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VIER

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IN HAINICHS GEHÖFT wurde Konrad fündig. Beide Torflügel standen weit offen, und im Hof rings um den eingemauerten Dunghaufen ergingen sich schwarz gekleidete Männer und festlich gewandete Kinder. Hoffnungsvoll hatte Konrad das Motorrad in der Feldscheune an Geislers Zufahrt stehenlassen und sich mit Harry auf den Weg gemacht. Irgendwer würde ihm schon verraten, wer da eventuell zu Tode gekommen war und wo sich die Trauergemeinde aufhielt. Immerhin erklärte die Beerdigung einer angesehenen Persönlichkeit - eines Gutsbesitzers oder seiner Frau - die Abwesenheit der Dorfbewohner. Dabei musste keineswegs der örtliche Gottesacker gemeint sein, mit den umliegenden Dörfern war man in Wulkersbach auf vielfältige Weise verwandt und verschwägert.

Inständig hoffte Konrad, dass es nicht den alten Heinrich Geisler oder dessen Frau Ernestine getroffen hatte, beide hoch in den Siebzigern, wenn nicht älter, und ihm vertraut wie nahe Verwandte.

Deshalb fühlte er sich erleichtert, als er in Hainichs stattlichem Vierseitenhof als Erstem just dem alten Heinrich Geisler in die Arme lief, in einen weiten schwarzen Anzug gehüllt und mit einer zutiefst bekümmerten Miene. «Gunnrahd», rief der Alte wie ein Ertrinkender, der einen Balken erspäht, «dass du gekommen bist!»

Also doch die unermüdliche und nahezu stumme Ernestine, die wahre Seele der Familie Geisler! Konrad schüttelte die knochige Hand des Alten und sprach ihm sein Beileid aus. Beinahe hätte er ihn umarmt, doch erschien ihm das unschicklich. Zu derlei Vertraulichkeiten neigten die Wulkersbacher nicht.

Heinrich Geisler nickte kummervoll mit seinem weißen Haupt, und die gelblichen Spitzen seines Kaiser-Wilhelm-Schnauzers zitterten dabei. «Woher weißt du es überhaupt? Hat es sich bis Dresden rumgesprochen?»

Konrad wollte ihm nicht erläutern, dass er ja nicht einmal sicher war, um wen es sich bei dem oder der Dahingeschiedenen überhaupt handelte, und dass er rein zufällig hier aufgetaucht war. Er fragte nur diplomatisch: «Wie ist es denn dazu gekommen?»

Aus wässrigen Augen sah ihn der Alte fest an. «Ein Mord!», sagte er voll tiefer Trauer und Abscheu und stieß seinen Knotenstock erregt auf das Hofpflaster. «Ein ruchloser, blutiger Mord! Genau wie seinerzeit …»

Konrad erinnerte sich dunkel an eine Mordgeschichte, die mit dem Rauber zusammenhing. «Wie ist es denn passiert?», wollte er wissen. Direkt nach dem Namen des Opfers wollte er nicht fragen, dazu war es zu spät. Oma Ernestine konnte es kaum sein.

Heinrich Geisler, trotz seines Alters noch immer eine stattliche Erscheinung, hob die knochigen Schultern. «Hinterrücks erstochen. Im Rauba», stieß er dumpf hervor. Wiederum zitterten die Enden seines mächtigen Schnurrbartes. «Gehr nur rein», sagte er. «Die werden sich alle freuen, dich zu sehen.»

Damit hinkte er in Richtung Abort davon, nicht ohne die Mahnung zu hinterlassen: «Bind den Hund hier draußen an!» Was Konrad zu Harrys Leidwesen umgehend tat. In solchen Dingen war man im Dorf empfindlich. Ein Hund gehörte nicht in eine Trauergemeinde.

Während des Gesprächs mit dem alten Geisler hatte sich niemand genähert, jetzt begrüßten die Männer im Hof Konrad. In seiner ledernen Motorradkluft kam er sich reichlich deplaciert vor, doch das half nun nichts. Er musste hinein in Hainichs Heuboden, der vor langen Zeiten einmal der Tanz- und Festsaal des Dorfes gewesen war. Den hatten sie also extra ausgeräumt für die Trauerfeier oder vielmehr für den Leichenschmaus zu Ehren des Ermordeten. Er wusste noch immer nicht, um wen es sich handelte.

