Читать книгу Matis Reise in den Bauch der Erde - Jens Poschadel - Страница 9
Auf der Termitenautobahn
ОглавлениеDas Abendessen bestand aus Reis, schwarzen Bohnen und am offenen Feuer geröstetem Rindfleisch. Mein Bauch spannte sich wie das Fell einer Trommel. Ich musste Unmengen des sehnigen aber unglaublich leckeren Fleisches gegessen haben. Das Zeug schmeckte so, wie die Landschaft roch: würzig. Die Nacht war dennoch traumlos und bis zum Bersten angefüllt mit entspannendem Tiefschlaf. Am Morgen durchstöberte ich die Räume der Station, konnte jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken. Natürlich verlief der Tag hier etwas anders, als ich es von Hamburg her kannte. Am Morgen mussten wir zum Beispiel unsere Milch erst einmal frisch anrühren. Trotz der vielen Rinder, die sich im Buschland und damit auch um unser neues Zuhause herumtrieben, gab es im einige Kilometer entfernt gelegenen Dorf keine Frischmilch zu kaufen. Auch haltbare Milch hatten wir nicht entdecken können. Also rührten wir die Frühstücksmilch aus Wasser und Milchpulver selbst zusammen.
Während meines Rundganges folgte mir die kleine, struppige Suvaneci. Sie war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Ihr verfilztes, dunkelbraunes Haar wehte staubig in der warmen Brise. Zwei dunkle Murmeln beäugten mich mit einer Mischung aus Misstrauen, Neugier und vielleicht einem kleinen bisschen Furcht. Als ich meinen Rundgang beendet und meine wunderbar gemütliche Hängematte zwischen den Pfosten der Veranda aufgespannt hatte, berührte Suvaneci mit der schmutzigen Spitze ihres linken Zeigefingers meinen rechten Handrücken. Ich lugte träge über den Rand meines sanft schaukelnden Baumwolltuches. Mein Blick folgte der sanft gebogenen Linie ihres ausgestreckten rechten Armes, weiterhin der Hand, dem Zeigefinger und schließlich sah ich, dass sie auf irgendetwas am Horizont deutete. Erstmals hörte ich ihre kindliche Stimme. „Mãe espera.“* Während sie das sagte, bildeten sich in ihren Augen kleine Pfützen. Ich war überzeugt, die Sonne hatte sie geblendet.
*Mutter wartet
Kurz darauf gluckste Suvaneci bereits wieder in einer Weise, wie kleine Mädchen das wohl überall auf der Welt taten, wenn sie in ihr Spiel vertieft waren. Sie ließ im Gras vor der Veranda eine kahlköpfige, einarmige, alles in allem erbarmungswürdige Puppe vollkommen alltägliche Dinge erledigen. Dem Geräusch nach zu urteilen, das sich zwischen Suvanecis Lippen hindurch seinen Weg in die laue, trockene Luft des frühen Abends bahnte, saugte sie gerade Staub. Ganz unvermittelt flog die kahle Berta (so hatte ich das Püppchen von meiner Hängematte aus getauft) in hohem Bogen über den Rasen. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass Suvanecis braunes Kleid mich schon die ganze Zeit über an den Kartoffelsack erinnert hatte, den zu tragen ich auf unserer Überfahrt für kurze Zeit das Vergnügen gehabt hatte.
Kurz vor ihrer Landung wurde Berta von einem kurzbeinigen, kurzatmigen, dafür aber umso langohrigeren Dackelmischling aus der Luft gehascht. Das staubig braune Tier verschleppte Berta ein paar Meter weit, ließ sie fallen, drehte sich mehrmals im Kreis, legte sich zu ihr auf den Rasen, wendete sich auf den Rücken und schlief im nächsten Moment in dieser für einen Hund meiner Ansicht nach unwürdigen Haltung ein. Suvaneci achtete nicht auf das Tier. Sie stand bereits seit ein paar Sekunden wieder neben meiner Hängematte und starrte mich an. Während dieser Zeit hatte sie offensichtlich ausreichend Mut angesammelt, denn im nächsten Moment fasste sie meine Hand, drehte sich um und zog mich mit sich fort.
Ich bin nicht ganz sicher, warum ich die folgende Definition an dieser Stelle meiner Geschichte einfüge. Jedenfalls habe ich nach meiner Rückkehr aus dem Bauch der Erde bei Wikipedia nachgeschaut, was es mit dem Ereignis „Abenteuer“ eigentlich auf sich hat. Lest bitte, was ich dort fand:
„Als Abenteuer (v. lat.: adventura = Ereignis; mittelhochdt.: aventiure) wird eine risikoreiche Unternehmung oder auch ein Erlebnis bezeichnet, das sich (meistens) stark vom Alltag unterscheidet - also ein Verlassen des gewohnten Umfeldes und des sozialen Netzwerkes, um etwas (riskantes) zu unternehmen, bei dem der Ausgang ungewiss ist. Bei einem Abenteuer existieren Risiken und Gefahren, die den Verlauf spannend und den Ausgang ungewiss gestalten. In diesem Sinne gelten und galten Expeditionen ins Unbekannte zu allen Zeiten als Abenteuer.“
Zitat Ende.
