelte mich trocken, trug Deo auf, war zum Eincremen wie üblich zu faul (wie alt die Flasche Bodylotion mittlerweile wohl war?) und zog mich im Schlafzimmer schnell an. Die Haare konnte ich mir nicht im Bad fönen, dort hatte die Steckdose ihre Mucken – wenn man sie beanspruchte, sprangen im ganzen Haus die Sicherungen heraus. Den Ärger musste ich nicht haben, vor allem, weil wir natürlich noch die alten Porzellansicherungen hatten, die man jedes Mal ersetzen musste.

Wozu überhaupt fönen? Abhärtung war angesagt! Ich wischte die Wassertropfen von dem kleinen Spiegel über dem Waschbecken und ging an mein Make-up, wie üblich in gebückter Haltung, denn der Spiegel hing für mich zu tief, ich war immerhin fast einen Meter achtzig groß. Blass war ich, und die Haut war etwas rau... Daran konnte ich jetzt auch nichts ändern. Getönte Tagescreme, etwas Puder, Labello, das musste reichen. Die Haare schnell noch kämmen... Die Augen schminken? Nein, wozu, das konnte ich vor dem Abendtermin immer noch machen, vorher musste ich sicher noch einmal nach Hause, in diesem Outfit kam ich sowieso nicht am Türsteher des Esplanade vorbei. Sehr fit wirkte ich nicht, der Kontrast zwischen den dunkelbraunen Augen und dem etwas zu hellen Puder war ein bisschen hart und ließ mich leicht fiebrig aussehen, fand ich. Für Frances war das allemal gut genug, die würde mich nie feuern, so eine Dumme fand sie kein zweites Mal mehr!

Ich warf den Labello und zwei Äpfel von der Schale in der Küche in meine Tasche (ob ich sie nach dem Kauf gewaschen hatte, wusste ich auch nicht mehr), stellte im Vorbeigehen fest, dass die Badewanne nun offenbar auch ein Loch hatte, jedenfalls prangte eine sehr üppige Pfütze auf dem Badezimmerboden, und dass im Wohnzimmer schon wieder ein Stück Farbe von der Decke gefallen war. Jetzt nicht, das könnte ich ein anderes Mal aufkehren. Staubsaugen war hier auch ein Problem – die Sicherungen...

Eigentlich war die Wohnung wirklich scheußlich. So Unrecht hatte Norbert nicht gehabt – aber wenn ich wollte, konnte ich mir doch locker etwas Besseres leisten: notfalls eben nur ein Zimmer, ich war doch ohnehin fast nie zu Hause, weil Frances mich so herumjagte! Seine Unterstellungen waren jedenfalls eine Frechheit gewesen. Auf die Geste mit dem Zehneuroschein war ich aber ziemlich stolz; bei Gelegenheit musste ich mal Sylvia und Judith anrufen und ihnen das alles ausführlich tratschen – bei mehreren Caipirinhas, vielleicht im Nirvana... Nächsten Freitag?

Ich kehrte durch die Hintertür in den Hof zurück – die Glasfüllung war ja schon wieder kaputt – und ließ mich recht vergnügt in mein Autochen fallen. Gurt an, Schlüssel ins Schloss, Gang raus, anlassen.

Der Motor gab ein gequältes Fauchen von sich und erstarb dann wieder. Na gut, das konnte passieren. Noch mal! Ich orgelte eine Zeitlang. Nichts. Ich orgelte wieder, dieses Mal länger. Nichts, nur das Anlassergeräusch wurde langsam leiser. Recht bedenklich!

Bevor ich es ein drittes Mal versuchen konnte, kam Roland mit seinem Mülleimer über den Hof und rief: „Lass es, sonst ist nachher bloß die Batterie leer! Warte, ich schau gleich nach.“

Er trabte heran, wir stemmten gemeinsam die rostige Motorhaube auf und guckten hinein. Gut, der Motor war noch da – aber mehr konnte ich nicht feststellen. Roland schien auch ratlos. Er kontrollierte das Öl, die Benzinleitung, fragte peinlicherweise, ob ich überhaupt noch Sprit hätte, und wusste es dann auch nicht. „Lass“, meinte ich resigniert, „ich hab noch genug Zeit, ich laufe. Ist ja nicht weit. Bei Gelegenheit kriegen wir schon noch raus, was ihm fehlt.“

„Allmählich solltest du mal über einen Neuen nachdenken. Wie alt ist der da jetzt?“ Roland trat halb liebevoll, halb verächtlich gegen die Reifen.

„Siebzehn – noch nicht mal volljährig, der Arme. Aber ich fürchte, so lange hält er wirklich nicht mehr durch. Naja, wenn dich die Bastelwut überkommt – du hast ja den Reserveschlüssel. Ich geh dann mal – und vielen Dank für deine Hilfe.“

Es waren wirklich zu Fuß nur zehn Minuten die Carolinenstraße entlang; ich wohnte zwischen Altstadt und Univiertel, die PR-Agentur war fast genau hinter der Uni. Kalt war es heute, stellte ich fest; Sweatshirt und Lederjacke waren ein bisschen unzureichend, aber umkehren wollte ich nun auch nicht mehr. Meine Euphorie war verflogen – eine Zwischenbilanz sah so toll auch wieder nicht aus: Ich war nun wieder solo, mein Auto war verendet, offensichtlich endgültig, und meine Wohnung war tatsächlich mehr oder weniger unbewohnbar – eher mehr. Dann würde ich meine Energie eben auf meinen Job verwenden. So doof, wie Norbert behauptet hatte, war der nun auch nicht!

***

Auf dem Gang schepperte es viel versprechend – der Imbisswagen kam vorbei. Sollte ich? Bis jetzt hatte ich heute nur einen Bissen Semmel, eine halbe Tasse Tee und ein Pfefferminz gehabt. Hm... vielleicht ein Schinkenbaguette und eine Dose Cola light...

Ich wartete ungeduldig, bis das Scheppern lauter und der Wagen in mein Blickfeld geschoben wurde. Die Abteiltür wurde aufgerissen.

„Kaffeeteesäftewassersnacks?“

„Ein Schinkenbaguette und ein Diet Coke, bitte!“, bestellte ich hungrig.

„Baguette ist aus.“

„Was haben Sie denn noch?“, fragte ich enttäuscht.

„Apfeltasche oder Butterkekse.“

„Dann nur ein Diet Coke, bitte.“ Schade, mein Magen knurrte tatsächlich.

„Nur noch normales Cola.“

„Pfui Teufel! Danke, dann nehme ich ein Wasser – oder haben Sie das auch nicht mehr?“

„Doch. Hier – drei Euro fünfzig, bitte!“

Ich zahlte und ärgerte mich. Umgerechnet sieben Mark für eine Dose lauwarmes Mineralwasser, ohne Kohlensäure auch noch - Wucherpreise!

