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3 Das Übel fing im Himmel an Die Rebellion Luzifers und Gottes Reaktion

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„Die ganze Sache hat mit den Engeln zu tun, an die Sie glauben. Wissen Sie, dass es einmal eine Rebellion unter ihnen gab?“

„Nein, davon habe ich noch nie gehört.“

„Die Heilige Schrift berichtet, dass es einen Engelsfürsten gab, der in der lateinischen Übersetzung als ,Luzifer‘ bezeichnet wird.1 Sein Name bedeutet ,Lichtträger‘ oder, der ,Scheinende‘. Er war überragend schön und sehr intelligent. Luzifer war wohl der höchste Engel an Gottes Thron, ein geschaffenes Wesen, aber doch vollkommen.2

Irgendwann sind Luzifer jedoch seine Schönheit und Intelligenz zu Kopf gestiegen. Die Bibel berichtet, dass er sich wegen seiner Schönheit gegen Gott erhob.“3

„Wie ist das passiert?“

„Darüber berichtet uns die Bibel nichts. Aber mir hat ein Bild sehr geholfen, es besser nachvollziehen zu können. Wie entdeckt jemand, dass er oder sie schön ist? Meistens doch, indem sie in den Spiegel blicken und sich mit anderen vergleichen. So etwas Ähnliches muss Luzifer getan haben. Ihm ist sozusagen im Spiegel bewusst geworden, welch hervorragende Fähigkeiten er gegenüber den anderen Engeln besaß. Aber zu viel in den Spiegel oder auf sich selbst zu schauen hat einen großen Nachteil.“

„Was meinen Sie damit?“

„Luzifer hat dabei Gott aus den Augen verloren – seinen Schöpfer, dem er doch alles verdankte, was er war und konnte.“

Ich hielt inne und sah meine Gesprächspartnerin an. „Darin steckt für mich eine tiefe existentielle Wahrheit: Wenn wir in unserem Leben Gott aus den Augen verlieren, geht immer etwas schief – jedenfalls auf lange Sicht. Ich habe das oft beobachtet und auch selbst erfahren.“

„Meinen Sie wirklich?“

„Bei Luzifer war es jedenfalls so. Irgendwann war er mit seiner Stellung unter Gott nicht mehr zufrieden. Es gab dafür keinen plausiblen Grund, denn er war ja das höchste geschaffene Wesen. Die Bibel berichtet über Luzifers Absichten, Gott gleich zu sein und einen eigenen Thron zur Herrschaft über die anderen Engel zu errichten.4 Kennen wir das nicht zur Genüge: Machtgier und Egoismus?“

„Ja, das ist leider weit verbreitet.“

„Mit der Selbstsucht hat also das ganze Übel im Universum angefangen. Bei einer selbstsüchtigen Person kreist alles um sie selbst – und die Kreise werden immer enger. Das steht im Gegensatz zum Lebensprinzip Gottes, der selbstlosen Liebe. Da weiten sich die Kreise immer mehr und schließen andere mit ein.“

„Warum hat Gott dem egoistischen Streben Luzifers denn nicht gleich einen Riegel vorgeschoben? Er war doch allmächtig.“

„Das ist die entscheidende Frage“, pflichtete ich ihr bei. „Die müssen wir unbedingt klären, um Gottes Handeln zu verstehen. Was hätte Gott denn tun können oder müssen, um völlig sicher zu sein, dass sich keines seiner Geschöpfe je gegen ihn auflehnt?“

„Er hätte sie vollkommen schaffen müssen, ohne irgendwelche schlechten Neigungen.“

„Nach dem Bericht der Bibel hat Gott genau das getan. Luzifer wird ausdrücklich als, Abbild der Vollkommenheit‘ und, ohne Tadel‘ bezeichnet.5 Gott hat keine Engel mit Defekt geschaffen, nur solche mit besonderen Gaben – und einem freien Willen. Und darin liegt die Möglichkeit, dass sie sich gegen ihn entscheiden konnten.“ Ich hielt inne.

Meine Nachbarin schien nachzudenken. Sie sah mich eine Weile schweigend an, dann sagte sie langsam: „Ich glaube, ich verstehe, worauf Sie hinauswollen: Er hätte alle Geschöpfe ohne einen freien Willen schaffen müssen. Nur dann wäre ausgeschlossen, dass sich jemand gegen ihn auflehnt.“

„Ja, das denke ich auch. Alle geschaffenen Wesen müssten ähnlich wie Roboter oder Marionetten funktionieren. Damit ergibt sich die nächste wichtige Frage: Wenn Gott Gott ist, wusste er doch sicher, wohin es führen kann, wenn er seinen höheren Geschöpfen einen freien Willen gibt. Warum hat er es dennoch riskiert?“

„Woher soll ich das wissen? Das würde ich Gott auch gerne fragen“, sagte sie mit einem leisen Ton der Empörung.

„Ich meine, wir sollten nicht zu früh aufgeben, Gott verstehen zu wollen. Gott hat uns Menschen, nach seinem Bild‘ geschaffen,6 mit Vernunft und der Fähigkeit, ihn zu erkennen. Gehen wir die Frage von einer anderen Seite an: Was schätzen Sie an zwischenmenschlichen Beziehungen am meisten?“

Sie dachte einen Augenblick nach. „Dass ich einem anderen vertrauen kann und er mir vertraut.“

„Ich auch. Und noch mehr schätze ich es, von einer anderen Person geliebt zu werden.“

„Da haben Sie natürlich Recht. Das ist das Wertvollste.“ Sie nickte.

„Erlauben Sie mir eine persönliche Frage: Was würde es Ihnen als Mutter bedeuten, wenn es bei Ihrem Sohn einen Knopf gäbe, auf den Sie nur drücken müssten, damit er sagt: ,Mutti, du bist die Beste. Mutti, ich hab dich lieb!‘?“

„Natürlich nichts!“, sagte sie mit Nachdruck.

„Es ist klar: Ohne eine freie Entscheidung gibt es keine echte Liebe. Wenn ich eine Waffe in der Hand hätte, könnte ich Sie wahrscheinlich zwingen, aufzustehen oder bestimmte Dinge zu tun. Ich könnte Sie aber nicht dazu bringen, mich zu lieben oder mir zu vertrauen.“

„Sicher nicht.“

„Das kann man nicht erzwingen“, wiederholte ich, um ihr diesen wichtigen Punkt einzuprägen. „Man kann Liebe und Vertrauen nur freiwillig erweisen.“

Sie lachte. „Ich könnte Ihnen etwas vorheucheln und Ihnen sagen, was Sie hören wollen. Aber in dem Moment, in dem Sie keine Waffe mehr hätten, wäre ich weg. Ich würde Sie verachten, weil Sie mich zum Heucheln gebracht haben, oder hätte noch Angst.“

„Wie finden Sie einen solchen Gott, dem es wichtiger ist, in seinem Universum Beziehungen zu ermöglichen, die auf Vertrauen und Liebe basieren, statt völlige Sicherheit zu gewährleisten?“

„Das verstehe ich nicht. Was hat das mit Sicherheit zu tun?“

„Ich meine hier die Sicherheit vor einer Rebellion gegen seine Herrschaft“, erklärte ich. „Mit Zwang und Gewalt kann man vor einer Auflehnung eher sicher sein als mit Freiheit, Liebe und Vertrauen. Das birgt immer ein gewisses Risiko in sich. Aber gerade vor solch einem Gott, der dieses Risiko eingeht, damit es liebevolle und vertrauensvolle Beziehungen geben kann, habe ich großen Respekt. Ja, ich finde ihn großherzig und liebenswert.“

„Das kann ich nachvollziehen.“

„Verfolgen wir die Geschichte dieses Aufruhrs weiter: Wie mag Gott auf die Machenschaften Luzifers reagiert haben?“

„Woher soll ich das wissen? Sie sind doch der Bibelexperte. Was hat er denn getan?“

„Das wird in der Bibel nicht beschrieben. Aber an vielen Stellen wird Gott als barmherzig, gnädig und geduldig bezeichnet.7 Einmal, als er Mose erschien, bezeichnete er sich sogar selbst so.8 Und da Gott sich in seinem Charakter nicht verändert,9 können wir schlussfolgern, dass er auch gegenüber Luzifer so reagiert hat. Er wird ihm erklärt haben, dass es keinen Grund für seine Unzufriedenheit und seine Bestrebungen nach mehr Macht gibt und es vom Prinzip her einem Geschöpf unmöglich ist, seinem Schöpfer gleich zu sein. Gott wird ihm sicher auch angeboten haben, ihm zu verzeihen, wenn er seine gefährlichen Ambitionen aufgibt und ihm gegenüber loyal bleibt. Können Sie sich vorstellen, wie Luzifer darauf reagiert haben könnte?“

