Читать книгу Das Gespenst der Karibik - Hans W. Schumacher - Страница 7
M. Cybulka Klavier- und Geigenunterricht
ОглавлениеSie saß am Flügel, den Kopf in die linke Hand gestützt und schlug mit der rechten einen Akkord an. Immer denselben. Vor dem Fenster wirbelten Blütenblätter vorbei, ein rosiges Gestöber. Die japanischen Quitten im Vorgarten verblühten und der Himmel stand voll zarter, aufgelöster Wolken. Immer wieder den gleichen Akkord. Er entfaltete sich in ihr zu einem melancholischen Raum, der mit dahinstiebenden Blüten und einem fahlblauen Himmel ausgestattet war. Im dunkelglänzenden Lack des Instruments dämmerte ihr ein altersloses Gesicht entgegen. Der Akkord, dieser Klang, das war es! Er durchschauerte sie mit Ewigkeit, immer wieder, sie würde nie aufhören können, ihn anzuschlagen. Etwas löste sich in ihrer Brust, sie fühlte, wie trockene Schalen von ihrer Seele abfielen. Der Himmel hatte das verwaschene Blau der Schleifen, die sie als Kind im Haar trug, und die rosigen Blätter erinnerten sie an die Farbe ihres Konfirmationskleides. Der Klang, dieser Klang! Ihn festhalten, nicht locker lassen! Aber dann merkte sie, wie er verblaßte, es war doch nur ein gewöhnlicher Akkord! Was fand sie denn daran? Natürlich, es war das Kindergeschrei! Sie hatte sich beim Hausmeister oft genug darüber beschwert. Wie soll ein Mensch seinem Beruf nachgehen, wenn diese Kröten so entsetzlich brüllen? Entschlossen stand sie auf und ließ die Rolläden hinabdonnern, dann noch die schweren Samtvorhänge davor. Endlich Stille! Im Dunkeln ging sie unruhig auf und ab. Woher kam nur ihre Nervosität? Geräusche machten sie verrückt. Aber manchmal ertrug sie klaglos Preßlufthämmer und Düsenjäger. Wie kam das? Verflixt, wer klopft denn da? Sie suchte sich zum Lichtschalter durchzutasten, stolperte über den Klavierhocker und landete auf den Knien. "Fräulein Cybulka, sind sie gefallen? Wo ist denn der Schalter?" "Rechts neben der Tür." "Da ist nichts." "Sie suchen ja auch links, Sie Esel!" Etwas Leichtes stürzte flatternd und ächzend zu Boden. "Sie sind wirklich unmöglich. Mein Notenständer ist hin!" Herr Müller bückte sich mühsam. Betroffen im fahlen Licht zwinkernd, erkannte er ein Holzgestell, das sich an einer mit altersgrauem Bindfaden reparierten Bruchstelle wieder aufgelöst hatte. Er hob die am Boden verstreuten Notenblätter auf. Seine Hände zitterten, sein Herz schlug heftig. Diese alte Ziege konnte ihn von einem Tag zum anderen vor die Tür setzen. Und möblierte Zimmer waren so schwer zu kriegen. Also ruhig, Alter! Kein Wort. Fräulein Cibulka erhob sich entrüstet. Dieser Mensch würde sie noch zum Wahnsinn treiben. Schon sein Tritt! Wie konnte einer auch so daherstampfen wie ein Elefant? Krachend bogen sich die Dielen unter seinem Fuß und nachts ächzte sein Bett, als würde es gleich zusammenbrechen. Als sie sich darüber beschwerte, meinte er, sie könnte ja die Tür zwischen ihrem und seinem Zimmer zumauern lassen oder ihm ein Bett besorgen, das weniger altersschwach wäre. Sie hatte es ihm aber gegeben! "Nicht das Bett ist altersschwach, sondern Ihre Lunge! Sie husten ja zum Verzweifeln. Wenn Sie ihre Krankheit so verschleppen, habe ich am Ende noch Scherereien mit Ihnen. Das eine sage ich Ihnen, wenn Sie mal nicht mehr aus dem Bett kommen, kann ich mich nicht um Sie kümmern. Ich bin selber krank." Am liebsten hätte sie auf Untermieter verzichtet. Aber sie brauchte die Einnahmen. Und Herr Müller war gewiß besser als die ewig Radio spielenden und Mädchen auf die Bude schleppenden Studenten. Er hatte noch nie Besuch gehabt. Er wandte die Teile des Notenständers verlegen in seinen Händen. Von der Höhe seiner mächtigen Gestalt blickte er ergeben herab auf die unleidliche Person in dem verschossenen braunen Kleid, das sie von ihrer Großmutter geerbt haben mußte . "Ich werde es wieder ganz machen," sagte er ohne Überzeugung. "Ach, geben Sie her. Sie sind doch zu nichts nütze, als Sachen zu zerbrechen und Krach zu machen. Was wollen Sie überhaupt?" Er reichte ihr die Holzteile mit ausgestrecktem Arm und zog einen zerknitterten 100-Mark-Schein aus der Hosentasche. "Die Miete." "Wieviel ist es denn?" "95 Mark, dachte ich," sagte er erschreckt und befürchtete eine Erhöhung. Aber