Читать книгу Die Erde - Эмиль Золя, Emile Zola, Еміль Золя - Страница 12

KAPITEL II

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Einige Tage danach kam Jean eines Abends zu Fuß aus Cloyes zurück, als ihn zwei Kilometer vor Rognes die Art, wie ein Bauernwägelchen vor ihm her nach Hause fuhr, in Verwunderung versetzte. Das Wägelchen schien leer zu sein, niemand saß mehr auf der Bank, und das Pferd, das sich selbst überlassen war, trottete als ein Tier, das seinen Weg kannte, zu seinem Stall zurück. Deshalb hatte der junge Mann es rasch eingeholt. Er brachte es zum Stehen, stellte sich auf die Zehenspitzen, um in den Wagen zu schauen; ein Mann lag auf dem Boden, ein dicker, untersetzter Mann von sechzig Jahren, der hintübergefallen und dessen Gesicht so rot war, daß es schwarz wirkte.

Jeans Überraschung war so groß, daß er laut anfing zu reden: „He! Mann! – Schläft der denn? Hat der denn getrunken? – Sieh mal an, das ist ja der alte Fliege, der Vater von den beiden da drüben! – Ich glaube, Himmelsakrament, der hat ins Gras gebissen! Na, das ist mir eine Geschichte!“

Aber Fliege, den ein Schlaganfall getroffen hatte, atmete noch mit einem schwachen mühsamen Schnaufen. Da setzte sich Jean, nachdem er ihn ausgestreckt und seinen Kopf hochgelegt hatte, auf die Bank und peitschte auf das Pferd ein, um den Sterbenden in raschem Trab nach Hause zu bringen, weil er Angst hatte, daß er ihm unter den Händen hinüberginge.

Als er auf den Kirchplatz einbog, sah er gerade Françoise, die vor ihrer Tür stand. Der Anblick dieses Burschen, der in Vater Flieges Wagen saß und das Pferd lenkte, machte sie stutzig. „Was ist denn?“ fragte sie.

„Deinem Vater geht’s nicht gut.“

„Wo ist er?“

„Da, schau rein!“

Sie kletterte auf das Rad, schaute hinein. Einen Augenblick verharrte sie stumpfsinnig und schien nichts zu begreifen angesichts dieser blau angelaufenen Maske, deren eine Hälfte sich krampfartig verzerrt hatte, als sei sie gewaltsam von unten nach oben gerissen worden. Die Nacht sank herab, eine große fahle Wolke, die den Himmel gilbte, beleuchtete den Sterbenden wie den Widerschein einer Feuersbrunst. Dann brach Françoise auf einmal in Schluchzen aus, sie rannte davon, verschwand, um ihrer Schwester Bescheid zu sagen.

„Lise! Lise! – Ach, mein Gott!“

Jean, der allein geblieben, war unschlüssig. Man konnte jedoch den Alten nicht auf dem Boden des Wägelchens liegen lassen. Der Fußboden des Hauses lag drei Stufen tiefer als der Platz; und es erschien ihm wenig bequem, in dieses düstere Loch hinunterzusteigen. Dann fiel ihm ein, daß links von der Dorfstraße aus eine andere Tür zu ebener Erde zum Hof führte. Dieser Hof, der ziemlich geräumig war, wurde von einer grünen Hecke umzäunt; das fuchsrote Wasser eines Tümpels nahm zwei Drittel des Hofes ein, und ein Gemüse- und Obstgarten von einem halben Arpent schloß ihn ab. Da ließ Jean das Pferd los, das von selber heimging und vor seinem Stall stehenblieb, neben dem Kuhstall, in dem die beiden Kühe untergebracht waren. Aber unter Schreien und Tränen kamen Françoise und Lise angelaufen. Lise, die vor vier Monaten entbunden hatte, war überrascht worden, während sie den Kleinen stillte, und hatte ihn in ihrer Bestürzung auf dem Arm behalten. Françoise stieg wieder auf ein Rad, Lise kletterte auf das andere, beider Gejammer wurde herzzerreißend, während Vater Fliege auf dem Boden des Wägelchens immer noch mühselig pfeifend atmete. „Vater, antworte doch, sag doch was! – Was hast du denn? Sag doch! Was hast du denn? Mein Gott! – Du hast’s also im Kopf, daß du nicht einmal was sagen kannst? – Vater, Vater, sag doch was, antworte doch!“

„Kommt runter, es ist besser, wenn wir ihn da rausnehmen“, bemerkte Jean umsichtig.

Sie halfen ihm nicht, sie schrien noch lauter. Glücklicherweise zeigte sich endlich eine Nachbarin, die Frimat, die der Lärm herbeigelockt hatte. Das war eine lange, dürre, knochige Greisin, die seit zwei Jahren ihren gelähmten Mann pflegte und ihm das Brot verdiente, indem sie mit der Hartnäckigkeit eines Arbeitstiers selber den einzigen Arpent bestellte, den sie besaßen. Sie verlor nicht die Fassung, schien das Ereignis als natürlich anzusehen, und wie ein Mann legte sie Hand mit an. Jean packte Fliege bei den Schultern, zog ihn, bis ihn die Frimat an den Beinen fassen konnte. Dann trugen sie ihn weg, schafften ihn ins Haus.

„Wo sollen wir ihn denn hinlegen?“ fragte die Alte.

Die beiden Töchter, die hinterherkamen, waren kopflos und wußten es selber nicht. Ihr Vater bewohnte oben eine Kammer, die man vom Boden abgeteilt hatte; und es war kaum möglich, ihn hochzubringen. Unten war hinter der Küche die große Stube mit den zwei Betten, die er den Töchtern überlassen hatte. In der Küche herrschte stockfinstere Nacht, der junge Mann und die alte Frau, denen die Arme wie zerschlagen waren, warteten und wagten sich nicht weiter, weil sie Angst hatten, über ein Möbelstück zu purzeln.

„Los, es muß doch ein Entschluß gefaßt werden!“

Endlich zündete Françoise eine Kerze an. Und in diesem Augenblick kam die Bécu herein, die Frau des Feldhüters, die zweifellos durch ihren Spürsinn benachrichtigt worden war, durch jene geheime Kraft, die innerhalb einer Minute eine Neuigkeit von einem Ende eines Dorfes zum anderen trägt.

„Na, was hat er denn, der arme liebe Mann? – Ach, ich sehe schon, das Blut ist ihm im Leib geronnen ... Schnell, setzt ihn auf einen Stuhl.“

Aber die Frimat war gegenteiliger Ansicht. Setzte man denn einen Mann hin, der sich nicht aufrecht halten konnte? Das beste sei, ihn lang auf das Bett einer seiner Töchter zu legen.

Und der Wortwechsel nahm an Schärfe zu; da erschien Fanny mit Nénesse: sie hatte von der Geschichte erfahren, als sie bei Macqueron Fadennudeln kaufte, sie kam nachsehen, war erschüttert wegen ihrer Kusinen.

„Vielleicht“, erklärte sie, „muß man ihn hinsetzen, damit das Blut fließt.“

Alsdann wurde Fliege neben dem Tisch, auf dem die Kerze brannte, auf einen Stuhl gepackt. Das Kinn fiel ihm auf die Brust, seine Arme und seine Beine hingen herab. Das linke Auge hatte sich bei der Zerrung dieser Gesichtshälfte geöffnet, und aus dem verzogenen Mundwinkel pfiff es stärker. Schweigen entstand, der Tod drang ein in den feuchten Raum mit dem gestampften Lehmfußboden, den aussätzigen Wänden, dem großen schwarzen Kamin.

Verlegen wartete Jean immer noch, während die beiden Töchter und die drei Frauen müßig herumstanden und den Alten betrachteten.

„Ich werde noch den Arzt holen“, wagte der junge Mann zu sagen.

Die Bécu schüttelte den Kopf, keine der anderen antwortete: wenn das nichts auf sich haben sollte, warum dann das Geld für einen Arztbesuch ausgeben? Und wenn das das Ende war, würde dann der Arzt irgend etwas dabei machen können?

„Gut sind Wundmittel“, sagte die Frimat.

