Читать книгу Blick in den Tod - Jacky Herrmann - Страница 8

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Es war Montag. Definitiv keiner von Valentinas Lieblingstagen. Doch ihr Wochenende war perfekt gewesen und sie würde noch ein paar Tage von der positiven Energie zehren, die sie daraus gewonnen hatte. Lisa, ihre beste Freundin, war übers Wochenende aus Bonn, wo sie seit etwa einem Jahr wohnte, angereist. Am Freitag hatten sie einen gemütlichen Abend daheim verbracht. Valentina hatte von ihren ersten Eindrücken bei Stina erzählt, von ihrem neuen Chef, ihren Aufgaben und den Kollegen. Die beiden hatten viel gelacht, vor allem als sie Lisa von Theodora berichtet hatte.

„Wie heißt sie? Theodora von Weisenau? Der Name passt gut zu dem, was du mir bisher erzählt hast.“ Lisa war aufgestanden und hatte versucht, Theodora nachzuäffen – so, wie sie sich Theodora eben vorstellte. „Guten Tag! Mein Name ist Theodora von Weisenau.“ Sie hatte Valentina ihre rechte Hand vor die Nase gehalten. „Bitte küssen Sie mich zur Begrüßung! Ich sagte ja bereits, dass ich Theodora von Weisenau bin.“

Valentina hatte sich auf das Spiel eingelassen, denn sie hatte zu dem Zeitpunkt bereits drei Gläser Wein getrunken. „Aber natürlich, meine Teuerste! Ich küsse gerne Ihre Hand. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Antonia, und zwar Antonia Schumann – ohne von und zu.“ Sie hatte sich vor Lisa verbeugt. „Bitte passen Sie auf meine Nägel auf! Die sind frisch lackiert und ich habe Angst, dass etwas passiert, wenn Sie meine Hand zu fest drücken“, hatte sie weiter herumgeblödelt und versucht, nun für ihren Part Antonia nachzumachen.

Die beiden hatten sich anschließend lachend aufs Sofa geworfen und weiter an ihren Weingläsern genippt.

„Und wer ist dieser Tommy, den du vorhin erwähnt hast?“, hatte Lisa wissen wollen.

Valentina liebte ihre Freundin für ihre Art, immer aufmerksam zuzuhören und sich für jede Kleinigkeit von ihr zu interessieren. Die beiden hatten keine Geheimnisse voreinander, sie kannten sich schon mehr als zwanzig Jahre. Selbst die räumliche Distanz, die sie nun seit einem Jahr voneinander trennte, änderte nichts an der Vertrautheit zwischen ihnen.

„Dir entgeht nichts! Tommy ist der Teamleiter der Finanzabteilung. Ich bearbeite mit ihm dieses Projekt, von dem ich dir erzählt habe“, hatte Valentina ihr zunächst ganz objektiv erklärt.

Doch Lisa kannte ihre Freundin gut und hatte bereits geahnt, dass mehr dahinterstecken musste. „Und wie ist er so?“, hatte sie deshalb weiter nachgebohrt.

Schließlich war Valentina mit der Sprache herausgerückt. Sie hatte ihr erzählt, wie sie ihn kennengelernt hatte, von ihren verschiedenen Begegnungen, dem Meeting am Freitag und zuletzt auch von der Wirkung, die er auf sie hatte.

Die beiden waren an dem Abend spät ins Bett gegangen. Am Samstag waren sie erst shoppen und abends in einer Bar gewesen. Sonntagnachmittag hatte Valentina ihre Freundin zum Bahnhof gebracht und sich schweren Herzens von ihr verabschiedet. Valentina hatte den Sonntag dann auf ihrer Couch ausklingen lassen.

Und nun ging die neue Woche los – eine Woche, in der sie viel Zeit mit Tommy verbringen musste. Sie wollte sich Lisas Rat zu Herzen nehmen und etwas lockerer an die Sache herangehen. Sie war gespannt, wie sie es umsetzen würde.

***

„Das ist sehr ärgerlich, Tommy! Meinst du nicht, dass du noch etwas bewirken könntest, wenn du mit den beiden sprichst?“, fragte Sebastian.

Tommy schüttelte den Kopf. „Nein, die Entscheidungen stehen fest. Ich habe bereits mit ihnen gesprochen. Sie sind nicht mehr umzustimmen.“

„Wir sollten gleich Valentina Bescheid sagen“, schlug Sebastian vor.

„Ja, das ist eine gute Idee!“

Sebastian griff zum Telefonhörer und wählte Valentinas Durchwahl. „Guten Morgen, Valentina! Kannst du bitte kurz in mein Büro kommen?“

Einen Moment später kam sie zur Tür herein und war überrascht, Tommy hier anzutreffen. Sie wurde sofort wieder nervös. „Guten Morgen“, begrüßte sie die beiden freundlich. Sie vermied es, Tommy direkt anzuschauen.

„Nehmt doch bitte Platz“, sagte Sebastian und deutete auf die zwei Stühle, die an dem kleinen Tisch vor seinem Schreibtisch standen. Tommy war die ganze Zeit hin- und hergelaufen, was Sebastian nervös gemacht hatte.

„Die Woche fängt leider nicht gut an. Tommy hat mir gerade mitgeteilt, dass zwei seiner Mitarbeiter soeben ihre Kündigung eingereicht haben“, fuhr Sebastian fort, nachdem sich die beiden gesetzt hatten.

„Ausgerechnet Klaus und Christian“, ergänzte Tommy.

