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Kapitel VI.
ОглавлениеKapitel 6
Über seine Erlebnisse in und um Independencia muss Arthurs Vater seinem Sohn viel erzählt haben. Er war hingerissen von der wilden Natur, die er dort kennen lernen sollte. Zwar war er auch in der Umgebung der Hauptstadt des Öfteren über die Pflanzenwelt ins Staunen geraten, jedoch hatte er auf seinen Erkundungsgängen nie wirklich Augen für die Umgebung, und schon gar nicht für landschaftliche Besonderheiten gehabt. Bisher war irgendwie alles von der Ungewissheit über die Zukunft überschattet gewesen.
Ganz anders konnte er sich jetzt, auf der Fahrt nach Independencia, dem Gefühl von fast ehrfürchtiger Bewunderung hingeben. Die wilde Schönheit der Natur übertraf selbst die Erinnerungen an die Flussfahrt vor drei Wochen. Fast auf der gesamten Strecke säumten tropische Bäume und Palmen die schwarzen oder ziegelroten Erdstraβen. Ein fast undurchdringliches, blütendurchsetztes Gewirr von Schlingpflanzen lag über dem ganzen Wald wie ein von riesigen Spinnen gewebtes Netz. Zwischendurch gab die hügelige Landschaft immer wieder den Blick frei auf kilometerweite Täler, wo man zwischen mannshohen Termitenhügeln groβe Herden grasender Zebu-Rinder erkennen konnte. Der Ausblick auf die scheinbar unendlichen Weiten ließ ihn tief Luft holen und endlich so etwas wie Zuversicht und sogar Freude auf alles Bevorstehende aufkommen.
In Independencia ging meist ein leiser, erfrischender Wind über die offenen Flächen an den Weinbergen, die sich Arthurs Vater bei seinem ersten Besuch in der deutschen Kolonie mit wachsender Begeisterung anschaute. Diese geordnet angelegten Pflanzungen hoben sich krass von dem wilden Landschaftsbild der Umgebung ab. Deisenhofer fuhr seinen Gast nicht ohne Stolz durch die Siedlung, redete dabei immer wieder von den verschiedenen Möglichkeiten sich in der Gegend selbstständig zu machen. Er zeigte Arthurs Vater zahlreiche Alternativen zu seinem ursprünglichen Vorhaben auf, die, seiner Meinung nach, bei Weitem lukrativer wären als der Verkauf von Tierhäuten. Arthurs Vater hörte Deisenhofer aufmerksam zu und die Vorstellung, sich hier in Independencia so bald wie möglich endgültig niederzulassen, setzte sich immer tiefer in seinem Kopf fest. Den klangvollen Namen des Ortes, Independencia, wertete er dabei als gutes Omen.
Die Häuser in dieser Siedlung waren nach deutschem Vorbild konstruiert, jedoch waren die Fenster deutlich gröβer, um den erfrischenden Wind hereinzulassen. Und die Dächer hörten nicht abrupt an den Auβenmauern auf, sondern reichten etwa einen bis anderthalb Meter weit hinaus, um die heiβen Sonnenstrahlen von der Hauswand abzuhalten.
Arthurs Vater musste das Bild, das er sich von Independencia gemacht hatte, vollkommen korrigieren. In seiner Vorstellung war der Ort so etwas wie ein Dorf oder eine Kleinstadt gewesen. Jetzt stellte er jedoch fest, dass so etwas wie ein Ortskern gar nicht zu erkennen war. Es gab lediglich einen kleinen Laden in Form eines schlichten, rechteckigen Gebäudes aus Holz mit einer Veranda, zu der drei ausgetretene, knarrende Treppenstufen hinaufführten. Etwas weiter auf derselben Straβe fand man die Dorfschenke, ein ebenfalls schmuckloser, rechteckiger Kasten aus Holz, wo man sich am Abend oder sonntags nach dem Gottesdienst zum Frühschoppen traf. Die einzelnen Wohnhäuser lagen weit verstreut im Umkreis mehrerer Kilometer, fast immer mitten im Wald.
Die sonntäglichen Gottesdienste in Independencia waren ein unausgesprochenes Muss für jeden Anwohner. Zwar ging es dabei nicht so sehr um die religiösen Inhalte der Predigten, sondern in erster Linie darum, Gemeinschaft zu pflegen. Dazu gehörten Klatsch und Tratsch ebenso wie geselliges Beisammensein in fröhlicher Runde beim Frühschoppen, woran sich „Evangelische“ genauso beteiligten wie „Katholische“.
Die Deisenhofers waren evangelisch und gehörten somit zur Minderheit von Independencia. Es gab wohl Leute, die meinten, die Katholiken der Siedlung seien durchweg besser betucht und von höherem Status, jedoch hat Julius Deisenhofer darüber nur den Kopf geschüttelt.
Während der nächsten Tage, die Arthurs Vater in Independencia verbrachte und auch bei dem feierlichen Frühschoppen nach deutscher Tradition erkannte er, dass es eine wichtige Gemeinsamkeit gab, die die Leute miteinander verband: Die deutsche Denkart. Was diese Denkart wirklich ausmachte, hätte er nicht ohne lange zu überlegen sagen können, aber irgendetwas schien alle hier in der Fremde zu verbinden, was nicht allein in der Sprache liegen konnte. Und obwohl die wenigsten je Sehnsucht nach der Heimat äuβerten, schienen genau die typisch deutschen Eigenarten das Band zu sein, das verhinderte, dass sich die Gruppe auflöste. Und schon kurze Zeit nachdem Arthurs Vater zum ersten Mal mit Christa und Julius Deisenhofer in der Dorfschenke gewesen war, hatte er das Gefühl, von allen wie ein alter Bekannter behandelt zu werden. Gastfreundschaft war hier wie in Asunción eine Selbstverständlichkeit.
Wenn sie zu dritt von ihren Ausflügen in der Umgebung zu den Deisenhofers nach Hause zurückkehrten und sich am Abend bei einer Flasche Wein auf die Veranda setzten, erzählte Deisenhofer meist von der Geschichte der Kolonie, von den Anfängen seiner Eltern als Pioniere in dieser Wildnis und den nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, die das Land bot.
„Man kann hier so viel auf die Beine stellen, mein lieber Freund“, sagte er immer wieder. Auf vorsichtiges Drängen von Arthurs Vater, die Möglichkeiten der Pelztierjagd etwas konkreter in Betracht zu ziehen, reagierte er zwar durchaus erfreut, allerdings nie mit handfesten Vorschlägen. Für Deisenhofer schien es gemachte Sache zu sein, dass Arthurs Vater mit Begeisterung in seine eigenen Geschäfte miteinsteigen würde.
