Читать книгу Blick in den Tod - Jacky Herrmann - Страница 6
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Der Wind fauchte heftig. Valentina hatte sich nach dem Losfahren geärgert, wieder das Fahrrad genommen zu haben, denn sie kam durch den starken Gegenwind nur langsam voran und musste ordentlich in die Pedale treten.
Egal, schob sie ihre negativen Gedanken beiseite, denn es war Freitag, sie hatte ihre erste Arbeitswoche fast überstanden und das Wochenende nahte.
Heute würde sie endlich Tobias Wanitzek kennenlernen. Sie hoffte, dass die Stimmung mit ihm endlich besser werden würde. Theodora hatte ihr die letzten Tage zwar immer wieder etwas gezeigt und erklärt, aber so richtig warm waren sie nicht miteinander geworden. Sie wusste nicht, woran das lag, denn sie ging offen auf Theodora zu, zeigte Taktgefühl und stellte sich nie zu sehr in den Vordergrund. Bisher war sie immer schnell mit neuen Menschen zurechtgekommen, aber mit Theodora und Antonia gelang ihr das nicht. Antonia schaute sie schon die ganze Woche bei jeder Gelegenheit schief an – zumindest kam es bei Valentina so an. Sie hatte immer noch das Gefühl, dass das mit Tommy zu tun haben musste. Sie konnte es sich nicht erklären.
Ist sie eifersüchtig, weil ich mit ihm zusammenarbeite?
Für sie war das ein Job – nicht mehr und nicht weniger. Man hätte ihr auch eine andere Abteilung übertragen können. Sie würde das genauso professionell machen, wie sie jetzt dieses IT-Projekt bearbeitete. Sie hatte sich vorgenommen, Theodora und Antonia noch etwas Zeit zu geben, damit sie sich an sie gewöhnen konnten. Wenn das alles nichts half, wollte sie sich die beiden in einer ruhigen Minute schnappen und sie offen darauf ansprechen. Valentina hatte es nicht nötig, sich bei anderen einzuschleimen, aber sie wollte zumindest auf professioneller Ebene mit allen gut klarkommen. Immerhin verbrachte man die meiste Zeit gemeinsam im Büro.
Heute würde sie sich erneut mit Tommy zusammensetzen und die ersten Ergebnisse mit ihm besprechen. Sie hatte es in den letzten Tagen tatsächlich geschafft, alle Lebensläufe durchzugehen und die Qualifikationen der Mitarbeiter mit den einzelnen Stellenprofilen abzugleichen. Die Finanzabteilung hatte insgesamt sechsunddreißig Mitarbeiter. Es gab die Bereiche Kreditoren, Debitoren, Reisekosten, Steuern und Controlling. Tommy war Direktor und gleichzeitig Teamleiter. Über ihm gab es hierarchisch gesehen noch den CFO, den Chief Financial Officer, Wolfgang Habig, den sie vor zwei Tagen auch persönlich kennengelernt hatte. Dieser beschäftigte sich jedoch nicht mit Personalthemen, weshalb Tommy die gesamte Verantwortung dafür trug. Valentina hatte sich immer wieder bei dem Gedanken ertappt, auch einen Blick in Tommys Personalakte zu werfen – Zugang dazu hatte sie schließlich – doch sie hatte sich zurückgehalten, denn sie wollte das Privileg, dass sie vom Geburtsdatum über das Gehalt bis zum Familienstand alles über ihn einsehen konnte, nicht für die Befriedigung ihrer Neugier ausnutzen. Sie argumentierte innerlich zwar damit, dass es auch einen Vorteil für ihre Zusammenarbeit hätte, wenn sie mehr über ihn wüsste, aber letztlich war ihr klar, dass das nur eine Ausrede war und sie eher aus persönlichem Interesse mehr über ihn erfahren wollte. Sie wollte nicht unfair sein, denn er konnte sich schließlich auch keine Informationen über sie besorgen. Sie ging zumindest stark davon aus.
Nach etwa zwanzig Minuten Fahrtzeit erreichte Valentina ihr Ziel. Sie stieg vom Fahrrad ab und versuchte, es so fest wie möglich anzuketten, damit es im Laufe des Tages nicht von dem heftigen Wind umgestoßen werden konnte. Sie beugte sich nach unten und warf einen prüfenden Blick auf den Reifen. Seit Dienstag hatte dieser zum Glück nicht mehr aufgemuckt. Auf ihrer Schulter spürte sie plötzlich eine Hand. Sie drehte sich um.
„Oh, guten Morgen, Tommy!“
„Guten Morgen, Valentina! Ich habe dich hoffentlich nicht erschreckt?“
„Nein, keine Sorge!“ Sie lächelte ihn kurz an und machte anschließend ihren Fahrradkorb ab, um ihn mit ins Büro zu nehmen.
„Ist mit deinem Rad alles in Ordnung?“ Er deutete auf den Reifen.
„Ich hatte an meinem zweiten Arbeitstag morgens einen Platten und kam daraufhin direkt zu spät. Jetzt ist aber wieder alles in Ordnung, denke ich.“
„Dann war dein zweiter Arbeitstag eine echte Herausforderung! An dem Tag hatten wir doch das Meeting mit Clemens Wolkert“, stellte er fest.
Die beiden liefen gemeinsam auf den Eingang des Bürogebäudes zu.
„So schlimm war es nicht“, sagte Valentina nüchtern.
Sie liefen durch das Foyer und fuhren anschließend mit der Rolltreppe eine Etage nach oben, um zu den Aufzügen zu gelangen.
„Es bleibt bei unserem Termin heute um vierzehn Uhr, oder?“, wollte Tommy wissen.