Ich trank in kleinen Schlucken, sehnte mich heftig nach einer halben Zitrone, um dem faden Wasser etwas Geschmack zu verleihen, und starrte vor mich hin. Als die Dose leer war und ihr Inhalt lustig in meinem Bauch gluckerte, trat ich auf den Gang, um sie vorschriftsmäßig zu entsorgen, und sah aus dem Fenster – wo waren wir jetzt eigentlich? Wohl in der Nähe von Linz, vermutete ich. Der Landschaft nach konnten wir allerdings so ziemlich überall im weiteren Alpenraum sein, Hügel, Dörfer, in der Ferne eine Autobahn – und fette schwarze Regenwolken. Noch ziemlich kahle Bäume, die Wiesen graubraungrün, matschig wirkend. Gummistiefelwetter. Ich sah auf meine schwarzen Stiefel herunter. Bequem, aber nicht mehr wirklich wasserdicht – und das warme Futter hatte sich auch längst verabschiedet.

Was wollte ich eigentlich in Wien? Mich in Ruhe ärgern? Hätte ich das zu Hause oder meinetwegen in Salzburg nicht auch haben können? Nein, Wien war eine gute Idee, dort würde mir sicher etwas einfallen...

Ich drückte mich wieder in meine Ecke und döste weiter vor mich hin. Wo war ich stehen geblieben?

***

Auf dem Weg zur Agentur, erinnerte ich mich. Public Media, ein verdammt hochtrabender Name dafür, dass wir nicht viel mehr schafften, als zweitrangigen Prominenten und solchen, die es werden wollten, Auftritte in der Presse (an der Seite von XY wurde gesichtet...) und im Fernsehen zu verschaffen (zu irgendetwas mussten diese vielen Talkshows ja gut sein) und sie beim Aufbau einer eventuellen Website zu beraten. Die Seite selbst machte dann eine andere Agentur, mit der wir häufiger Klienten (auf diesen Begriff legte Frances Wert) austauschten.

Ich sprang die zwei Treppen hoch und tauchte schnaufend im Büro auf. Erst zehn vor neun, sehr gut, ich war nicht mal zu spät, trotz der Rostlaube. Als Frances hereinrauschte, saß ich schon an meinem Schreibtisch, hatte den Rechner hochgefahren und die Post sortiert. Viel war´s nicht, so toll liefen die Geschäfte auch wieder nicht. Vielleicht zahlte Frances deshalb so bescheiden?

Überhaupt, Frances! In Wirklichkeit hieß sie Franziska Zerner, geboren als Fanni Moser in einem Dorf der näheren Umgebung, in welchem, hatte ich vergessen. Aber Frances klang natürlich besser. Sie flocht gern Wendungen wie Come on! und No way! in ihre Verlautbarungen ein und erwähnte häufig, wie etwas in L.A. gehandhabt, nein, gehändelt werde. Das verlieh ihr etwas Weltgewandtes, und die Klienten glaubten, sie habe jahrelang in dieser Branche in den USA gearbeitet. Ein Hauch von Hollywood umwehte sie dann. Natürlich fragte keiner nach, es wäre schließlich total uncool, einen Amerikaaufenthalt zu bestaunen. Hätte doch einer gefragt, hätte Frances ganz schön lügen müssen, sie war den USA noch nie näher gekommen als bis zum Frankfurter Flughafen.

„Hi, Betty! Liegt was an?“

Ich reichte ihr die zum Teil geöffneten Briefe. „Zwei Rechnungen, eine Anfrage, und der Brief scheint privat zu sein. Sonst nichts, noch keine Anrufe.“

Sie nahm den dünnen Packen an sich und stöckelte in ihr Büro. Neue Haarfarbe, stellte ich fest, als ich ihr nachsah und nach dem großen Terminplaner griff, dunkle Kirsche oder so. Das machte sie auch nicht unbedingt jünger. Vielleicht kam sie ja zum Lifting doch mal in die USA. Andererseits war sie eine Meisterin darin, so zu formulieren, dass man alles Mögliche vermuten konnte, ohne dass sie direkt log. Ich hörte sie schon: Eine kleine Auffrischung war allmählich nötig. In Beverley Hills gibt es wirklich die besten Schönheitschirurgen. Jeder zog den gewünschten Schluss, denn Ich konnte mir allerdings nur das hiesige Städtische Krankenhaus leisten sagte sie ja nicht dazu!

Was lag denn überhaupt an? Nicht viel – um elf kam ein Vertreter einer Sanitärfirma vorbei, der Wert darauf legte, dass sein Name öfter in der Zeitung erwähnt wurde. Ich musste an den Prominentenzahnarzt aus Kir Royal denken und kicherte vor mich hin. Nun, wir fanden sicher jemanden, der bereit war, sich vor seinen Schaufenstern ablichten zu lassen, wie er sinnend hineinsah. Ich blätterte die Kartei unserer Sternchen durch. Wie wäre es mit Leila? Sie war zwar nur dadurch bekannt geworden, dass sie bei einer dämlichen Containershow mitgemacht und sich später bei einer Talkshow blitzschnell ausgezogen hatte – ganz! -, aber das reichte, um ihren Bekanntheitsgrad zu gewährleisten. Leila gönnt sich ein Luxusbad bei Schröders Badeluxus... oder so, mal sehen, was Frances davon hielt.

Mittlerweile war auch meine Kollegin eingetroffen und hatte sich hinter ihrem Rechner installiert. Irgendwie hatte sie es schlauer angefangen als ich, jedenfalls machte sie nie Überstunden und musste auch nicht bei Wind und Wetter durch die Stadt traben, um locations ausfindig zu machen oder zu überlegen, wie man eine angebliche Traumvilla so fotografierte, dass sie traumhaft aussah und nicht so schäbig wie in Wirklichkeit. Mittlerweise konnte ich mit dem richtigen Blickwinkel einen Wohncontainer wie einen Luxusbungalow erscheinen lassen, na, fast. Katrin tippte nur, kochte Kaffee, putzte ab und zu mal die Teeküche, gurrte die Klienten an, die hier vorbei kamen, und ging täglich um fünf, egal, was noch anlag. Außerdem war sie diätfixiert, aber sonst ganz nett. Deshalb wunderte ich mich auch nicht über ihre ersten Worte: „Was hast du heute gefrühstückt?“

„Ein Viertel von einer halben trockenen Semmel, dann gab´s Krach und ich bin weg.“

Jede andere Frau hätte sich jetzt nach dem Krach erkundigt, Trost gespendet, auf die Männer geschimpft oder Beziehungsberatung angeboten. Nicht so Katrin!