„Keine Ahnung. Aber jetzt wird’s spannend. Wenn ich mich in Luzifer hineinversetze, dann würde ich versuchen, Gott weiter auszutesten, und ausprobieren, wie weit ich gehen kann.“

„So tun es ja oft Kinder ihren Eltern gegenüber“, sagte ich. „Und wenn man nachgiebig ist, wird das schnell als Schwäche ausgelegt. Kinder und auch Erwachsene fühlen sich dann bestärkt fortzufahren. So hat wohl auch Luzifer Gottes sanfte Reaktion als ein Zeichen von Schwäche angesehen. Jedenfalls hat er sich von seinem Vorhaben, Gottes Stellung einzunehmen, nicht abbringen lassen, wie wir wissen. Er hat mit seiner Rebellion weitergemacht und etliche Engel auf seine Seite gezogen.“

„Aber warum hat Gott diesen Aufruhr nicht gleich zerschlagen und im Keim erstickt? Warum hat er Luzifer und dessen Anhänger nicht sofort getötet, als er wusste, dass sie nicht mehr umkehren würden?“

„Damit sind wir bei der alles entscheidenden Frage, die wir unbedingt klären müssen, um besser zu verstehen, warum es so viel Leid und Elend auf dieser Welt gibt. Die Bibel beantwortet diese Frage zwar nicht direkt, erwähnt aber einige Charaktereigenschaften und Handlungsweisen Satans, aus denen wir ersehen können, wie er vorgegangen ist. Daraus können wir dann eine Antwort ableiten.“

„Sie machen es aber kompliziert. Und wieso reden Sie plötzlich von Satan?“, warf meine Nachbarin ein.

„Die ganze Sache mit dem Aufkommen der Sünde und dem Ursprung des Leides ist tatsächlich kompliziert, sonst würden nicht so viele Menschen an Gottes Handeln zweifeln“, räumte ich ein.

„Da haben Sie Recht“, sagte meine Gesprächspartnerin mit einem leicht resignierten Unterton.

„Nun zu Ihrer Frage. Durch seine Rebellion hat sich ,Luzifer‘, der ,Lichtträger‘, selbst zum ,Satan‘ gemacht. Dieses hebräische Wort bedeutet übersetzt ,Widersacher‘ oder ,Feind‘ und beschreibt seine Stellung zu Gott. Im Neuen Testament wird er hauptsächlich als ,Teufel‘ bezeichnet. Das Wort stammt von dem griechischen ,diabolos‘, was ,Verleumder‘ bedeutet. Wir nennen ja etwas ,diabolisch‘, wenn wir meinen, es sei teuflisch.“

„Was so alles in diesen Namen steckt, hätte ich nicht gedacht.“

„Christus bezeichnete Satan einmal als, Vater der Lüge‘“,10 fuhr ich fort. „Wir würden sagen: ,Erfinder der Lüge‘. Deshalb können wir schlussfolgern, dass er von Anfang an bei seiner Auflehnung gegen Gott nicht offen, sondern mit Lügen, Unterstellungen und Verleumdungen gearbeitet hat. Auch gegenüber den ersten Menschen hat er behauptet, sie würden nicht sterben, wenn sie vom ,Baum der Erkenntnis‘ essen würden, obwohl Gott genau das Gegenteil gesagt hatte.11

Um Gottes Reaktion auf Satans Machenschaften zu verstehen, müssen wir zunächst die Frage klären: Wie schaffen wir Lügen und Verleumdungen wieder aus der Welt? Lassen Sie mich ein absurdes Beispiel nehmen: Angenommen, ich würde in Düsseldorf bei Leuten, die Sie kennen, Lügen und Verleumdungen über Sie verbreiten. Sie wären das sicher bald leid. Nehmen wir weiter an, Sie würden mich daraufhin erschießen. Was würden die Leute über das denken, was ich über Sie verbreitet habe?“

