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3.

Furrers Wut auf die Behörde konnte ich ein wenig verstehen. Als jüngstes und neuestes Mitglied hatte auch ich meine liebe Not, mich in den behördeneigenen Groove einzuleben. Die einen wollten sinnvolle Projekte unterstützen, die anderen darauf achten, dass die Steuergelder nicht verschwendet wurden.

Als Neue war es für mich eine große Herausforderung, mich im Behördenhandbuch, den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe SKOS und den Gesetzesvorlagen zurechtzufinden. Denn „die Hubers und Müllers“ verhielten sich selten nach den Buchstaben der Reglemente. Genau da kam die Behörde ins Spiel, sie würde die Bestimmungen im Sinne der Bürger auslegen.

Die Mitglieder der Sozialbehörde trafen sich jeden ersten Montag im Monat zur Sitzung. So auch am Abend vor Furrers Auftritt in meinem Wohnzimmer. Im Raum war es stickig warm, was der reibungslosen Abwicklung der Geschäfte nicht gerade förderlich war. Schon den ganzen Tag über hatte eine ungewöhnliche Hitze geherrscht und auch die weit geöffneten Fenster hatten keine Erleichterung gebracht.

Die Gemeinderätin Uschi hatte den Vorsitz. Sonst immer duschfrisch, hatten sich sogar bei ihr Schweißperlen über den Lippen gebildet. Ursula Brenner, verheiratet mit einem Beamten, schlank mit leichtem Hang zur Auszehrung, war spezialisiert auf Frauenfragen und setzte sich für mehr Gleichberechtigung ein. Ständig um ihre Stellung bemüht, kippte ihr Ton schnell ins Quengelige; wenn das nichts brachte, flossen schnell mal Tränen. Unterstützung holte sie sich bei der Christlichen Volkspartei. Ihr aktueller Familienzuwachs hieß Lasso von Hohenklaue, ein Shetland-Terrier, in den sie furchtbar vernarrt war.

Der Dienstälteste im Team war Markus Kehl, „Bankkaufmann a. B.“, wie er mit einem Grinsen erklärte, bei dem er nur die Unterlippe verzog. „A. B.“ hieß bei ihm: auf Bewährung.

„Mit ü-sechzig sucht der Chef immer einen Grund, dich zu zwangspensionieren. Egal ob du drei oder dreißig Jahre für die Firma geschuftet hast, bist du jetzt zu alt, zu teuer und zu unflexibel geworden. Mit dem kleinsten Fehler lieferst du ihm den Steilpass, dich elegant loszuwerden.“ Das ehemalige Nachwuchstalent im Radsport, und immer noch leidenschaftlicher Radler, war geschieden und sprach im Namen der Freisinnig-Demokratischen Partei. Sein kohlschwarzes Haar verdankte er seiner sizilianischen Mutter. Das Bankeroutfit mit blauem Anzug, Hemd und Krawatte umspielte seine ansehnliche Wampe, die er nicht ohne Stolz trug. Bei Sitzungen hängte er sein Sakko über die Stuhllehne, reckte zwischendurch seine Arme und zeigte offen, wo sein Deo versagt hatte.

Robin Haas, vierundzwanzig Jahre jünger, gelernter Automechaniker, der sich zum Informatiker hatte umschulen lassen, war der Dritte im Team. Er besaß ein Start-up-Unternehmen, bestehend aus einem Lehrling und der Frauenstimme eines Telefonservice-Dienstleisters. Sein Handy klebte ihm in Form eines Headsets ununterbrochen am Ohr, während der Sitzungen tippte er immer wieder verstohlen eine SMS. Ebenfalls der FDP angetan, fühlte er sich verpflichtet, erfolgreich zu sein und der Welt seinen Stempel aufzudrücken. Mit Vorliebe führte er den freispielenden Markt ins Feld und beklagte wiehernde Amtsschimmel. Ständig musste er seine Intelligenz unter Beweis stellen und riss gerne guerillamässig die Gesprächsleitung an sich. Seine Taktik war so einfach wie effektiv: Er quatschte so lange auf die Kontrahenten ein, bis sie überdrüssig einknickten. Am liebsten trug er bügelfreie Polos und Jeans. Auch ihm hatten bei der gestrigen Sitzung die halblangen Locken, die einem Hausdach ähnelten, verschwitzt und welk am Kopf geklebt.

