Читать книгу Die getreue Windsbraut - Hans Leip - Страница 5
Der Seemann und die Windsbraut.
ОглавлениеWen die Windsbraut erst liebt,
der weiß Bescheid,
der ist verdammt gesiebt
von wegen Zärtlichkeit.
Sie, die mit jedem geht
und jeden auch versetzt,
das ist es, was ihr steht,
und was er an ihr schätzt:
Ein Hochzeitskleid aus Gischt,
ein Kranz, geteert, aus Tau,
mit Sonn und Mond gemischt,
bestickt mit Kabeljau.
Erst streichelt sie ihn mild,
dann preßt sie ihn an sich,
umarmt ihn naß und wild
und bleibt doch jungfräulich.
Manch Häuserkette rückt
er zwischen sich und sie,
wenn es im Hafen glückt.
Doch er vergißt sie nie.
Die Stadt, die nirgend schwankt,
hat Kammern, wo er still
einkehrt. Und manche dankt,
wenn er bezahlen will.
Er hob die Lampe auf,
sie schien wohl auf die Wand,
wohl auf ein Bild, darauf
ein Schiff in Segeln stand.
„Herr Seemann, ach herrje,
noch eine halbe Stund!“
Nein, klar zum Wenden – ree!
Die Windsbraut ist der Grund.
Die Männer von dem Meer,
die lieben immer neu.
Kommt die Windsbraut daher,
sind sie ihr wieder treu!
*
Dieses Lied brach das vorhandene Eis des Abstandes soweit, daß man allgemein mehr hören wollte. Fräulein Siebenstern, sehr wohl selber begierig, etwas vorzutragen, regte an, daß jeder, wer es auch sei an diesem Tische, etwas zum besten geben solle, ob gesungen oder gesprochen. Es erhob sich allerhand Einwand, aber Doktor Kosel stimmte als erster so heftig zu, daß keiner sich zu drücken mehr berechtigt fühlte, da er überdies die medizinischen Vorteile der geistigen Ablenkung und Anregung überzeugend darzulegen wußte. Er schlug vor, gewohnt, als Arzt sogleich die praktische Anwendung zu geben, man solle sich am richtigsten an einen bestimmten Vorwurf halten, ja, gerade der saftige Shanty Herrn Bermanns bringe ihn auf den Gedanken, alles, was hier mitten im Ozean erzählt werde, müsse entweder mit Wind oder mit Braut oder mit der Windsbraut etwas zu tun haben, das sei geradezu heilige Pflicht und Ehrfurcht dem Orte gegenüber.
Man loste, und die höchste Zahl fiel auf den Schiffsingenieur, der mit seinem munteren Schnurrbart auch anwesend war. Er grübelte nicht lange, strich mit dem Kamm seiner fünf Finger über sein rötliches, spärliches Haar und sagte: „Also –“
„Erst die Überschrift!“ unterbrach ihn Fräulein Siebenstern. „Alles muß eine Überschrift haben; wir wollen schon an der Überschrift sehen, ob es uns paßt oder nicht!“
„Gut!“ lächelte Hollbeck. „Das ist die Übung des Kondensierens von Gehirndampf, was sie verlangen. Und wenn Sie einverstanden sind, nenne ich die Sache: