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Fenster putzen

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Weil ich durch das Fenster in meinem Parterre-Arbeits­zimmer direkt auf den Innenhof und dort auf den Eingang zu unserem Hinterhaus schaue, bekomme ich tiefe Einblicke in das Leben der Mitmenschen, die ich mir nie gewünscht habe. Ich weiß zum Beispiel Sachen über den alten Hoppe zwei Stockwerke über mir, die kann ich hier gar nicht erzählen. Deshalb erzähle ich lieber von der attraktiven jungen Frau aus dem Ersten. Außerdem, seien wir ehrlich, schon rein optisch ist das ein interessanteres Betrachtungsobjekt. Ich meine: knappes Trä­gerkleid gegen Holzfällerhemd, was soll ich da groß erläutern. Der Herr Hoppe könnte sich ja ruhig auch mal etwas mehr Mühe geben. Vielleicht auch mal so ein Kleidchen tragen statt immer nur Plastiktüten mit Müll. Mein Gott, was der für einen Müll produziert! Und das muss ich jetzt aber doch mal sagen: Ich glaube, der trennt gar nicht richtig. Nie sah ich ihn das kleine, braune Bio-Eimerchen nach unten tragen. Würde mich nicht wundern, wenn die Mülltüten, die da immer in der braunen Tonne liegen, von ihm wären. Das weiß ich aber nicht. Bis in die Müll-Ecke kann ich vom Schreibtisch aus zum Glück nicht gucken.

So viele Mülltüten, wie Hoppe runterbringt, so viele Liebhaber schleppt das Trägerkleid zu sich hoch beziehungsweise ab. Ich bin dazu übergegangen, sie im Vorbeigehen unauffällig zu fotografieren. Man muss sich ja auch ein bisschen interessieren für andere. Wenn ich die Bilder nebeneinanderlege, bekomme ich einen schönen Gesamteindruck vom Liebesleben meiner Obermieterin. OK, das ist vielleicht ... – ach, scheißegal, ich mag’s halt. Dann hat man wenigstens auch Gesichter zu den Geräuschen der Nacht.

Allerdings lässt sich nicht ganz leugnen, dass im Lauf der Zeit die Bildqualität nachgelassen hat. In den letzten Monaten sieht man eigentlich nur noch vage Schatten auf den Fotos. Vielleicht müsste ich doch mein Fenster mal wieder putzen. Wobei: »Mal wieder« ist nicht der richtige Terminus. »Überhaupt mal«, das würde es präzise treffen.

Kann ja so schwer nicht sein, denke ich, hole den Staubsauger und unterziehe das Glas erst mal einer echten Grundreinigung. So, gleich viel besser. Ich bin überrascht, wie viel Licht plötzlich eindringt. Was haben die denn bloß immer – ist doch gar nicht so dunkel im Erdgeschoss-Hinterhaus. Einfach mal die Scheiben saugen! Für die Spinnen dagegen dürfte das ein ziemlicher Rückschlag gewesen sein. Wahrscheinlich wird eine zukünftige Spinnenzivilisation eines Tages ein Mahnmal errichten, darauf eingraviert das Datum des heutigen Tages: der Tag meines ersten Fensterputzes.

Trotzdem – so richtig sauber ist das immer noch nicht. Was tun? Ich könnte natürlich meine Mutter anrufen und sie bitten, mir zu erklären, wie man das macht. Die freut sich doch sicher, wenn sie mir ... obwohl, wer weiß. Möglicherweise könnte sie sich wundern und auf ungute Gedanken kommen, wenn ich sie fünfzehn Jahre nach meinem Auszug erstmals frage, wie man eigentlich Fens­ter putzt. Nicht, dass sie am Ende doch noch auf die Idee kommt, mich zu besuchen.

Andererseits, ohne mütterliche Hilfe ist dieses Problem nicht zu lösen, so viel steht fest. Aber wozu gibt es schließlich das Internet? Mutti fragen wäre gut, also tippe ich www.frag-mutti.de in den Browser ein, und tatsächlich, da haben wir es ja: »Putztipps für Fenster«, na also. Ich stöbere durch das Forum. Dass das Internet ein Treffpunkt für Abseitiges aller Art ist, wusste man ja. Aber wie abseitig manche Community ist, das mag man sich dann doch kaum vorstellen.