Im Eingang begegnete ihm Robert Börner, einer der engsten Gefährten seiner Kindheits- und Jugendtage in Wulkersbach. Beinahe erschrocken erkannte er Konrad. «Mensch, Feierhänd, desderwegen schickt dich extra deine Zeidung her?», fragte er erstaunt.

Wie alle im Ort sprach Robert den kehligen, schwer verständlichen Dialekt der Gegend, der stärker als das gewöhnliche Sächsisch die Konsonanten aufweichte und die Vokale verfälschte. Eine Form des Osterländisch-Vorvogtländisch-Erzgebirgischen mochte das sein. Jedes Dorf redete in einer anderen Variante. Die meisten davon verstand Konrad ganz gut. Er hieß hier eben Gunnrahd und unter den alten Freunden Feierhänd.

Er zog Robert zur Seite. «Unsinn!», sagte er. «Ich bin eigentlich ganz zufällig hier und weiß nicht mal, was wirklich passiert ist. Erzähl mal!»

Robert sah sich um, als fürchte er, jemand könne ihn dabei beobachten, ein Geheimnis zu verraten. «Der Ferdinand», murmelte er, «ist draußen am Rauber erstochen worden. Hat euer Blatt das nicht gemeldet?»

«Kann sein …» Lokale Schreckensmeldungen - und deren gab es genug in diesen schlimmen Zeiten - las Konrad nicht sonderlich aufmerksam, solange sie nicht die Umgebung von Dresden betrafen. Der Name Wulkersbach aber wäre ihm aufgefallen. Das Dorf war so etwas wie eine zweite Heimat. Er war ein schwächliches Kind gewesen, mit dem die Mutter sich der gesunden Landluft und der frischen Milch wegen auf dem Hof ihrer entfernten Cousine Anni und deren Mann Ferdinand einquartierte, in der Hoffnung, Konrads beängstigende Erstickungsanfälle wirksam zu kurieren. Mit den Jungen im Dorf, die den Großstädter anfangs bis zu Tränen der Wut hänselten, hatte ihn nach erstaunlich kurzer Zeit eine feste Kameradschaft verbunden, die er seiner gründlichen Kenntnis der grünen Bände eines gewissen Karl May verdankte. Im Dorf las man außer der Bibel kaum ein Buch, doch die Abenteuer des angeblichen Weltenbummlers aus dem nahen Hohenstein-Ernstthal, der noch dazu im benachbarten Waldenburg studiert hatte, waren auch bis zu den Wulkersbacher Jung-Apatschen gedrungen.

Großmütig hatten sie Konrad als kränkliches Bleichgesicht mitspielen lassen, das sie am Marterpfahl zu quälen gedachten. Bald jedoch hatte dieses städtische Greenhorn ihnen tausenderlei Fehler in ihren dürftigen Stammesriten nachgewiesen und sie anschließend mit nie gelesenen Abenteuern aus Leben und Werk Old Shatterhands vertraut gemacht. Der zu jener Zeit in den Zeitungen heftig geschmähte und von seinen Verehrern noch verbissener verteidigte Kara ben Nemsi hatte damals noch gelebt. Seitdem hatte Konrad jede Zeile von und über den großen Märchenerzähler von Radebeul gelesen und gesammelt und damit vor den staunenden Apatschen geglänzt.

Einstimmig war er in den Wulkersbacher Stamm aufgenommen worden, dessen Jagdgründe im bachdurchflossenen Grenzwald kaum ein Erwachsener je gestört und in dem der strohblonde Rainer bis zu seinem frühen Tod unangefochten die alte Schmetterhand gespielt hatte. Siegfried Geisler, der dunkellockige Sohn von Ferdinand und Anni, die Konrad der Einfachheit halber Tante Anni nannte, hatte ebenso unangefochten den Winnetou dargestellt. Der lang aufgeschossene Robert Börner, Spross der zweitreichsten Bauernfamilie im Ort, war Old Surehand gewesen, und der Rest der zumeist kindlichen Dorfjugend hatte das Fußvolk dargestellt. Für Konrad war nach einigem Hin und Her nur Old Firehand aus Winnetou Band 4 geblieben, womit er sich großmütig abgefunden hatte.