„Eine weiße Semmel?“

„Ja, warum?“

„Das ist doch fast reine Glukose! Das darf man doch morgens nicht essen!“

„Warum nicht?“

„Das blockiert doch die Lipolyse – morgens immer erst mal säuerliches Obst, das ist ein ganz wichtiges Gesetz!“

„Was ist Lipolyse?“, erkundigte ich mich mit mäßigem Interesse und blätterte weiter im Terminkalender herum.

„Na, die Fettlösung!“

„Welches Fett denn? Katrin, ich bin einsachtzig groß und wiege nicht mal sechzig Kilo, ich müsste eher ein bisschen Fett einlagern. Und du bist auch nicht zu dick!“

„Es geht doch nicht nur um das Aussehen, auch um die Gesundheit. Kennst du deine Cholesterinwerte?“

„Nein“, antwortete ich mürrisch, „ich weiß nicht mal genau, was Cholesterin eigentlich ist.“

Katrin setzte schon zu einem längeren Vortrag an, als glücklicherweise Frances aus ihrem Chefinnenbüro guckte. „Betty, komm doch mal, bitte. Und bring die Planung von heute mit!“

Noch mal davongekommen! Ich raffte Terminplaner und Notizen an mich und flüchtete zu Frances.

Natürlich verwarf sie Leila als Sympathieträgerin sofort. „Diese kleine Schlampe! Schröder will bestimmt etwas Solideres, denk doch mal mit! Wie wär´s mit der, die die Mutter in dieser Endlosserie spielt, mir fällt gerade der Name nicht ein, so what, aber frag da doch mal nach. Die kennt auch jeder, und sie hat nicht diesen Luder-Beigeschmack.“

„Das stimmt, aber Mutter Kunze – die meinst du doch? – dreht gerade ein Special auf Mallorca. Die kommt nicht extra, um eine Badewanne anzuschmachten, es sei denn, wir kommen mit großzügigsten Spesen rüber, Flug, Hotel, Essen, Shopping. Du kennst die doch!“

„Hm. Come on, lass dir was einfallen, ja? Um elf kommt Schröder schon!“

„Weiß ich. Ist gut. Um zwei Fototermin mit diesen beiden neuen Sängern im Hotel Atlantic, dann die Kampagne für das Sushirestaurant in der Altstadt – wer könnte dort beim Genießen gesichtet worden sein? Hinterher kommt Andi mit dem Websiteentwurf für die Boutique Silvana, na, und um sieben Böhmelmann im Esplanade.“

„Da kannst du so nicht hingehen!“ Sie musterte Hose und Leserjacke abfällig.

„Weiß ich, ich gehe vorher heim und ziehe mich um. Um sechs hab ich ja wohl eine Stunde Pause verdient, oder? Nach neun Stunden Arbeit?“

Ich erntete einen giftigen Blick. „Wenn´s sein muss! Aber der Websiteentwurf muss heute noch fertig werden!“

„Ich tue, was ich kann, aber ich schaffe auch nicht alles an einem Tag.“

„Katrin schon. Dann müsstest du es auch hinkriegen, du hast immerhin studiert.“

Katrin macht gar nichts, da ist man leicht pünktlich fertig, murrte ich vor mich hin.

„Ach ja, und zieh was an, was ein bisschen sexy ist, ja?“

„Bitte? Warum das denn? Ich dachte an das seriöse Kostüm.“

„Meinetwegen, aber eine Chiffonbluse drunter, und keinen BH.“

„Frances, spinnst du? Erstens hab ich keine Chiffonbluse, und zweitens kann ich doch so nicht herumlaufen!“

„Dann kauf dir in der Mittagspause eben schnell eine. Böhmelmann bringt seinen Sohn mit, und der scheint ziemlich viel Einfluss auf die Entscheidungen seines Vaters zu haben. Wir brauchen den Auftrag, sei ein bisschen nett zu ihm.“

Ich staunte nur noch. „Ich soll halbnackt auftreten? Und wie weit soll das Nettsein dann gehen? Was ist, wenn er mich auf sein Zimmer einlädt?“

„Gehst du natürlich mit“, antwortete Frances gelassen.

Mir blieb der Mund offen stehen. „Ich soll für die Firma mit einem ins Bett gehen? Bist du übergeschnappt?“

„Wenn wir pleite gehen, bist du deinen Job auch los“, drohte sie.

„Dann kann ich mir ja gleich was im Club Erotica suchen“, maulte ich.

„Nicht, wenn du dich so anstellst. Also, geh dem Sohn schön um den Bart, vielleicht reicht ja auch ein bisschen Gefummel, damit er seinem Vater rät, den Auftrag zu unterschreiben. Und die zwei Sänger fotografierst du möglichst sexy und so, dass zugleich die Zimmer im Atlantic gut herauskommen. Kann sein, dass du die ein bisschen in Stimmung bringen musst.“

Das wurde ja immer krasser!

„Kann es sein, dass du was verwechselst? Ich bin hier doch nicht als Nutte angestellt!“, kochte ich.

„Mein Gott, stell dich doch nicht so an, du bist ja wohl keine Jungfrau mehr“, antwortete Frances gelangweilt. Ich konnte es kaum glauben – von einem schmierigen mittelalterlichen Chef hätte ich so etwas zur Not noch erwartet, aber Frances war doch selbst eine Frau!

„Wie wär´s, wenn du selbst ein paar Knöpfe aufmachst und heute ins Esplanade gehst?“

„Wozu bezahle ich dich großzügig für das bisschen Arbeit, wenn du dann nicht bereit bist, dich wirklich für die Firma einzusetzen? Wenn ich alles selber machen muss, kann ich dein Gehalt auch einsparen.“

„Tu dir keinen Zwang an“, fauchte ich, „ich hab noch Urlaub bis zum Ende des Monats gut, du lässt ihn mich ja nie nehmen. Ich kündige, mit sofortiger Wirkung! Und ich denke darüber nach, ob dieser Auftrag den Tatbestand sexueller Belästigung erfüllt. Mach deine Drecksarbeit nur alleine!“

Ich warf ihr die Unterlagen zu und ging. Draußen schnappte ich mir meine Tasche, sammelte meinen übrigen Kram ein, wünschte Katrin noch viel Spaß und verschwand – türenknallend, zum zweiten Mal heute.

Draußen atmete ich erst einmal tief durch. Sehr gut, dieser Job war doch ohnehin das Letzte gewesen, wenn man genau betrachtete! Und diese Frances kriegte wirklich eine Klage an den Hals: mich sozusagen auf den Strich schicken zu wollen – die hatte sie doch wirklich nicht mehr alle!