es war wirklich nur ihre Vergeßlichkeit. Seufzend wendete sie sich einem vielstöckigen Vertiko zu, zog eine Schublade auf und suchte aus einer Zigarrenschachtel, die noch von ihrem Vater stammte, ein paar Münzen hervor. "Mir fehlen noch 80 Pfennig. Aber Sie müssen mir sowieso noch die Tasse ersetzen, die Sie vorige Woche zerbrochen haben." "Schon gut," brummte er störrisch und schickte sich zum Rückzug an. "Was heißt: schon gut? Habe ich die Tasse auf dem Gewissen oder Sie? Und der Notenständer?" "Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!" murmelte er abwehrend und schloß die Tür hinter sich. So schnell seine wackeligen Beine es erlaubten, verzog er sich durch den dämmrigen Flur in sein Hinterzimmer. Bloß einem weiteren Disput ausweichen! Er wußte nicht, ob er nicht doch einmal ausfallend werden würde. Seine Stube ging auf den Hof hinaus. Nur durch das Oberfenster sah man den Frühlingshimmel über dem Gefängnis der Brandmauern und Dächer. Er setzte sich auf das knarrende Bett, beugte sich nach vorn und ließ die Hände zwischen den Beinen baumeln. Eigentlich machte er sich nicht viel aus den Unfreundlichkeiten der Zimmerwirtin, und doch fühlte er sich bedrückt. Er war so einsam wie ein Hund. Seine Frau war vor acht Jahren gestorben, seine Tochter kümmerte sich nicht um ihn, sein Sohn lebte in Australien. Kaum, daß er zu Weihnachten eine Karte schrieb. Er fühlte sich grenzenlos müde. Auf dem Hof tönte Kindergeschrei. Ein Knistern an der Tür, die sein Zimmer mit dem Schlafzimmer von Fräulein Cybulka verband, ließ ihn aufblicken. Ein Stück Papier schob sich langsam durch den Spalt, blieb liegen, eine Ecke noch unter der Leiste. Er sah stumpf hinüber, konnte keinen Gedanken fassen. Endlich stand er auf, schlurfte hinüber und bückte sich. "Sie sind gekündigt", las er, als er den Zettel auseinandergefaltet hatte, "Sie verlassen das Haus am 1. Mai bis 12 Uhr mittags." Hastige Schriftzüge bedeckten riesig das ganze Papier. So, das war geschafft! Sie erhob sich erleichtert vom Boden und zitterte noch ein wenig. Sie schlich sich durch das Schlaf- und das Eßzimmer in den Salon, drehte den Schlüssel an der Tür zum Flur um, setzte sich trotzig an den Flügel und übte "Lieder ohne Worte". Tom toom tom hämmerte sie, welch seliger Klang, auf und davon, und durch den Plafond schwang sie sich aus dem grauen Dämmer der portierenverhüllten Pracht der Gründerzeit hinaus ins Licht. Ihr Spiel übertönte die Tapsschritte des gräßlichen Herrn Müller, das zaghafte Klopfen an der Tür. Tam tamtam. Nachher wußte sie wirklich nicht, ob Herr Müller angekrochen gekommen war oder nicht. Als sie ihm abends im Flur begegnete, hätte sie ihn gern danach gefragt, aber das war unmöglich. Er schob sich gruß- und blicklos an ihr vorbei. Sie stand mit dem Spiegelei in der Pfanne vor der Küche und sah seinen breiten Rücken eingerahmt von der Balkontür, vornübergebeugt im blassen Dämmerlicht.... "Wie ein Orang Uttan," dachte sie gehässig. Bald darauf ging sie ins Wohnzimmer, öffnete die grünbespannten Türen des Bücherschranks und sah im Konversationslexikon - 30-bändig - nach, wie Orang Utan geschrieben wird. Die Nacht ist so alt und doch immer noch unbekannt. Sie preßt sich so dicht an den Schlaflosen, daß er ihr Gesicht nicht sieht. Sie ist so ungeheuerlich groß wie das Maul des Walfischs, aber sie hat keine Zähne. Für alle hat sie eine unhörbare Melodie, das Lied ohne Worte, das Lied des Schweigens und Vergessens, der Schwermut und des Verzichts. Fräulein Cybulka lag im Bett und wagte nicht sich zu rühren. Schon das Geräusch ihres Atems erschreckte sie. Sie streckte die nackten Arme auf der Bettdecke aus. Es war so ruhig nebenan. Wenn er doch husten würde, dann könnte sie ihre Ohrenpfropfen nehmen und einschlafen. Aber es war ja still. War er denn überhaupt da? Keine Helligkeit war unter der Tür zu sehen. "Herr Müller, haben Sie das Licht im Flur ausgemacht?" Seltsam und fremd schwebte ihre Stimme ins Dunkel und stand vor ihren Augen wie eine Leuchtschrift. Etwas knackte im Nebenzimmer und durch die eröffnete Stille drängte sich eine Antwort, die sie aber nicht mehr wahrnahm, denn Herr Müller existierte in eben diesem Moment nicht mehr, er war ausgestrichen. Seine Erwiderung hatte