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Kapitel 3 Scoppio Sogni – Geplatzte Träume
Оглавление(Lunedi) Montag – 27. August
Irgendwo im Traum hämmert ein Irrer gegen ein Fenster und schreit. Dauert keine Minute und ich weiß, der Irre ist Greta, real, und sie hämmert nicht ans Fenster, sondern an die Tür. Und schreien tut sie auch. Nach mir. Oh Mann, hab ich verschlafen? Bin noch halb tot. Muss sie so einen Lärm machen?
»Doro! Wach auf!«
»Ja, ist ja gut, schrei nicht so«, grummel ich und schlurfe zur Tür. Hab meine gute Laune noch nicht wirklich gefunden.
»Doro, du musst mit runterkommen.« Greta schluckt und schaut mich mit großen Augen an. Käsweiß. Nicht gut.
»Was ist los?«, frag ich. »Es ist erst fünf.« Kann einen gewissen Vorwurf in der Stimme nicht verhindern.
»Niveo hat den Stuttgarter im Pool gefunden.«
»Den Stuttgarter? Im Pool?«, frag ich blöd, ich merk’s selber. Meine Gehirnzellen funktionieren noch nicht voll, vielleicht hab ich mich verhört. Macht ja keinen Sinn.
»Unseren Gast aus Stuttgart. Tot«, flüstert Greta.
»Was macht der um fünf im Pool?«
Greta zuckt mit den Schultern. »Er wollte früh los, hat sich gestern ein Lunchpaket für heute herrichten lassen.« Sie schlingt die Arme um ihren Körper. »Vielleicht wollte er vorher noch eine Runde schwimmen. Jedenfalls hat er nur Badeshorts an.«
Klingt logisch. Ich bin auch ziemlich verschwitzt. Eine Runde Pool wär angenehm … aber der ist gerade besetzt. Vinc würde den Kopf schütteln über so viel Unsensibilität. Aber das stimmt so nicht, ich bin nicht unsensibel, bin nur mit harten Tatsachen aus dem Schlaf gerissen worden. Während ich in meine Jeans schlüpfe, schweifen meine Gedanken zu Niveo.
»Was wollte eigentlich Niveo um diese Zeit am Pool?«
»Er holt in der Früh den Poolreiniger aus dem Wasser und stellt ihn in den Geräteraum, da unten neben dem Becken. Gehört zu seinem Job. Und heute war er früh dran, weil er um halb sechs in der Küche sein wollte.«
Na, dann wär ich nicht allein gewesen mit meinem Kaffee.
»Okay, los«, sag ich und schieb Greta aus dem Zimmer.
»Habt ihr den Arzt gerufen?«, frag ich, während wir ums Hotel herumeilen.
Greta nickt. »Und die Polizei.«
Dann wird’s gleich laut, denk ich und mir graust es vor den Gästen, die mit Sicherheit nicht fernzuhalten sind.
»Adriano hat sie gebeten, ohne Sirene anzufahren.«
»Gut mitgedacht, hoffentlich halten die sich auch dran«, unke ich skeptisch.
Wir stürmen zum Pool, hinten im Garten. Von der Terrasse durch ein Rasenstück, Olivenbäume und eine Art Hecke aus Zitronenbäumchen abgeteilt. Gedämpfte Stimmen, kurze Blicke zu mir, aber im Grunde nimmt mich keiner richtig wahr. Vittorio und Francesca Rinaldi, Gretas Schwiegereltern, stehen mit verschränkten Armen hinter dem Grüppchen, das am Boden kniet. Gretas Mann Adriano, seine Schwester Mia und Niveo beugen sich über den Körper des jungen Mannes. Gestern Abend saß er noch auf der Terrasse. Ich hocke mich neben Adriano, schlucke, als ich in das blasse, leblose Gesicht schaue.
»Buon giorno, Doro, kein schöner Anfang bei uns.«
»Nee, echt nicht.« Ich leg kurz meine Hand auf seinen Arm und nicke Mia zu, dann wird mein Blick wieder magisch vom Gesicht des Toten angezogen.
»Greta hat mich geholt«, sag ich leise, ohne meine Augen von der wächsernen Bleiche und den geschlossenen Lidern des jungen Mannes lösen zu können. Will damit sagen, dass ich nicht aus Sensationslust hier aufgetaucht bin.
»Ja«, Adriano schielt zu seiner Frau, »Greta hat gemeint, du kennst dich mit so was aus.«
Überrascht schau ich hoch.
»Äh …?« Na toll! Mir fehlen die Worte. Nur weil ich letztes Jahr in diese merkwürdige Geschichte reingestolpert bin. Hätte ich ihr besser nicht erzählt.
»Das Einzige, was ich weiß, ist, dass wir nicht zu viel hier rumtrampeln sollten. Vielleicht gibt’s Spuren.«
»Was für Spuren sollen das sein?«, fragt Mia irritiert.
»Keine Ahnung. Blut oder was weiß ich.«
Alle schauen auf mich. Ich sag nichts mehr, checke die Leiche. Natürlich nur optisch. Sieht ziemlich lädiert aus.
»Habt ihr getestet, ob er noch lebt?«, frag ich und bin schockiert bei dem Gedanken, dass wir hier blöd rumreden und der Mann vielleicht …
»Ja, natürlich«, beruhigt mich Adriano. »Ich habe eine gute Erste-Hilfe-Ausbildung. Ist wichtig im Hotel. Ich habe versucht, ihn wiederzubeleben. Herzdruckmassage, beatmet … Aber es war zu spät. Die Augen … man hat gesehen, dass er tot ist. Ich habe sie geschlossen.«
Er sagt das fast schuldbewusst. Ich drück kurz seine Hand, was soll ich auch sagen? Alles gut? Nix ist gut.
»Und du hast ihn gefunden?«, wende ich mich an Niveo.
Der nickt.
»Und wo? Wie war das genau?«
Niveo runzelt die Stirn. So, als würde mich das nichts angehen, entschließt sich aber doch zu einer Antwort.
»Er trieb im Wasser, mit dem Gesicht nach unten. Ich hab ihn mit dem Blättersieb hergezogen und aus dem Wasser gehievt. War nicht leicht. Aber er war schon tot, ganz sicher.«
»Du hast also nicht versucht, ihn wiederzubeleben?«
Niveo läuft dunkelrot an. »Ich …«
»Das ist kein Vorwurf«, schieb ich schnell nach. »Ich will nur wissen, was genau passiert ist.«
Ich knie neben Adriano und versuche, mir ein Bild von dem Desaster zu machen. Ich mein, ein Toter im Pool, das ist schon eine Nummer.
»Ich habe Adriano mit dem Handy gerufen. Da war kein Puls mehr, die Augen … da war nichts mehr.« Er schluckt.
Extrem! Ist doch völlig normal, dass man fertig ist, wenn man nichts ahnend in aller Früh statt dem Poolreiniger eine Leiche im Schwimmbecken findet.
»Okay, aber …«
Der alte Rinaldi schiebt sich vor. »Basta, signorina!«, bellt er. »Was soll die Fragerei? Der Arzt kommt und die Polizei, die übernehmen das hier. Und Sie geht das nichts an!«
Mann, was war das denn? Ich schau ihn entgeistert an. Kann ich doch nichts dafür, dass es hier einen Toten gibt!
Greta baut sich vor ihrem Schwiegervater auf. Sie holt tief Luft und explodiert dann förmlich, auf jeden Fall wird sie ziemlich laut.
»Wir müssen wissen, was passiert ist. Die Polizei wird sowieso nachforschen. Also warum soll Doro nichts fragen? Und außerdem hab ich auch eine Frage.« Jetzt nimmt sie Niveo ins Visier. »Du hast gestern Nachmittag mit diesem Mann gestritten. Um was ging es da?«
»Wir haben nicht gestritten! Wir haben uns über den rücksichtslosen Autofahrer aufgeregt, der diesen Mann da«, Niveo zeigt auf den Toten, »von der Straße gedrängt hat. Hat ganz schön was abbekommen bei dem Sturz«, sagt Niveo und deutet auf die Schürfwunden am linken Arm und am linken Oberschenkel. Ich habe ihm abgeraten, Anzeige zu erstatten. Er hat keine Autonummer, und was soll das bringen?«
Ach so, deshalb sieht der so lädiert aus, denk ich und seh das Bild vor mir jetzt mit anderen Augen.
»Der Typ wollte heute …«
»Der Typ heißt Julian Weigel, verdammt, er hat einen Namen!«, ruft Greta, und Hysterie schwingt in ihrer Stimme mit.
»Genug jetzt! Haltet den Mund! Alle beide«, brüllt Gretas Schwiegervater.
»Du«, er erdolcht Greta fast mit dem Zeigefinger, und seine Augen schießen böse Blitze, »du hast meinen Sohn geheiratet, du gehörst zur Familie, ob du oder wir das wollen oder nicht. Also halt den Mund. Wir alle leben vom Hotel und können keinen Ärger gebrauchen. Wir haben Gäste und die zahlen für erholsame Tage, verstanden?«
Greta wird abwechselnd rot und blass und verstummt. Das war eine verbale Watschn in Reinform – die allerdings Gretas Hysterie im Keim erstickt. Ich steh auf und leg ihr solidarisch die Hand auf den Arm.
Wir schweigen und warten. Aus der Ferne nähern sich Sirenen. Also doch. Wir tauschen einen resignierten Blick. Dann verstummt das Geheul und zwei Minuten später fährt ein Krankenwagen vors Hotel, gefolgt von den Carabinieri.
»Sehr vernünftig, hätte ich eindeutig dagegen gewettet«, flüstere ich Greta ins Ohr.
»Hier lebt jeder vom Tourismus«, sagt sie, als würde das alles erklären. Tut’s ja eigentlich auch, wie Rinaldi eben eindrucksvoll demonstriert hat.
Die beiden Carabinieri lassen dem Arzt und den Sanitätern den Vortritt. Sie stellen sich zwei Meter abseits, unterhalten sich leise, zeigen hierhin und dorthin. Der Arzt steht auf und wendet sich an die Polizisten. Sie schauen zu dem Toten, reden. Einer der Beamten kommt zu uns rüber, spricht mit Gretas Schwiegereltern. Und mit Niveo. Der hat den Toten schließlich gefunden.
Sie sprechen schnell, aber ich versteh das meiste. Jedenfalls erzählt Niveo von dem Unfall am Vortag, welcher die meisten der Schürfwunden am Körper erklärt.
Der Carabiniere nickt. »Der Arzt stellt den Totenschein aus. Unfall. Vermutlich wollte der Mann ins Wasser springen, ist ausgerutscht und hat sich dabei den Kopf am Beckenrand gestoßen.« Er zeigt auf die Wunde am Hinterkopf des Toten.
»Vielleicht wurde er bewusstlos und ist deshalb ertrunken.« Der Beamte zuckt mit den Schultern.
»Trotzdem müssen wir die Unfallstelle untersuchen. Die Kollegen von der Spurensicherung werden gleich da sein.« Der Carabiniere schaut auf die Uhr.
»Tut mir leid, ist ärgerlich für euch, aber wir beeilen uns. Wenn die Kollegen nichts Besonderes entdecken, kannst du deine Gäste nach dem Frühstück wieder an den Pool lassen«, sagt er zu Vittorio Rinaldi, Gretas Schwiegervater.
»Danke, Mario.« Ein Handschlag unter Männern.
Aha, man kennt sich.
Mario Forti, seines Zeichens Capitano der Carabienieri, nickt den Sanitätern zu.
Die holen die Trage, legen den Toten darauf, verhüllen ihn mit einer Rettungsdecke und ziehen mit ihm ab. Ohne Leichenwagen … Wohl ebenfalls wegen der Touristen.
»Wir brauchen noch die Personalien des Toten. Die Angehörigen müssen verständigt werden. Darum kümmern wir uns.«
Vittorio nickt. Erleichtert. Dann im Militärton zu Greta: »Druck die Unterlagen für Mario aus.«
Kurzer Blickwechsel mit mir, dann huscht sie Richtung Rezeption davon.
Fünf Minuten später hält Mario Forti die Daten des Toten in den Händen, zwei Leute von der Spurensicherung fotografieren den Unfallort, untersuchen den Boden, eine Aktion von maximal zehn Minuten. Ist ja nur eine Formsache.
»Gehört das dem Mann?«, fragt Forti und zeigt auf ein Kleiderbündel auf einem der Liegestühle an der Stirnseite des Pools.
Vittorio schaut kurz rüber. »Ich denke schon«, sagt er.
»Dann packt das ein«, weist Mario Forti seine Männer an.
»Si, capitano«, meldet der Kollege.
»Du musst bei Gelegenheit noch das Protokoll unterschreiben und dein Koch auch, ich gebe dir Bescheid«, wendet sich der Capitano an Vittorio und hebt abschließend die Hände. »Dann werde ich mich auf den Weg machen. Wir melden uns.«
»Grazie, Mario.«
Nochmals ein fester Händedruck. Mario nickt Francesca zu, wir anderen sind unwichtig.
»Wie spät ist es?«, flüstere ich Greta ins Ohr. Laut zu reden, scheint irgendwie unpassend.
»Halb Sieben.«
Okay. The show must go on.
»Niveo, höchste Zeit fürs Frühstück«, reiß ich meinen Assistenten in Normallautstärke aus der surrealen Stimmung.
Aufbruchsignal für alle.
»Adriano, du machst hier alles sauber«, bestimmt Vittorio Rinaldi und verschwindet mit seiner Frau Richtung Rezeption.
Keine Frage, wer hier der Chef ist. Ist mir letztes Jahr gar nicht so aufgefallen.
Adriano bleibt hier, wir anderen eilen zum Haus.
Die Tische im Speisesaal sind schon am Vorabend eingedeckt worden, Greta und Mia servieren, Niveo und ich übernehmen den Bereich Küche, die Alten walten im Büro und an der angrenzenden Rezeption, an der die Gäste ein- und auschecken.
Hmm … irgendwie … »Äh … Greta, wart mal.«
Sie dreht sich um. »Was ist?«
»Kannst du Niveo kurz in der Küche helfen? Ich muss was nachschauen.«
»Ja gut, aber was …«
»Nichts Wichtiges«, wink ich ab. »Bin gleich wieder da.«
Okay, schnell zum Pool, bevor Adriano sauber gemacht hat. Der rückt schon mit Schlauch und Bürste an.
»Halt!«, schrei ich, und er schaut mich erschrocken an.
»Ist nichts«, entwarne ich, »ich will nur die Stelle genauer überprüfen.«
»Wenn du meinst.«
Guckt ein bisschen irritiert, der Gute, enthält sich aber eines Kommentars. Gut, wüsste auch nicht, was ich antworten sollte. Ist nur so ein Bauchgefühl. Bei diesem Wort würden bei Vinc sämtliche Alarmglocken schrillen. Normalerweise find ich das witzig, aber grad nicht, dazu steckt mir der Anblick des Toten noch zu sehr in den Knochen. Hätt ich ihn bloß nicht gesehen am Abend vorher … das macht’s irgendwie realer. Quatsch, ich weiß, ist aber so.
Während ich mit den Händen über den Boden streiche, starrt mich der Mann an. Obwohl er nicht da ist. Julian Weigel heißt er. Hat er geheißen. Für ein paar Leute wird er immer so heißen.
