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4. Die Abholzung des Waldes

Luke wachte sehr früh auf. Schnell zog er sich seine saubere Uniform an, die Mikle ihm auf einem Stuhl bereitgelegt hatte. Der Bootswart hatte auf dem Fußboden in der Stube geschlafen und sich eine Wolldecke untergelegt.

Gemeinsam frühstückten sie am Schreibtisch unter dem Fenster. Dabei erzählte Luke ihm, warum er hergeschickt worden war.

Gleich darauf machte er sich auch schon wieder mit Li Nú auf den Weg.

Kriminalkommissar Kunz hatte gleich früh am Morgen den Leutnant angerufen. Der war entsetzt darüber, dass der Förster ihnen tatsächlich erlaubte, den Wald abzuholzen.

„Aber wir müssen es schon selber machen, meinte er”, sagte der Kommissar am Telefon zu ihm.

„Für so verrückt hätte ich ihn niemals gehalten”, gab der Leutnant zu.

„Tja, der sieht eben die Notwendigkeit ein.”

„Genau. Die Umwelt noch ein wenig mehr zu zerstören!” Er wurde lauter.

„Und sie, sie zerstören keine Umwelt, wenn sie in den Krieg ziehen. Schon allein, dass ihr Platz braucht, um dafür zu üben, zerstört einen Teil des Lebensraumes.”

„Es ist aber notwendig. Was würden sie sonst machen, wenn ein Krieg hier in Deutschland ausbräche?”

„Gäbe es keinen, der dafür übt, wären die Kriege auch nicht so schlimm, da niemand mit den Waffen umgehen könnte.”

Darauf sagte der Leutnant nichts.

„Also -, es bleibt dabei, dass sie ein Stück des Waldes roden werden.”

„Ich möchte nicht wissen, welche falschen Tricks sie wieder anwenden mussten, um den Förster einzuschüchtern”, zischte der Leutnant zwischen den Zähnen in die Sprechmuschel.

„Gar nichts musste ich tun”, erwiderte Herr Kunz. „Dafür garantiere ich.”

„Das haben schon viele.”

„Sagen sie ihren Leuten, sie sollen sich sofort bereit machen. Sie müssen so schnell wie möglich beginnen.”

Der Leutnant erwiderte nichts. Er verabschiedete sich nur und legte auf.

Li Nú führte Luke auf dem sichersten Weg zu der Stelle, an der sich auch die unsichtbare Mauer befand. Er deutete ihm an, sich hinter einem bestimmten Busch zu verstecken. Die Soldaten waren schon dabei, den Wald zu roden. Ein paar Bäume waren schon gefallen.

„Was machen die da?”, wollte Luke von Li Nú wissen. „Die holzen doch nicht etwa den Wald ab.”

Li Nú nickte.

„Tun sie das?”, fragte Luke erschrocken.

Li Nú nickte von neuem.

„Soll ich hier jetzt hocken, bis sie uns entdecken, wenn sie an unserer Stelle anfangen zu fällen?”

Li Nú schüttelte mit dem Kopf.

Luke richtete sich wieder auf. „Dann kannst du mir doch einen anderen Weg an ihnen vorbei zeigen.”

Li Nú zog ihn an seinen Hosenbeinen herunter und schüttelte wieder mit dem Kopf.

„Ich muss mich aber beeilen, damit ich schnell die Freundin von Thomas Teichert finde. Hab’ keine Zeit, den Soldaten den Rest des Tages zuzusehen, wie sie die armen Bäume fällen, ohne dass es einen Sinn hat.”

Plötzlich hörte er jemanden laut aufschreien. Gleich darauf erschütterte der Boden, weil noch ein Baum umfiel. Der Schrei ging von einem der Soldaten aus. Aufmerksam sah Luke zu ihnen herüber. Von seinem Posten aus konnte er sie gut beobachten, aber warum einer der Soldaten aufgeschrieen hatte, dass erkannte er nicht. Dann sah er, wie die Äste eines Baumes zitterten und sich schüttelten, als ob er von einem der Soldaten gerüttelt würde.

Alle hatten in ihrer Arbeit innegehalten und sahen zu den Ästen des Baumes empor.

Luke folgte ihren Blicken und entdeckte einen Soldaten hoch oben in den Zweigen sitzend.

