Читать книгу Die Erde - Эмиль Золя, Emile Zola, Еміль Золя - Страница 9

KAPITEL V

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Gleich um sieben Uhr, nach dem Abendessen, waren die Fouans, Geierkopf und Jean in den Stall gegangen, in dem die beiden Kühe standen, die Rose verkaufen sollte. Diese Tiere, die hinten an der Raufe angebunden waren, erwärmten den Raum mit den starken Ausdünstungen ihrer Leiber und ihrer Streu, während die Küche, in der man zum Abendessen drei dürftige Scheite aufgelegt hatte, infolge der vorzeitigen Novemberfröste bereits eiskalt war. Deshalb verbrachte man im Winter den Feierabend recht behaglich hier, im Warmen auf der festgestampften Erde, ohne sich andere Umstände zu machen, als daß man ein rundes Tischchen und ein Dutzend alter Stühle dorthin schaffte. Jeder Nachbar brachte seine Kerze mit, wenn er an der Reihe war; große Schatten tanzten auf den nackten Wänden, die schwarz von Staub waren, bis zu den Spinnweben am Gebälk; und im Rücken hatte man den lauen Atem der Kühe, die liegend wiederkäuten.

Als erste kam die Große mit einem Strickzeug. Sie brachte niemals eine Kerze mit, weil sie ihr hohes Alter ausnutzte und so gefürchtet war, daß ihr Bruder nicht wagte, sie an die Gepflogenheiten zu gemahnen. Sofort nahm sie den besten Platz ein, zog den Leuchter zu sich herüber, behielt ihn für sich allein wegen ihrer schlechten Augen. Sie hatte den Spazierstock, den sie stets bei sich behielt, gegen ihren Stuhl gestellt. Glitzernde Schneeteilchen schmolzen auf den harten Borsten, die von ihrem Kopf, dem Kopf eines abgezehrten Vogels, abstanden.

„’s schneit?“ fragte Rose.

„’s schneit“, antwortete sie mit ihrer barschen Stimme. Und nachdem sie einen durchbohrenden Blick auf Jean und Geierkopf geworfen hatte, machte sie sich an ihr Strickzeug, preßte, wortkarg wie sie war, die schmalen Lippen zusammen.

Die anderen erschienen nach ihr: zuerst Fanny, die sich von ihrem Sohn Nénesse hatte begleiten lassen, da Delhomme niemals zu den Feierabenden kam; und fast sofort danach Lise und Françoise, die lachend den Schnee abschüttelten, mit dem sie bedeckt waren. Geierkopfs Anblick ließ Lise jedoch leicht erröten.

Seelenruhig sah er sie an:

„Geht’s gut, Lise, seit wir uns nicht gesehen haben?“

„Nicht schlecht, danke.“

„Na, dann um so besser!“

Unterdessen war Palmyre heimlich durch die angelehnte Tür geschlüpft, und sie machte sich klein, sie setzte sich so weit wie möglich entfernt von ihrer Großmutter, der fürchterlichen Großen, als ein Radau auf der Landstraße sie veranlaßte, sich wieder aufzurichten. Wutgestammel, Weinen, Lachen und Gejohle war zu hören.

„Ach, diese verdammten Kinder sind immer noch hinter ihm her!“ schrie sie.

Mit einem Satz hatte sie die Tür wieder aufgemacht und, jäh kühn geworden, befreite sie mit ihrem Löwinnengebrüll ihren Bruder Hilarion von Bangbüxes, Delphins und Nénesses Späßen. Letzterer hatte sich soeben zu den beiden anderen gesellt, die hinter dem Blödling her johlten. Atemlos und verstört kam Hilarion watschelnd auf seinen krummen und schiefen Beinen herein. Aus seiner Hasenscharte rann Speichel, er stammelte, ohne die Dinge erklären zu können, sah hinfällig aus für seine vierundzwanzig Jahre, hatte die tierische Scheußlichkeit einer Mißgeburt. Er war sehr böse geworden, war rasend darüber, daß er die Rangen, die ihn verfolgten, beim Rennen nicht erwischen und ohrfeigen konnte. Dieses Mal hatte er wieder einen Hagel Schneebälle abbekommen.

„Oh, ist der ein Lügner!“ sagte Bangbüx mit großartiger Unschuldsmiene. „Er hat mich in den Daumen gebissen!“

Da wäre Hilarion, dem die Worte quer in der Kehle steckten, beinahe erstickt, während Palmyre ihn beruhigte, ihm das Gesicht mit ihrem Taschentuch abwischte und ihn dabei ihr Herzchen nannte.

„Nun ist’s aber genug damit, he!“ sagte Fouan schließlich. „Du, du solltest wohl verhindern, daß er dir nachkommt. Setz ihn wenigstens hin, damit er sich ruhig verhält! – Und ihr Gören, seid still! Man wird euch bei den Ohren nehmen und euch wieder zu euern Eltern nach Hause bringen.“

Da aber der Blödling weiter lallte und recht haben wollte, ergriff die Große, deren Augen flammten, ihren Spazierstock und versetzte dem Tisch damit einen so derben Hieb, daß alle Welt hochfuhr. Von Schrecken ergriffen, sackten Palmyre und Hilarion zusammen, muckten nicht mehr.

Und der Feierabend begann. Rings um die einzige Kerze strickten die Frauen, spannen, machten Handarbeiten, ohne auch nur hinzusehen. Dahinter rauchten die Männer langsam, sagten selten ein Wort, während sich die Kinder in einer Ecke stießen und kniffen und dabei ihr Lachen erstickten.

Manchmal wurden Märchen erzählt: das Märchen vom schwarzen Schwein, das einen roten Schlüssel in der Schnauze hatte und einen Schatz bewachte; oder auch das Märchen vom Tier aus Orleans, das das Gesicht eines Menschen, Fledermausflügel, bis zur Erde herabreichende Haare, zwei Hörner und zwei Schwänze hatte, den einen zum Zupacken, den andern zum Töten; und dieses Ungeheuer hatte einen Wanderer aus Rouen gefressen, von dem nur der Hut und die Stiefel übriggeblieben waren. Andere Male schnitt man die endlosen Geschichten über die Wölfe an, die gefräßigen Wölfe, die. Jahrhunderte hindurch die Beauce verwüstet hatten. Früher, als die heute nackte und kahle Beauce von ihren Urwäldern noch einige Baumgruppen behalten hatte, kamen im Winter unzählige Rudel, vom Hunger getrieben, heraus, um sich auf die Herden zu stürzen. Frauen, Kinder wurden zerfleischt. Und die Alten der Gegend erinnerten sich, daß die Wölfe während der großen Schneefälle in die Städte kamen: in Cloyes hörte man sie auf dem Place Saint-Georges heulen; in Rognes fauchten sie unter die schlecht geschlossenen Türen der Ställe und Schäfereien. Dann kamen immer dieselben Geschichten: der von fünf großen Wölfen überfallene Müller, der sie in die Flucht jagte, indem er ein Streichholz anzündete; das kleine Mädchen, neben dem eine Wölfin im Galopp zwei Meilen lang herlief und das erst an seiner Tür gefressen wurde, als es hinfiel; andere Sagen, noch andere, Sagen von Werwölfen, von Menschen, die sich in Tiere verwandelten und den verspäteten Wanderern auf die Schultern sprangen und sie zwangen, sich zu Tode zu rennen.