„Ja, klar! Ich habe auch schon erste Ergebnisse, die ich mit dir besprechen möchte. Ich denke, da gibt es wirklich Optimierungspotenzial.“
„Ich bin gespannt! Und ich bin übrigens sehr froh, dass du da bist!“ Er lächelte sie an. „Lass uns doch mal essen gehen! Ich sehe dich zur Mittagszeit meist allein in deinem Büro.“
Valentina hielt ihre Chipkarte an das Lesegerät, um den Fahrstuhl zu rufen. Mittagessen mit ihm? Antonia würde ihr sicher den Kopf abreißen. Eigentlich mochte sie es, mittags mit Kollegen rauszugehen und sich über andere Themen außerhalb der Arbeit zu unterhalten, aber mit ihm allein wollte sie nicht essen gehen. Sie ging nicht weiter darauf ein. „Ja, das stimmt. Theodora verbringt ihre Pause immer mit Antonia, aber ab heute ist Tobias wieder da.“
„Es ist nicht so leicht mit Theodora, vermute ich?“
Valentina schmunzelte. „Leicht wäre doch auch langweilig, oder?“
Das Signal ertönte, der Fahrstuhl war da. Tommy ließ Valentina zuerst einsteigen. Anschließend drückte er den Knopf für die fünfte Etage. Sie beobachtete ihn dabei und nahm den Duft seines Parfums wahr. Beide schwiegen, was die Situation für Valentina unangenehm machte. Die Fahrt kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Tommy holte nun ebenfalls seine Chipkarte hervor, als sie aus dem Fahrstuhl stiegen, und öffnete damit die Bürotür. Sie gingen beide in dieselbe Richtung, bis Valentina in den Personalbereich abbog und Tommy seinen Weg fortsetzte.
„Bis nachher!“, verabschiedete er sich.
„Bis später, Tommy!“
Es war ein seltsames Gefühl, das sie nicht beschreiben konnte. Tommy hatte eine besondere Wirkung auf sie. Sie mochte seine angenehme Art und seinen natürlichen Charme. Darüber hinaus war er ein verdammt attraktiver Mann – immer gut gekleidet und sehr gepflegt. Antonia hatte sie vor ihm gewarnt. Vielleicht hatte sie genau diese Anziehungskraft gemeint? Vielleicht ging es ihr genauso? Vielleicht ging es allen Frauen hier so? Valentina hatte in den letzten Tagen in der Küche und auf den Gängen verschiedene Kollegen getroffen. Insgesamt saßen hier in der Innenstadt zweihundertfünfzig Mitarbeiter verteilt auf sechs Etagen vom fünften bis zum zehnten Obergeschoss. Sie hatte einige Männer kennengelernt und von all diesen Männern konnte keiner Tommy nur annähernd das Wasser reichen. Sicherlich war das Geschmacksache, aber auch objektiv betrachtet punktete Tommy enorm: mit seiner Größe, seinem vollen dunklen Haar und seiner athletischen Figur. Wenn er kein Jackett trug, konnte man die Konturen seines durchtrainierten Oberkörpers unter seinem Hemd erkennen. Er hatte schöne Augen mit langen dichten Wimpern, lächelte immer, roch sehr gut und seine Haare saßen immer perfekt, als käme er gerade frisch vom Frisör. Sie stellte sich vor, wie er aussah, wenn der Jahresabschluss anstand und er sich nächtelang im Büro herumtrieb. Mit einem Dreitagebart und leicht zerzausten Haaren. Das würde ihm auch gut stehen, ertappte sich Valentina bei dem Gedanken.
Schluss jetzt! Das darf nicht so weitergehen! Wir sind Kollegen und arbeiten zusammen. Mehr darf da niemals sein, ermahnte sie sich, bevor sie ihre Bürotür aufstieß und das Zimmer betrat.
Es war noch niemand da. Sie legte ihre Sachen ab, schaltete den PC an und machte sich auf den Weg in die Küche.
***
Als Valentina wenig später zurückkam, stand ein junger Mann in der Nähe des Druckers.
„Hallo, ich bin Valentina!“, begrüßte sie ihn. Er sah auf den ersten Blick sehr nett aus, trug eine helle Hose und einen dunkelgrauen Pullover.
„Hallo, Valentina! Ich bin Tobi.“
Sie stellte ihren Kaffee ab und reichte ihm die Hand. „Freut mich, dich kennenzulernen! Hattest du einen schönen Urlaub?“
„Ja, sehr schön! Ich war mit ein paar Kumpels auf Ibiza. Und, wie war deine erste Woche bisher?“ Er blickte zu Theodoras Schreibtisch, um nach einem Hinweis zu suchen, ob diese bereits im Büro war, aber ihr PC war noch aus, obwohl es mittlerweile bereits neun war.
„Die Zeit ging schnell vorbei. Ich muss noch das eine oder andere lernen, aber ansonsten bin ich schon gut eingearbeitet, denke ich.“
„Das freut mich! Wenn du Fragen hast, sag Bescheid! Ich mache zwar nur die Lohnbuchhaltung, kenne mich aber trotzdem mit allem gut aus. Theodora, denke ich, wird nicht immer der beste Ansprechpartner sein.“
Valentina überlegte, was sie darauf antworten sollte. Sie war nicht der Typ, der hinter dem Rücken anderer lästerte, aber es schien kein Geheimnis zu sein, dass man mit Theodora nicht auf Anhieb klarkam und diese wenig Initiative zeigte, damit sich neue Kollegen wohlfühlten.
„Die Grundlagen hat sie mir gezeigt. Ich habe ein Projekt bekommen, mit dem ich erstmal beschäftigt bin. Aber wenn etwas ist, frage ich auf jeden Fall!“
„Hast du schon alle anderen kennengelernt?“ Tobias hatte sich mittlerweile hingesetzt und ebenfalls den PC hochgefahren. Er saß Valentina direkt gegenüber und konnte genau wie sie aus dem Fenster blicken.
Während Valentina zu ihrem Platz ging, stieß plötzlich jemand die Tür so heftig auf, dass diese gegen die Wand dahinter knallte. Die beiden schraken kurz zusammen und Valentina verschüttete sogar einen Schluck ihres Kaffees auf den Teppich. Es war Theodora, die völlig abgehetzt aussah.
„Oh, wie habe ich deine stürmischen Begrüßungen vermisst, meine Liebe!“, sagte Tobias ironisch.
„Ach, ich hatte ganz vergessen, dass du heute schon zurück bist. Wer nimmt auch nur bis Donnerstag Urlaub? Total unlogisch für mich…“
Die Stimmung schien blendend zu sein, dachte Valentina, während sie mit einem Tuch versuchte, die Kaffeeflecken vom Teppich wegzuwischen. Anschließend setzte sie sich und begann zu arbeiten. Sie würde sich heute nicht die Laune verderben lassen. Es war Freitag und sie freute sich auf das anstehende Wochenende, das sie mit ihrer besten Freundin verplant hatte.
