Читать книгу Blick in den Tod - Jacky Herrmann - Страница 5

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„Ich bin Theodora von Weisenau.“ Sie war fast einen Kopf größer als Valentina und schaute nicht nur deshalb auf sie herab. Sie schien auch sehr selbstbewusst zu sein.

„Guten Morgen! Ich bin Valentina.“

„Du bist spät dran“, warf Theodora ihr vor.

Valentina war tatsächlich schon am zweiten Tag zu spät gewesen, weil ihr Fahrrad unerwartet einen Platten gehabt hatte. Ausgerechnet, wo sie sich sowieso schon mit ihrer Zeit verzettelt hatte. Auf der gestrigen Heimfahrt hatte sie nichts Ungewöhnliches bemerkt. Sie hatte den Reifen schnell aufgepumpt und die Fahrt ins Büro war reibungslos verlaufen. Damit hatte sie nun aber einen schlechten ersten Eindruck bei Theodora hinterlassen.

„Mein Fahrrad hatte einen Platten.“ Sie merkte selbst, dass es nach einer dummen Ausrede klang und vertiefte das Thema daher nicht weiter. Ihr entging nicht, wie Theodora sie von oben bis unten musterte, als sie zu ihrem Schreibtisch lief. Theodora schien selbst gerade erst gekommen zu sein, dachte Valentina, denn ihr PC war noch nicht angeschaltet.

„Macht ja nichts!“, sagte Theodora schließlich. „Dann auf jeden Fall herzlich willkommen bei uns!“

Valentina wunderte sich über Theodoras Aussprache. Sie war nicht sicher, ob sie ein Problem mit ihrer Nase hatte oder ob sie so sprach, weil es ihr gefiel. Sie bedankte sich für die persönliche Begrüßung und legte ihre Jacke ab. Sie hatte sich heute Morgen für eine schwarze Stoffhose und eine helle Bluse entschieden, nachdem sie sich gestern im Vergleich zu den anderen etwas ‚overdressed‘ gefühlt hatte.

Theodora verließ kommentarlos das Büro, wahrscheinlich um sich einen Kaffee zu holen.

Sie hätte wenigstens fragen können, ob ich mitgehen möchte, dachte Valentina enttäuscht. Was soll’s! Sie meldete sich am PC an und öffnete das Mailprogramm. Neunundzwanzig Nachrichten, stellte sie mit Erschrecken fest. Wie ist das möglich? Eigentlich wollte sie sich auch einen Kaffee holen, den sie unbedingt brauchte, um ihre Restmüdigkeit loszuwerden, doch nun setzte sie sich erstmal. Ich will nur alles überfliegen. Eine Mail von Sebastian. Das ist der Termin für das Gespräch mit Tommy. Gleich heute Vormittag.

Sie schaute auf die Uhr. Es war zwanzig nach neun.

„Bitte schau dir Seite fünf bis zwölf in der Präsentation an, damit wir uns dazu austauschen können. Gruß Sebastian“

Okay, das sollte ich hinkriegen. Was ist das alles? Newsletter, Newsletter und noch mehr Newsletter. Mitarbeitereintrittsblatt, Gehaltsdatenblatt, Mitarbeiteraustrittsblatt – was zum Teufel ist das? Das muss ich mir später erklären lassen. Jetzt erstmal einen Kaffee holen!

Sie stellte die Tastensperre ein und begab sich auf den Weg zur Küche. Unterwegs kam ihr Theodora entgegen.

„Es wäre gut, wenn du dich beeilst. Ich möchte, dass du gleich bei einem wichtigen Call dabei bist“, rief sie ihr im Vorbeilaufen zu.

Valentina wollte Theodora erklären, dass sie dafür keine Zeit hatte, da sie sich auf den Termin mit Sebastian und Tommy vorbereiten musste, hielt dann aber inne, denn der Gang war nicht der passende Ort, um das näher mit ihr zu besprechen.

Kaffee. Kaffee. Kaffee. Dann sieht die Welt gleich wieder besser aus!

In der Küche war niemand. Umso besser, dann kann ich nicht aufgehalten werden. Sie wollte unbedingt vermeiden, völlig unvorbereitet in das Meeting zu gehen und sich bis auf die Knochen zu blamieren. Aus dem Regal holte sie sich eine Tasse, ging zur großen Pumpkanne und drückte fest. Plötzlich knirschte es.

Das darf doch nicht wahr sein! Theodora scheint eine besonders nette Kollegin zu sein, die einfach die leere Kanne stehen lässt und keinen neuen Kaffee aufsetzt! Ausgerechnet jetzt, fluchte Valentina innerlich. Okay, es nützt nichts. Ich koche neuen…

Sie bückte sich, um alle Schubladen nach Kaffeepulver und Filtertüten zu durchsuchen. In dem Moment öffnete sich die Küchentür, was Valentina nicht bemerkte. Sie wühlte weiter in sämtlichen Schränken herum. Als sie unerwartet eine Berührung an ihrem Rücken spürte, schrak sie zusammen und ließ die Teepackung fallen, die sie gerade in der Hand gehalten hatte.