ihn umgebracht. Und nun entfaltete sich die Leere um sie wie ein Ballon und bald spürte sie das Zucken und Quellen, mit dem er nach oben strebte. An einem dünnen Seil baumelnd entschwand sie in der Finsternis. Fest hielt sie die Arme auf die Bettdecke gepreßt. Das Muster trat in die Haut ein und Leichenstarre zog sich von den Fingern in die Arme und Schultern. Sie lag wie angeschraubt. Und unter ihr war der Abgrund. Sie schüttelte den Kopf, sie war doch noch wach. "Herr Müller," wollte sie rufen, doch sie besann sich. Aber es war schon zu spät. Herr Müller erschien in der Zwischentür, die sich teilte wie Rauchschwaden, mit glühenden Augen und Muskeln wie ein Preisboxer brach er ein und griff nach ihr, aber im gleichen Augenblick tötete ihn die Ironie Fräulein Cybulkas. Sie lächelte bitter. Eisig stand der Raum im grauen Schein des blinden Fensters, das sinnlos in der Höhe schwebte. Sie sah sich um und erkannte, daß alle Möbel fort waren, alles war leer, nur das Bett blieb ihr. Daran hatte sie ein traurigsüßes Vergnügen. Tränen benetzten ihre Augen. Aber bevor sie auskosten konnte, daß sie nichts hatte, nichts, kein Geld, kein Haus, kein Talent, keinen Menschen, nicht einmal eine Katze, war alles um sie her wieder braun und nüchtern. Aus dem Dunkel lösten sich die Konturen des Kleiderschranks und der Kommode, der Spiegel blinkte und selbst das Tapetenmuster trat ihr dicht vor die Augen, als ginge es ab und legte sich wie ein Netz um sie. Es war so still... Wenn er nun sterben würde! Eine Mischung aus Neugier, Schadenfreude und Sadismus erhob sie. Wenn er nun sterben würde und ich läge hier, ganz ruhig, kalt, ohne daß es mich anginge. Sie hatte nicht einmal Herzklopfen bei dem Gedanken. Der Tod war eine gute Lösung und so feierlich. Man fühlte sich groß und erhaben, man vergaß die unglücklichen Umstände, Sorgen und Kleinigkeiten, das Keifen der Nachbarn und die Angst vor dem Morgen. Sie erinnerte sich noch deutlich an den Tag, an dem man ihre ertrunkene Freundin Elli im obersten Teil des Friedhofs begraben hatte. Nie hätte sie geglaubt, daß dieses Ereignis so viele Menschen angehen würde. Sie hatte gedacht, sie müßte die einzige sein. Zahllose schwarzgekleidete, schwitzende Gestalten schleppten sich durch die streng riechenden Gänge der Taxushecken auf die Höhe hinauf. Alte Weiber, knochige Männer mit verdrossenen Mienen. Sie ging klein und stumpf unter der Herde der Befrackten, sie hatte ihr braunes Kleid an, ein schwarzes besaß sie nicht, und fühlte sich unbehaglich und bedeutungsvoll. Sie war ihre beste, vielleicht ihre einzige Freundin gewesen. Aber niemand schien von ihr Notiz zu nehmen. Der Schmerz war Monopol der Verwandten. Von den Trauernden kannte sie nur die Eltern. Beim Kondolieren gab ihr der Vater die Hand mit einem leeren Blick, als hätte er sie noch nie gesehen. Und dann trieb sie mit den anderen fort, die bald die Sprache wiederfanden, von dem Preis der Kränze und der Aufschrift auf den Schleifen murmelten, durch die engen Gassen, die die schwarzen Hecken ließen, an verunkrauteten Gräbern, bemoosten Leichensteinen und vergilbtem Marmor vorbei. Durch die Lücke, die eine Pappelallee schnitt, sah sie den Fluß blinken, bleiern und tot unter dem von Hitze entfärbten Augusthimmel. Wie an dem Abend, an dem Elli beim Baden verschwunden war. Niemand wollte glauben, daß sie ertrunken sein könnte. Aber wo konnte sie sonst geblieben sein, als die Nacht schon eingebrochen war? Ihre Kleider lagen an der Stelle, an der sie sich ausgezogen hatte, und niemand begriff, daß die Sachen liegenbleiben würden, wenn sich keiner entschlösse, sie mitzunehmen. Das rosa Kunstseidenkleid, Unterrock, Schlüpfer, Büstenhalter, Schuhe, Handtuch. Sie spürte Verlangen, sie ihr in den Fluß nachzuwerfen. Aber schließlich packte sie jemand mit herzzerreißender Pedanterie zusammen und brachte sie gebündelt zu den Eltern. Sie war dieser Person böse. Nie würde sie diese feierliche Erregung verstehen. Aber später befiel sie die gleiche Stumpfheit. Der Tod war eine Tatsache wie alle anderen. Wieviele Leute hatte sie inzwischen schon zu Grabe geleitet! Einkaufen, sich waschen, arbeiten, reden, essen, trinken, sterben, es war doch alles gleich. Das Schlimmste war, daß ihr