Ich trabte die Carolinenstraße entlang in Richtung meiner Wohnung und ärgerte mich. Frances war wirklich zu weit gegangen, dieser Auftrag war eine Unverschämtheit! Ich sollte am besten einen Anwalt aufsuchen. Dafür ging dann wohl mein restliches Geld drauf... Und dummerweise war die Tür zu Frances´ Büro geschlossen gewesen, also hatte Katrin nichts davon gehört. Verblüfft genug hatte sie wirklich dreingeschaut, als ich an ihr vorbeigefegt war! Ohne Zeugen hatte ich keine guten Karten.

Und jetzt nach Hause? Sollte ich mir nicht lieber etwas gönnen? In der Stadt? Die Läden mussten doch schon aufhaben! Mir fiel ein, dass ich arbeitslos war. Da sollte ich vielleicht nicht unnütz Geld ausgeben, bevor ich wusste, was ich als nächstes machen würde. Was konnte ich? Ich war eine ziemlich gute Fotografin, wenn auch autodidaktisch, konnte tippen, am Telefon verhandeln, Leute zu Dingen überreden, die sie gar nicht machen wollten, und hatte einen mittelmäßigen Magister in Publizistik, Geschichte und Politik, dazu einige Zeugnisse über meine IT-Kenntnisse. Nicht übel – zu allem fähig, zu nichts wirklich zu gebrauchen. In dieser blöden Stadt gab es aber auch gar keine anständigen Jobs!

Ich trabte die Straße entlang und murmelte wie eine leicht Verrückte vor mich hin; die schrägen Blicke der Entgegenkommenden registrierte ich zwar, tat sie aber als das übliche Geglotze der üblichen dummen Spießer ab, von denen es in diesem Kaff ja nur so wimmelte. Manchmal wäre ich schon gerne stehen geblieben und hätte gekeift: „Was guckst du?“, weil mir der Satz so gut gefiel, aber ich hatte keine Lust, in einer Zwangsjacke abtransportiert zu werden.

Bilanz! Keinen Job, kein Auto, keine Wohnung – naja, schon, aber sie war allmählich wirklich zu furchtbar – und keinen Freund mehr. Würde Norbert mir eigentlich fehlen? Nicht übermäßig, überlegte ich, er war mittlerweile eher eine nette Gewohnheit geworden, die große Leidenschaft war es ohnehin nie gewesen. Aber wenn er plötzlich so herumspießte, dann konnte er meinetwegen auch zum Teufel gehen oder sich eine Brave suchen, die ihn heute Abend begleitete. Kurz schoss es mir durch den Kopf, dass ich ja nun Zeit dafür hätte – sollte ich ihn anrufen und ihm meine Begleitung anbieten? Nein, zu Kreuze kriechen wollte ich nicht, das war diese Beziehung nun wirklich nicht mehr wert. Und die hinreißende Geste mit dem Zehneuroschein wäre damit auch völlig ruiniert. Nix – Norbert war abgehakt, er sah das sicher auch so!

Wo war ich hier eigentlich? Schon fast am Marktplatz, an meiner Wohnung war ich längst vorbeigelaufen! Sollte ich doch etwas einkaufen? Nein, keine Lust. Na gut, einen Reservechip vielleicht, man wusste nie, wann man auf ein geniales Motiv stieß. Die Kamera hatte ich in der Tasche, weil ich heute ja mit verschiedenen einschlägigen Aufträgen gerechnet hatte. Ich bog in die Bahnhofsstraße ab, ohne zu überlegen, warum eigentlich. Ich wusste nur – diese Stadt ging mir heute tierisch auf den Geist, alle wuselten so betriebsam herum, alle hatten eine vernünftige Arbeit, nur ich mal wieder nicht. Manche gingen Arm in Arm, manche mit Kinderwagen – wer keine Arbeit hatte, war also offenbar wenigstens glücklich liiert! Dass das Unsinn war, wusste ich auch, aber in meiner selbstmitleidigen Stimmung kam es mir eben so vor: Alle hatten alles, nur ich hatte nichts. Gar nichts! Keinen Job, keinen Freund, keine Wohnung, kein Auto. Einen Strick sollte ich mir kaufen!

Nein, ich würde es ihnen allen noch zeigen! Und überhaupt, was hielt mich denn noch hier? Ich betrat die Bahnhofshalle und durchquerte sie. Nein, kein Käseblatt! Keine Zuckerbreze! Energisch stieß ich die Glastür auf, die zum Bahnsteig eins führte. Da stand gerade ein Zug, ein Eurocity, sehr gut, der fuhr wenigstens ordentlich weit weg! Der Schaffner hob schon die Pfeife zum Mund. Ich schluckte kurz, begann zu rennen, riss eine Tür auf und jagte die Stufen hoch, während die Tür hinter mir schon wieder zugeknallt wurde. Nach Atem ringend, lehnte ich einen Moment lang im Vorraum, dann setzte ich mich in Bewegung.

***

Der Zug hielt, und ich wachte auf. Aha, das also war Attnang-Puchheim – sehr interessant! Gut, dass ich das nicht als Ziel angegeben hatte, es lockte mich nicht übermäßig. Andererseits gaben Bahnhöfe und ihre Umgebung optisch ja nie viel her. Ich lehnte mich träge zurück und packte einen meiner beiden Äpfel aus. Solange ich genug Äpfel hatte, war ich immer glücklich, Hauptsache, sie waren grün und ordentlich sauer. Bei jedem Biss fühlte ich mich energiegeladen wie in dieser Zahnpastawerbung aus meiner Kindheit, Damit sie wieder kraftvoll zubeißen können. Ich guckte auch tatsächlich jedes Mal nach dem ersten Biss, ob es keine Paradontosespuren gab!

Was sollte ich in Wien tun? Ich hatte nicht einmal Gepäck dabei! Und niemand wusste, wo ich war. Das war eigentlich nicht wirklich schlecht, überlegte ich; wenn sie dächten, ich hätte mir etwas angetan, würde es allen noch Leid tun. Nein, Unsinn, wenn sie mich kannten, wussten sie, dass ich irgendetwas Albernes und Trotziges tun würde, aber doch nicht so was! Kannte Norbert mich andererseits gut genug? Na, ich könnte in einem Handyshop fragen, ob ich mein Handy mal schnell aufladen dürfte, dann würde ich ja sehen, wer hinter mir hertelefonierte – und wer nicht!