Von geschäftlichen Fragen abgesehen war es Arthurs Vater irgendwann am Abend gelungen, das Gespräch auf Luisa und Justina im Deisenhofer’schen Stadthaus in Asunción zu lenken. Zu oft kreisten seine Gedanken um die beiden Frauen im Hinterhaus. Es musste eine Erklärung dafür geben, dass eine Frau wie Luisa mit gleich drei Kindern in Deisenhofers Stadtwohnung praktisch schalten und walten konnte wie es ihr behagte.
Was er von Deisenhofer über Luisas Geschichte erfuhr, verschlug ihm die Sprache. Dabei hatte Deisenhofer noch nicht einmal von ihren grausamen Kindheitserlebnissen gesprochen.
„Das schöne Kind ist schon als Siebzehnjährige zu uns in mein Elternhaus gekommen“, fing Deisenhofer zu erzählen an. „Franzisco, ihr Vater, hatte schon viele Jahre vorher bei meinen Eltern als Feldarbeiter mitgeholfen. Verstehst du, mein Freund, er kam immer dann, wenn sein Geldbeutel leer war und hat die Felder sauber gehalten, bei der Weinlese mitgeholfen und so weiter. Mein alter Herr hat Franzisco immer wieder Arbeit gegeben, weil ein zäher Bursche war und eine angefangene Arbeit nie abgebrochen hat.“
„Und seine Familie? Haben sie hier gewohnt?“, wollte Arthurs Vater wissen.
„Nein. Zu Anfang wussten meine Eltern nicht einmal, dass er Frau und Kinder hatte. Die Familie, also auch unsere kleine Luisa, lebte einige Kilometer weiter südlich an der Straβe nach Villarica. Franzisco hat sich bei uns im Arbeiterhaus einquartiert, solange es bei uns etwas zu tun gab. Aber das sag ich dir, mein Freund, ein Kind von Traurigkeit war der nicht! Am Abend hat er sich fast immer irgendwo in der Gegend herumgetrieben und seinen Spaβ gehabt. Trotzdem kam er am Morgen immer auf’s Feld, sobald es hell wurde. Aber mit den Jahren fingen bei ihm dann die kleinen Zipperlein an: die Knochen taten weh, manchmal auch die Zähne, wie das so ist. Da war er dann zwar nicht mehr der Richtige für schwere Feldarbeit, aber er wurde immer beständiger, verschwand nicht mehr monatelang und mein Vater konnte sich auf ihn als Arbeiter verlassen, auch wenn er eigentlich nur noch zum Aufpasser und Handlanger taugte.
Aber weißt du mein lieber Freund, mein Vater selbst wurde ja auch nicht jünger. Er wollte, dass mein kleiner Bruder Anton und ich die ganze Wirtschaft nach und nach übernähmen. Jeder zur Hälfte! Da gab es für meinen alten Herrn nichts, mein Freund. Von wegen ältester Sohn, Alleinerbe und so weiter. Das sag ich dir: mein Vater war da sehr gerecht! Ich hatte inzwischen meine Christa kennen gelernt und mein Vater hat mir geholfen, dieses Haus zu bauen. Anton ist bei den Eltern geblieben. Aber meine Mutter, die gute Frau, war eben auch schon recht alt und irgendwann fiel ihr die Hausarbeit schwer. Sie hatte zwar schon lange eine Haushaltshilfe, die das Haus sauber gehalten, gewaschen und gebügelt hat, aber Kochen, Einkaufen, Nähen und im Herbst das Obst einkochen und so weiter hatte sie sich nie nehmen lassen. Und auch das wurde ihr irgendwann zu viel, deshalb haben wir eine zweite Hausangestellte gesucht, die waschen, bügeln und putzen sollte, während das frühere Hausmädchen die Küchenarbeit übernehmen würde. Ja, und Franzisco hat meinen Eltern erzählt, dass er eine siebzehnjährige Tochter hätte… und alles Weitere ergab sich für unsere Luisa wie von selbst. Ich sage dir, mein lieber Freund, sie war glücklich über die Stelle. Meine Eltern waren zwar streng, aber immer freundlich und gerecht zu der Kleinen.“
„Und wieso lebt Luisa heute in der Stadt?“, warf Arthur Vater ein.
Deisenhofer grinste eine Weile schweigend, dann fuhr er fort: „Ja weiβt du, mein lieber Freund, mein kleiner Bruder Anton war damals, als dieses schöne Weibsbild zu meinen Alten ins Haus kam, grade mal fünfundzwanzig Jahre alt! Da kannst du sicherlich verstehen, dass mein lieber kleiner Bruder ganz und gar nicht abgeneigt war, dieses hübsche junge Ding näher kennen zu lernen, was? Es hat nicht lange gedauert, bis die beiden alles andere waren als ‘Sohn des Hauses’ und Hausangestellte, ha ha ha! Und wen hat das schon gestört? Warum sollte jemand etwas dagegen haben, dass Anton und das hübsche Dienstmädchen ihren Spaβ miteinander hatten? Ich glaube, meine alten Herrschaften haben zwar gewusst, dass ihr kleiner Bub das Hausmädchen dann und wann in seinen eigenen Dienst einspannte, aber niemand zerbrach sich den Kopf darüber.“
Deisenhofer lächelte bei der Erinnerung. „Allerdings stand für uns alle immer fest: der Junge müsste irgendwann seine Hörner abgestoβen haben und sich eine Frau zum Heiraten und Kinderkriegen suchen. Und zwar eine Hellhäutige mit blauen Augen! Eine von uns eben!“
Arthurs Vater schluckte peinlich berührt. Deisenhofers selbstgefälliges Kichern ärgerte ihn, er sagte aber nichts.