auch ihr Klavierspiel gleichgültig wurde. Sie spielte und spielte, ohne hinzuhören. In ihren Ohren summte die Stille, während die Hände über die Tasten wanderten. Das erschreckte sie und trieb sie vom Klavierhocker aus dem Haus. Aber auch draußen umfing sie die Leere. Sie saß allein neben anderen einsamen Gestalten auf der Parkbank, während der Staub über die Wege wirbelte. Man nannte sie im Haus verschroben und schlampig. Wenn schon! Ihr war es egal. Mochten andere den Putzlappen schwingen, sie war Künstlerin, sie hatte anderes zu tun. Für den ungebildeten Herrn Müller war sie wohl eine alte Ziege. Sie hatte sein Geschimpf einmal durch die Tür dringen hören. Und was war er? Ein alter Orang Utan, mit seiner behaarten Brust! Ihre Mutter hatte noch kurz vor ihrem Tode die alte Geschichte mit Wagner ausgegraben und ihr Vorwürfe gemacht, daß sie ihn hatte gehen lassen. Wagner mit seiner unausstehlichen Genauigkeit, seinem Ehrgeiz, seiner Geldgier! Aber mit fünfundreißig war sie schon zu alt gewesen, ihren Charakter zu verleugnen und nach seinem Muster die gehorsame Gattin zu spielen. Nun war sie für eine Ehe wirklich zu alt. Wagner war auch schon tot. Herzschlag. Am Ende war er Mühlendirektor gewesen, ließ sich chauffieren und grüßte sie bei den seltenen Gelegenheiten, an denen sie sich sahen - Theaterabonnement, Konzerte - trübe und ironisch. Seine Frau war ein Kloß mit rotem Schopf. Der Kloß lebte noch. Frauen leben halt immer länger. Es war doch immer das Gleiche. Schon mit zwanzig hatte sie in diesem Bett gelegen und die Zeit tropfte mit der gleichen Zähigkeit herab, und sie hatte sich gesagt, so könne es nicht weitergehen. Selbstmordphantasien hielten sie wach und erst im Morgengrauen erschlug sie der Schlaf. Dann war sie dreißig, sie erinnerte sich der Verzweiflung, die sie mit zwanzig empfunden hatte, sie bemühte sich, diese Stimmung wieder einzufangen, in der sie so entschlossen hatte denken können. Aber was sie dann fühlte, hatte nicht mehr die gleiche Intensität, es war das Gefühl eines Gefühls, sozusagen die Kopie des ersten. Sie wurde sechsundreißig, und ihr fuhr ein Stich durch?s Herz. So konnte es auf keinen Fall weitergehen. Aber am Morgen ihres Geburtstages wachte sie so unverändert auf wie an jedem anderen Tag und hatte keinen Willen, keine Pläne mehr. Und endlich war sie vierzig, wovon man sagt, dann finge das Leben an und tatsächlich hatte sie Chancen, Professorin am Konservatorium zu werden, aber es wurde nichts daraus, weil sie sich weigerte, eine Gefälligkeit durch eine andere zu vergelten. So erzählte sie es jedenfalls jedem, der es wissen wollte. Sie erneuerte das Schild an ihrem Fenster: M. Cybulka Klavier- und Geigenunterricht. Dreizehn Jahre hing es nun schon da, vergilbt und krumm. Schon längst wollte sie es gegen ein Messingschild austauschen. Aber sie vergaß es immer wieder. Die Nacht wurde dunkler. Wie Teer floß sie durchs Fenster. Sie war so müde. Morgen würde sie Herrn Müller sagen, daß er bleiben könnte, wenn er wollte. Nach diesem Entschluß fühlte sie sich erleichtert, eine angenehme Mattigkeit kroch in ihr hoch. Tam tam tam. Sie ließ sich willkürlich verdummen. Manchmal ertappte sie sich, wie sie einen Ton anschlug, immer den gleichen, er verbreitete sich wie Wellen um einen Stein. Tam, das war so einfach, so selbstverständlich, sie konnte sich darin vergessen, ein Meer, das sich für sie öffnete. Sie hätte ertrinken sollen, nicht Elli, sie hätte es besser gekonnt. In Kleidern, nicht so nackt. Tom toom tom. Sie hatte ihre Schüler, die hielten sie am Leben, es war nicht anstrengend, aber sie war so müde. Alles hätte sie aufgeben mögen, um nur noch auf diesen einzigen Ton zu lauschen. Und dann schlief sie wie ein Stein. Der Morgen war wie ein schlechter Einfall, eine welke Erinnerung an tausend andere Morgen. Sie hatte Mühe, sich auf gestern zu besinnen. Die jungen Pappeln vor dem Schlafzimmerfenster bewegten sich anmutig im Winde. Der Anblick stärkte sie. Der Himmel über den flirrenden silbergrünen Blättern war tiefblau, er saugte den Blick an. Aber alles gab gleich wieder nach, etwas brach immerzu unter ihr weg. Und doch standen die Bäume da, von einem Augenblick zum anderen war der Himmel da, ohne Aufhören da. Er würde