Leider war den Bauernlümmeln selten genug Zeit zum Indianerkampf geblieben, und den Gesindekindern erst recht nicht. Immerhin hatte sich ein harter Kern von vier, fünf Jungen gehalten, die Blutsbrüderschaft miteinander geschlossen und feierlich geschworen hatten, sich gegenseitig ein Leben lang beizustehen. An jenem Tag, mindestens zwei Jahre nach Rainers Tod, war Robert der Ehrentitel Old Shatterhand zuerkannt worden, worauf Konrad zu Old Surehand aufsteigen sollte, es jedoch vorgezogen hatte, Old Firehand zu bleiben. Jochen Hainich, nur ein Jahr jünger als Konrad, war der neue Surehand geworden. Der Franke-Alfred hieß natürlich Hobble-Frank, wenn auch nicht Heliogabalus Morpheus mit Vornamen wie sein Urbild, und der untersetzte Gerstner-Ludwig war Sam Hawkens - wenn ich nicht irre, hi-hi-hi.

Das alles ging Konrad durch den Sinn, während er in seiner Lederkluft ein wenig verloren vor Hainichs Heuboden stand, auf dem die Apatschen einst herumgetobt hatten und in dem das Dorf nun Ferdinand Geisler die allerletzte Ehre erwies.

Für einen Augenblick verfluchte Konrad die Idee seines zufälligen Besuchs. So viele seines Jahrgangs waren an der Marne und sonst wo in Europa gefallen - in seiner engeren Umgebung war der Tod eher ein seltenes Ereignis geblieben. Jetzt seinem Freund Siegfried und seiner lieben Tante Anni entgegenzutreten und ihnen sein Beileid auszusprechen war eine höchst unangenehme Vorstellung. Ganz zu schweigen von Siegfrieds Schwester Lydia, mit der ihn ein besonderes Verhältnis verband. Vielmehr verbunden hatte. Sie war hoffentlich längst über die Enttäuschung hinweg, die er ihr - wie mancher anderen, wenn auch nicht in Wulkersbach - bereitet hatte.

Doch das half nun nichts, er musste hinein in den hohen Saal mit der gewaltigen U-förmigen Tafel, an der die Familie Geisler saß, dem Torflügel gegenüber, in dem Konrad einen Moment verharrte. Heinrich Geislers freien Platz hätte man leicht für den von Ferdinand halten können. Die Geislers ohne Ferdinand - das war eine befremdliche Vorstellung. Konrad wurde bewusst, welch eine starke Persönlichkeit Tante Annis Mann gewesen war.

Gunther, Annis und Ferdinands zwölfjähriger Nachkömmling, entdeckte ihn zuerst und stürzte mit einem unangemessenen Freudenschrei auf ihn los. «Dr Gunnrahd!», jauchzte er, bevor ihm der Ernst des Augenblicks wieder zum Bewusstsein kam und er mit betretener Miene Konrads Hand schüttelte. Der tat, was er sich bei Opa Heinrich nicht getraut hatte: Er umarmte den Jungen und drückte ihn fest an sich. An der Tafel erhob sich Siegfried langsam und ungläubig von seinem Platz zwischen seiner apathisch vor sich hin starrenden Mutter und der auffallend munteren Großmutter Ernestine. Lydia, zur Linken der Witwe, senkte den Blick auf den Tisch, als wolle sie den unerwarteten Ankömmling vorerst nicht bemerken.

Erst als Konrad auch ihr kondolierte, blickte sie ihm plötzlich fest in die Augen und schüttelte kaum merklich den Kopf. Schimmernd dunkles Haar umrahmte ihr rosiges Gesicht mit den traurigen Mandelaugen. Sie war noch genauso hübsch, wie Konrad sie in Erinnerung hatte, und die schwarze Kleidung stand ihr. Sie war zweifellos die Dorfschönste von Wulkersbach und erstaunlicherweise noch immer nicht fest gebunden, denn auf dem Platz neben ihr saß Annis Schwager Gerwald Seidel, mit dem Konrad eine ebenso herzliche Abneigung verband wie mit dessen umfangreicher Frau Gerda. Die beiden nickten ihm nur hoheitsvoll zu, nachdem sie seine Begegnung mit Lydia mit Argusaugen verfolgt hatten.

Ihr Misstrauen alarmierte Konrad. Ahnte oder wusste etwa doch jemand in der Familie von jener Episode, die Lydia und ihn verband? Im Allgemeinen kannte Konrad kaum Gewissensbisse, was seine vergangenen Affären anging. Ausgerechnet heute und in diesem Fall jedoch war ihm die romantische Geschichte mit Lydia, die Jahre zurücklag, ein wenig peinlich. Lydia war sechs Jahre jünger als ihr Bruder Siegfried - und damit auch sechs Jahre jünger als er selber. Damals mochte sie sechzehn, siebzehn gewesen sein, eine erblühende Rose unter den unauffälligen Dorfmädchen, denen die schwere Landarbeit ein frühes Altern versprach. Schade, dass Siegfried und Konrad damals längst aus dem Alter begeisterter Apatschenkrieger heraus gewesen waren, die dunkellockige Lydia hätte allemal die ideale Nscho-Tschi abgegeben, Winnetous liebreizende Schwester, deren Namen in Wulkersbach niemand hätte aussprechen können.