Eine Geschichte aber ließ es den Mädchen am Feierabend rings um die spärliche Kerze eiskalt den Rücken hinunterlaufen, so daß sie beim Weggehen verstört und mit dem Blick das Dunkel durchwühlend eiligst davonliefen, die Geschichte von den Verbrechen der Fußheizer, der berüchtigten Bande aus Orgères, vor denen noch nach sechzig Jahren die ganze Gegend schauderte. Es waren ihrer Hunderte, alles Landstreicher, Bettler, Fahnenflüchtige, falsche Hausierer, Männer, Kinder, Frauen, die von Diebstählen, Morden und Prassereien lebten. Sie stammten von den bewaffneten und disziplinierten Scharen der einstmaligen Straßenräuber her, machten sich die Wirren der Revolution zunutze, belagerten in der Regel einzeln gelegene Häuser, in die sie unvermutet hereinplatzten, indem sie die Türen mit Rammböcken einstießen. Sobald die Nacht hereingebrochen war, kamen sie wie die Wölfe aus dem Dourdan-Wald, aus dem Conie-Dickicht, aus Waldschlupfwinkeln, wo sie sich versteckt hielten; und das Grauen sank mit der Dunkelheit auf die Gehöfte der Beauce herab, von Etampes bis Châteaudun, von Chartres bis Orleans. Unter ihren sagenhaften Greueltaten war die am häufigsten in Rognes wiedererzählte die Plünderung des Pachthofes Millouard, der lediglich ein paar Meilen entfernt im Canton Orgères lag. Schön-François, der berühmte Anführer, der Nachfolger von Dornenblüt, hatte in jener Nacht den Roten aus Auneau, seinen Stellvertreter, den Großdrachen, Trockarsch-Breton, Langzwilling, Ohnedaum und fünfzig andere bei sich, alle mit geschwärztem Gesicht. Zunächst trieben sie die Leute des Pachthofes, die Mägde, die Fuhrknechte, den Schäfer, mit Bajonetthieben in den Keller; dann „heizten“ sie dem Pächter ein, dem Vater Fousset, den sie allein zurückbehielten. Nachdem sie seine Füße über die Glut im Kamin gehalten hatten, zündeten sie mit Strohbündeln seinen Bart und sein ganzes Körperhaar an; dann kamen sie zu den Füßen zurück, in die sie mit der Spitze eines Messers Einschnitte machten, damit die Flamme besser eindringe. Als sich der Alte schließlich entschlossen hatte, zu sagen, wo sein Geld war, ließen sie von ihm ab und nahmen eine beachtliche Beute mit. Fousset, der die Kraft gehabt hatte, sich bis zu einem benachbarten Haus zu schleppen, starb erst später. Und unveränderlich endete der Bericht stets mit dem Prozeß und der Hinrichtung der Bande der Fußheizer in Chartres, die Einaug aus Jouy für Geld verraten hatte; ein Monsterprozeß, bei dem die Voruntersuchung achtzehn Monate erforderte und während dessen Verlauf vierundsechzig der Angeklagten im Gefängnis an der Pest starben, die durch ihren Unrat verursacht worden war; ein Prozeß, der hundertfünfzehn Angeklagte, davon dreiunddreißig Gewohnheitsverbrecher, vor das Schwurgericht brachte, bei dem die Geschworenen siebentausendachthundert Fragen stellten und dreiundzwanzig Todesurteile gefällt wurden. In der Hinrichtungsnacht prügelten sich die Scharfrichter von Chartres und Dreux beim Teilen der alten Kleidung der Geköpften unter dem vom Blut roten Schaffott.

Anläßlich eines Mordes, der in der Gegend von Janville begangen worden war, erzählte Fouan also wiederum einmal von den Schandtaten auf dem Pachthof Millouard; und er war gerade bei der vom Roten aus Auneau im Gefängnis verfaßten Beschwerde angelangt, als seltsame Geräusche auf der Dorfstraße, Schritte, Stöße, Flüche, die Frauen in Schrecken versetzten. Erbleichend spitzten sie die Ohren, in dem Grauen, gleich eine Woge schwarzer Männer unvermutet hereinplatzen zu sehen. Tapfer ging Geierkopf zur Tür und öffnete.

„Wer kommt da?“

Und man erblickte Bécu und Jesus Christus, die nach einem Streit mit Macqueron eben die Schenke verlassen und dabei die Karten und eine Kerze mitgenommen hatten, um anderswo die Partie zu Ende zu spielen. Die beiden waren so besoffen und man hatte solche Angst ausgestanden, daß alle anfingen zu lachen. „Kommt trotzdem rein und seid vernünftig“, sagte Rose und lächelte ihrem großen Taugenichts von einem Sohn zu. „Eure Kinder sind hier, ihr werdet sie nachher mitnehmen.“

Jesus Christus und Bécu setzten sich in der Nähe der Kühe auf die Erde, stellten die Kerze zwischen sich und spielten weiter: und Trumpf und Trumpf und Trumpf! Aber die Unterhaltung hatte sich etwas anderem zugewandt, man sprach von den Burschen des Ortes, die zur Auslosung mußten, von Victor Lengaigne und drei anderen. Die Frauen waren ernst geworden, Traurigkeit ließ die Worte versiegen.

„Das ist kein Spaß“, fing Rose wieder an, „nein, nein, kein Spaß, für niemand!“

„Ach, der Krieg“, murmelte Fouan, „der richtet schon Leid an! Das ist der Tod für die Äcker. Ja, wenn die Burschen hinausziehen, gehen die besten Arbeitskräfte weg, man sieht das gut bei der Arbeit; und wenn sie wiederkommen, freilich, dann haben sie sich verändert, steht ihnen das Herz nicht mehr nach dem Pflug ... Besser die Cholera als der Krieg.“

Fanny hörte auf zu stricken.

„Ich“, erklärte sie, „ich will nicht, daß Nénesse hinauszieht ... Herr Baillehache hat uns einen Trick erklärt, so was wie eine Lotterie: man tut sich zu mehreren zusammen, jeder zahlt eine Summe Geldes an ihn, und die, auf die das Los fällt, werden wieder freigekauft.“

„Dazu muß man reich sein“, sagte die Große trocken.

Aber Bécu hatte zwischen zweimaligem Abheben der Karten ein Wort aufgeschnappt.

