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Großform B: gattungstypologische Verfahren

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Was die Großform B betrifft, so interessieren im Rahmen der Studie zwei miteinander verwandte Verfahren.

① genretypische Verfahren narrativer Textsorten

Im Kontext der Studie sind besonders die gattungstypologischen Verfahren des Märchengenres von Bedeutung (Kap. 3.4), das der „Urform mündlichen Erzählens“ (Wolf 2002a: 36) nahesteht und deshalb selbst in seiner schriftlichen Verfasstheit noch über Erzählstrategien verfügt, die es seiner ursprünglich oralen Tradierung verdankt. Es handelt sich um mnemotechnische Strategien, die den narrativen Diskurs für erzählende Poeten memorierbar machen und der Zuhörerschaft das Verstehen und Behalten der wichtigsten Informationen erleichtern. Dazu gehören das Erzählen in Mustern und die Dominanz der Handlung sowie die additive Gestaltung des Erzählflusses und das Prinzip der Wiederholung (Kap. 3.4).

② gattungstypologische Verfahren der poésie orale

Das zweite Verfahren der Großform B rekurriert gattungstypologisch auf die poésie orale / oral poetry6 und knüpft damit ebenfalls an mnemotechnische Verfahren der primären Mündlichkeit an, setzt aber stärker auf poetische Verfahren, die dem Diskurs ein hohes Maß an Elaboriertheit verleihen und die Distanzsprache dominieren lassen. Mit dem Rekurs auf die poésie orale werden in kongenialer Weise die Herausforderungen des mündlichen Rezeptionsmodus mit einer poetischen, zwischen Epik und Lyrik oszillierenden Gestaltung des Diskurses verbunden. Für Zumthor zielen die poetischen Verfahren der poésie orale darauf, das Merkmal der Flüchtigkeit medialer Mündlichkeit in den Diskurs zu integrieren, damit einen flexiblen, elaborierten, suggestiv wirkenden Diskurs zu formen. Einheitsstiftend seien die den Diskurs dominierenden Rhythmen:

L’art poétique consiste pour le poète à assumer cette instantanéité, à l’intégrer dans la forme de son discours. D’où la nécessité d’une éloquence particulière, d’une aisance de diction et de phrase, d’une puissance de suggestion: d’une prédominance générale des rythmes. L’auditeur suit le fil, aucun retour n’est possible: le message doit porter (quel que soit l’effet recherché) au premier coup. (Zumthor 1983:126)

Der Diskurs der poésie orale wird damit durch einen poetisch-lyrischen, melodischen Rhythmus strukturiert, der gesungen und getanzt werden kann. Weitere charakteristische Verfahren der poésie orale (s. Zumthor 1983: 136-144) sind « la rime, l’allitération, les échos sonores de toute espéce, […] la scansion des rythmes » (Zumthor 1983: 140). Moderne Formen der poésie orale finden sich Zumthor zufolge in chansons contestataires (1983: 62), sie finden sich im Rap und in der slam poetry (Anders / Brieske 2007: 52-53, Anders / Krommer 2007: 46-48, Mertens 2007: 28-39), die als urbane Poesie sehr lebendig sind und an die o. g. Verfahren anknüpfen bzw. Markierungen der poésie orale aufweisen7.

Im Bereich der Großform A bieten sich folgende Modellierungen an:

 die konsequente Privilegierung eines Extrems (Distanz oder Nähe) oder die Einnahme einer ausgeglichen-mittleren Position,

 die Kombination von Distanz-Elementen mit Nähe-Elementen,

 der Paradigmenwechsel an markanten Stellen, z.B. den Höhepunkten der Erzählung,

 eine Steigerung von Distanz in Nähe und umgekehrt.

Auf jeden Fall dramatisieren die Privilegierungen der Nähe-Verfahren den narrativen Text und verstärken innerhalb des Diskurses die phatische und expressive sprachliche Funktion (Jakobson 1960: 94).

Im Hinblick auf die Großform B bieten sich folgende Modellierungen an:

 die Verstärkung gattungstypologischer Merkmale, z.B. der äußeren Handlung durch Akkumulation von Ereignissen und Wiederholungen,

 die Integration von poetisch-lyrischen Elementen in den narrativen Text wie Lieder, Reime, Gedichte, Sprüche,

 der Rekurs auf Sonderformen der „Urform des Erzählens“ wie Kettengeschichten.

Die Hereinnahme bzw. Verstärkung gattungstypischer Verfahren primärer Mündlichkeit können einerseits den Diskurs rhythmisieren und poetisieren, andererseits zu einer besonderen Ökonomie des Diskurses beitragen, die diesen für Erzähler und Zuhörer nachvollziehbar und memorierbar machen. Diese Verfahren verstärken die phatische, expressive und poetische und auch die pädagogische Funktion des Diskurses.

Mündliches Erzählen als Performance: die Entwicklung narrativer Diskurse im Fremdsprachenunterricht

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