Die Fliesen am Beckenrand sind rau. Das muss saublöd gelaufen sein … An der Kante zum Wasser klebt Blut. Und ein paar dunkle Haare. In der Fugenritze steckt etwas. Ein kleiner, fliederfarbener Knopf. Ein Hemd in dieser Farbe hat er am Abend getragen, ich seh’s vor mir. Ist er wahrscheinlich schnell reingeschlüpft, bevor er zum Pool runterging. Ein kleiner Knopf. Alles, was von ihm geblieben ist. Hier. Ich pule ihn aus der Fuge, wickle ihn in ein Papiertaschentuch und stecke ihn in die Hosentasche. Erscheint mir unwürdig, ihn einfach von Adriano in den Gulli spülen zu lassen. Und gleich planschen wieder alle im Wasser. Ich schlucke. Soll Forti checken, ob der Knopf am Hemd des Toten fehlt. Und wenn nicht, wer weiß, den kann schließlich jeder hier verloren haben.
Adriano droht mit dem Schlauch. Wahrscheinlich wird er nur das Blut in den Gulli spülen, gechlort hat er am Abend, das muss reichen. Sonst könnten die Gäste nicht ins Wasser und er wäre in Erklärungsnot.
»Kann ich jetzt weitermachen?«, fragt Adriano leicht gestresst.
»Ja, klar. Hab alles gesehen … Muss eh an die Arbeit«, murmle ich eher zu mir selber und spurte los, Richtung Küche.
»Glaub ich auch«, motzt Adriano leise.
»Hab ich gehört«, ruf ich über die Schulter und renn weiter.
»Avanti«, schreit er hinterher. Lachend, wie mir der Tonfall verrät.
Während ich zur Küche haste, kreisen Gedanken planlos in meinem Kopf herum.
Limone, eine Touristenhochburg, fast alle verdienen am Tourismus, das Bestreben, einen Unfall möglichst unauffällig und schnell zu bearbeiten, ist im Interesse aller. Da wird nicht lang gefackelt. Dumm gestürzt, Kopfverletzung, fällt in den Pool, tot. So einfach ist das. Den Einzelgänger wird keiner vermissen. Und wenn es doch einen Streit gegeben hat? Ein Gerangel? Schaut Forti da genau genug hin, wenn es um den guten Ruf des Hotels geht, um die weiße Weste von Limone?
Ich komm nicht weiter zum Nachdenken, werd ich mir später in Ruhe überlegen, weil komisch ist das schon …
Um halb acht trudeln die ersten Gäste in den Speisesaal. Die haben nicht viel mitbekommen von der ganzen Aufregung. Und letztendlich ist das Frühstücksbüfett wichtiger als ein paar Polizisten im Hotel.
Ich mach mich so gut wie möglich nützlich, heute Abend werd ich die Regie übernehmen. Ein paar Verbesserungsvorschläge bezüglich des Frühstücks hab ich schon gespeichert.
Mia schaut herein. »Adriano hilft Greta im Frühstücksraum. Mir ist total schlecht, ich leg mich kurz hin. Doro, bei dir so weit alles klar?«
»Passt. Wir schaffen das, mach dir keine Sorgen. Die Gäste werden nichts mitbekommen …«
»Kann ich dir was bringen, Mia?« Niveo zieht besorgt die Stirn in Falten, während er zwei Portionen Rührei mit Speck fabriziert. Ich verkneif mir den Hinweis, dass der Speck kein schlapper, fettiger Lappen sein sollte. Daran werden wir arbeiten müssen.
»Alles in Ordnung, ich brauche nur eine halbe Stunde Ruhe«, sagt Mia.
So schaust du auch aus, denk ich und scheuch sie mit dem Hinweis auf die hungrige Meute draußen im Speisesaal aus der Küche. Niveo schaufelt derweil das Rührei aus der Pfanne und legt den Speck dazu. Immerhin hat er das Fett mit Küchenpapier abgetupft.
Greta holt einige Kännchen Kaffee, Adriano bringt das leere Kuchentablett, reißt die Zellophanverpackung von einem neuen Hefezopf – selber machen, notier ich – schnapp mir die Teller mit den Rühreiern und bring sie raus. Ambiente schnuppern, mich sehen lassen. Mich ablenken.
»Buon giorno«, grüß ich im Vorbeigehen, stell mit einem freundlichen »Prego« die Rühreier an den Tisch, den Greta mir zugeflüstert hat. Bin verdammt gut aufgelegt – bis mich Julian Weigel vorwurfsvoll anstarrt … Ich checke das Büfett. Noch ne Stunde, da sollte ich die Wurst auf jeden Fall nachlegen. Ist höchstens die Hälfte der Gäste fertig. Nur ein Tisch, an dem unangenehm viel auf den Tellern liegen bleibt … Muss ich beobachten, find ich zum Kotzen … Na gut, erst mal Käse neu anrichten, ein paar frische Früchte dazu, hab ich in der Küche liegen sehen, aber nicht am Büfett. Kommt auf die Liste. Und die Tomaten sind viel zu kalt. Okay, das war’s erst mal.
Der Speisesaal ist leer, alles abgeräumt und verstaut. Niveo übernimmt die Theke, was heißt, Getränke und Eis für die Hotelgäste. Mittags Selbstversorgung. Abends Menü. Donnerstag ist Ruhetag, da gibt’s nur Frühstück, Getränke und Eis, kein Abendessen. Ich mach mir nen Cappuccino, stelle eine Flasche Wasser mit aufs Tablett und trage alles nach draußen, zum Privattisch. Liegt durch den großen Olivenbaum schön im Schatten, genauso wie mein Balkon.
»Und?«, frag ich Greta, die auf mich wartet, »hat jemand was mitbekommen?«
»Kaum zu glauben, aber zum Glück nicht. Obwohl wir durchaus ein paar Frühaufsteher haben. Aber letzte Woche war fast jeden Abend was los im Ort, dazu tagsüber Märkte, Ausflüge – da ist heut wohl Pause angesagt. Weißt du, der große Wechsel ist immer noch am Wochenende, und letzten Samstag sind fast alle abgereist. Das ist immer ein Riesenstress. Alle wollen zeitig frühstücken, die Rechnungen müssen fertig gemacht werden, ein paar persönliche Worte dürfen nicht fehlen, schließlich will man die Stammgäste halten, und neue Gäste sollen wiederkommen. Die Zimmer müssen möglichst schnell für die Neuankömmlinge hergerichtet werden, und die starten dann gnadenlos in den Urlaub.« Greta lacht leise.
»Kann ich mir vorstellen, nix Ruhe und Erholung, sondern das volle Programm. Am besten die Koffer ins Zimmer werfen, ein kurzer Blick vom Balkon auf den See, aber dann zack, zack auf den ersten Mercato«, spotte ich.
»Genau.« Greta stockt. »Julian Weigel ist erst am Mittwoch angekommen …«
»Ja. Echt traurig«, stimme ich Gretas plötzlicher Düsternis zu.
»Apropos, hast du was zum Schreiben?«, wechsel ich das Thema.
»Ich hol dir einen Block.«
»Lieb von dir, danke. Ich hab ein paar Ideen fürs Frühstück, Abendmenü habt ihr für die Woche eh schon festgelegt«, stell ich fest. Hab den Ordner mit den ausgedruckten Menüzetteln gesehen. Bekommt jeder Gast in der Früh an den Tisch gelegt und kann dann zwischen zwei Varianten wählen.
»Essen musst du mit Adriano besprechen. Küche ist sein Kompetenzbereich. Obwohl, eigentlich macht Valdo das selbstständig. Aber der fällt ja aus«, resümiert Greta und geht Papier und Stift holen.
Selbstständig. Ein Wort, das ich liebe. Adriano wird schon sagen, wenn ihm was nicht passt.
