Читать книгу Momentaufnahme - Elisa Scheer - Страница 5
Donnerstag, 21. März
ОглавлениеImmerhin schien die Sonne wieder, also konnte ich bis drei noch jede Menge Fotos machen und mich mit einem Schmöker zwischendurch in ein Café setzen, beschloss ich, als ich nach dem dürftigen Frühstück nach draußen trat. Und ein Nachthemd musste ich mir für die letzte Nacht auch nicht mehr kaufen, lieber noch ein paar schöne Bildbände.
Sollte ich zu Fuß zum Ring laufen? Nein, ich wäre später sicher noch plattfüßig genug, entschied ich und stellte mich an die Straßenbahnhaltestelle. Straßenbahnen waren etwas Herrliches, schade, dass es sie bei uns nicht mehr gab, wir hatten nur Busse und unsere Mini-U-Bahn. An der Oper stieg ich in die Ringlinie um und fuhr zum Schwedenplatz. Ach, der leiwandste MacDonald´s! Nein, den brauchte ich jetzt nicht, dort war das Frühstück genauso ekelhaft wie im Hotel.
Die Postsparkasse war traumhaft schön, außen wie innen. Ich fotografierte innen auch, bemüht unauffällig und immer darauf gefasst, hinausgeworfen zu werden, aber offenbar waren die Postbeamten an fotografierende Touristen gewöhnt, jedenfalls streiften ihre Blicke mich nur gleichmütig. Sogar die Schreibtische für die Kunden waren noch original, und die köstlichen Schaltereinbauten in dunklem Holz auch. Und in der Eingangshalle die Widmung an den Kaiser!
Dabei musste ich wieder an diesen Franz-Joseph-Verschnitt im Volksgarten denken. Komisch, den hatte ich nicht wieder getroffen, nur den Kerl mit den lila Schuhen. Und den mit der grauen Jacke, Schimanski eben. Aber der war ganz nett.
Schon wieder ordentlich was in der Kamera. Wohin jetzt? Linke Wienzeile? Dann könnte ich mir auf dem Naschmarkt auch einen Vormittagssnack besorgen. Aber zuerst den Franziskanerplatz, den Schimanski mir gestern empfohlen hatte! Den Blick fest auf den Stadtplan geheftet, trabte ich die Basteien entlang nach Südosten. Hier war nicht viel Weltbewegendes zu sehen, aber der Franziskanerplatz war wirklich reizend, nur leider total zugeparkt. Ohne die dämlichen Autos müsste er tatsächlich historisch einwandfrei sein, überlegte ich und setzte mich auf ein Mäuerchen, um zu warten. Endlich fuhr der schauerliche Lieferwagen weg, der die schönste Ecke dominiert hatte, und ich fotografierte hastig. Mehr war wohl nicht zu erwarten, die anderen sahen irgendwie nach Dauerparkern aus...
Unterwegs konnte ich noch die Kapuzinergruft mitnehmen, denn mir war eingefallen, dass ich für Judith noch ein Souvenir brauchte.
Ich umrundete in der feuchten, kalten Luft (ein bisschen verwest roch es hier schon, fand ich) die aufgereihten Särge und überlegte, ob ich fotografieren konnte, wenn ich auf den Blitz verzichtete und dafür entsprechend lange belichtete. Aber so dämmerig, wie es hier war? Und verboten war es auch. Ich beschloss, es trotzdem zu riskieren, und wählte ein Ensemble aus Kindersarg und Herzurne in einem möglichst abgelegenen Raum. Tatsächlich konnte ich ungestört belichten, aber hinterher zitterten mir doch die Hände – ohne Stativ war das eine sehr verkrampfte Angelegenheit. Na, ob das was geworden war? Wahrscheinlich nicht, aber das Risiko war es wert gewesen. Draußen im Hellen konnte ich ja mal nachschauen. Auf dem Rückweg zum Ausgang glaubte ich, hinter einem der Särge, die mitten im Raum standen, schon wieder diese lila Schuhe erspäht zu haben, aber als ich vorsichtig um den Prunksarg herumschaute (Franz Stephan lag drin), war doch niemand zu sehen. Wurde ich jetzt schon paranoid? Blödsinn, das lag sicher nur an dem trüben Licht hier unten.