Fassungslos lese ich die hitzigen Diskussionen der Putz­gemeinde. Mandy z.B. schreibt: »Ich habe einen guten Tipp für die Reinigung sämtlicher Glas- u. Spiegelflächen (natürlich auch Fenster), und zwar gibt man einen guten Schuss flüssigen Klarspüler vom Geschirrspülautomat ins Putzwasser (ohne Zusatz anderer Putzmittel) – das wirkt Wunder und hält den Schmutz nachhaltig fern. Ich war vom Ergebnis beeindruckt und man hat den ›absoluten Durchblick‹. Viel Spaß beim Frühjahrputz und Gutes Gelingen!« Thomas antwortet begeistert: »Habe den Klarspüler-Trick schon bei den Badfliesen ausprobiert, das geht wirklich super. Muss wirklich ein Teufelszeug sein....huiiii.... :-)« Auch Iris ist hin und weg: »Selbst zum Reinigen von Edelstahlspülen und Cerankochfeldern ist Klarspüler superklasse. Ich nehme den billgsten vom Penny, das spart echt Geld.« Aber es geht noch billiger. Ein Teilnehmer mit dem selbsterklärenden Namen Der Scheibenputzer schwört auf Folgendes: »Eine Zwiebel halbieren und in den Putzeimer legen. Und dann normal Fenster saubermachen. Jeder aus meiner Umgebung ist vollkommen begeistert.« Jeder aus seiner Umgebung? Offensichtlich frönen sie ihrem Fetisch nicht einmal im Verborgenen. Bizarr. Aber wie in jeder Nerd-Szene ist der hitzige Streit schnell da. Cornelia bemängelt: »Bei mir hat das nicht funktioniert. Schlieren und jede Menge Dreck noch nach dem Abziehen – trotz Zwiebel!« Trotz Zwiebel! Der Scheibenputzer verteidigt sich empört: »Du musst natürlich auch die Zwiebel vorher säubern!« Aber er kann die anderen nicht überzeugen. Sarah: »Ich glaube, dass es mit klar Wasser ohne Zwiebel keinen Unterschied gibt.« Die Stimmung im Putzforum wird aggressiv. Tina die Putzmaus hält nichts von Zwiebeln, sondern empfiehlt: »Einfach in den Wischeimer einen kleinen Schwung von eurem Haarschampoo. Dann auf Sonne warten und staunen.« Das macht Frank endgültig fertig: »Fenster niemals!!!! mit Schampoo oder dergl. reinigen, der Schlier geht nur schlecht wieder runter.« Isolde meint: »Ich bekomme streifenfreie Fenster mit kaputten Damenstrumpfhosen.« Putzengel dagegen kann’s noch sparsamer: »Immer noch zu favorisieren ist zusammengeknülltes Zeitungspapier.« Das letzte Wort hat Sylvie: »Alles Quatsch! Ich putze meine Fenster immer mit Schwarztee und war immer zufrieden.«

Ich gucke auf mein Fenster, die Sache wird mir allmählich umheimlich. Mit leichtem Schauder verlasse ich das Mutti-Putzforum und suche weiter im Internet nach Hilfe.

Dabei stoße ich ausgerechnet auf die Bild-Zeitung, die mir erklärt: »Putzen macht geil. Eine englische Studie hat ergeben, dass Frauen beim Putzen sexuell erregt werden. Frauen, die zehn Stunden pro Woche putzen, wollen mindestens einmal am Tag Sex. Ab 15 Stunden pro Woche nimmt die Erregung weiter zu. Frauen, die ihren Haushalt nicht alleine schmeißen, haben Probleme in ihrem Sexleben.«

Ich schlucke. Dann blicke ich die Häuserfront hoch. Die Trägerkleidträgerin über mir wischt mit Hochdruck über ihr Küchenfenster. Ich lese weiter: »Außerdem hatte jede fünfte getestete Frau beim Putzen sexuelle Fantasien und den Wunsch, dass sie bei ihrer Tätigkeit von einem erotischen Mann überrascht wird.« Aha. Blicke wieder hoch. Rufe: »Kukuk!« Frau ist überrascht. Zeigt mir aber den Vogel und knallt das Fenster zu. Blöde Bild. Blödes Putzen.

Draußen schlurft Hoppe im Holzfällerhemd vorbei und trägt schon wieder irgendwelche Mülltüten zum Container. Ich will das alles nicht mehr sehen. Ich mache das Fenster einfach wieder zu und bin froh, von all dem kaum was mitzukriegen. Nein, das Fenster lasse ich mal schön so, wie es ist. Man muss sich das Leben ja auch nicht unnötig schwer machen.

Im wilden Wedding: Zwischen Ghetto und Gentrifizierung

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