„Oh nein! Das sind in der Tat schlechte Nachrichten zum Montagmorgen. Haben sie gesagt, warum sie kündigen?“

„Sie haben beide ein besseres Angebot erhalten. Mehr wollten sie nicht sagen. Das wird nicht der einzige Grund sein. Ich glaube, dass sie sich hier schon länger nicht mehr wohlfühlen und das Schlimme daran ist, dass ich es sogar verstehen kann. Ich habe bereits versucht, sie zu überzeugen, ihre Entscheidung nochmals zu überdenken, aber erfolglos“, erklärte Tommy.

Valentina schaute ihn nun doch an. Er sah ziemlich mitgenommen aus, stellte sie fest. „Zu wann haben sie gekündigt?“, wollte sie schließlich wissen.

„Ende April.“

„Valentina, du müsstest dich bitte dringend um die Nachbesetzungen kümmern!“, schaltete sich Sebastian wieder ein. „Ich denke, du weißt mittlerweile, wie brenzlig die Situation in Tommys Abteilung momentan ist und wie wichtig es daher ist, für Stabilität zu sorgen. Die beiden werden sicherlich noch Resturlaub haben und vermutlich schon ab Mitte April weg sein. Wir müssen unbedingt sicherstellen, dass das nicht zu Lasten der anderen Mitarbeiter geht und idealerweise schon Anfang April zwei neue Mitarbeiter anfangen.“

„Alles klar!“ Valentina nickte und warf Tommy ein zaghaftes Lächeln zu. Sie würde sich mit vollem Einsatz um die Nachbesetzungen kümmern. „Ich werde eine Anzeige schalten und einen Headhunter beauftragen.“

„Am besten stimmt ihr euch bezüglich der Stellenanforderungen kurz ab“, schlug Sebastian vor.

Tommy stand auf. „Hast du gleich Zeit dafür, Valentina?“ Er stützte sich mit beiden Händen auf der Stuhllehne ab und sah Valentina mit seinen blauen Augen, die heute etwas traurig wirkten, fragend an.

„Natürlich! Je schneller, umso besser!“

Sie stand ebenfalls auf und verließ gemeinsam mit Tommy Sebastians Büro.

***

Läuft! Montagmorgen neun Uhr dreißig und ich sitze schon wieder in Tommys Büro.

Valentina hatte wie vergangenen Freitag auf demselben Stuhl Platz genommen und wartete nun etwas ungeduldig darauf, dass Tommy zurückkam. Er wollte ein paar Unterlagen holen, die er in einem der Schränke im Flur eingeschlossen hatte.

„Das war die letzte Ausschreibung, die wir für die Position von Christian gemacht hatten. Ihr habt das sicherlich auch alles bei euch, aber ich habe meine eigene Ablage, damit ich den Überblick nicht verliere.“ Er lächelte sie an, doch Valentina entging nicht, dass es nur ein gequältes Lächeln war.

„Es tut mir leid, Tommy!“ Sie wusste nicht, ob Mitleid angebracht war, aber es war zumindest das, was sie in dem Moment empfand.

„Wir haben schon schwierigere Zeiten überstanden. Das schaffen wir auch noch“, versuchte er, das Ganze abzutun.

Die beiden besprachen den Inhalt der Stellenanzeige und die weitere Vorgehensweise. Valentina sagte Tommy nochmals zu, dass sie sich umgehend darum kümmern und ihm bereits im Laufe des Tages ein erstes Feedback geben würde. Normalerweise hatten Headhunter immer genügend Kandidaten in ihrer Datenbank, die auch kurzfristig für Termine verfügbar waren. Sie hoffte, dass sie schnell jemanden finden würden. Sie vereinbarten auch, dass sie gemeinsam die Vorstellungsgespräche führen würden.

Valentina ging halb elf in ihr Büro zurück, wo sie Tobi und Theodora an ihren Schreibtischen vorfand.

Tobi lächelte ihr zu, als sie den Raum betrat. „Hey, sag mal, hast du eigentlich für Donnerstag auch zugesagt?“, fragte er sie.

„Was genau meinst du?“

„Na den Marathon“, antwortete ihr Theodora darauf. „Liest du etwa nicht deine Mails?“

Was ist das schon wieder für eine dämliche Frage? So langsam reichte es Valentina. Immer diese Sticheleien von Theodora. Lisa hatte sie am Wochenende bestärkt, sich nicht alles von ihr gefallen zu lassen. Da sie sowieso gerade nicht in der besten Stimmung war, war das doch ein guter Zeitpunkt, endlich etwas zu ihr zu sagen. „Theodora, ganz ehrlich, deine Launen nerven mich! Wir kennen uns noch nicht lange und ich suche auch keinen Streit, aber dein Verhalten geht mir tierisch auf den Keks! Und das an einem Montagmorgen! Ich lese meine Mails schon, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen! Und dein ständiges unterschwelliges Kritisieren kannst du dir auch sparen!“ Wow! Das tat gut!

Valentina lief hinter Theodora vorbei zu ihrem Platz und hob die Tastensperre an ihrem PC auf. „Ich muss noch darüber nachdenken, Tobi. Ich glaube, ich werde nicht beim Marathon mitlaufen, aber zur Abendveranstaltung kommen“, beantwortete sie ihm seine Frage.

Sie würdigte Theodora keines Blickes mehr und wunderte sich insgeheim, dass diese überhaupt nichts gekontert hatte. Dass sie ihre Kritik so schweigend hinnahm, hatte sie nicht erwartet.

Tobi lachte nur still vor sich hin. Er war froh, dass er endlich Verstärkung hatte.