„Der Krieg, ach, du meine Güte! Der macht erst richtige Männer! – Wenn man nicht dabeigewesen ist, kann man’s nicht wissen. Es gibt nur eins, sich einen Dreck um Schüsse scheren ... Na? Da unten bei den Mulatten ...“

Und er zwinkerte mit dem linken Auge, während Jesus Christus mit verständnisvoller Miene grinste. Beide hatten die Feldzüge in Afrika mitgemacht, der Feldhüter gleich in der ersten Zeit der Eroberung, der andere später bei den letzten Aufständen. So hatten sie trotz der verschiedenen Zeitabschnitte gemeinsame Erinnerungen an abgeschnittene und als Rosenkränze auf Schnüre gezogene Beduinenohren, an Beduininnen mit ihrer eingeölten Haut, die man sich hinter den Hecken schnappte und denen man sämtliche Löcher zustopfte. Jesus Christus besonders erzählte immer wieder eine Geschichte, bei der sich die Bäuche der Bauern vor ungeheurem Gelächter blähten: eine große zitronengelbe Stute von Frau, die man splitternackt mit einer Pfeife im Hintern rennen ließ.

„Himmelsakrament!“ fuhr Bécu fort und wandte sich an Fanny. „Ihr wollt also, daß Nénesse ein Mädchen bleibt? – Ich werde Delphin schon zum Kommiß bringen, ich!“

Die Kinder hatten aufgehört zu spielen; Delphin, dieses Bürschchen, in dem schon ein richtiger Bauer steckte, hob seinen runden und derben Kopf.

„Nein!“ erklärte er rundheraus mit starrköpfiger Miene.

„He? Was sagst du? Ich werd dir Mut beibringen, schlechter Franzose!“

„Ich will nicht fortziehen, ich will bei uns daheim bleiben.“ Der Feldhüter holte aus mit der Hand, da hielt Geierkopf ihn auf.

„Laßt doch den Jungen in Ruhe! – Er hat recht. Braucht man ihn denn? Es gibt andere ... Hat sich was, daß man zur Welt kommt, um sein Fleckchen Erde aufzugeben, um loszuziehen und sich die Fresse einschlagen zu lassen wegen eines Haufens Geschichten, um die man sich nicht schert. Ich, ich bin nicht aus der Gegend fortgekommen, mir geht es deswegen nicht schlechter.“

Tatsächlich hatte er eine gute Nummer gezogen, er war ein Mann der Scholle, dem Boden verhaftet, kannte nur Orleans und Chartres und hatte jenseits des flachen Horizonts der Beauce nichts gesehen. Und er schien sich damit zu brüsten, so mit dem beschränkten und ausdauernden Starrsinn eines Baums in seiner Erde gesprossen zu sein. Er hatte sich aufrecht hingestellt, die Frauen schauten ihn an.

„Wenn sie vom Militärdienst heimkommen, sind sie alle so mager!“ wagte Lise zu flüstern.

„Und Ihr, Korporal“, fragte die alte Rose, „seid Ihr weit herumgekommen?“

Jean, der ein nachdenklicher Bursche war und lieber zuhörte, rauchte wortlos. Er nahm langsam seine Pfeife aus dem Mund.

„Ja, so ziemlich ... Auf der Krim allerdings nicht. Ich mußte weggehen, als Sewastopol genommen wurde ... Aber später in Italien ...“

„Und wie ist das, Italien?“

Die Frage schien ihn zu überraschen, er zögerte, durchwühlte seine Erinnerungen.

„Aber Italien, das ist doch wie bei uns. Da gibt’s Äcker, da gibt’s Wälder mit Flüssen ... Überall ist es dasselbe.“

„Ihr habt also dort gekämpft?“

„Ach ja, gekämpft, na klar!“

Er hatte wieder angefangen seine Pfeife zu schmauchen, er beeilte sich nicht; und Françoise, die aufgeblickt hatte, wartete mit halb offenem Mund auf eine Geschichte. Übrigens zeigten alle Interesse, die Große versetzte sogar dem Tisch einen neuen Stockhieb, um Hilarion zum Schweigen zu bringen, der wimmerte, weil sich Bangbüx das Spielchen ausgedacht hatte, ihm heimtückisch mit einer Nadel in den Arm zu stechen.

„Bei Solferino da ging’s tüchtig heiß her, und es regnete dabei, oh, es regnete ... Ich hatte keinen trockenen Faden am Leibe, das Wasser lief mir am Rücken rein und floß in meine Schuhe ... Wir sind durchgeweicht worden, das kann man ohne zu lügen sagen!“

Man wartete, was nun noch kommen würde, aber er fügte nichts hinzu; nur das hatte er von der Schlacht gesehen. Nach einer Minute Schweigen fing er mit verständiger Miene wieder an:

„Mein Gott, der Krieg, das ist nicht so schwierig, wie man glaubt ... Das Los fällt auf einen, nicht wahr? Man ist schon gezwungen, seine Pflicht zu tun. Ich, ich habe den Militärdienst aufgegeben, weil mir anderes lieber ist. Bloß für den kann das noch was Gutes haben, dem sein Beruf zuwider ist, und für den, der wütend wird, wenn der Feind kommt, um uns in Frankreich anzuscheißen.“

„Trotzdem eine dreckige Sache!“ schloß Vater Fouan ab. „Jeder sollte sein Zuhause verteidigen und nicht mehr.“

Abermals herrschte Schweigen. Es war sehr warm, eine feuchte und lebendige Wärme, die noch verstärkt wurde durch den starken Geruch der Streu. Eine der beiden Kühe, die sich aufgestellt hatte, mistete sich aus; und man hörte das sanfte und rhythmische Geräusch breitklatschender Kuhfladen. Aus der Nacht des Gebälks klang das schwermütige Zirpen einer Grille herab, und die flinken Finger der Frauen, die die Nadeln ihres Strickzeugs bewegten, schienen mitten in all diesem Schwarz riesige Spinnenbeine die Wände entlanglaufen zu lassen.

Palmyre, die die Lichtputzschere zur Hand genommen hatte, um den Docht der Kerze abzuschneiden, schnitt ihn so tief ab, daß sie sie auslöschte. Das gab Geschrei, die Mädchen lachten, die Kinder stachen Hilarion mit der Nadel in eine Arschbacke; und die Dinge hätten eine Wendung zum Schlimmen genommen, wenn die Kerze von Jesus Christus und Bécu, die über ihren Karten dösten, nicht trotz ihres langen, zu einem roten Pilz verbreiterten Dochts dazu gedient hätte, die andere wieder anzuzünden. Erschüttert über ihre Ungeschicklichkeit, zitterte Palmyre wie eine kleine Göre, die fürchtet, mit der Peitsche was abzubekommen.

