Читать книгу Drei zornige alte Männer - Giulia Birnbaum - Страница 5
3 / My two front teeth
ОглавлениеDie Schulkinder, die morgens im Pulk unter dem Schlafzimmerfenster der Korffs vorbeizogen, erinnerten Arnold laut und lebhaft daran, dass er jetzt aller Tagespflichten ledig war. Der Gedanke hatte etwas Angenehmes: Er konnte sich mit einem entschlossenen Ruck noch einmal auf die andere Seite drehen. Andererseits vergaß er nicht, dass Sabine vor nicht allzu langer Zeit bemerkt hatte: „Solange morgens der Wecker klingelt, sind wir noch jung.“
Sie hatten den Wecker abgestellt. Für Sabines Tagesablauf machte das keinen großen Unterschied, aber ihm fehlte seither der Stundenplan. Er konnte in den Tag hineindröseln. Das hatte er vorhergesehen, dennoch staunte er, wie schnell jetzt selbstverständlich wurde, was früher ein seltenes Wochenend-Vergnügen war.
Dagegen wurde das Alltägliche bemerkenswert. Auf dem Weg zum Zahnarzt geriet ihm das ganze Gewusel in den Blick, für das er früher kein Auge gehabt hatte: Alle paar Meter wurde ein Lieferwagen entladen, Bauarbeiter stiegen aufs Gerüst, Maler strichen Fensterrahmen, und alle diese Leute waren zwei Stunden früher aufgestanden als er. Schaffendes Volk allenthalben, aber Arnold gehörte nicht mehr dazu, niemand schaute ihn an, er flog sozusagen unter dem Radar. In jeder Ecke wurden neue Gebäude hochgezogen, die er nie mehr im Leben betreten würde. Peu à peu wurde ihm die Stadt fremd.
Es war eben so, dass die Welt sich nicht mit ihm zur Ruhe setzte. Die Welt hatte noch viel vor. Alle diese jungen Leute um ihn herum überholten ihn, während er sich in seinem Haus im Amselgrund verschanzte, auf ein Leben mit reduziertem Pulsschlag eingerichtet. Das blieb draußen nicht unbemerkt: In der Post boten ausgebildete Polinnen ihre Seniorenbetreuung an, eine Mail versprach ihm „mit 60 noch Power im Bett,“ und ein Prospekt lud ihn zu einer Kreuzfahrt ein, „an Bord eines Premiumschiffs, in stilvollem Ambiente an die unbekannten Küsten Kroatiens (Arzt an Bord).“
Jedes dieser Angebote war sorgfältig auf die Zielperson Arnold Korff zugeschrieben, leider musste er sie ausnahmslos ablehnen.
Es war eigentlich kein Zahnarzt, sondern ein Kiefernchirurg. Von Arnolds Schneidezähnen hatte man zwei nicht mehr retten können, und die Vorstellung, abends eine Prothese ins Kukident-Glas zu legen, schauderte ihn. Ein Implantat war fällig.
Der Arzt war doppelter Doktor. Arnold sprach seit Jahren Doktoren nicht mehr mit ihrem Titel an. Er fand das bäurisch, zu umständlich auch, und die jüngeren Leute schienen ohnehin keinen Wert darauf zu legen. Beim Vorgespräch hatte Arnold kurz überlegt, ob er einem doppelten Doktor nicht wenigstens einen anbieten müsse, dann bemerkte er, wie locker der Ton in dieser Praxis war. Der Arzt hatte seine Frage nach dem Behandlungstermin mit einem aufgeräumten „Sie buchen, wir spielen“ beantwortet.
Arnold stimmte sich auf den Tonfall ein, sprach sozusagen mit den Händen in den Hosentaschen. Tod und Gefahr musste man mit Verachtung strafen – anders als in den Jammergeschichten, die Sabine jetzt immer öfter mit nach Hause brachte. Er legte die Brille ab, schwenkte seinen Hintern auf die OP-Liege und ließ ein halblautes „here we go“ hören – die coole Ansage eines Kampfpiloten beim Start. Vor seinen hilflosen Augen verschwamm das Röntgenbild seines Totenschädels; leuchtend hell seine Zähne, dunkel das Nichts. Das Fenster hinter dem Röntgenschirm zeigte einen Baum, der seine Blätter verlor: Ein Memento Mori vom feinsten, im Hintergrund ergänzt vom Turm der alten Elisabeth-Kirche. Ein dünnes Glöckchen müsste jetzt noch läuten, dachte Arnold.