***

„Hi, Roberto!“ Sarah hatte die Tür wie immer nur leicht bekleidet geöffnet. Sie trug eine Hot Pants und ein sehr knappes Top. Es war nicht das passende Wetter für diese Kleidung, aber in ihrer Wohnung war es warm und sie konnte zu viel Stoff, der ihre schöne Haut und ihren großartigen Körper unnötig verdeckte, nicht ertragen.

„Hallo, Sarah! Ich habe wieder zwei Lieferungen für dich. Einmal von Erotic Dreams“, las er vom Etikett des ersten Pakets vor, „und einmal von Schnell. Hier!“ Er hielt ihr das Scangerät hin, auf dem sie unterschreiben musste.

„Super, dass das heute schon kommt!“ Sie lächelte ihn an. „Magst du auf ein Getränk reinkommen?“

Roberto überlegte einen Moment. Er kam fast täglich zu Sarah, um ihr diverse Pakete auszuliefern und sie hatte ihn schon öfter auf einen Drink eingeladen. Das machte sonst niemand. Eigentlich würde er nicht auf solche Angebote eingehen. Aber bei Sarah war das anders. Sie war genau sein Typ. Außerdem war er Single und flirtete gerne. Er fragte sich, worauf sie aus war, denn mehr als ein Getränk wurde es nie. Er hatte die Hoffnung allerdings noch nicht aufgegeben, dass sie eines Tages wild über ihn herfallen würde. Zumindest hatte er den Eindruck, dass Sarah diese Art von Frau war. Sie war immer halbnackt und flirtete offensiv mit ihm. Außerdem bestellte sie ständig bei diversen Erotikversandhäusern. Das bekam er schließlich mit.

„Na gut, ein Drink! Ich habe sowieso gleich meine Mittagspause. Die kann ich auch bei dir verbringen.“ Er streifte seine Schuhe ab und trat ein. „Wow! Es ist ziemlich heiß hier bei dir!“ Er zwinkerte ihr zu, denn er meinte das zweideutig.

„Zieh dich ruhig aus, Roberto! Das mache ich auch immer. Ich mag es, wenn es hier warm ist und ich nackt durch die Wohnung laufen kann.“

Puh, was für ein heißes Gerät, schoss es Roberto durch den Kopf. Er war Italiener und liebte es, mit Frauen zu flirten, aber er war nicht der klassische Aufreißer, der sofort alles flachlegen musste.

Er zog nur seine Jacke aus und hängte sie fein säuberlich an die Garderobe. Er fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, leicht bekleidet hier herumzulaufen, wo er doch genau wusste, dass die Mitarbeiter von Stina gegenüber in die Wohnung schauen konnten und dies bei jeder Gelegenheit auch taten. Er hatte des Öfteren mit dem einen oder anderen Mitarbeiter darüber gesprochen.

Sarah war bereits ins Wohnzimmer gegangen und hatte auf der Couch, die in der Nähe des Fensters stand, Platz genommen.

Roberto war ihr kurz darauf gefolgt und hatte sich auf den Ledersessel schräg gegenüber gesetzt. „Und, wie geht es dir so?“, fragte er sie.

„Sehr gut! Trinkst du einen Gin Tonic mit mir?“

Normalerweise trank er mittags keinen Alkohol, schließlich hatte er noch mehr als sechs Stunden Arbeit vor sich. Aber er wollte auch nicht ablehnen und nahm das Angebot daher aus Höflichkeit an. „Ja, gerne! Brauchst du Hilfe?“

„Nein! Ich bin gleich wieder da. Mach es dir gemütlich!“

Sie stand auf und ging sehr nah an ihm vorbei. Dabei streifte sie mit ihren nackten Beinen seinen Arm, der von der Lehne locker herunterhing.

Während er auf Sarah wartete, schaute er sich um. Er hatte schon öfter auf diesem Sessel gesessen und sich umgesehen. Die Einrichtung faszinierte ihn jedes Mal aufs Neue. Alles sah sehr edel und teuer aus. Das könnte er sich niemals leisten. Immerhin verdiente er als Paketzusteller nur einen Hungerlohn. Wände, Möbel, Teppiche und Gardinen waren sehr hell gehalten. Es gab nur zwei Farbtupfer. Eine große Glaslampe, die in einem zartem Roséton von der Decke hing, und ein Wandbild, das einen tiefroten Sonnenuntergang zeigte. Die anderen Räume hatte er noch nie gesehen, er vermutete aber, dass diese ähnlich geschmackvoll eingerichtet waren.

Was Sarah wohl monatlich hierfür bezahlte, fragte er sich gerade, als sie mit zwei Gläsern in der Hand zurückkam.

„Hier, bitte schön!“ Sie hielt ihm ein Glas hin und wartete darauf, dass er es entgegennahm, um mit ihm anzustoßen. „Zum Wohl!“, sagte sie schließlich.“

„Danke! Du hast es gut mit mir gemeint!“ Roberto deutete auf die Größe des Glases. „Ich muss aufpassen! Ich habe noch eine längere Tour vor mir.“

„Ach, das packst du schon! Die Mischung ist nicht so stark. Außerdem bist du groß und muskulös genug, dass dich das nicht gleich umhauen wird“, antwortete sie ihm, während sie wieder auf die Couch zusteuerte. Sie bückte sich, um die Sofakissen zurechtzurücken und streckte ihm dabei ihren halbnackten Hintern zu.

„Mannaggia! Dio mio…“, murmelte er vor sich hin. Wenn er nervös wurde, wechselte er automatisch ins Italienische. Er atmete tief ein. Anschließend trank er einen großen Schluck seines Gin Tonics.