„Verdammter Mist“, stieß sie laut hervor. Im selben Moment fasste sie sich wieder und ruderte zurück. „Tut mir leid! Ich bin nur so schreckhaft und hatte nicht gehört, dass jemand hereingekommen ist.“

„Ich wollte Sie nicht erschrecken. Sie sind die Neue in der Personalabteilung, richtig? Mein Name ist Falk Sonnenberg.“

„Hallo! Ich bin Valentina Adelsberger. Angenehm.“ Sie wollte ihm die Hand geben, doch Falk bückte sich bereits, um die Teebeutel aufzusammeln, die aus der Packung gefallen waren. „Das ist nett! Vielen Dank!“

Als er sich aufrichtete, kam er ihr nah. Für ihren Geschmack eindeutig zu nah. Sie wich automatisch einen Schritt zurück.

„Können Sie mir sagen, wo die Filtertüten und das Kaffeepulver sind?“

„Wollen wir uns nicht lieber duzen?“

Erneut ging er näher auf Valentina zu. Sie wollte deshalb noch einen Schritt zurück gehen, doch bemerkte plötzlich den Schrank hinter sich.

In dem Moment ging die Tür auf und Tommy trat ein. Er blieb für einen Augenblick stehen und schaute die beiden irritiert an.

„Guten Morgen, Tommy! Alles klar? Der Kaffee ist leider leer. Wir kochen gerade neuen“, sagte Falk mit einem schmierigen Grinsen.

Valentina tat so, als wäre nichts vorgefallen. Das war aus ihrer Sicht die beste Taktik in dieser unangenehmen Situation.

„Wo ist denn nun das Kaffeepulver?“, wollte sie erneut wissen.

„Das steht dort oben neben den Gläsern.“ Tommy zeigte in die Richtung.

Hätte ich das nicht gleich sehen können? Dann wäre mir diese Situation erspart geblieben! Sie versuchte, weiterhin cool zu bleiben.

Der Tag hatte bescheiden angefangen und sich nun so fortgesetzt. Valentina blickte auf ihre Uhr. „Was? Es ist schon viertel vor zehn!“, stellte sie mit Erschrecken laut fest. Hatte jemand an der Uhr gedreht?

„Wir haben gleich den Termin zusammen“, bemerkte Tommy. „Sebastian hat ihn gerade um eine Dreiviertelstunde vorverlegt.“

Wie bitte? Vorverlegt? Sie hatte noch nicht einmal in die Unterlagen geschaut. Sie erinnerte sich zwar, dass es nur wenige Seiten der Präsentation waren, die sie sich ansehen sollte, aber sie hatte überhaupt keinen Schimmer, wie umfangreich vielleicht jeweils eine einzelne Seite war. Sie hatte keine Zeit, hier länger herumzustehen und Kaffee zu kochen, zumal ihr dieser schmierige, unangenehme Falk schon jetzt auf die Nerven ging. Sie hoffte, mit ihm keine weiteren Berührungspunkte zu haben. Wer war er überhaupt und in welcher Abteilung arbeitete er? Das zu fragen, wäre jetzt äußert ungünstig.

Tommy schien zu bemerken, dass Valentina unruhig wurde. Er nahm ihr daraufhin das Kaffeepulver aus der Hand. „Du gehst jetzt zurück an deinen Platz und bereitest dich vor! Ich koche den Kaffee und bringe dir auf dem Rückweg eine Tasse vorbei. Okay?“

Ein sinnvoller Vorschlag und das von einem Mann, schoss es ihr durch den Kopf. Sie nickte nur.

„Schwarz, weiß oder süß?“, fragte er.

Sie lächelte ihn an und antwortete: „Weiß und vielen Dank!“, bevor sie die Küche verließ. Falk würdigte sie keines weiteren Blickes.

Schon von weitem sah sie Sebastian in ihrem Büro stehen. Er wartete hoffentlich nicht auf sie. Sie kannte Theodora zwar noch nicht, aber sie hatte ihm bestimmt brühwarm erzählt, dass sie seit einer gefühlten Ewigkeit in der Küche verschwunden war und das, obwohl ihr Theodora vorher ausdrücklich gesagt hatte, dass sie sich beeilen sollte.

Mist. Mist. Mist.

„Hallo, Sebastian! Tut mir leid! Irgendwie läuft heute alles schief.“

Er schaute sie fragend an. Hatte Theodora doch nichts gesagt? Sie war direkt in eine Rechtfertigungshaltung gesprungen.

„Was ist denn los?“, wollte er nun von ihr wissen.

„Ach, ich will nicht herumlamentieren. Es gab ein kleines Malheur in der Küche und eigentlich wollte ich längst die Unterlagen durchgesehen haben. Das mache ich jetzt sofort. Theodora, es tut mir leid, wir haben gleich einen Termin, weshalb ich leider nicht an dem Call teilnehmen kann.“ Manchmal war es besser, in die Offensive zu gehen und die Dinge selbst anzusprechen.

„Der Call ist sowieso schon vorbei. Es wäre gut gewesen, aber scheinbar kannst du nicht die richtigen Prioritäten setzen“, antwortete Theodora ihr schnippisch.

Oh. Oh. Oh. Jetzt geht es aber los! Darauf werde ich mich nicht einlassen! Jedes weitere Gespräch kostet mich wertvolle Zeit.

