Читать книгу Die Erde - Эмиль Золя, Emile Zola, Еміль Золя - Страница 5

KAPITEL I

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An jenem Morgen hatte Jean über dem Bauch ein Sätuch aus blauer Leinwand zusammengeknüpft, dessen Beutel er mit der linken Hand offen hielt, und mit der rechten nahm er daraus alle drei Schritte eine Handvoll Getreide, das er mit weitausholender Gebärde aufs Feld warf. Im rhythmischen Wiegen seines Körpers traten seine schweren Schuhe Löcher in die fette Erde und schleppten sie mit sich fort, während man bei jedem Wurf inmitten der unaufhörlich fliegenden blonden Saat die beiden roten Tressen eines Soldatenrocks schimmern sah, den er abtrug. Wie er so allein vorausschritt, schien er gleichsam größer geworden; und hinter ihm rollte, um das Saatkorn zu verscharren, langsam eine Egge, mit zwei Pferden bespannt, die ein Fuhrknecht mit langgezogenen, regelmäßigen, über ihren Ohren knallenden Peitschenhieben antrieb.

Das bei dem Flurabschnitt Les Cornailles gelegene Ackerstück von kaum einigen fünfzig Ar war so unbedeutend, daß Herr Hourdequin, der Besitzer von La Borderie, die anderswo eingesetzte Sämaschine nicht hatte dort hinschicken wollen. Jean, der das Feld wieder von Süden nach Norden hinaufging, hatte die zwei Kilometer entfernten Gebäude des Gehöfts genau vor sich. Am Ende der Furche angelangt, blickte er auf, schaute hin, ohne etwas zu sehen, und verschnaufte eine Minute.

Niedrige Mauern waren das, ein brauner Fleck aus alten Schieferdächern, verloren an der Schwelle der Beauce 1 , deren Ebene sich in Richtung Chartres erstreckte. Unter dem weiten Himmel, dem bedeckten Himmel eines Spätoktobertages, breiteten zehn Meilen Ackerland die zu dieser Jahreszeit kahlen, gelben und schweren Äcker aus, große Sturzackervierecke, die mit den grünen Tüchern der Luzerne- und Kleefelder abwechselten, und das ohne einen Hügel, ohne einen Baum, unabsehbar, ineinander verschwimmend, absinkend hinter der Horizontlinie, die klar und gleichmäßig war wie auf einem Meer. Im Westen säumte allein ein Wäldchen den Himmel mit einem rotbraunen Band. In der Mitte verlief vier Meilen weit schnurgerade eine kreideweiße Landstraße, die Landstraße von Châteaudun nach Orleans, mit ihren in haargenau gleichen Abständen wie zur Parade aufgereihten Telegrafenstangen. Und nichts weiter, außer drei oder vier hölzernen Windmühlen auf ihrem Bockgerüst mit reglosen Flügeln. Dörfer bildeten Inselchen aus Stein, ein Glockenturm tauchte in der Ferne aus einer Geländefalte auf, ohne daß man die Kirche in den weichen Wellenlinien dieser getreidebringenden Erde sah.

Aber Jean drehte um und schritt von neuem aus mit seinem wiegenden Gang, diesmal von Norden nach Süden, wobei die linke Hand das Sätuch hielt und die rechte mit dem steten Schwung des Säens die Luft peitschte. Nun hatte er ganz dicht vor sich die schmale Talsenke des Aigre, die die Ebene wie ein Graben durchschnitt und hinter der wieder die Beauce begann, unermeßlich, bis Orleans. Man erriet die Wiesen und das Laubwerk nur an einer Linie großer Pappeln, von denen allein die gelb gewordenen Wipfel über die Ränder des Loches herausragten und so niedrigen Büschen glichen. Von dem auf dem Abhang erbauten Dörfchen Rognes waren einzig ein paar Dächer zu sehen, am Fuß der Kirche, die ihren von uralten Rabenfamilien bewohnten Glockenturm aus grauen Steinen hochreckte. Und im Osten, jenseits des Loir-Tals, in dem sich, zwei Meilen entfernt, Cloyes verbarg, der Hauptort des Cantons, hoben sich die im schieferfarbenen Tageslicht blaßvioletten fernen Hügel des Perche ab. Man war hier im ehemaligen Dunois, dem heutigen Arrondissement Châteaudun, zwischen dem Perche und der Beauce, und zwar unmittelbar am Saume der Beauce, dort, wo die weniger fruchtbaren Äcker ihr den Namen „lausige Beauce“ eintragen. Als Jean am Ende des Feldes war, blieb er nochmals stehen und blickte kurz hinunter, den Aigre-Bach entlang, der rasch und hell durch das Gras fließt und dem die Landstraße nach Cloyes folgt, die an diesem Sonnabend von den Wägelchen der zum Markt fahrenden Bauern durchfurcht wurde. Dann zog er das Feld wieder hinauf.

