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3.1.1 Konstituenten des intermedialen Erzählmodels: das Narrative und die Narreme

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Die erste Frage, die Frage nach der Natur des Narrativen, löst Wolf im kognitiven approach. Er legt sich in Abwägung von drei unterschiedlichen Positionen zum ontologischen Status des Narrativen auf „die für eine intermediale Narratologie brauchbarste Variante“ (2002a: 29) fest, auf das Narrative als kognitives Schema:

Ich fasse also das Narrative (und damit auch den Akt seiner Realisierung, das Erzählen) als kulturell erworbenes und mental gespeichertes kognitives Schema im Sinne der frame theory auf, d.h. also als stereotypes verstehens-, kommunikations- und erwartungsgesteuertes Konzeptensemble, das als solches medienunabhängig ist und gerade deshalb in verschiedenen Medien und Einzelwerken realisiert, aber auch auf lebensweltliche Erfahrung angewandt werden kann.“(a.a.O.)

Die Konzeptualisierung des Narrativen als kognitives Schema schließt eine interaktive Vorstellung des Rezeptionsprozesses ein. Danach enthält das narrative Werk Signale des Narrativen, sog. Narreme, die als Stimuli (a.a.O.: 43ff.) des Narrativen fungieren und von den Rezipienten des Werks zu erfassen sind. Auf dieser Grundlage können sie das gespeicherte kognitive Schema aufrufen und aktivieren. Das Narrative setzt also einen beidseitigen (produzenten- und rezipientenseitigen) Narrativierungsprozess voraus (Wolf 2002a: 52f.).

Der funktionale approach führt zur zweiten Frage, der Frage nach den Funktionen des Narrativen. Wolf kann sich zur Diskussion dieses Aspekts auf eine umfangreiche Literatur stützen, die mit ihm als Grundfunktion des Narrativen die „Bedeutung für und die Wirkung auf bestimmte Bedürfnisse des Menschen“ (a.a.O.: 32) sieht. Drei „anthropologische Grundbedürfnisse des Menschen“ (a.a.O.), auf die das Narrative antworten kann, lassen sich herausschälen:

 „die Sinngebungs- oder ‚philosophische’ Funktion“ (a.a.O.) des Narrativen, das für den Empfänger Sinnangebote bereitstellt und Impulse zur Konstitution des eigenen Ich und zur Fremdwahrnehmung gibt,

 „die repräsentierende und (re-)konstruierende Funktion“ (a.a.O.: 33) des Narrativen, das für den Rezipienten Konstruktionen von Fiktivem in kohärenter Form bereit hält und ihm als Produzenten die (Re-)Konstruktion von eigenem und fremdem Erlebtem ermöglicht, wobei hier (im Gegensatz zur nächsten Funktion) auf innersubjektive Vorgänge abgehoben wird, und

 „die kommunikative, soziale und unterhaltende Funktion“ (a.a.O.) des Narrativen, das zur Mitteilung von eigenem oder fremden Erlebtem aus unterschiedlichen Anlässen, zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt werden kann, wobei hier auf intersubjektive Vorgänge abgehoben wird1.

Der funktionale approach ergänzt den kognitiven approach dadurch, dass er pragmatische Aspekte ins Spiel bringt und mit der Frage ‚Wozu und mit welchen Wirkungen wird erzählt?‘ den Blick über die intermedialen Aspekte des Narrativen hinaus auf werkexterne, kulturelle und soziale Aspekte richtet.

Die dritte Frage, die Frage nach den werkinternen Faktoren des Narrativen, löst Wolf in Auseinandersetzung mit drei verschiedenen Forschungsansätzen, wozu erstens die Minimaldefinition des Narrativen (bei der Zeitlichkeit und Ereignishaftigkeit als die bestimmenden Faktoren fungieren), zweitens der Versuch einer Maximaldefinition (in Gestalt einer umfassende Liste von narrativen Merkmalen) und drittens der prototypische approach gehören. Letzteren hält er für geeignet, um der Frage nach denjenigen Elementen nachzugehen, die notwendig sind, „um das Schema des Narrativen in einem Text, einem Artefakt zu realisieren“(Wolf 2002a: 34).

