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Der Narzisst und die Liebe
ОглавлениеRollenspiele und Ausbeutung
Ist die Beziehung durch einen Narzissten geprägt, wird die eigene Persönlichkeit immer mehr beiseite geschoben. Perfide und mit Bedacht drängt er jeden in eine vorgefertigte Rolle, damit er sich seiner bedienen kann. Besonders diejenigen, die eine enge Beziehung mit ihm eingehen, sind gefährdet. Diese bleiben nachher nicht mehr bei ihm, weil sie ihn lieben, sondern weil sie Angst haben, ihn zu verlieren.
Die Partnerin bleibt, weil ihre persönliche Verlustangst sonst erbarmungslos zuschlägt und seine Kinder bleiben, weil er ihr Vater ist. Es gibt noch viele andere Gründe, die hier weiter angeführt werden könnten!
Liebe fragt jedoch selten danach, ob der geliebte Mensch tatsächlich einen Nutzen bringt. In einer narzisstischen Partnerschaft dagegen, spielt dieser Gedanke eine tragende Rolle. Der Narzisst möchte Anerkennung und Bewunderung erhalten, während alle anderen nach Liebe, emotionaler Sicherheit und Geborgenheit suchen.
Liebe ist jedoch nicht greifbar. Sie ist eine starke Emotion, die den Körper erbeben lässt und uns in seelische Höhen und Tiefen führt. Da der Narzisst das Gefühl „zu lieben“ emotional jedoch nicht kennt, kann er es auch nicht zulassen. Wer dieses Gefühl nicht zulassen kann, wird es auch selbst nicht geben können. Jedenfalls nicht diese Art von Liebe, die bereichert und glücklich macht, auch wenn er ständig an irgendwelchen Orten danach sucht. Im narzisstischen Denken sind Emotionen eher wie Fremdkörper. Sie erscheinen rätselhaft, surreal und unwirklich.
Schon in seiner Kindheit konnte der Aggressor dieser Gefühlswelt keinen Raum geben, weil man ihm diesen Raum nicht zugestanden hat. Empfindungen, Emotionen und Gefühlsregungen sind ihm bestimmt nicht fremd; er erreicht sie emotional nur nicht mehr.
Über die Partnerin versucht er ihnen nahe zu kommen, indem er verschiedene Empfindungen bei ihr auslöst und ihre Wirkungsweise betrachtet. Für sich selbst erfassen und einordnen kann er diese Emotionen jedoch nicht.
„Auch der Mensch, der diese Emotionen in sich trägt, bleibt ihm eigentlich fremd. Zwischen zwei Menschen baut sich eine Mauer auf, die nicht überwunden werden kann.“
Statt auf die Liebe seiner Partnerin zu vertrauen, fordert er eine lückenlose Beweisführung und scheitert. Natürlich, muss dieser Versuch scheitern. Da Liebe rational nicht erfasst werden kann, verlangt er Unmögliches von seiner Partnerin.
Die Worte: „Bring Kaffee mit“, haben für ihn in etwa die gleiche Bedeutung wie: „Ich liebe Dich.“ Die unterschiedlichen Gemütsbewegungen, die diese Worte auslösen, sind für ihn ohne Bedeutung.
Vergisst die Partnerin seinen geliebten Kaffee, kann sie ihn nicht lieben. Würde sie ihn lieben, hätte sie daran gedacht. Damit ist seine Beweisführung abgeschlossen und er wendet sich von ihr ab. In diesem Beispiel geht es also nicht wirklich um den Kaffee, sondern um den Beweis ihrer Liebe. Ihre Worte sind nutzlos.
Worte, als Zeichen ihrer Liebe und Wertschätzung, haben für ihn in keine Bedeutung. Er braucht sichtbaren Beweise. Was ist die Partnerin tatsächlich bereit für ihn zu tun? Würde sie sich für ihn verschulden? Würde sie sich für ihn scheiden lassen? Würde sie zu ihm zurückkommen, obwohl er sie betrügt?
Das alles wären sichtbare Zeichen ihrer Liebe; die er immer wieder neu einfordert. Allerdings wird er sich mit dem Ergebnis niemals zufrieden geben. Mit immer neuen Vorgaben quält er die Partnerin, die ihr bestes versucht und ihre Verhaltensmuster darauf abstimmt.