Dora Battaglia war ein Jahr jünger als er und unsere Finanzvorsteherin. Als Hausfrau und Mutter von drei süßen Kindern und Mitglied der Schweizer Volkspartei wirkte sie dankbar, sich auch außerhalb ihres Haushaltes nützlich machen zu können. Trotz ihres quirligen Naturells gab sie sich bodenständig couragiert, ihre Argumente untermauerte sie gerne mit Rechenaufgaben. In der Hitze der Sitzung war ihr sonst so sprühendes Wesen verdorrt.

Jüngstes und neuestes Mitglied der Sozialbehörde war ich, Janet, Protokollführerin und keiner Partei zugetan. Für die Linken war ich zu liberal, für die Freisinnigen zu sozial, die Volkspartei mit ihrer Schweizer-Kreuz-Manie gab mir stets das Gefühl, der falschen Religion anzugehören, und die Christlichen überließen mir zu oft den Letztgenannten das Feld. Meine politische Meinung berücksichtigte von allem ein bisschen. Das genügte offenbar auch meinen Wählern.

Zu Beginn der Sitzung forderte Uschi uns auf, uns kurzzufassen, um mit den Traktanden durchzukommen. Ein fataler Fehler, denn damit war ein schnelles Abhaken der Punkte bereits unmöglich geworden. Robin war nicht einverstanden, Fakten könnten nicht einfach weggelassen werden, um die Sitzung zu straffen, monierte er, man müsse sich schon die Zeit nehmen und alles gegeneinander abwägen und so weiter und so fort. Uschi unterbrach ihn und gestand ihm zu, wichtige Diskussionen nicht unterlassen zu müssen, was Markus Kehl zu der Bemerkung veranlasste, wir verplemperten sowieso viel zu viel Zeit. Wenn sich alle auf die Sitzung vorbereiten würden, wären wir schneller fertig. Das wiederum war das Stichwort für eines von Doras Rechenbeispielen und ich lehnte mich resigniert zurück, denn die nun folgende Diskussion über Belanglosigkeiten war nicht mehr aufzuhalten.

„Das stimmt, stellt euch vor, wir würden jedes Traktandum sieben Minuten schneller erledigen? Oder besser, um fünf, oder nein, nehmen wir ein Mittel: Also …“

Uschi zog die Bremse: „Bitte, Dora. Dafür haben wir keine Zeit.“

Und Robin tröstete: „Du kannst das zu Hause in Ruhe durchrechnen und teilst uns das Ergebnis in der nächsten Sitzung mit. Einverstanden?“

Dora runzelte die Stirn und bewegte weiter lautlos ihre Lippen, sie rechnete. Dann streckte sie auf wie eine Drittklässlerin: „Ich hab’s: Wenn wir fünfmal …“

„Dora!“

„Ist Okay. Mein Mann sagt auch immer: ,A little less conversation, a little more action please‘ das ist von Elvis. Wusstet ihr das?“

Ich verdrehte die Augen und dachte, ach wie gut, dass niemand weiss, welche Einzeller noch existierten.

Gleich bei meinem Antritt hatte ich aus diesem Grund einen Vorschlag eingebracht: Anstatt zusammenzukommen könnten wir uns in Zukunft mittels Skype in einer Konferenzschaltung bequem von zu Hause aus zuschalten. Meinen Hintergedanken, dass man bei längeren Diskussionen nebenher andere Dinge hätte erledigen können, verschwieg ich. Dabei hätte es so bequem sein können: Dora hätte ihre Kinder ins Bett bringen können; Uschi mit ihrem Hund Gassi gehen, während sie auf dem Smartphone zugeschaltet blieb; Robin und Markus hätten sich direkt aus dem Restaurant Linde zuschalten und ich nebenher meine Lieblingsserie „Two and a half Men“ schauen können. Doch mein Vorschlag wurde abgeschmettert.