Leider gab es keine brauchbaren Souvenirs, aber als ich an der Oper auf die Straßenbahn wartete, entdeckte ich das Allerschärfste: An den Zeitschriftenkiosks dort gab es T-Shirts mit aufgestapelten Särgen darauf und der Aufschrift I love Kapuzinergruft. Sofort kaufte ich eins für Judith und ein riesiges für mich - als Nachthemd. Bei dem Anblick musste doch dem feurigsten Liebhaber alles runterfallen!
Eine Fischsemmel kauend, hielt ich dann das Majolikahaus und die goldenen Ornamente des Eckhauses an der Linken Wienzeile fest, mit dem Tele auch die Ruferinnen oben auf den Eckpfeilern. Dabei stellte ich fest, dass die Haustür offen stand, und schlich mich hinein, immer in Angst, etwas zu hören wie „Sie, wos machen´s jetzt do?“
Unbehelligt fotografierte ich die elegant geschwungene Treppe und den reich verzierten Lift in der Mitte, erst danach tauchte eine putzkittelbekleidete und wischmopbewehrte Gestalt aus dem Hintergrund auf. Ich retirierte schon Richtung Haustür, aber sie sagte nur „Grüß Gott“ und schlurfte an mir vorbei. Angenehm, wie gelassen die hier waren, zu Hause war man viel misstrauischer, wenn man fremde Gestalten im Hausflur antraf! Gut, wenn in unserem Hausflur ein Fremder stand, konnte es nur einer von der Bauaufsicht oder von der Abrissfirma sein, ein Tourist wohl kaum. Die Bewohner hier wussten ja wohl, in welchem Juwel sie wohnten!
Ich wurde schon wieder müde, unglaublich! Was nun? Es war knapp halb zwölf, gegessen hatte ich gerade, der Fotoladen lohnte sich noch nicht und auf das naturhistorische Museum hatte ich heute keine Lust.
Ich lief über den Naschmarkt zurück zum Karlsplatz und fuhr mit der Tram zur Oper und dann ein Stück den Ring entlang bis zum Café Landtmann. Dort schien die Sonne gerade perfekt auf die draußen aufgestellten Tische, und ich ließ mich aufseufzend an einem der Tische nieder. Ein Mineralwasser mit Zitrone, eine Zigarette, eine To-do-Liste im Terminplaner – ich war rundherum zufrieden.
Am Freitagnachmittag würde ich zurückfahren... Am Wochenende sollte ich den Immobilienteil der Zeitung studieren, am Montagmorgen würde ich bei JobTime auf der Matte stehen, die hatten mich ja sowieso noch in der Kartei. Irgendein Ablagejob wäre sicher drin, etwas Solides, Hauptsache, ich musste nicht solchen Idioten wie Böhmelmann um den Bart gehen! Frances, die blöde Kuh.. Und an der Kirchfeldener Landstraße gab es jede Menge Gebrauchtwagenhändler, ich würde mir einen günstigen Polo oder so kaufen, der noch keine zehn Jahre alt war, und den alten verschrotten lassen. So, wie er mich in der letzten Zeit geärgert hatte, hatte ich auch gar keine sentimentalen Gefühle mehr, ich würde ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, zum Abdecker bringen!
Damit war mein Leben aufgeräumt. Und was die Wohnung betraf – ein Zimmer genügte, solange Küche und Bad benutzbar waren. Irgendwelche romantisch vergammelten Altbauten kamen ja gar nicht mehr in Frage. Aber so ein Spießerambiente wie bei Norbert wollte ich auch nicht.
Ich schloss die Augen und genoss die Sonne. Recht warm für Mitte März...
Beinahe wäre ich eingeschlafen, im letzten Moment fing ich mich, bevor ich mit dem Gesicht in mein Mineralwasser fallen konnte. Hier war es einfach zu gemütlich! Energisch winkte ich der Kellnerin und zahlte.
Mit Hilfe des Otto-Wagner-Buchs fand ich noch einige hübsche Jugendstildetails und malerische Winkel und schoss weitere Fotos, die mir sehr gelungen vorkamen.
Halb zwei... Ich steuerte den Fotoladen an, speicherte alles auf den Stick, druckte die neuen Bilder aus, was ganz hübsch Zeit in Anspruch nahm, und verzog mich wieder. Nachher alles mal in Ruhe anschauen!