„Ich“, murmelte Fanny, „ich habe Kampferspiritus.“

„Das ist auch gut“, erklärte die Bécu.

Lise und Françoise, die beide verstört waren, hörten zu, entschieden sich für nichts; die eine wiegte Jules, ihren Kleinen, und die andere war hilflos, weil ihre Hände eine Tasse Wasser hielten, die der Vater nicht hatte trinken wollen. Und als Fanny das sah, stieß sie Nénesse an, der in Gedanken versunken dastand angesichts der Grimasse des Sterbenden.

„Lauf zu uns nach Hause und sag, daß man dir das Fläschchen Kampferspiritus geben soll, das links im Schrank steht ... Verstehst du? Links im Schrank ... Und geh bei Großvater Fouan vorbei, geh bei deiner Tante vorbei, bei der Großen, sag ihnen, daß es Onkel Fliege sehr schlecht geht ... Lauf, lauf schnell!“ Als der Bengel mit einem Satz verschwunden war, erörterten die Frauen den Fall weiter. Die Bécu kannte einen Herrn, den man gerettet hatte, indem man ihm drei Stunden lang die Fußsohlen kitzelte. Da der Frimat eingefallen war, daß sie noch Lindenblütentee von den beiden im letzten Winter für ihren Mann gekauften Sous-Packungen übrig hatte, ging sie ihn holen; und sie kam mit dem Beutelchen zurück. Lise machte Feuer an, nachdem sie ihr Kind Françoise gegeben hatte; da tauchte Nénesse wieder auf.

„Großvater Fouan lag schon im Bett ... Die Große hat gesagt, wenn Onkel Fliege nicht soviel getrunken hätte, würde er nicht solche Herzbeschwerden haben ...“

Aber Fanny musterte die Flasche, die er ihr aushändigte, und sie schrie ihn an:

„Dummkopf! Links hab ich dir gesagt! – Du bringst mir das Kölnischwasser.“

„Das ist auch gut“, sagte die Bécu wiederum.

Man flößte dem Alten mit Gewalt eine Tasse Lindenblütentee ein, indem man ihm den Löffel zwischen die zusammengepreßten Zähne steckte. Dann rieb man ihm den Kopf mit Kölnischwasser ein. Und es ging ihm nicht besser, das war zum Verzweifeln. Sein Gesicht war noch schwärzer geworden, man war gezwungen, ihn auf dem Sessel wieder hochzurücken, denn er sackte zusammen, er drohte, flach auf die Erde zu rutschen.

„Oh!“ murmelte Nénesse, der wieder zur Tür zurückgekehrt war. „Mir ist so, als ob es gleich regnen wird ... Der Himmel hat eine komische Farbe.“

„Ja“, sagte Jean, „ich habe gesehen, wie sich eine böse Wolke zusammenzog.“ Und gleichsam auf seinen ersten Gedanken zurückgebracht, fügte er hinzu: „Macht nichts, ich hole schon noch den Arzt, wenn man es will.“

Lise und Françoise schauten einander bange an. Schließlich faßte die zweite mit der Großzügigkeit ihres jugendlichen Alters einen Entschluß:

„Ja, ja, Korporal, fahrt nach Cloyes und holt Herrn Finet ... Man soll nicht sagen, wir hätten nicht alles getan, was unsere Schuldigkeit ist.“

Das Pferd war inmitten des Durcheinanders nicht einmal ausgespannt worden, und Jean brauchte nur in das Wägelchen zu springen. Man hörte das Klirren des Eisenzeugs, das rumpelnde Fliehen der Räder.

Da sprach die Frimat vom Pfarrer, aber die anderen sagten mit einer Handbewegung, man mache sich schon genug Mühe. Und da Nénesse sich erboten hatte, zu Fuß die drei Kilometer nach Bazoches-le-Doyen zu gehen, wurde seine Mutter ärgerlich: sie werde bestimmt nicht zulassen, daß er bei diesem gräßlichen rostroten Himmel durch so eine bedrohliche Nacht haste. Da der Alte übrigens weder was höre noch was antworte, könne man den Pfarrer ebensogut wegen eines Prellsteins behelligen.