„Niemals, ich käme überhaupt nicht mehr von zu Hause weg“, hatte Dora protestiert. Und auch Markus war dagegen, da er „dem ganzen elektronischen Zeug“ misstraue, das nur ein weiterer Versuch sei, uns rund um die Uhr zu überwachen und auszuspionieren.

So waren wir an diesem Abend also gefangen in dem schwülen Besprechungsraum und erst um neun Uhr abends klebte uns das dritte Traktandum unselig an den Händen.

Markus Kehl schilderte uns die Umstände des von ihm bearbeiteten Falles der Familie Qantado aus Marokko und beantragte zur Verbesserung ihrer Integration den Besuch eines Deutschkurses für die Ehefrau. Darauf brach ein wahres Diskussionsgewitter los, als müsste sich die angestaute Hitze Luft verschaffen.

Es ging hoch her, wir kamen einer Lösung keinen Schritt näher. Die einen wollten ihm die finanziellen Hilfen kürzen, die anderen ihn zu „echter Arbeit“ bringen.

Letzteres immerhin versuchte er, das hatte ich herausgefunden und das trug ich meinen verblüfften Kolleginnen und Kollegen jetzt stolz vor. Familienvater Qantado ging verschiedenen Hilfsjobs nach, im Restaurant Linde, im Dorfladen und beim Gemüsebauer. Alles schwarz und schlecht entlohnt. Ich belegte meine Erkenntnisse mit ein paar Fotos, die ich bei der Arbeit von ihm geschossen hatte.

„Sag mal, spionierst du mir jetzt auch nach?“, argwöhnte Markus, immerhin sei es sein Fall, nicht meiner, und überhaupt. „Warum sagst du mir nichts davon?“

Die Diskussion ging in eine neue Runde. Dass Qantado schwarzarbeitete, wurde nun gegen ihn verwandt – Beiträge kürzen, Bußgeld verhängen. Robin und ich versuchten dagegenzuhalten, doch das Resultat unserer Abstimmung war niederschmetternd. Die Zuschüsse an die Familie Qantado wurden gestrichen und sie bekamen obendrein eine Busse von dreißig Franken.

„Super! Qantado kann sich bei Janet bedanken. Das hast du allein, ihm mit deiner Schnüffelei eingebrockt“, brummte Markus.

Auch ohne diese Tatsache noch einmal vorgesetzt zu bekommen, hätte ich mir vor Wut in den Arsch beißen können.

Ich musste dringend Dampf ablassen und machte eine Zigarettenpause. Allerdings nicht, um zu rauchen, das tat ich ohnehin nicht. Aber wenn, hätte ich mir in dem Moment eine angesteckt.

Diese lauwarmen Entscheide, diese scheibchenweisen Zugeständnisse waren zum Kotzen. Warum konnte man dem arbeitswilligen Vater keine ernsthafte Arbeit geben, bei der er genug verdiente, um die Familie zu ernähren? Warum legte man alles immer nur auf Schadensbegrenzung aus? Warum immer nur das Minimum bewilligen? Es war zum Aus-der-Haut-Fahren.

Seufzend schaute ich auf die Uhr. Ich hatte keine Lust, wieder rein zu gehen. Jedem Entscheid gingen stundenlange Diskussionen voraus und nach über einer Stunde waren wir erst beim dritten von acht Punkten angelangt. Bisher hatten wir nie mehr als fünf Traktanden an einem Abend geschafft.

