Читать книгу Die Spur des Jungbrunnen - Henri Joachim Becker - Страница 12

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Ihr Anblick fegte alle meine Befürchtungen hinweg. Sie sah umwerfend aus. Ihr in hellen Spätsommerfarben erstrahlendes Kleid brachte ihre stattliche Gestalt voll zur Geltung, lieβ ihre Arme frei und reichte bis ans Knie heran. Ein schmaler, über die linke Schulter laufender feiner Lederriemen hielt an ihrer Seite ein schickes Handtäschchen, halb verdeckt von einem daran überhängenden feinmaschigen dünnen Pullover. Sie empfing mich mit einem strahlenden Blick und einem herzlichen

„Hallo!"

‒ „Hallo, das hat ja gut geklappt!", freute ich mich.

Nach kurzem Zögern schlug sie vor: „Wollen wir uns nicht duzen?"

‒ „Ja!"

Unser Treffen war ein privates und kein geschäftliches, zudem waren wir so gut wie gleichaltrig, stammten zudem noch teilweise aus derselben Gegend. Wir hätten es beide sicher schnell als albern empfunden, wenn wir es beim „Sie" wie in Lieser belassen hätten .

‒ „Wohin geht’s?", fragte ich.

‒ „Ja, du kennst dich hier am besten aus!"

Ich dachte, dass sie vielleicht jetzt auch erleichtert war, dass ich nicht in Begleitung einer eventuell vermuteten Freundin gekommen war.

‒ „Dann hierlang, immer geradeaus!", scherzte ich.

Sie lachte gutgelaunt. Nachdem die Septembersonne die morgendlichen Nebelschleier endgültig vertrieben hatte, tauchte sie nun aus einem blauen wolkenfreien Himmel herab, alles, Menschen, Häuser, Bäume, in ein warmes Gold. Wir steuerten auf die Place de la Constitution zu, dann nach links durch das kleine Regierungsviertel hinter der Kathedrale, bewegten uns vorbei an Abgeordnetenkammer und groβherzoglichem Palais zum Fischmarkt und gelangten schlieβlich zur „Corniche", einem Weg auf alten Festungsmauern entlang der Altstadtsilhouette, von wo aus man einen herrlichen Blick auf das steilab unter uns gelegene alte Viertel „Grund" und das kleine Flüsschen Alzette genoss.. Verführt von ihrem malerischen Charme hatte Hanna, wie sie mir erzählte, die Altstadt schon selber einige Mal durchstreift. Zu diesem Charme gehörte auch die traumhafte Lage der Stadt Luxemburg überhaupt hinzu, für die es sogar einen vielzitierten, prominenten Zeugen gibt: Johann Wolfgang von Goethe. „Hier findet sich so viel Gröβe mit Anmut, so viel Ernst mit Lieblichkeit verbunden", schreibt er über sie.

Hanna schwärmte von ihrem neuen Leben in Luxemburg, den vielen Abwechslungen und Möglichkeiten, die die Stadt bot.

– „Ehrlich gesagt, unsere Moselgegend ist zwar sehr schön, aber es war mir zu beschaulich. Ich wollte mehr erleben. Außerdem verdient man in Luxemburg besser und ein internationaler Finanzplatz bietet, denke ich, auch mehr Karrierechancen. Meine Arbeit bereitet mir viel Freude. Allerdings", fügte sie hinzu, „Karriere allein wird mich wohl auf Dauer nicht ausfüllen. Ich möchte auch eine Familie und Kinder haben. Du auch?", wollte sie wissen.

‒ „Beruf allein ist wohl nur das halbe Glück", pflichtete ich ihr bei.

‒ „Wie geht es im Referendardienst?", erkundigte sie sich.

‒ „Ich liebe meinen Beruf. Und nicht wegen äuβerer Vorteile. Scherzhaft heiβt es ja manchmal: <Es gibt zwei Gründe Lehrer zu werden: Juli und August!>. Die luxemburgische Referendarzeit ist zwar noch einmal ein harter Brocken. So müssen wir zu Beginn eine gröβere wissenschaftliche Arbeit schreiben. Das ist nur zu leisten, wenn man am Stück ohne viel Unterbrechung dranbleiben kann. Das aber ist während des Schuljahres nicht möglich: Zuviel Ablenkung, zuviel Unterbrechung, zuviel Hin- und Hergerissensein zwischen unterschiedlichen Anforderungen. Da bleiben nur die Ferien. Ich habe meine Sommerferien dieses Jahr damit verbracht, meine Arbeit im Wesentlichen fertig zu schreiben. Letzter Abgabetermin ist zwar erst nach den nächsten Sommerferien, aber da ich mit der Materie schon durch mein Studium sehr vertraut gewesen bin, hat ein harter Sommer für die Quasi-Fertigstellung gereicht."