Und immer wieder, mit dem gleichen Schritt, mit der gleichen Gebärde, ging er nach Norden hinauf und kam nach Süden zurück, in den lebenden Staub des Saatkorns gehüllt, während hinten die Egge unter dem Knallen der Peitsche im selben gemächlichen und gleichsam bedächtigen Trott den Samen begrub. Lange Regengüsse hatten die Herbstaussaat verzögert; im August hatte man noch gedüngt, und die Äcker lagen seit langem bereit, tief gepflügt, von verunreinigendem Unkraut gesäubert, tauglich, nach dem Klee und dem Hafer im dreijährigen Fruchtwechsel wieder Getreide zu geben. Daher trieb die Angst vor den nahen Frösten, die nach diesen Sintfluten bedrohlich waren, die Landwirte zur Eile an. Das Wetter war jäh kalt geworden, ein rußfarbenes Wetter ohne einen Windhauch, mit gleichmäßigem und düsterem Licht über diesem reglosen Erdenmeer. Überall wurde gesät; ein anderer Sämann ging dreihundert Meter weiter links, zur Rechten, weiter entfernt, noch einer; und andere, noch viele andere gingen dort drüben ein in die fliehende Perspektive des flachen Landes. Kleine Schattenrisse waren das, einfache, dünner und dünner werdende Striche, die sich meilenentfernt verloren. Aber alle machten die gleiche Gebärde, ließen die Saat auffliegen, die man wie eine Lebenswoge rings um sie ahnte. Die Ebene erschauerte davon bis in die ertränkten Fernen, wo die einzelnen Säer nicht mehr zu erkennen waren.

Jean ging zum letztenmal hinunter, als er auf dem Weg von Rognes eine große fuchsrot und weiß gescheckte Kuh erblickte, die von einem jungen Mädchen, fast noch einem Kind, am Strick geführt wurde. Die kleine Bäuerin und das Tier folgten dem Pfad, der längs der Talsenke, am Rande der höher gelegenen Flächen verlief; beiden den Rücken zugekehrt, war er wieder hinaufgezogen, und er hatte gerade die Aussaat beendet, als das Geräusch hastender Schritte und halb erstickte Schreie ihn abermals den Kopf heben ließen, während er gerade sein Sätuch aufknotete, um aufzubrechen. Die Kuh war durchgegangen und galoppierte in ein Luzernefeld, hinterdrein das Mädchen, das sich abmühte, sie zurückzuhalten. Er befürchtete ein Unglück, er rief:

„Laß sie doch los!“

Sie ließ aber nicht los, sie keuchte, schimpfte mit zorniger und schreckerfüllter Stimme auf ihre Kuh:

„Coliche! Wirst du wohl, Coliche! – Ah, du Biest! – Ah, verfluchtes Mistvieh!“

Bis jetzt hatte sie ihr noch folgen können, rennend und springend, was ihre kleinen Beine hergaben. Aber sie strauchelte, fiel ein erstes Mal, raffte sich auf, fiel aber etwas weiter wieder hin, und da das Tier wie toll davonrannte, wurde sie mitgeschleift. Nun heulte sie. Ihr Körper hinterließ in der Luzerne eine Furche.