Okay. Brotauswahl – könnte besser sein, aber da gibt’s Verträge, lass ich lieber so, wie’s ist. Die Marmeladen in den kleinen Portionsplastikbehältern gehen gar nicht, die Fertigprodukte in dem seltsamen Spender sind auch nicht der Hit. Mal schauen – ein paar Früchte, und die sind ratzfatz selber gemacht. Könnte eine Aufgabe für Gretas Schwiegermama sein, und wenn sie persönlich keine Lust hat, kennt sie bestimmt Frauen, die sich ein paar Euro dazuverdienen wollen. Marmelade aus der Region, so was kommt an bei den Gästen. Genauso regionaler Honig. Muss ich eruieren. Kuchen übernehm ich selber, auf jeden Fall nicht mehr die matschige Pampe von heute Morgen. Säfte find ich auch grenzwertig, dünne Brühe, aber gut, ich weiß, das ist ne Preisfrage … Und für den Brand vom Vorabend gibt’s Acqua minerale, frizzante und naturale. Was mir fehlt, Preis hin oder her, ist Prosecco, gratis natürlich … Hebt eindeutig die Stimmung der Gäste, ist im Einkauf erschwinglich und bringt einen Hauch von Luxus. Auf die paar Gäste, die randvolle Gläser nach draußen tragen, kommt’s nicht an … Werd ich Adriano fragen, muss ja nicht der Teuerste sein.
Apropos Prosecco. Greta bringt Papier und Stift und findet die Idee mit Prosecco auch gut – und zwar für uns, nicht für’s Büfett! Ich schreib mir ein paar Stichpunkte auf, Greta holt die Gläser, ich meine Zigaretten. Greta raucht nicht, ich schon, gelegentlich, so wie jetzt …
Ich lehn mich zurück und verschränke die Arme hinterm Kopf. »Du hast es echt schön hier«, sag ich zu Greta. »See, Pool, Sonne … eigentlich Dauerurlaub.«
»Hast du ne Ahnung«, seufzt Greta, »von wegen Urlaub und Hauptgewinn.«
Dann verstummt sie. Und meine Tiefenentspannung verschwindet im Nirwana.
Ich setz mich auf. »Was ist los? Raus mir der Sprache! Hast du Probleme? Hast du deshalb geheult, letztes Mal am Telefon?«
»Ach, Doro«, jammert Greta. »Es läuft gerade alles schief in meinem Leben. Ich hätte nicht nach Italien ziehen sollen. Hier will mich keiner. Schon gar nicht Adrianos Familie.« Greta schaut mich an, als würde ein Widerspruch meinerseits alles ins rechte Licht rücken.
»Wie kommst du darauf?«, tu ich ihr den Gefallen und frag nach. Ein bisschen konkreter muss sie schon werden.
Sie schnieft. »Du hast es doch mitbekommen, heute früh am Pool. Als wäre ich schuld an dem ganzen Desaster.«
»Ach komm, dein Schwiegervater war gestresst. Und das versteh ich sogar. Ich mein, der Tote und die Folgen, die daraus entstehen könnten. Die Angst, dass die Gäste was mitbekommen, dass ihm womöglich irgendeine Fahrlässigkeit angehängt wird …«
»Das ist es nicht. Adrianos Eltern waren entsetzt, als ihr Sohn eine Deutsche geheiratet hat. Ich kann mich anstrengen, wie ich will, sie sind nie zufrieden. Immer heißt es: Isabella hat das so gemacht, Isabella wollte das nicht so haben … Isabella, Isabella … bla, bla, bla«, stößt Greta bitter hervor.
Ist mir lieber, wenn sie wütend ist, als wenn sie heult.
»Isabella ist Adrianos Exfrau?«, kombiniere ich messerscharf.
Greta nickt und starrt auf ihre Hände. »Und sie sieht auch noch megagut aus«, seufzt sie und lacht unglücklich.
»Gibt’s Grund zur Eifersucht?«, frag ich, weil’s ja nicht das erste Mal wäre, dass alte Liebe wieder aufflammt.
Greta schüttelt den Kopf. »Nein, das nicht, aber sie schneit alle paar Wochen hier rein und bringt alles durcheinander. Da kann man nichts machen, sie ist die Mutter von Laura und Davide.«
»Wieso sind die Kinder eigentlich nicht bei ihr?«
»Die wären ihr nur im Weg. Als Model ist sie viel unterwegs. Und Adriano würde das niemals zulassen.«
Model – wie die Freundinnen von Paps. Muss ein Virus sein. Ich schüttle den bösen Gedanken ab.
»Aber er lässt zu, dass du unglücklich bist«, stelle ich schonungslos fest.
»Er sitzt halt zwischen den Stühlen«, sucht Greta nach einer Entschuldigung.
Aber das lasse ich nicht gelten.
»Hallo! Dein Mann soll sich gefälligst auf deinen Stuhl setzen!«
Meine Empörung muntert Greta auf. Sie nimmt ihr Glas und prostet mir zu. »Salute, Doro. Schön, dass du da bist.«
»Salute. Ja, ich freu mich auch«, sag ich und mein es auch so.
»Tut einfach gut, mit einer Freundin zu reden. Doppelt schön, weil wir uns nach der Schule ewig nicht gesehen haben … erst wieder im letzten Jahr … Und du bist trotzdem gekommen.«
Tja, Greta spricht aus, was ich mir auch schon gedacht habe.
»Wir waren nie die typischen Mädels, mit Händchenhalten, Tagebuch und Kicherpartys.«
»Stimmt«, lacht Greta, »wir haben uns lieber mit Kopfhörern im Zimmer verbarrikadiert und gelesen. Oder mit der Gitarre in den Englischen Garten verdrückt.«
»Ich hab oft Paps in der Küche geholfen. Hat mir Spaß gemacht.«
»Ja, und alle haben für den tollen Sascha Ritter geschwärmt und wollten dich als Freundin. Da war ich immer ein bisschen eifersüchtig.«
»Auf wen? Auf Paps oder auf mich?«
Wir lachen beide. Ich vor allem, weil ich Paps vor mir sehe, wie er geschmeichelt Autogramme verteilt.
»Felli war total in deinen Vater verknallt.« Greta kichert.
»Ich glaub, das ist sie heute noch.« Ich kichere auch – eben doch Mädelsgequatsche, denk ich – und lästere fröhlich weiter. »Sie taucht immer mal wieder im ›Macis‹ auf, und so, wie sie ihm hinterherschmachtet … Ohne Worte!«
»Wieso eigentlich ›Macis‹? War’s früher nicht ›Saschas‹? Seid ihr umgezogen oder so?«
»Nee …« Jetzt bin ich in der Zwickmühle. Klar, früher hieß Papas Gourmettempel »Saschas«. Und der Grund, warum das nicht mehr so ist … Paps würde mir den Kopf abreißen. Andererseits find ich es blöd, Greta die offizielle Version von Modernisierung bla, bla, bla zu servieren. Ich geb mir nen Ruck. Was soll’s, Greta lebt hier in Italien.
»Macis, die Muskatblüte. Paps ist ein absoluter Muskatfan, die Idee hat ihm schon lange gefallen, aber eine bewährte Marke umzubenennen, macht man nicht einfach so, und …«, ich zögere kurz, »okay, es war so: Paps hat eine Bemerkung von nem Gast aufgeschnappt. Der hat beim Rausgehen übersehen, dass der Chef und seine Tochter an der Speisekarte am Eingang zugange waren, und hat böse über den Namen abgelästert. Sachen wie: ›Saschas‹ klinge nach Bordell auf der Reeperbahn oder der Besitzer sei schlicht und einfach ein selbstverliebter Egomane. Er solle sein Lokal besser ›Narziss‹ nennen …«
»Na, immerhin kennt der sich in der griechischen Mythologie aus«, spottet Greta. »Aber dass dein Vater deswegen gleich sein Restaurant umbenennt?« Sie legt ungläubig die Stirn in Falten. »Da müsste er doch drüberstehen!«
»Tut er normalerweise auch. Aber fatalerweise hab ich ne Woche vorher die Originalität des Namens infrage gestellt …«
»Oh, oh!« Greta nickt verstehend.