Ein ordentlicher Packen! Und jetzt? Nebenan war eine große Buchhandlung... Ich strich im Erdgeschoss ein wenig um den Tisch mit den Bänden zur Stadtgeschichte herum und fand schließlich einen gewaltigen Band über den sozialen Wohnungsbau der Zwanziger Jahre. Leider auf Englisch, aber voller interessanter Abbildungen! Und schweineteuer - als ich den Preisaufkleber sah, musste ich schon schlucken: 88 Euro, so viel hatte ich noch nie für ein Buch ausgegeben, aber ich musste es unbedingt haben!
Mit der dicken Schwarte und meinen zahlreichen Fototüten fiel ich im vereinbarten Café wieder auf einen Stuhl. Noch fast eine Stunde Zeit, umso besser, ich wollte erst einmal das Buch studieren. Bei einem weiteren Mineralwasser (allmählich begann ich innerlich zu gluckern) las ich mich genussreich fest und merkte erst, als ein Schatten über mich fiel, dass ich vier Zigaretten geraucht und schon das ganze Wasser ausgetrunken hatte. Ich sah auf und lächelte abwesend.
Er setzte sich mir gegenüber und hob das Buch an, um den Titel zu studieren. „Oh, das hab ich auch, eine geniale Arbeit. Haben Sie schon einige dieser Höfe gesehen?“
„Nein, ich muss erst einmal schauen, wo die so sind. Reizen würde es mich schon. Stehen die überhaupt noch alle?“
„Soweit ich weiß, schon. Wenn Sie Lust haben, zeige ich Ihnen morgen einen der schönsten, den Reumannhof. Einverstanden?“
Ich nickte.
Er bestellte, einen Kaffee und für mich noch ein Zitronenwasser. Wieder sah er angeekelt zu, wie ich die Zitrone auspresste, lachte dann aber auf. „Jetzt weiß ich! Das ist irgend so eine Zauberdiät, ja?“
„Unsinn!“, fauchte ich, „sehe ich aus, als hätte ich das nötig?“
Er betrachtete mich gründlich, mit leicht zusammengekniffenen Augen. Ganz schön faltig, das Gesicht. Entweder war er noch älter, als ich gedacht hatte, oder er hatte zu viel in der Sonne gelegen. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig – mindestens.
„Nein“, sagte er dann, und ich schrak aus meinen Gedanken hoch. „Was – nein?“
„Sie haben es nicht nötig, im Gegenteil, Sie sollten etwas essen.“
„Ich futtere hier wie verrückt, aber ich laufe eben auch viel herum.“
„Auf der Jagd nach Motiven?“
Ich nickte wieder und zündete mir die fünfte Zigarette an. Das musste ich unbedingt reduzieren! Er gab mir Feuer und zog dann seine eigenen Zigaretten heraus.
„Haben Sie schon etwas entwickeln lassen?“
Ich klopfte auf den dicken Umschlag von heute. Warum ich mit ihm so nonverbal kommunizierte, wusste ich auch nicht. „Darf ich?“
Ich schob ihm den Stapel zu. Mist, jetzt ich den Ausschuss noch nicht aussortiert! Nun, das schien er zu übernehmen, jedenfalls nahm er aus dem Stapel langsam einige Fotos heraus und legte sie beiseite.
Als er fertig war – ich beobachtete ihn schweigend und rauchend – schob er mir den Umschlag wieder zu und breitete die aussortierten Abzüge auf dem Tisch aus, nachdem er ihn mit einer Papierserviette abgewischt hatte. Ich trank einen Schluck und guckte ihm stumm zu. Soweit ich es erkennen konnte, hatte er nicht gerade den Ausschuss erwischt, sondern genau die Fotos, die ich in aller Bescheidenheit als genial einschätzte.
„Die sind gut“, sagte er schließlich. „Die meisten anderen auch, manche nur guter Durchschnitt, aber diese hier sind wirklich gut. Ausgezeichnet sogar. Würden Sie davon gerne etwas veröffentlichen?“
„Natürlich“, hauchte ich überwältigt, „aber wie?“
„Ich möchte einen Bildband machen, Wien – mal anders, und dafür könnte ich einige von Ihren Arbeiten brauchen. Für das Ringstraßenprojekt ist nichts dabei, die mach ich auch lieber selbst, weil ich weiß, was ich haben will, aber für den anderen Band wären die hier ausgezeichnet. Was könnte ich ihnen pro Foto zahlen...“ Er rechnete ein bisschen im Kopf herum und nannte dann eine Summe, die mir ziemlich astronomisch erschien.
„Pro Foto?“, fragte ich ungläubig nach.