„Laß sie doch los, Himmelsakrament!“ rief Jean immerzu. „Laß sie doch los!“

Und er rief das mechanisch, vor Schreck, denn auch er rannte, als er endlich begriff: der Strick mußte sich ums Handgelenk geschlungen und bei jeder neuen Anstrengung fester zusammengezogen haben. Zum Glück kürzte Jean den Weg quer über einen Sturzacker ab, langte in einem solchen Galopp vor der Kuh an, daß diese erschrocken und verdutzt plötzlich stehenblieb. Schon knotete er den Strick auf und setzte das Mädchen ins Gras.

„Hast du dir nichts gebrochen?“

Aber sie war nicht einmal ohnmächtig geworden. Sie stand wieder auf, tastete sich ab, hob seelenruhig ihre Röcke bis zu den Schenkeln hoch, um ihre Knie zu betrachten, die ihr brannten, und war noch so außer Atem, daß sie kaum sprechen konnte.

„Seht, da, da tut’s weh ... Trotzdem kann ich mich bewegen, es ist nichts weiter ... Oh, ich habe Angst gehabt! Auf dem Wege wäre ich zu Mus geworden.“ Und sie untersuchte ihr arg mitgenommenes Handgelenk, das rot umrändert war, benetzte es mit Speichel, preßte ihre Lippen darauf und fügte erleichtert und von ihrem Schreck erholt mit einem tiefen Seufzer hinzu: „Sie ist nicht bösartig, die Coliche. Bloß seit heute früh ist es zum Rasendwerden mit ihr, weil sie hitzig ist ... Ich bringe sie zum Bullen nach La Borderie.“

„Nach La Borderie“, wiederholte Jean. „Das trifft sich gut, ich gehe dahin zurück, ich begleite dich.“ Er fuhr fort, sie zu duzen, und behandelte sie wie ein kleines Mädchen, so zierlich war sie noch für ihre vierzehn Jahre.

Wichtigtuerisch schaute sie mit ernster Miene diesen kräftigen kastanienbraunen Burschen mit dem kurzgeschorenen Haar, dem vollen und gleichmäßigen Gesicht an, der mit seinen neunundzwanzig Jahren für sie ein alter Mann war.

„Oh, ich kenne Euch, Ihr seid der Korporal, der Tischler, der als Knecht bei Herrn Hourdequin geblieben ist.“

Bei diesem Beinamen, den ihm die Bauern gegeben hatten, mußte der junge Mann lächeln; und nun betrachtete er sie, war überrascht, festzustellen, daß sie beinahe schon Frau war mit ihrem kleinen festen Busen, der sich zu runden begann, ihrem länglichen Gesicht mit den tiefschwarzen Augen, den dicken Lippen und dem frischen und rosigen Fleisch reifender Früchte. Sie war mit einem grauen Rock und einem Mieder aus schwarzer Wolle bekleidet, trug eine runde Haube auf dem Kopf und hatte eine sehr braune, von der Sonne verbrannte und vergoldete Haut.

„Aber du bist ja Vater Flieges Jüngste!“ rief er aus. „Ich habe dich gar nicht wiedererkannt ... Nicht wahr, deine Schwester war Geierkopfens Liebste im letzten Frühjahr, als er zusammen mit mir auf La Borderie arbeitete?“

Sie antwortete einfach:

„Ja, ich bin Françoise ... Das ist meine Schwester Lise, die mit Vetter Geierkopf ging und die jetzt im sechsten Monat schwanger ist ... Er hat sich aus dem Staube gemacht, er ist jetzt in der Gegend von Orgères auf dem Pachthof La Chamade.“

„Ganz richtig“, sagte Jean abschließend. „Ich habe sie zusammen gesehen.“

Und einen Augenblick lang standen sie sich stumm gegenüber; und er lachte bei dem Gedanken, daß er eines Abends die beiden Verliebten hinter einem Heuschober überrascht hatte, während sie immer noch ihr zerschundenes Handgelenk benetzte, als habe die Feuchtigkeit ihrer Lippen das Brennen gelindert; die Kuh riß inzwischen in einem benachbarten Feld seelenruhig Luzernebüschel aus. Der Fuhrknecht und die Egge waren davongefahren, wobei sie einen weiten Bogen machten, um die Landstraße zu erreichen. Man hörte das Krächzen zweier Raben, die in stetem Fluge um den Kirchturm kreisten. Die drei Glockenschläge des Angelus klangen in der leblosen Luft.