‒„Womit hast du dich denn befasst?"

‒„Mit einer allgemeinen Theorie darüber, warum Sprachen sich ändern. Dabei habe ich den vielversprechenden Ansatz von Rudi Keller, einem Sprachwissenschaftler, diskutiert."

‒„Und warum ändern Sprachen sich?"

‒„Ich will jetzt hier keinen Vortrag halten. Sagen wir so: Wenn jemand spricht, will er nicht die Sprache verändern, sondern seine Ziele erreichen. Oft läβt sich das nur erreichen, wenn man sprachlich kreativ ist. Sind diese Neuerungen zweckdienlich, finden sie eventuell mit der Zeit allgemeine Verbreitung. Alles an einer Sprache kann sich verändern: ihre Lautgestalt, die Bedeutung ihrer Ausdrücke, die Grammatik selber. Wenn ich, um es an einem sehr einfachen Beispiel zu erläutern, ,Coiffeur' über meinen Frisörladen schreibe und damit mehr Kunden anziehe als mit ,Haarschneider' und ich viele erfolgreiche Nachahmer finde, dann bestehen gute Chancen, dass der Ausdruck ,Haarschneider' mit der Zeit eine Bedeutungsverschlechterung erfahren wird. Eine solche sprachliche Veränderung entsteht ein wenig so wie ein Trampelpfad: Niemand, der von A nach B den Weg abkürzt, will einen Trampelpfad entstehen lassen. Er will nur möglichst energie- und zeitsparend von A nach B gelangen. Aber wenn viele das tun , dann entsteht als zwangsläufige, aber unbeabsichtigte Folge ein Trampelpfad. Auch unser Hang zu möglichst wenig Anstrengung spielt eine Rolle: Das lateinische ,hodie' , ,heute', war im Altfranzösischen zu ,hui' erodiert und so missverständlich geworden, dass die Leute anfingen zu sagen ,au jour d'hui', daher das heutige ,aujourd' hui'. Es ist kein Zufall, dass die häufig gebrauchten Elemente einer Sprache sehr oft kürzer sind als die weniger oft gebrauchten: Personalpronomen sind immer kurz, die Zeit der Gegenwart ist kürzer als die zusammengesetzten Zeiten im Deutschen usw. Eine tragische Nebenwirkung von Sprachwandel ist, dass es mit der Zeit immer schwieriger wird, die sprachliche Virtuosität eines literarischen Werkes nachzuempfinden, weil die Bedeutungsverschiebungen und Bedeutungsveränderungen nicht mehr dieselben Bilder und Konnotationen in uns hervorrufen."

Eine Weile lieβen wir das herrliche Panorama auf uns wirken.

‒ „Wollen wir was trinken gehen?", schlug ich vor.

‒„Ja, gerne! Ich kann einen Kaffee gebrauchen!", begrüβte sie meinen Vorschlag.

Wir kehrten in ein gemütliches Café auf der ,Plëss', der Place d' Armes ein. Früher mal, wie der Name schon verrät, ein Paradeplatz fürs Militär, war die ,Plëss', wie sie im Volksmund hieβ, zu einem Platz, um zu entspannen, geworden, einem Treff gleichermaβen für Einheimische und Touristen, mit Terrassen, Schatten spendenden Bäumen und einem kulinarischen Angebot für jeden Geldbeutel. An ihrer Westseite stand der prestigiöse Repräsentativbau des ,Cercle', an ihrem Ostrand wies eine Tafel, von den Besuchern des Platzes oft übersehen, auf den darunter liegenden fünfundsechzig Meter tiefen Brunnen hin, der die einstige Festung Luxemburg mit Trinkwasser versorgte. Er führt mitten durch den Luxemburger Sandstein hindurch bis zum Grundwasser und steht in Verbindung auch mit einem neunhundert Meter langen Tunnel, der das Petrus-Tal mit dem Pfaffental verbindet. Nicht zu übersehen an der Ostseite ist dagegen ein Denkmal, das an die beiden Nationaldichter Edmond de la Fontaine und Michel Lentz erinnert.