***
„Falk, das geht so nicht! Du hast dich genau wie alle anderen an die Regeln zu halten! Was meinst du, warum wir wöchentlich ein Teammeeting abhalten, alles im Detail besprechen und anschließend sogar ein Protokoll dazu verschicken?“ Tommy rechnete nicht ernsthaft mit einer Antwort von ihm. Er warf die Zettel, die er in der Hand hielt, wütend auf seinen Schreibtisch, und fuhr fort: „Echt, das ist ein Riesenmist!“
Falk verdrehte die Augen. „Sorry, das war keine Absicht! Pass auf, ich rufe dort an und erkläre denen das. Das kriegen wir schon wieder hin!“
„Nein, das kannst du dir sparen! Ich werde mich selbst darum kümmern! Du weißt genau, dass das Finanzamt keinen Spaß versteht und wir damit in ernste Schwierigkeiten geraten können!“
„Okay, Chef, dann gehe ich wieder an meine Arbeit zurück“, sagte Falk desinteressiert. Er schien den Ernst der Lage nicht verstanden zu haben.
„Nein, warte! Ich will noch ein anderes Thema mit dir besprechen.“
Falk verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Was denn noch?“, fragte er gelangweilt.
„Ich habe gehört, dass du dich völlig danebenbenommen hast. Na, klingelt da etwas bei dir?“
Falk schüttelte seinen Kopf. „Nö, nicht, dass ich wüsste! Mach es nicht so spannend! Ich habe keine Ahnung, worauf du hinauswillst.“
„Holger Baumann.“
Falk fing an zu lachen. „Ach, dieser Freak! Du weißt selbst, wie der drauf ist.“
„Du gibst es also zu?“
„Was gebe ich zu? Ich habe mir einen Spaß mit ihm gemacht. Ich wusste nicht, dass das verboten ist.“
„Gut! Ich hätte mir ja denken können, dass es wenig Sinn macht, mit dir darüber zu sprechen. Die Compliance-Abteilung wird in der Sache auf dich zukommen. Du kannst jetzt gehen!“ Tommy hatte keine Lust mehr, weiter mit ihm zu diskutieren. Es war zwecklos.
„Oh, Mann! Hat mich dieser Vogel tatsächlich angeschwärzt? Ich fasse es nicht! Der wird von mir was zu hören kriegen…“ Er drehte sich um und lief zur Tür.
„Es reicht, Falk! Außer dir wird hier niemand etwas zu hören kriegen! Holger hat dich nicht angeschwärzt. Dein Verhalten war so daneben, dass sich andere Kollegen darüber beschwert haben. Das wird Konsequenzen haben, aber das ist dir scheinbar völlig egal.“
Falk zuckte nur mit den Schultern und drehte sich anschließend noch einmal zu Tommy um. „Was wollt ihr denn machen? Der Typ ist ein Vogel. Allein, wie der aussieht, ist nicht normal. Ich stehe zu dem, was ich über ihn gesagt habe! Fertig!“ Er öffnete die Tür und verabschiedete sich bei Tommy. „Bis später dann!“
Tommy blickte ihm kommentarlos hinterher und seufzte. Das wird nicht mehr lange gutgehen, dachte er. Falk hatte sich in der letzten Zeit verändert. Von seinem Verhalten gegenüber Holger Baumann abgesehen, machte er auch bei seiner Arbeit permanent Fehler, die nicht passieren durften. Er war ein unsympathischer und arroganter Typ. Tommy missfiel besonders die schmierige Art, die Falk Frauen gegenüber an den Tag legte. Wie vor ein paar Tagen in der Küche, erinnerte er sich zurück. Tommy war sich sicher, dass die Situation für Valentina unangenehm gewesen war. Offensichtlich hielt sich Falk für etwas Besseres, nur, weil seine Eltern Geld hatten. Aber selbst hatte er es nicht weit gebracht. Tommy schüttelte ungläubig den Kopf. Er war stinksauer und überlegte, ob Falks Fehlverhalten nicht endlich Konsequenzen haben sollte. Er würde das später mit Valentina besprechen. Sie sollte entscheiden, ob das eine Abmahnung rechtfertigte. Er freute sich auf das Meeting mit ihr. Er hatte sie vom ersten Moment an gemocht – seit er sie das erste Mal am Montag in ihrem Büro begrüßt hatte. Blöderweise war ausgerechnet Antonia bei ihr gewesen. Er war sich sicher, dass diese alles getan hatte, um ihn vor ihr schlecht zu machen, aber er war sich genauso sicher, dass sich Valentina nichts von anderen einreden ließ. Sie würde sich selbst ein Bild machen und ihr eigenes Urteil fällen. Er mochte ihre Art. Sie war sehr umgänglich und gleichzeitig sehr professionell, konnte sich schnell in Dinge einarbeiten und alles, was sie sagte, war durchdacht und hatte Hand und Fuß. Sie war eine starke Persönlichkeit und von dieser Sorte Frau gab es seiner Meinung nach nicht viele. Schade nur, dass sie sich in der Firma und nicht privat kennengerlernt hatten. Er hatte sie bereits zweimal ohne Hintergedanken gefragt, ob sie mit ihm Mittagessen gehen würde und sie war zweimal nicht darauf eingegangen. Ein drittes Mal würde er sie nicht fragen. Vermutlich wollte sie Privates und Berufliches strikt trennen, was absolut nachvollziehbar war. Personaler hatten per se eine etwas isolierte Rolle im Unternehmen. Schließlich mussten sie loyal gegenüber dem Unternehmen sein und alle Entscheidungen mittragen, die für einzelne Mitarbeiter zum Teil nicht schön waren. In solchen Situationen war es besser, weniger freundschaftliche Verhältnisse zu pflegen. Auch die Mitarbeiter waren im Umgang mit der Personalabteilung immer zurückhaltender als mit anderen Kollegen. Diese Rolle war mit Sicherheit nicht immer einfach, stellte er fest.