„Ihr Beispiel ist wirklich absurd. Ich glaube, meine Nachbarn wären erst einmal über meine Reaktion schockiert, bevor sie über den Inhalt Ihrer Aussagen nachdenken könnten.“

„Natürlich, das hätten sie nie von Ihnen erwartet. Könnte es aber sein, dass einige nach einer Weile denken würden: Da muss doch etwas dran gewesen sein, wenn sie zu solch einer Maßnahme greift?“

„Das mag durchaus sein.“

„Meine Lügen hätten also durch Ihre Reaktion mit Gewalt nur an Glaubwürdigkeit gewonnen, nicht wahr? Lügen kann man also nicht ausrotten, indem man den Lügner einfach umbringt“, erklärte ich mit Nachdruck. „Das Problem, das durch die Lügen und Verleumdungen Satans entstanden war, war also nicht mit dem Einsatz von Macht und Gewalt zu lösen. Selbst göttliche Macht konnte hier nichts ausrichten.“

„Das leuchtet mir ein.“

„Außerdem erfahren wir in der Heiligen Schrift, dass Satan mit List arbeitet12 und zudem seinen Bestrebungen einen positiven Anschein gibt. Paulus schrieb, er verstelle sich als, Engel des Lichts‘,13 d. h. er tue so, als verfolge er gute Absichten und Ziele. Bei all seinen Verleumdungen gegen Gott hat er sich also noch als Wohltäter der Engel hingestellt und versucht, ihnen weiszumachen, dass sie es unter seiner Regierung besser hätten als unter Gottes Herrschaft.

Das war natürlich für die Engel schwer zu durchschauen, als Luzifer mit seiner Rebellion anfing. Sie kannten so etwas ja nicht. Vor welcher Frage standen die Engel also damals?“

„Sind wir jetzt im Religionsunterricht? Sie haben manchmal eine schulmeisterliche Art!“, sagte meine Sitznachbarin etwas genervt.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte ich schnell. „Das will ich nicht. Ich versuche nur, Sie durch meine Fragen in die Logik des Gedankenganges mit einzubeziehen. Ich möchte Ihnen ja weder etwas vorpredigen noch einfach fertige Antworten liefern. Beides würde Ihnen wenig dabei helfen, Gott besser zu verstehen.“

„Ich verstehe Ihre Absichten“, lenkte sie ein.

Dadurch ermutigt, fuhr ich fort: „Mir hat die genannte Frage viel weitergeholfen, um einen wichtigen Aspekt in Bezug auf den Glauben an Gott zu verstehen. Wenn Luzifer etwas anderes sagte als Gott, mussten sich die Engel entscheiden, wem sie vertrauen sollten. Vertrauen in Gott war eine der Grundlagen für ein vollkommenes Universum. Die Notwendigkeit, an Gott zu glauben, d. h. ihm zu vertrauen, bestand selbst für die Engel im Himmel, die Gott sehen und mit ihm reden konnten. Dass wir Gott vertrauen müssen, hat nichts damit zu tun, dass wir ihn nicht sehen können.“

„Sie sagen, vertrauen ,müssen‘. Das Wort ,müssen‘ hat aber nichts mit Freiwilligkeit zu tun!“

„Sie haben Recht“, erwiderte ich. „Dieses ,müssen‘ hört sich nach Zwang an. So meine ich es hier aber nicht. Es geht um eine notwendige Voraussetzung, nicht um einen göttlichen Zwang. Ohne Vertrauen konnte die Harmonie nicht bestehen bleiben.“

„Das ist mir jetzt klar geworden.“

„Um Gottes Reaktion auf die Machenschaften Satans zu verstehen, müssen wir noch etwas bedenken: Wie hätte es sich auf die loyalen Engel und alle anderen intelligenten Wesen ausgewirkt, wenn Gott Satan wegen seiner Bestrebungen aus dem Weg geschafft hätte?“

„Er hätte sich wohl manches erspart“, meinte meine Gesprächspartnerin.