Eigentlich hatte ich mir die Aufgabe der Sozialbehörde anders vorgestellt. Ich glaubte, bedürftigen Leuten helfen zu können. Stattdessen ging es darum, ob die Müllers im Altersheim weiterhin gratis Tickets für das Regionalkino erhalten sollten. Ob Frau Hubers Antrag auf Ergänzungsleistungen gutgeheißen werden könne, obwohl sie im eigenen Vier-Familienhaus wohnte und von den Mieteinkünften lebte. Und eben um Familien wie die Qantados.

Ich stand neben dem Aschenbecher und seufzte, dabei hörte ich meinem Magen zu, wie er sich vor lauter Diät verknotete, und zählte zur Entspannung Kalorien. Doch es half nichts, ich musste wieder zurück.

Als ich eintrat, schlug mir eine dumpfe Stimmung entgegen. Uschi mahnte zur Eile und wies mich an, spontane Pausen zu unterlassen. „Dein Engagement im Fall Qantado in Ehren, aber dein Vorgehen war unkollegial. Warum hast du Markus nichts von deinen Nachforschungen gesagt? Wie kommst du dazu, ohne Absprache mit uns an einem Fall zu arbeiten? Du benimmst dich, als wären wir die letzten Hinterwäldler.“

Ertappt starrte ich sie an.

„Ich weiß nicht, woher dein Misstrauen rührt“, fuhr sie fort. „Diese Herumspioniererei, das geht nicht! Was soll das? Das ist hier doch kein Krimi. Und seit wann rauchst du überhaupt?“

Ich räusperte mich und erklärte, dass, wenn ich gewusst hätte, worauf meine Nachforschungen hinauslaufen würden, ich anders reagiert hätte. Da der Fall heute auf der Tagesordnung gestanden habe, sei ich davon ausgegangen, es hätte sich erübrigt, Markus vorab zu informieren.

„Gib uns bitte Bescheid, bevor wir unsere Gesichter auf Facebook wiederfinden, wenn du hier heimlich wild in der Gegend rumfotografierst“, fuhr mich Dora an.

Und dann redeten sie alle gleichzeitig auf mich ein. Je mehr ich versuchte zu erklären, desto heftiger wurden die Vorwürfe. Ich sei nicht teamfähig, Zusammenarbeit sei ein Fremdwort für mich und als Neue solle ich erst mal zuhören und nicht gleich alle plattfahren.

Durch das Geschrei drang Uschis hohe, zitternde Stimme mit einem Ordnungsantrag. „Eines der Traktanden betrifft den Teamausflug, den wir aus Dringlichkeit vorziehen. Wir müssen unsere Zusammenarbeit und Kommunikation verbessern sowie das Verständnis füreinander fördern.“

Wir blickten uns verwundert an. Uschi schlug vor, im Anschluss an die Sitzung in der Gartenlaube des Restaurants Linde zusammenzukommen, zwecks Planung des Team-Anlasses.

Allgemeiner Aufschrei; nicht eruierbar ob positiv oder negativ.

„Wer übernimmt die Organisation?“

In das folgende Schweigen mischte sich unbehagliches Stühlerücken.

Zu fortgeschrittener Stunde kam das nächste Traktandum an die Reihe. Es ging um die schriftliche Aufforderung von Hans Furrer, ihm den Wohnort seiner Enkelinnen mitzuteilen. Falls wir ihren Aufenthaltsort immer noch nicht herausgefunden hätten, verlange er, dass wir bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgäben. Sein Schreiben schloss mit den Worten: „… sonst passiert was!“

Markus brachte seinen Spruch: „Der Furrer, das alte Raubein, kämpft wieder mal gegen Windmühlen. Seit dem T od seiner Frau Nelly ist er völlig von der Rolle.“

„Da geht es doch um die Sache mit Iris’ Ex-Mann, der mit den Kindern weggezogen ist?“, überlegte Robin laut. „Der kam immer nur aus der Deckung, um Geld von Iris zu pumpen. Als ob die welches gehabt hätte.“