Zehn Uhr schlug die bemalte Kuckucksuhr. Das rief Bestürzung hervor: wenn sie bedachten, daß sie seit mehr als zwei Stunden da waren, ohne was erreicht zu haben! Und nicht eine redete vom Weggehen, alle wurden festgehalten von dem Schauspiel und wollten bis zum Schluß zusehen. Ein Zehnpfundbrot lag samt einem Messer auf dem Backtrog. Zunächst schnitten sich die Töchter, die trotz ihrer Angst der Hunger peinigte, mechanisch Scheiben von dem Brot ab, die sie trocken aßen, ohne es zu wissen; dann folgten die drei Frauen ihrem Beispiel, das Brot nahm ab, ständig war eine von ihnen am Abschneiden und am Kauen. Man hatte keine weitere Kerze angezündet, man unterließ es sogar, bei der, die schon brannte, den Docht zu beschneiden; und heiter war diese düstere und kahle Küche eines armen Bauern gerade nicht mit dem Todesröcheln dieses am Tisch zusammengesackten Körpers.

Ein halbe Stunde nachdem Jean abgefahren war, kippte Fliege mit einemmal um und streckte sich auf dem Erdboden aus. Er atmete nicht mehr, er war tot.

„Was habe ich gesagt? Aber man hat ja den Arzt holen wollen!“ bemerkte die Bécu mit kreischender Stimme.

Françoise und Lise brachen von neuem in Tränen aus. In einer instinktiven Anwandlung waren sie sich um den Hals gefallen als Schwestern, die einander abgöttisch liebten. Und sie sagten immer wieder in abgehackten Worten: „Mein Gott! Jetzt sind nur noch wir zwei ... Es ist aus, es gibt nur noch uns zwei ... Was soll aus uns werden, mein Gott?“

Aber man konnte den Toten nicht auf der Erde liegen lassen. Im Handumdrehen erledigten die Frimat und die Bécu das Unerläßliche. Da sie nicht wagten, die Leiche wegzuschaffen, zogen sie die Matratze aus einem Bett, brachten sie herbei und streckten Fliege darauf aus, den sie mit einem Laken bis zum Kinn zudeckten. Währenddessen stellte Fanny zwei andere Leuchter, deren Kerzen sie angezündet hatte, anstelle von Kirchenkerzen rechts und links des Kopfes auf den Fußboden. Vorderhand ging das, bis auf das linke Auge, das dreimal mit einem Daumenstrich zugedrückt worden war, sich aber in diesem entstellten und blau angelaufenen Gesicht, das vom Weiß des Lakens abstach, hartnäckig wieder öffnete und die Leute zu betrachten schien.

Lise hatte endlich Jules zu Bett gebracht, die Totenwacht begann. Zweimal sagten Fanny und die Bécu, sie brächen nun auf, da sich die Frimat erbot, die Nacht mit den Töchtern zu verbringen; aber sie brachen keineswegs auf, sie redeten weiter mit leiser Stimme und warfen dabei scheele Blicke auf den Toten, während sich Nénesse der Flasche mit Kölnischwasser bemächtigte und sie aufbrauchte, indem er sich die Hände und die Haare damit überschwemmte.

Es schlug Mitternacht, die Bécu erhob die Stimme:

„Und Herr Finet, na, da seht ihr’s! Eh der kommt, ist man längst gestorben ... Es dauert schon mehr als zwei Stunden, um ihn aus Cloyes herzubringen!“

Die Tür zum Hof war offengeblieben, ein starker Lufthauch wehte herein, löschte die Lichter rechts und links vom Toten. Das jagte allen Schrecken ein, und als sie die Kerzen von neuem anzündeten, kam der Sturmesatem noch schrecklicher wieder, während aus den schwarzen Tiefen der Flur ein anhaltendes Heulen aufstieg und anschwoll. Beim Krachen der Zweige, beim Stöhnen der Felder, denen der Bauch aufgeschlitzt wurde, hätte man meinen können, eine verwüstende Heerschar galoppiere heran. Sie waren zur Schwelle gerannt, sie sahen eine Kupferwolke fliegen und sich am blaufahlen Himmel winden. Und plötzlich gab es ein Musketenfeuergeprassel, ein Kugelregen ging peitschend und aufprallend zu ihren Füßen nieder.