„Holt mich hier herunter!”, schrie derselbe Soldat von vorhin.

Luke richtete sich wieder auf, um besser sehen zu können.

„Was ist los? Wie bist du da heraufgekommen?”, rief ein anderer Soldat zu ihm hinauf.

„Weiß auch nicht. Der Baum ... . Aaaahhh.”

Der ganze Baum schwankte jetzt hin und her und schüttelte gleichzeitig seine Zweige.

„Holt mich hier herunter! Sonst falle ich noch.”

Einer von ihnen lief los, eine Leiter aus ihrem Wagen zu holen, der am Straßenrand parkte.

Der Baum schwankte so sehr, dass man denken musste, seine Wurzeln würden gleich aus dem Boden reißen. Es schien ihm viel Spaß zu bereiten.

„Soll ich jetzt ...”, der Soldat stockte wieder, denn der Baum schüttelte kräftig den Zweig auf dem er saß. Krampfhaft klammerte er sich mit beiden Armen an den Stamm. „Soll ich jetzt eine Stunde warten, bis der mit einer Leiter wieder zurück ist?”, schrie er so schnell es ihm gelang, als der Baum eine Pause einlegte.

Dir wird nichts anderes übrig bleiben”, rief einer der Herumstehenden in das Geäst hinauf.

„Dann versucht doch diesen verdammten Baum wenigstens zu fällen. Ich klammere mich dann schnell an einen anderen.”

„Ob du das schaffst”, zweifelte der andere wieder.

„Versucht es einfach. Es ist egal, ob es noch länger dauert bis ich falle oder ob ich gleich schon keine Kraft mehr habe mich zu halten.”

„Ist der wahnsinnig?”, fragte Luke den Kater.

Der miaute nur belustigt und sah sich das Ganze an, als sei es eine Theateraufführung.

„Wieso tut der Baum das?”

Li Nú hätte ihm gern geantwortet, aber er wusste nicht wie.

Luke beobachtete, wie einer der Soldaten zur Kettensäge griff und auf den Baum zuging. Der fing jetzt sichtlich vor Angst an zu zittern. Alles an ihm vibrierte.

„Sag mal, haben die kein Herz?”, fragte Luke entsetzt. „Sollte ich nicht eingreifen?”

Li Nú schüttelte heftig mit dem Kopf.

Alle Muskeln in Lukes Leib waren angespannt. „Tun sie ihm etwas, helfe ich dem Baum.”

Der Soldat mit der Kettensäge, drückte auf einen Knopf, sodass die Ketten sich in Bewegung setzten. Dann legte er sie an.

Der Baum schien starr vor Angst. Er zitterte nicht einmal mehr. Den anderen fiel dies auf.

„Halt ein!”, rief einer der Soldaten. „Lass sie an, aber beginn noch nicht.” An den Soldaten auf dem Baum gewandt rief er: „Steig herunter! So schnell du nur kannst!”

Der Soldat bewegte sich vorsichtig auf seinem Ast und griff mit der Hand nach einem anderen. Vorsichtig stellte er seinen Fuß auf einen Ast unter dem seinen und zog sich so hoch, dass er stand. Plötzlich schien es, als sei Bewegung in einen Baum dicht neben ihm gekommen. Ein Ast holte aus und griff unter ihn. Der Baum schleuderte ihn mit seinem Zweig in die Luft und fing ihn mit ein paar anderen wieder auf.

„Au”, hörten alle anderen den Soldaten jammern.

Der Soldat mit der Kettensäge geriet in Wut. Er stürzte sich auf den Baum und versetzte ihm mit der Säge eine tiefe Wunde, bevor er von ihm auch in die Luft geschleudert wurde und dort saß, wo vorher der andere gesessen hatte. Mit seiner Säge fügte er dem Baum noch weitere Schäden hinzu. Zum Beispiel hatte er einige Äste abgesägt, die auf den Boden fielen.

Der Baum hatte solche Schmerzen, dass er nicht mehr in der Lage war, den Soldaten, wie den anderen zu ärgern. Die Bäume die um ihn herum standen spürten dies und griffen sich seinen Soldaten. Weil alle ihn haben wollten, wäre er fast auf den Boden gefallen. Gerade noch rechtzeitig wurde er von einem kleineren aufgefangen.