Iris, erklärte mir Dora kopfschüttelnd, sei naiv gewesen, eine Träumerin, untypisch für eine Schweizerin. Sie schien nicht von dieser Welt. Selten habe sie jemanden getroffen, der sich im realen Leben so wenig zurechtfand wie Iris. Sie sei ein tragischer Fall, von Anfang bis Ende. Die Männer habe sie angezogen wie Motten das Licht, schließlich habe sie Kevin, dieses Frettchen, geheiratet und sein Kind bekommen, nachdem er längst wieder verschwunden war. Wahrscheinlich, weil es nicht seins war. Ihr könne man da nichts vormachen, stellte Dora fest. Und als er wieder auftauchte, habe sie noch ein Kind auf die Welt gebracht – nur um sich anschließend scheiden zu lassen. Die Männer seien ihr doch alle verfallen gewesen, eine Nymphomanin eben.

„Du musst es ja wissen“, murrte Robin.

„Sicher!“, Dora rollte mit den Augen. „Sie hat ihre Liebhaber gewechselt wie andere ihre Unterwäsche.“

„Neidisch?“

„Hör mal, ich weiß, wovon ich rede.“ Nachdenklicher setzte sie hinzu: „Entschuldige – vielleicht trauerst du ja noch um sie.“

„Halt dein Schandmaul“, schnappte Markus. „So redet man nicht über eine Tote. Ich verbitte mir das. Aus dir spricht die pure Eifersucht.“

„Du hast mir gar nichts zu verbieten. Also wirklich! Die Zeiten, in denen Männer Machtworte gesprochen haben, sind vorbei.“ Dora sah die anderen an. „Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Benni zum Beispiel, der Betreibungsbeamte, der war dauernd bei ihr.“

„Dürfte einen eher monetären als einen emotionalen Grund gehabt haben. Ihr flatterten täglich Pfändungsandrohungen ins Haus“, brummte Robin.

Dora blieb dabei, Benni sei dem Charme der zarten Frau erlegen und habe nur deshalb die Fristen verlängert. Markus schüttelte den Kopf, kramte ein Foto von Iris hervor und zeigte es mir.

Typisch, allen habe sie den Kopf verdreht, wie man sehe, ließ sich Dora vernehmen. Und nicht nur Benni, vor ihm sei der Lindenwirt regelmäßig bei Iris gewesen, exakt nachdem ihm seine Frau davongelaufen sei.

„Bevor du noch mehr Affären erfindest: Die Frau des Wirtes ist mit ihrem Kurschatten abgehauen. Das hatte nichts mit Iris zu tun“, trug Uschi bei.

„Wenn du meinst? “ Dora klang nicht überzeugt. „Ich sage euch, die Männer gaben sich bei ihr die Klinke in die Hand. Ich habe ihren Hauseingang genau im Blickfeld. Und dir, Robin, wurde das Hin und Her bei ihr auch zu viel, gell? Sogar Markus.“

„Verschone uns mit deiner Einfühlungsgabe“, bemerkte Robin angewidert. „Überhaupt: Was willst du damit sagen? War sie ein Mensch zweiter Klasse, weil sie viele Männer, aber kein Glück im Leben hatte?“

„Nein, aber wäre sie weniger flatterhaft gewesen, müssten wir nicht aufwendig nach den Kindern forschen, die sie in die Welt gesetzt hat.“

Dieses blöde Gerede müsse er sich nicht länger anhören, erklärte Markus. Am Ende sei Iris noch schuld, dass ein anderer mit dem Auto in sie reingefahren sei.

Wenn sie geregelte Verhältnisse gehabt hätte, müsste sich die Behörde jetzt nicht über ihren Fall beugen, beharrte Dora.

„Wenn der Hund nicht geschissen hätte, hätte er die Katze erwischt“, bemerkte ich trocken. „Der an mich übergebene Fall weist einige Lücken auf. Du hast dich mit Nachforschungen nicht gerade überanstrengt, obwohl du doch der Familie gegenüber so kritisch bist, Dora.“

„Was? Das muss ich mir nicht sagen lassen. Nach allem, was ich für diese Gemeinde getan habe! Ich habe immer alle informiert. Schon lange vor deiner Zeit.“

„Fasse es mir doch bitte kurz zusammen“, bat ich.