Julius Deisenhofer entging nicht, dass seine Ansichten nicht gerade Zustimmung hervorriefen. „Überleg doch einmal: Da wartet ein bildhübsches Frauenzimmer allabendlich in ihrer Schlafkammer nur darauf, dass der junge Sohn des Hauses einen Besuch bei ihr abstattet. Und Luisa, dieses Frauenzimmer, war schon mit ihren siebzehn Jahren mit allen Wassern gewaschen, das sag ich dir, mein Freund. Also nein, das konnte man dem Anton nu’ wirklich nicht verdenken, dass er annahm, was die Kleine ihm nur zu bereitwillig geboten hat. Aber – wenn er am Abend Besseres zu tun hatte, als seine kleine Luisa in ihrer Kammer zu besuchen, dann konnte sie ihm natürlich keine Vorwürfe machen. Anton konnte ohne jegliche Verantwortung seine Erfahrungen sammeln. Und davon träumt doch jeder junge Mann! Diese unverbindliche Beziehung hat ihn doch allenfalls mal ein kleines Geschenk gekostet. Etwas Flitterkram in Form von bunten Plastikperlen oder mal ein kleines Taschenspiegelchen, da sind doch diese Weibsen glücklich und zufrieden, empfangen dich bereitwillig wann immer du willst. Jedenfalls war unsere Luisa vollkommen zufrieden mit ihrem Dasein und hat dabei nicht vergessen, auch meine alten Herrschaften immer zufrieden zu stellen mit ihrer Arbeit als Dienstmädchen. Denk’ dir doch mal, mein Freund, wie viel komfortabler ihr Leben im Haus meiner Eltern war. Bei ihnen zu Hause hatte es nur eine ärmliche Palmenhütte mit Löchern im Dach gegeben, dort musste sie auf dem Feld mithelfen, hat kaum richtig satt zu Essen gehabt.“
Arthurs Vater nickte nachdenklich. Es leuchtete ihm ein, dass Luisa damals womöglich glücklich über ihre Arbeit als Hausmädchen gewesen war. Dass sich ein junges Mädchen von siebzehn Jahren jedoch für ein paar wertlose Geschenke an den Sohn ihrer Arbeitgeber wegwarf, wollte er nicht so ganz glauben. Er blickte hinüber zu Christa Deisenhofer, die bisher kein einziges Wort gesagt hatte. Sie saß da und schaute in die Ferne. Ihr Gesicht glich einer hölzernen Maske.
„Irgendwann hatte unser Anton allerdings beschlossen, ebenfalls zu heiraten und in sein eigenes Haus umzusiedeln“, redete Julius Deisenhofer weiter. Der ablehnende Ausdruck auf den Gesichtern seiner Zuhörer schien ihn nicht zu stören.
„Das heiβt, Vater und Mutter lebten nun allein in ihrem recht groβen Haus. Das Haus kann ich dir morgen einmal zeigen, mein lieber Freund, ist ja hier gleich um die Ecke. Haben wir für gutes Geld an den Schulmeister und seine Familie vermietet.
„Nun gut, am Ende war Anton verheiratet, meine Eltern waren plötzlich allein, hatten eine Köchin und noch die Putz- und Waschfrau Luisa. Aber in ihrem Haushalt fiel, nachdem Anton ausgezogen war, gar nicht mehr so viel Arbeit an, dass meine Mutter gleich zwei Haushaltshilfen hätte voll beschäftigen können. Deshalb hatte die gute Luisa von heute auf morgen viel, viel freie Zeit. Und meine überaus praktisch denkende Mutter mit ihrem groβen Herzen bietet ihrer neuen Schwiegertochter an, ihr drei Mal pro Woche für ein paar Stunden eine ihrer Arbeitskräfte abzugeben. Verstehst du? Luisa sollte, wie immer, die Arbeit im Haus meiner Eltern erledigen, dann blieb noch genügend Zeit, Antons Frau unter die Arme zu greifen. Eine perfekte Lösung für alle! Ja, und anfangs war es das auch. Es hat nur leider niemand daran gedacht, dass Anton auch als verheirateter Mann noch Augen für das hübsche Dienstmädchen haben könnte. Seine Braut hatte ja auch nie erfahren, was da zwischen ihrem Anton und dem Mädchen jahrelang gelaufen war. Vielleicht hätte meine Mutter wissen sollen, dass das nicht gut gehen konnte.“
„Was hat Luisa denn getan?, fragte Arthurs Vater, Ahnungslosigkeit vortäuschend, obwohl er natürlich längst begriff, auf welche Weise Luisa zu einem Problem für die Familie Deisenhofer geworden war. Julius Deisenhofer schien jetzt mit jedem Schluck aus seinem Weinglas redseliger zu werden und Arthurs Vater wollte die Gelegenheit nutzen, so viel wie nur möglich über Luisa zu erfahren.
„Getan?“, Deisenhofer machte ein spöttisches Gesicht. „Die Gute hat getan was sie konnte, um ihre alte Verbindung zu meinem Bruder wieder in alte Bahnen zu lenken! Sie ging pünktlich jeden Montag-, Mittwoch- und Freitagnachmittag rüber zu Anton und seiner Frau, um der frischgebackenen Ehefrau die Hausarbeit zu erleichtern. Und Luisa war schlau genug, meine Schwägerin nicht merken zu lassen, wie gut sie ihren ‘neuen’ Patrón schon seit Jahren kannte. Verstehst du, mein lieber Freund, sie hat perfekt Theater gespielt, wenn Rosemarie in der Nähe war. Sie war dann das nette bescheidene Dienstmädchen und sonst gar nichts. Und Rosemarie hatte keine Ahnung davon, was zwischen den beiden gelaufen war, solange Anton noch zu Hause wohnte. Und warum sollten wir es ihr sagen, keiner hat doch im Traum daran gedacht, mein lieber Bruder könnte die grenzenlose Dummheit besitzen, in seinem eigenen Haus...
Na, jedenfalls hat Luisa damals ganz schnell mitbekommen, dass ihre neue Chefin, Doña Rosemarie, immer am Mittwochnachmittag zum Nähkreis ins Dorf ging. Das war so eine Art regelmäβiges Treffen junger Frauen, die gemeinsam genäht oder gestickt oder sonst irgendwelchen Handarbeiten gemacht haben. In erster Linie ging es natürlich darum, unter Freundinnen den neuesten Tratsch von Independencia auf den aktuellen Stand zu bringen. Also, und was hat die schlaue Luisa gemacht? Am Mittwoch hat sie ihre Hausarbeiten in Windeseile erledigt und sich dann um den Hausherren gekümmert! Denn Anton, dieser Idiot, hat dafür gesorgt, dass er – rein zufällig – gerade am Mittwochnachmittag früher nach Hause kommen konnte als sonst.“
Deisenhofer schüttelte missbilligend den Kopf und tat so, als würde er sich vehement vom Verhalten seines Bruders distanzieren. Jedoch sagten weder Christa noch Arthurs Vater etwas, deshalb redete er weiter und machte dabei nicht den Eindruck, als wäre ihm das Thema unangenehm.