„Das kann ich nicht mehr mit ansehen”, sagte Luke wieder zu Li Nú. Er sah, wie die Bäume mit den Soldaten Ball spielten. Es flogen immer beide gleichzeitig durch die Luft und wurden von einem Baum, der sie fangen konnte, vor dem Herunterstürzen bewahrt.

„Sie haben es zwar verdient, aber das geht mir zu weit”, entschied Luke. „Ich werde ihnen Einhalt gebieten.”

Der schwarze Kater hielt ihn nicht länger auf, sondern folgte ihm sogar.

Ohne dass sie jemand bemerkte, traten sie aus ihrem Versteck hervor. Erst als Luke und Li Nú die Soldaten erreicht hatten, sahen sie die beiden.

„Was ist hier los?”, fragte Luke auf Englisch, da er kein Deutsch konnte.

„Wer sind sie?”, fragte einer von ihnen auf Englisch zurück. Sie mussten als Soldaten alle Englisch sprechen können.

„Ich werde jetzt den Leutnant verständigen. Mir reicht’s!”, sagte ein anderer Soldat und holte ein Handy aus seiner Tasche. Er redete aber Deutsch.

„Wer ich bin ist ganz egal”, gab Luke zurück. „Wenn ihr wollt, dass ich euch helfe, werdet ihr keinen einzigen dieser Bäume mehr anfassen. Habt ihr das verstanden?”

Alle nickten.

„Wie wollen sie uns denn helfen?”, gab einer der Soldaten höhnisch zurück. „Sie wissen doch nicht einmal, was hier wirklich los ist. Und unsere Zeitung können sie auch nicht verstehen, da sie ja kein Deutsch sprechen.”

„Ich weiß sehr wohl, was hier los ist. Entweder ihr hört auf in diesem Wald zu forschen und unschuldige Bäume zu fällen oder eure Kameraden können dort oben vergammeln.”

Keiner erwiderte etwas.

„Also, wollt ihr, dass ich sie herunterhole?”

Die Soldaten nickten mit den Köpfen, aber keiner sagte ein Wort.

Luke ging auf die Bäume zu und rief: „Jèralín!” ( „Aufhören!” )

Schlagartig hielten die Bäume inne.

„Ich kann euch gut verstehen. Sie haben es ja verdient, aber ich habe mit ihnen abgemacht, dass sie auch euch in Ruhe lassen werden.” Luke sprach alles auf Tinérisch. Die Bäume lauschten aufmerksam.

„Tshu shulol lewír, shulol!” („Lasst sie herunter!”)

Sachte setzten zwei Bäume die Soldaten auf die Erde.

„So”, wandte Luke sich wieder auf Englisch an die anderen. „Jetzt räumt euer Werkzeug zusammen und macht, dass ihr fort kommt!”

Luke beobachtete sie so lange, bis alles weg war und die Soldaten sich auf den Weg machten. Erst dann begab er sich auf seinen.

Die Soldaten stapften schlecht gelaunt durch den Wald.

„Da hat der Kriminalkommissar mal wieder die beste Idee gehabt”, sagte einer von ihnen wütend. „Ich werde nie wieder einen Fall der Polizei übernehmen!”

„Habt ihr gehört in was für einer seltsamen Sprache er zu den Bäumen gesprochen hat? Und wie sie auf ihn gehört haben?”, erkundigte sich ein anderer bei seinen Kameraden.

„Der hat bestimmt etwas mit den Verschwundenen zu tun”, gab der, der neben ihm stand zurück.

„Er hatte eine schwarze Katze bei sich”, rief plötzlich einer der Vorderen nach hinten gewandt.

„Na und?”, sagte ein anderer.

„Der Kommissar hatte erzählt, dass bei dem Polizisten, der mit den Mädchen verschwunden ist, auch eine schwarze Katze dabei gewesen wäre”, erzählte der vordere wieder.

Auch die anderen erinnerten sich daran.

„Seht mal. Da vorne ist der Leutnant”, rief plötzlich der, der ihn auch angerufen hatte.

Kaum hatten sie ihn erreicht, als sie auch schon mit ihrer Geschichte herausplatzten.

„Ich werde dem Kommissar sagen, dass wir nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten werden.”

Das blaue Sternenschloss

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