„Wie! Schon Mittag!“ rief Jean. „Beeilen wir uns!“ Als er dann Coliche im Feld erblickte, fügte er hinzu: „He, deine Kuh richtet Schaden an. Wenn man sie sieht ... Warte, du Luder, ich werd dir’s heimzahlen!“

„Nein, laßt nur sein“, sagte Françoise, die ihn zurückhielt. „Dies Stück gehört uns. Auf unserem Grund und Boden hat mich die Schlampe umgelegt! – Das ganze Ufer bis Rognes gehört zur Familie. Wir, wir reichen von hier bis da runter; nebenan das gehört dann unserm Onkel Fouan; dann, das Stück dahinter, der Großen, meiner Tante.“ Während sie mit einer Handbewegung die Landstücken bezeichnete, hatte sie die Kuh auf den Pfad zurückgebracht. Und erst da, als sie sie wiederum am Strick hielt, fiel es ihr ein, dem jungen Mann zu danken. „Trotzdem muß ich mich bei Euch ganz schön bedanken! Also, schönen Dank, recht herzlichen Dank!“

Sie hatten auszuschreiten begonnen und folgten dem schmalen Weg, der längs der Talsenke verlief, bevor er tief in die Äcker hineinführte. Der letzte Glockenschlag des Angelus war soeben verklungen, allein die Raben krächzten immer noch. Und hinter der am Strick zerrenden Kuh einhergehend, redete keiner von beiden mehr, waren sie zurückgesunken in jenes Schweigen der Bauern, die Seite an Seite Meilen zurücklegen, ohne ein Wort zu wechseln. Sie warfen einen Blick auf eine Sämaschine zu ihrer Rechten, deren Pferde in der Nähe wendeten. Der Fuhrknecht rief ihnen „Guten Tag!“ zu, und sie antworteten „Guten Tag!“, im gleichen ernsten Ton. Unten, zu ihrer Linken, zogen immer noch Wägelchen die Landstraße nach Cloyes entlang, da der Markt erst um ein Uhr begann. Sie wurden derb gerüttelt auf ihren beiden Rädern, sahen wie Grashüpfer aus, waren so winzig in der Ferne, daß man die Hauben der Frauen nur noch als weißen Punkt unterscheiden konnte.

„Da unten ist ja mein Onkel Fouan mit meiner Tante Rose, die zum Notar wollen“, sagte Françoise, die Augen auf ein nußschalengroßes Gefährt gerichtet, das in mehr als zwei Kilometer Entfernung dahineilte. Sie hatte jenen raschen Matrosenblick, jenen weitreichenden Blick der Leute aus der Ebene, der, auf Einzelheiten gerichtet, imstande ist, einen Menschen oder ein Tier in dem kleinen unruhigen Fleck zu erkennen, zu dem ihre Umrisse zusammengeschrumpft sind.

„Ach ja, man hat mir davon erzählt“, erwiderte Jean. „Es ist also abgemacht, der Alte teilt seinen Besitz zwischen seiner Tochter und seinen beiden Söhnen auf?“

„Es ist abgemacht, sie treffen sich heute bei Herrn Baillehache.“ Sie sah immer noch zu, wie das Wägelchen enteilte. „Uns, uns ist das Wurst, das macht uns weder fetter noch magerer ... Bloß, da ist Geierkopf. Meine Schwester denkt, daß er sie vielleicht heiratet, wenn er sein Teil bekommt.“

Jean fing an zu lachen.