„Theodora, reiß dich bitte zusammen!“, griff Sebastian ein. „Die Calls finden wöchentlich statt und dauern keine fünfzehn Minuten. Valentina hat sicher nichts verpasst und wird ab nächster Woche daran teilnehmen. Wir haben gleich ein wichtiges Meeting. Daher lass sie jetzt bitte in Ruhe!“ Er drehte sich um und verließ das Büro.

Valentina entsperrte ihren Bildschirm und ging wieder in ihr E-Mail-Postfach.

Oh, schon wieder zehn neue Mails. Was ist denn hier los? Schnell alles durchklicken. Das Meeting wurde tatsächlich verlegt.

Sie blickte auf die rechte Ecke ihres Computers, um sich noch einmal die Uhrzeit vor Augen zu führen. Noch zwanzig Minuten. Gibt es sonst noch Mails, die mit dem Meeting zu tun haben? Oh ja, da ist noch etwas! Wieder eine Mail von Sebastian. Clemens Wolkert wird am Meeting teilnehmen. Auch das noch! Einer der Geschäftsführer. Noch ein Grund mehr, dass das auf keinen Fall in die Hose gehen darf!

Plötzlich stand Tommy mit einer Tasse Kaffee an der Tür. Valentina ging zu ihm und nahm sie entgegen. „Vielen lieben Dank!“ Sie deutete in Richtung ihres PCs. „Ich muss weitermachen. Wir sehen uns gleich! Danke nochmal!“

Sie ignorierte den Spruch, den Theodora vor sich hin genuschelt hatte, etwas in der Art wie: „Zeit für einen Kaffee hast du also noch…“

Improvisieren! Das war das Einzige, was ihr übrigblieb. Das hatte sie schon öfter tun müssen und es war immer glimpflich ausgegangen. Sie konnte sich gut verkaufen und selbst, wenn sie über etwas nicht gut Bescheid wusste, konnte sie zumindest so tun, als ob sie voll im Thema war.

Sie öffnete endlich die Präsentation und erschrak. Ihr Horrorszenario hatte sich tatsächlich bewahrheitet. Das war keine Präsentation im klassischen Sinne, wo man versuchte, das Publikum durch möglichst wenig Text davon abzuhalten, alles mitzulesen. Nein, im Gegenteil: Es war ein riesiger Roman in der kleinsten Schriftgröße, die es gab. Sie würde es niemals schaffen, das alles noch zu lesen. Die vielen kleinen Tabellen, die unzähligen Fußnoten und Verweise…

Wieso war das alles so verdammt unübersichtlich? Wer hatte sich das bloß ausgedacht?

***

Theodora lehnte an der Wand und schaute zu Antonia, die sich mit ihrem Stuhl zu ihr gedreht hatte. Max und Patricia waren in der Marketingabteilung, um den Report, den sie gestern am späten Abend schließlich final mit Sebastian abgestimmt hatten, nun auch noch optisch verschönern zu lassen. Theodora war, nachdem sich Valentina zu ihrem Termin aufgemacht hatte, zu Antonia ins Büro nebenan gegangen.

„Ich finde sie komisch“, begann Antonia sofort. Sie überschlug ihre langen Beine und betrachtete ihre knallroten Fingernägel. An einer Stelle war etwas vom Nagellack abgeblättert. Das musste vorhin passiert sein, als sie an einem der Ordner zugange gewesen war. Mist! Wie sieht das denn aus?, fragte sie sich besorgt.

„Ich glaube, sie hält sich für etwas Besseres“, begann nun auch Theodora. „Heute Morgen habe ich ihr gesagt, dass sie sich beeilen soll, damit sie an dem Call teilnehmen kann. Aber was hat die feine Dame gemacht? Sie war ewig in der Küche verschwunden und dann kam Tommy zu ihr und hat ihr eine Tasse Kaffee gebracht! Was hältst du davon?“

Antonia blickte von ihren Nägeln nach oben und kniff die Augen zusammen. „Wie bitte? Tommy hat ihr einen Kaffee gebracht?“

Theodora nickte zustimmend. „Bestimmt denkt sie, dass sie hier besonders schnell vorankommt, wenn sie sich diesen Evans krallt!“

Antonia war für einen Moment sprachlos. Das konnte nicht wahr sein. Tommy hatte ihr noch nie einen Kaffee gebracht. „Diese Schlampe!“ Sie war entsetzt und hatte deshalb auch nicht bemerkt, dass Patricia und Max bereits zurückgekommen waren.

„Was ist denn hier schon wieder los?“, wollte Max wissen.

Theodora stieß sich mit ihrem Fuß von der Wand ab, um wieder aufrecht zu stehen. „Das geht dich überhaupt nichts an! Misch dich nicht in unsere Angelegenheiten ein!“ Sie wandte sich wieder an Antonia: „Bis nachher, Süße! Wir sehen uns in der Pause.“

***

Valentina stand vor der Tür des Konferenzraums ‚Maintower‘. Sie blickte sich um und las ‚Trianon‘, ‚Pollux‘, ‚Tower 185‘ und ‚Nextower‘. Alle Räume waren nach Frankfurter Hochhäusern benannt. Auf dem Maintower gab es eine wunderschöne Aussichtsplattform in der sechsundfünfzigsten Etage, dachte sie. Dort hatte sie schon öfter ihre Sonntagnachmittage verbracht, aber das spielte jetzt überhaupt keine Rolle.