»Genau! Und das hat an ihm genagt. Weil – mein lieber Paps ist ein bisschen eitel, und vor allem sieht er sich als Künstler. Mangelnde Originalität, Langeweile oder Spießer – das sind No-Go-Begriffe im Zusammenhang mit Sascha Ritter!« Ich lache leise, als ich an Paps’ auffallend dunkle Gesichtsfarbe während unserer Diskussion denke.
»Wir hatten einen internen Wettbewerb ausgetragen. Vater gegen Tochter. Schlachtfeld Küche. Auf dem er mein Werk als fantasielos abgewertet hat – was es auch war, wie ich im Nachhinein zugeben muss. War einfach nicht gelungen und ich war beleidigt – und hab zum Gegenschlag ausgeholt. Er hat dann wortlos das Feld geräumt. Nach zwei Tagen haben wir uns versöhnt, aber ich hab gesehen, wie er skeptisch auf die Leuchtschrift über dem Eingang gestarrt hat.«
»Und dann kommt einer und nennt ihn einen selbstverliebten Egomanen.«
»Genau. Und ich war auch noch Zeugin! ›Idiot‹, hat Paps geknurrt, ›ein Egomane ist selbstverliebt!‹ ›Macis‹ hat uns dann beiden gut gefallen. Ich will nicht angeben, aber die Idee ist von mir – weil Paps liebt Muskat, egal ob als Nuss oder Blüte beziehungsweise Samenmantel. Und ein bisschen Intellekt darf ja sein – nach dem Narziss!« Wir kichern.
»Und der Typ hat Lokalverbot bekommen?«
»Nee, das nicht, aber ehrlich gesagt sind wir eigentlich immer ausgebucht, wenn er anruft …«
»Tja«, Greta schaut unschuldig, »geht uns manchmal auch so …«
»Five.«
»Five.«
Wir klatschen ab.
Mia taucht wieder auf. Schwebt zart, nein, ätherisch trifft’s besser, auf die Bühne. Ich hab echt keine Figurprobleme, aber solche Frauen machen mich gefühlsmäßig zehn Kilo schwerer.
»Na, du Arme, geht’s wieder besser?«, ruft Greta ihr mitfühlend entgegen.
»Ich hab gerade von einer Kugel Erdbeereis geträumt.« Mia lacht und macht sich an der Eisbar zu schaffen.
Greta beugt sich zu mir. »Mia ist ein Schatz. Sie hält immer zu mir«, flüstert sie. Ihre Miene verdüstert sich. »Mehr als Adriano.«
»Ach komm, Greta, Kopf hoch, das rocken wir«, sag ich cool, »denk an den alten Wiesmüller, den haben wir uns auch zurechtgebogen.«
Greta muss lachen. »Vielen herzlichen Dank auch. Meinen Mann mit Wiesmüller zu vergleichen!«
»Der Gedanke hat was«, finde ich und smile, »aber im Ernst, du weißt, was ich meine, oder? Musketiere … alle für einen und so.«
»Mein armer Adriano tut mir jetzt schon leid …«
»Was gibt es zu lachen?«, fragt Mia neugierig. Sie lässt sich mit einer Megakugel Erdbeereis in der Waffel auf einen Stuhl fallen.
»Lass das bloß die Kinder hier nicht sehen, die wollen nie wieder eine normale Kugel«, zieh ich sie auf.
»Oje!« Mia schaut erschrocken auf ihren Erdbeereisberg.
»Entspann dich, Mia, alle Monster sind am Pool«, geb ich Entwarnung.
»Monster! Doro, wenn das die lieben Eltern hören.«
Wir lachen. Tut gut nach dem ganzen Stress. Der Tod von Julian Weigel steckt uns allen in den Knochen.
»Tja, Mädels, ich verzieh mich. Sachen auspacken, Nickerchen und so … Soll ich gleich die Gläser mitnehmen?«, frag ich und steh auf.
»Nee, lass mal«, winkt Greta ab.
»Ich helfe Greta«, sagt Mia.
Na, dann … Ich überlege kurz. Soll ich außenrum gehen, über den Parkplatz zum Hintereingang – da könnte ich gleich noch meine Sonnenbrille aus dem Auto holen. Ich entschließe mich dann aber für den Weg durchs alte Haupthaus. Ist kühler als draußen.
Im Minibüro hinter der Rezeption herrscht gähnende Leere. Francesca und Vittorio pflegen ihre Siesta bis zum späten Nachmittag. Hat sich nicht verändert seit dem letzten Jahr. Die Jungen halten abwechselnd die Stellung, ist nicht viel los um die Zeit. Die meisten Gäste sind am See oder gehen ne Kleinigkeit essen oder schlafen am Pool. Manche in der prallen Sonne … Okay, wer’s braucht. Später vielleicht Eiskaffee, ein kühles Pils vom Fass oder einen prickelnden Spritz. Sofort perlen verlockende Bilder an meinem geistigen Auge vorbei. Gibt’s für mich aber erst nach der Abendschicht. Auch wenn das »Magdalena« überschaubar ist, 50 oder 60 Essen punktgenau zu servieren, ist zwar nicht wirklich eine Herausforderung, ich will mich aber auch nicht blamieren.
Ich streife die Flipflops ab und streck mich auf dem Bett aus. Die Fahrt steckt mir noch in den Knochen. Ist zwar echt keine Weltreise von München an den Gardasee, aber dann noch die Aufregung vom Morgen … Ein alter Hausschlappen ist ein fitter Turnschuh gegen mich! Ich fummel mein Handy aus der Hosentasche, dabei spür ich den Knubbel in der kleinen Seitentasche. Ach, Mensch, den Knopf hab ich ganz vergessen, den bring ich später noch zu Forti.
Ich drücke Vinc’ Nummer, aber er geht nicht ran. Die Hände im Nacken verschränkt, döse ich vor mich hin. Muss kurz eingeschlafen sein, jedenfalls höre ich jetzt jemanden sprechen. Männlich. Italiener. Spricht schnell und mit Dialekt. Klingt irgendwie … interessant. »Was interessiert dich eigentlich nicht?«, würde Vinc dazu mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sticheln. Vinc … Ich drücke die Wahlwiederholung. Wieder nix. Schade. Na ja, probier ich’s später noch mal. Muss langsam in die Küche, Abendessen vorbereiten, ist schließlich kein Urlaub hier. Mein Akku ist wieder aufgeladen, trotzdem, zwei Minuten gönn ich mir noch. Ich mach die Augen zu und freu mich auf Vinc. Träume von unseren Motorradtouren … Die Stimme von drüben wird lauter. Der Typ ist jetzt anscheinend auf dem Balkon. Aha. Muss ich mir merken. Wichtige Dinge nicht draußen besprechen. Ich grins vor mich hin, steh auf und stell mich an die Balkontüre. Ich hab keinerlei Skrupel zu lauschen, außerdem versteh ich eh nur ein paar Brocken, mein Rudimentäritalienisch ist absolut überfordert. Was ich raushöre, sind lediglich ein paar Worte. »Mama« und »Unfall«, er könne nichts für den Tod … und dass er in Sicherheit sei. Bin mir nicht sicher, der Stimme nach könnte es Niveo sein. Greta fragen, wer das Zimmer neben mir hat, notier ich für mich. Okay, er telefoniert also mit seiner Mutter, er kann nichts für den Tod und – er hat Angst. Letzteres kann ich an seiner Stimme hören. Wovor, frag ich mich. Da kann ich nur Vermutungen anstellen, aber darin bin ich ja Meisterin – würde Vinc zumindest behaupten. Hmm, ein Toter, ein seltsames Telefongespräch, meine Antennen sind auf Empfang! Was hat Niveo mit dem Tod von Julian Weigel zu tun? Und wovor hat er Angst? Kein Mensch hat irgendeinen Verdacht gegen ihn geäußert. Ich hab ihn gefragt, ob er versucht hat, den Mann wiederzubeleben … Das war kein Vorwurf, ich wollte nur den Ablauf ein wenig strukturieren. Und der Streit, auf den ihn Mia angesprochen hat … Ich mein, selbst wenn er mit dem Mann eine Auseinandersetzung gehabt hätte, hätte das noch lange nichts mit dem Tod von Julian Weigel zu tun. Außerdem hat er das ja mit dem Fahrradunfall erklärt. Ja gut, erzählen kann er viel! Hat er ein schlechtes Gewissen, weil er nicht sofort Erste Hilfe geleistet hat? Oder hat er vielleicht das Reinigungsmittel am Pool liegen lassen? War die Stelle glitschig? Mir ist nichts aufgefallen, als ich den Beckenrand in der Früh überprüft habe. Außerdem war Julian Weigel heute Morgen ja vor Niveo am Pool. Muss ich mir noch mal anschauen. Ein Blick auf mein Handy … 14.45 Uhr auf dem Display. 15 Uhr, hat Niveo gesagt. Eine Viertelstunde … okay, das passt. Noch schnell ins Bad, wo mir ein Blick in den Spiegel zeigt, dass sich meine hellbraune Naturkrause in einen Wischmopp verwandelt hat. Ich wähle das Zehnfingerprogramm und stürme aus dem Zimmer, Treppen runter, durch den Garten Richtung Pool. Einige Liegen auf der Wiese sind belegt, Schirme spenden Schatten, selige Ruhe. Genauso im Poolbereich. Gut, dann werd ich nicht angequatscht. Weil – blöde Fragen stellen darf nämlich nur ich!