Da entfuhr ihnen ein Schrei, ein Schrei des Verderbens und des Elends:

„’s hagelt!’s hagelt!“

Entsetzt, empört und bleich unter der Geißel, schauten sie hin. Das dauerte kaum zehn Minuten. Es dröhnten keine Donnerschläge, aber große bläuliche Blitze schienen unaufhörlich in breiten Phosphorstrahlen dicht über den Boden hinzulaufen; und die Nacht war nicht mehr so düster, die Hagelkörner erhellten sie mit unzähligen blassen Streifen, als seien Glasgüsse niedergegangen. Der Lärm wurde ohrenbetäubend, ein Kartätschenfeuer, ein mit Volldampf über eine metallene Brücke fahrender Zug donnerte ohne Ende. Der Wind fauchte wütend, die schräg herabsausenden Kugeln säbelten alles nieder, häuften sich, bedeckten den Boden mit einer weißen Schicht.

„’s hagelt, mein Gott! – Ach, was für ein Unglück! – Seht doch, richtige Hühnereier!“

Sie wagten sich nicht in den Hof hinaus, um welche aufzulesen. Die Heftigkeit des Sturmes nahm noch zu, alle Scheiben des Fensters wurden eingeschlagen; und er hatte eine solche Gewalt erlangt, daß ein Hagelkorn einen Krug zertrümmerte, während andere bis an die Matratze des Toten rollten.

„Keine fünf davon gehen auf ein Pfund“, sagte die Bécu, die sie in der Hand abwog.

Fanny und die Frimat machten eine verzweifelte Gebärde. „Alles ist futsch, ein richtiges Gemetzel!“

Es war vorbei. Man hörte, wie sich der Galopp des Unheils rasch entfernte, und Grabesstille sank herab. Der Himmel war hinter der Wolke wieder tintenschwarz geworden. Ein feiner dichter Regen rann lautlos. Man konnte auf dem Boden nur die dicke Schicht der Hagelkörner unterscheiden, ein weiß schimmerndes Tuch, das gleichsam ein eigenes Leuchten hatte, die Fahlheit von Millionen Nachtlichtern, die sich ins Unendliche erstreckten.

Nénesse, der rausgerannt war, kam mit einem regelrechten Eiszapfen wieder, der so dick wie seine Faust, unregelmäßig und gezackt war; und die Frimat, die es nicht mehr auf der Stelle hielt, konnte dem Verlangen, nachsehen zu gehen, nicht länger widerstehen.

„Ich werd meine Laterne holen, ich muß wissen, was für Schaden entstanden ist.“

Fanny beherrschte sich noch einige Minuten. Sie jammerte weiter. Ach, wieviel Arbeit! So was richtete Verheerungen an unter dem Gemüse und den Obstbäumen! Der Weizen, der Hafer, der Roggen standen nicht hoch genug, um viel gelitten zu haben. Aber die Weinstöcke, ach, die Weinstöcke! Und von der Tür aus durchwühlte sie mit den Augen die dichte, undurchdringliche Nacht, sie zitterte vor fiebernder Ungewißheit, suchte abzuschätzen, wie schlimm es war, übertrieb es, glaubte die zusammenkartätschten Fluren zu sehen, die aus ihren Wunden Blut verloren.

„He, meine Kleinen“, meinte sie schließlich. „Ich borge mir eine Laterne bei euch, ich laufe zu unseren Weinbergen.“

Sie zündete eine der beiden Laternen an und verschwand mit Nénesse.