Sie wollte das Meeting endlich hinter sich bringen. Vielleicht würde es gar nicht so schlimm werden. Sebastian hatte sie gerade angerufen, um ihr zu sagen, dass er sich verspätete. Sie hatte sich deshalb allein zu den Konferenzräumen in der elften Etage begeben. Sie holte noch einmal tief Luft, bevor sie an die Tür klopfte. Kurz darauf trat sie ein. Sie war erleichtert, denn es war noch niemand da. Sie legte ihre Sachen ab und schaute sich um. Durch die riesigen Glasfenster, die bis zum Boden reichten, hatte sie eine traumhafte Sicht über die Stadt.

Als wenig später die Tür aufging, schrak sie kurz zusammen. Ein grauhaariger, älterer Mann kam herein. Er telefonierte, weshalb er Valentina nur freundlich zunickte. Clemens Wolkert.

Valentina holte Getränke und Gläser von einem Sideboard. Sie überlegte, noch einen Kaffee zu trinken, entschied sich aber dagegen. Koffein machte sie zwar munter, aber bei zu hoher Dosierung auch nervös und das war das Letzte, das sie jetzt gebrauchen konnte. Schließlich nahm sie Platz und ging noch einmal die Unterlagen durch. Im Groben hatte sie verstanden, worum es ging. Ab und zu warf sie einen unauffälligen Blick zu Clemens Wolkert. Er sah genauso aus wie auf dem Foto, das auf der Stina-Homepage veröffentlicht war.

Es klopfte an der Tür. Kurz darauf trat Tommy ein, begrüßte Wolkert mit einem Kopfnicken und steuerte auf den Tisch zu, an dem Valentina saß.

„Sebastian verspätet sich noch etwas. Ich habe ihn gerade unten getroffen.“ Er griff nach einem Glas. „Magst du auch ein Wasser?“

„Ja, gerne. Hat er gesagt, wie lange es ungefähr noch dauert?“

Tommy befüllte zwei Gläser, drehte die Flasche wieder zu und reichte Valentina ein Glas. „Wir sollen ohne ihn anfangen. Das schaffen wir schon!“

Ohne Sebastian anfangen? Er hat kein einziges Mal mit mir darüber gesprochen. Natürlich hatte er gestern gesagt, dass es darum ginge, dass sie den Finanzbereich übernehmen soll und dass es daher Sinn machen würde, ein Meeting mit Tommy, dem Teamleiter, anzusetzen, damit man sich kennenlernen und ein paar Dinge besprechen könnte. Heute Morgen hieß es plötzlich, dass unverhofft auch Clemens Wolkert am Meeting teilnehmen würde, um sich ein aktuelles Bild zu machen. Sebastian hatte ihr eine Präsentation geschickt, die sie sich anschauen sollte und die, wie sie danach festgestellt hatte, wenig mit dem ursprünglichen Gedanken, man trifft sich unverbindlich und tauscht sich aus, zu tun hatte. Denn es ging in der Präsentation um eine neue Software, die kurzfristig eingeführt werden sollte.

Sebastian hätte wenigstens heute Morgen, als er in meinem Büro stand, kurz mit mir darüber sprechen können, ärgerte sich Valentina. Obwohl sie nun ein paar Zahlen und Fakten aus der Präsentation kannte, würde sie nicht viel dazu beitragen können. Dann hörte sie eben nur zu und würde Tommy das Reden überlassen.

„Guten Morgen zusammen“, riss Wolkert sie aus ihren Gedanken. „Sorry für die Verzögerung! Das war ein wichtiger Anruf. Ich bin Clemens Wolkert.“

Valentina war aufgestanden und er war um den Tisch herum auf sie zugegangen, um ihr die Hand zu geben. „Herzlich willkommen bei Stina, Frau Adelsberger!“

„Guten Tag, Herr Wolkert! Vielen Dank!“, antwortete Valentina kurz.

„Wo ist Sebastian?“, wollte Wolkert wissen.

„Ihm ist etwas Wichtiges dazwischengekommen. Wir sollen schon anfangen. Er kommt später nach“, antwortete Tommy.

Wolkert lief zum Sideboard und schenkte sich einen Kaffee ein. Mit seiner gefüllten Tasse kam er anschließend zurück. „Gut, kein Problem! Frau Adelsberger wird seinen Teil übernehmen.“

Valentina wurde immer nervöser. Welchen Teil sollte sie übernehmen? Sie wusste doch selbst nicht genau, worum es hier ging.

Improvisieren. Improvisieren. Improvisieren, rief sie sich erneut ins Gedächtnis. Sie packte das, redete sie sich gut zu.

„Dann fangen wir an! Wollen Sie direkt loslegen, Frau Adelsberger?“

Valentina schaute ihn irritiert an. Sie fühlte sich wie in einem falschen Film.

„Ich fange besser an“, hörte sie Tommys rettende Worte. „Frau Adelsberger hatte gestern ihren ersten Arbeitstag. Sie hatte noch keine Gelegenheit, so viel über uns zu erfahren.“

„In einem Tag kann man viel lernen, wenn man effizient arbeitet. Aber gut, dann fangen Sie an, Herr Evans.“

„Wir haben uns folgenden zeitlichen Ablaufplan für die Einführung der neuen Software überlegt.“ Tommy stand auf und ging auf das Flipchart zu. „Offizieller Start ist der erste Mai. Wir werden bis dahin sämtliche Analysen abschließen. Ich muss zugeben, dass das sehr knapp wird. Mit der aktuellen Besetzung und dem sowieso bereits sehr hohen Arbeitsumfang wird das kaum zu schaffen sein, aber dafür ist ja nun Frau Adelsberger hier.“ Er lächelte sie kurz an.