„Was sagtest du?“, hakte Sarah nach, nachdem sie Platz genommen und ihre Beine auf die Couch gelegt hatte. Mit ihrer freien Hand streichelte sie sich mehrfach über ihre Knie.

„Nichts weiter!“, erwiderte er rasch.

Sarah leckte sich daraufhin über die Lippen, was Roberto nicht entging.

„Dein Leben spielt sich hauptsächlich in dieser Wohnung ab, oder?“, fragte er kurzerhand. Er wollte sich mit einem Gespräch von ihren Reizen ablenken.

„Ja, zum größten Teil, aber es gefällt mir. Ich langweile mich hier nie.“

„Womit verdienst du dein Geld, wenn du den ganzen Tag zuhause bist? Oder musst du gar nicht arbeiten?“

Sie lachte. „Oh doch, ich muss schon arbeiten, aber ich mache das von hier aus. Ich bin Webcam-Girl.“

Roberto war überrascht. Er hatte zwar damit gerechnet, dass sie im Home-Office arbeitete, aber nicht, dass sie diesen Job machte. Er hatte selbst ab und zu im Internet nicht jugendfreie Filme angeschaut und war dabei auch auf diverse Seiten gestoßen, die diese Dienstleistung anboten, aber er hatte es nie ausprobiert. Dafür würde er sein Geld nicht ausgeben wollen, zumal er auf Sex in natura und nicht per Videokamera stand.

Sarah bemerkte, dass er überrascht darüber war und fuhr daher fort. „Damit kann man verdammt viel Geld verdienen, wenn man es richtig anstellt! Mir macht das großen Spaß. Es liegt in meiner Natur und ich wäre ziemlich blöd, wenn ich das nicht zu Geld machen würde.“ Sie zuckte mit den Schultern und nippte an ihrem Gin Tonic.

„Ja, klar! Das muss jeder für sich entscheiden. Wenn dir das Spaß macht, warum nicht. Ich hätte nur nicht gedacht, dass man sich damit seinen kompletten Lebensunterhalt finanzieren kann.“

„Wie gesagt, wenn man es richtig anstellt, kann man sogar reich damit werden. Die Sexbranche ist die älteste Branche der Welt. Damit wird man immer Geld verdienen, weil Menschen immer Sex haben werden. Aber meistens reicht mir der Cyber-Sex nicht aus. Ich brauche auch echte Männer. Die bestelle ich mir dann hierher.“ Sie spreizte nun leicht ihre Beine und zwinkerte ihm zu.

Er fragte sich, was sie vorhatte, warum sie ihm Alkohol gab und ihn so unmissverständlich anbaggerte. Vielleicht sollte heute sein Glückstag sein.

***

„Kann ich kurz mit dir reden, Valentina?“ Falk Sonnenberg stand in der Tür und hielt einen Zettel in der Hand.

Valentina ahnte bereits, dass es das Abmahnungsschreiben war, das sie noch im Laufe des Vormittags an Tommy übergeben hatte. „Klar! Lass uns rüber ins Büro gehen!“

Am Ende des Ganges befand sich ein unbesetztes Einzelbüro, das sie für kurze Meetings oder vertrauliche Gespräche nutzten.

Falk nickte ihr zu und lief bereits los. Valentina folgte ihm kommentarlos.

Kurz nachdem sie das Zimmer betreten und die Tür hinter sich geschlossen hatten, schoss Falk direkt los. „Ganz ehrlich, Valentina, ich verstehe das nicht!“ Er übergab ihr das Schreiben und sie warf einen kurzen Blick darauf. Es war die Abmahnung.

„Falk, da kann ich nichts machen. Du hast gegen Tommys Anweisungen verstoßen und wir können das nicht ignorieren“, versuchte sie, ihm sachlich zu erklären.

Falk hatte sich auf die Tischkante gesetzt und die Arme vor der Brust verschränkt. Er stand direkt unter der Lampe. Seine rötlichen Haare wirkten in dem grellen Neonlicht noch röter als sonst.

„Kannst du nicht ein gutes Wort für mich einlegen?“

Seine Tonlage hatte sich verändert und Valentina dachte für einen Moment an die unangenehme Situation mit ihm in der Küche zurück. Da hatte er genauso gesprochen.

„Nein, tut mir leid, Falk! Ich sehe das wie Tommy. Man muss dich in die Schranken weisen. Ich werde dazu nichts anderes mehr sagen!“

„Du bist ganz schön hart, Süße!“

„Es reicht, Falk!“ Valentina drehte sich um und war gerade dabei, die Tür zu öffnen, um den Raum zu verlassen, als Falk vom Tisch sprang und mit seiner Hand die halb geöffnete Tür wieder zustieß.

Valentina drehte sich sofort zu ihm um und schrie ihn an. „Was soll das? Lass mich in Ruhe, Falk!“

„Ach komm schon, ich weiß, dass du das auch willst! Das habe ich gespürt, als wir uns das erste Mal getroffen haben. Du stehst doch auf mich!“

Er kam Valentina, die mit dem Rücken an die Tür lehnte, immer näher und versuchte, sie zu küssen. Noch bevor er sie aber berühren konnte, stieß sie ihn heftig weg und riss die Tür auf.

„Das wird Konsequenzen für dich haben! Damit hast du eindeutig eine Grenze überschritten!“

Er rief ihr laut „Bitch“ hinterher und schlug die Tür von innen zu.

***

Valentina war unmittelbar zu Sebastian gegangen und hatte ihm alles erzählt. Es gab zwar keine Zeugen, aber für ihn war klar, dass sich Valentina das nicht ausgedacht hatte.