„Dieser verdammte Geierkopf, wir waren Kumpels ... Ach, dem fällt es nicht gerade schwer, den Mädchen etwas vorzuschwindeln! Er braucht eben welche, er nimmt sie mit Faustschlägen, wenn sie nicht nett sind und nicht gleich wollen.“

„Klar, das ist ein Schwein!“ erklärte Françoise mit überzeugter Miene. „Man tut seiner Kusine so eine Schweinerei nicht an, sie mit dickem Bauch sitzenzulassen.“ Aber jäh von Wut gepackt, unterbrach sie sich: „Wart, Coliche! Ich werd dich kirre kriegen! – Da fängt sie wieder an, sie ist rasend, die Coliche, wenn das über sie kommt!“ Mit einem heftigen Ruck hatte sie die Kuh zurückgebracht.

An dieser Stelle verließ der Weg den Rand der höher gelegenen Fläche. Das Wägelchen verschwand, die beiden aber schritten weiter über das ebene Land und hatten dabei vor sich und links und rechts nur noch die endlos sich breitenden Felder. Zwischen den Sturzäckern und den Koppeln zog sich der Pfad hin, ganz eben, ohne einen Strauch, und führte auf das Gehöft zu, das man meinte, mit der Hand berühren zu können, und das unter dem Aschehimmel zurückwich. Sie waren in ihr Schweigen zurückgesunken, sie machten den Mund nicht mehr auf, gleichsam vom nachdenklichen Ernst dieser so traurigen und so fruchtbaren Beauce überkommen.

Als sie anlangten, war der große viereckige Hof von La Borderie, der auf drei Seiten von den Stallungen, den Schafställen und den Scheunen abgeschlossen wurde, menschenleer. Aber sofort erschien auf der Schwelle der Küche eine junge Frau, die ziemlich klein war und dreist und hübsch aussah.

„Was denn, Jean, wird heute vormittag nicht gegessen?“

„Ich komm ja schon, Madame Jacqueline!“

Seitdem die Tochter Cognets, des Chausseewärters von Rognes, die Cognette, wie man sie nannte, als sie mit zwölf Jahren das Geschirr auf dem Gehöft abwusch, in den Rang einer Haushälterin aufgerückt war, verlangte sie despotisch, als Dame behandelt zu werden.

„Ach, du bist’s, Françoise“, fuhr sie fort. „Du kommst wegen des Bullen ... Na schön! Du kannst warten. Der Schweizer ist mit Herrn Hourdequin in Cloyes. Aber er wird bald zurückkommen. Er müßte schon hier sein.“ Und da sich Jean entschloß, in die Küche zu gehen, faßte sie ihn um die Hüften und drückte sich lachend an ihn, ohne sich etwas daraus zu machen, daß sie gesehen wurde, denn sie war unersättlich in der Liebe, und der Herr allein genügte ihr nicht.

Allein geblieben, wartete Françoise geduldig auf einer Steinbank vor der Mistgrube, die ein Drittel des Hofes einnahm. Gedankenlos betrachtete sie eine Schar Hühner, die mit dem Schnabel pickten und sich die Füße auf der niedrigen Dungschicht wärmten, aus der ein leichter blauer Dampf in die schon recht kühle Luft aufstieg.

Als Jean nach einer halben Stunde, noch an einer Butterschnitte kauend, wieder erschien, hatte sie sich nicht von der Stelle gerührt. Er setzte sich neben sie, und da die Kuh unruhig wurde, sich brüllend mit dem Schwanz schlug, sagte er schließlich:

„Das ist ärgerlich, daß der Schweizer nicht heimkommt.“

Das junge Mädchen zuckte die Achseln. Nichts drängte sie. Nach einem abermaligen Schweigen fragte sie dann:

„Also, Korporal, kurzweg Jean heißt Ihr?“

„Aber nein, Jean Macquart.“

„Und Ihr seid nicht aus unserer Gegend?“

„Nein, ich bin Provenzale, aus Plassans, einer Stadt da unten.“

Sie hatte aufgeschaut, um ihn zu mustern, weil sie überrascht war, daß man von so weit her sein könne.

„Nach Solferino“, fuhr er fort, „bin ich dann vor achtzehn Monaten mit meiner Entlassung aus Italien zurückgekommen, und ein Kamerad hat mich hierher mitgenommen ... Da hat mir mein alter Beruf als Tischler nicht mehr gepaßt, allerlei Geschichten haben mich veranlaßt, auf dem Gehöft zu bleiben.“ „Ach“, machte sie bloß, ohne ihn aus ihren großen schwarzen Augen zu lassen.