„Auch auf lange Sicht? – Nennen wir die Sache mal klar beim Namen: Gott wäre wie ein Mörder erschienen, denn die Engel hätten ja – wie Ihre Nachbarn bei meinem absurden Beispiel – den Grund dieser Maßnahme nicht verstanden. Welche Folgen hätte das wohl gehabt?“

„Wahrscheinlich hätte sich niemand mehr getraut aufzumucken. Die Engel hätten Angst bekommen.“

„Das denke ich auch. Bei der Erziehung von Kindern ehen wir ja, wohin das führt: Gehorsam, der durch Druck oder Angstmacherei erzwungen wird, bringt auf Dauer den Charakter eines Rebellen hervor.“

„Das kenne ich. Ich bin mit viel Druck erzogen worden. Das erzeugt Angst, aber keine Einsicht. Ich weiß, wovon ich rede. Und irgendwann wird man trotzig und rebellisch – wenn man innerlich noch nicht zerbrochen ist.“

Ich nickte. „Auf Gott und das Universum bezogen bedeutet das: Wenn er Luzifer vernichtet hätte, hätten die Engel ihm aus Angst statt aus Liebe gedient und der nächste Aufruhr wäre vorprogrammiert gewesen. Die Lügen und Verleumdungen Satans hätten Nahrung bekommen. Mit dem Ausüben seiner Macht konnte Gott das Problem also nicht lösen!

Und nun können Sie sich Ihre Ausgangsfrage selbst beantworten“, sagte ich und sah sie erwartungsvoll an: „Warum hat Gott das Böse nicht beseitigt, obwohl er doch allmächtig ist?“

„Hätte er Satan beseitigt, dann wäre damit tatsächlich nichts gewonnen gewesen. Irgendwann hätten die Engel keine Lust mehr gehabt, Liebe zu Gott vorzutäuschen und in Angst zu leben. So geht es ja auch den Menschen, die in Diktaturen leben. Das wäre so, als ob Gott Öl ins Feuer gegossen hätte.“

„Das sehe ich genauso. Dies ist ein sehr wichtiger Punkt: Das Problem, das Luzifer durch seine Bestrebungen, Lügen und Verleumdungen aufgebracht hat, war mit dem Einsatz von Macht nicht zu lösen – selbst mit Gottes so genannter ,Allmacht‘ nicht.

Gehen wir noch einmal zurück: Gott hat keinen Satan geschaffen, sondern einen vollkommenen Engel namens Luzifer, der der oberste der Cherubim war.14 Sie erinnern sich sicher, dass in Weihnachtsliedern öfter von den Cherubim, den höchsten Engelwesen, gesungen wird. Luzifer hat sich selbst zum Teufel, zum Verleumder gemacht, und zum Satan, zum Feind Gottes.

Das Böse war also nun aufgetreten. Was konnte Gott tun, um es wieder aus der Welt – oder besser: aus dem Universum – zu schaffen? Wie konnte er die Engel und alle vernunftbegabten Geschöpfe davon überzeugen, dass die Behauptungen und Unterstellungen Satans Lügen und Verleumdungen waren?“

Meine Nachbarin sah mich eine Weile nachdenklich an und sagte dann: „Eigentlich hätte Gott einen öffentlichen Prozess veranstalten müssen. Alles müsste wie in einer rechtsstaatlichen Gerichtsverhandlung ablaufen. Die Beweise müssen auf den Tisch, Zeugen werden gehört und Plädoyers gehalten. Und am Ende würden die Geschworenen und Richter ein Urteil fällen. Wer nichts zu verbergen hat, dürfte vor solch einer Verhandlung eigentlich keine Angst haben – besonders dann nicht, wenn das Gericht in der Lage ist, alle verborgenen Tatsachen ans Licht zu bringen.“

„Genau das ist letztlich die Lösung Gottes“, sagte ich. „Es wird am Ende einen ausführlichen Gerichtsprozess geben. Doch zuvor müssen erst einmal klare Beweise gesammelt werden, damit die Entscheidung eindeutig ausfällt. Sonst würde ja lediglich Behauptung gegen Behauptung stehen. Sie kennen das aus Filmen mit Gerichtsprozessen.

Das bedeutet: Gott musste Satan unbedingt Gelegenheit geben, seine Anschuldigungen gegen ihn zu beweisen und durch sein Handeln zu zeigen, was dahintersteckt und wie sein wahrer Charakter ist. Gott konnte nur darauf setzen, dass Satan sich im Laufe der Zeit selbst entlarven und sich die Maske vom Gesicht ziehen würde.“

„Welche Anschuldigungen waren denn das?“

„Gott sei selbstsüchtig, von Machtstreben getrieben und ungerecht. Er lasse sich von seinen Geschöpfen bedienen, tue aber nichts wirklich für sie.