„Spinnst du! Ich werde mich dazu jetzt nicht rechtfertigen! Das ist nun dein Fall, jetzt bist du dran. Zeig uns, was du draufhast.“

Mit Unschuldsmine fragte Markus: „Erzähl uns doch mal Dora, wie das mit dir und Peter begann, deinem späteren Mann und ehemaligen Lebenspartner von Iris.“

Die Wende, die das Thema jetzt nahm, ging Robin wohl zu weit. Er klopfte auf den Tisch und stellte ebenfalls einen Ordnungsantrag: „Was wird hier eigentlich diskutiert? Alle Liebhaber von Iris Furrer? Das bringt uns nicht weiter bei der Suche nach dem Aufenthaltsort von Furrers Enkelinnen.“

Ich warf ein, dass die Hintergründe wichtig seien.

„Eben, Janet, aber nicht so. Noch einmal zum Mitschreiben: Wir sind keine Detektei! Wir sind ein Kollegium. Kapiert! Sonst bist du hier fehl am Platz“, bremste mich Markus.

Uschi fuhr dazwischen: „Markus, auch wenn es dir schwerfällt, aber du bestimmst nicht, wer hier fehl am Platz ist, das macht immer noch der Souverän.“

Danke, Uschi, dachte ich. Wenn nur deine Stimme nicht dauernd in diesen weinerlichen Ton kippen würde – man würde dich eher ernst nehmen.

„Janet - forsche, wo du willst, aber wir sind tabu. Hast du verstanden?“

Ich verdrehte die Augen.

„Wo waren wir? Der Brief ist uns bekannt. Was hast du dazu herausgefunden?“ Uschi sah mich auffordernd an.

Ich erklärte, Hans Furrer befürchte, Iris’ Ex-Mann Kevin sei ins Ausland verreist. Seit ihrem Verschwinden aus Berwil habe er nie mehr etwas von ihnen gehört. Alle seine Briefe seien mit dem Vermerk „Adresse unbekannt“ zurückgekommen. „Das Verhältnis zwischen Iris’ Eltern und dem Schwiegersohn war nie gut. Ich glaube, wenn eine Person, die einem nahesteht, stirbt, auch wenn es die Ex-Frau ist, kann man zu einer Kurzschlusshandlung neigen aus Trauer und Schmerz“, schloss ich.

„Ja, ich sehe Kevin geradezu vor mir, wie er weint, weil ihm die Geldquelle versiegt. Muss ein wahrer Schicksalsschlag für ihn gewesen sein“, frotzelte Markus.

„Mensch, wer weiß, was einen in so einem Moment bewegt“, sagte Robin. „Es ist nicht an uns, über ihn zu urteilen.“

„Amen“, beschloss ich seine Worte. Da der Fall schon länger pendent war, glaubte ich insgeheim nicht, dass er als besonders dringend galt. Uschi beauftragte mich, dranzubleiben. Sie hielt es für wahrscheinlich, dass sich Kevin bei Hans Furrer von selbst melden und sich das Ganze erledigen würde.

Es war inzwischen nach zweiundzwanzig Uhr. Markus gähnte ungeniert. Auch die anderen waren müde, Dora ließ ihre Mundwinkel hängen und sogar Robin vergaß, etwas einzuwenden. Kurz darauf wurde die Sitzung beendet.

Danach schlossen sich die folgenschweren Mojitos in der „Linde“ an, bei deren Genuss ich noch ein paar weitere Details über den Fall Furrer erfahren sollte – natürlich nicht ahnend, welche Wendung das Ganze noch nehmen würde. Fälle wie dieser erledigten sich eben nie von selbst, wie meine lieben Teamkollegen mir glauben machen wollten.

MONTE

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