„Weißt du, lieber Freund, Anton hatte Luisa früher, als Junggeselle, nie irgendwelche Versprechungen gemacht. Trotzdem war sie erst einmal ganz schrecklich enttäuscht gewesen, als sie erfahren hatte, dass Anton eine Alemana heiraten würde. Ihr Selbstbewusstsein mag damals eine leichte Erschütterung erfahren haben, ha ha ha. Aber, das sag ich dir: Durch das praktische Arrangement zwischen Rosemarie und unserer Mutter wurde das Seelchen der lieben Luisa schon sehr bald nach der Hochzeit wieder geheilt. Sie hatte ganz schnell begriffen, dass der junge Herr noch immer ganz in ihrer Hand war, seit sie mittwochs schnell die nötigste Arbeit erledigte, um ihn dann nach allen Regeln der Kunst zu verwöhnen, sobald seine Ehefrau auβer Haus war. Anton hatte ihr sehr wohl eingeschärft, dass seine Frau nichts mitbekommen dürfte. Oh ja, mein Lieber, ich weiβ, wovon ich spreche: Er hat mir erzählt, dass er Luisa in aller Deutlichkeit ans Herz gelegt hatte, dass sie augenblicklich die Bühne verlassen müsste, sollte Rosemarie auch nur den leisesten Verdacht schöpfen. Denn eines war dem Dummkopf klar: Seine Frau würde es nicht einfach so hinnehmen, dass er ein Techtelmechtel mit der Putzfrau hatte. Und die Aussicht, zurück in ihre Palmenhütte zu müssen, war bestimmt nicht reizvoll für Luisa. Sie hat also die Klappe gehalten und vor Rosemarie das brave und züchtige Hausmädchen gespielt.“
Deisenhofer lächelte und schwieg einige Sekunden. Dann sagte er nachdenklich: „Nun ja, Hausmädchen? Mädchen konnte man sie ja inzwischen weiβ Gott nicht mehr nennen! Zu dem Zeitpunkt muss sie schlieβlich schon drei- oder vierundzwanzig Jahre alt gewesen sein. Egal. Auf alle Fälle hat sie Antons Wohnung immer in einem tadellosen Zustand gehalten, auch wenn sie einige Arbeitsstunden nicht wirklich mit Hausarbeit verbracht hat. Ja, ha ha ha, und stell dir vor: Sie hat es sich nicht nehmen lassen, am Mittwoch immer so lange dazubleiben, bis Rosemarie wieder nach Hause kam! Mit engelsgleicher Unschuldsmiene hat sie ihre Patrona erwartet! Das muss man sich mal vorstellen: Erst hat sie mit dem Hausherren weiβ der Kuckuck was getrieben, dann hat sie ihre Chefin empfangen, gefragt, ob es noch irgendetwas zu tun gäbe und sich höflich verabschiedet, bevor sie zu Fuβ wieder zurück ins Haus meiner Eltern gegangen ist.“
Die geheuchelte Entrüstung in Deisenhofers Gesicht wirkte nicht besonders glaubwürdig, fand Arthurs Vater. Er sagte nur „hmm“, obwohl er merkte, dass Deisenhofer einen wortreicheren Kommentar erwartet hatte. Aber was sollte er schon dazu sagen? Es lag ihm nicht, andere zu verurteilen. Schon gar nicht, solange er nicht die Version der anderen Seite kannte. Er schaute verstohlen zu Christa Deisenhofer hinüber und konnte unschwer erkennen, dass sie wütend auf ihren Mann war. Nur zu verständlich, dachte Arthurs Vater, immerhin erzählt er mir hier im Weinrausch Familiengeheimnisse, die mich nichts angehen.
Nachdem Deisenhofer überzeugt war, dass der erwartete Ausruf der Entrüstung seitens seiner Zuhörer ausbleiben würde, erzählte er mit sensationsversprechendem Gesichtsausdruck weiter: „Und weiβt du, Luisa hatte zum Glück kapiert, dass die Arbeit im Haus meines Bruders auf der einen Seite ihre Anstellung bei meinen Eltern sicherte, auf der anderen Seite hat sie sicherlich ein kleines Extrageld für ihre ‘Extratätigkeiten’ eingeheimst, ha ha ha! Also kein Wunder, dass sie ihren Mund gehalten hat, nicht? Wenn es rausgekommen wäre, hätte sie schlieβlich ihre Siebensachen packen dürfen. Und dann? Was hätte sie denn zuhause in ihrem Dörfchen schon anfangen können! Ja sicher – irgendeiner hätte unsere kleine Luisa bestimmt geheiratet. Sie war immerhin ein gesundes, kräftiges Weibsbild, das ans Arbeiten gewöhnt war und bei ihrem Aussehen konnte sie mit ihren vierundzwanzig oder fünfundzwanzig noch so manche Achtzehnjährige in den Schatten stellen, das sag ich dir, mein lieber Freund! Selbst heute mit über dreiβig sieht das Weib ja noch verdammt gut aus, was, mein Freund?“
Arthurs Vater musste schlucken. Christas Miene wurde immer eisiger, Deisenhofers Gesicht hingegen glühte vor Erzähleifer.
„Ja, und das kleine Luder hat auch nichts gesagt, als sie feststellte, dass sie schwanger war! Sie...“
„Julius!“, rief Christa Deisenhofer jetzt energisch dazwischen. „Es war ausgemacht, das wir darüber nicht sprechen! Wie kannst du...“
„Jetzt reg’ dich nicht auf, meine Liebste. Von den Leuten im Ort kriegt ja keiner was mit, wenn ich unserem Freund erzähle, wer Luisa in Wirklichkeit ist. Früher oder später hätte er ja selbst gemerkt, warum sie in unserem Haus in der Stadt wohnt. Aber ich bin sicher, dass die Geheimnisse bei ihm gut aufgehoben sind, nicht wahr, mein lieber Freund?“
Noch bevor Arthurs Vater irgendetwas entgegnen konnte, war Christa aufgesprungen und mit langen Schritten im Haus verschwunden. Die Terrassentür fiel mit lautem Knall zu.
Deisenhofer schüttelte den Kopf und lachte leise. „Ach, diese Frauen!“, sagte er und verschluckte sich an einem Rülpser. Dann füllte er mehr Wein in beide Gläser.