Okay, ich soll also neues Personal für die Umsetzung dieses Projektes rekrutieren. Es ist Anfang März, das kann ich rechtzeitig schaffen.

„Mit Stand heute kann ich sagen, dass wir alles aus unserem alten System auch in der neuen Software abbilden können. Das neue Finanzmodul verfügt darüber hinaus über unzählige Berichtsfunktionen, die wir bisher nicht hatten und die uns sehr nützlich sein werden. Wir werden einen großen Sprung in den Bereichen Kreditoren und Reisekosten machen und die aktuellen Prozesse deutlich verbessern und beschleunigen können. Uns wird eine Testdatenbank zur Verfügung gestellt. Diese sollte dann von einem ausgewählten Mitarbeiterkreis bis ins kleinste Detail geprüft werden. Zum einen schulen wir diese Mitarbeiter damit bereits im Umgang mit der neuen Software und zum anderen können wir die letzten Fehlerquellen ausräumen und vor allem die Praktikabilität testen. Das sollte bis Ende Juni abgeschlossen sein.“

Tommy zog mit einem blauen Flipchartmarker eine Linie, markierte am Anfang der Linie einen dicken Punkt, über den er den 1.5. schrieb. Einen zweiten Punkt betitelte er mit dem 30.6.

„Danach werden alle bestehenden Daten konvertiert und in die neue Software übertragen. Im Anschluss müssen erneut Tests gemacht werden. Ich bin mir sicher, dass das nicht reibungslos ablaufen wird. Das ist unmöglich, denke ich! Die offizielle Live-Schaltung sollte zum ersten August erfolgen. Ein Großteil der Außendienstmitarbeiter muss anschließend geschult werden, damit sie wissen, wie sie zukünftig ihre Spesen abrechnen können. Und meine Mitarbeiter müssen wiederum in der Bearbeitung der Eingangsrechnungen geschult werden. Das Ganze muss bis Ende September erfolgt sein, also unbedingt vor Beginn der Geschäftsplanung für 2020 und vorm Jahresabschluss.“

Er ergänzte die beiden Daten, den 1.8. und 30.9., schloss den Marker und drehte sich zu Valentina und Clemens Wolkert um. Sie hatten ihm aufmerksam zugehört.

„Das ist ein straffes Programm, Herr Evans! Sie müssen bedenken, dass jede Softwareeinführung mit unerwarteten und vor allem nicht immer sofort lösbaren Problemen verbunden ist. Glauben Sie mir, ich habe schon einige Einführungen begleitet. Der Zeitplan klingt aber erstmal vernünftig. Feinheiten müssten wir gegebenenfalls nochmals abstimmen. Letztendlich bleibt uns aber sowieso nichts anderes übrig, denn die Entscheidung ist längst gefallen und es geht nur noch um die Umsetzung. Allerdings darf der Jahresabschluss auf keinen Fall gefährdet werden! Sie wissen, Herr Evans, was das für uns sonst bedeuten würde! Frau Adelsberger, nun sind Sie gefragt! Ich würde gerne das Konzept der Personalabteilung hören, was geplant ist, wie wir Engpässe überbrücken und das Bestandspersonal mit weiteren Fachkräften aufstocken, welche Kosten auf uns zukommen und wie die Umsetzung erfolgen soll.“

Valentina schluckte. Hatte sie gestern irgendwann einen wichtigen Teil verpasst? Wann hatte Sebastian auch nur eine einzige Silbe hiervon erwähnt? Sie verstand die Welt nicht mehr. Sebastian hatte mit Sicherheit bereits ein Konzept ausgearbeitet. Sie konnte sich nicht irgendetwas aus den Fingern saugen, wovon Sebastian gar nichts wusste. Doch sie wollte Clemens Wolkert auch nicht antworten, dass sie völlig umsonst hier gesessen und von all dem keine Ahnung hatte. Das wäre ihr auch vor Tommy unangenehm. Sie musste sich daher zusammenreißen und versuchen, so pragmatisch wie möglich an die Sache heranzugehen. Sie holte noch einmal tief Luft, bevor sie schließlich loslegte.

„Als allererstes würde ich mir gerne einen Überblick darüber verschaffen, welche Mitarbeiter in welchen Teilbereichen arbeiten und wie die tatsächlichen Kapazitäten sind. Im Anschluss daran sollten wir Mitarbeitergespräche führen und die Karten gegebenenfalls neu mischen, das heißt, manche Mitarbeiter vielleicht in anderen Bereichen einsetzen, unter Berücksichtigung ihrer Qualifikationen und Präferenzen. Dann sollten wir die besten Mitarbeiter auswählen, die das Kernteam bilden, von dem Herr Evans gesprochen hat. Ich denke, dass wir uns hierbei nicht nur auf die fachlichen Qualifikationen stützen, sondern eventuell auch eignungsdiagnostische Verfahren in Betracht ziehen sollten, um die Mitarbeiter mit den idealen Verhaltenstendenzen herauszufiltern.“