„Sicher pro Foto. Einverstanden?“
Ich konnte wieder nur nicken. Sieben Fotos, und vom Erlös konnte ich fast ein Vierteljahr leben! Das war ja traumhaft! Er sah mich an und trank einen Schluck Kaffee. „Haben Sie gestern nicht gesagt, dass Sie ohnehin gerade keinen Job haben?“
Ich nickte – was sonst?
„Ich brauche eine Assistentin.“
Was? Hatte ich richtig gehört? Vor Schreck warf ich mein Glas um, aber glücklicherweise war es schon wieder leer.
„Ich hoffe, das passiert Ihnen nicht auch mit Scheinwerfen und Stativen“, kommentierte er. „Sie müssten Dateien verwalten, entwickeln, mich auf Fototouren begleiten, mit mir die Auswahl besprechen, für Nachschub sorgen, Filme, Batterien und so, Kaffee kochen, das Atelier aufräumen, die Ablage machen, mir das Finanzamt und meinen Verleger vom Hals halten. Es wäre ziemlich viel Arbeit und keine allzu tolle Bezahlung.“
Er sah mich zweifelnd an und nannte eine Summe, die etwa meinem Gehalt bei Frances entsprach.
Ich nickte langsam. „Das klingt nicht uninteressant. Aber Sie wissen doch gar nichts von mir!“
„Ich weiß, dass Sie Talent haben und einen Blick für gute Motive. Wenn Sie ansonsten einigermaßen zuverlässig sind – intelligent scheinen Sie ja zu sein. Das dürfte für einen Versuch doch genügen. Wollen Sie?“
Ich überlegte kurz. „Ja. Probieren wir´s. Aber eins sag ich Ihnen gleich: Ich kann Kaffee kochen, die Ablage machen und aufräumen; alles andere muss ich erst lernen. Und entwickeln… ich hab ja bloß eine Digitalkamera.“
„Kein Problem. Das hat bis jetzt jede erst lernen müssen – aber analoge Bilder haben ihre eigenen Reize, darauf verzichte ich nicht. Sie schaffen das bestimmt schneller als manche ihrer Vorgängerinnen.“
„Himmel, wie viele Assistentinnen haben Sie denn schon verschlissen?“
Er zog ein verlegenes Gesicht. „Sieben oder acht. Die meisten hatten ein Problem mit den unregelmäßigen Arbeitszeiten und dem Reisen, sie wollten ihre Männer nicht so oft alleine lassen oder fanden es zu anstrengend. Oh, das habe ich ja gar nicht gefragt – wenn Sie verheiratet oder fest gebunden sind, sollten Sie sich vielleicht erst mit Ihrem Partner beraten?“
„Keine Sorge, ich bin solo. Auch seit Montag. Herrliches Gefühl, das bleibt jetzt erstmal so. Nein, das Reisen stelle ich mir toll vor.“ Ich lachte. „Im Hotel gibt es wenigstens funktionsfähige Duschen, das habe ich zu Hause nicht, ich wohne in einer entsetzlichen Bruchbude.“
„Wo denn?“
„Carolinenstraße, in dem hässlichen braunen Klotz. Die billige Miete ist das einzige, was für die Wohnung spricht.“
„Ich glaube, das kenne ich. Jedenfalls haben Sie es dann nicht weit. Mein Atelier ist in der Florianstraße.“
„Sehr praktisch. Sagen Sie, wäre es nicht an der Zeit, dass wir uns vorstellen? Ich heiße Bettina Ferstl.“
„Sie haben Recht. Jan Hellmann. Dann frage ich gleich ein bisschen weiter. Wie alt sind Sie? Welche Ausbildung haben Sie?“
„Neunundzwanzig. Ich habe Publizistik, Geschichte und Politik studiert und nach dem Magister herumgejobbt, weil ich nie etwas wirklich Gutes gefunden habe. Fotografieren habe ich in meinem letzten Job gelernt, weil man da alles viel besser darstellen musste, als es wirklich war.“
Ich verstummte. Er antwortete nicht. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Wollte er keine verkrachte Akademikerin einstellen? Hätte ich Fotografie nicht als Betrug darstellen sollen? Ich sah ihn ratlos an.