An der Unfallstelle geh ich in die Hocke und rastere das Umfeld ab. Hmm, nichts. Absolut nichts, über das man stolpern könnte, nichts ist schmierig.
»Hast du was verloren?«
Ich bin mit den Gedanken bei Julian Weigel und nehme das Kind mit der piepsigen Stimme eher unbewusst wahr.
»Äh …«, ist alles, was mir einfällt. Was die Kleine aber nicht stört, sie hockt sich neben mich und lässt die Füße ins Wasser baumeln. Die Mutter blinzelt träge rüber, ein Auge auf ihr Engelchen, das sicher noch nicht schwimmen kann.
»Wie heißt du?«, fragt das Engelchen und wackelt mit den Zehen im Wasser.
»Doro. Und du?«
»Ich bin Frida. Da drüben ist meine Mama.« Sie zeigt mit dem ausgestreckten Finger und bestätigt damit meine Vermutung.
»Papa holt ein Bier«, informiert sie mich dann noch.
Ich unterdrücke mühsam ein Grinsen.
»Ich hab Schwimmflügel. Gehst du mit mir ins Wasser?«, beendet Frida die Vorstellungsrunde.
»Nee du, ich muss in die Küche, damit du heute Abend etwas in dein Bäuchlein kriegst«, sag ich und klopf ihr lachend auf dasselbige.
Interessiert schaut sie mich an. »Kann ich mitkommen?«
Oje, hab, glaub ich, nen Fan gewonnen. Paps sammelt die mondänen Damen der High Society und ich kleine Knirpse am Pool!
»Nee, Schätzchen, in der Küche ist’s viel zu gefährlich, weißt du. Die heißen Töpfe, Messer und lauter solche Dinge. Du gehst planschen, ich geh kochen, okay? Aber pass auf, dass du nicht ausrutschst. Wenn der Boden nass ist, wird’s glatt.« Womit ich wieder beim Thema bin.
»Ich laufe immer hier am Rand, der ist nicht glatt«, ruft Frau Naseweis, steht auf und hüpft davon.
Eben. Sag ich doch. Und der Tote war ein sportlicher junger Mann, nur auf der Durchreise für ein paar Tage, unterwegs mit dem Rennrad und unbestimmtem Ziel. Im Hinterkopf schwimmt – nicht greifbar – eine Erinnerung … irgendetwas. Ich seufze. Zeit, in die Küche zu gehen.
Niveo ist noch nicht da. Egal. Ich fang schon mal an. Soßen vorbereiten, köcheln lassen. Salat putzen. Tomaten aus dem Kühlschrank nehmen. Weißbrot checken. Zunächst die Soßen für den ersten Gang. Tomatensoße und Ragout Bolognese. Mit Spaghetti. Nicht sehr einfallsreich, aber die Speisepläne stehen, da werd ich nichts machen können. Wär vielleicht auch übertrieben. Aber am Salatbüfett lässt sich definitiv was ändern. Niveo hat mir heute früh eine kleine Einführung gegeben. Zutaten fürs Salatbüfett kommen direkt aus dem Kühlraum, das geht gar nicht. Tomaten müssen auf jeden Fall vorher raus. Und die Auswahl ist mir zu knapp. Mais, Bohnen, Rote Bete notier ich für mich. Alternativ zu den Pastagerichten noch Nudelsuppe mit Gemüsestreifen. Okay, das geht schnell. Bin fast fertig mit den Soßen, als Niveo hektisch in die Küche stürmt und sich überschwänglich entschuldigt. Rache ist süß, denk ich, und verdonnere ihn zum Kartoffelschälen und Gemüseschneiden. Beilagen für den zweiten Gang. Salzkartoffel und gegartes Gemüse. Zu Saltimbocca alla Romana oder Lachsfilet gegrillt. Pilze putzen fürs vegetarische Omelett. Wir sind schnell fertig.
»Müssen wir für die Nachspeise noch was vorbereiten?«, überleg ich laut.
Niveo schüttelt den Kopf. »Alles fertig«, sagt er und zeigt zum Kühlschrank. »Tiramisu hab ich gestern gemacht, ohne Ei.«
»Und zum Eis?« Eis gibt’s immer, hab ich mir sagen lassen.
»Sahne, wer will.« Niveo schaut mich fragend an.
»Wir legen ein paar Früchte dazu«, schlag ich vor und mach mich auf die Suche. Na bitte! Wunderbar reife Pfirsiche. Ich stell die Schüssel vor Niveo hin.
»Muss das sein?«, motzt der prompt.
»Ja«, sag ich gnadenlos und frohlocke innerlich, weil Niveo mit finsterer Miene zu schälen und schnippeln anfängt, meine Rolle als Chefin aber akzeptiert. Und das als italienischer Macho, schieb ich ihn ohne Skrupel in meine Vorurteilsschublade für südländische Männer. Ich rühre eine leichte Soße aus karamellisiertem Puderzucker, Orangensaft, Stärke, Vanillemark, einer Zimtstange, einer Prise Muskatblüte, Ingwer und einem kräftigen Schuss Limoncello an. Davon halte ich Niveo ein Löffelchen voll zum Probieren vor die Nase. Er schnuppert, lässt sich dann die Kostprobe in den Mund schieben. Er testet ausgiebig, ohne eine Miene zu verziehen.
»Gut«, sagt er und schnippelt weiter.
Die Soße schmeckt mehr als gut, das weiß ich. Braucht halt noch ein bisschen, mein kleiner Italiener.
»Das Ganze dann in den Kühlraum, okay? Und vergiss nicht, etwas Zitronensaft über die Schnitze zu träufeln, damit sie nicht braun werden«, geb ich freundlich noch ne Anweisung.
Niveo nickt grantig.
Halb sechs. »Ich verzieh mich ein halbes Stündchen auf’s Zimmer«, verkünde ich und hänge die weiße Schürze an den Haken an der Tür. Vielleicht erreiche ich Vinc, hoffe ich, und reiß schwungvoll die Tür auf.
»Attenzione!«, bellt es mir scharf entgegen.
Ups! Fast hätte ich den Gipsarm des Alten gerammt.
»Valdo!« Niveos Miene hellt sich sichtbar auf.
»Salve, Niveo.« Der Alte nickt zu Niveo rüber, ohne mich aus den Augen zu lassen.