Der prototypische Ansatz hat den Vorteil, dass das Narrative mit einer „Pluralität von Faktoren, die der Prototyp besitzt“ (a.a.O.: 35), er erfasst werden kann, dass aber „ein konkret dem Prototypen zuzuordnendes Phänomen nicht alle diese Faktoren […] aufweisen muss und trotzdem noch eine ‚Familienähnlichkeit’ mit diesen haben kann.“ (a.a.O.). Das Narrative ist demzufolge graduierbar, was bedeutet, dass ein konkretes Werk eine mehr oder eine weniger große Nähe zum Prototypen haben und trotz größerer Ferne immer noch als Realisierung des Narrativen angesehen werden kann. In der Graduierbarkeit des Narrativen liegen letztlich seine intermedialen Fähigkeiten begründet, denn die Möglichkeit eines großen Abstandes zwischen dem Prototypen und einem ‚fernen Verwandten’ bietet die Chance, unter dem Begriff des Narrativen vielfältige Realisierungsformen zu subsummieren. Die Graduierbarkeit des Narrativen ist auch Voraussetzung dafür, dass das Narrative nicht nur als intermediales Phänomen angesehen werden kann, das sich von einem Medium ins andere überführen lässt (z.B. aus dem verbal-literarischen ins theatralische), sondern dass es auch ein „transmediales Phänomen innerhalb einer Typologie intermedialer Formen“ (Wolf 2002a: 36) darstellt, das sich, weil grundsätzlich medienunabhängig, in unterschiedlichen medialen Formen realisieren kann2.

Aus den bisher erläuterten Basiselementen des Wolfschen Erzählmodells ergeben sich folgende Qualitäten des Narrativen:

 Das Narrative wird als kognitives Schema definiert, das „auf lebensweltliche Erfahrung wie Artefakte verbaler und nicht-verbaler Art anwendbar ist.“ (a.a.O.: 42)

 Das Narrative „ist […] funktional determiniert.“ (a.a.O.: 38)

 Das Narrative wird als transmediales und graduierbares Phänomen aufgefasst.

 Das Narrative ist „wesentlich formaler Natur, d.h. inhaltsunspezifisch und daher […] unzähligen Inhalten offen stehend.“ (a.a.O.)

 Die Grundqualitäten des Narrativen lassen sich auf einen Prototypen beziehen.

Das Narrative als kognitives Schema ist Bestandteil der Konstituenten des intermedialen Erzählmodells3, das seinerseits drei Ebenen umfasst: die Konstituenten des Erzählens, die narrativen Vermittlungsformen und die Resultate des Erzählens4, worunter konkrete narrative Werke bzw. Werkteile zu verstehen sind. Von zentraler Bedeutung für die Recherche des Erzählpotenzials sind neben der Auffassung des Narrativen als kognitivem Schema die Charakterisierung und Kategorisierung der Narreme als Konstituenten des Erzählens. Sie sind Grundlage für die Ausarbeitung des Prototypischen, wie im Folgenden zu zeigen sein wird. Narreme fungieren im Wolfschen Modell als werkinterne Faktoren des Narrativen. Sie sind zugleich „Stimuli, die innerhalb des Textes das Schema des Narrativen indizieren.“ (a.a.O.: 43) Wolf teilt sie ein in qualitative, inhaltliche und syntaktische Narreme (Wolf 2002a: 44).

1 Zu den qualitativen Narremen gehören die aus der Funktion des Narrativen resultierenden, d.h. erzählerische Elemente, die „auf eine insbesondere die Zeitlichkeit involvierende Sinndimension“ (a.a.O.) zielen, ferner repräsentierende und rekonstruierende Elemente, die seine Darstellungsqualität und diejenigen, die seine „Erlebnisqualität […] bzw. die Qualität des Miterleben-Lassens des Erzählten“ (a.a.O.) ausmachen.

2 Zu den inhaltlichen Narremen rechnet Wolf die in der strukturalistischen Erzähltheorie vornehmlich zur histoire gehörenden Elemente Zeit, Ort, anthropomorphe Wesen als Figuren einer Geschichte und „de[n] Kern des Narrativen, die äußere Handlung bzw. das Geschehen“ (2002a: 45), den er als das „prototypische Rückgrat des Narrativen“ (2002a: 46) bezeichnet.