„Warum sagen Sie nichts?“
„Warum fragen Sie nicht zurück?“
„Man fragt doch seinen Chef nicht aus!“
Er schüttelte nachsichtig den Kopf. „Also, ich bin gelernter Fotograf mit ein paar Semestern Journalismus, achtunddreißig Jahre alt, vormittags schlecht gelaunt, also seien Sie dann möglichst nicht zu empfindlich, unordentlich und ziemlich erfolgreich. Ich arbeite für den Picture-Verlag und für verschiedene Werbeagenturen. Bei Picture habe ich ziemliche Narrenfreiheit, deshalb kann ich auch den Wien - mal anders – Band durchdrücken. Fragen Sie, was Sie sonst noch wissen wollen!“
Ich war wie betäubt. Achtunddreißig? Mehr nicht? So sah er weiß Gott nicht aus! Und jetzt sollte ich eine intelligente Frage stellen, aber mir fiel absolut nicht Besseres ein als „Kann ich am Montag anfangen?“
„Unbedingt!“, freute er sich, „das Atelier sieht schlimm aus, und ich habe wirklich genug Projekte laufen. Montag, um halb neun? Floriansgasse vierundzwanzig, im Hintergebäude. Wenn niemand da ist, klingeln Sie einfach über dem Atelier, da wohne ich.“
Ich schrieb mir alles eifrig auf. Dann konnte ich mir den Besuch bei JobTime sparen! Kopfschüttelnd saß ich da.
„Kommen Ihnen Bedenken?“, fragte er.
„Nein... ich staune nur. Ich hatte mir vorhin erst überlegt, dass ich am Montag mal zu der Zeitarbeitsagentur gehen müsste, für die ich schon öfter gearbeitet habe, und jetzt kommt ein Job angeflogen wie die gebratenen Tauben im Schlaraffenland. Ich kann´s nicht glauben. Ist nicht doch ein Haken dabei?“
„Klar gibt es einen Haken.“
Wusste ich´s doch! „Nämlich?“
„Ich bin der Haken“, erklärte er ernst, „ich bin ein unmöglicher Chef. Das haben wenigstens alle bisherigen Assistentinnen bei der Kündigung gesagt. Launisch, anspruchsvoll, ungerecht – und ich hasse weinende Frauen. Immer noch interessiert?“
Ich nickte. „Ich heule nicht. Wenn Sie mich anschreien, plärre ich zurück, knalle mit den Türen oder schmeiße Ihr teuerstes Objektiv an die Wand. Immer noch interessiert?“
„Klingt erfrischend. Das Objektiv schließe ich dann aber lieber weg. Was machen Sie heute noch?“
Ich sah auf die Uhr. Was, schon fast sechs? So lange hatten wir hier gesessen? Ich zuckte die Achseln. „Vielleicht noch mal Schnitzel essen gehen. Morgen Nachmittag geht schon mein Zug. Sagen Sie, eine Wohnung wissen Sie nicht zufällig auch noch?“
Er schüttelte den Kopf. „Nicht auf Anhieb. Kennen Sie den Figlmüller?“
„Klar, da war ich am Montag schon. Riesig!“
„Kommen Sie, gehen wir Schnitzel essen!“ Er winkte der Bedienung und zahlte. Ich protestierte ein bisschen, weil er auch mein Wasser übernahm, hatte aber keine Chance. „Das ist quasi der Einstand – das und das Schnitzel, ja? Wenn ich schon so schlecht zahle!“
„Warum betonen Sie das so?“, fragte ich, als wir quer über den Stephansplatz davongingen.
„Was denn?“
„Die schlechte Bezahlung. So wenig ist das doch gar nicht, mehr hab ich vorher auch nicht gekriegt.“
„Weil ich finde, dass ich bei meinen Chefallüren besser zahlen müsste, aber ich kann nicht, ich hab das Hinterhaus vor zwei Jahren gekauft und stehe fürchterlich bei der Bank in der Kreide. Wenn das Geschäft nicht einen gewaltigen Aufschwung nimmt, wird ihr Gehalt erstmal so bleiben, fürchte ich.“
„Damit kann ich leben. Haben Sie eigentlich schon mal so einen „Mal anders“-Band gemacht? Das wäre auch bei uns zu Hause eine Idee. Oder in Salzburg... Ich könnte mir eine ganze Reihe vorstellen.“
Erschrocken verstummte ich, als ich seinen Blick sah. „Sorry, ich wollte nicht aufdringlich sein. Sie wissen das natürlich besser, Herr Hellmann.“
„Oh Gott! Hab ich schon wieder so geschaut, ja? Das haben auch alle gesagt – ich würde immer ein Gesicht machen, als wollte ich meine arme kleine Assistentin gleich fressen. Also, erstens, wenn ich so gucke, denke ich meistens bloß nach und meine es nicht böse. Zweitens ist die Idee ausgezeichnet, bitte unterdrücken Sie so etwas nicht aus falsch verstandenem Respekt. Drittens werden Sie die erste meiner Assistentinnen sein, die wirklich fotografieren kann. Ein paar Dinge kann man sicher noch verbessern, aber die Basis ist gut, wirklich. Und viertens: Sagen Sie nicht Herr Hellmann zu mir, da komme ich mir vor wie mein Vater. Jan genügt.“
„Gut.“ Nicht gut, er kam mir immer noch so alt vor – ihn mit dem Vornamen anzureden, war mir ein bisschen unangenehm, aber ich konnte es nicht ablehnen, er war der Vorgesetzte. Mein Chef. Ich hatte wieder einen Chef! Schlimmer als Frances konnte er gar nicht sein.