stets sein, über den Dächern, über den Wolken, auch nach ihrem Leben. Es war schwer, von ihm wegzusehen. Doch sie schloß die Augen. Bedrückung ergriff sie vor der Faßlichkeit und Lebendigkeit des Grüns. Sie meinte den bitteren Saft zu riechen, den Geruch des Krauts an schwülen Orten zwischen den Sträuchern, wo sich der Körper wie ein Buch aufschlägt. Wo Sinnlichkeit über dich fließt wie eine dunkle Welle. Dort hatte die Wollust sie aufgebrochen. Ein Punkt innen und eine sich ins Ungeheure blähende Haut außen, die Blätter, Blüten, Wipfel, Wolken, Sonne und Himmelsblau umfaßte. Etwas flog ständig vor ihr her. Sie konnte es nicht erreichen, es flog und flog. Sie konnte nicht an ihre Grenze gelangen. Sie wollte sich halten und sauste in verschiedene Richtungen davon. In ihr war ein halbes, leeres, kicherndes Ringen um Erkenntnis, doch wurde es unterspült vom Wogen und Kreisen der Lust. Endlich entfuhr den Dingen eine neue ekelerregende Wirklichkeit. Plötzlich haßte sie den Jungen, der sie unter den Sträuchern des Wäldchens hinter dem Sportplatz entjungfert hatte. Wer war er schon? Er war dumm und tierisch. Ihre Neugier hatte sie verführt, sie wollte schließlich auch wissen, was es war, womit Elli so angab. Im Studium erst hatte sie eine zweite Freundschaft. Sie wollte gar nicht, aber es mußte wohl so sein. Jemand, der so hübsch war wie sie, konnte sich der Werbung all dieser Männer nicht entziehen, mit denen sie täglich zusammenarbeitete. Doch sie schlief mit ihrem Kommilitonen nur, weil es dazu gehörte. Es war bei all den beengten Umstnden, in denen Studenten leben, unbequem und etwas unsauber. Am Ende empfand sie eine dünne Langweile, deren Ursache sie nicht erkennen konnte. Er war ein bemühter, ernster Mann, den der Erfolg bald von ihr wegführte. Sie hatte auch nicht die Kraft, ihn bei sich zu halten. Sie wußte, was ihr fehlte. Sie war unfähig, ihre Ironie zu bändigen und wenn die Männer, diese Sexautomaten, sich von ihr abwandten, dann mischte sich in den unwillkürlichen Schmerz eine leise Genugtuung, eine banale Erleichterung. Allmählich spürte sie, daß sie dem normalen Leben - ach Gott, was war schon normal! - nicht gewachsen war. Sie verzichtete darauf mit dem eigentümlichen Willen der Schwachen. Sie hatte das Leben ernst genommen, so ernst, daß sie keine Unternehmung wagte, die ihre Kräfte, wie sie glaubte, zu sehr beanspruchte. Das nannte man realistisch denken! Wenn dadurch nur ihre Musik besser geworden wäre! Aber sie brachte es zu keiner großen Leistung, weil sie vor der Übereinstimmung von Leidenschaft und Leistung zurückschreckte. Alles Üben half nichts. Sie erlebte nichts, weil sie nichts konnte, und sie konnte nichts, weil sie nichts erlebte. Sie kam darüber nicht hinaus. Sie litt daran. Sie durfte doch nicht so hilflos aus der Welt fallen. Sie war nicht krank, im Gegenteil, sie besaß eine so eiserne Gesundheit, daß es ihr fast langweilig wurde. Die Gesundheit hielt sogar ihre Schlaflosigkeit und Nervosität aus. Es hungerte sie nach dem Unmöglichen, aber die Welt war voll von den Steinen des Möglichen. Das Mögliche hielt sie fest wie die Gesundheit. Es war eben da, wie das von den Eltern ererbte Mobiliar da war, die Untermieter, das spärliche, aber ausreichende Einkommen durch den Musikunterricht. Es gelang ihr nicht, aus dem Möglichen auszubrechen, so wenig wie es einem Fisch gelingt zu ertrinken. Sie hätte sich diese Fragen gar nicht gestellt, wenn sie ihrer beruflichen Fähigkeiten wirklich sicher gewesen wäre. Aber obgleich sie früher einmal eine Meisterin am Klavier gewesen war, geschah es immer wieder, daß sie über Passagen stolperte, die einem Anfänger ein Lächeln abgenötigt hätten. Sie verlas sich, lebte oft in einer unbeschreiblichen Verwirrung, aus der die Schüler sie aufweckten, um sie sogleich in eine neue zu stürzen. Vergeßlichkeit legte sich wie Morphiumschlaf um sie. Die im Morgenwind rauschenden Pappeln hatten eine ärgerliche Gewißheit, sie waren aufdringlich in ihrem Dasein. Sie waren notwendig so, wie sie und wo sie waren. Sie waren nicht wegzudenken, während sie sich selbst sehr wohl wegdenken konnte, fühlte sie sich doch von allen vergessen. Notwendigkeit, das war auch ihr Begriff von Gott. Sie glaubte an gar nichts, sie ging zur Kirche nur, um jemand zu begleiten, und hielt die ganze Sündenvergeberei für eitle Anmaßung der Priester. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Sie war wohl launisch, aber auch gut. Sie war geizig, weil sie sparsam sein mußte, aber sie konnte auch schenken, wenn sie genug Geld hatte. Das Leben hatte sie betrogen, aber sie konnte sich bei niemand beschweren. Es war einfach notwendig so gekommen. So und nichts anders, immer so, ob sie nun die Faust reckte oder Mendelssohn spielte oder kochte oder verzweifelte oder schlief oder eine kleine Reise machte. Plötzlich fühlte sie wunderbar die Übereinstimmung der sanften Bewegungen der Bäume mit ihrem Innern, es war so fest in sie eingebaut, als habe sie es selbst erfunden. Weiß Gott, sie bildete sich auf nichts, das sie machte, etwas ein, nicht einmal, um sich das Leben zu erleichtern. Sie war illusionslos, weil sie sich zur Genüge kannte. Sie tat alles, weil es notwendig war, z.B. war es notwendig, daß sie sich in ständiger Übung hielt, daß sie täglich in ihrem alten brauntapezierten Zimmer spielte, das von den Klängen widerhallte. Oft fiel sie in den Abgrund zwischen ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit und der Bedeutung dessen, was sie spielte. Ihre Hände lagen fern vor ihr auf den Tasten, aber ihre Augen waren irgendwo hinter dem Mond. Sie war die Leere selbst. Wie eine gefangene Fliege in einem Marmeladenglas schwirrte sie umher, krabbelte sie auf dem Glas, das sie von der Welt draußen trennte. Und doch entstand dabei ein schwebendes Gefühl, als blättere ein zäher, alter Anstrich von ihrem Inneren ab. Sie fühlte diese Nacktheit als Befreiung. Aber das war doch schamlos! Etwas erfüllte sie mit Gier, die Töne kamen schwer und gesättigt auf sie zu, sie genoß. Sie wurde sinnlich, schwermütig, hörig von Musik. Die längst bekannte leere Abfolge der Noten schoß zu einem Körper zusammen, der sie vergewaltigte. Daß sie sich gegen diese Überwältigung gewehrt hatte, hatte sie gehindert, eine große Künstlerin zu werden. Auch hatte sie der Exhibitionismus des Podiums gestört, die Zurschaustellung vor dem Publikum. Eigentlich war die Musik etwas Eisiges, Fremdes, Fernes, das jeder Zudringlichkeit entzogen war. Sie hatte von ihr die ungeteilten Wonnen des Geistes erwartet, aber die Musik hatte etwas zweideutig Verführerisches, einen scheinheiligen Körper. Musik war falsch. Vielleicht hatte sie sie auch immer falsch beurteilt. Oder war sie vielleicht einfach unmusikalisch? Auf welche Dummheiten sie doch kam! Sie lächelte in den lichten Morgen hinein. Der Himmel war durchsichtig, von Glanz durchschossen, ein betäubender Rausch erfaßte sie, je länger sie hineinstarrte. Sie wartete immer noch auf etwas, etwas, das ihre Illusionslosigkeit besiegen könnte. Sie ahnte ein Glück, das ihr wohl nie zukommen würde, das aber existierte, ebenso notwendig existierte, wie es notwendig war, daß es gedacht wurde. Etwas, das von allem Mißtrauen befreit war, so leicht, daß es sogar nichts von seiner Gewichtslosigkeit mehr wußte. Eine Feder, ein Zirruswölkchen von Glück. Sie erinnerte sich an eine Melodie von Schubert, die dem nahekam, was sie fühlte, aber nicht einmal dieser Meister hatte es getroffen. Doch in ihrer Hilflosigkeit, es darzustellen, wurde sie plötzlich selbstbewußt. Sie lachte ungläubig. Sie stand auf und alles, was sie anfaßte und ansah, schwamm um sie wie in einer sehr klaren Flüssigkeit. Der Spiegel schwebte an ihr vorbei, Schranktüren öffneten und schlossen sich, bunte Kleidungsstücke flogen an sie heran, die Bürste bewegte sich energisch durch ihre Haare. Sie summte vor sich hin, während sie den Kaffee kochte, Brötchen strich, das Tablett in den Salon trug, ein buntes Service aus dem Glasschrank nahm. Sie setzte sich zeremoniös nieder und aß vorsichtig ihr Frühstücksei, ohne zu kleckern. Der Kaffee erfrischte sie. Sonnenschein überschwemmte die breite Parkettfläche zwischen den hohen Fenstern und dem Eßtisch. Sonnenstäubchen schwebten in den Strahlen aufblitzend auf und nieder. Als sie dann ihre erste Zigarette rauchte, überfiel sie der Gedanke, daß sie Herrn Müller Unrecht getan, ihn beschämt und gequält hatte. Sie würde ihm zur Abbitte das Frühstück in sein Zimmer