„Mal sehen“, sagte Fouan, „wer uns das vorliest, womit wir den Feierabend beenden wollen? – Korporal, Ihr müßt Gedrucktes doch sehr gut lesen können.“

Er hatte ein schmieriges Büchlein hervorgeholt, eines jener Bücher bonapartistischer Propaganda, mit denen das Kaiserreich das flache Land überschwemmt hatte. Dieses hier, das aus dem Warenballen eines Hausierers gefallen war, war ein heftiger Angriff gegen das Ancien régime, eine dramatisch erzählte Geschichte des Bauern vor und nach der Revolution unter dem wehklagenden Titel „Jacques Bonhommes Mißgeschicke und Triumph“.

Jean hatte das Buch zur Hand genommen und fing sofort, ohne sich bitten zu lassen, mit ausdrucksloser und leiernder Schuljungenstimme, die sich nicht um die Zeichensetzung kümmert, an zu lesen. Andächtig hörte man ihm zu.

Zu Anfang war von den freien Galliern die Rede, die von den Römern zur Sklaverei gezwungen und später von den Franken unterworfen worden waren, welche durch Einführung des Lehnswesens aus den Sklaven Leibeigene machten. Und das lange Martyrium begann, das Martyrium Jacques Bonhommes, des Arbeiters der Erde, der Jahrhunderte hindurch ausgebeutet, ausgerottet wurde. Während das Volk der Städte aufbegehrte, die Stadtgemeinde gründete, das Bürgerrecht durchsetzte, gelang es dem allein auf sich gestellten Bauern, der nichts mehr sein eigen nannte, der sich selbst nicht mehr gehörte, erst später, sich zu befreien, mit seinem Geld die Freiheit, ein Mensch zu sein, zu erkaufen; und welch trügerische Freiheit! Der Bauer überbürdet, geknebelt durch Steuern, die ihm das Blut aussaugten und ihn zugrunde richteten, der Besitz unaufhörlich in Frage gestellt, ein Besitz, auf dem so viele Lasten lagen, daß er dem Besitzer kaum mehr als Kiesel zum Essen ließ! Alsdann begann eine gräßliche Aufzählung, die Aufzählung der Gerechtsamen, die dem Unglückseligen auferlegt waren. Niemand konnte ein genaues und vollständiges Verzeichnis davon aufstellen, es wimmelte davon, sie wehten gleichzeitig vom König, vom Bischof und vom Grundherrn daher. Drei vom gleichen Körper fressende blutgierige Tiere: der König bekam den Zins und die Kopfsteuer, der Bischof bekam den Zehnten, der Grundherr besteuerte alles, schlug aus allem Geld heraus. Nichts gehörte mehr dem Bauern, nicht die Erde, nicht das Wasser, nicht das Feuer, nicht einmal die Luft, die er atmete. Er mußte zahlen, immer zahlen, für sein Leben, für seinen Tod, für seine Verträge, seine Herden, seinen Handel, seine Vergnügen. Er zahlte, um das Regenwasser aus den Gräben auf seinen Boden abzuleiten, er zahlte für den Staub der Wege, den die Füße seiner Hammel im Sommer bei großer Trockenheit aufwirbelten. Wer nicht zahlen konnte, gab seinen Leib und seine Zeit, war auf Gnade und Ungnade steuer- und fronpflichtig, war gezwungen zu pflügen, zu ernten, zu mähen, den Wein auszuschneiden, die Gräben des Schlosses auszuschlämmen, die Landstraßen anzulegen und zu unterhalten. Und die Naturalabgaben, und die Zwangsrechte, die Mühle, der Backofen, die Kelter, in denen ein Viertel der Ernten blieben; und die Wach- und Aufsichtsgerechtsamen, die sogar nach dem Abreißen der Warttürme fortbestanden und dann in Geld zu entrichten waren; und die Übernachtungs-, Aufbringungs- und Versorgungsgerechtsamen, durch die dort, wo der König oder der Grundherr durchzog, die Hütten ausgeplündert, die Strohsäcke und die Decken weggenommen, die Bewohner von ihrem Zuhause verjagt wurden, auf die Gefahr hin, daß man die Türen und die Fenster ausriß, wenn sie sich nicht schnell genug aus dem Staube machten. Aber die greulichste Steuer, an die die Erinnerung noch tief in den Weilern grollte, das war die verhaßte Salzsteuer – die Salzspeicher, die für alle Familien festgelegte Menge Salz, die sie trotz allem dem König abkaufen mußten –, diese ganze widerrechtliche Steuererhebung, deren Willkür Frankreich aufwiegelte und mit Blut überschwemmte.

„Mein Vater“, unterbrach Fouan, „hat Salz zu achtzehn Sous das Pfund gesehen ... Ach, die Zeiten waren hart!“

Jesus Christus machte Späße hinter seinem Bart. Er wollte auf den Schelmenrechten bestehen, auf die das Büchlein lediglich einmal schamhaft anspielte.

„Und das Recht der Schenkeldrückerei, hört mal? – Auf Ehre! Der Grundherr schob den Schenkel ins Bett der Neuvermählten, und in der ersten Nacht schob er sie ...“

Man brachte ihn zum Schweigen; die Mädchen, sogar Lise mit ihrem dicken Bauch, waren über und über rot geworden, während Bangbüx und die beiden Schlingel die Nase nach unten hielten und sich ihre Faust in den Mund preßten, um nicht loszuplatzen. Hilarion sperrte Mund und Nase auf und ließ sich kein Wort entgehen, als verstehe er alles.

Jean las weiter. Nun war er bei der Gerichtsbarkeit, dieser dreifachen Gerichtsbarkeit des Königs, des Bischofs und des Grundherren, die die armen auf der Scholle schwitzenden Leute massakrierte. Es gab das Gewohnheitsrecht, es gab das verbriefte Recht, und über allem gab es den allergnädigsten Willen, das Recht des Stärkeren. Keine Bürgschaft, keine Zuflucht, die Allmacht des Schwertes. Sogar noch in den folgenden Jahrhunderten, als das Gefühl für Recht und Billigkeit Einspruch erhob, kaufte man die Ämter, wurde die Gerichtsbarkeit verkauft. Und noch schlimmer war es wegen der Aushebung zu den Heeren, wegen dieser Blutsteuer, die lange Zeit nur die Jungen auf dem Lande traf: sie flohen in die Wälder, man brachte sie in Ketten mit Gewehrkolbenhieben zurück, man zog sie ein, als wollte man sie ins Bagno abführen. Der Zugang zu den Dienstgraden war ihnen versagt. Ein jüngerer Sohn aus vornehmer Familie verschacherte ein Regiment wie eine ihm gehörende Ware, die er bezahlt hatte, versteigerte die unteren Dienstgrade, trieb den Rest seines Menschenviehs zur Schlachtbank. Dann kamen schließlich die Jagdgerechtsamen, diese Taubenschlag- und Kaninchengehegegerechtsamen, die in unsern Tagen, sogar nachdem sie abgeschafft sind, einen Gärstoff von Haß im Herzen der Bauern zurückgelassen haben. Die Jagd, das ist die von alters her ererbte Versessenheit, das ist das uralte Feudalvorrecht, das den Grundherrn ermächtigte, überall zu jagen, und auf Grund dessen er jeden Bauern mit dem Tode bestrafen ließ, der die Verwegenheit hatte, auf seinem Grund und Boden zu jagen; das bedeutete, daß das freie Tier, der freie Vogel unter dem weiten Himmel zum Vergnügen eines einzigen in den Käfig gesperrt wurde; das bedeutete, daß das Wild die in Jägermeistereien zusammengefaßten Felder verwüstete, ohne daß es den Besitzern erlaubt war, einen Spatzen herunterzuholen.