„Es wird schwierig, das zu beweisen. Schließlich steht Aussage gegen Aussage. Du hast mittlerweile selbst mitbekommen, wie Falk drauf ist. Daher weiß ich nicht, wie wir damit umgehen sollen.“

„Ja, ich weiß. Aber wir müssen etwas unternehmen! Das war eine Form von sexueller Belästigung, was sogar eine fristloste Kündigung rechtfertigen würde. Ich will keine Schlammschlacht mit ihm. Am Ende ist nichts passiert, aber ich traue ihm einiges zu. Er glaubt scheinbar, dass er hier Sonderrechte hätte.“

„Tommy wird nicht begeistert sein, wenn er das hört. Er hat schon lange genug von ihm. Ich habe letztens schon gemeint, dass wir das Ganze beenden sollten. So teuer wird das nicht. Das Risiko sollten wir eingehen.“

Valentina nickte. In dem Moment klopfte es an der Tür.

„Herein“, sagte Sebastian daraufhin.

Es war Falk Sonnenberg. „Habt ihr einen Moment für mich?“

Sebastian nickte und Falk trat ins Büro.

„Ich wollte mich entschuldigen, Valentina! Es war nicht meine Absicht, mich so danebenzubenehmen. Es ist nur der ganze Stress in unserer Abteilung momentan, dann der Fehler, der mir mit dem Finanzamt passiert ist und nun noch die Abmahnung. Das ist keine Entschuldigung dafür, aber irgendwie sind mir die Sicherungen durchgegangen.“

Er schaute geknickt zu Boden, doch Valentina nahm ihm das nicht ab. Es wirkte gekünstelt auf sie.

„Falk, was sollen wir dazu noch sagen? Du hast definitiv eine Grenze überschritten und das ist nicht mehr rückgängig zu machen. Du musst die Konsequenzen dafür tragen. Das steht fest!“, antwortete ihm Sebastian kühl darauf.

„Was heißt das? Schmeißt ihr mich raus?“

„Wir werden darüber nachdenken. Auf jeden Fall werden wir Tommy informieren und da er die Verantwortung hat, wird er es schließlich entscheiden müssen.“

„Verstehe! Dann werde ich schon mal meinen Anwalt informieren. Ich werde den Job hier nicht einfach sausen und mich von euch rausekeln lassen!“ Falk drehte sich um und verließ ohne ein weiteres Wort das Büro.

Valentina und Sebastian schauten sich entsetzt an.

„Er hat sie doch nicht alle“, sagte Sebastian daraufhin. „Kannst du bitte Tommy holen? Jetzt reicht es mir! Das sollten wir uns nicht gefallen lassen!“

Nachdem Sebastian Tommy wenig später den genauen Vorfall erklärt hatte, sprang dieser wütend vom Stuhl hoch. „Ich fasse es nicht! Er hat dich angefasst?“, richtete er das Wort an Valentina.

„Nein, dazu kam es nicht. Er hat mich nur angemacht und wollte mir näherkommen, aber ich konnte vorher verschwinden. Es ist nichts passiert.“

„Der Typ spinnt doch! Ich könnte ausrasten und würde ihm am liebsten eine dafür knallen!“ Tommy konnte seine Wut kaum zurückhalten.

Valentina ging auf ihn zu und versuchte, ihn zu beruhigen, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte. „Hey, wie gesagt, es ist nichts passiert. Es geht nur darum, dass wir das nicht länger dulden dürfen. Wenn er so etwas bei mir macht, macht er das sicherlich auch bei anderen Kolleginnen. Nur traut sich vielleicht niemand, den Mund aufzumachen. Schon bei meiner ersten Begegnung mit ihm ist mir seine unangenehme Art aufgefallen. Er hat damals schon versucht, mit mir zu flirten und das auf eine schmierige Weise.“

„Er soll bloß seine ekelhaften Finger von dir lassen!“

„Tommy, wir müssen ihn rausschmeißen, und zwar sofort“, mischte sich Sebastian jetzt wieder ein. „Er hat zwar mit seinem Anwalt gedroht, aber das können wir uns nicht gefallen lassen. Ich schlage vor, dass wir ihm fristlos kündigen und ihn nach Hause schicken.“

***

„Dieser Sonnenberg ist absolut daneben! Ich finde es gut, dass Tommy das durchzieht.“

Valentina stand mit Tobi am Fahrstuhl. Sie waren auf dem Weg zum Thai, um dort mit anderen Kollegen, die Valentina noch nicht kannte, zum Mittag zu essen. Da auch Theodora schon mit Antonia in die Pause gegangen war, hatte Valentina bereits im Büro angefangen, Tobi zu erzählen, was im Laufe des Vormittags mit Falk abgelaufen war und dass sie ihm soeben die fristlose Kündigung übergeben hatten.

„Er ist ein widerlicher Typ!“, meinte Valentina. „Ich bin gespannt, wie das ausgeht.“

„Immerhin ist Tommy ihn endlich los. Soweit ich weiß, war er mittlerweile untragbar geworden.“

Das Signal ertönte und die beiden stiegen in den Fahrstuhl ein.

„Wohin genau gehen wir eigentlich?“, wollte Valentina wissen. Sie warf einen kurzen prüfenden Blick in den Spiegel, der im Fahrstuhl angebracht war, und zupfte ihre Haare zurecht.

„Ins ‚my Wok‘. Das ist fünf Minuten von hier entfernt. Die anderen sind schon dort. Ich bin immer froh, bei uns rauszukommen und mal andere Gesichter zu sehen.“

Tobi lächelte ihr zu, während sie aus dem Fahrstuhl stiegen und die Rolltreppe zum Ausgang hinunterfuhren.