Er nahm die Unterlagen, die er von Falk Sonnenberg erhalten und auf seinen Tisch geknallt hatte, und wählte eine Nummer. Er wollte die Sache bis zur Mittagspause geklärt haben, damit er danach mit freiem Kopf in das Meeting mit Valentina gehen konnte.
***
Valentina hatte bereits alle E-Mails beantwortet, als es gerade mal kurz nach elf war. Theodora hatte erst gegen zehn Uhr angefangen zu arbeiten, nachdem sie mit Antonia von einem längeren Aufenthalt in der Küche zurückgekehrt war. Seitdem saß sie an ihrem PC, ohne auch nur einen Ton von sich zu geben.
Hat sie einen schlechten Tag oder ist sie sauer auf Tobi oder mich?, fragte sich Valentina.
Auch Tobi hatte sich die ganze Zeit nicht mehr geäußert. Sicherlich versuchte er, die während seines Urlaubs aufgelaufenen E-Mails zu lesen. Sie selbst bekam täglich unzählig viele Mails und wollte gar nicht wissen, was sie nach einem zweiwöchigen Urlaub erwarten würde.
Sie schaute aus dem Fenster, zum allerersten Mal heute. Sie hatte die Wohnung und die Frau gegenüber in den letzten Tagen ganz vergessen. Heute schien niemand dort zu sein. Valentina war froh, denn dann kam sie wenigstens nicht mehr in Versuchung, fremde Menschen neugierig zu beobachten.
Theodora stand plötzlich auf und verließ das Zimmer.
Tobi erhob sich ebenfalls, um Valentina einen Blick über die PCs zuzuwerfen. „Sie ist manchmal sehr anstrengend, aber das hast du sicherlich selbst schon festgestellt“, rief er Valentina zu.
„Ist etwas vorgefallen oder hat sie nur schlechte Laune?“
„Ich denke, es ist eine Mischung aus beidem. Ich hatte ihr vorhin eine Mail weitergeleitet, die ich während meines Urlaubs erhalten habe. Im letzten Monat wurde bei einem Mitarbeiter etwas falsch abgerechnet, was allerdings nicht meine, sondern ihre Schuld war, weil sie vergessen hatte, mir die aktuellen Unterlagen zu geben. Aber keine Sorge! Ich kenne sie schon eine Weile und so ist Theodora eben. Es gibt Tage, an denen es ganz gut mit ihr auszuhalten ist und dann gibt es Tage, an denen sie unerträglich ist. Das wird sich auch nicht ändern. Noch schlimmer ist sie in Kombination mit Antonia – das geht überhaupt nicht! Ich bin froh, dass du jetzt hier bist und ich etwas Abwechslung habe.“
Valentina freute sich, dass es wenigstens einen Kollegen gab, der ihre Anwesenheit scheinbar zu schätzen wusste. Max und Patricia waren zwar auch sehr nett, aber sie hatte bisher nur wenig mit den beiden zu tun gehabt. Sie bedauerte, dass sie nicht mit Tobi, Max und Patricia in einem Büro saß.
„Ich mache mir nicht viel daraus. Ich will mich zwar mit meinen Kollegen verstehen, aber ich kann auch damit leben, wenn wir keine Freundschaften schließen“, sagte Valentina.
In dem Moment bog Theodora gerade wieder um die Ecke ins Büro. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass man sie besser noch in Ruhe lassen und nicht ansprechen sollte.
„Wenn du magst, können wir mittags gerne mal zusammen rausgehen“, schlug Tobi vor. „Ich bin ab und zu mit ein paar Kollegen unterwegs. Wir gehen gerne zum Thai oder Italiener. Du kannst dich gerne anschließen. Die Leute sind alle sehr nett.“
„Gerne! Das klingt super! Ich finde es schade, dass man sonst wenig Möglichkeiten hat, die Kollegen aus den anderen Etagen kennenzulernen.“
„Es ist leider anders als früher. Ich bin seit 2007 dabei und damals waren wir deutlich kleiner. Wir sind mittlerweile stark gewachsen und damit ist alles anonymer und weniger familiär geworden.“
„Wow, seit 2007! Das ist lange! Wie viele Mitarbeiter waren es damals ungefähr?“
„Ich glaube so um die fünfzig. Wir hatten zunächst nur zwei Etagen hier und daher auch mehr Kontakt untereinander.“
„Könntet ihr eure Gespräche für die Mittagspause aufheben? Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn ihr die ganze Zeit redet! Und nicht, dass ihr denkt, dass das jetzt dauerhaft so läuft, dass ihr ständig miteinander quatscht“, unterbrach Theodora die beiden. Sie war aufgestanden und schaute abwechselnd mit bösem Blick zwischen Valentina und Tobi hin und her.
„Von dir lasse ich mir mit Sicherheit nicht den Mund verbieten!“, antwortete Tobi ihr harsch. „Das ist kein Einzelbüro und wenn wir uns unterhalten wollen, dann machen wir das! Wie oft steht deine Antonia hier herum und ihr kichert und redet die ganze Zeit? Bilde dir nicht ein, dass du irgendwelche Sonderrechte hast!“
Valentina hielt sich zurück. Das war ein Streit zwischen den beiden, der nicht erst heute entstanden war. Da musste schon länger etwas im Argen liegen. Schade, dass sie damals nicht das gesamte Team in einem Zweitgespräch kennengelernt hatte. Vielleicht wäre ihre Entscheidung sonst anders ausgefallen. Sebastian hatte vermutlich genau das vermeiden wollen. Auf Dauerstreit hatte sie jedenfalls keinen Bock und so langsam gingen ihr Theodora und Antonia auf die Nerven. Sie war froh, dass die Mittagspause kurz bevorstand und sie anschließend das Meeting mit Tommy hatte. Vielleicht konnte sie dadurch den restlichen Tag diesem Stress aus dem Weg gehen. Und dann kam zum Glück das Wochenende, das hoffentlich die Wogen wieder glätten würde.
Valentina schaute erneut zu der Wohnung gegenüber und war überrascht, als sie die junge Frau wieder am Fenster stehen sah.