Bei Figlmüller war es wie immer gesteckt voll. Der hohepriesterhafte Kellner wies uns eine Hälfte eines Vierertischs zu und nahm die Bestellung entgegen. Zunächst machten wir nur leicht verlegene Konversation, dann wandten wir uns erleichtert unseren Riesenschnitzeln zu. Mittendrin aber legte Jan das Besteck nieder. „Bettina? Warum wollen Sie den Job haben?“
Ich sah von meinem Schnitzel auf. „Weil ich einen Job brauche, weil ich gerne fotografiere und etwas auf diesem Gebiet machen möchte. Und weil ich glaube, dass Sie als Chef nicht so furchtbar sind, wie Sie tun. Bereuen Sie, dass Sie mir den Job angeboten haben?“
„Im Gegenteil. Ich glaube, dass wir gut zusammenarbeiten werden. Wir können das morgen testen, ja? Wir tun so, als bräuchte ich den Reumannhof für ein Projekt.“
„Gerne, wenn Sie berücksichtigen, dass ich manches noch nicht kann? Und wenn ich zwischendurch auch ein bisschen fotografieren darf?“
„Das müssen Sie sogar, vielleicht wird noch etwas für den Wien – mal anders – Band dabei herausspringen.“ Er winkte dem Zeitungsverkäufer, der sich zwischen den Tischen hindurchschlängelte.
Ich studierte die neuen Schlagzeilen, obwohl sie für mich auf dem Kopf standen. Volksgartenleiche identifiziert – Mordmethode weiter rätselhaft – Madonnenstatue verschwunden.
„Das mit der Volksgartenleiche ist seltsam“, bemerkte Jan, der beim Essen den Artikel überflog, „er ist vor einigen Zeugen zusammengebrochen und gestorben, an einer Stichwunde. Aber niemand stand nahe genug, um es gewesen sein zu können.“
„Eigenartig. Vielleicht hat jemand etwas geworfen?“ Mich interessierte das nur mäßig, Morde gehörten für mich zwischen zwei Buchdeckel, und dort sollten sie gefälligst auch bleiben. Jan schüttelte den Kopf. „Keine Waffe aufzufinden.“
„Das geht doch gar nicht!“
„Ja, das sagen sie im Sicherheitsbüro auch, aber ganz offensichtlich ist es eben doch gegangen. Komisch, wirklich. Und was hierzulande so alles aus den Kirchen geklaut wird! Na, das eine hat mit dem anderen wohl nichts zu tun.“
Ich antwortete nicht, denn mein gesenkter Blick ruhte auf einem Schuhpaar zwei Tische weiter. Lila Schuhe. Das gab es ja gar nicht – verfolgte mich der etwa? Es war schon wieder der gleiche Kerl. Jan sah mich irritiert an. „Was haben Sie denn?“
„Gucken Sie nicht hin, bitte, aber sehen Sie den Kerl mit den dunkelroten Schuhen an dem Fenstertisch da drüben? Den mit dem teigigen Gesicht?“
Jan spielte mit seiner Zigarettenschachtel herum, ließ sie fallen und guckte beim Aufheben. „Ich sehe ihn. Und weiter?“
„Den sehe ich jetzt zum vierten oder fünften Mal. Das kann doch kein Zufall mehr sein! Erst im Volksgarten, am Dienstag, gestern zweimal, im Museum und in der Trambahn, heute in der Kapuzinergruft – gut, da bin ich mir nicht sicher, und eben jetzt. Verfolgt mich der? Aber ich wüsste wirklich nicht, warum!“
„Vielleicht gefallen Sie ihm?“
„Na, er gefällt mir jedenfalls nicht“, antwortete ich missvergnügt. „Außerdem, dann könnte er ja wohl mal was sagen, nicht? Nur nachschleichen – so kommt er doch nie zu etwas! Ich finde das wirklich ein bisschen unheimlich. Bloß gut, dass ich morgen Nachmittag heimfahre!“