„Das kann man verstehen“, murmelte Bécu, der davon redete, die Wilddiebe wie die Kaninchen abzuknallen.

Aber Jesus Christus hatte die Ohren gespitzt, als von der Jagd die Rede war, und er pfiff lässig mit spöttischer Miene vor sich hin. Das Wild gehörte dem, der es zu töten verstand.

„Ach, mein Gott“, sagte Rose lediglich und stieß einen tiefen Seufzer aus.

So war allen das Herz schwer; was vorgelesen worden war, lastete allmählich mit dem drückenden Gewicht einer Gespenstergeschichte auf ihren Schultern. Sie verstanden nicht immer alles, wodurch ihr Unbehagen noch vermehrt wurde. Da das im Laufe der Zeit so zugegangen war, konnte das vielleicht wohl wiederkommen.

„Los, armer Jacques Bonhomme“, begann Jean wieder mit seiner Schuljungenstimme zu leiern, „gib deinen Schweiß hin, gib dein Blut hin, du bist noch nicht am Ende deiner Kümmernisse ...“

Tatsächlich rollte der Leidensweg des Bauern ab. Er hatte unter allem zu leiden, unter den Menschen, unter den Elementen und unter sich selbst. Unter der Feudalherrschaft, als die Adligen auf Raub auszogen, wurde er gejagt, gehetzt, in der Beute mitgeschleppt. Jeder Privatkrieg zwischen den vornehmen Herren richtete ihn zugrunde, wenn er ihn nicht umbrachte: seine Hütte wurde niedergebrannt, sein Feld wurde kahlgeschoren. Später waren die großen Heerhaufen gekommen, die schlimmste der Landplagen, die unsere Fluren verwüstet haben, diese Abenteurerbanden im Solde dessen, der sie bezahlte, bald für, bald gegen Frankreich, die ihren Durchzug mit Feuer und Schwert kennzeichneten und hinter sich die Erde kahl zurückließen. Wenn auch die Städte dank ihrer Mauern standhielten, die Dörfer wurden in diesem Mordwahn hinweggefegt, der damals vom Anfang bis zum Ende eines Jahrhunderts wehte. Es hat rote Jahrhunderte gegeben, Jahrhunderte, in denen unser flaches Land, wie man sagte, nicht aufgehört hat, vor Schmerz zu schreien, in denen die Frauen vergewaltigt, die Kinder zerschmettert, die Männer aufgehängt wurden. Als dann der Krieg Waffenruhe hielt, genügten die Geldauspresser des Königs, um den armen Leuten eine ständige Qual zu bereiten; denn so viele Steuern es auch gab und so drückend sie auch waren, so bedeutete das fast nichts neben der launenhaften und brutalen Art der Eintreibung, neben der dem Pachthof auferlegten Kopfsteuer und Salzsteuer, den Abgaben, die verteilt wurden, wie es die Ungerechtigkeit gerade fügte, eingefordert von bewaffneten Truppen, die das Geld des Fiskus eintrieben, wie man eine Kriegskontribution erhebt, und zwar so gründlich, daß fast nichts von diesem Geld in die Staatskassen gelangte, weil es unterwegs gestohlen, in jeder der plündernden Hände, durch die es ging, weniger wurde. Dann kam das Hungern dazu. Die stumpfsinnige Tyrannei der den Handel lahmlegenden Gesetze, die den freien Verkauf von Getreide verhinderten, führte alle zehn Jahre zu entsetzlichen Teuerungen, in Jahren mit zu heißer Sonne und zu langen Regenfällen, die Strafen Gottes zu sein schienen. Ein Ungewitter, das die Flüsse anschwellen ließ, ein Frühling ohne Wasser, die kleinste Wolke, der kleinste Sonnenstrahl gefährdeten die Ernten, rafften Tausende von Menschen hinweg: furchtbare Schläge des Hungerleids, jähe Teuerungen aller Dinge, entsetzliche Notzeiten, während deren die Menschen das Gras der Gräben abweideten wie die Tiere. Und schicksalhaft brachen nach den Kriegen, nach den Hungersnöten Seuchen aus, töteten jene, die das Schwert und der Hunger verschont hatten. Eine unaufhörlich aus der Unwissenheit und der Unsauberkeit wiederauferstehende Fäulnis war das, die schwarze Pest, der große Tod; man sah sein riesiges Gerippe die früheren Zeiten überragen, ihn mit seiner Sense das traurige und bleiche Volk der Fluren wegscheren.

Da empörte sich Jacques Bonhomme, wenn er zu sehr litt. Er hatte Jahrhunderte der Angst und der Ergebenheit hinter sich, seine Schultern waren von den Schlägen hart geworden, sein Herz war so zerschmettert, daß er seine Niedrigkeit nicht fühlte. Man konnte ihn lange prügeln, aushungern, ihm alles stehlen, ohne daß er seine Vorsicht aufgegeben, sich von dieser Verdummung frei gemacht hätte, während der er wirre Dinge im Kopf wälzte, von denen er selber nichts wußte; und das so lange, bis das Maß voll war, bis zu einer letzten Ungerechtigkeit, einem letzten Leiden, das ihn veranlaßte, urplötzlich seinem Herrn an die Gurgel zu springen, wie ein Haustier, das man zu sehr geschlagen hatte und das rasend geworden war. Von Jahrhundert zu Jahrhundert bricht immer dieselbe Verbitterung los, der Bauernaufstand bewaffnet den Ackermann mit seiner Mistgabel und seiner Sense, wenn ihm nichts anderes mehr übrigbleibt, als zu sterben. So war es mit den christlichen Bagauden Galliens, mit den Pastoureaux in der Zeit der Kreuzzüge, später mit den Croquants und mit den Barfüßern, die über die Adligen und die Soldaten des Königs herfielen. Nach vierhundert Jahren läßt der noch durch die verwüsteten Felder streichende Schmerzens- und Zornesschrei der Jacques die Herren in der Tiefe ihrer Schlösser erzittern. Wenn sie wiederum einmal fuchswild werden, sie, die in der Mehrzahl sind, wenn sie schließlich ihren Anteil an den Genüssen dieser Welt fordern? Und die Gespenster aus alter Zeit galoppieren vorüber, große halbnackte Teufel in Lumpen, wahnsinnig vor Brutalität und Begierden, die vernichten und ausrotten, wie man sie vernichtet und ausgerottet hat, und nun, da sie an der Reihe sind, die Frauen der anderen vergewaltigen!