Die Gegenbeweise ergeben sich daraus, dass er in seinem Handeln und in seiner Reaktion auf Satans Machenschaften seinen Charakter und die Prinzipien seiner Regierung demonstrierte – indem er ihn eben nicht gleich vernichtete, sondern barmherzig und liebevoll reagierte. Er appelliert an das Urteilsvermögen der Engel und aller intelligenten Geschöpfe, auch der Menschen.

Die schrecklichen Folgen der Erhebung Satans und seiner Art der Regierung werden schließlich vor dem gesamten Universum deutlich werden. Sein wahrer Charakter wird ebenso wie der wahre Charakter Gottes offenbar werden. Dann kann sich jedes intelligente Wesen am Schluss im Gericht sein eigenes Bild machen, um zu einem gerechten und tragfähigen Urteil zu kommen.“

„Das hört sich gut an“, meinte meine Gesprächspartnerin.

„Um Gottes Handeln besser zu verstehen, ist ein weiterer Punkt wichtig. Da ein Vorwurf Satans lautet, Gott sei ungerecht und unfair – manche bevorzuge und andere benachteilige er –, muss er in seinem Handeln gegenüber Satan absolut fair vorgehen. Gott darf sich also keine Rechte herausnehmen, die er nicht auch gleichermaßen Satan zugesteht. Er darf Satans Handeln nicht einschränken! Und deshalb kann er auch die Folgen davon nicht von Fall zu Fall aufheben oder verhindern.“

„Heißt das, er muss Satan einfach machen lassen?“

„Im Prinzip: ja. Das Drama der Sünde muss einmal durchgespielt werden, damit am Ende alle sehen, wohin eine Rebellion gegen Gott führt. Alle müssen erkennen, dass Gott wirklich barmherzig, liebevoll und gerecht ist und unsere Liebe und unser Vertrauen verdient.

Das Ganze wird dann gewissermaßen wie eine Schutzimpfung wirken: Nachdem alle Fragen geklärt sind und der Bazillus Sünde genügend Antikörper hervorgebracht hat, wird das Universum immun sein gegen jede erneute Auflehnung gegen Gott.“15

„Das klingt ganz schön phantastisch.“

„Ja, aber ich vertraue darauf, dass Gott mit seiner Art des Vorgehens dieses Ziel erreichen wird. Und im Grunde bin ich Luzifer sogar dankbar, dass er diesen Aufruhr angefangen hat.“

„Wieso das?“, fragte sie erstaunt. „Das klingt ziemlich zynisch.“

„Mag sein“, antwortete ich. „Aber weil er das höchste erschaffene Wesen ist, wird niemand je auf die Idee kommen, er sei zu dumm gewesen, um diese Rebellion erfolgreich zum Ziel zu führen.“

„Dafür nehmen Sie aber viel in Kauf, auch wenn es uns die Gewissheit geben sollte, dass das Ganze nicht noch einmal passiert.“

„Der Preis ist hoch. Aber nachdem Luzifer seine Erhebung begonnen hatte, konnte Gott nicht anders vorgehen, wenn er nicht alle Geschöpfe verlieren wollte.“

Sie sah mich nachdenklich an. Nach einer kleinen Pause fragte sie: „Wann soll denn dieser Aufruhr stattgefunden haben?“

„Das sagt uns die Bibel nicht. Das muss aber einige Zeit vor dem Sündenfall unserer Voreltern Adam und Eva gewesen sein.“

„Dazu habe ich auch noch einige Fragen.“

„Das sprachen Sie ja vorhin schon an.“

In diesem Augenblick wurde uns das Abendessen serviert.

„Jetzt tut uns eine kleine Pause sicher gut“, meinte ich.

„Das finde ich auch. Ich heiße übrigens Margot Naumann“,16 sagte meine Nachbarin und gab mir die Hand.

Ich entschuldigte mich, dass ich mich noch nicht vorgestellt hatte, und holte es nun nach. Dann aßen wir schweigend unsere Pasta.

Allmächtig? Ohnmächtig? Gerecht?

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