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ОглавлениеEs hatte keinen lärmenden Auftritt gegeben – Herr Koblank hatte nur »dem Skandal ein Ende gemacht«. Die Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn hatte aber, gerade weil sie jedes Toben und Schimpfen vermieden, einen so hohen Grad gegenseitiger Feindseligkeit verraten, daß ein enges Zusammenleben zur Unmöglichkeit wurde, zumal Theo hinter diesem Zusammenstoß Röschens Einfluß vermutete und jedes Zusammentreffen, jede Aussprache, jeden Versöhnungsversuch schroff ablehnte. Er erschien nicht mehr zu den Mahlzeiten, kam nur nachts heim und – eines Tages – blieb er ganz fort.
Am nächsten Morgen erhielt dann Herr Koblank einen Brief von seinem Sohn, in dem er ihm mitteilte, daß er sich in der Nähe der Universitätsklinik ein möbliertes Zimmer gemietet habe, um nicht »durch das tägliche Hin und Her so viele kostbare Arbeitszeit zu verlieren«. Er befreie dadurch die Familie von seiner anstößigen Gesellschaft, denn es sei ihm unmöglich, seine Lebensführung nach dem Metermaß der Philister einzurichten. Er bat, um die Kosten seines Unterhaltes bestreiten zu können, um pünktliche monatliche Einsendung einer Summe, wie sie andere Studenten auch bekämen. Sollte dieses Geld ausbleiben, so wäre er zu seinem Bedauern gezwungen, auf den Namen des Vaters Kredite zu fordern, Schulden zu machen, sein Studium aufzugeben und als Kellner oder Hausknecht nach Amerika zu gehen. »Alle Versuche, mich etwa wieder in das Prokrustesbett Eures Familienlebens zu spannen, sind unnütz« – schloß der ohne Gruß nur mit »Theo Koblank« unterzeichnete Brief.
Ferdinand las zunächst einmal sorgfältig nach, was im Lexikon unter »Prokrustesbett« verzeichnet stand, dann erst gab er seiner Frau den Brief.
»Ich bin dran schuld«, sagte sie schluchzend, »mein Jott, wenn ick jeahnt hätte, det es so kommen würde ...«
»Ich kann mir nicht helfen«, bemerkte Herr Koblank, »der olle Ben Akiba hat doch immer recht – es ist alles schon dajewesen! So bin ich damals auch von meinem Vater wegjelaufen, weil er mich zwingen wollte, zwölf Jahre beim Militär zu bleiben, um den Zivilversorgungsschein und dann dadrauf eine Beamtenstellung mit Pensionsberechtigung zu kriegen. Da bin ich eines Tages einfach meiner Wege jegangen, und die haben mich in die höhere Kaste jeführt. Na – nu wollen wir doch mal sehen, ob der Bengel mit seinem Dickkopp in eine noch höhere rutscht! Jram bin ich ihm deswegen nicht, ich bin kein Prokrustes, werde ihm nischt von den Beinen abhacken oder ihn wie ’n Jummischlauch langziehen, damit er in die Bettstelle paßt. Das Jeld soll er haben – und nu loof, Jungekin, bis du dir die Hörner abjestoßen hast! Scherscheh la Famme – wie der olle Rat am Stammtisch immer sagt, was Französisch ist und soviel bedeutet wie: Die verflixten Weiber sind jedesmal schuld!«
»Nu wird er janz verkommen«, seufzte Röschen, »ohne Aufsicht da oben in das Viertel, wo die Verführung für die jungen Männer an alle Ecken lauert! Det is doch da, wo der Zirkus is – na ja, da is er ohne Widerstandskraft einfach verloren. Wir müssen ihn wieder zurückholen.«
»Nee – alt jenug ist er, wir können ihn nicht ewig am Jängelbande führen. Das einzige ist, wir schicken ab und zu mal Anton hin, daß er sieht, wie es ihm jeht, ob er jesund ist. Ich bin janz froh, daß es so jekommen ist, wenigstens bleibt hier die Luft rein, denn wenn wir ihn zurückholen, jinge die Völlerei erst recht los!«