Okay, Ruhepause gestrichen. Valdo Carlotti, der capo della cucina, inspiziert sein Revier. Jetzt mein Revier. Zwei italienische Machos, fass ich zusammen, und stell mich der Herausforderung.
»Hallo, Signor Carlotti«, begrüße ich den Alten und strecke ihm die Hand entgegen. »Ich bin Doro Ritter, Ihre Vertretung.« Jetzt ist er am Zug.
»Salve, signorina Doro. Ritter. Der berühmte papà, habe ich schon gehört«, kommt es stimmgewaltig auf Deutsch mit charmantem italienischem Akzent. So wie’s die Deutschen lieben. Italien, aber bitte auf Deutsch.
Was war das? Ein schelmisches Blitzen in den Augen? Bin mir nicht sicher. Valdo zieht sich einen Stuhl aus der Ecke und lässt sich nieder. Was wird das? Will der hier einziehen?
»Äh …«, mehr fällt mir nicht ein. Nicht mein Tag heute. Hmm …
»Wollen Sie uns helfen?«, frag ich scheinheilig.
Der Alte hebt leicht seinen linken Arm mit dem Gips in die Höhe und schüttelt den Kopf. »Darf nix machen, sagt der Dottore.«
»Leisten Sie uns ein bisschen Gesellschaft?« Carlotti ist zäh, lässt sich jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen.
Valdos Stirn umwölkt sich.
Niveo steht mit verschränkten Armen da, beobachtet uns, unverschämt zufrieden, möcht ich mal sagen. Ich muss lachen. Ich mein, was soll’s. Dem Alten ist wahrscheinlich langweilig oder seine Frau hat ihn rausgeschmissen, weil er daheim nervt, und diese Küche hier ist seine Welt. Seit Jahrzehnten. Seit das Hotel besteht eigentlich. Hat Greta erzählt.
»Na dann, willkommen zurück«, sag ich fröhlich, »ab und zu einen guten Ratschlag kann schließlich jeder brauchen. Sogar eine Signorina Doro. Ritter.«
Die Miene des lädierten Küchenchefs glättet sich. Wir verstehen uns.
»Bin kurz draußen«, melde ich mich bei Niveo und Valdo ab. Vielleicht ist Vinc jetzt erreichbar. Das Handy am Ohr, spring ich Richtung Eingangslobby, auf der Suche nach Greta. Vinc geht immer noch nicht ran. Im Büro sitzt Vittorio Rinaldi mit Forti. Das passt mir gut, ich renn auf mein Zimmer, schnapp mir den Knopf, das spart mir den Weg zur Carabinieri-Station.
Forti nickt, als ich ins Büro stürme, Rinaldi verzieht säuerlich das Gesicht.
»Den Knopf hab ich am Pool gefunden. Direkt an der Unfallstelle. Ich dachte, das könnte Sie interessieren.«
Forti nimmt den Knopf, begutachtet ihn gründlich, hält ihn sich vor die Augen, als ging’s um Karat und nicht um Plastik. Nickt wieder. »Ich prüfe das«, sagt er, dann bin ich Luft für die beiden.
Aha. Bitte schön, gern geschehen! Oder verarscht der mich grade?
Mir jetzt egal, ich such Greta.
In der Küche läuft dann alles wie am Schnürchen, Valdo bleibt brav auf seinem Platz und schafft es tatsächlich, sich rauszuhalten – zumindest meistens.
Einmal hat er kurz gezuckt, als ich frisches Weißbrot zum Salatbüfett gestellt hab statt der alten Frühstückssemmeln … und eine Schüssel Mais und eine mit grünen Bohnen zusätzlich. Hat aber nichts gesagt.
Um halb zehn ist der Speisesaal leer, die Gäste sind runter in den Ort flaniert oder sitzen draußen auf der Terrasse mit Vino, Smartphone, Tablet oder bei einem Spiel mit den Kindern. Karten, Würfel, Brettspiele. Zum Teil aus dem Hotelfundus. Grüppchen haben sich gebildet, andere bleiben lieber separat. Adriano bedient heute Abend draußen, ich hab nen Eins-A-Beobachtungsposten vom Familientisch aus, gönn mir eine Zigarette und nippe nebenbei an einem Glas Prosecco. Mein Favorit im Sommer. Eindeutig. Und liegt durchaus im Trend, neben Spritz, Vino und Bier natürlich. Ein letzter Schluck, dann letzter Kücheneinsatz für heute. Hab mir einen schlichten Rührkuchen fürs Frühstücksbüfett vorgenommen, das schaffe ich locker, bis Niveo und Mia die Spülmaschine bestückt und die Küche gesäubert haben. Greta deckt fürs Frühstück und bereitet das Büfett vor. Danach gibt’s Essen für uns. Vom Ragout ist noch genügend da, Niveo schmeißt die Pasta ins Wasser.
»Was machen deine Eltern so den ganzen Tag?«, frag ich Mia.
»Meinst du im Hotel?«
»Ja. Sind die immer da und passen auf?«
Mia schüttelt den Kopf. »Nein, die wohnen oben in Tremosine. Da ist es kühler und sie haben ihre Ruhe. Aber in der Hauptsaison sind sie oft hier. Sie haben eine kleine Wohnung in unserem Privattrakt, gleich neben meinem Appartement. Hauptsächlich hüten sie die Rezeption und pflegen den Garten. Und papà macht den Limoncello.«
»Ach, der ist selbst gemacht?« So was interessiert mich immer.
»Ja, und sogar aus unseren eigenen Zitronen. Nach dem Essen musst du ein Glas probieren, Doro.«
Tja, Familienstolz. Geht mir mit Paps genauso.
»Gerne«, stimm ich begeistert zu und streiche die Teigmasse aufs Blech. Okay, das reicht. Die gekaufte Pampe muss schließlich auch noch weg. Ich nehm die Küchenuhr und verzieh mich nach draußen.
»Bin grade fertig«, ruft Greta durch die offene Terrassentür. »Ein Glas Weißwein zum Essen?«
»Ja, gerne«, ruf ich zurück.
»Ich bring’s gleich mit.« Sagt’s und verschwindet Richtung Rezeption und Theke.
Hoffentlich wird sie nicht von Gästen gekrallt, die immer schnell was brauchen, wenn jemand von der Familie vorbeikommt, denn die Lobby ist allgemeiner Knotenpunkt für Urlauber und Personal. Hier liegt das kleine Büro, gleich davor die Rezeption zum Ein- und Auschecken und ganz wichtig natürlich das Herzstück, die Bar, an der die kulinarische Flüssigversorgung stattfindet.
Mein Handy vibriert.
»Hallo, Vinc! Hab’s vorhin schon bei dir probiert …«
»Küsschen, Schatz. Ich war bis jetzt unterwegs und hab blöderweise mein Handy daheim liegen lassen. Zuerst war ich bei Fredi, Einweisung Motorrad, morgen hol ich es dann ab. Danach bin ich weiter zur Uni und hab mit meinem Chef geredet, wegen Urlaub und so … Geht klar, hat er gemeint. Er hilft mir morgen bei ein paar Änderungen an der Anlage, das war’s dann eh, bis das Semester wieder losgeht.«
»Super!« War ein Glücksfall, dass Vinc den Job an der Uni bekommen hat, obwohl er BWLer ist und kein Informatiker. Das externe Unternehmen ist zuständig für die digitale Versorgung der Uni und sucht immer Studenten für bestimmte Bereiche. Vinc’ Aufgabe ist die Kommunikation zwischen den Technikern und den Laien. Und das kann mein Schatz. Er ist geduldig, kommunikativ, diplomatisch und innovativ. Ich grinse. Alles Eigenschaften, die auch bei mir oft zum Einsatz kommen. Sozusagen Voraussetzung beim Management von Doro Ritter.
»Wann kannst du da sein?«, frag ich.