Gepäck – ich brauchte die nötigsten Kosmetika, etwas Wäsche, ein paar T-Shirts und eine kleine Reisetasche. Dunkel erinnerte ich mich an unsere Studienfahrt – gab es am Westbahnhof nicht eine Einkaufsstraße mit endlos vielen Kaufhäusern? Da würde ich als erstes hingehen, und dann ein Hotel suchen. Nur gut, dass ich die Karten dabei hatte!

Ich zog meinen Terminplaner heraus und notierte mir, weiter an meinem Apfel herumkauend, was ich genau einkaufen musste, um der kaiserlichen Hauptstadt nicht völlig angeschmuddelt entgegenzutreten. Und einen Reiseführer brauchte ich und ein Wochenticket, wenn die so was hatten.

Ich ließ den Stift sinken. Was wollte ich überhaupt in Wien? Mich über Norbert, Frances, die Rostlaube und die Bruchbude ärgern? Wütend vor mich hinmurmelnd durch die Parks traben? Das hätte ich zu Hause auch billiger haben können! Nein, ich musste ein ordentliches Besichtigungsprogramm aufstellen und mich richtig ablenken. Und schöne Fotos machen. Und darüber nachdenken, was ich beruflich noch machen konnte. In einem Verlag? Einer Werbeagentur? Einem Fotostudio? Oder etwas ganz anderes? Am besten fing ich einen der vielen Erzherzöge ein und heiratete ihn kurzerhand...

Eine Zeitlang malte ich mir genüsslich aus, wie alle meine Seit-heute-Feinde dumm schauen würden, wenn sie die Heiratsanzeige sehen würden. Und über einen Beruf musste ich mir dann auch keine weiteren Gedanken mehr machen! Die Habsburger hatten doch immer so wahnsinnig viele Kinder, damit wäre ich total ausgelastet.

Das war überhaupt die Idee! Nein, nicht die habsburgische Ehe, wer wollte schon so viele Kinder, aber ich wusste jetzt wenigstens, was ich als erstes besichtigen wollte, gleich morgen – Schönbrunn und die Hofburg. Und dann würden wir weitersehen... Da gab es sicher gute Motive, ich hatte es schon lange satt, feiste Möchtergernpromis so zu fotografieren, dass sie windschnittig und gestylt wirkten.

Zufrieden lehnte ich mich wieder zurück und aß langsam den zweiten Apfel auf. Damit hatte ich doch fast so etwas wie ein festes Programm. Und alles Weitere könnte ich sicher dem Reiseführer entnehmen. Gute Musicals sollten hier auch laufen... Und ich wollte unbedingt ein ganz richtiges, echtes Wiener Schnitzel essen. Und Sachertorte. Und Apfelstrudel... Und Katrin eine Karte schreiben, damit sie die Glukose - Triglyzerid – Protein-Anteile analysieren und tot umfallen konnte. Überhaupt, ein paar schöne Bücher, im Café sitzen, vielleicht sogar draußen, wenn es nicht zu kalt war, eine gute Woche vor Ostern... Das hatte ich mir wirklich verdient, ich musste jetzt eben mal raus, seit Juli hatte ich nicht mehr frei gehabt, und in der einen Woche musste ich Norbert helfen, der seine Küche streichen wollte. Tolle Ferien, wirklich! Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich jetzt wusste (wenn ich zum Beispiel gesagt hätte, dass er sich ruhig einen Maler leisten konnte), dann könnte ich schon längst wieder etwas Neues, viel Besseres haben! Auch egal, Männer waren ohnehin blöd.

Wie aufs Stichwort klappte der Mann am Fenster seinen Laptop zu und verstaute ihn, dann lehnte er sich zurück und betrachtete mich. Ich nagte immer noch an meinem Apfelstrunk herum, der meinen Hunger nur äußerst notdürftig gestillt hatte, und erwiderte den Blick geistesabwesend. Er lächelte versuchsweise.

Als ich nicht reagierte, wurde er deutlicher. „Fahren Sie auch nach Wien?“

Himmel, das wusste er doch, von dem Heckmeck mit dem Schaffner!

„Ja“, antwortete ich einsilbig und stand auf, um meinen Apfelrest zu entsorgen.

„Werden Sie lange bleiben?“

„Weiß ich noch nicht. So lange wie nötig eben.“

„Wonach richtet sich das?“

„Nach meiner Stimmung.“

„Wir könnten uns in Wien einmal sehen“, schlug er vor. Guter Gott, wozu denn? Ich sah ihn konsterniert an. „Nur, um etwas zu besichtigen, oder um einen Kaffee zu trinken“, fügte er also schnell hinzu. „Wo werden Sie denn wohnen?“

„Weiß ich noch nicht“, antwortete ich wieder.

„Hm... dann machen wir doch am besten einen Treffpunkt aus, nicht?“

Warum wollte er mich sehen? Meine fesselnde Konversation konnte ihn doch nicht so bezaubert haben?

„Schlagen Sie was vor“, sagte ich gleichgültig, ich hatte ja nicht vor, dort auch zu erscheinen.

„Gut, sagen wir... morgen Mittag um eins vor dem Stephansdom? Wir könnten auch essen gehen...“

Nicht uninteressant! Ich sah ihn richtig an. „Wissen Sie, wo es die besten Schnitzel gibt?“

Er nickte. „Beim Figlmüller in der Wollzeile und beim Salmbräu neben dem Unteren Belvedere. Interessiert?“

Durchaus, aber da würde ich dann doch lieber alleine hingehen, so gut gefiel er mir wieder nicht. Ich merkte mir die Tipps vor.

„Sie könnten mir Ihre Handynummer geben, dann kann ich sie anrufen, ob sie sich schon gut eingelebt haben“, tastete er sich weiter vor.

O nein! Schnell, eine Ausrede! Isch ´abe gar keine ´andy? Blödsinn, er hatte es ja vorhin gesehen. Ich zuckte bedauernd die Schultern. „Sorry, ich habe gerade gemerkt, dass die Karte abgelaufen ist.“

„Kaufen Sie sich doch eine neue!“

„Mache ich, aber erst zu Hause, hier kriege ich doch nicht die richtige.“

„Aber die Nummer könnten Sie mir ruhig trotzdem geben“, beharrte er, „vielleicht kann man Sie ja trotzdem noch anrufen.“

Ja, da hatte er leider Recht. Ich las sorgfältig vom Handy die Nummer ab, aber leider verdrehte ich die letzten drei Ziffern und ersetzte eine Sieben durch eine Vier, außerdem setzte ich die falsche Netznummer davor. Wenn er mich trotzdem fand, hatte er es auch verdient! Er schrieb sich das sorgfältig auf und las es noch einmal vor. Ich korrigierte einen weiteren Zahlendreher hinein und lehnte mich wieder zufrieden zurück. Der Zug bremste scharf und glitt langsam in einen eher mickrigen Bahnhof. Das konnte doch noch nicht der Westbahnhof sein? Nein, Hütteldorf, eine echte Weltstadt. Mein Plagegeist schlüpfte in einen Regenmantel und holte einen Koffer aus der Ablage.