„Morgen schon? Ich fahre am Sonntag, ich bin mit den Ringstraßenfotos noch nicht fertig, mir fehlt noch der Stuben- und Schubertring.“
„Das ist ja noch ganz schön viel. Himmel, jetzt weiß ich, was ich die ganze Zeit machen wollte und vergessen habe – ins Kino gehen!“
Jan lachte ungläubig. Er lachte viel, fand ich, so ein böser Chef konnte er doch gar nicht sein. „Ins Kino? Hier?“
„Ich weiß, das klingt doof“, verteidigte ich mich, „aber Der Dritte Mann? In der Originalversion? Das hat doch was, es direkt am Schauplatz anzugucken, oder?“
„Stimmt auch wieder. Wann fängt das an?“
„Um neun, glaube ich. Tja – wenn ich es nicht heute mache, kann ich es wohl vergessen.“
„Gehen Sie ruhig. Ach, wissen Sie was? Den hab ich auch lange nicht mehr gesehen, und noch nie im Original. Kann ich mitkommen?“
Ich sah ihn erstaunt an. „Klar, warum nicht?“
„Wer geht schon gerne mit dem bösen Chef ins Kino?“
„Ist das eine Masche von Ihnen? Man könnte meinen, Ihre Assistentinnen haben Ihnen ein Trauma beschert!“, neckte ich ihn, aber er lachte nicht mit.
„So etwa. Wissen Sie, wenn man das immer hört...“
„Und warum haben Sie Ihr Verhalten dann nicht geändert? Ich meine, wenn alle das Gleiche zu beanstanden hatten?“
„Erstens ist das nicht so einfach, und zweitens war es eben nicht immer das Gleiche.“ Er sah auf die Uhr. „Etwas Zeit haben wir noch. Wollen Sie die Einzelheiten hören?“
Ich nickte. „Je mehr ich weiß, desto besser arbeiten wir zusammen, oder? Wenn Sie es erzählen wollen?“
Er nickte. „Nummer eins kam mit der Tatsache nicht zurecht, dass wir auch mal abends oder nachts arbeiten mussten, Fototermine oder eilige Entwicklungen. Nummer zwei dachte nicht mit. Einmal ist sie bei Rotlicht in die Dunkelkammer geplatzt, die Arbeit eines ganzen Tages war hin. Ich hab sie angeschnauzt, und sie hat heulend gekündigt. Nummer drei – das war meine eigene Schuld, mit der hatte ich – äh - was angefangen. Nie wieder mache ich so was, sie hat vor lauter Liebeskrankheit überhaupt nichts mehr getan. Nummer vier wurde schwanger und musste sich schonen. Nummer fünf fand, ich müsste mein Atelier selbst in Ordnung halten, und ich fand, das gehört zu ihrem Job. Nummer sechs hasste die Reisen, damals war ich viel im ehemaligen Ostblock, und das war ihr unheimlich. Nummer sieben war mit dem Organisatorischen überfordert, vergaß dauernd was und war dann beleidigt, wenn ich sie kritisiert habe. Nummer acht – nein, Nummer acht sind Sie. Welche Macke werden Sie haben?“
Ich überlegte. „Also, wie gesagt, ich heule nicht. Aber ich werde unverschämt. Ich bin nicht vergesslich, aber sie müssen Geduld haben, bis ich mich richtig auskenne. Schaffen Sie das? Ich hab noch nie einen Film entwickelt, weiß nicht, auf welchen Gebieten Sie Nachschub brauchen und was man als Assistentin so macht. Loben Sie Ihre Leute eigentlich auch, wenn sie mal was richtig machen?“
„Doch, schon“, antwortete er zögernd.
Ich grinste wissend. „Also nicht. Probieren Sie´s, es wirkt ungemein motivierend!“
Er grinste schief zurück und winkte dem Kellner. Dieses Mal protestierte ich nicht, als er mein Schnitzel mitzahlte, das war wirklich das Handgeld.