Es ist fast Mittagszeit und sie trägt noch einen Morgenmantel. Vielleicht ist sie krank, spekulierte Valentina. Doch es dauerte nicht lange und ihr schlechtes Gewissen meldete sich zurück. Sie verstand selbst nicht, warum sie sich so sehr für diese unbekannte Frau interessierte und nahm sich fest vor, ihre Beobachtungen einzustellen.
***
Valentina saß Tommy gegenüber und schaute ihm in die Augen. Der Blauton seiner Augenfarbe wirkte ungewöhnlich hell.
Ob er Kontaktlinsen trägt?, fragte sie sich.
„Als erstes würde ich gerne mit dir über ein anderes Thema sprechen“, begann er. Er schaute Valentina eindringlich an.
Das machte sie nervös. Warum hat er diese Wirkung auf mich? „Worum geht es?“, wollte sie wissen.
„Falk Sonnenberg.“
Dieser schmierige Typ, den ich an meinem zweiten Arbeitstag in der Küche kennengelernt habe, erinnerte sich Valentina. „Was ist mit ihm?“
„Er hat wieder Mist gebaut und ich würde gerne von dir wissen, ob wir ihn abmahnen sollten. Außerdem würde mich interessieren, wie du ihn nach deiner Auswertung einschätzt.“
Valentina schaute kurz auf die Tabelle, die sie erstellt und ausgedruckt mitgebracht hatte. „Ich bin nicht sonderlich von ihm überzeugt, zumindest auf Basis seines Werdegangs, seiner Erfahrung und Qualifikation.“
„Das deckt sich mit der Realität! Ich halte ihn auch für äußerst ungeeignet. Am Anfang ging es einigermaßen, aber in der letzten Zeit hat er stark nachgelassen. Er ist sehr arrogant, reißt dicke Sprüche und macht nur Fehler. Das ist für mich, die Abteilung und die Firma nicht länger tragbar!“
„Dann sollten wir ihn abmahnen.“
„Das allein bringt uns aber nicht weiter, richtig?“
„Grundsätzlich hängt es davon ab, wie gravierend der Vorfall war. Ich nehme an, dass er nichts gemacht hat, was eine außerordentliche Kündigung rechtfertigt?“
Tommy schüttelte den Kopf. „Nein, ich denke nicht.“
„Eine einzige Abmahnung ist vor Gericht nicht viel wert. Wie lange ist er schon hier?“ Valentina blätterte ihre Zettel durch. „Seit April 2017“, beantwortete sie sich die Frage selbst. „Eventuell können wir uns mit ihm einigen, das Arbeitsverhältnis aufzuheben. Was meinst du, wie er darüber denkt? Er weiß sicher, dass du mit ihm unzufrieden bist.“
„Wie ich ihn einschätze, ist ihm das egal. Ich glaube, er macht den Job nicht wegen des Geldes, sondern nur, um Abwechslung zu haben. Da er sowieso nichts zu befürchten hat, ist es ihm auch scheißegal, dass er Fehler macht. Das ist zumindest meine Theorie.“
„Verstehe! Gut, dann lass uns die Abmahnung schreiben! Falls er sich dasselbe Fehlverhalten nochmals leistet, mahnen wir ihn wieder ab oder kündigen ihm. Was genau ist vorgefallen?“
„Er hat bewusst gegen meine Anweisungen verstoßen. Wir hatten klar festgelegt, dass er dem Finanzamt wichtige Unterlagen bis gestern zusammenstellt. Natürlich hat er die Frist verpasst und bislang nur einen kleinen Teil davon bearbeitet. Das ist kein Spaß mit dem Amt und das weiß er ganz genau!“
Valentina schrieb fleißig mit. Sie wollte alle Details haben, wann er welche Anweisungen in welcher Form von Tommy erhalten hatte, ob er allein dafür verantwortlich gewesen war, wie herausgekommen war, dass er es vermasselt hatte, einfach alles. Nur so konnte sie möglichst rechtssicher die Abmahnung verfassen. Es dauerte eine Weile, bis sie mit dem Thema fürs erste durch waren.
Tommy stand anschließend auf, um Valentina ein Glas Wasser einzuschenken. „Was hast du am Wochenende vor?“, fragte er sie plötzlich etwas Privates.
Die Frage kam völlig unerwartet, weshalb Valentina einen Moment brauchte, um ihm darauf zu antworten. „Ich werde das Wochenende mit meiner besten Freundin verbringen. Ein bisschen shoppen, Samstagabend in einen Club gehen und sonntags nur entspannen.“
Er schaute sie wieder mit seinem eindringlichen Blick an und Valentina wurde es erneut ganz anders.
„Hört sich nach einem guten Plan an!“
Sie nickte. „Was hast du Schönes vor?“ Will ich das wirklich wissen? Wenn ich ehrlich zu mir bin, dann schon, gestand sie sich ein.
„Ich fahre zu einem Freund in den Odenwald. Er hat am Samstag Geburtstag und da gibt es jedes Jahr eine große Party.“
Valentina fragte sich, wie Tommy privat war. Sie würde nur allzu gerne mehr über ihn erfahren, vor allem, ob er eine Freundin hatte. Es war eine gute Gelegenheit, das jetzt herauszufinden. Sie musste nur fragen, ob er allein dorthin fahren würde oder so etwas in der Art. Sie überlegte noch einen Moment, entschied sich dann dagegen. Das alles durfte sie nicht interessieren! Sie musste sich damit abfinden. „Machen wir weiter?“, lenkte sie das Thema wieder auf den eigentlichen Grund ihres Treffens.
„Du redest nicht gerne über Privates mit mir – kann das sein?“, fragte er sie.
Er ist wirklich hartnäckig, stellte sie fest. Sie lächelte ihn an. „Das würde ich so nicht sagen, aber wir haben noch einiges zu besprechen und es ist bereits kurz vor fünfzehn Uhr. Ich hatte nicht vor, heute länger im Büro zu bleiben und es wäre super, wenn wir noch vorm Wochenende ein erstes Zwischenfazit hätten. Sebastian wartet schon auf ein Update von mir.“
„Deine Einstellung gefällt mir! Davon könnten sich meine Mitarbeiter gerne ein Stück abschneiden. Also gut! Was hast du bisher ausgearbeitet?“
Valentina griff nach ihren Unterlagen und übergab Tommy ein paar Seiten davon. Aus Versehen streifte er dabei ihre Hand und sie zuckte kurz zusammen, was ihm nicht entging. Doch sie ließ sich davon nicht verunsichern und begann mit ihren Erklärungen.