Aber in diesem Augenblick stieß die Coliche ein gedehntes, vor Begierde verzweifeltes Brüllen aus; und ein heiseres Schnaufen kam aus dem Kuhstall, dessen Tür geschlossen war.

„Sieh mal einer an!“ rief Jean. „César, dieser Kerl hat sie gehört! – Horch, er macht sich da drin bemerkbar ... Oh, er versteht seine Sache, nicht eine kann man auf den Hof bringen, ohne daß er sie riecht, und er weiß, was man von ihm will ...“ Dann unterbrach er sich: „Hör mal, der Schweizer hat wohl bei Herrn Hourdequin bleiben müssen ... Wenn du willst, bring ich dir den Bullen. Wir würden’s gut machen, wir beide.“

„Ja, das ist eine Idee“, sagte Françoise und stand auf.

Er machte schon die Tür des Kuhstalls auf, als er noch fragte:

„Und deine Kuh, muß man die anbinden?“

„Coliche anbinden, nein, nein! Nicht nötig! Sie ist richtig aufgelegt, sie wird sich nicht mal rühren.“

Nachdem die Tür aufgemacht war, erblickte man in zwei Reihen, zu beiden Seiten des Mittelganges, die dreißig Kühe des Gehöftes; die einen lagen auf der Streu, die anderen zermalmten die Runkelrüben aus ihrem Trog; und einer der Bullen, ein schwarzer, weißgefleckter Holländer, streckte aus der Ecke, in der er sich befand, den Kopf vor, in Erwartung der Arbeit, die er zu verrichten hatte.

Sobald César losgebunden war, ging er langsam hinaus. Aber sofort blieb er stehen, gleichsam überrascht von der frischen Luft und dem hellen Tageslicht; und er verharrte eine Minute reglos, erstarrt, nervös den Schwanz schwenkend, den Hals geschwellt, das Maul vorgestreckt und witternd. Ohne sich zu rühren, wandte ihm die Coliche, heiser brüllend, ihre großen, starren Augen zu. Da ging er vor, preßte sich an sie und legte mit einem kurzen und derben Druck den Kopf auf ihre Kruppe; seine Zunge hing heraus, er schob den Schwanz beiseite, leckte bis zu den Schenkeln; sie ließ ihn gewähren und bewegte sich immer noch nicht, nur die Haut kräuselte sich unter einem Erschauern. Untätig und ernst standen Jean und Françoise dabei.

Und als César richtig aufgelegt war, bestieg er die Coliche mit einem jähen Sprung, mit einer gewaltigen Schwere, die den Erdboden erschütterte. Die Coliche hatte nicht gewankt, er umpreßte sie an den Flanken mit seinen beiden Vorderbeinen. Aber sie, ein Tier aus dem Cotentin und von großem Wuchs, war so hoch, so breit für ihn, der von weniger kräftiger Rasse war, daß er nicht zu Rande kam. Er fühlte es, wollte sich vergeblich wieder ermannen.

„Er ist zu lütt“, sagte Françoise.

„Ja, ein bißchen zu lütt“, sagte Jean. „Das macht nichts, er wird trotzdem reinkommen.“

Sie schüttelte den Kopf; und da César noch immer danebenstieß und sich abmühte, faßte sie einen Entschluß.

„Nein, man muß ihm helfen ... Wenn er schlecht reinkommt, geht’s verloren, behält sie nichts.“

Mit ruhiger und aufmerksamer Miene war sie vorgetreten, wie zu einer ernsten Verrichtung. Die Sorgfalt, die sie darauf verwandte, vertiefte das Schwarz ihrer Augen, öffnete leicht ihre roten Lippen in dem reglosen Gesicht. Sie mußte weit ausholen mit dem Arm, sie ergriff mit der ganzen Hand das Glied des Bullen, das sie wieder hochrichtete. Und als er fühlte, daß er am Rande war, raffte er all seine Kraft zusammen und drang mit einem einzigen Lendenstoß tief ein. Dann zog er wieder heraus. Es war getan: der Stoß mit dem Pflanzholz, das ein Samenkorn tief in die Erde drückt. Standfest und mit der empfindungslosen Fruchtbarkeit der Erde, die besät wird, hatte die Kuh ohne eine Bewegung diesen befruchtenden Strahl des Mannestiers empfangen. Sie hatte nicht einmal bei dem Stoß gezittert. Er war bereits zurückgesunken, wobei er von neuem den Erdboden erschütterte.