„Ich muss Sie hier leider verlassen...“

Wie soll ich nur weiterleben? dachte ich rotzig und lächelte bedauernd.

Er stand schon auf dem Bahnsteig, als ihm das Entscheidende einfiel: „Wie heißen Sie eigentlich?“

„Constanze Wechselburger!“, rief ich durch das Fenster, und hoffte, dass er nie Beim nächsten Mann wird alles anders gelesen hatte – aber welcher Mann hatte das schon? Strahlend winkte er mir nach, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte. Den war ich los – mit den vielen Fehlern kriegte er meine Nummer nie wieder richtig hin. Und ich musste darauf achten, morgen Mittag um eins schön weit weg vom Stephansdom zu sein. Das konnte ich schaffen, mir schwebte eher Schönbrunn vor.

So doof der Kerl gewesen war – nein, das wusste ich ja gar nicht. Uninteressant, das traf es besser. Gut, noch mal: So uninteressant der Kerl gewesen war, er hatte doch meine Laune gebessert, ich konnte zur Not immerhin so etwas an Land ziehen! Ein Superjob wäre mir allerdings lieber, überlegte ich, schon wieder missmutig, und trat auf den Gang, um einen ersten Blick auf Wien zu werfen. Im Moment sah es aus wie alle anderen Großstädte – Hinterhöfe, ältliche Fassaden mit schäbigen Balkonen, kurze Blicke in schmale und breite Straßen, Verkehr, Werbeplakate... Andere Werbung hatten sie hier, das war immerhin interessant.

Der Zug verlangsamte wieder sein Tempo und rollte in den Bahnhof ein. Ja, das hatte schon eher etwas von Großstadt – kein Vergleich zu Hütteldorf! Überhaupt, wenn ein Ort schon Hütteldorf hieß…

Sobald der Zug stand, sprang ich aus dem Zug und sah mich neugierig um. Der Bahnsteig war schäbig, aber der Bahnhof ziemlich schick, über zwei Etagen. Ich fuhr auf der Rolltreppe ins untere Geschoss und überlegte – was zuerst?

Zuerst ein Wochenticket! Ich fragte ein wenig herum und wurde schließlich an den Schalter direkt neben der Rolltreppe verwiesen. Natürlich stand vor mir ein genervter Lehrer mit einer ganzen Schulklasse, alle wollten ein Wochenticket, alle wollten es selbst bezahlen, keiner hatte es passend. Der Schalterbeamte war den Tränen nahe, als der letzte kichernde Achtklässler (jedenfalls sahen sie so aus) endlich kehrt machte. „Wochenticket?“, fragte er grämlich. Ich nickte.

Er tippte herum. „Elf Euro fünfzig.“

Das war nicht teuer, fand ich und schob das Geld passend hinüber, was mir einen dankbaren Blick eintrug. Das nutzte ich aus und fragte nach Reiseführer, Stadtplan und Zimmernachweis.

Nach einer weiteren halben Stunde – draußen begann es schon zu dämmern – hatte ich immerhin einen Reiseführer und eine Skizze, wie ich am besten zu einem kleinen Hotel in der Nähe der Wiedener Hauptstraße käme. Ich verzog mich in den Untergrund, tauchte auf der anderen Seite in der Mariahilferstraße wieder auf und verschwand im erstbesten Billigkaufhaus. Fünf Slips, fünf Paar Socken, drei T-Shirts, ein BH, eine kleine Stoffreisetasche, zwei Krimis, ein großes Tuch, Deo, Duschbad, Shampoo, Zahnbürste, Zahnpasta, Kamm und Puder – das musste erst mal reichen.

Ich warf meine Einkäufe in die Tasche und studierte das U-Bahnnetz, das freundlicherweise überall aushing. Bis jetzt schien ja alles zu klappen.

Vom Karlsplatz musste ich zwar ein hübsches Stück laufen, aber das schadete nach dem langen Sitzen gar nichts. Das Hotel wirkte ein bisschen düster, aber sie hatten tatsächlich noch ein Einzelzimmer mit Bad für die nächsten Tage frei und es schien mir auch nicht allzu teuer zu sein. Und warum sollte ich mir nicht einmal etwas gönnen? So teuer hatte ich bisher wirklich nicht gelebt, auch wenn Norberts Behauptungen jeder Grundlage entbehrten! Pro Nacht 35 Euro inklusive Frühstücksbuffet, das war kein Problem, und ich nahm mir vor, beim Frühstück ordentlich zuzuschlagen, dann konnte ich beim Mittagessen vielleicht etwas sparen.

Ich erhielt meinen Zimmerschlüssel im Tausch gegen meinen Personalausweis und fuhr sofort hinauf in den fünften Stock.

Klein.

Sehr klein. Aber im Vergleich zu meiner Wohnung die totale Luxussuite – warmes Wasser in der Dusche, Teppichboden, ein Schrank, dessen Türen viel leiser quietschten, ein ziemlich hartes Bett, ein winziger Schreibtisch unter dem Fenster. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich nicht einfach als Dauermieter hier bleiben und mir in Wien einen neuen Job suchen sollte. Wer würde mich schon vermissen – und wen würde ich vermissen? Meinen Freundinnen könnte ich ab und zu eine E-Mail schicken und sie könnten mich besuchen kommen. Das Zimmer war sogar geheizt!

Ich packte meine Einkäufe aus, schnippelte die Preisschilder von den Slips, stellte fest, dass ich ein Nachthemd vergessen hatte, stellte die Kosmetika ins Bad und setzte mich mit einer gemütlichen Zigarette an den kleinen Schreibtisch, um mir aufzuschreiben, was ich morgen tun wollte.

Schönbrunn, Hofburg, Nachthemd kaufen, vielleicht ein zweites Paar Jeans, vielleicht ein Buch über die Habsburger, je klatschorientierter, desto besser, im Reiseführer lesen, weitere Tipps suchen... Aber auch bei schönem Wetter (wenigstens regnete es hier nicht) auf einer Bank sitzen und über die Zukunft nachdenken... ach nein, noch nicht morgen.

Ich trabte wieder nach unten, holte meinen Ausweis ab und fuhr in die Innenstadt – mit der Straßenbahn. Für eine Rundfahrt mit der Ringlinie war es jetzt zu spät, es wurde schon dunkel, und ich hatte fürchterlichen Hunger. Sollte ich zu Figlmüller gehen, oder säße dort der Zugmensch?