„Das ist das, was ich anhand der Personalakten zusammengestellt habe. Aus meiner Sicht gibt es einige hoch qualifizierte Mitarbeiter, die ihr Potential auf ihrer aktuellen Position nicht ausschöpfen, zum Beispiel Dirk Meinhardt, Peter Bauer und Klaus Deider. Wenn sie nur das machen, was in ihrer Stellenbeschreibung steht, könnte ich mir gut vorstellen, dass sie in der Leistung zum Teil sogar absinken, obwohl sie so viel Potential haben.“ Tommy schaute sie fragend an. „Das ist wie mit hochbegabten Kindern. Sie sind teilweise schlecht in der Schule, weil sie unterfordert sind“, versuchte sie, ihm zu erklären. „Und dann gibt es auf der anderen Seite eben Mitarbeiter, die nicht unbedingt für ihre aktuelle Rolle geeignet sind. Wie eben Falk Sonnenberg. Roland Hinz ist der zweite, den ich für nicht ausreichend qualifiziert halte. Hier wäre zu überlegen, was wir mit ihnen machen. Vielleicht müsste man neue Stellen für die beiden schaffen, eben nur mit Tätigkeiten, die sie mit ihrem Wissen abdecken können, aber das können wir ja gleich alles im Detail besprechen. Ich will dir nur noch kurz die dritte Gruppe erklären: diese Mitarbeiter hier“, Valentina zeigte auf die mittlere Spalte in ihrer Übersicht, „sind meiner Meinung nach gut und vor allem ausreichend qualifiziert, allerdings würde ich gerne bei ihnen herausfinden, ob sie auch Spaß an ihren aktuellen Aufgaben haben oder ob man diese gegebenenfalls etwas modifizieren sollte. Und noch etwas ganz Wichtiges: Das ist eine reine Datenauswertung. Eine viel wichtigere Rolle spielt dein persönlicher Eindruck, denn du kennst sie und auch ihr wirkliches Potential. Nur, weil jemand nicht den richtigen Abschluss hat, heißt das noch lange nicht, dass er nicht in der Lage ist, sich über den Job neues Wissen anzueignen. Vielleicht sagst du zum Beispiel, dass Roland Hinz zwar auf dem Papier nicht passt, aber mit seinen Arbeitsergebnissen überzeugt. Ich möchte vermeiden, etwas zu behaupten, was am Ende nicht stimmt! Darüber hinaus ist noch wichtig, was in den Einzelgesprächen mit den Mitarbeitern herauskommt und dann spielt auch der eignungsdiagnostische Test eine große Rolle. In dem Test geht es nicht darum, ob jemand gut oder schlecht ist, sondern, ob derjenige auf die Stelle passt oder nicht. Und wenn jemand nicht auf diese Stelle passt, dann passt er mit Sicherheit auf eine andere. Deshalb will ich nochmal betonen, dass meine Ergebnisse hier“, sie zeigte wieder auf ihre Zettel, „nur ein allererster Teil des Ganzen sind und wir erst ein Endergebnis haben, wenn wir alle Stationen durchlaufen haben.“
Valentina schaute mit ernstem Blick zu Tommy. Sie wollte, dass er das verinnerlichte. Sie hatte ununterbrochen gesprochen und machte nun erstmals eine Pause. Tommy hatte ihr die ganze Zeit aufmerksam zugehört und sie dabei unentwegt beobachtet. Sie hatte versucht, sich nur auf das zu konzentrieren, was sie sagte, und seine Blicke, die sie immer wieder nervös werden ließen, zu ignorieren.
„Nun würde ich gerne deine Meinung dazu hören.“
Tommy nickte, stand auf und zog sein Jackett aus.
Valentina wandte ihren Blick verlegen von ihm ab und kramte in ihren Unterlagen herum.
„Ich finde das sehr beeindruckend“, begann er schließlich, nachdem er sein Jackett über die Stuhllehne gehängt hatte.
Valentina schaute wieder zu ihm hoch. Er stand nun mit seinem weißen Hemd vor ihr, dessen Stoff so dünn war, dass sie seine Muskeln darunter erkennen konnte.
Schließlich nahm er wieder Platz und fuhr fort: „Deine erste Einschätzung trifft den Nagel auf den Kopf! Falk und Roland sind in der Tat die absoluten Low-Performer und genauso kann ich bestätigen, dass Dirk, Peter und Klaus was auf dem Kasten haben. Der Rest spielt im Mittelfeld. Du bist gut, Valentina! Wir machen es so, wie du dir das vorstellst. Ich vertraue dir und möchte, dass wir die Gespräche gemeinsam mit allen Kollegen führen. Können wir nächste Woche damit loslegen?“
Das würde bedeuten, dass sie verdammt viel Zeit mit Tommy verbringen musste. Wie sollte sie das aushalten? „Ja, sicher. Wir sollten meiner Meinung nach mit den Randgruppen anfangen, also mit den über- und unterqualifizierten Mitarbeitern.“
„Wie sollen die Gespräche ablaufen?“
„Als Anlass sollten wir die Softwareeinführung nehmen. Wir müssen prüfen, wo und welche Kapazitäten es gibt und welche Mitarbeiter Interesse daran haben, sich an diesem Projekt zu beteiligen. Im Vorfeld sollten wir ein Profil erstellen, welche Anforderungen jemand erfüllen muss, um Teil des Projektteams zu werden. Nach den Gesprächen müssen wir entscheiden, wen wir für geeignet halten und ob wir mit allen oder nur einem Teil den Test machen.“
„Wir sollten das Geld investieren und den Test mit allen machen, wie du es im Meeting mit Wolkert vorgeschlagen hast. Es geht zwar momentan um das Projekt und das perfekte Team dafür, aber wenn wir schon dabei sind, analysieren wir gleich die gesamte Abteilung. Das kann sich lohnen.“
Valentina stimmte ihm in dieser Hinsicht absolut zu. „Das finde ich klasse, Tommy! Ich bin sicher, dass du enorm davon profitieren wirst, wenn wir die Mitarbeiter gezielt nach ihren Stärken und Schwächen einsetzen. Es gibt in jedem Job unliebsame Aufgaben und es geht nicht darum, dass sich jeder seine Traumstelle kreieren soll und nur die Aufgaben übernimmt, die ihm Spaß machen. Ich bin allerdings der Überzeugung, dass es nichts bringt, jemanden zu etwas zu zwingen, wenn er es einfach nicht gut kann. Warum sollte das nicht ein anderer im Team, der Freude daran hat, übernehmen können? Ich bin der Meinung, dass Jobs mehr Flexibilität bieten müssen und nicht alles nach Schema F ablaufen kann. Wenn wir die Kosten für die Tests aller Mitarbeiter genehmigt bekommen, wäre das fantastisch!“
„Darum werde ich mich kümmern. Was meinst du, wollen wir direkt eine Kostenkalkulation machen?“
„Gute Idee! Ich habe bereits ein bestimmtes Testverfahren ins Auge gefasst.“
Tommy stand wieder auf. „Warte, ich hole meinen Laptop. Dann machen wir das gleich fertig, damit ich es anschließend zur Genehmigung rausschicken kann.“
Valentina beobachtete ihn, wie er zu seinem Schreibtisch lief, den Laptop aus der Dockingstation nahm und zurückkam. Während er das Netzteil anschloss, räumte Valentina die Unterlagen auf dem Tisch beiseite.