„Ich bin auf Donnerstagabend gespannt. Meinst du, dass viele kommen werden?“, fragte Valentina.

„Es haben sich etwa zwanzig Läufer angemeldet. Abends kommen natürlich mehr, ich schätze so um die hundert.“

„Wow, so viele! Eigentlich ist es genial, wenn ein Unternehmen so groß ist. Nur muss man eben Möglichkeiten haben, auch mit den anderen in Kontakt zu kommen. Es ist sicher spannend für Max, Patricia und Theodora, die anderen Bereiche zu betreuen. Dadurch erfahren sie viel mehr über das eigentliche Kerngeschäft als ich mit dem Supportbereich.“

„Das kommt noch. Das wirst du sehen. Außerdem wirst du später sicher Bereiche von Max oder Patricia übernehmen.“

„Das wäre großartig! Dann hätte ich etwas mehr Abwechslung. Nicht, dass du das falsch verstehst! Ich komme sehr gut mit Tommy klar und es könnte nicht besser sein. Die Arbeit mit ihm macht mir großen Spaß.“ Sie biss sich auf die Zunge, bevor sie anfing, noch weiter von ihm zu schwärmen.

„Tommy ist super! Ich mag ihn. Er hat es nicht immer leicht. Wolfgang Habig, sein Chef, hält sich aus allem raus. Tommy ist für das meiste allein verantwortlich. Naja, und dann gibt es eben noch Frauen wie Antonia, die ihm das Leben nicht unbedingt einfacher machen.“

„Gibt es noch mehr Frauen davon?“

Tobi schaute Valentina an. Sie überquerten gerade die Fußgängerampel. Er legte seine Stirn in Falten. „Ja, da gibt es einige, die ein Auge auf ihn geworfen haben. Aber er ist ja auch ein attraktiver Typ.“

„Das stimmt! Man kann nicht verleugnen, dass er gut aussieht“, bestätigte Valentina und versuchte, dabei so emotionslos wie möglich zu klingen.

„Das Problem ist nur, dass man es damit nicht immer leicht hat. In der Vergangenheit gab es schon die eine oder andere Geschichte, die nicht so schön für ihn war.“

„Was ist passiert?“, wollte Valentina wissen.

„Ich weiß nicht, ob ich das erzählen soll.“ Tobi blickte nachdenklich zu Valentina. Früher oder später würde sie es vermutlich sowieso erfahren, denn es gab immer noch Kollegen, die diese alte Geschichte ab und zu wieder hervorkramten und neu auflegten. „Es ist schon länger her. Damals ging lange das Gerücht rum, dass er eine Affäre mit einer Kollegin aus dem Marketing hätte. Es wurden permanent Storys darüber verbreitet, zum Beispiel, dass sie Sex im Kopierraum hatten und nur solches Zeug eben.“

„Und das stimmte auch alles?“

„Nein, das war genau der Knackpunkt! Diese Tussi war krankhaft in ihn verliebt und hat das nur herumerzählt. Zumindest kam das am Ende heraus.“

„Konnte man das denn wenigstens beweisen?“

„Es gab sehr eindeutige Hinweise. Die Polizei war sogar involviert, weil er Anzeige gegen sie erstattet hat und letztlich sogar ein Kontaktverbot erwirken konnte.“

„Und diese Mitarbeiterin arbeitet nicht mehr hier, nehme ich an?“

„Richtig! Rosalie Haberkorn hieß sie. Sie ist kurz danach selbst gegangen. So etwas bleibt trotzdem ewig in den Köpfen der Leute hängen. Aber man muss sagen, dass das Management hinter ihm stand, vor allem Wolfgang, sein Chef. Und Tommy ist eine starke Persönlichkeit; ihn haut nichts so leicht um. Er hätte auch alles hinschmeißen und sich einen neuen Job suchen können, aber das wollte er nicht. Er ist ein Kämpfer. Seit dieser Geschichte ist er vorsichtig. Vor allem jetzt, wo auch Antonia so auf ihn abfährt.“

„Das tut mir leid für ihn.“ Valentina erinnerte sich an Tommys Worte heute Morgen, dass er hier schon viel Schlimmeres überstanden hatte. Vielleicht hatte er diese Geschichte damit gemeint. „Du glaubst also, dass an der Sache nichts dran war?“

„Ja, definitiv! Er hat das nicht nötig. Und er ist aus meiner Sicht auch nicht der Typ, der im Büro irgendwelche Affären hat.“

„Ist er nicht verheiratet?“ Valentina hoffte insgeheim, dass ihre Frage nicht auffällig klang.

„Nein, ist er nicht. So, da ist das Lokal! Ich sehe die anderen schon.“

***

„Hallo! Ich bin Valentina.“

Während Tobi seine Jacke auszog und Platz nahm, ging Valentina um den Tisch herum und gab jedem die Hand.

In dem Restaurant war es laut und voll. Man merkte, dass es das Mittagsgeschäft war. Die meisten Besucher kamen vermutlich ebenfalls aus einem der umliegenden Büros. Sie trugen Anzüge oder Kostüme und waren in kleineren Gruppen unterwegs. Wahrscheinlich ebenfalls Kollegen, die zusammen essen gingen.

„Herzlich willkommen bei uns“, begrüßte Martina Valentina freundlich. „Du kannst dich gerne neben mich setzen. Der Platz ist noch frei.“

„Gerne!“ Valentina legte ebenfalls ihre Sachen ab. „Bestellt ihr von der Karte oder nehmt ihr das Buffet?“, fragte sie anschließend in die Runde.