Ich beschloss, es zu riskieren. Wenn er vorhin erst in Hütteldorf ausgestiegen war, warum sollte er dann jetzt in der Innenstadt sein? Und wenn schon! Während ich die Kärntnerstraße entlang schritt und dann hinter dem Dom den Anfang der Wollzeile suchte, erfand ich Ausreden: Das Handy lag im Hotel – ich wusste die Nummer nicht auswendig, wenn ich es nicht dabei hatte – er musste sich verwählt haben – Wechselburger? Da hatte er sich verhört, Welsberger hatte ich gesagt – vielleicht musste man hier eine andere Netzkennung vorwählen, aber das wusste ich schließlich noch nicht!

Ich fand die Wollzeile nicht auf Anhieb, dafür aber einen Handyladen, der noch offen hatte, und schlich demütig hinein. Als ich dem Verkäufer – etwa halb so alt wie ich, jedenfalls sah er aus wie ein Schüler – mein Problem unterbreitet hatte, lachte er nur. „Zeign´s amal her!“

Ich reichte ihm mein Handy, er nickte und holte ein Ladegerät unter der Theke hervor und steckte es ein.

„Wolln´s an Kaffee?“

„Gerne, das ist nett von Ihnen.“

„Alles Service“, bemühte er sich um Hochdeutsch und begann, mich auszufragen. Von ihm erfuhr ich, dass der leiwandste MacDonalds am Schwedenplatz war, gleich neben der besten Eisdiele, dass man die Kneipen in der Judengasse gesehen haben musste, Schönbrunn fad war (da hatten ihn schon sieben Wandertage hingeführt) und das Riesenrad im Prater nicht nur Kindern Spaß machte.

„Kennan´s an Dritten Mann?“

„Den Film? Sicher, der ist toll.“

„Im Burgkino, am Burgring, läuft er im Original. Schaun´s amal hinein, das ist Wien pur.“

„Mach ich. Guter Tipp!“

Ich schrieb mir alles auf, was ihm sehr zu schmeicheln schien. Er fragte noch, ob ich Motorrad führe, und war ehrlich enttäuscht, als ich verneinte und zugab, ganz spießig mit dem Zug angereist zu sein. Seiner Ansicht nach sah ich aus, als hätte ich eine fette BMW vor der Tür geparkt. Sehr schmeichelhaft. Das machte sicher die speckige schwarze Lederjacke!

Als das Handy aufgeladen war und piepste, war er sichtlich enttäuscht, fasste sich aber schnell und bot mir für einen Sonderpreis einen Klingelton nach Wunsch an.

„Haben Sie den Anton Karas, aus dem Dritten Mann?“ Das erschien mir plötzlich ungemein passend.

„Freilich. Einen Moment!“ Er spielte ihn mir auf und ich zahlte dafür gerne fünf Euro und versprach, bei weiteren Problemen sofort wieder zu ihm zu kommen.

Vergnügt verließ ich den Laden, das eingeschaltete Handy in der Tasche. Vielleicht sollte ich mich überhaupt mal unter jüngeren Männern umsehen? Lustiger war es auf jeden Fall als mit solchen Langweilern wie Norbert (immerhin sechsunddreißig) oder dem Zugmenschen, der bestimmt Mitte vierzig war. Allerdings war der vor zwanzig Jahren sicher auch kein bisschen spannender gewesen...

So! Das Handy ging wieder, ich hatte ein vergleichbar komfortables Dach über dem Kopf, noch genug Geld in der Tasche, keine Nervensägen am Hacken und alle Zeit der Welt. Wo war jetzt diese verdammte Wollzeile?

Da konnte ich ja lange suchen! Keine Querstraße trug das ersehnte Schild, nein, die Straße, die ich jetzt schon zum dritten Mal auf und ab pilgerte, war schon die Wollzeile! Ich trat in einen der Durchgänge und suchte ein bisschen herum. Na bitte! Da war ja der legendäre Figlmüller. Und voll war´s! Ich näherte mich schüchtern lächelnd einem grimmigen Kellner, der sich meinen Wunsch nach Stuhl und Schnitzel unbewegt anhörte und mich dann mit sich winkte. An einem Tisch mit drei Japanern war noch Platz. Bravo, das würde ja eine mühsame Konversation werden! Oder musste ich sie später alle hinter ihrem Schnitzel fotografieren? Ich lächelte freundlich in die Runde und tadelte mich selbst für meine Vorurteile.

Der Kellner kam wieder vorbei und ich orderte ein Schnitzel mit Salat und ein großes Wasser. Er nickte und ging. War er stumm? Oder kultivierten die hier diese erhabene Haltung, um die Touristen in Demut zu halten?

Die Japaner grinsten mir zu und schwenkten ihr Bier. Ich grinste zurück. Immerhin sagten sie nichts! Wann hatte ich eigentlich zum letzten Mal englisch gesprochen? Vor Monaten! Mit einigen Bierchen wäre das kein Problem, aber Mineralwasser baute die Hemmungen nicht unbedingt ab. Sie unterhielten sich schnell und völlig unverständlich miteinander und lächelten dann wieder breit. Glücklicherweise kamen da ihre Schnitzel, Riesendinger, die mich auch für meins das Beste hoffen ließen. Sie hatten sich Pommes dazu bestellt und stürzten sich nun begeistert auf ihr original Wiener Essen. Ich wünschte ihnen auf Deutsch Guten Appetit (auf Englisch fiel es mir gerade nicht ein), sie strahlten noch eifriger und begannen zu futtern, in einem atemberaubenden Tempo. Ich ertappte mich dabei, wie ich sie selbstvergessen anstarrte, und riss mich zusammen. Ganz schön unhöflich!

Schließlich kam auch mein Schnitzel, ebenfalls ein gewaltiger Lappen, der über den Tellerrand hinaushing, die Panade leicht gewellt und goldbraun, genau wie es sein sollte. Dazu ein kleiner Standardsalat und ein Brummen des Kellners, das man mit viel gutem Willen als „Guten Appetit“ auslegen konnte.