Valentina bemerkte die fragenden Blicke der beiden und reagierte prompt mit einer Erklärung. „Jede Position ist anders und nicht jeder Mitarbeiter ist für jede Tätigkeit geeignet. Das ist völlig normal. Ich glaube, dass wir für dieses Projekt Mitarbeiter benötigen, die sachlich an Aufgaben herangehen, ganz klare Strukturen zum Arbeiten brauchen, gerne Vorgegebenes akkurat abarbeiten und sich an Regeln halten. Was wir für dieses Projekt nicht brauchen, sind Mitarbeiter, die lieber im Mittelpunkt stehen und ihre Ziele über die Steuerung und Beeinflussung anderer oder über ihre Dominanz erreichen wollen. Das sind Menschen, die zum Beispiel für Vertriebs- oder Verkaufspositionen geeignet sind, aber eben nicht für die Einführung einer standardisierten Software. Mit einem bestimmten Testverfahren können wir die geeigneten Mitarbeiter aus dem Team dafür herausfiltern.“

Sie blickte zu Clemens Wolkert, der nun nickte. Er schien verstanden zu haben, worauf sie hinauswollte. Auch Tommy sah so aus, als ob er keine Fragen dazu hatte. Valentina war während des Redens aufgestanden und hatte sich ans Flipchart gestellt. Eigentlich mochte sie es nicht, zu sehr im Mittelpunkt zu stehen, aber sie hatte es für angebracht gehalten, wie Tommy nach vorne zu gehen. Sie bemerkte, wie er sie die ganze Zeit konzentriert anschaute.

„Wichtig dabei ist, dass diese Mitarbeiter klare Ansagen und eine starke Führung bekommen. Menschen mit den beschriebenen Verhaltenstendenzen brauchen das, um gut arbeiten zu können. Außerdem müssen wir sie unterstützen, sei es mithilfe von Unterlagen oder Sonstigem. Da wir den Test sowieso mit allen Mitarbeitern machen müssten, können wir die Ergebnisse daraus auch gleichzeitig für eine Neuausrichtung des Teams nutzen, um alle Mitarbeiter mittelfristig effizienter einzusetzen. Je nachdem, wo dann Vakanzen entstehen, können wir später entscheiden, ob wir das Team dauerhaft durch feste Neueinstellungen erweitern oder über Interimsmanagement eine Übergangslösung schaffen.“

Valentina war damit für ihren Teil fertig. Sie hatte versucht, so allgemeingültige Aussagen wie möglich zu treffen, um nicht Sebastians Konzept, sollte er überhaupt eines haben, in irgendeiner Weise zu widersprechen.

Clemens Wolkert kratzte sich am Kinn, während Valentina zurück an ihren Platz ging. „Das hört sich sehr durchdacht an, Frau Adelsberger! Ihr Konzept gefällt mir! Sie sind gerade erst einen Tag an Bord und können daher sicher noch keine konkreten Zahlen vorlegen, aber Sie werden diese in den nächsten Tagen mit Herrn Evans ausarbeiten und mir bitte zukommen lassen.“

Tommy schaute zu Valentina und zwinkerte ihr zu.

„Das sollten wir hinbekommen, Herr Wolkert“, antwortete er ihm darauf.

***

„Es war gut, dass du dich an mich gewandt hast. Ich werde der Sache auf jeden Fall nachgehen!“

„Danke, Sebastian! Normalerweise ist es nicht meine Art, Kollegen zu verpfeifen, aber das kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Holger tut mir in der Hinsicht einfach leid!“

„Du brauchst dir keine Gedanken zu machen! Wir dulden kein Mobbing in unserer Firma. Das ist ganz klar und ich werde daher auch unsere Compliance-Abteilung involvieren.“

Sebastian schaute auf seine Uhr. Es war viertel nach elf. Das Meeting lief seit knapp einer Stunde. Er dachte an Valentina und hatte ein schlechtes Gewissen, weil er sie so unvorbereitet dorthin geschickt hatte. Das konnte nicht gut für sie gelaufen sein, war er sich sicher. Sie hatte schließlich nur einen Blick auf die Präsentation werfen können und von ihm keine weiteren Infos erhalten. Kein guter Start für sie. Und daran war allein er schuld.

Das war nicht so geplant gewesen, aber Alexander Reindl aus der Abteilung Customer Care hatte unverhofft ein Gespräch mit ihm erbeten. Da es wichtig geklungen hatte, hatte er es kurzfristig dazwischengeschoben. Dummerweise hatte es sich nun in die Länge gezogen, denn es waren dabei einige unschöne Erkenntnisse zum Vorschein gekommen. Ein richtiger Compliance-Fall, den Sebastian nicht so hinnehmen durfte und der weitere Untersuchungen erforderte. Holger Baumann, der seit vielen Jahren als Aushilfe in Alexanders Abteilung arbeitete, wurde scheinbar permanent von ein paar Kollegen vorgeführt und schikaniert. Falk Sonnenberg aus der Finanzabteilung schien dafür verantwortlich zu sein, da er ständig andere dazu ermunterte und anstachelte.

„Vielen Dank für deine offenen Worte! Ich habe jetzt einen Termin.“ Sebastian stand auf und suchte seine Unterlagen auf dem Schreibtisch zusammen.

