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2. Kapitel

Der Bus fuhr, für südfranzösische Verhältnisse, relativ pünktlich ab. N hatte seinen Rucksack im Laderaum verstaut und einen Platz in der Nähe der hinteren Tür gefunden. Gedankenverloren schaute er aus dem Fenster. So richtig konnte er seinen Schritt noch immer nicht realisieren.

„So, jetzt gibt es für mich kein zurück. Zivilisation lebe wohl! Keine Sorgen mehr um den Betrieb. Vielleicht hätte ich ihn teurer verkaufen sollen. Aber dann wäre alles nicht so schnell gegangen“, überlegte er und hätte es sich fast selbst laut erzählt.

Er hatte kaum einen Blick für die wunderschöne Landschaft. Es wurde bergiger. Nach drei Stunden hatte der Busfahrer, immer noch recht pünktlich, das Ziel erreicht und verkündete, dass für diese Buslinie hier Endstation sei.

„Nach ihrem Rucksack zu urteilen, wollen sie bestimmt weiter bis zur alten Bergwerksstadt, oder?“ N bejahte diese Frage des Busfahrers.

„Ein Kollege fährt in einer Stunde mit einem Minibus dorthin. Die Haltestelle ist auf der anderen Seite des Platzes.“

N bedankte sich für die Auskunft und schulterte seinen Rucksack, um über den großen Platz, auf dem nicht nur Pkw, sondern auch Busse, abgestellt waren, zu laufen. Alles sah verlassen und trostlos aus. Die verfallene Fabrikruine ließ vermuten, dass dieser Ort einmal bessere Zeiten gesehen haben muss. Vergebens suchte N ein Café oder wenigstens eine Imbissbude. Schließlich setzte er sich auf einen großen Stein und wartete.

Zehn Minuten vor der planmäßigen Abfahrt des Busses schlug ihm ein unbekannter Mann auf die Schulter und sagte: „Sie wollen bestimmt mit mir zur alten Bergwerksstadt fahren.“

„Wenn sie der Busfahrer sind, wird es so sein“, antwortete N.

„Sie können schon einsteigen, wenn sie wollen.“

„Wo ist denn ihr Bus?“

„Sie sitzen fast davor. Es ist der Iveco Daily hinter ihnen.“

Fünf Minuten nach der offiziellen Abfahrtszeit sagte der Busfahrer, dass er losfahren würde, da offenbar niemand mehr mitfahren wolle.

N wunderte sich, dass er der einzige Fahrgast war und fragte, ob der Bus immer so überbelegt wäre.

„Wissen sie, in der Schulzeit transportiere ich zwei oder drei Kinder und ab und zu mal alte Weiber, die kein Auto haben.“

„Rentiert sich diese Linie denn?“, fragte N und erhielt zur Antwort, dass der Staat mit diesen Buslinien seine soziale Verantwortung wahrnehmen würde.

„Wie weit wollen sie“, fragte der Busfahrer nach einigen Minuten.

„Bis zur Endstation“, antwortete N.

„So meine ich es nicht. Mich interessiert, wie weit sie touren wollen.“

„Ich verstehe ihre Frage nicht.“

„Solche Männer wie sie gehen allein in Richtung Westen; wenn es klappt, sogar die 400 Kilometer bis zum Atlantik. Ich bewundere euch Typen. Ihr seid die letzten richtigen Männer mit Mut. Ihr werdet bestimmt nie aussterben.“

N schwieg eine kurze Zeit und sagte, dass er sich vorgenommen habe, so weit wie möglich zu gehen.

„Sie schaffen es mit Sicherheit“, erwiderte der Busfahrer.

„Woher wollen sie denn das wissen“, fragte N schon etwas leicht genervt.

„Ich fahre diese Linie bereits seit fünf Jahren und habe schon einige solcher Typen, wie sie einer sind, transportiert. Von zehn ihrer Sorte kommen acht nach zwei oder drei Tagen zurück und geben auf. Auf der Fahrt zur Bergwerksstadt erzählen sie mir, was für harte Kerle sie seien und was sie schon alles unternommen hätten. Außerdem haben diese Warmduscher übergroße Rucksäcke dabei und tragen edle Wanderkleidung. Sie sind mit Sicherheit einer der beiden, die nicht wieder mit mir zurückfahren.“

„Wie kommen sie zu dieser Erkenntnis?“

„Sie haben einen älteren und kleineren Militärrucksack und sind nicht modisch gekleidet. Außerdem sind sie ein Schweiger, einer von der harten Sorte.“

„Jetzt machen sie es aber einmal halblang, sie Menschenkenner.“

Bis zur Endstation schwiegen beide und man sah dem Busfahrer an, dass er in Gedanken N beneidete.

Als N ausstieg, erhielt er noch den Rat, erst morgen aufzusteigen, weil das Wetter nicht besonders sei.

„Das hätte ich auch ohne ihren Rat getan; ich bin zwar bestimmt etwas „spezial“ in ihren Augen, aber nicht lebensmüde“, sagte N und fragte, wo man in diesem gottverlassenen Nest schlafen könnte.

„Siehste, du Greenhorn!“ Der Busfahrer lachte etwas spöttisch und sagte: „Daran haste nicht gedacht, was? Geh zum Lebensmittelhändler; er ist der Einzige, der dir helfen kann. In dieser Großstadt gibt es keine Hotels und nur ein einziges Fremdenzimmer. Wenn du Glück hast, ist das frei. Wenn nicht, hast du dein erstes Problem. So, jetzt muss ich zurück. Viel Erfolg und grüß den Russen von mir“, sagte der Busfahrer, schloss die Türen seines Fahrzeugs und fuhr ab.