Auch ohne Winnetou war Konrad seinerzeit ihrer jugendlichen Anmut erlegen, ohne in den Folgejahren größere Gedanken daran zu verschwenden. Unter den Gutsbesitzern auf dem Lande spielten dynastische und erbrechtliche Gründe bei der Wahl der Ehepartner allemal eine größere Rolle als kurzfristige Liebeleien. Vermutlich war Siegfried deshalb zum Ärger der gesamten Familie noch immer unverheiratet und auf dem besten Wege, sein Leben als eigenwilliger Hagestolz zu verbringen. Das jedenfalls prophezeite ihm seine Mutter Anni seit Jahren, nachdem er zwei gute Partien aus Wulkersbach und dem benachbarten Guckenheim glatt ausgeschlagen hatte - beides Bauerntöchter mit erheblicher Mitgift und Erberwartung, jedoch nach Siegfrieds Urteil zu unansehnlich, ja geradezu hässlich.

Nun war er von heute auf morgen zum Gutsbesitzer aufgestiegen. Eine Rolle, an die er sich schwer gewöhnen würde, solange Großvater Heinrich das Regiment auf dem Hof zu führen versuchte und Mutter Anni jede seiner Handlungen an denen des Ermordeten maß. Das waren die größten Bedenken, von denen er Konrad erzählte, als der endlich seinen Saalrundgang beendet und sich mit dem Freund und entfernten Verwandten in eine ruhige Ecke zurückgezogen hatte. Der Raum mit den hohen, nur notdürftig von Staub und Spinnweben befreiten Fenstern und dem Musikpodium, auf dem große Planen das vorjährige Heu kaum verdeckten, wirkte auf Konrad wie eine Filmkulisse.

Siegfried machte einen todunglücklichen Eindruck. «Wenn wenigstens der Gunther erwachsen wäre», sagte er. «Das ist der geborene Landwirt. Und er kann rechnen. Besser als ich jedenfalls.»

«Du würdest auf dein Erbe verzichten?», fragte Konrad erstaunt.

Siegfried sah ihn an. «Lieber heute als morgen», entgegnete er melancholisch. «Wenn ich an den kommenden Streit denke, graut’s mir.»

«Worüber werdet ihr streiten? In eurer Familie ging es doch immer ganz einträchtig zu …»

«Einträchtig!» Um Siegfrieds Mund zeigte sich ein ungutes Lächeln. «Hast du schon mal Eintracht erlebt, wenn’s ums Geld geht?»

Dazu schwieg Konrad vorsichtshalber.

«Es ist nämlich keins da», fuhr Siegfried bitter fort. «Kaum ein Pfennig, wenn du’s genau nimmst. Sogar das hier» - er wies mit einer weit ausholenden Handbewegung auf die Tafel - «geht erst mal auf Kredit.»

Konrad verstand nicht. Den Geislers war es immer gutgegangen, und Ferdinand hatte als ein gescheiter Landwirt gegolten.

«War die letztjährige Ernte so schlecht?», erkundigte er sich.

Wieder lachte Siegfried mit diesem unguten Zug um den Mund. «Die war so gut wie selten», sagte er. «Glücklicherweise haben wir noch was davon in der Kammer, trotz der Zwangswirtschaft. Aber das Bargeld …» Er streckte die Handfläche aus und pustete darüber. «Das ist fort. Auf Nimmerwiedersehen.»

«Und wohin?»

«Das musst du die Mörder fragen. Der Vater hat es bei sich getragen.»

«Wohin wollte er damit?»

Siegfried hob die Schultern. In seinem feierlichen Bratenrock wirkte er wie ein verkleideter Boxer. «Das ist immende das große Geheimnis.»

Konrad pfiff leise durch die Zähne. Immende gehörte wie egal und mancher andere Begriff zu den stehenden Redewendungen im Dorf. «Sprich mal genauer», forderte er, auf Siegfrieds Tonfall eingehend, doch der schüttelte den Kopf. Als Konrad sich umwandte, rollte geradewegs die Kugelgestalt Arthur Fiallas auf ihre Gesprächsecke zu.