„Ganz unterschiedlich. Alex ist gerade am Buffet.“ Martina zeigte auf einen jungen, blondhaarigen Mann, der sich nicht weit von ihnen entfernt an der aufgebauten Theke seinen Teller volllud. „Ich selbst werde mir nur etwas Vegetarisches von der Karte bestellen.“

„Ich kann dir das Mittagsmenü empfehlen“, schlug Roland vor. „Es gibt immer eine Tagesempfehlung, die günstiger als der Rest ist.“

„Nein, du solltest lieber das Buffet testen! Da kannst du von allem etwas probieren. Das ist sehr lecker!“, riet Tobi ihr, nachdem er seine Getränkebestellung beim Kellner aufgegeben hatte.

Sie waren eine Gruppe von insgesamt sechs Leuten. Die vier Kollegen, die Valentina noch nicht kannte, schienen auf den ersten Blick alle sehr nett zu sein. Martina Engel und Alexander Reindl waren Sachbearbeiter im Bereich Customer Care. Sie waren für den telefonischen Verkauf von Stina-Produkten, die Neukundengewinnung und Bestandskundenbindung verantwortlich. Roland Schäfer war im Außendienst als Apothekenreferent tätig. Er war viel unterwegs, betreute und beriet die Apotheken in einem festgelegten Gebiet im Umkreis, war für die Umsetzung von Marketingstrategien und verkaufsfördernden Maßnahmen sowie die Durchführung von Verkaufsaktionen zuständig. David Stern war Azubi, er machte im Bereich von Martina und Alexander eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement. Valentina war froh, dass Tobi sie mitgenommen hatte.

„Und, wie war deine erste Zeit bisher? Gefällt es dir bei Stina?“, fragte Martina, als Valentina mit ihrer Vorspeise vom Buffet zurückkam.

Valentina faltete ihre Serviette auseinander und legte sie auf ihren Schoß. „Es ist erst meine zweite Woche, aber bisher fühle ich mich sehr wohl. Ich bereue meine Entscheidung auf jeden Fall nicht.“

Sie nahm ihre Gabel und wollte gerade mit dem Essen beginnen, als Alexander in das Gespräch der beiden einstieg. „Wo warst du vorher?“ Er hatte schon fast seinen ersten Teller geleert.

„Bei einer englischen Bank im Personalbereich. Nach all den Jahren dort war es Zeit für eine Veränderung.“

„Tobi hat uns schon erzählt, dass du den Finanzbereich betreust“, sagte Martina daraufhin.

„Ja, genau! Und zum Glück sitze ich mit Tobi auch in einem Büro!“ Sie zwinkerte ihm zu.

„Er ist der Einzige, mit dem wir aus dem Personalbereich zu tun haben. Die anderen kenne ich kaum“, bemerkte Roland.

„Es freut uns auf jeden Fall, dich kennenzulernen! Vielleicht kommst du ab jetzt öfter mit uns zum Essen“, ergänzte Martina.

„Sehr gerne! Die ersten Tage waren nicht so schön. Jeder macht sein eigenes Ding bei uns und ich war froh, dass Tobi offener ist und mich heute mitgenommen hat.“

Valentina begann schließlich zu essen und hörte währenddessen den anderen bei ihren Gesprächen zu. Sie sprachen von ein paar Kollegen, deren Namen ihr bislang nichts sagten, von ihren vergangenen Wochenenden und von der Veranstaltung am Donnerstag. Valentina sagte ihnen zu, dass sie abends mit dabei sein würde.

Als Alexander das Thema plötzlich auf die Frau in der Wohnung gegenüber brachte, war Valentina überrascht, dass es noch andere Kollegen bei Stina gab, die diese fremde Frau ebenfalls regelmäßig beobachteten.

„Das ist wie in einer Seifenoper und auch eines unserer Lieblingsthemen bei Tisch“, stellte Alexander fest.

Alle in der Runde lachten.

„Ich habe heute Vormittag Roberto bei ihr gesehen und werde ihn bei nächster Gelegenheit fragen, was er dort gemacht hat“, erklärte Tobi.

„Liegen eure Büros auch auf der Seite zu ihrer Wohnung?“, wollte Valentina wissen.

„Mein Schreibtisch steht direkt am Fenster. Ich kann gar nicht anders, als ab und zu dorthin zu schauen. Diese Frau provoziert es regelrecht“, versuchte sich Alexander zu rechtfertigen.

„Hast du eigentlich mitbekommen, was Tobi am Freitag beobachtet hat?“, wollte Alexander von Roland wissen. „Du warst doch an dem Tag nicht im Büro.“

„Nein, bisher noch nicht. Was denn?“ fragte er neugierig und blickte zu Tobi.

Dieser schüttelte zunächst nur seinen Kopf und verdrehte die Augen, da er gerade eine Frühlingsrolle verspeiste und nicht sprechen konnte. „Da habt ihr alle etwas verpasst!“, erklärte er schließlich. „Sie stand tatsächlich am offenen Fenster und hat ihre Brüste blankgezogen.“

„Ehrlich? Da bin ich einen Tag nicht da und mir entgeht sowas!“, sagte Roland enttäuscht.

Martina schüttelte den Kopf. „Typisch Männer! Immer habt ihr nur das Eine im Kopf! Mein Schreibtisch steht zum Glück auf der anderen Seite“, wandte sie sich an Valentina. „Und mir reicht es schon, dass ich mittags ständig diese Geschichten hören muss.“

„Es ist normalerweise auch nicht meine Art, mich in das Privatleben anderer Leute einzumischen“, sagte Valentina, „aber diese Frau ist wirklich seltsam und ich kann nicht leugnen, dass ich auch schon den einen oder anderen Blick in ihre Wohnung geworfen habe.“

„Am krassesten fand ich bisher, dass unser Freak einmal dort war“ meldete sich nun erstmals David zu Wort. Er hatte bislang die ganze Zeit nur schweigend sein Essen genossen. Das Thema mit der Frau schien ihn jetzt auch zu interessieren.