N winkte noch kurz und stand jetzt mutterseelenallein auf einer Art Dorfplatz.

Er entdeckte eine armselige Kirche und zählte gerade einmal neun Häuser. Kein Mensch war weit und breit zu sehen; nicht einmal ein Straßenköter.

Ein Haus sah anders als die anderen aus und N ging dorthin. Es war das einzige Geschäft des Dorfes. Das übliche Schild mit den Öffnungszeiten konnte er nicht entdecken. Vorsichtig öffnete er die Ladentür; ein leises Läuten war zu hören. Geduldig wartete N, dass jemand erschien. Es dauerte bestimmt fünf Minuten, bis aus einem hinteren Raum ein Mann mittleren Alters kam.

„Guten Tag. Sind sie gerade mit dem Bus angekommen?“

„Ja, man hat mir berichtet, dass ich bei ihnen ein Zimmer für eine Nacht mieten könnte. Ich will erst morgen zu meiner großen Tour aufbrechen, weil das Wetter nicht besonders aussieht.“

„Ich muss sie leider enttäuschen. Das einzige Fremdenzimmer ist bereits seit einer Woche an ein Ehepaar vermietet“, sagte der Ladenbesitzer achselzuckend.

„Da habe ich offenbar richtiges Pech. Was raten sie mir, wie ich mein Problem lösen könnte?“

„Für verspätete Wanderer haben wir in dem Schuppen hinter dem Haus Schlafplätze. Sie haben bestimmt eine Matte mit Schlafsack. Der Platz ist kostenlos. Wer möchte, kann eine Spende in die alte Konservendose legen.“

„Und wo kann ich etwas zu Abend essen“, fragte N schon leicht resignierend.

„Hier im Laden können sie einkaufen. In der Unterkunft steht ein kleiner Ofen. Damit können sie sich etwas kochen, oder besser gesagt, aufwärmen.“

„Gibt es auch eine Toilette“, wollte N wissen und erhielt zur Antwort, dass man dafür hinter den Schuppen in eine Art Stall gehen müsse.

N tat, wie ihm geraten und nahm sich vor, am nächsten Morgen so früh wie möglich aufzubrechen. Wenigstens werde ich heute nicht nass, dachte er sich und versuchte, bald zu schlafen.

Kaum war er eingeschlafen, als der Ladenbesitzer in den Schuppen trat.

„Sie wollen bestimmt die Riesentour entlang der Grenze gehen“, fragte er und N bestätigte ihm seine Vermutung.

„Sicherlich werden sie auch bei Boris vorbeischauen, oder?“

„Ich habe schon von diesem Einsiedler gehört. Ist das der, den man den Russen nennt?“, fragte N.

„Ja. Alle, die von hier aus aufbrechen und nicht den leichten ausgeschilderten Wanderweg GR 10 nehmen, kommen notwendigerweise nach ungefähr drei Tagen bei ihm vorbei. Ob er ein Russe ist, weiß niemand genau. Aber alle behaupten es. Boris legt Wert darauf, dass jeder Besucher ihm ein Kilo Zucker und eine Flasche Wodka mitbringt. Beides können sie bei mir im Laden erwerben.“

„Sie vermuten richtig, dass ich nicht den Wanderweg benutzen werde. Ich will mir einen Jugendtraum erfüllen und die Pyrenäen richtig kennenlernen. Ich werde den Wunsch des Einsiedlers beachten und aus ihrem Geschäft Zucker und Wodka mitnehmen“, erklärte N und erhob sich von seiner Schlafmatte.

„Vielleicht interessiert sie mein folgender Vorschlag: Ich muss morgen mit dem Quatre-Quatre zur Quelle, die unser Dorf mit Trinkwasser versorgt. Da stimmt etwas nicht. Seit einigen Tagen hört man aus den Bergen ungewöhnliche Geräusche. Irgendetwas ist anders als sonst. Hier in den Bergen und auch an den Küsten muss man mit der Natur leben und lernen, sie zu verstehen“, erklärte der Ladenbesitzer.

„Weil ich es auch so sehe, reizt es mich, das letzte Stück relativ unberührter Natur Europas intensiv kennenzulernen“, erwiderte N.

„Diese Quelle befindet sich auf einem Plateau, das nicht auf ihrer voraussichtlichen Route liegt. Wenn sie wollen, können sie trotzdem mitfahren. Sie können von dieser Quelle über den westlichen großen Sattel wieder auf ihre Route gelangen und sind alsbald bei Boris. Der Vorteil für sie wäre, dass sie einen ganzen Tag früher beim Russen sind und ich zumindest nicht allein die ganze Fahrt machen muss.“

„Das hört sich interessant an, was sie mir da vorschlagen. Ich werde es mir überlegen. Wann würden sie losfahren?“

„Ich muss spätestens gegen 9 Uhr aufbrechen, weil eine Fahrt gute drei Stunden dauert, und ich nicht weiß, wie lange ich für die Besichtigung und eventuelle Reinigung der Quelle brauche“, antwortete der Lebensmittelhändler.

„Gut, ich werde mitfahren und ihnen gegebenenfalls bei der Instandsetzung der Quelle helfen“, sagte N.

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