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BERICHT 3

Montag, 3. Juli, 9: 35 Uhr

Wer die Wahl hat, hat die Qual

„Fuck, hast du vielleicht mein blaukariertes Hemd gesehen? Du weißt schon, das Boss Hemd, das ich von meiner Schwester zum Geburtstag geschenkt bekommen habe.“

Ralph klang verärgert. Er war ohnehin bereits viel zu spät dran und jetzt kostete ihn die Suche nach einem dämlichen Kleidungsstück noch mehr kostbare Zeit.

„Ich habe es doch gestern im Schlafzimmer aufgehängt und jetzt ist es wie vom Erdboden verschwunden.“

„Sieh doch mal in der Schmutzwäsche oder in der Waschmaschine nach“, drang eine weibliche Stimme aus dem Wohnzimmer an sein Ohr. „Vielleicht habe ich es irrtümlich dorthin geräumt.“

Ralph setzte sich in Bewegung und kramte in der Wäschebox herum. Nichts. Nur ein paar stinkende Socken und ein rotes Kleid. Keine Spur von seinem Hemd. Dann blickte er kurz in das Bullauge der Waschmaschine, die sich gerade im Vollwaschgang zu drehen begann.

„Bullshit, Simone!“, schrie er hörbar genervt vom Badezimmer aus, „wieso dreht mein Hemd in der beschissenen Maschine seine Runden? Ich habe doch gesagt, dass ich es heute für mein Vorstellungsgespräch brauche. Soll ich etwa oberkörperfrei dort auftauchen und mit meinen Brustmuskeln den Job an Land ziehen?“

„Du tust ja gerade so, als hättest du sonst nichts anzuziehen“, kam die prompte Antwort aus dem Wohnzimmer zurück. „Vielleicht solltest du in meinem roten Kleid dort auftauchen, um den nötigen Eindruck zu schinden. Bei mir jedenfalls hat es seine Wirkung nicht verfehlt, wenn ich mir die Antworten auf meine Annonce so ansehe. Alleine in den letzten zehn Minuten habe ich etwa zwanzig neue Mails bekommen. Alles potenzielle Verehrer, die sich unbedingt mit mir treffen möchten. Ich habe dir doch gesagt, dass sich der Weg über die Zeitung bezahlt machen wird. Hier, hör dir doch nur einmal diesen Typen an.“

Simone öffnete eine der eingelangten Nachrichten:

„Hallo, meine Schöne! Mein Name ist Otto und ich bin ein Pensionist aus dem idyllischen Mühlviertel in Oberösterreich. Ich habe drei erwachsene Kinder mit denen ich einen sehr guten Kontakt pflege. Seit dem Unfalltod meiner Ehepartnerin suche ich eine nette und aufopferungsvolle Frau, die mit mir meinen Bauernhof weiter bewirtschaftet und sich auch um den Haushalt kümmert. Nachdem ich denke in dir genau diese Person gefunden zu haben, würde ich mich sehr über ein zwangloses Treffen mit dir freuen. Zu meinem Unglück muss ich jedoch eingestehen, dass ich seit zwei Jahren im Rollstuhl sitze und auch nicht mehr mit dem Auto fahren kann. Deshalb wäre es schön, wenn wir uns bei mir zuhause im schönen Freistadt treffen könnten, zumal du damit auch einen ersten Einblick in mein Privatleben nehmen könntest…

„Was ist denn das für ein Blödsinn!“, wurde sie mitten im Satz von Ralph unterbrochen. „Denkt dieser verkrüppelte Bauernarsch etwa, dass du eine Annonce als Landwirtschaftsgehilfin geschalten hast? Und noch dazu in Freistadt. Das liegt ja nicht gerade um die Ecke. Außerdem gibt es bei solchen Typen im Normalfall nicht viel zu holen. Wenn ich schon höre, dass er drei erwachsene Kinder hat, dann kannst du dir schon ausmalen, wer irgendwann sein Erbe antreten wird. Und wenn es dann soweit ist, dann wird der Hof sicher verkauft werden. Das Geld wird unter seiner Brut aufgeteilt und wir stehen mit leeren Händen da. Also kannst du schon ein Häkchen unter diese Rückmeldung machen und sie vergessen. Ist bei deinen sogenannten Verehrern denn niemand dabei, der im näheren Umkreis lebt und auf seinen eigenen Beinen steht?“

„Lass mich mal sehen“, scrollte sie etwas weiter nach unten. „Wir hätten da unter anderem einen Reinhard aus Braunau, einen Leo aus St. Agatha, Wolfgang aus Bad Kreuzen und…“, ihre Mundwinkel gingen hoch, „.einen Edgar aus Linz.“

„Volltreffer!“

Ralph knöpfte hastig das Hemd zu und begann mit dem Binden seiner Krawatte.

„Wie alt ist der Typ denn?“

„Er schreibt, dass er Mitte vierzig sei und eine Wohnung nahe der Linzer Innenstadt hätte, von wo aus er bei einem guten Glas Wein bevorzugt auf die Donau blicken würde.“

„Na, das hört sich doch schon erfolgsversprechend an.“

Er zog unbeholfen den Knoten bis zum Hemdkragen hoch und strich sich durch sein schütteres Haar. Dann ging er zu Simone in das Wohnzimmer und ließ seine Augen über die Rückmeldung wandern.

„Ich würde sagen, wir haben den Richtigen gefunden“, frohlockte er. „Hat dieser Wicht auch ein Foto von sich mitgesandt?“

Simone wanderte mit der Maus über die Nachricht.

„Nein, noch haben wir es mit einem Gesichtslosen zu tun. Aber ich werde ihm schon noch eines herauslocken. Wahrscheinlich ist er einer von der Sorte Menschen, die nicht gerade mit ihrem Aussehen punkten können. Ganz im Gegenteil zu dir, mein Schatz.“

Sie zog Ralph die Krawatte zurecht und gab ihm einen dicken Kuss.

„Ich sollte aber vielleicht noch ein paar Tage vergehen lassen, ehe ich mich bei unserem Eddy Rich melde. In der Zwischenzeit werde ich mir auch die anderen Rückmeldungen noch ansehen. Wer weiß, was noch alles an liebesgetränkten Mails hereinflattern wird.“

„Mach das!“

Er erwiderte halbherzig ihren Kuss und streifte sich sein abgetragenes Sakko über.

„Solange du nicht auf die Idee kommst selbst in der Gegend herumzuflattern. Und was diesen Edgar anbelangt, so hast du Recht. Es wird wirklich ratsam sein, ihn noch ein wenig zappeln zu lassen und erst in ein paar Tagen Kontakt zu ihm aufzunehmen. Du weißt ja, Geduld ist ein rasender aber verlässlicher Baumeister, oder so. Und wir wollen doch, dass dein Verehrer keinen Verdacht schöpft und im letzten Moment noch von der Schippe springt.“

Ralph fummelte nochmals an seiner Krawatte herum und schlüpfte in seine Schuhe. Dann positionierte er sich in selbstbewusster Manier vor Simone.

„Und, wie sehe ich aus?“

„Wie jemand, der mit Sicherheit die Stelle bekommen wird. Auch wenn er ausnahmsweise kein Boss Hemd trägt, mein Schatz“, antwortete sie lächelnd und musterte ihn dabei von oben bis unten.

„Genau das wollte ich hören.“

Er griff nach seinem Zündschlüssel und drehte sich nochmals zu ihr um.

„Ich glaube heute ist ein guter Tag. Wird auch Zeit.“ Dann ließ er die Tür hinter sich in das Schloss fallen und machte sich auf den Weg.

Die Breitseite des Lebens

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