3 Unter syntaktischen Narremen versteht Wolf die für das Erzählerische typischen Gestaltungsprinzipien, mit deren Hilfe die inhaltlichen Narreme zusammengefügt werden. Das sind die Prinzipien der textinternen Relevanz und der formalen Einheitsbildung (2002a: 47), die realisiert werden durch:narrationstypische Verknüpfungsformen wie die Chronologie der erzählten Zeit,eine begrenzte Wiederholung von Ähnlichem oder Identischem“ (a.a.O.),die „vorwärts gewandte“ (Wolf 2002a: 49) Teleologie, d.h. ein Erzählen auf den (Höhe-)Punkt hin, und das Gegenstück, die rückwärts gerichtete Kausalität, wobei Teleologie und und Kausalität von Wolf als typische, nicht aber notwendige Narreme angesehen werden (2002a: 50),die „intellektuelle wie emotionale Spannung“ (2002a: 48),die thematische Einheitsstiftung, wozu Wolf auch die Erzählwürdigkeit, die Tellability (2002a: 50) rechnet.

Zu den syntaktischen Narremen werde ich auch die (prototypische) Makrostruktur narrativer Diskurseinheiten rechnen und mich dabei auf das von Larivaille (1974: 387) entwickelte und von Reuter (1991: 46)5 aufgenommene schéma quinaire mit den fünf großen Etappen stützen.

Ebenfalls zu den syntaktischen Narremen werde ich die von Becker (2013a) im Rekurs auf Boueke / Schülein (1991) entwickelte Kategorie des Planbruchs zählen. Der Planbruch bewirkt im Gegenzug zum Prinzip der Teleologie, „daß der ursprüngliche ‚Plan‘ der Aktanten durch ein nicht zu erwartendes Geschehen durchbrochen wird.“ (2013a: 37) Im Zusammenwirken von Zielorientheit des Geschehens und der damit verbundenen Aufgabe des Helden, Hindernisse zu überwinden, sieht Becker „ein Kriterium zur eindeutigen Definition der Erzählung.“ (a.a.O.) Zum Prinzip der Spannung, die durch Hindernisüberwindung, Planbruch, Erwarten der Lösung hervorgerufen wird, gehört für Becker als weiteres Merkmal des Narrativen die Affektmarkierung – Textelemente, die die Emotionalität der Geschichte hervorbringen. Dazu gehören u.a. die Wiedergabe von Gedanken und Gefühlen und die emotionale Bewertung der Ereignisse durch den Erzähler.

Die Kategorien des Planbruchs und der Affektmarkierung können durch die von Ahrenholz (2006b: 95, 106) im Rekurs auf das Quaestio-Modell entwickelten Kategorien der Haupt- und Nebenstrukturen ergänzt werden. In diesem narrationstheoretischen Bezugsrahmen gilt als Hauptstruktur das Handlungsgerüst der Geschichte, das „prototypische Rückgrat des Narrativen“ (Wolf 2002a: 46). Als Nebenstrukturen werden die den „Kern des Narrativen“ (a.a.O.: 45) erweiternden Elemente wie z.B. Beschreibungen von Figuren, Stimmungen, Gefühlen angesehen. Nebenstrukturen stellen wie die Prinzipien der Teleologie und Kausalität typische, aber nicht notwendige narrative Narreme dar.

Die Unterscheidung von Haupt- und Nebenstrukturen wird in die Liste sowohl der inhaltlichen als auch der sytaktischen Narreme aufgenommen: als Erweiterung des ‚prototypischen Rückgrats des Narrativen‘ und als Beispiel zur Herstellung semantischer Kohärenz. In dieser Funktion werden sie im Kontext der Erarbeitung von Kriterien zur Analyse produktiver Narrativierungsleistungen eine wichtige Rolle spielen.

Mündliches Erzählen als Performance: die Entwicklung narrativer Diskurse im Fremdsprachenunterricht

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