bringen und die Kündigung zurücknehmen. Ja, das würde sie tun, auch wenn es sie Überwindung kosten würde! Aber merkwürdigerweise empfand sie keinen Unwillen, als sie das Wasser aufsetzte, Brot schnitt und das Geschirr zusammenstellte. In ihr war eine geschäftige, freudige Ruhe, während sie das Sieden des Wassers überwachte, den Kaffee aufgoß, das Ei weich kochte, Wurst und Käse schnitt und sorgfältig auf dem Teller ordnete. Sie schob alles auf dem Tablett zurecht und packte es mit beiden Händen. Es war ein ungewohntes Gewicht, mit allem, was sie darauf versammelt hatte: Honig, Marmelade, zwei Sorten Käse, Wurst, Ei, Weißbrot, Schwarzbrot, Brötchen, Kaffee, Zucker und Milch, den Schinken nicht zu vergessen. Er war ein großer Kerl, der gewiß Hunger hatte. Damit kam sie an das Ende des Flurs, und die Tür zu Herrn Müllers Zimmer bot sich als braune, abweisende Fläche dar. Sie verharrte zögernd einen Augenblick, dann setzte sie das Tablett mit einer Ecke auf die Klinke und klopfte entschlossen. Keine Antwort. Sie rief. Stille. Dann öffnete sie kurzerhand und trat ein. Der Widerschein der rötlichen Ziegelwände, die von der Morgensonne hell beleuchtet waren, fiel über das Bett, aus dem Herr Müller hing. Sein Kopf und sein rechter Arm baumelten an der Bettseite, Blut war dem Mund entströmt und bedeckte rostig geronnen Kinn, Wange, Laken und Fußboden. Er war tief in der Nacht gestorben. Er starb aus Ärger, Verzweiflung, Einsamkeit, Krankheit und eigentlich aus Protest. Aber genau genommen wollte er doch nicht sterben, aber als er sich dagegen aufbäumte, war der Drang in ihm zu groß geworden, es zog ihn abwärts wie eine Lawine. Und als er endlich nach Fräulein Cybulka rufen wollte, drang nur ein Röcheln aus seiner Brust und ein Blutsturz erstickte seine Stimme. Fräulein Cybulka warf das Geschirr nicht hin. Sie wendete sich vorsichtig um und setzte das Tablett auf den Ecktisch. Dann ging sie abwartend auf den Toten zu und ihr war, als habe sie an diesem Morgen einen ganzen fünfhundertseitigen Roman mit großer Geschwindigkeit gelesen und schon wieder vergessen. Herrn Müllers Augen waren geschlossen, sein Gesicht war lehmfarben. Sie war nicht entsetzt, nicht fiebrig erregt, wie sie es selbst erwartet hätte, eine feine Kälte befiel sie, breitete sich vom Rückgrat über ihren Körper aus und verlieh ihrem Blick eine grausame Sachlichkeit. Sie sah ihn eigentlich zum ersten Mal richtig an und nun, als sie mit forschender Neugier seine abgespannten Züge betrachtete, bemerkte sie unter den Falten und Bartstoppeln eine strenge Schönheit. Sie ließ sich langsam auf den Stuhl am Fußende des Bettes nieder und sah in ihren Schoß, um einem merkwürdigen Gefühl auf die Spur zu kommen. Ihre Hände waren zum Gebet verschränkt. Sie riß sie auseinander, stand eilig auf, ging zum Waschbecken und kehrte mit einem nassen Lappen zurück. Sie kauerte sich vor das Bett und wischte sanft das Blut von Gesicht, Hals und Arm. Sie scheute sich nicht, ihren Arm unter den Nacken des Toten zu schieben, hob mit Mühe den Körper an und ließ ihn auf das Kissen fallen. Ihre Schläfen klopften. Irgendetwas Entscheidendes mußte jetzt geschehen, etwas Endgültiges, ein Abbruch, ein Aufbruch. Aber nichts regte sich. Herr Müller war tot. Sie hatte an dem Gewicht gespürt, wie ihn die Erde anzog, aber er war doch noch da, so nah und greifbar. Und nun lag er für sich, einsam wie ein Kind in seiner Wiege. Und als sie das dachte - wie ein Kind, wie ein Kind! - erschreckte sie eine schlimme Wehmut, die aus ihren Eingeweiden brach. Nachdem sie die Tränen abgewischt hatte, wurde sie wieder ganz kalt. Sie versank in der Stille, nicht einmal die Wanduhr tickte. Die war schon seit langem kaputt. Nur vom Hof her kamen erstickte Geräusche, Zwitschern, Flügelsausen. Sie wartete. Sie wußte nicht worauf. Sie schaute auf die Bettdecke, unter der sich der große Körper abzeichnete und ab und zu, erschreckt von einem Knacken im Zimmer, einem Rauschen im Hof, wandte sie den Blick auf den im Kissen versunkenen Kopf, als sollte er eine Erklärung dafür hergeben. Das Licht wurde einmal matter, dann wieder hellte es sich ruckartig auf. Ihr war, als stünde ihr Kopf allein im Raum, gedankenlos, mondhell und starr, während ihr Leib