Auch Alexander erhob sich, stellte seinen Stuhl zurück an den Tisch und ging auf die Tür zu. „Holger ist in der Tat ein komischer Kauz, aber es ist nicht fair, ihn so zu behandeln. Er hat es schon schwer genug im Leben.“

Sebastian nickte zustimmend. Er kannte Holger Baumann nicht persönlich, war ihm aber des Öfteren über den Weg gelaufen. Auch Sebastian war es nicht entgangen, dass Holger Baumann neben seinem ungewöhnlichen Kleidungsstil ein seltsames Verhalten an den Tag legte. Er war immer für sich allein, grüßte nie und versuchte, den Kontakt zu anderen möglichst zu meiden.

Wenig später fuhr Sebastian mit dem Fahrstuhl nach oben. Vielleicht konnte er das Ganze noch retten.

Am Konferenzraum angekommen, las er den Schriftzug ‚Maintower‘, klopfte und öffnete die Tür, ohne eine Antwort abzuwarten.

„Hallo zusammen! Bitte entschuldigt, dass ich mich derart verspäte, aber es gab eine wichtige Angelegenheit, die ich nicht schneller lösen konnte. Ein Compliance-Fall“, erklärte er, um seine Entschuldigung glaubhafter zu machen. Er traute sich nicht, Valentina direkt anzuschauen. In seiner Rolle als Chef fühlte er sich ihr gegenüber sehr mies.

„Hallo, Sebastian“, begrüßte ihn Wolkert herzlich. „Schön, dass du noch dazukommst! Ich denke, dass wir so weit alles besprochen haben und auch ein gutes Stück vorangekommen sind. Ich kann dir auf jeden Fall gratulieren! Du hast mal wieder deine Kompetenz unter Beweis gestellt!“

Sebastian wusste nicht, was Wolkert meinte. Das musste er ironisch und mit Sicherheit in Bezug auf Valentina gemeint haben. Nun wagte er es doch, sie anzuschauen. Aus seiner Sicht sah sie nicht mitgenommen aus. Vielleicht war alles gar nicht so schlimm gewesen. „Was meinst du, Clemens?“, hakte er zögerlich nach.

„Die Einstellung von Frau Adelsberger – ein echter Glücksgriff! Sie hat gute Ideen und uns sogar etwas zum Thema Eignungsdiagnostik geschult. Sehr spannend alles! Vielleicht hätte ich mich in meiner eigenen Laufbahn mehr mit Personalthemen beschäftigen sollen“, sagte er scherzhaft.

Sebastian verstand nach wie vor nicht, wovon er sprach, war aber erleichtert, denn scheinbar hatte Valentina die Kurve gekriegt. Eigentlich hätte er sich das auch denken können. Schließlich war er damals selbst nach nur wenigen Minuten in ihrem Vorstellungsgespräch von ihr überzeugt gewesen. Ihm hatte besonders gut gefallen, dass sie sehr professionell auftrat und auf alle Fragen eine Antwort fand. Ihm war klar gewesen, dass man sie gut für Projekte und Präsentationen einsetzen konnte und sie genau die Richtige war, um andere von neuen Ideen zu überzeugen. Wolkert schien das genauso zu sehen und Sebastian war in dem Moment richtig stolz.

„Das kann ich nur bestätigen!“, sagte Sebastian. „Ich bin mir sicher, dass wir mit Valentina einen guten Sprung nach vorne machen werden.“ Nun schaute er erneut zu ihr und lächelte sie an.

Valentina erwiderte sein Lächeln, obwohl sie nicht begeistert war, dass er sie mehr oder weniger ins offene Messer laufen lassen hatte. Sie wollte nicht nachtragend sein. Es war sicherlich keine Absicht gewesen.

„Gut, ich verabschiede mich jetzt. Ich muss zu meinem nächsten Termin.“ Clemens Wolkert schaute zuerst zu Tommy und anschließend zu Valentina. „Wir machen das wie besprochen. Sie stellen bis spätestens Mitte nächster Woche alle Informationen zusammen.“

Sebastian nutzte diesen Moment, um sich eine Tasse Kaffee zu holen.

„Dann wünsche ich allen noch einen schönen Tag! Sebastian, wir telefonieren?“

Sebastian drehte sich zu ihm um, nachdem er gerade drei Würfelzucker in seinen Kaffee geworfen hatte. „Ja klar! Ich melde mich.“

Wolkert verließ daraufhin den Raum und Sebastian kehrte zum Tisch zurück. Es war Zeit für eine Entschuldigung.

„Tut mir leid, Valentina! Das war nicht meine Absicht gewesen, dich so ins kalte Wasser zu werfen.“ Er zog einen Stuhl hervor und nahm Platz.

„Ich habe davon überhaupt nichts gemerkt und Herr Wolkert genauso wenig. Valentina war unglaublich professionell und sie hätte es nicht besser machen können“, lobte Tommy ihre Leistung.

Valentina lächelte. Sie war stolz auf sich, denn anders als ursprünglich vermutet, war das Meeting nun tatsächlich ein voller Erfolg geworden.

„Es war nicht halb so schlimm wie ich am Anfang vermutet hatte, aber es wäre trotzdem super, wenn wir beim nächsten Mal vorher ein paar Dinge besprechen könnten.“

Sebastian war von Valentina beeindruckt. Er dachte an seine anderen Mitarbeiter und hätte es keinem der anderen zugetraut, so etwas heil zu überstehen.