„Stimmt, das habe ich dir noch gar nicht erzählt, Valentina“, sagte Tobi daraufhin.

„Wie heißt er gleich nochmal?“, fragte Roland.

„Holger Baumann“, antwortete Alexander. „Der arme Kerl tut mir leid. Er ist bei uns in der Abteilung als Aushilfe tätig“, erklärte er Valentina. „Naja, und er ist tatsächlich speziell, wohnt mit siebenunddreißig Jahren noch bei seiner Mutter. Aber eigentlich kommen wir ganz gut mit ihm aus, oder Martina?“

„Er macht zumindest die Aufgaben, die wir ihm geben, gut. In der Hinsicht kann man sich nicht über ihn beschweren. Er spricht nur kaum und sein ganzes Auftreten ist schon komisch, aber mich stört das nicht weiter.“

Bei Valentina fiel in dem Moment der Groschen. Holger Baumann musste der Mitarbeiter sein, den Falk Sonnenberg gemobbt hatte. Sebastian hatte ihr davon erzählt.

„Aber trotzdem frage ich mich, was er bei dieser Frau getrieben hat“, mischte sich Tobi wieder in das Gespräch ein. „Meine Vermutung ist immer noch, dass sie eine Professionelle ist.“

„Tobi, bitte!“, ermahnte Martina ihn und warf ihm einen bösen Blick zu.

„Was denn? Ständig sind irgendwelche Typen bei ihr, sie läuft immer halbnackt herum und steht total darauf, dass man sie dabei beobachtet. Was soll man denn da anderes denken?“

***

„Morgen haben wir die ersten beiden Vorstellungsgespräche.“ Valentina hielt Tommy einen Stapel Papiere hin. „Ich habe dir die Unterlagen ausgedruckt.“

Tommy stand auf und nahm sie entgegen. „Danke, setz dich doch bitte!“

Sie gingen gemeinsam zu der kleinen Sitzecke in seinem Büro und nahmen wie gewohnt dort Platz.

„Das ging ja schnell! Wie möchtest du die Gesprächsaufteilung machen? Soll ich anfangen und etwas zum Unternehmen, zur Abteilung und zur Stelle sagen und du übernimmst im Anschluss den Personalteil?“

„Das klingt nach einem guten Plan!“

„Sehr schön! Ich kann es nur immer wieder sagen, ich bin froh, dass ich dich als Unterstützung habe!“

Er lächelte sie an und Valentina hatte den Eindruck, dass sein Lächeln mittlerweile nicht mehr so gequält wie heute Morgen war. Insgesamt sah er wieder entspannter aus.

„Es ist auch einiges passiert in der kurzen Zeit, die ich gerade mal hier bin.“

„Das mit Falk tut mir leid! Ich wünschte, das wäre nicht passiert. Er ist ein Arsch! Sorry, ich weiß, dass ich mich als Führungskraft nicht so ausdrücken sollte, aber der Kerl hat mich mit seiner Aktion auf die Palme gebracht. Ich will nicht, dass dich jemand dumm anmacht oder dir irgendwie nahekommt, wenn du es nicht willst!“

Tommy blickte zu Boden und Valentina bewunderte seine langen, dichten Wimpern. Sie dachte an die Geschichte, die ihr Tobi vor dem Mittagessen erzählt hatte und konnte sich gut vorstellen, wie sehr Tommy damals darunter gelitten haben musste. Vielleicht hatte er anfangs sogar eine Affäre mit dieser Kollegin gehabt und das Ganze war irgendwann eskaliert. Seit sie vom Mittagessen zurückgekommen war, hatte sie immer wieder mit dem Gedanken gespielt, sich die alte Personalakte von dieser Rosalie herauszusuchen. Sie wollte sich ein konkretes Bild machen. Doch sie wusste, dass es nicht rechtens wäre, die persönlichen Daten eines Menschen zu durchleuchten, nur, weil sie neugierig war. Vielleicht würde Tommy ihr irgendwann davon erzählen. Sie wollte mehr über ihn erfahren und wissen, wer er wirklich war.

„Ich habe übrigens einen Plan für die Mitarbeitergespräche aufgestellt. Den schicke ich dir nachher per Mail“, konzentrierte sie sich wieder auf das Gespräch.

„Wir wollten das diese Woche alles durchziehen und jetzt kamen blöderweise die Kündigungen dazwischen.“

„Das kriegen wir hin!“, meinte Valentina. „Für mich macht es keinen Unterschied, ob wir zwei oder wegen Falk nun gleich drei neue Mitarbeiter suchen. Wenn du mir weiterhin die Verantwortung überlässt, dass ich die Kandidaten auswähle, die zum Erstgespräch kommen, solltest du auf jeden Fall weniger Arbeit haben, damit du dich auf deine anderen Sachen konzentrieren kannst.“

„Ich vertraue dir da blind!“, antwortete Tommy.

„Sag mir einfach, wenn ich dich noch anderweitig unterstützen kann, okay?“

„Das ist lieb von dir, aber du machst schon mehr als ich erwarten würde. Wir haben übrigens die Freigabe für die Kosten bekommen.“

„Super! Wenigstens eine gute Nachricht für heute.“

Blick in den Tod

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