zerging. Sie seufzte, und als sie infolge einer verwirrten Beziehung zu sich selbst merkte, daß jemand seufzte, seufzte sie auch und seufzte stärker, um sich vor der anderen hervorzutun, nun aber mehr wie eine Klage, etwas, was zwischen Stöhnen und Sprechen lag, aber das, was sie sagen wollte, kam nicht heraus, darüber klagte sie stöhnend und wäre gern ein ägyptisches Klageweib gewesen mit einem Schatz alter Trauerformeln, aber ihr fiel nichts ein, und dafür schrie sie nun wirklich, legte sich auf die Woge des Schreis und fühlte, wie sich ihr ganzer Körper unter einer wollüstigen Erregung zusammenzog. Aber während sie schrie und stöhnte oder dem Widerhall des Schreis lauschte, der wie eine Sirene in ihrem Kopf schrillte, erzeugte sich unter ihr ein Wirbel, in den der Schrei hineinfiel und verhallte. Sie hob den Blick vom Schoß, in dem die Hände wieder gefaltet lagen und fragte sich, ob sie recht gehört hatte, hatte hier jemand geschrien? Nur allmählich wurde ihr klar, daß sie es selbst gewesen war. In ihrer Verwunderung darüber lag doch ein heimliches Einverständnis, das sich mit tiefer Erschöpfung mischte. Sie fühlte sich so herunter und bemitleidenswert wie der Tote, und das gab ihr das Recht, sich neben ihm aufs Bett zu strecken und übergangslos einzuschlafen. In ihrem Schlaf geschahen sogleich außerordentliche Dinge. Musik ertönte mit einer Gewalt und schneidenden Süße, wie sie sie noch nie vernommen hatte. Sie selbst war das Instrument, aber ihr war der Klang dann doch zu aufdringlich und überzogen. Im gleichen Augenblick beugte sich Herr Müller über sie mit geschlossenen Augen und auf eine gewisse bittere Art lächelnd, packte er sie, wie man ein Cello zwischen die Knie nimmt, und sein Gesicht versank in ihrem wie eine Wolke eine andere durchdringt. Die Musik wurde ein breit dahinströmender Fluß, Posaunen tönten, donnernde Gewitter sprühten Blitze. Und als sie träumte, daß sie dies alles träumte, fiel sie in einen neuen Traum, der von unleugbarer Wirklichkeit war, denn ein riesiger Walfisch, der in muskulösen Wendungen silbern im Meer aufleuchtete, schoß unter einer gläsernen Eisfläche daher, auf der sie dahingleitend entfloh und versuchte die Kruste von unten her aufzubrechen. Zunächst war sie kopflos, mit wachsender Sicherheit entstand aber aus der Jagd eine Art Spiel, ein Flirt, ein Sichsuchen und -verlieren, dabei gab sie nicht acht und fiel auf einmal in ein Wasserloch unter eine kribbelnde Menge von Fischen, aus der sich wie ein Nebel, aber mit sanfter Nachdrücklichkeit allmählich der Silberrücken des Wals hob, an dem sie sich mit aller Macht festhielt. Und nun sank der Fisch mit ihr abwärts in eine ungeheure Wassertiefe, die gläsern um sie strömte. Sie empfand keine Angst, aber dennoch wuchs in ihr eine Beschwernis und Bekümmertheit, die ihr Tränen entpreßten, während der Fisch mit gleichmäßiger Geschwindigkeit sank und sank. Bald wußte sie nicht mehr, ob sie hinabtauchte oder aufstieg, sie lag auf dem gewaltigen Rücken in einer bewegungslos bewegten Leere. Da erfaßte sie ein Zittern und Zähneklappern, von dem sie erwachte. Sie lag bäuchlings auf dem Toten. Sie rannte aus dem Zimmer. Dann faßte sie sich, ging in den Salon, öffnete den Glasschrank, ergriff die Cognacflasche, goß sich ein Glas ein und leerte es mit zitternder Hand. Nachdem sie einige Minuten gedankenlos in die Zimmerecke gestarrt hatte, ging sie zur Garderobe und zog Mantel und Hut an. In diesem Augenblick schnarrte die Türglocke. Sie ergriff ihre Handtasche und ging öffnen. Im Hausflur stand der kleine blonde Bernd Wollschläger mit der Notenmappe unter dem Arm. Wie immer hatte er erst nach minutenlangem Zögern geklingelt. Seiner Lust, bei dem komischen Fräulein Cybulka Klavierspielen zu lernen, mußten seine Eltern mit allen möglichen Drohungen aufhelfen, merkwürdigerweise wußte er aber nach jeder Sitzung nicht mehr, wovor er eigentlich Angst gehabt hatte. Diesmal wurde ihm aber eine seltene Freude zuteil. Fräulein Cybulka beugte sich ein wenig zu ihm nieder, streichelte ihm das Haar und sagte mit freundlichem Blick aus rotgeränderten Augen: "Geh nach Hause, mein Junge, heute fällt die Stunde aus." Er nahm sich kaum Zeit, auf Wiedersehen zu sagen, und tobte in die Sonne hinaus.