„Besänftige deinen Zorn, Ackermann“, fuhr Jean in seiner sanften und beflissenen Art fort, „denn die Uhr der Geschichte wird die Stunde deines Triumphes bald schlagen ...“

Geierkopf hatte wie üblich jäh mit den Achseln gezuckt; schöne Sache, sich zu erheben! Ja, damit die Gendarmen einen verhaften! Alle lauschten übrigens, seit das Büchlein von den Aufständen ihrer Vorfahren erzählte, mit gesenkten Augen, ohne sich zu rühren, von Mißtrauen erfaßt, obwohl sie unter sich waren. Das waren Dinge, über die man nicht laut reden durfte, niemand brauchte zu wissen, was sie darüber dachten. Jesus Christus hatte unterbrechen und schreien wollen, daß er beim nächsten Mal mehreren den Hals umdrehen werde. Bécu erklärte heftig, daß alle Republikaner Schweine seien; und Fouan, der als alter Mann ein Lied davon singen konnte, der aber nichts sagen wollte, mußte ihnen feierlich mit traurigem Ernst Schweigen gebieten. Die Große ließ, während sich die anderen Frauen näher für ihr Strickzeug zu interessieren schienen, das Sprichwort: „Was man hat, behält man!“ fallen, ohne daß sich das auf das Vorgelesene zu beziehen schien. Allein Françoise, der ihre Arbeit auf ihre Knie gesunken war, schaute den Korporal an und war erstaunt darüber, daß er ohne Fehler und so lange lesen konnte.

„Ach, mein Gott, ach, mein Gott!“ wiederholte Rose und seufzte noch lauter dabei.

Aber das Buch änderte sich, es schlug einen anderen Ton an, es wurde lyrisch und feierte in Phrasen die Revolution. In der Apotheose von 1789, da triumphierte Jacques Bonhomme. Nach der Einnahme der Bastille hatte die Nacht zum 4. August, während die Bauern die Schlösser niederbrannten, durch Anerkennung der Freiheit des Menschen und der Gleichheit des Staatsbürgers die Erwerbungen von Jahrhunderten gesetzlich bestätigt. „In einer Nacht war der Ackermann dem Grundherrn ebenbürtig geworden, der auf Grund von Adelsbriefen dessen Schweiß trank und die Frucht seiner Nachtarbeiten verschlang.“ Abschaffung der Leibeigenschaft, aller Vorrechte des Adels, der kirchlichen und herrschaftlichen Gerichtsbarkeiten; Ablösung der früheren Gerechtsamen in Geld, Steuergleichheit; Zulassung aller Bürger zu allen zivilen und militärischen Ämtern. Und die Aufzählung ging weiter, die Übel dieses Lebens schienen eines nach dem anderen zu verschwinden, das war das Hosianna auf ein neues Goldenes Zeitalter, das sich auftat für den Ackermann, dem eine ganze Seite lobhudelte, indem sie ihn den König und den Ernährer der Welt nannte. Er allein galt, man mußte vor dem heiligen Pflug niederknien. Dann wurden die Schrecken von 1793 mit flammenden Worten gebrandmarkt, und das Buch stimmte ein übertriebenes Loblied auf Napoleon an, den Sohn der Revolution, der es verstanden hatte, „sie von der einmal betretenen Bahn der Zügellosigkeit abzubringen, um das Glück des flachen Landes zu stiften“.

„Das, das stimmt!“ gab Bécu von sich, während Jean die letzte Seite umblätterte.

„Ja, das stimmt“, sagte Vater Fouan. „Es hat trotzdem gute Zeiten gegeben in meiner Jugend ... Ich, der ich zu euch rede, ich habe Napoleon einmal in Chartres gesehen. Ich war zwanzig Jahre alt ... Man war frei, man hatte die Erde, und das schien so gut zu sein! Ich entsinne mich, daß mein Vater eines Tages sagte, er säe Sous und er ernte Taler ... Dann haben wir Ludwig XVIII., Karl X., Louis-Philippe gehabt. Das ging immerhin, man hatte zu essen, man konnte sich nicht beklagen. Und heute ist nun Napoleon III. da, und bis zum letzten Jahr ging das noch nicht zu schlecht ... Bloß ...“ Er wollte den Rest für sich behalten, aber die Worte entschlüpften ihm. „Bloß hat uns das was genützt, denen ihre Freiheit und denen ihre Gleichheit, Rose und mir? – Sind wir deshalb fetter, nachdem wir uns fünfzig Jahre lang geschunden haben?“ Alsdann faßte er in ein paar langsamen und mühseligen Worten unbewußt diese ganze Geschichte zusammen: die Erde, die so lange für den Grundherrn bebaut worden war, unter dem Prügel des Herrn und in der Nacktheit des Sklaven, dem nichts gehört, nicht einmal seine Haut; die Erde, die mit seiner Mühe befruchtet, die während dieses heißen und innigen Zusammenlebens zu jeder Stunde leidenschaftlich geliebt und begehrt worden war wie die Frau eines anderen, die man hegt, die man umarmt und die man nicht besitzen kann; die Erde, die nach Jahrhunderten dieser Lüsternheitsmarter endlich erlangt, erworben, zu seinem Eigentum geworden war, sein Genuß, der einzige Quell seines Lebens. Und dieses jahrhundertelange Begehren, dieses unaufhörlich hinausgeschobene Besitzen erklärte seine Liebe zu seinem Feld, seine Leidenschaft zur Erde, zu soviel Erde wie möglich, zur fetten Scholle, die man berührt, die man in der hohlen Hand wiegt. Wie gleichgültig und undankbar war sie jedoch, die Erde! Man mochte sie noch so sehr vergöttern, sie erwärmte sich nicht, brachte nicht ein Korn mehr hervor. Zu starke Regenfälle ließen die Saaten verfaulen, Hagelschläge zerhackten das Getreide auf dem Halm, ein Gewitterwind legte die Stengel um, zwei Monate Trockenheit ließen die Ähren verkümmern; und dann gab es noch die zernagenden Insekten, die tötenden Kälteeinbrüche, die Krankheiten, die das Vieh befielen, die Unkrautpflanzen, diesen Krebsschaden, der den Boden auffraß; alles wurde eine Ursache zum Verderben, es blieb bei den Zufälligkeiten der Unwissenheit ein tägliches Ringen in ständigem Alarmzustand. Wahrlich, er hatte sich nicht geschont, hatte mit beiden Fäusten dreingeschlagen, wütend, weil er sehen mußte, daß die Arbeit allein nicht ausreichte. Er hatte dabei die Muskeln seines Körpers ausgedörrt, er hatte sich ganz und gar der Erde hingegeben, die ihn, nachdem sie ihn notdürftig ernährt hatte, elend, unbefriedigt, sich der greisenhaften Impotenz schämend, verließ, und die, ohne auch nur Mitleid zu haben mit seinen armen Knochen, in die Arme eines anderen Mannestiers überging, auf das sie wartete. „Und so ist’s eben! Und so ist’s eben!“ fuhr der Vater fort. „Man ist jung, man rackert sich ab; und wenn es einem mit Mühe und Not gelungen ist, sein Auskommen zu haben, ist man alt, muß man abtreten ... Nicht wahr, Rose?“