«Nicht jetzt und nicht hier», sagte Siegfried nur, blieb jedoch sicherheitshalber bei Konrad stehen. Er erwartete nichts Gutes von dem Zusammentreffen Fiallas mit dem Besucher aus der Stadt.

So war es auch. Der Wachtmeister zerrte sein umfangreiches Notizbuch aus dem blauen Uniformrock und erkundigte sich barsch nach Konrads Namen und dem Grund seiner Anwesenheit. Der hielt es für unpassend, dieser kugeligen Amtsperson etwas von einem Zufall zu erzählen, der ihn hergetrieben habe. Unter Vorzeigen seiner Presselegitimation erklärte er ganz kühl: «Ich bin der Korrespondent der Leipziger Volkszeitung. Wie ich höre, hat es hier einen bisher unaufgeklärten Mord gegeben. So etwas interessiert unsere Leser.»

Fialla schnappte förmlich nach Luft. Mit der Presse hatte er wahrlich nicht gerechnet und schon gar nicht mit der Frage, die Konrad Katzmann seiner Erklärung sofort hinterherschob: «Wie weit sind denn die polizeilichen Ermittlungen gediehen?»

«Das geht Sie gar nichts an!», schnauzte Fialla zurück, und gleichzeitig fiel ihm etwas geradezu Geniales ein. «Sie befinden sich hier auf thüringischem Territorium!», donnerte er. «Wir benötigen keine Leipziger Schmieranten, die unsere Ermittlungen behindern!»

«Inwiefern?», fragte Konrad höflich.

Fiallas ohnehin gerötetes Gesicht begann zu glänzen. «Insofern, dass Leipzig bekanntlich in Sachsen liegt und hiesige Straftaten damit absolut nicht in die lokale Berichterstattung Ihres Blattes fallen!» Mit Mühe unterdrückte er weitere Bemerkungen über die politische Richtung der LVZ. In Thüringen wie in Sachsen herrschten im Augenblick nun einmal die Roten, da verkniff man sich als Beamter besser jede kritische Stellungnahme.

Scheinbar überrascht mischte sich Siegfried Geisler ein, der das Geplänkel bisher schweigend verfolgt hatte: «Nu gucke! Sind Sie plötzlich nicht mehr der Ansicht, mein Vater sei jenseits der Grenze in Sachsen aufgefunden und vermutlich auch ermordet worden? Von einem Täter, der aus Penig oder Waldenburg stammt?»

Fialla war dicht davor, die Beherrschung zu verlieren. Mit dem Sohn des Ermordeten durfte er es sich jedoch nicht verderben. Der aus Altenburg angereiste Kriminalsekretär Felgenträger hatte ihm hinter vorgehaltener Hand versichert, mindestens die Hälfte aller ländlichen Morde gehe auf Erbstreitigkeiten oder andere Familienauseinandersetzungen zurück - das gelte es in diesem Fall besonders zu beachten, da es angeblich um so viel verschwundenes Geld ging, das kein Zeuge je gesehen hatte. Von dem erfahrenen Kollegen stammte auch der Rat, am Begräbnis und dem anschließenden Leichenschmaus teilzunehmen und ein wachsames Auge auf Fremde wie Verwandte zu richten.

Anscheinend hatte der Herr Kriminalsekretär selber bei seinen Befragungen im Dorf und in der Familie nichts Bedeutungsvolles herausgefunden, und Fiallas Behauptung, der oder die Mörder müssten aus Sachsen stammen, durchaus Wohlwollen entgegengebracht. Von einem Vieh- oder sonstigen Händler namens Franz Rogowski war die Rede, den der Ermordete angeblich in Penig habe treffen wollen, und Penig lag nun einmal in Sachsen.

Jetzt saß Fialla in der Tinte. «Alle Ermittlungen fallen unter das Amtsgeheimnis!», sagte er hitzig und wollte sich abwenden.

«Ich wollte eigentlich nur wissen, in welcher Form ich durch meine bloße Anwesenheit Ihre Ermittlungen behindere», fragte Konrad. «Ich unterhalte die denkbar besten Beziehungen zur sächsischen Kriminalpolizei. Wenn ich Ihnen da in irgendeiner Weise behilflich sein kann …»

Alles, was Fialla dazu einfiel, war eine ärgerliche Handbewegung. «Danke. Nicht notwendig», schnarrte er und kugelte davon.

Katzmann und das schweigende Dorf

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