Françoise, die ihre Hand zurückgezogen hatte, verharrte mit dem Arm in der Luft. Schließlich nahm sie ihn herunter und sagte:

„Das ist geschafft.“

„Und ob!“ antwortete Jean mit einem Ausdruck der Überzeugung, in die sich Zufriedenheit mischte, die Zufriedenheit des guten Arbeiters mit der rasch und gut getanen Arbeit. Er dachte nicht daran, einen jener Späße loszulassen, mit denen die Knechte des Gehöfts mit den Mädchen ihren Ulk trieben, die solcherweise ihre Kühe herbrachten.

Dieses junge Ding schien so was dermaßen einfach und notwendig zu finden, daß es wirklich nichts darüber zu lachen gab, wenn man anständig war. Das war eben ganz natürlich.

Aber seit einem Augenblick hielt sich Jacqueline wiederum an der Tür auf; und mit einem kehligen Gurren, das ihr eigen war, warf sie lustig hin:

„He! Du hast die Hand überall! Dein Liebster findet sich wohl nicht allein zurecht mit dem Ende da!“

Jean brach in schallendes Lachen aus, und Françoise wurde plötzlich über und über rot. Um ihre Verlegenheit zu verbergen, durchwühlte sie – während César von allein in den Stall zurückging und die Coliche einen Fußbreit Hafer abgraste, der in der Mistgrube gewachsen war – verwirrt ihre Taschen, zog schließlich ihr Taschentuch heraus und knotete den Zipfel auf, in den sie die vierzig Sous Deckgeld eingebunden hatte.

„Da! Hier ist das Geld!“ sagte sie. „Schönen guten Abend!“ Sie brach auf mit ihrer Kuh, und Jean, der wieder sein Sätuch nahm, folgte ihr und sagte zu Jacqueline, daß er gemäß den Anordnungen, die Herr Hourdequin ihm für den Tag gegeben hatte, zum Feld Le Poteau gehe.

„Gut!“ antwortete sie. „Die Egge muß dort sein.“ Als der Bursche die kleine Bäuerin dann einholte und sie sich im Gänsemarsch auf dem schmalen Pfad entfernten, rief sie ihnen mit ihrer geilen Possenreißerstimme noch nach: „Keine Gefahr, wenn ihr euch zusammen verirrt, denn die Kleine findet sich schon zurecht.“

Hinter ihnen wurde das Gehöft wieder menschenleer. Keiner von beiden hatte dieses Mal gelacht. Sie schritten langsam dahin, allein das Geräusch ihrer gegen die Steine stoßenden Schuhe war um sie. Er sah von ihr nur den kindlichen Nacken, auf dem sich unterhalb der runden Haube schwarze Härchen kräuselten.

Nach einigen fünfzig Schritten endlich sagte Françoise bedächtig:

„Es ist nicht recht von ihr, die andern mit den Männern aufzuziehen. Ich hätte ihr antworten können ...“ Und sie drehte sich zu dem jungen Mann um und fragte ihn mit schelmischer Miene: „Nicht wahr, es stimmt doch, sie betrügt Herrn Hourdequin, ganz so, als ob sie schon seine Frau wäre ... Ihr wißt vielleicht was darüber, stimmt’s?“

Die Frage verwirrte ihn, er stellte sich dumm.

„Freilich! Sie macht, was ihr gefällt, das ist ihre Sache.“

Françoise hatte ihm den Rücken zugekehrt und sich wieder in Marsch gesetzt.