»Tja, ich will in der Früh losfahren, aber nicht Autobahn. Eher Reschenpass, mal sehen, wenn ich schon ein Motorrad habe …«
»Logisch, mach das. Ich freu mich auf unsere Touren hier. Und auf dich.«
»Und ich mich auf dich, meine Süße. Wirst du denn überhaupt Zeit haben? Immerhin bist du ja nicht zum Vergnügen bei den Rinaldis.«
»Stimmt. Aber das organisier ich, kein Problem. Du, Schatz, kann ich dich später zurückrufen? Ich muss dir einiges erzählen. Ah, Greta kommt mit einem Glas Weißwein. Und ich muss noch was für morgen notieren und dann gibt’s Pasta fürs Team …«
»Danke für die Info! Ich sitz hier einsam draußen, mit einer dicken Wolldecke, wenn ich das erwähnen darf! Vielleicht mach ich mir noch eine Tasse heißen Tee.« Vinc lacht leise.
»Übertreib mal nicht, du Spinner! Es gibt Internet und das sagt mir, dass es bei euch in München durchaus warm ist für die Jahreszeit. Aber trotzdem, eine Runde Mitleid! Und ab übermorgen südliche Sonne, Vino und natürlich das Sahnehäubchen …«
»Das da wäre?«
»Deine liebste Doro, was sonst?«
»Na, dann bis später, du Sahnehäubchen.«
»Bussi«, sag ich und schick ein Küsschen ins herbstliche München.
Niveo kommt, die Teller beladen mit dampfenden Tagliatelle und Ragout Bolognese, Adriano erscheint mit Eltern und Mia im Schlepptau.
»Buon appetito«, wünscht Vittorio Rinaldi als Familienoberhaupt.
»In Deutschland hat sich Bolognese praktisch untrennbar mit Spaghetti verbunden. Und ist zu tomatenlastig«, überlege ich laut.
»Wir haben heute extra für dich beim Menü Spaghetti verwendet, damit du kein Heimweh bekommst«, bemerkt Niveo.
»Also ich …«
Alle lachen. Sogar der alte Rinaldi. Ich hab zu spät gemerkt, dass Niveo mich auf den Arm nimmt. Die Rache fürs Pfirsichschnippeln. Natürlich ist allen klar, dass ich das italienische Originalrezept kenne und weiß, dass man unterschiedliche Nudeln für diese Soße verwendet, aber niemals Spaghetti.
»Ja, ja, alla tedesci, ich weiß«, mein ich augenzwinkernd. »Wisst ihr, mein Paps würde sich eher die Hand abhacken, bevor er dazu Spaghetti servieren würde. Einmal hat ein Gast gewagt, sich beim italienischen Büfett über die dazu gereichten Rigatoni zu beschweren. Ihr hättet sehen sollen, wie Paps’ Miene zum Eisblock mutierte. Seine Zornader an der Stirn hat pulsiert und ich kenn ihn. Das war Mount Ritter kurz vor dem Ausbruch.« Bei der Erinnerung daran muss ich so lachen, dass ich alle damit anstecke. Die Gäste schauen schon neugierig rüber.
»Apropos«, sag ich, wieder auf dem Boden der Tatsachen, »wieso bieten wir nicht mal nen original italienischen Abend? Ich denke, die meisten Gäste würden das lieben!« Die Begeisterung geht mit mir durch.
»Mal langsam, Mädchen«, stoppt Vittorio meinen Enthusiasmus. »Wir haben genug Arbeit, das wirst du schon noch merken. Da brauchen wir keine Extratouren. Außerdem sind wir original genug.«
Hab ich’s mir wieder versaut? Nee, glaub nicht, Vittorio lächelt mich milde an, wie ein Kind halt, das man in die Schranken weisen muss. Tja, das Los meines Alters, dazu eine Prise Genderproblematik eines italienischen Machos. Werd mich wohl ziemlich ins Zeug legen müssen, um den Alten von meinen Qualitäten zu überzeugen. Haha, packt mich da gerade der Ehrgeiz?
Die Küchenuhr rasselt.
»Scusa, ich muss den Kuchen aus dem Backrohr holen«, entschuldige ich mich, schieb die letzte Gabel Tagliatelle in den Mund und spring in die Küche.
Niveo folgt mir mit den leer gegessenen Tellern, begleitet von Mia.
»Pfirsiche an Soße Doro«, serviert er zwei Minuten später. »Müsst ihr probieren, schmeckt klasse.« Er schaut todernst.
Aha. Ich grinse. Er auch.
Meine Dessertsoße ruft allgemeine Begeisterung hervor.
»Wie wär’s jetzt mit einem Gläschen Ihres berühmten Limoncellos?«, frag ich Vittorio.
Ein geschmeicheltes Lächeln entkommt ihm.
»Mia, hol die Flasche und Gläser, per favore!«, schickt er seine Tochter los.
»Salute«. Ich schnuppere am Glas. Superzitronig. Der Limoncello fließt kalt, süß und sehr fruchtig die Kehle runter.
»Hmmh, echt lecker! Schmeckt viel besser als der, den ich in der Küche gefunden habe«, lobe ich begeistert und mein das auch so.
»Familienrezept.« Vittorio ist sichtlich stolz.
Na also, geht doch, denk ich zufrieden.
Ein schöner Abend, aber langsam werde ich müde und will meine Ruhe.
»Buona notte«, wünsch ich in die Runde und steh auf.
Adriano geht rüber zu den Gästen, die anderen bleiben noch sitzen.
Okay, war ein langer Tag. Hab mir eine Flasche Mineralwasser mit hochgenommen, die klemm ich mir unter den Arm und geh raus auf den Balkon. Aschenbecher steht auf dem kleinen weißen Plastiktisch, der Stuhl aus demselben Material war auch schon mal weißer, wie mir heute Nachmittag aufgefallen ist. Aber das schluckt jetzt die Nacht. Ich drück Vinc’ Kontakt. Da alle andern noch unten sind, gehe ich davon aus, ungestört telefonieren zu können. Kontrollblick zu den angrenzenden Zimmern, ist alles dunkel. Trotzdem rede ich sehr leise, als ich Vinc von den Ereignissen des Tages erzähle. Hauptthema ist der Unfall. Logisch. Beschäftigt mich sehr.
»Weißt du, die haben den Mann abtransportiert, Hauptsache, keiner kriegt was mit«, sag ich traurig.
»Doro, Schatz, klar ist das tragisch, aber so was passiert eben. Und dass die Polizei Rücksicht auf den Hotelbetrieb nimmt, finde ich nicht verkehrt.«
Ich seufze. »Das weiß ich ja, aber trotzdem, ich war vorhin noch kurz unten am Pool … Iieh, was ist das?«, ruf ich erschrocken und wedle abwehrend mit den Händen. Beinahe wär mir das Handy runtergefallen.
»Was ist los?«, fragt Vinc, klingt aber nicht sonderlich besorgt.
»Hallo! Ich werde hier von einer Armada Schwalben oder so angegriffen und du lachst?«, schimpf ich empört.
»Bestimmt ein paar Fledermäuslein«, spottet Vinc. »Die waren letztes Jahr doch auch da, mein kleiner Schisser, erinnerst du dich?«
»Echt? Fledermäuse? Meinst du?« Stimmt, ich erinnere mich … Weiß auch nicht, weswegen ich Gänsehaut kriege. Alte Gruselgeschichten aus der Kindheit wahrscheinlich. Wie sich Fledermäuse wie Kaugummi in den Haaren verfangen …
»Und wegen des Unfalls«, Vinc’ Stimme schiebt sich wieder in den Vordergrund, »Doro, du hörst das Gras wachsen. Lass es gut sein und wirbel keinen Staub auf, wo keiner ist.«
»Wird Zeit, dass du kommst, mein Held und Beschützer«, witzle ich liebevoll. »Ich freu mich auf dich. Bussi.«
»Bussi, bleib brav, bis übermorgen.« Ich hör sein leises Lachen, bevor er auflegt. Ein angenehmes Kribbeln breitet sich in mir aus.