Читать книгу Mündliches Erzählen als Performance: die Entwicklung narrativer Diskurse im Fremdsprachenunterricht - Gabriele Bergfelder-Boos - Страница 22
3.1 Intermediale, grenzüberschreitende Konzeptualisierung des Narrativen
ОглавлениеIn diesem Kapitel (3.1) werden die strukturalistische Modellbildung und davon abgegrenzt die intermediale Modellierung des Narrativen erörtert und daraus die konstitutiven (Kap. 3.1.1) und prototypischen (Kap. 3.1.2) Elemente des Erzählmodells entwickelt.
Die systematischen Modellbildungen der textwissenschaftlich orientierten, strukturalistischen Narratologie beschränken sich überwiegend auf das verbale Erzählen (Scheffel 2010: 328f., Nünning 2004b: 160, Fludernik 2010: 118f.). Eine Forschungsrichtung dieser Narratologie pflegt einen weiten Begriff des Erzählens, in dem „als notwendig die Darstellung der zeitlichen Sequenzialität eines Geschehens, nicht aber der Entwurf von Geschichten“ (Scheffel 2010: 329) angesehen wird. Eine zweite Forschungsrichtung fasst den Begriff enger und fordert als zusätzliches Kriterium das der Kausalität (a.a.O.) ein. Bei beiden Richtungen, d.h. in „jeder Art von narratologischer Modellbildung“ (a.a.O.), gilt die Unterscheidung zwischen der Tätigkeit Erzählen und ihrem Produkt, der Erzählung, sowie die Unterscheidung zwischen histoire und discours als grundlegend. Zentral für die textwissenschaftlich ausgerichtete Narratologie ist darüber hinaus die Annahme einer erzählerischen Vermittlungsinstanz1. Die bisher genannten, „als kanonisch“ (a.a.O.) angesehenen Konstituenten strukturalistischer Erzähltheorie, das Zwei-Ebenen-Modell und die Annahme der Erzählinstanz sowie ein weiter Begriff des Erzählens, werden in der vorliegenden Studie der narratologischen Konzeption des Forschungsgegenstandes Erzählen zugrunde gelegt. Da ich mich nicht auf die Untersuchung rein verbaler Vermittlungsformen beschränken möchte, werde ich weitere Modellierungen des Narrativen heranziehen. Dazu gehören narratologische Forschungsrichtungen, die der postklassischen Phase der Narratologie (Scheffel 2010: 330) zugerechnet werden, einen kognitivistischen Ansatz verfolgen und die pragmatische Dimension des Erzählens (Nünning 2004b: 160) in ihre Modellbildungen einbeziehen2.
Postklassische narratologische Ansätze sehen das Erzählen als ein intermediales, grenzüberschreitendes Phänomen an (u.a. Nünning / Nünning 2002d: 1-22, Wolf 2002a: 23). Ansgar und Vera Nünning versuchen, von der in der klassischen Phase der Narratologie vertretenen monomedialen zu einer transgenerischen, intermedialen und interdisziplinären Auffassung des Narrativen (Nünning / Nünning 2002d: 1-22) zu gelangen und, anknüpfend an die Ergebnisse der klassischen Phase, neue Modelle für eine grenzüberschreitende Erzähltheorie zu entwickeln, die sich nicht auf das verbale Erzählen beschränkt. Erzählen, so Nünning / Nünning, habe Hochkonjunktur (2002b: 2) in vielen Gattungen und Medien3. Die sich darin repräsentierenden narrativen Formen und deren unterschiedliche Funktionen sind „seit einigen Jahren zu einem zentralen Anliegen unterschiedlicher Disziplinen geworden (a.a.O.)“. Zu diesen Disziplinen ist auch die Fremdsprachenforschung zu rechnen, in der Erzählungen einerseits als Untersuchungsobjekte, andererseits als Darstellungsmodi genutzt werden.
Die von Werner Wolf (Wolf 2002a, 2002b) entwickelte Konzeptualisierung des Narrativen stellt einen ersten systematischen Versuch narratologischer Neukonzeptualisierung dar, die sich in besonderer Weise dazu eignet, einem grenzüberschreitenden Potenzial des Erzählens auf die Spur zu kommen. Aus diesem Grund lege ich meiner eigenen Konzeptualisierung das grenzüberscheitende Wolfsche Modell zugrunde und ziehe das kanonische Modell zur Lösung verbalspezifischer Problemfelder heran. Letzteres als bekannt voraussetzend, erläutere ich im Folgenden lediglich die Basisentscheidungen und Strukturelemente des Wolfschen Konzepts unter dem Aspekt ihrer Brauchbarkeit für die Recherche grenzüberschreitender Erzählpotenziale.
Die Konzeptualisierung einer grenzüberschreitenden Erzähltheorie geht, so Wolf, von einer „bislang hauptsächlich intramediale[n]“ (Wolf 2002a: 26) zu einer intermedialen Narratologie“ (a.a.O.) und muss in einem notwendig ersten Schritt das Phänomen des Narrativen ausleuchten. Um die „Einäugigkeit“ (a.a.O.) intramedialer Narratologie4 zu vermeiden, die das Narrative vornehmlich aus der Perspektive verbal-literarischer Medien untersucht, eröffnet Wolf neue Perspektiven dadurch, dass er in einem dreistufigen Modell das Konzept des Narrativen von dessen Vermittlungsformen in unterschiedlichen Medien und von dessen Erscheinung in Gestalt konkreter Werke konzeptionell trennt und das Narrative selbst als ein medienunabhängiges Phänomen definiert. Im Rekurs auf einen „kognitiven, funktionalen und prototypischen approach“ (a.a.O.) macht Wolf zur Definition des Phänomens drei Fragenbereiche aus: „die Frage nach der Natur des Narrativen“ (2002a: 28), „die Frage nach den Funktionen“ (a.a.O.) und „die Frage nach seinen werkinternen Faktoren, d.h. seiner werkinternen Organisation“ (a.a.O.).