Das Schnitzel war hinreißend; ich spürte, wie meine Laune bei jedem Bissen stieg, und begann schon zu überlegen, ob das eigentlich gut war: Fing ich an Essen als Trost zu benutzen? Dann könnte ich in meiner momentanen Situation locker in einigen Wochen zwanzig Kilo zulegen! Nicht, dass ich dann übermäßig fett wäre, aber ich hatte kein Geld für größere Klamotten übrig – nicht, bevor ich einen neuen, erheblich besser bezahlten Job gefunden hatte. Und so breit wollte ich eigentlich auch nicht daherkommen... Oder hatte ich nur wieder Sinn für Genuss bekommen? In den letzten Wochen war es mit dem Genießen nicht allzu weit her gewesen – hastige Imbisse mittags und abends, meistens Äpfel, wenn gerade keiner hinsah, Mineralwasser mit Zitrone bei den Pflichtevents, zu Hause schnell ein Stück Brot – kochen konnte man in dieser Küche ohnehin nicht, und zu einer Mikrowelle hatte ich wegen der Sicherungen nicht den Mut. Einmal hatte es alles heraus gedroschen, weil ich mich gefönt hatte, und der Knabe über Roland hatte gerade an seinem Computer etwas Unersetzliches gebastelt; ich musste wochenlang im Treppenhaus seinen vorwurfsvollen Blick ertragen – und ich hatte ihn noch nie so oft auf der Treppe getroffen wie in diesen Wochen. Damals war ich täglich einen Zentimeter kleiner geworden... Nicht noch mal!

Also, genussloses Essen, eher schnelle Aufnahme der allernotwendigsten Nährstoffe, und sonst? Sex mit Norbert! Nicht zu oft, er hatte nur manchmal Lust, es war ganz nett, aber immer das Gleiche, die Luft war raus. Mit einem Mann zu schlafen, den man nicht mehr liebte, nur noch mochte, hatte etwas Trauriges, überlegte ich und säbelte an meinem Schnitzel herum, man tat es mehr oder weniger um der schöneren alten Zeiten willen, als von Leidenschaft noch etwas zu spüren war... War Norbert denn so leidenschaftlich gewesen? Naja! dachte ich abfällig und kämpfte mit einem Salatblatt, nicht übermäßig. Eher freundlich-sachlich, aber technisch nicht schlecht, ich kam meistens auf meine Kosten.

Die Japaner waren fertig, zahlten und verabschiedeten sich lächelnd und mit diversen Verbeugungen, ich strahlte zurück, bis mir das Gesicht wehtat, und war erleichtert, dass der Tisch leer war.

Nicht lange, ein Pärchen nahm Platz und begann sofort, leise und giftig miteinander zu streiten. Ich bemühte mich, nicht zuzuhören und bastelte weiter an meiner Genussbilanz herum. Schlechtes Essen, mäßiger Sex – und so nette Dinge wie lange schlafen (in einem richtigen Luxusbett) und in einem üppigen Schaumbad schwelgen kannte ich schon lange nicht mehr. Warum war ich eigentlich damals aus meinem Miniappartement in dieses Loch gezogen?

Altbau, zwei Zimmer, über sechzig Quadratmeter, bescheidenste Miete, ja, ich konnte mich durchaus noch erinnern. Aber ein Missgriff war die Wohnung doch! Das musste ich ändern. Altbau war toll, aber so alt musste er wieder auch nicht sein. Nur konnte ich mir eine gepflegte Altbauwohnung gar nicht leisten, also hatte ich mal wieder die Wahl zwischen Bruchbude und Wohnklo. Aber ein Wohnklo mit Heizung und fließendem warmen Wasser (aus dem Hahn!)... hm... durchaus verlockend. Andererseits hieß das, in die Verhältnisse aus meinen Studienzeiten zurückkriechen – dreißig Jahre alt (am neunzehnten Juli) und es immer noch nicht weiter gebracht haben – war das peinlich? War das Versagen? Oder war das egal, solange es mich nicht störte? Störte es mich denn? Und warum? Wegen der anderen? Welcher anderen? Darüber sollte ich ein anderes Mal nachdenken, schob ich diese Überlegungen beiseite und attackierte wieder das Schnitzel.

Satt und zufrieden lehnte ich mich schließlich zurück. Im Moment wenigstens ging es mir doch prima! Ich lächelte vor mich hin und registrierte dann den misstrauischen Blick der beiden mir gegenüber.

„Lachen Sie über uns?“ Kein Wiener Akzent – Touristen?

„Nein“, antwortete ich friedlich, „ich habe nur gerade gemerkt, dass es mir im Moment richtig gut geht, satt, zufrieden...“

„Schön für Sie“, grummelte die Frau, „Sie sind ja auch alleine hier!“

„Glücklicherweise“, rutschte es mir heraus.

Sie lachte bitter auf. „Recht haben Sie!“

„Willst du Schluss machen?“, knurrte ihr Freund? Mann? neben ihr.

„Weiß ich nicht, aber solange du so stur bist, bin ich stark in Versuchung.“

O Gott! Brauchte ich das? Wirklich nicht! Und die beiden würden sich ja doch nur versöhnen, wenn sie sich gegen mich verbünden konnten. Lieber nicht.

„Wissen Sie, ich habe mich heute Morgen von meinem Freund getrennt, ich wäre keine gute Beziehungsberaterin für Sie. Aber besprechen Sie das in Ruhe, nicht in gereizter Stimmung, da sagt man zu leicht etwas Unverzeihliches. Kann ich zahlen?“, rief ich dem statuösen Kellner zu, der sich daraufhin gemessen in Bewegung setzte.

Ich winkte dem verkrachten Pärchen noch zu, sehr stolz auf meine weisen Worte, die ich heute Morgen wohl empört zurückgewiesen hätte, und trat hinaus in die kühle, feuchte Nacht. Gott, war ich voll gefressen! Ich strich über meinen Bauch – richtig kugelförmig! Eine Zeitlang lief ich durch die immer noch belebten Straßen, streckte den Bauch vor und stellte mir vor, ich sei schwanger – wie im fünften Monat sah ich jetzt bestimmt aus!

War das eine schöne Idee? Oder eher grausig? Wollte ich ein Kind? Oder lieber einen richtig guten Job? Oder beides? Warum nicht beides? War das mit dem Kind denn so dringend? Eher nicht. Ich wusste ohnehin nicht genau, was ich wollte. Hier bleiben, vielleicht?

Ach, ich wurde müde – so konnte ich ja nicht mehr richtig nachdenken! Langsam schlug ich den Weg nach Wieden ein; der Spaziergang konnte mir nur gut

tun, ich musste ja das Schnitzel abtrainieren.

Im Hotel gönnte ich mir eine lange, heiße Dusche, welcher Luxus! Danach schlüpfte ich in Slip und T-Shirt und kuschelte mich unter die Bettdecke, einen Krimi vor mir auf dem Laken. War das gemütlich – und morgen konnte man weitersehen. Seltsam, dass noch niemand versucht hatte, mich anzurufen: Vermissten sie mich nicht? Wenigstens Norbert und Frances? Oder Roland, um mir mitzuteilen, dass er die Rostlaube nicht länger künstlich am Leben erhalten konnte? Sie waren alle so weit weg – ich hatte den Schauplatz gewechselt.

Momentaufnahme

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