„Ja, das stimmt ... Ich mache Spaß, weil Ihr beinahe mein Vater sein könntet und das mit Euch keine Folgen nach sich zieht ... Aber seht mal, seit Geierkopf meiner Schwester diese Schweinerei angetan hat, habe ich mir fest geschworen, mir eher alle vier Glieder abzuhacken, als mir einen Liebsten zuzulegen.“

Jean schüttelte den Kopf, und sie redeten nicht mehr. Das kleine Feld Le Poteau lag am Ende des Pfades, auf halbem Wege nach Rognes. Als der Bursche dort war, blieb er stehen. Die Egge wartete auf ihn. Ein Sack Saatgetreide war in einer Furche abgeladen worden. Er füllte sein Sätuch und sagte dabei:

„Also, leb wohl!“

„Lebt wohl!“ antwortete Françoise. „Nochmals, schönen Dank!“

Aber er wurde von einer Furcht erfaßt, er richtete sich wieder auf und rief:

„Hör mal, wenn die Coliche wieder anfängt ... Willst du, daß ich dich bis nach Hause begleite?“

Sie war bereits weit weg, drehte sich um, rief ihm mit ihrer ruhigen und starken Stimme durch das große Schweigen der Flur zu:

„Nein! Nein! Nicht nötig, keine Gefahr mehr! Sie hat ihr Maß voll!“

Das Sätuch über dem Bauch zusammengeknüpft, hatte sich Jean daran gemacht, das Stück Sturzacker hinunterzugehen, mit dem steten Schwung des Armes, mit dem Auffliegen des Korns; und er blickte auf, er sah, wie Françoise winziger wurde zwischen den Feldern, ganz klein ward hinter ihrer trägen Kuh, die ihren großen Körper wiegte. Als er wieder hinaufging, sah er sie nicht mehr; aber bei der Rückkehr fand er sie wieder, noch kleiner geworden, so dünn, daß sie einer Pusteblume ähnelte bei ihrem schlanken Wuchs und mit ihrer weißen Haube. Dreimal wurde sie solchermaßen immer kleiner; dann suchte er sie vergebens, sie mußte vor der Kirche um die Ecke gebogen sein.

Es schlug zwei Uhr. Der Himmel blieb grau, dumpf und eisig; und Schaufeln voll feiner Asche schienen dort die Sonne für lange Monate, bis zum Frühling, begraben zu haben. In dieser Traurigkeit ließ ein hellerer Fleck die Wolken in Richtung Orleans blaß wirken, als habe in dieser Gegend, meilenweit entfernt, irgendwo die Sonne gestrahlt. Auf diesem fahlen Ausschnitt hob sich der Kirchturm von Rognes ab, während, in der unsichtbaren Geländefalte der Aigre-Mulde verborgen, das Dorf zum Tal hin abfiel. Aber in Richtung Chartres, im Norden, bewahrte die ebene Linie des Horizonts zwischen der erdigen Einförmigkeit des weiten Himmels und der sich grenzenlos entrollenden Beauce die Deutlichkeit eines Tintenstrichs, der eine Tuschzeichnung durchschneidet. Seit dem Mittagessen schien die Zahl der Säer dort zugenommen zu haben. Nun hatte jedes Stückchen des leichten Ackerbodens seinen Sämann, sie vermehrten sich, wimmelten wie emsige schwarze Ameisen, die durch irgendeine schwere Arbeit in Aufregung versetzt waren und sich wild auf ein übermäßiges, im Vergleich zu ihrer Winzigkeit riesiges Werk stürzten; und dennoch unterschied man sogar bei den Fernsten die eigensinnige Gebärde, immer die gleiche Gebärde, diese Starrköpfigkeit von Insekten im Ringen mit der Unermeßlichkeit des Bodens, diese letzten Endes über die Weite und das Leben siegende Starrköpfigkeit.

Bis zum Einbruch der Nacht säte Jean. Nach dem Feld Le Poteau kamen die Felder Les Rigoles und Les Quatre-Chemins dran. Mit langen rhythmischen Schritten ging er die Sturzäcker auf und nieder, und das Getreide in seinem Sätuch brauchte sich auf, die Saat befruchtete hinter ihm die Erde.

Die Erde

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