Arthurs Vater wusste, dass Christas Einwand berechtigt gewesen war und er das Gespräch eigentlich abbrechen sollte. Trotzdem blieb er sitzen und hoffte insgeheim, dass Deisenhofer den Erzählfaden wieder aufnehmen würde. Er musste nicht lange warten.
Deisenhofer kniff für einen Moment die Augen zu, dann streckte er sich und seufzte ausgiebig. Er musste sich zusammenreiβen, um beim Reden nicht zu lallen. „Ja, mein Lieber, die Kleine war schwanger und keiner wusste was davon“. Dann kicherte er, hickste und fügte lachend hinzu: „Halt dich fest, sonst fällst du noch vom Stuhl: Wir wussten alle nichts von dem, was sich mittwochs im Haus meines Bruders abspielte. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, sage ich dir. Wie sollten wir auch was mitkriegen – schlieβlich schien zwischen Anton und Rosemarie alles in bester Ordnung zu sein. Und Luisa hat so lange ihren hübschen Mund gehalten, bis sie es Anton gar nicht mehr zu erzählen brauchte, dass sie ein Kind erwartete! Ja, du hast richtig gehört: das raffinierte Frauenzimmer war schwanger und sie hat nicht einmal Anton was davon gesagt, bis er es selbst gesehen hat. Oh, und der war wütend!
Vielleicht ist dir ja auch schon mal aufgefallen, dass Maria Celeste eine wesentlich hellere Hautfarbe hat als ihre kleinen Brüder? Ich sag dir, die Kleine wird auch mal eine Schönheit!“
„Sie ist also...“, wollte Arthurs Vater fragen, aber Deisenhofer fiel ihm ins Wort: „Ja, stell dir vor: die kleine Maria Celeste ist Antons Tochter. Meine Nichte! Aber kein Mensch weiβ davon. Oh, Anton war wütend, als er von unserer lieben Luisa vor gemachte Tatsachen gestellt wurde! Sie war ja inzwischen fast zehn Jahre lang seine Geliebte gewesen! Und mittlerweile war er überzeugt davon, dass sie keine Kinder bekommen könnte. Zehn Jahre, verstehst du? Zehn Jahre lang war alles gut gegangen. Eine Bilderbuchgeliebte, sag ich dir! Kein Wort an niemanden, keine Forderungen, keine Vorhaltungen. Und dann das! Mein guter Bruder war am Boden zerstört, sag ich dir. Und da kam er dann natürlich zu mir gelaufen! Sein groβer Bruder musste ihm irgendwie aus der Patsche helfen. Ja, ja, so war es schon immer gewesen: Wenn er irgendetwas gründlich verbockt hatte, war der groβe Bruder plötzlich nicht mehr der ‘spieβige Spielverderber’, sondern der Einzige, der aus dem Schlammassel heraushelfen konnte!
Und Rosemarie ahnte noch immer nichts. Zum Glück! Aber es blieb ja gar nicht mehr viel Zeit, bis jedermann sehen konnte, was mit Luisa los war. Es half Anton auch nichts mehr, seine erste Wut auf die Kleine niedergehen zu lassen. Schwanger ist eben schwanger! Da konnte nur noch der weise Rat des groβen Bruders helfen, bevor ganz Independencia erfahren hätte, was da gebrütet wurde. Es blieb ihm nichts anderes übrig als mir alles zu erzählen. Und denk dir mal nicht, dass ich ihn mit Samthandschuhen angepackt hätte, diesen unverbesserlichen Dummkopf. Um ein Haar hätte er den Ruf unserer ganzen Familie ruiniert und sich selbst zur öffentlichen Witzfigur gemacht. Weiβt du, eine liebe heimliche Ausweichmöglichkeit hie und da ist eine Sache, aber eine Zweitfrau aus dem Haus der eigenen Eltern, die noch dazu der ganzen Dorfgemeinschaft bekannt ist! Das hätte Wellen geschlagen, das sag ich dir. Völlig fertig war der arme Idiot. Damit hatte er nach so vielen Jahren nicht mehr gerechnet. Ja, ja, in den ersten Jahren hatte er sich noch zurückgehalten. Du weiβt schon, was ich meine, mein Freund. Aber was heiβt das schon, sich im Moment der Wahrheit zurückhalten! Ha ha ha! Das wissen wir ja alle! Und trotzdem: zehn Jahre lang war es gut gegangen... naja, irgendwann hat es mal Munkeleien darüber gegeben, dass Luisa schon einmal Hilfe bei einem ‘Curandero’, du weiβ schon: bei einem dieser selbstgestrickten Heiler gesucht haben soll, aber wir haben uns um diese Dinge gar nicht weiter gekümmert. Jetzt hatten wir das Problem auf der Hand, beziehungsweise in Luisas Bauch! Und zwar war dieses Bäuchlein etwa so groβ wie eine halbe Wassermelone, als mein liebes Brüderchen überhaupt was gemerkt hat. Stell dir das mal vor, mein lieber Freund! Viel Zeit blieb uns da nicht, wir mussten schnell handeln. Und halt dich fest, es kommt noch besser.“
Deisenhofer schwieg einen Moment, um die Spannung zu erhöhen.
„Nur drei oder vier Tage, nachdem ich von dem Dilemma erfahren hatte, hat Antons Frau die ganze Familie zum Abendessen eingeladen. Verstehst du, so ein richtig festliches Familienessen, mit allem Drum und Dran. Keiner wusste, ob es einen speziellen Anlass zu dieser Einladung gab, denn Rosemarie hat immer gerne gekocht und Leute um sich gehabt. Luisa half ihr selbstverständlich bei den Vorbereitungen. Ha ha, sie musste schon sehr vorsichtig bei der Auswahl ihrer Garderobe sein, damit keiner was bemerkte. Und als wir uns alle an den Tisch gesetzt hatten, um zu essen, steht Rosemarie auf und sie sagte wortwörtlich: ‚Meine Lieben, ich habe euch etwas zu sagen: In einem halben Jahr wird euer Anton glücklicher Vater werden’. Ha! Luisa hätte fast das Tablett mit den Salaten fallen lassen und der liebe Anton ist erst einmal weiβ geworden wie ein Bettlaken und hat gar nicht kapiert, weshalb seine Frau strahlte wie ein Honigkuchenpferd! Zuerst war alles still. Und nun stell dir vor: Luisa war die allererste, die auf Rosemarie zugegangen ist, ihrer Chefin die Hand reichte und gratulierte!“
Arthurs Vater war sprachlos. Kopfschüttelnd griff er nach seinem Weinglas und trank den Rest aus. Nach einer Weile sagte er: „Unglaublich. Aber sag mir, was hatte das mit dem Arzt auf sich, den Luisa zuvor angeblich aufgesucht haben soll?“
„Ach, alles Gerede, wer weiβ von wem“, antwortete Deisenhofer schon etwas undeutlich mit wegwerfender Handbewegung. „Ist ja auch unwichtig. Wichtig war damals, dass uns schnell was einfallen musste, um die Sache aus der Welt zu schaffen. Nun ja, aus der Welt schaffen ging zwar nicht, aber zumindest aus Independencia raus. Und den Rest kannst du dir ja wohl selbst zusammenreimen, mein lieber Freund, nicht? Ich wusste, was ich wissen musste und ich habe gehandelt. Richtig gehandelt, das sag ich dir.“
Ein Lächeln voller Selbstgefälligkeit umspielte seine vom Wein geröteten Augen.