Hanna bestellte Kaffee, nur Kaffee. Ich ebenfalls.

‒„Kein Kuchen? Das ist aber gegen die gute deutsche Gewohnheit am Wochenende in ein Café für Kaffee und Kuchen einzukehren.", scherzte ich.

‒ „Vielleicht bin ich schon dabei, mich anzupassen.", lachte sie.

Unser Gespräch drehte sich in den nächsten Momenten um Esskultur und eigene kulinarische Vorlieben. Dann wechselte sie das Thema.

„Wozu dient eigentlich dieser prächtige Bau am Platz?"

‒ „Repräsentativen Empfängen, Festlichkeiten zum Beispiel. Ich selber habe früher dort Studentenbälle besucht, die immer um den Jahreswechsel herum stattfanden."

‒ „Nachhaltigen Eindruck hinterlässt auch die groβe Uhr im Dach über dem Fries. Was stellt das Fries dar?"

‒ „Es stellt die Übergabe des Freiheitsbriefes 1244 an die Bürger der Stadt Luxemburg durch die Gräfin Ermesinde dar."

‒ „Ich kenne eigentlich fast nur die Stadt Luxemburg. Etwas. Wohin lohnt der Weg denn sonst noch?"

‒ „Obwohl sehr klein, setzt sich Luxemburg aus sehr unterschiedlichen Regionen zusammen, die jede ihren ganz eigenen Charakter, ihr eigenes Flair haben. Wer in einer dieser Regionen aufgewachsen ist, wird, bei aller Wertschätzung für alle anderen, auf Dauer oft nur in seiner Ursprungsumgebung wohnen wollen. Die angesprochene Vielfalt wird im Übrigen noch einmal angereichert: Der Weg in unsere drei Nachbarländer ist nicht weit und jedes lockt wiederum mit seiner ihm eigenen Atmosphäre. Es lohnt die Mühe das alles nach und nach zu erkunden, es gibt wirklich sehr viel Schönes zu entdecken!"

‒ „Ich weiβ, dass der Süden durch die Stahlindustrie geprägt ist.", sagte Hanna.

‒ „Das ist immerhin schon mal etwas. Ich stamme übrigens aus dem Süden."

‒ „Aha!"

Im Laufe unserer weiteren Unterhaltung erfuhr ich unter anderem ich von Hanna, dass sie eine kleine Wohnung in einem Dorf östlich unweit der Hauptstadt gefunden hatte.

‒ „Die kleine Anfahrt zur Arbeit lohnt sich wegen der viel günstigeren Miete. Wenn ich etwas mehr Zeit habe, nehme ich aber manchmal nicht die direkte Strecke, sondern einen Weg, der an einer bestimmten Stelle, wo er abwärts ins Tal führt, einen mit einem unvergleichlichen Blick auf die Silhouette der Altstadt verzaubert."

Sie meinte wohl die Abfahrt vom Quartier Cents ins Alzettetal, vorbei an dem Szenetreff Melusina und der Brasserie Mansfeld. Dass ihr das einen Umweg wert war, war vielleicht ein Hinweis, dass sie möglicherweise für landschaftliche Schönheit besonders empfänglich war.

Irgendwann blickte Hanna auf die kleine Uhr an ihrem Handgelenk.

‒ „Ich habe vorige Woche mit einer Arbeitskollegin abgesprochen, dass wir heute Abend zusammen ins Kino gehen. Ich will sie nicht enttäuschen. Hast du morgen Abend schon was vor?"

‒ „Noch nicht. Wir könnten zusammen etwas essen gehen, um das Wochenende ausklingen zu lassen.", schlug ich vor."

‒ „ Ja, ja gut!"

‒ „Das geht auf mich! Ich lade dich ein."

‒ „Danke! Ich werde mich revanchieren."

Wie ich, hatte sie ihren Wagen auf dem Glacis geparkt, jenem groβen Platz, auf dem jedes Jahr die Schueberfouer, das gröβte Schaustellertreffen in Luxemburg und der Grenzregion, stattfand. Wir verlieβen das Café und schritten, vorbei an der im Stadtpark groβzügig angelegten ,Kinnekswiss', die zum Spielen und Ausruhen einlud, zurück zum Glacis.

Die Spur des Jungbrunnen

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