Ihre Liebe wird sie niemals lückenlos beweisen können, da sie sich nicht vollends aufgeben kann. Liebe, als ein allumfassendes Gefühl, ohne Wissen und Vernunft, gibt es für ihn nicht.
Da er dieser Emotion keine Bedeutung zumessen kann, ist ihm die Tragweite seines Denkens wohl kaum bekannt. Würde er sich damit identifizieren können, wären seine Ansprüche nicht so pervers angelegt.
wenn die Liebe erfriert
Seine eigene Wortwahl hat für ihn ebenfalls keine emotionale Bedeutung. Er setzt bestimmte Worte ein, ohne den emotionalen Hintergrund zu betrachten. Sagt er seiner Partnerin heute noch, dass er sie liebt, verhält er sich morgen derart perfide und gemein, dass sie an seinen Worten zweifeln muss. In seiner Welt kann beides nebeneinander bestehen, ohne sich zu auszuschließen. Seine emotionslose Welt lässt diese Möglichkeit durchaus zu.
Auch dieses perfide Denken kann die Partnerin kaum nachvollziehen und viele seiner Verhaltensmuster bleiben ihr fremd. Sie versucht ihn zu verstehen und verbringt ihr Leben damit, eine Nähe herzustellen, die er im Grunde ablehnt. Sozial allein gelassen, ist er es gewohnt, auf andere Weise Kontakt herzustellen.
Soziales Verhalten kann er zwar erlernen, aber nicht eigenständig anwenden, da es ihm an Empathie fehlt. Gerät er in eine unbekannte Situation, kann er nicht auf die entsprechenden Gefühlsebenen zurückgreifen. Was er tun kann, um eine Begebenheit emotional positiv für andere aufzulösen, dafür fehlt ihm das Mitfühlen mit diesen Personen.
Werden die seelischen Verletzungen entsprechend groß, weil das Opfer diesen emotionalen Winter nicht aushalten kann, wird das Problem deutlich. Kommen erste Trennungsgespräche in Gang, wird das ganze Ausmaß seiner erkalteten Gefühlswelt sichtbar. Nur selten zeigt er eine direkte Reaktion und Worte scheinen auch hier keine Wirkung zu erzielen. Schnell geht er zur Tagesordnung über und wirkt eher unbeteiligt.
Steht die Partnerin dann mit gepackten Koffern vor der Tür, demonstriert er Überraschung und reagiert entsprechend verspätet.
Die Betroffene gewöhnt sich schnell an dieses Verhalten, da auch sie seinen Worten nachher keine richtige Bedeutung mehr zuordnet. Obwohl er sich trennt, ist sie nach der ersten SMS wieder bei ihm. Gespräche, über die gemeinsame Situation, finden kaum statt.
Zeigt sie sich am Anfang noch verwundert, wie schnell er die gemeinsamen Schwierigkeiten hinter sich lassen kann, passt sie sich nachher problemlos an. Sie überspielt ihre negativen Gefühle und versucht positiv zu denken. Die Freude ihn wiederzusehen, überdeckt ihre Sorgen, die Beziehung für immer zu verlieren.
Liebe und Leistung
Für ihn ist es jedoch eine Selbstverständlichkeit, dass sie zurückkommt. Schließlich ist er ein liebevoller Mensch, der sich für sie aufopfert. Warum sollte sie sich also beschweren? Warum sollte sie ihn verlassen wollen?
Er spiegelt seiner Partnerin genau die Welt, die sie sich wünscht und dafür will er Dankbarkeit. Grenzenlose Dankbarkeit. In seinen Augen, präsentiert er ihr den perfekten Partner und diese harte Arbeit soll schließlich belohnt werden. Weiß sie seinen Einsatz nicht zu schätzen, ist es für ihn eine Selbstverständlichkeit, dass er sich trennt. Reagiert die Partnerin nicht in seinem Sinn, ist sie seiner Mühe nicht wert.