Die unfassbar junge OP-Schwester im Handwerkerblau bot ihm einen Kopfhörer an. Daraus war ein Klopfen und Rauschen zu hören, das Rock’n Roll sein musste; er lehnte dankend ab. Der Arzt beugte sich über ihn, sagte zu Arnolds Überraschung „Entschuldigung“ und setzte ihm vier Spritzen in den Oberkiefer, dann ließ man ihn allein. Er bemühte sich, ruhig durchzuatmen.
All I want for Christmas is my two front teeth – so was brachten sie früher im Radio. Ob die Menschen in tausend Jahren bessere Zähne haben werden, dachte er – durch natürliche Auslese? Oder wird ein kräftiges Gebiss dann bedeutungslos sein? Hoyers „Flüssigfleisch“ ging ihm durch den Kopf, widerlich.
Was war bloß mit dem Hoyer los gewesen? Schon die Art, in der er sich von seiner Frau verabschiedet hatte, zeigte, wie kaputt er gewesen sein musste. Tito hatte Recht mit seinen Eisschollen, wahrscheinlich hatte Hoyer den letzten Sprung nicht geschafft. Arnold hatte ihn früher als bescheidenen Menschen gekannt, und nach allem, was man hörte, war er das geblieben. So einer taugt nicht für Hahnenkämpfe, kann sich in Herrschaftspyramiden nicht nach oben boxen. So einer ist am besten beraten, wenn er freiberuflich vor sich hin werkelt. Allerdings muss er dann nicht nur gute Einfälle, sondern auch auskömmliche Rechnungen produzieren. Bei dem scheuen Hoyer war es eher so, dass er sich schon belohnt fühlte, wenn man ihm einen Auftrag gab; es gibt solche Leute. Wenn sie an den richtigen Pfennigfuchser geraten, ziehen sie immer den Kürzeren, besonders als Anfänger.
Es sind die Zahnärzte, die Rechnungen schreiben können. Arnold hatte sich einen Kostenvoranschlag geben lassen und ohne große Hoffnung an seine Krankenversicherung weitergereicht. In Ungarn hätte er sein Implantat bestimmt für ein Drittel bekommen. Vor Jahren, in ihren Ferien am Neusiedler See, hatten die Korffs einen Abstecher hinüber ins grenznahe Sopron gemacht und dort an jeder dritten Haustür das Schild einer Zahnarztpraxis bemerkt. Auf Transparenten über der Hauptstraße warb die Implantat-Industrie um Westpatienten („Shuttle-Service zum Flughafen Wien“). Ob auf deren Zähne aber auf Dauer Verlass gewesen wäre?
Er wollte nicht ungerecht sein: Was er dem Arzt überweisen musste, konnte er früher an einem Tag verdienen. Allerdings war damals damals und heute war heute. Heute musste er seine Reserven angreifen. Es kam nichts mehr rein außer der verabredeten Rente. Unverhoffte Ausschüttungen gab es nicht mehr, und sein schönster Cashmere-Pullover wurde am Ellenbogen schon fadenscheinig.
Arnold hatte sich Zeit seines Arbeitslebens von dem Gedanken des give and take umnachten lassen: Man konnte nicht immer nur nehmen, man musste dem Markt auch etwas zurückgeben. Er ging ins Fachgeschäft statt in den Fabrikverkauf. Er handelte nicht gern, zahlte selbstverständlich den Preis, der auf dem Etikett stand. Wenn er ehrlich zu sich selbst war: Er hielt sich etwas zugute auf die Summen, die er ausgeben konnte, statt auf das Geld, das er festhielt.
Die Quittung hatte er jetzt. Die „Vollkrone aus Edelmetall, nach Stufenpräparation“ kostet allein im Materialwert 353.53 € netto, das war in dieser Höhe nicht vorgesehen. Ein zusätzlicher Betrag, der an seinem Konto nagte. Es kam eins zum anderen, adios le peso.
Drei gleißende Scheinwerfer über ihm.
„Es rumpelt jetzt ein bisschen,“ sagte der doppelte Doktor.
Es dauerte nicht lange, bis er Arnold zu einer neuen Röntgenaufnahme in den Nebenraum schickte. Das Ergebnis schien dem Arzt zu gefallen; Arnold hörte, wie er zufrieden brummte. Er wurde mit einem Kühlkissen entlassen, das er zuhause an die Backe presste. Sabine kochte ihm abends eine sämige Tomatensuppe.