Die Mutter schüttelte ihren zitternden Kopf. Ach du meine Güte! Sie hatte gearbeitet, sie auch, todsicher mehr als ein Mann! Vor den andern war sie aufgestanden, um das Essen zu machen, auszufegen, zu scheuern, das Kreuz war ihr schier zerbrochen von tausenderlei Besorgungen: die Kühe, das Schwein, der Backtrog – und sie hatte sich immer erst nach den anderen schlafen gelegt! Sie mußte schon handfest sein, sonst wäre sie daran verreckt. Und ihr einziger Lohn war, gelebt zu haben: man sammelte nur Runzeln, war noch sehr glücklich, wenn man, nachdem man jeden Heller viermal umgedreht, sich ohne Licht schlafen gelegt und sich mit Brot und Wasser begnügt hatte, genug behielt, um nicht in seinen alten Tagen Hungers zu sterben.

„Trotzdem“, fuhr Fouan fort, „dürfen wir uns nicht beklagen. Ich habe mir erzählen lassen, daß es Länder gibt, wo die Erde einen Hundedreck hergibt. So haben sie im Perche nur Kieselsteine ... In der Beauce ist die Erde noch weich, sie verlangt nur eine beständige gute Bearbeitung ... Bloß, das nimmt eine Wendung zum Schlimmen. Sicher wird es weniger mit ihrer Fruchtbarkeit; Felder, auf denen man früher zwanzig Doppelzentner geerntet hat, bringen heute nur fünfzehn ... Und der Preis für den Doppelzentner sinkt seit einem Jahr. Es wird erzählt, daß Getreide von dort kommt, wo die Wilden zu Hause sind, das ist was Schlechtes, was da beginnt, eine Krise, wie sie sagen ... Ist denn das Unheil niemals zu Ende? Denen ihr allgemeines Wahlrecht, das schafft kein Fleisch in den Kochtopf, nicht wahr? Die Grundsteuer zerbricht uns die Schultern, man nimmt uns immer noch unsere Kinder für den Krieg weg ... Ach, geht mir, man mag noch so viele Revolutionen machen, das ist gehuppt wie gesprungen, und der Bauer bleibt der Bauer.“

Jean, der sehr genau war, wartete ab, um zu Ende vorzulesen. Als wieder Schweigen eingetreten war, las er sacht weiter:

„Glücklicher Ackermann, verlaß das Dorf nicht um der Stadt willen, wo du alles kaufen mußt, die Milch, das Fleisch und das Gemüse, wo du wegen der vielen Gelegenheiten immer mehr ausgeben wirst als notwendig. Hast du nicht auf dem Dorfe Luft und Sonne, eine gesunde Arbeit, ehrbare Freuden? Das Leben auf freiem Felde hat nicht seinesgleichen, du besitzt das wahre Glück, fern vom vergoldeten Stuck; und der Beweis dafür ist, daß die Arbeiter aus den Städten aufs Land kommen, um sich gütlich zu tun, ebenso wie die Bürger nur den einen Traum haben, sich in deine Nähe zurückzuziehen, um Blumen zu pflücken, Früchte von den Bäumen zu essen, Purzelbäume auf dem Rasen zu schießen. Laß dir’s wohl gesagt sein, Jacques Bonhomme, daß das Geld Trug ist. Wenn du den Frieden des Herzens hast, ist dein Glück besiegelt.“ Die Stimme versagte ihm fast, er mußte eine Rührung zurückhalten, die Rührung eines großen zärtlichen Burschen, der in den Städten aufgewachsen war und dem die Vorstellungen von ländlicher Glückseligkeit die Seele aufwühlten.

Die andern verharrten düster, die Frauen über ihre Nadeln gebeugt, die Männer zusammengesackt, mit verhärtetem Gesicht. Machte sich das Buch denn über sie lustig? Geld allein galt was, und sie verreckten vor Elend. Als den jungen Mann dieses leidens- und grollschwere Schweigen bedrückte, erlaubte er sich dann eine vernünftige Bemerkung:

„Trotzdem, das würde mit Bildung vielleicht besser gehen ... Wenn man einst so unglücklich dran war, so deshalb, weil man nichts wußte. Heute weiß man ein wenig, und es geht sicherlich weniger schlecht. Also muß man alles wissen, muß Schulen haben, um zu lernen, wie die Felder zu bestellen sind.“

Aber heftig, eben wie ein halsstarrig auf dem Herkömmlichen beharrender Greis, unterbrach ihn Fouan:

„Laßt uns doch in Frieden mit Eurer Wissenschaft! Je mehr man weiß, um so weniger geht’s, denn ich sage Euch, daß vor fünfzig Jahren die Erde mehr Ertrag brachte! Es verärgert sie, daß man sie quält, sie gibt immer nur das, was sie will, das Weibsstück! Und seht’s Euch nur an, hat nicht Herr Hourdequin Geld, so schwer wie er selber, durchgebracht, indem er sich auf die neumodischen Erfindungen einließ ... Nein, nein, das ist für die Katz, der Bauer bleibt der Bauer.“

Es schlug zehn Uhr, und bei diesem Ausspruch, der mit der Derbheit eines Axthiebes das Gespräch abschloß, holte Rose einen Topf mit Kastanien, die sie in der heißen Asche in der Küche gelassen hatte, das obligate Mahl am Abend von Allerheiligen. Sie brachte sogar zwei Liter Weißwein, damit nichts zum Feiertag fehle. Von da an vergaß man die Geschichten, die Fröhlichkeit stieg, die Fingernägel und die Zähne arbeiteten, um die gerösteten, noch dampfenden Kastanien aus ihrer Schale zu ziehen. Die Große hatte sofort ihren Teil in ihre Tasche versenkt, weil sie weniger schnell aß. Bécu und Jesus Christus verschlangen die Kastanien, ohne sie abzupellen, indem sie sie sich von weitem bis hinten in den Mund warfen, während Palmyre, die sich ein Herz gefaßt hatte, außerordentliche Sorgfalt darauf verwandte, sie zu säubern, und dann Hilarion damit nudelte wie eine Gans. Was die Kinder anbetraf, so „machten sie Blutwurst“. Bangbüx piekte die Kastanie mit einem Zahn auf, drückte sie dann, um einen dünnen Strahl herauszupressen, den Delphin und Nénesse hernach ableckten. Das schmeckte sehr gut. Lise und Françoise entschlossen sich, es ebenso zu machen. Man putzte die Kerze ein letztes Mal, man trank auf die gute Freundschaft aller Anwesenden. Die Hitze hatte zugenommen, ein rotgelber Dampf stieg von der Jauche der Streu auf, die Grille zirpte stärker in den großen unsteten Schatten der Balken; und damit die Kühe an dem Mahl teilhatten, gab man ihnen die Schalen, die sie mit lautem regelmäßigem und sanftem Geräusch zermalmten.