Sie weiß nicht zu schätzen, was sie an ihm hat und genau dieses Denken, lässt er sie auch immer wieder spüren. Selbst Dinge, die in einer Beziehung selbstverständlich sind, soll die Partnerin bis in den Himmel loben und ihm unterwürfig gegenübertreten. Diese Fehleinschätzung treibt ihn an und diese ist mitunter auch der Grund für die vielen Auseinandersetzungen, die eine Trennung herbeiführen und die er immer wieder neu provoziert.
Neid, Missgunst, Geiz
Dass sein Verhalten nicht darauf ausgerichtet ist, jemanden geborgen und liebevoll in die Zukunft zu tragen, erkennt nicht nur die Partnerin. Auch seine Kinder spüren schnell die Grenzen seiner Vaterschaft. Jeder empfindet sich selbst – innerhalb kürzester Zeit – als minderwertig und rückt emotional zur Seite.
Das perfide daran ist, dass er genau diese Empfindungen in den Personen auslöst, die er eigentlich an sich binden will. Die emotionalen Machtmittel, mit denen er sich deren Liebe und Anerkennung sichern will, treiben ihn allerdings von diesen Menschen weg. Verständlicherweise. Sein Neid zerfrisst alles. Seine Missgunst und sein Geiz ist kaum zu übersehen.
Solange er seine Partnerin als zu sich zugehörig empfindet, kann er diese Gefühle noch perfekt tarnen. Was er gibt, gibt er nicht seiner Partnerin, sondern sich selbst, weil er sich in ihr spiegelt. Benimmt sie sich scheinbar nicht konform, nimmt er ihr weg, was er ihr zuvor noch gegeben hat: Liebe, Anerkennung, Zuversicht und Aufmerksamkeit. Ein anderes Denken kann er nicht zulassen.
Zwischen Anerkennung und Hass gibt es für ihn nur ein großes Nichts. Mit diesem Verhalten erzeugt er beim anderen eine Abhängigkeit, die ihm scheinbar mehr bedeutet als Liebe.
Sehnsüchte und Gefühlsebenen
Das tragische daran ist, dass diese Personen ihn tatsächlich einst von Herzen geliebt haben. Wohlwollend und aufrichtig haben sie ihm ihre Zuneigung gezeigt. Seine Masken, die er aufgesetzt hat, wurden verehrt und angebetet. Sein falsches Interesse, dass er geheuchelt und vorgetäuscht hat, wurde für echt gehalten und in Liebe verwandelt.
Irgendwann stellt die Partnerin jedoch fest, dass sie sich in einen Mann verliebt hat, den es in Wahrheit gar nicht gibt. Den sie noch nicht einmal kennt und den sie auch längst nicht mehr will. Sie braucht ihn, wie Blumen das Wasser brauchen. Mehr nicht!
Nur ihre übergroße Sehnsucht nach diesem imaginären Mann bleibt ihr noch erhalten. Diese Sehnsucht wird sogar immer größer, weil er ihr, in der Person des Aggressors, immer wieder neu begegnet. Er ist derjenige, der ihr in der Anfangszeit diese wunderbare Gefühlswelt geben konnte. Diese Welt kennt sie gut.
In ihr sind alle geheimen Wünsche und Sehnsüchte gebündelt, die er als die seinen ausgegeben hat, um sich einst ihre Liebe zu erschleichen. Ihr Begehren danach hat er erkannt und ihr genau das in Aussicht gestellt, was sie sich wünscht.
Die nächste Partnerin bekommt ebenfalls ihre Begehrlichkeiten und Träume gespiegelt, aber nichts davon ist Ausdruck seiner Persönlichkeit oder seines Charakters. Auch sie wartet geduldig darauf, dass er sich ihr liebevoll zuwendet, wenn sein perfides Verhalten ihn forttreibt. Auch sie versucht seine Gemeinheiten zu übersehen und liebt ihn, trotz seiner gemeinen Art und Weise. Sie bleibt bei ihm und übernimmt bereitwillig die Emotionen, die er selbst nicht ausleben will. Sie begibt sich auf seine Gefühlsebene und versucht Verständnis aufzubringen.
Er hat wieder einmal die perfekte Frau für sich gefunden. Ihre übergroße Fähigkeit zur Empathie hat ihm gerade die Tür geöffnet.