Der Film war hinreißend – ihn in Wien zu sehen, war einfach etwas anderes, aber ich war ziemlich froh, dass ich ihn schon kannte, sonst hätte ich den Dialogen nicht immer ganz folgen können. Mein Englisch war wirklich nicht mehr das, was es mal gewesen war, stellte ich betrübt fest. Ich guckte atemlos nach vorne und versuchte, herauszufinden, wo man damals gedreht hatte, erkannte aber kaum einen der Schauplätze wieder. Erst gegen Ende sah ich zur Seite und merkte, dass Jan die Augen geschlossen hatte. Pennte er? Sollte ich taktvoll sein oder ihm gleich zeigen, dass ich ein freches Mundwerk hatte? Lieber taktvoll! Sobald der Abspann lief, rumorte ich herum, um meine Tasche zu finden, und stieß ihn dabei „versehentlich“ an. Er öffnete die Augen. „Ich habe nicht geschlafen.“
„Bitte?“
„Ach, nichts.“
Ich feixte in mich hinein, als wir das Kino verließen und Richtung Opernring gingen. An der Oper blieb er stehen. „Haben Sie ein Handy?“
„Sicher“, antwortete ich erstaunt.
„Dann sollten wir unsere Nummern programmieren, das werden wir öfter brauchen können.“
Keine dumme Idee! Er diktierte mir seine in den Speicher, ich ihm meine.
„Morgen um neun – am Karlsplatz, vor der Kirche?“ Er sah mich fragend an.
„Einverstanden. Kann man von da gleich mit der U-Bahn zum Reumannhof fahren?“
Er nickte.
„Soll ich etwas mitbringen – ich meine, als Assistentin? Filme? Kaffee? Schokoriegel? Schreibzeug? Ich war doch noch nie Assistentin.“
Er überlegte. „Filme habe ich noch. Schokoriegel wären gut, welche mit Nüssen drin. Schreibzeug sowieso. Ihre eigene Kamera natürlich. Was haben Sie an Objektiven dabei?“
Ich zählte mein Zubehör auf.
„Nicht schlecht, das müsste reichen. Nein, bringen Sie gute Füße und gute Nerven mit, das genügt. Wann geht morgen Ihr Zug?“
„Um zehn nach vier.“
„Dann schauen wir, dass wir um halb drei fertig sind, inklusive Mittagspause. Genehmigt?“
„Natürlich! Sie sind doch der Chef!“
Er hob grüßend die Hand und eilte davon, Richtung Schwarzenbergplatz. Ich stieg in die Tram, die gerade vor mir hielt. Zunächst hielt ich wieder Ausschau nach lila Schuhen, konnte heute aber nichts entdecken, also hing ich in meiner Lederschlaufe, mit schmerzender Schulter (dieser Gemeindebau-Bildband wog alleine mindestens drei Kilo!), und freute mich über den neuen Job. Und endlich mal eine Branche, die mich interessierte! So schlimm konnte Jan als Chef gar nicht sein – wenn es ihm schon selbst bewusst war?
Auf dem Weg zum Hotel hatte ich mich tatsächlich noch ein-, zweimal furchtsam nach den lila Schuhen umgedreht, aber niemanden entdeckt. Trotzdem wusste ich, dass da jemand war. Aber warum nur? Ich war doch kein interessantes Beschattungsobjekt! Wer sollte mich beschatten? Norbert, ob ich einen anderen hatte? Unsinn! Frances, ob ich die schäbigen Geheimnisse ihrer Agentur an meinen neuen Arbeitsplatz mitnahm? Noch bescheuerter! War das ein Triebtäter? Aber warum ließ er sich so viel Zeit? Und er schien mich ja nicht einmal anzugucken! Hatte ich irgendetwas Verdächtiges getan? Was denn? Schnitzel gegessen? Fotos gemacht wie alle Touristen? Einen neuen Chef gefunden? Alberne T-Shirts gekauft? In der U-Bahn etwas gesehen, was ich besser nicht gesehen hätte? Aber was nur? Mir war gar nichts aufgefallen. Vielleicht hatte ich ein Buch gekauft, in dem jemand eine Schatzkarte versteckt hatte, und nun wollte er sie zurück?
Also, jetzt ging ich besser schlafen, bevor meine Phantasie noch ganz mit mir durchging!