„Darf ich dich mal etwas fragen?“
Valentinas Herz schlug sofort wieder schneller. Sie nickte nur.
„Hast du schon öfters solche Projekte gemacht?“
„Bisher vier Mal in einem ähnlichen Umfang wie diesem.“ Sie war erleichtert, dass er nicht wieder ins Private abgedriftet war.
***
Sarah Gruber wohnte seit über einem Jahr in dieser exklusiven Wohnung mitten in der Frankfurter Innenstadt. Sie hatte einhundertfünfzehn Quadratmeter nur für sich allein. Das hätte sie sich früher nicht träumen lassen. Sie bereute keinen einzigen Moment, ihren Job gekündigt zu haben und sich seitdem nur noch ihrem Hobby zu widmen. Endlich konnte sie sich den Luxus leisten, den sie immer haben wollte. Ihre Eltern kamen damit nicht klar und vor allem ihre Mutter verachtete sie für das, was sie tat. Ihr war das allerdings gleichgültig, denn sie lebte ihr eigenes Leben und traf ihre eigenen Entscheidungen. Was ihr Umfeld dachte, interessierte sie sowieso nicht, denn richtige Freunde hatte sie schon lange nicht mehr.
Sie stieg aus der Dusche und trocknete sich ab. Im Spiegel betrachtete sie ihren nackten Körper. Sie sah gut aus, fand sie. Auch die Männer bestätigten ihr das permanent. Es wäre eine Schande, dieses Kapital nicht zu nutzen, um Geld damit zu verdienen.
Sie begann, ihren Körper mit einer Bodylotion einzucremen. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie fertig war. Sie betrachtete noch einmal ihren nun seidig schimmernden Körper im Spiegel, zog sich anschließend wieder ihren Morgenmantel über und griff nach ihren Schminkutensilien. Etwa fünfzehn Minuten später verließ sie komplett gestylt das Badezimmer.
Sie öffnete das Fenster im Wohnzimmer und blickte hinaus. Sie war erst am späten Vormittag aufgestanden und hatte wie immer sehr viel Zeit im Bad verbracht. Der halbe Tag war bereits um.
Zum Glück bestimme ich selbst meine Arbeitszeiten, rief sie sich ins Gedächtnis.
Im gegenüberliegenden Bürogebäude sah sie einen jungen Mann, der sie anscheinend von seinem Schreibtisch aus beobachtete. Sie liebte das. Es gab ihr einen unglaublichen Kick, wenn sie daran dachte, dass andere sie betrachteten. Sie öffnete ihren Morgenmantel, damit ihre Brüste zum Vorschein kamen, und beugte sich über die Fensterbank. Sie spürte seine Blicke auf ihrem Busen, schaute aber kein einziges Mal direkt zu ihm. Anschließend warf sie ihre Haare nach hinten, damit ihr Oberkörper völlig unbedeckt war. Insgeheim stellte sie sich vor, wie der Mann mit Sicherheit gerade erregt wurde. Der Gedanke daran befriedigte sie auf eine seltsame Weise. Als ihr Magen auf einmal heftig knurrte, beendete sie abrupt ihr kleines Spielchen. Sie würde sowieso gleich auf ihre Kosten kommen, wenn sie ihre offizielle Session starten und die Männer dabei um den Verstand bringen würde.
Sie schloss das Fenster, ließ die Vorhänge aber wie gewohnt offen und schaltete sogar das Licht an, damit man noch mehr von ihr sehen konnte. Sie war eine Exhibitionistin, das wusste sie.
***
„Hey, da bist du ja wieder! Wir haben bald Feierabend“, sagte Tobi mit freudiger Stimme.
„Darauf freue ich mich auch! Wie sieht‘s bei dir aus?“
„Ich habe alles ganz entspannt durchgearbeitet. Am Montag kann es dann richtig losgehen.“
„Ist Theodora schon weg?“, wollte Valentina wissen, die bereits wieder an ihren Schreibtisch zurückgegangen war und nun mit fragendem Blick zu Theodoras Schreibtisch schaute.
„Nein, leider nicht. Ich hätte nichts dagegen, sie heute nicht nochmal sehen zu müssen.“
„Ihr versteht euch nicht sonderlich gut, oder?“ Valentina nahm einen Ordner und heftete die Unterlagen von ihrem Meeting darin ab.