Der Bécu, die kein Land besaß, war das im Grunde egal. Sie stieß Seufzer aus, flehte den Himmel an, weil winselnde Weichlichkeit ihr zur Gewohnheit geworden war. Die Neugierde jedoch brachte sie unaufhörlich wieder zur Tür zurück; und eine lebhafte Anteilnahme pflanzte sie dort kerzengerade hin, als sie bemerkte, daß sich das Dorf mit leuchtenden Punkten bestirnte. Durch einen Ausblick zwischen dem Stall und einem Schuppen schweifte vom Hof aus der Blick über ganz Rognes. Zweifellos hatte der Hagelschlag die Bauern geweckt, jeder war von der gleichen Ungeduld erfaßt, auf seinen Feldern nachsehen zu gehen, und bangte zu sehr, als daß er den Tag hätte abwarten können. Deshalb kamen die Laternen eine nach der anderen hervor, wurden immer mehr, liefen und tanzten. Und der Bécu, die die Lage der einzelnen Häuser kannte, gelang es, jeder Laterne einen Namen beizulegen.

„Sieh mal einer an! Bei der Großen wird Licht gemacht, und da gehen sie nun auch bei Fouans raus, und da drüben, das ist Macqueron, und daneben, das ist Lengaigne ... Lieber Gott! Die armen Leute, das zerreißt einem das Herz ... Ach, ich kann mir nicht helfen, ich muß auch gehen!“

Lise und Françoise blieben allein bei der Leiche ihres Vaters. Der Regen rann weiter, kleine nasse Windstöße fegten dicht über den Erdboden, brachten die Kerzen zum Tropfen. Man hätte die Tür schließen müssen, aber keine von beiden dachte daran, weil auch sie trotz der Trauer des Hauses von dem Drama draußen ergriffen und erschüttert waren. Das genügte also nicht, den Tod bei sich zu Hause zu haben? Der liebe Gott zerschlug alles, man wußte nicht einmal, ob einem ein Stück Brot zum Essen blieb.

„Armer Vater“, murmelte Françoise, „er hätte sich Kummer gemacht! – Ist besser, daß er das nicht sieht.“ Und da ihre Schwester die zweite Laterne nahm, fragte sie: „Wo gehst du hin?“

„Mir fallen die Erbsen und die Bohnen ein ... Ich komme gleich zurück.“ Unter dem Platzregen überquerte Lise den Hof und ging in den Gemüsegarten.

Nur Françoise blieb bei dem Alten. Noch hielt sie sich auf der Schwelle, war sehr aufgeregt durch das Hin und Her der Laterne. Sie glaubte Gejammer, Weinen zu hören. Ihr brach das Herz.

„He? Was?“ rief sie. „Was ist denn?“

Keine Stimme antwortete. Wie von Sinnen ging die Laterne rascher hin und her.

„Sag, hat’s die Bohnen weggeschoren? – Und die Erbsen, steht es schlecht um sie? – Mein Gott! Und das Obst, und der Salat?“ Aber ein Schmerzensruf, der deutlich zu ihr herüberklang, brachte sie zu einem Entschluß. Sie raffte ihre Röcke hoch, rannte in den Platzregen hinaus, ihrer Schwester nach. Und verlassen lag der Tote in der leeren Küche, ganz steif unter seinem Laken zwischen den beiden blakenden und traurigen Dochten. Das linke Auge, das hartnäckig offenblieb, betrachtete die alten Deckenbalken.