„Wow, du hast alle beeindruckt, Valentina! Das freut mich sehr, denn ich hatte ein ganz schlechtes Gewissen, als ich in dem anderen Termin festgesteckt habe. Wie hast du das gemacht? Ich meine, alles was du zur Verfügung hattest, war die Präsentation und darin waren nicht viele Infos enthalten, eigentlich nur Zahlen.“

Valentina zögerte einen Moment, bevor sie darauf antwortete. „Ich habe einfach das gesagt, was ich aus meiner Sicht für das Beste halte. Jetzt werden wir sehen müssen, was dein eigentliches Konzept beinhaltet und inwiefern das zu meinen Aussagen passt.“

„Darüber brauchst du dir keine Gedanken machen! Ich muss zugeben, dass mein Konzept noch nicht ausgereift war. Von daher freue ich mich, dass du mir die Arbeit abgenommen hast. Könnt ihr mir eine Kurzzusammenfassung geben, was ihr besprochen habt? Ach ja, Tommy, und dann muss ich mit dir über Falk Sonnenberg sprechen. Alexander aus der Customer-Care-Abteilung war bei mir und hat mir nichts Gutes über ihn erzählt.“

Tommy verdrehte die Augen. „Schon wieder Ärger mit ihm? Ich bin gespannt, was er diesmal angestellt hat.“

***

Kurz nach zwölf Uhr kam Valentina in ihr Büro zurück. Theodora war nicht da. Wahrscheinlich war sie bereits in der Pause. Sie ging kurz zur Toilette und schaute anschließend im Nachbarbüro vorbei, aber auch Antonia, Max und Patricia waren nicht da.

Sie sind bestimmt gemeinsam essen gegangen. Sie hätten mich ruhig fragen können, ob ich mitkommen möchte, dachte sie enttäuscht.

Sie verließ daraufhin ebenfalls das Büro, um sich eine Kleinigkeit zu Essen zu besorgen. Großen Hunger hatte sie nicht. Im Foyer des Gebäudes gab es ein paar Geschäfte. In der Bäckerei kaufte sie sich einen Salat. Kurze Zeit später saß sie wieder an ihrem Schreibtisch. Sie wollte am Platz essen und sich währenddessen ihren E-Mails widmen.

Nach etwa zehn Minuten lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück, schob den Salat beiseite und ließ ihren Blick nach draußen schweifen. Ihr Schreibtisch stand direkt am Fenster. Das Wetter war heute größtenteils sonnig und der Ausblick von hier war sehr schön. Nur wenige Meter entfernt stand ein Wohnhaus. Valentina konnte von ihrem Platz aus direkt in die oberste Wohnung schauen. Diese schien sehr groß zu sein und musste sich über die gesamte Etage erstrecken. Die Fassade des Hauses, der Baustil und die bodenlangen Fenster ließen auf eine gewisse Exklusivität schließen.

Irgendwie seltsam, so zu wohnen, dachte sie. Sie würde sich dort vermutlich nicht wohlfühlen, denn Privatsphäre gab es in dieser Wohnung offensichtlich nur, wenn man die Rollläden oder Vorhänge komplett zuzog.

Valentina spähte in die einzelnen Räume. Über mehrere Fenster hinweg erstreckte sich ein sehr geräumiges Wohnzimmer, das in eine offene Küche überging. Die Einrichtung sah ebenfalls sehr hochwertig aus. Wer sich mitten in der Frankfurter Innenstadt eine Wohnung leisten konnte, musste auch Geld haben, schlussfolgerte sie.

Plötzlich tauchte eine Frau auf. Valentina wich sofort zurück. Sie fühlte sich nicht wohl dabei, in die Privatsphäre eines anderen Menschen einzudringen. Es reichte schon, dass sie ihrer Neugier nachgegangen war und sich die Wohnung genauestens angeschaut hatte. Andererseits musste die Bewohnerin damit rechnen, beobachtet zu werden. Schließlich lag es auf der Hand, dass man von mehreren Etagen des Bürogebäudes aus in ihre Wohnung blicken konnte. Und scheinbar hatte sie das nicht daran gehindert, trotzdem dort einzuziehen.

Valentina zögerte einen Moment, rückte dann mit ihrem Stuhl wieder näher ans Fenster und betrachtete die Frau genauer. Diese war groß, schlank und hatte lange blonde Locken. Sie war sehr hübsch, stellte Valentina fest. Die Unbekannte lief hin und her und schien dabei zu telefonieren. Mit ihrer freien Hand fuhr sie sich mehrmals durchs Haar.

Es vergingen ein paar Minuten. Valentina rührte sich nicht von der Stelle und starrte wie gebannt in die Wohnung. Als ob sie erwartete, dass gleich etwas passierte. Auf einmal blieb die Frau am Fenster stehen und schaute direkt in Valentinas Büro. Hatte diese etwa bemerkt, dass sie von ihr beobachtet wurde? Valentina rollte abrupt mit ihrem Stuhl zurück. Sie wollte auf keinen Fall gesehen werden.

Sie nahm ihren Salat und aß noch etwas davon, bevor sie die Schachtel schloss und in den Mülleimer warf. Ihre Mittagspause war damit beendet.

Blick in den Tod

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