Langsam begriff Arthurs Vater, wie explosiv die Familiengeheimnisse waren, in die er soeben eingeweiht worden war. Es blieb nur zu hoffen, dass Luisa verschwiegener wäre als Julius Deisenhofer. Schlieβlich war sie die Mutter seiner Nichte Maria Celeste. Und allem Anschein nach hatte seine Schwägerin Rosemarie, die hier in Independencia nur ein paar Straβen weit entfernt von ihm lebte, bis heute keine Ahnung von der Tochter ihres Mannes.
Arthur und ich haben diese Geschichte nur teilweise von seinem Vater erfahren. Jedoch hat Luisa viel später über gewisse Dinge mit ihrer Tochter gesprochen. Und Maria Celeste ihrerseits sollte dann Arthur irgendwann sehr nahe stehen, so nah, dass es keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen gab. Und wie ich bereits am Anfang angedeutet hatte, ist alles was mein Freund Arthur je erlebt, gedacht und gehört hat, irgendwann in meine zerebralen Windungen geflossen, sozusagen.
Luisa war nicht zum ersten Mal in ihrem Leben schwanger, als sie das Kind von Anton Deisenhofer austrug. Viele Jahr zuvor war sie vom Freund ihres Vaters, jenem Luís, geschwängert worden.
Damals, nach jener Nacht, war die Zwölfjährige nicht sicher gewesen, ob und inwieweit sie selbst schuld daran gewesen war, dass Luís sie bedrängt und schlieβlich vergewaltigt hatte. Hatte er nicht durch ihr anfänglich fast genussvolles Hinnehmen seiner Liebkosungen Anspruch auf mehr gehabt? Völlig absurd, könnte man sagen. Die Tatsache, dass sie nicht den Mut aufgebracht hatte sich zu wehren, bedeutet ja keinesfalls, dass sie sein weiteres Verhalten provoziert hätte. Jedoch wurde hier ein regelrechter Teufelskreis der Schuldgefühle in Gang gesetzt: Die kleine Luisa fühlte sich schuldig, sich nicht von Anfang an gewehrt zu haben, dann wurde sie gezwungen, ihr Fehlverhalten geheim zu halten, dadurch wiederum hatte der „Onkel“ sie in der Hand und konnte sie zu weiterem Schweigen und Stillhalten verpflichten!
Sie hatte jedenfalls zu viel Angst gehabt, dass er ihren Eltern von ihrem anfänglichen, zaghaften Genieβen seiner Zärtlichkeiten erzählen würde. Schlieβlich hatte sie es anfangs tatsächlich so ein ganz kleines bisschen genossen, dass er ihr nette Sachen ins Ohr geflüstert hatte. Selbst die ersten Liebkosungen waren noch ganz nett gewesen... sie hatte es einfach nicht fertig gebracht zu sagen, bis hierher und nicht weiter! Wie würde sie nun dastehen! Für Luís war es jedenfalls denkbar einfach, dem Kind weiszumachen, sie selbst trage die Schuld an seinem Verhalten. Auf keinen Fall, schärfte er dem verzweifelten Kind ein, dürfte ans Licht kommen, was geschehen war! Also verfiel das Kind in ein gequältes Schweigen. Die kleine Luisa weinte heimlich und schwieg. Und mit ihrem Schweigen hatte sie dem Freund des Vaters den Weg geebnet, sie weiterhin zu besuchen. Die folgenden nächtlichen Besuche waren bei Weitem komplizierter als das erste Mal, da ja in Luisas Elternhaus nicht ständig gefeiert wurde. Auch stellte ihre kleine Schwester, mit der sie ja die Hütte teilte, ein Hindernis für Luís dar. Trotzdem hatte der Mann es im Laufe der Jahre noch mehrmals geschafft, mit Luisa allein zu sein. Sie gehorchte ihm demütig, weil sie Angst hatte. Angst, verraten zu werden! Angst vor der Strafe der Eltern, und, was noch viel schlimmer war: Angst vor der Verachtung der Eltern!
Arthur gerät noch heute jedes Mal in Wut, wenn er nur daran denkt: „Das muss man sich einmal vorstellen, verdammt! Dieses kleine Mädchen von zwölf, dreizehn, vielleicht vierzehn Jahren gehorchte dem alten geilen Bock, der nicht dazu fähig war, sich an Frauen seines Alters zu halten!“
Irgendwann war Luisas Pubertät natürlich an ihr Ende gelangt. Sie hatte sich zu einer gesunden, empfängnisfähigen Frau entwickelt. Und sie empfing. Mit fünfzehn Jahren war sie zum ersten Mal verzweifelte, werdende Mutter. Inzwischen kannte sie sich ausreichend aus, um die ersten Anzeichen der Schwangerschaft richtig zu deuten. Tränenüberströmt erzählte sie ihrem Taufpaten Luís davon und der verwies sie ohne zu zögern an einen „Doctor“.
Hierüber hat Arthur allerdings lediglich herausgefunden, dass das Mädchen in jenem Consultorio, einem Holzverschlag, der als Arztpraxis galt, beinahe verblutet wäre. Die Mutter jenes vermeintlichen Arztes hatte Luisa nach der blutigen Prozedur nach Hause zu ihren Eltern gebracht. Nun konnte sie nichts mehr geheim halten. Ihre Ehre war verloren. Der Vater hätte sie vielleicht verprügelt, wäre sie nicht ohnehin unter den Händen des Curanderos fast gestorben. Luís, der Freund ihres Vaters, hat sich daraufhin nie wieder im Haus von Luisas Familie blicken lassen.