Ach, welch eine Verwüstung suchte dieses Fleckchen Erde heim! Welch ein Wehklagen über das im flackernden Schein der Laternen nur flüchtig geschaute Unheil stieg auf! Lise und Françoise trugen ihre Laterne umher, die so vom Regen beschlagen war, daß die Scheiben kaum Licht warfen; und sie hielten sie näher an die Beete heran, sie unterschieden im engen Lichtkreis undeutlich die weggeschorenen Bohnen und Erbsen, die Salatköpfe, die so zerschnitten und zerhackt waren, daß man nicht daran denken konnte, auch nur etwas davon zu verwenden. Aber vor allem die Bäume hatten gelitten: die dünnen Zweige und die Früchte waren wie mit Messern abgeschnitten; die zerschundenen Stämme selber verloren ihren Saft aus den Löchern in der Rinde. Und weiter weg in den Weinbergen war es noch schlimmer; es wimmelte von Laternen, sie hüpften, tobten unter Stöhnen und Fluchen. Die Weinstöcke schienen niedergemäht; der Boden war besät mit den in Blüte stehenden Reben, mit den Überresten der Stützhölzer und der Ranken; nicht allein die Ernte dieses Jahres war verloren, sondern die Weinstöcke, die ihrer Blätter beraubt waren, würden dahinsiechen und sterben. Niemand spürte den Regen, ein Hund heulte Tod und Verderben, Frauen brachen in Tränen aus wie an einem offenen Grabe. Macqueron und Lengaigne leuchteten sich trotz ihrer Rivalität gegenseitig, gingen von einem zum anderen hinüber und fluchten, je mehr Trümmer sie sahen, diese kurze und bleifahle Vision, die hinter ihnen wieder vom Dunkel verschluckt wurde. Obwohl der alte Fouan kein Land mehr besaß, wollte er nachsehen und wurde böse. Nach und nach brausten alle auf. War denn das die Möglichkeit, in einer Viertelstunde den Ertrag von einem Jahr Arbeit zu verlieren? Was hatten sie getan, um dermaßen gestraft zu werden? Weder Sicherheit noch Gerechtigkeit, grundlose Gottesgeißeln, Launen, die die Leute umbrachten. Voller Wut las die Große plötzlich Steine auf, schleuderte sie in die Luft, um den Himmel aufzureißen, den man nicht erkennen konnte. Und sie brüllte:

„Verdammtes Schwein da oben! Du kannst uns also nicht in Frieden lassen?“

Auf der Matratze in der Küche lag verlassen Fliege und betrachtete mit seinem starren Auge die Decke; da hielten zwei Wagen vor der Tür. Jean brachte schließlich Herrn Finet, nachdem er fast drei Stunden bei ihm zu Hause auf ihn gewartet hatte; und er kam im Wägelchen zurück, während der Doktor seinen Einspänner genommen hatte.

Der Arzt, der groß und hager war und ein von erstorbenem Ehrgeiz vergilbtes Gesicht hatte, trat schroff ein. Im Grunde verwünschte er diese Bauernkundschaft, die er für seine Mittelmäßigkeit verantwortlich machte.

„Was, kein Mensch da? – Es geht also besser?“ Als er die Leiche erblickte, fügte er hinzu: „Nein, zu spät! – Ich habe es Euch ja gesagt, ich wollte nicht kommen. Das ist immer dieselbe Geschichte, sie rufen mich erst, wenn sie tot sind.“

Diese nutzlose Behelligung mitten in der Nacht ärgerte ihn; und da Lise und Françoise gerade hereinkamen, geriet er vollends außer sich, als er erfuhr, daß sie zwei Stunden gewartet hatten, bevor sie nach ihm schickten.

„Ihr, ihr habt ihn umgebracht, weiß Gott! – So was Blödes! Kölnischwasser und Lindenblütentee bei einem Schlaganfall! – Außerdem niemand bei ihm! Klar, der wäre euch nicht davongelaufen ...“

„Aber, Herr Doktor“, stammelte Lise unter Tränen, „das war doch wegen des Hagels.“

Herr Finet, dessen Teilnahme erwachte, beruhigte sich. Aha! Es hatte gehagelt? Durch das lange Leben mit den Bauern hatte er schließlich deren Leidenschaften bekommen. Auch Jean war näher getreten; und beide wunderten sich, brachten laut ihr Erstaunen zum Ausdruck, denn sie hatten nicht ein Hagelkorn abbekommen, als sie von Cloyes kamen. Die einen verschont, die anderen um alles gebracht, und das in ein paar Kilometer Entfernung: wahrhaftig, was für ein Pech, wenn man auf der schlechten Seite war! Als dann Fanny die Laterne zurückbrachte und die Bécu und die Frimat ihr folgten – alle drei waren verweint und konnten nicht genug erzählen an Einzelheiten über das Grauenvolle, das sie gesehen hatten –, erklärte der Doktor ernst:

„Das ist ein Unglück, ein großes Unglück ... Es gibt kein größeres Unglück für die Felder ...“

Ein dumpfes Geräusch, eine Art Brodeln unterbrach ihn. Das kam von dem Toten, der vergessen zwischen den beiden Kerzen lag. Alle verstummten, die Frauen bekreuzigten sich.

Die Erde

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