„Ach, sie ist anstrengend! Nur, weil sie einen Adelstitel hat, hält sie sich für etwas Besseres. Das ist sie aber nicht! Sie vergisst viel. Dadurch geraten wir immer wieder aneinander, weil ich schließlich von ihrer Arbeit abhängig bin.“ Tobi zögerte kurz. „Ich habe das Gefühl, dass sie genervt ist, weil du jetzt da bist.“
„Das Gefühl habe ich auch! Ich verstehe das nur nicht. Ich nehme ihr doch nichts weg, oder?“
„Nein, sie ist einfach so“, antwortete Tobi nüchtern. „Patricia und Max haben sehr viel zu tun, deutlich mehr als Theodora. Aber sie nörgelt ständig herum, dass sie ihre Arbeit nicht schafft. Das ist absoluter Unsinn!“
„Theodora, Max, Patricia und ich machen denselben Job, nur für unterschiedliche Abteilungen, richtig?“
„Genau! Antonia ist nur die Assistenz. Wir können ihr alle administrativen Arbeiten geben, aber auch sie fährt eine klare Linie und macht keinen Handschlag zu viel.“
„Ich habe auch bei ihr das Gefühl, dass sie mich nicht mag. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das allein etwas mit Theodora zu tun hat.“
Tobias überlegte einen Moment, ob er Valentina schon so viel anvertrauen sollte. Er hatte sie vom ersten Moment an sympathisch gefunden und bisher immer eine gute Menschenkenntnis gehabt. „Ich bin nicht der Typ, der irgendwelche Geschichten herumerzählt, aber ich glaube, sie ist auf dich eifersüchtig, weil du mit Tommy zusammenarbeitest.“
„Eifersüchtig? Lief denn zwischen den beiden etwas?“, fragte Valentina neugierig.
„Das hätte sie gerne! Sie steht auf ihn. Das weiß mittlerweile jeder hier. Sie rennt ihm teilweise richtig hinterher, aber zurzeit tut sie so, als wäre er Luft für sie.“ Tobi fing an zu lachen. „Sorry! Ich will keine schlechte Stimmung bei dir verbreiten und auch nicht lästern, aber das ist manchmal ein richtiger Kindergarten hier und darüber kann ich teilweise nur lachen.“
Antonia ist in Tommy verliebt, wusste ich es doch! Verübeln kann man es ihr nicht, dachte Valentina kurz. „Das erklärt natürlich einiges“, antwortete sie Tobi. Sie stand immer noch an ihrem Schreibtisch und blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Sie wagte erneut einen flüchtigen Blick in die gegenüberliegende Wohnung.
Tobias beobachtete sie dabei. „Du hast sie also auch schon entdeckt?“
Valentina schrak zusammen. Sie fühlte sich ertappt. Sie schaute zu Tobi und fragte: „Was meinst du?“ Noch hoffte sie, dass er auf etwas anderes hinauswollte.
„Die Wohnung dort drüben.“ Er stand ebenfalls auf und ging zum Fenster. „Da wohnt eine seltsame Frau.“
„Wieso seltsam?“, wollte Valentina wissen.
„Normal finde ich ihr Verhalten auf jeden Fall nicht. Vorhin, als du weg warst, kam sie nur mit ihrem Morgenmantel bekleidet ans Fenster und plötzlich hat sie den Mantel aufgemacht und ihre Brüste ungeniert gezeigt. Sie stand eine ganze Weile dort. Sie kann doch nicht so blöd sein und denken, dass niemand sie sehen kann!“
Tobi schien kein Problem damit zu haben, zuzugeben, dass er die Frau beobachtet hatte. Vielleicht war das ein völlig normales menschliches Verhalten. Menschen waren schließlich von Grund auf neugierig und stets daran interessiert zu wissen, was ihre Mitmenschen taten.
„Es war nicht das erste Mal, dass sie so etwas gemacht hat“, ergänzte Tobi, bevor er sich wieder setzte.
„Ich habe die Wohnung auch entdeckt, an meinem zweiten Arbeitstag“, gab Valentina nun zu. Sie blickte zu Tobi. „Ich wollte die Frau nicht beobachten. Normalerweise interessiert es mich nicht, was andere Menschen in ihrem Privatleben treiben, aber irgendwie ist dieser Platz hier so ungünstig, dass man automatisch dorthin schaut.“
„Genauso geht es mir auch! Ich bin weder ein Voyeur noch ein Stalker, aber irgendwie kann man nicht anders.“
Valentina musste lachen. Sie fühlte sich gleich nicht mehr so mies, wo sie nun wusste, dass auch Tobi dieser Aussicht auf eine gewisse Art verfallen war. „Ihr gefällt es vermutlich, beobachtet zu werden. Sonst würde sie die Vorhänge zuziehen“, meinte Valentina.
„Sehe ich genauso. Sie ist auf jeden Fall selbst schuld. Was hast du bisher beobachtet?“, fragte Tobi interessiert.
„Eigentlich nichts weiter. Ich hatte mich nur gewundert, dass sie die ganze Zeit zuhause ist und sie es scheinbar nicht stört, mit so wenig Privatsphäre zu leben.“
„Sie ist immer da. Es muss jetzt etwa ein Jahr her sein, dass sie dort eingezogen ist. Seitdem ist fast kein Tag vergangen, an dem sie nicht dort war.“
„Was macht sie denn die ganze Zeit zuhause? Sie muss doch mal rausgehen, arbeiten, einkaufen, sich mit Freunden treffen – was man eben so macht.“
„Ihr Leben spielt sich komplett in der Wohnung ab. Das ist echt verrückt! Und sie bestellt regelmäßig über das Internet.“ Tobi lachte, bevor er fortfuhr: „Du musst mich für einen kranken Stalker halten, weil ich so viel über sie weiß, aber man bekommt das mit, wenn man den ganzen Tag hier sitzt und ab und zu aus dem Fenster blickt. Sie lässt sich alles Mögliche nach Hause liefern. Fast täglich kommt ein Kurier zu ihr. Er liefert auch bei uns aus und erzählte mir, dass sie sich sogar den Einkauf aus dem Supermarkt nach Hause bestellt. Das nötige Kleingeld scheint sie zu haben. Naja, und Freunde beziehungsweise andere Menschen bekommt sie auch regelmäßig zu Gesicht. Zumindest hat sie sehr oft Männerbesuch.“
Valentina war tatsächlich überrascht, wie viel Tobi über diese Frau wusste. Sie wäre schockiert, wenn es jemanden gäbe, der so viel über sie erzählen konnte, ohne dass sie eine Ahnung davon hatte.