Luisa hatte ihren Eltern aber nicht erzählt, dass sie von der alten Mutter des selbsternannten „Heilers“ aufgefordert worden war, sie zu besuchen, sobald sie wieder gesund sei. Heimlich hatte sie die Alte einige Wochen später aufgesucht und sich zeigen lassen, wie man die Luftwurzeln eines agavenartigen Gewächses zerstampft und einen bitteren Tee daraus braut. „Yuyo de mil hombres“, Kraut der tausend Männer, wurde der Trank im Volksmund genannt. Dieser Tee, so erklärte die Alte, habe eine stark abführende, aber auch abtreibende Wirkung. Sie warnte Luisa eindringlich davor, dieses Gebräu leichtfertig einzusetzen, da man mit heftigen, krampfartigen Bauchschmerzen rechnen müsse. Dennoch soll Luisa sich Jahre später mehrmals erfolgreich selbst damit behandelt haben, wenn ihre Menstruation ausgeblieben war.
Aus irgendeinem Grund hatte sie einmal darauf verzichtet. Möglich ist aber auch, dass der Tee seine Wirkung verfehlt hatte. Arthur und ich nehmen jedoch an, dass Luisa die Schwangerschaft gewollt hatte. Denn sie hatte die ersten Anzeichen vor Anton verschwiegen und dafür gesorgt, dass er ihren Zustand erst bemerkte, als die Schwangerschaft schon weit fortgeschritten war. Und sie muss gewusst haben: Für Anton stand damit alles auf dem Spiel.
Julius Deisenhofer hatte schlieβlich eine Lösung für das Problem gefunden: Ohnehin hatte er seit Langem mit dem Gedanken gespielt, sich ein Haus oder eine Wohnung in der Hauptstadt zu kaufen, um von dort aus seinen Holzhandel und andere Geschäfte zu betreiben. Diese Geschäfte waren weitaus rentabler als das väterliche Weingut.
Seine Mutter hatte anfangs lautstark dagegen protestiert, dass ihr zweites Dienstmädchen nach Asunción umziehen sollte. Die alte Frau wollte nicht einsehen, weshalb ihr Sohn glaubte, er bräuchte ausgerechnet Luisa als Haushaltshilfe, wo sie doch nun schon so lange im Hause Deisenhofer gedient hatte. Es war Julius schlieβlich gelungen, seiner Mutter deutlich zu machen, dass er für seine Stadtwohnung jemanden bräuchte, dem er absolut vertrauen könnte. Von dem wirklichen Grund durfte sie natürlich nichts wissen.
So war Luisa im Hinterhaus in Asunción einquartiert worden. Zuvor hatten die Deisenhofers – Christa und Julius – eine längere ernsthafte Unterredung mit ihr geführt, um ihr deutlich zu machen, was für alle auf dem Spiel stand. Am Ende hatte Luisa ihr Ehrenwort gegeben, nie ein Wort über die Vaterschaft ihres Kindes zu verlieren. Sie wurde also gewissermaβen zwangsversetzt in der Annahme, dass es in der Hauptstadt niemand interessieren würde, wer der Vater des Kindes sei, welches irgendeine zugezogene „Campesina“ dort im Hafenviertel bekommen sollte. Und laut Julius Deisenhofer war Luisa über diese Zwangsversetzung in die Hauptstadt überglücklich.
Julius Deisenhofer beendete seinen Bericht mit einem beinahe hämischen Grinsen. Luisa, sagte er, wusste seit damals sehr genau, was sie zu verlieren hätte. Sie säße buchstäblich auf der Straße, wenn sie jemals vor Bekannten aus Independencia auch nur mit einer Silbe Anton als den Vater ihrer Tochter Maria Celeste verraten sollte. Luisas Eltern waren schließlich inzwischen so alt, dass sie nicht mehr erwarten konnte, von ihrer Familie durchgefüttert zu werden. Ihn selbst kostete es doch nur wenig mehr als ein Trinkgeld, Luisa als Hausangestellte in Asunción zu unterhalten. Auβerdem, sinnierte Julius mit glasigen Augen weiter, sei Luisa bestimmt intelligent genug, diese Geldquelle nicht wegen irgendwelcher Rachegefühle abzustellen. Schlieβlich habe sie sich seinem Bruder Anton doch freiwillig jahrelang an den Hals geworfen! Falls sie am Anfang noch geglaubt hatte, dass der Sohn ihres Patróns sie eines Tages heiraten würde, könnte man ja nur lachen! Die meisten Dienstmädchen mussten schlieβlich damit rechnen, dass die Hausherren oder die Söhne der Hausherren auch manchmal andere Dienstleistungen für sich beanspruchten! Und wenn sich der jeweilige Dienstherr groβzügig und spendabel zeigte, könnten die Mädchen, die meistens aus armen Gesellschaftsschichten kamen, ja schon fast vom groβen Glück reden.
„Warum ist ihr aber nie der Gedanke gekommen, dass dein Bruder Anton seine Vaterschaft an Maria Celeste abstreiten könnte? Und warum ist sie so sicher, dass sie bei euch in Asunción eine lebenslange Bleibe gefunden hat?, fragte Arthurs Vater, noch immer nicht restlos davon überzeugt, dass sich Luisa für immer in Sicherheit wiegen konnte.
Julius Deisnhofer nippte am Weinglas und antwortete tief seufzend: „Sie weiβ eben, dass es schon genügen würde, hier in Independencia auch nur andeutungsweise verlauten zu lassen, dass Anton sie verführt hat oder ihr irgendwie zu nahe getreten ist. Verstehst du, selbst wenn wir dann versucht hätten, alles abzustreiten, wäre es zu einem Skandal gekommen. Luisa hat Verstand bewiesen. Meiner Familie einen Skandal unterzuschieben hätte uns womöglich Kopf und Kragen gekostet, aber sie auch, mein Lieber, sie auch. Sie war schlau genug, nicht den Ast abzusägen, auf dem sie ihr Nest gebaut hatte.