Um halb elf Uhr begann man aufzubrechen. Die erste war Fanny, die Nénesse mitnahm. Dann gingen Jesus Christus und Bécu hinaus und stritten sich, weil sie draußen in der Kälte wieder der Rausch überkam; und man hörte Bangbüx und Delphin, die beide ihre Väter stützten, schoben, wieder auf den rechten Weg brachten, wie widerspenstige Tiere, die den Stall nicht mehr finden. Bei jedem Auf- und Zuschlagen der Tür kam ein eisiger Hauch von der Dorfstraße herein, die weiß von Schnee war. Aber die Große beeilte sich nicht, knüpfte ihr Taschentuch um ihren Hals, streifte ihre fingerlosen Handschuhe über. Sie hatte nicht einen Blick für Palmyre und Hilarion, die ängstlich entschlüpften und unter ihren Lumpen von einem Frösteln geschüttelt wurden. Schließlich ging sie fort, sie kehrte nach nebenan in ihr Haus zurück, und man hörte den dumpfen Schlag des heftig wieder geschlossenen Türflügels. Und es blieben nur noch Françoise und Lise.

„Hört mal, Korporal“, sagte Fouan, „Ihr begleitet die beiden doch, wenn Ihr zum Gehöft zurückkehrt, das ist ja auch Euer Weg, nicht wahr?“

Jean nickte zustimmend, während sich die beiden Mädchen den Kopf mit ihren Tüchern bedeckten.

Geierkopf war aufgestanden, und mit hartem Gesicht ging er unruhigen und nachdenklichen Schrittes von einem Ende des Stalles zum andern. Er hatte, seit Jean mit dem Vorlesen fertig war, nicht mehr gesprochen, war gleichsam besessen von dem, was das Buch erzählte, von diesen Geschichten über die so sauer erworbene Erde. Warum sie nicht ganz haben? Eine Teilung wurde ihm unerträglich. Und noch andere Dinge, wirre Dinge, lagen in seinem dicken Schädel miteinander im Widerstreit, Hochmut, Starrköpfigkeit, das nicht zurückzunehmen, was er gesagt hatte, die hochgebrachte Begierde eines Mannestiers, das in der Furcht, hereingelegt zu werden, will und nicht will. Jäh faßte er einen Entschluß.

„Ich gehe rauf, mich schlafen legen. Lebt wohl!“

„Wieso, lebt wohl?“

„Ja, ich breche vor Tagesanbruch wieder nach La Chamade auf ... Lebt wohl, falls ich euch nicht mehr sehe.“

Seite an Seite hatten sich der Vater und die Mutter vor ihn hingepflanzt.

„Na schön! Und dein Anteil“, fragte Fouan, „nimmst du ihn an?“

Geierkopf schritt bis zur Tür; dann drehte er sich um und sagte:

„Nein!“

Der alte Bauer bebte am ganzen Leibe. Er machte sich größer, und es kam zu einem letzten Ausbruch seiner einstigen Autorität.

„Es ist gut, du bist ein schlechter Sohn ... Ich werde deinem Bruder und deiner Schwester ihren Anteil geben, und ich werde ihnen deinen Anteil verpachten, und wenn ich sterbe, werde ich es so einrichten, daß sie ihn behalten ... Du wirst nichts kriegen, mach, daß du rauskommst!“

Geierkopf in seiner erstarrten Haltung zuckte mit keiner Wimper.

Da versuchte nun Rose, ihn weich zu stimmen.

„Aber wir haben dich ebenso lieb wie die andern, Dummkopf! – Aus Bockigkeit schlägst du aus, was du doch gern haben möchtest. Nimm an!“

„Nein!“

Und er verschwand, er ging hinauf, sich schlafen legen.

Draußen gingen Lise und Françoise, noch ergriffen von diesem Auftritt, schweigend ein paar Schritte. Sie hatten sich wieder umgefaßt, sie verschmolzen miteinander, waren ganz schwarz im nächtlichen blauen Schimmern des Schnees.

Aber Jean, der ihnen, ebenfalls schweigend, folgte, hörte sie bald weinen. Er wollte ihnen wieder Mut machen.

„Seht mal, er wird sich’s überlegen, er wird morgen ja sagen.“ „Ach, Ihr kennt ihn nicht“, rief Lise aus. „Er würde sich lieber zerhacken lassen als nachgeben ... Nein, nein, das ist aus.“ Dann fragte sie mit verzweifelter Stimme: „Was werd ich denn machen mit seinem Kind?“

„Rausbringen mußt du’s halt“, murmelte Françoise.

Das brachte alle zum Lachen. Aber die beiden Mädchen waren zu traurig, sie fingen wieder an zu weinen.

Als Jean sich an ihrer Tür von ihnen verabschiedet hatte, setzte er seinen Weg durch die Ebene fort. Es hatte aufgehört zu schneien, der Himmel war wieder frisch und klar geworden, durchsiebt von Sternen, ein weiter Frosthimmel, von dem eine blaue Helligkeit, durchsichtig wie Kristall, herabsank; und unendlich entrollte sich die Beauce, ganz weiß, flach und reglos wie ein Eismeer. Kein Hauch wehte vom fernen Horizont, Jean hörte nur den Takt seiner groben Schuhe auf dem hart gewordenen Boden. Es herrschte eine tiefe Ruhe, der erhabene Frieden der Kälte. Alles, was er gelesen hatte, drehte sich ihm im Kopf, er nahm seine Schirmmütze ab, um sich zu erfrischen, weil es ihm hinter den Ohren weh tat und er das Bedürfnis hatte, an nichts mehr zu denken. Der Gedanke an dieses schwangere Mädchen und ihre Schwester war ebenfalls anstrengend für ihn. Seine groben Schuhe klappten immerzu. Schweigend löste sich eine Sternschnuppe, durchfurchte den Himmel mit einem Flammenflug.

Da hinten verschwand das Gehöft La Borderie, das das weiße Tuch kaum mit einem leichten Buckel schwellte; und sobald Jean in den Querweg eingebogen war, entsann er sich des Feldes, das er an dieser Stelle ein paar Tage zuvor besät hatte: er schaute nach links, er erkannte es unter dem Schweißtuch, das es bedeckte. Die Schicht war dünn, von einer Schwerelosigkeit und einer Reinheit wie Hermelin und zeichnete die Kanten der Furchen ab, ließ die schlaffen Glieder der Erde ahnen. Wie die Saaten schlafen mußten! Welch gutes Ausruhen in diesem zu Eis erstarrten Schoß bis zum lauen Morgen, da die Sonne des Frühlings sie wieder zum Leben erwecken würde!

Die Erde

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