Aber das sage ich dir: hie und da sorge ich schon auf ganz nette Art und Weise dafür, dass die gute Luisa immer wieder daran denkt, dass wir sie jederzeit auf die Straβe setzen könnten. Und dann wäre sie gezwungen, hart zu arbeiten, um sich und ihre Kinder durchzubringen. Immerhin ist es für eine Frau von über dreiβig nicht mehr so ganz einfach, einen Mann zum Heiraten zu finden. Dieses Weib sieht zwar auch heute noch verdammt hübsch aus, aber überleg doch mal! Die Männer in ihrem Alter sind doch alle längst verheiratet! Und wer nicht verheiratet ist, ist entweder verkrüppelt oder krank. Natürlich hindert Verheiratetsein die wenigsten Kerle daran, sich mal eine schöne Nacht mit der Kleinen zu machen, aber heiraten...“
Deisenhofer schüttelte den Kopf. Und sein Bauch hüpfte vor Lachen als er spöttisch hinzufügte: „Und du hast es doch sicher längst mitbekommen, mein lieber Freund: Unsere schöne Luisa scheint ihr Dasein als unverheiratetes ‘Mädchen für Alle’ nicht gerade abzulehnen.“
Nachdem beide eine Weile geschwiegen hatten, bemerkte Arthurs Vater, dass Deisenhofer die Augen zufallen wollten. Justina!, dachte er. Ich habe ihn noch nicht nach Justina gefragt. Er versuchte, seine Frage möglichst beiläufig klingen zu lassen: „Und diese Justina, durch welche Umstände sind sie und ihre Tochter eigentlich zu euch ins Stadthaus gekommen?“
Für einen Moment schien es, als sei Deisenhofer nicht mehr in der Verfassung, seine Gedanken zu sammeln und weitere Erklärungen liefern zu können. „Wie?“, sagte er und ließ sich die Frage wiederholen. Dann drückte er seine Augen fest zu, schüttelte den Kopf und holte tief Luft. Ein wenig schwerfällig fing er aber wieder zu Reden an:
„Diese arme Frau hat meiner Christa einfach leid getan, weißt du? Meine Christa hat ein riesengroßes, gutes Herz, weiβt du? Justina, das arme Wesen, kommt aus Filadelfia im Chaco und ist von ihrer mennonitischen Familie fallenlassen worden, wie eine heiβe Kartoffel, weil sie ein uneheliches Kind bekommen hat: Hildegard. Ha ha ha! Ja, so ist es: unsere brave Hildegard ist auch’n kleiner Bastard!“
Wieder lachte Deisenhofer selbstgefällig und sagte: „Ja, ja, mein lieber Freund, ich bin förmlich zum barmherzigen Retter der in Schande lebenden Frauen von Asunción geworden! Gleich zwei Frauen und eine Handvoll kleiner Bastarde! Da steht mir doch eigentlich eine öffentliche Anerkennung für meine Menschlichkeit zu, was, alter Freund? Immerhin führe ich sowas wie ein Frauenhaus plus Kinderheim! Meinst du nicht auch?“
Nach kurzem Schweigen und lautem Rülpsen schien er plötzlich wieder redselig zu werden. „Wir sind Justina zum ersten Mal vor etwa drei oder vielleicht vier Jahren begegnet. Sie hat als Putzfrau und Näherin bei einer Familie gearbeitet, die ein groβes Stoff- und Bekleidungsgeschäft in Asunción führen, in dem meine Christa zur Stammkundschaft gehört. Dort hat die arme Justina jeden Tag mindestens sechzehn Stunden arbeiten müssen, um sich und die Kleine über Wasser zu halten. Ich sagte ja schon: meine Christa hat ein weiches Herz. Wenn sie Stoffe eingekauft hat, saβ die arme Justina immer in einer Ecke an der Nähmaschine. Irgendwann hat sie die Arme einfach angesprochen und nach vielem geduldigem und hartnäckigem Bohren herausbekommen, dass sie eine von den Mennoniten im Chaco ist, dass sie aber jeglichen Kontakt nach Hause verloren hatte, weil sie Schande über ihre Familie gebracht hatte. Diese Sektenbrüder kennen da kein Pardon! Nun ja, und Christa hat mich davon überzeugt, dass wir im Hinterhaus noch genügend Platz für eine ausgezeichnete Köchin und fleiβige Näherin hatten. Ja, mein lieber Freund, so war das. So ist die arme Justina zu uns gekommen.“
Ob es tatsächlich ein Akt reiner Nächstenliebe gewesen war, der Christa dazu bewogen hatte, die bemitleidenswerte Justina ins Haus zu holen, sei fraglich, fand Arthurs Vater, behielt diesen Gedanken jedoch für sich. Ganz ohne Zweifel stimmte die Behauptung, dass Justina ihr leid getan hatte. Aber möglicherweise erfüllte Justina auch die Rolle einer Anstandsdame im Hause Deisenhofer in Asunción. Es war Arthurs Vater nicht entgangen, wie kritisch Christa geblickt hatte, als Julius Luisa zum Abschied auf beide Wangen geküsst hatte.
Die Tatsache, dass Justina von ihrer Familie sozusagen endgültig verstoβen worden war, fasste Arthurs Vater einerseits als radikale und äuβerst ungnädige Verurteilung auf, jedoch war ihm, andererseits, diese abschätzige Haltung nur zu vertraut. Auch dort wo er herkam, in der eigenen Sippe, hatte es ähnlich gnadenlose Urteile gegeben. Meistens hatte es auch dort die Frauen getroffen. Er konnte sich an Fälle erinnern, wo „unsittliches Verhalten“ schwerer wog als kriminelle Straftaten. Es war wohl schon immer und überall so, sagte er sich. Es ist so einfach, sich als Richter über Gut und Böse, über Schwäche und Sittlichkeit aufzuspielen. Und es ist so einfach, solche Menschen für immer kaputt zu machen.
Bei Justina hatten sie dabei nur zu offensichtlich ganze Arbeit geleistet, indem sie sie von zu Hause wegjagten. Justina machte einen durch und durch unglücklichen Eindruck. Lebendig, gesund, und doch am Ende. Arthurs Vater konnte sich darüber nicht einmal aufregen, nur Mitleid mit der armen Justina empfinden. Egal, ob mennonitisch, katholisch oder evangelisch, dachte er, es ist doch überall das Gleiche. Jedes Fehlverhalten wird anmaβend verurteilt – insbesondere sittliche Fehltritte! Früher hat man Leute dafür sogar gesteinigt. Und schlieβlich liefert die Jämmerlichkeit der anderen immer die bequeme Überzeugung mit, dass man selbst weniger jämmerlich ist. Wie heiβt es schon in der Bibel? Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!