Suvaneci zog mich mit sich fort, in ihre Welt hinein. Es fühlte sich an, als würde ich in eine mannshohe, in der Abendsonne schillernde Seifenblase hineingesogen. Ohne Sauerstoffflasche oder Schwimmweste. Ohne einen Schimmer, was mich darin erwarten würde. Dafür mit einem Kribbeln in der Magengegend, für das ich drei Wochen lang aufs Fernsehen verzichtet hätte. Mein Leben zog wie ein Film an mir vorüber. Nein, sorry, das war zu dramatisch. Aber mir wurde in diesem Augenblick, da mich ein kleines Mädchen an ihrer Hand mit sich fortzog bewusst, wie wenig intensiv, wie unwirklich ich bisher gelebt hatte. Meine Abenteuer hatten sich in Büchern, im Fernsehen oder in Computerspielen zugetragen. Die gefährlichste Situation meines bisherigen Lebens war ein beinahe-Unfall auf dem Schulweg gewesen. Nun aber war ich mittendrin, in einer Geschichte, deren Verlauf und Ende mir vollkommen offen erschienen. Das war ein absolut g…es Gefühl!
Entsprechend bereitwillig ließ ich mich von der kleinen Schwarzäugigen entführen. Wir liefen ein Stück weit in den feuerfarbenen Sonnenuntergang hinein, dann entdeckte ich unser Ziel. Auf dem Gelände der Feldstation, doch weit abseits des Hauptgebäudes, stand nahe an einem Weiher ein kleines, grau verputztes und schindelgedecktes Häuschen. Es hatte zwei Zimmer und wie das Haupthaus keine Glasfenster, nur einfache Fensterläden aus braunem Holz. Vor dem Eingang breitete sich eine kinderzimmergroße Veranda aus, die von einer sitzhohen Mauer begrenzt wurde. Ihr betonierter Fußboden war den Tag über von der Sonne beschienen worden und wärmte nun unsere nackten Füße. Das Haus war nicht verschlossen. Drinnen zeigte mir das Mädchen einen blauundbraunen, etwa männerhandlangen Hundertfüßer. Suvaneci hielt meine Hand zurück, als ich das Tier berühren wollte. Sie schaute mich mit schmerzverzerrtem Gesicht an und schüttelte dabei ihre Hand.
Unter einem flachen Stein vor der Hütte wartete ein hellbrauner Skorpion auf die Zeit nach dem Sonnenuntergang. Seine geringe Größe und seine Langsamkeit vermittelten den Eindruck der Ungefährlichkeit. Dennoch zog ich es vor, ihn nur mithilfe eines Stockes in eine aggressive Abwehrhaltung zu drängen. Er bog seinen langen Schwanz bis weit über den Kopf in unsere Richtung. Am Ende des aus mehreren Gliedern zusammengesetzten Schwanzes thronte, mit einer Verdickung vom eigentlichen Schwanz abgesetzt, der dunkelbraune Giftstachel. Ich hatte von Karl gelernt, dass diese mit den Spinnen verwandten Tiere bereits seit ein paar Hundert Millionen Jahren auf der Erde lebten. Eigentlich schwer nachzuvollziehen, wenn man sah, wie dieser hier sich von einem keinen Stöckchen ärgern ließ. Karl hatte eindeutig unrecht: Intelligenz und Überlebensfähigkeit förderten sich nicht zwangsläufig gegenseitig.
Im Orangenhain der Station brüteten zwei schwarze Vögel mit leuchtend orangen Brüsten und Schnäbeln. Sieben nackte Junge mit geschlossenen Augen und hilflos umher wackelnden Köpfen trieben sie mit lautem Gepiepse zur eiligen Futtersuche an. Die Eltern nahmen kaum Notiz von uns Eindringlingen. Sie wirkten hektisch beschäftigt wie New Yorker Bankangestellte auf dem morgendlichen Weg in ihr Laufrad. Im Klo klebte ein hellbrauner, goldäugiger Frosch mit haftscheibenbewährten Zehen an einer blass gelben Kachel. Oberhalb des Frosches, am Überhang der Wand zur Decke, hing eine braunweiß gestreifte Spinne. Sie war so groß wie meine ganze Hand. Suvaneci ließ diese, meine Hand nicht mehr los. Ab und zu schaute sie in meine begeisterten Augen und ich sah ihr an, dass auch sie sich freute. Aber nein, da war noch etwas anderes als nur Freude. Heute, da ich auf diese ersten Tage meines großen Abenteuers zurückblicke, würde ich sagen: sie erkannte mich. Etwas in mir. Jemanden in mir vielleicht.
Später am Abend saßen die Wissenschaftler auf der Veranda und besprachen bei Bier, getrocknetem Rindfleisch und Caipirinhas die Exkursionen der kommenden Tage. Sie redeten Englisch und ich war sehr froh, dass die Brasilianer diese Sprache langsam und ein wenig stolpernd sprachen. So verstand ich ganz gut, worum es ging. Drei Höhlensysteme würden wir in den kommenden zwei Wochen erforschen. Eine Höhle, die letzte in der Reihe, war wissenschaftlich noch kaum untersucht. Karl und seine Truppe erwarteten, dass sie auf jede Menge neuer Tierarten stoßen würden. Das Wetter war günstig: die Trockenzeit dauerte bereits einige Wochen an, die Höhlenbäche sollten leicht passierbar sein, mit Überschwemmungen war nicht zu rechnen. Zur Sicherheit würde man in der Gegend aufgewachsene, einheimische Führer mitnehmen. Und überhaupt sei schon seit Jahren niemand mehr in den Höhlen ertrunken.
Eine nackte Glühbirne an einem Holzbalken des Verandadaches lockte derweil allerlei Fluginsekten an. Ihre wabernden Schatten an der gelben Hauswand inspirierten mich zu der Idee, später einmal einen Horrorfilm zu drehen. Während ein fetter, grünweißer Käfer mehrfach zwar laut aber dennoch erfolglos versuchte, die Glühbirne in tausend Teile zu zersprengen und sich auf diese Weise das Leben zu nehmen, beruhigten mich die Worte meiner Reisegefährten auf sehr angenehme Weise. Dies jedenfalls, bis ich ein paar in deutscher Sprache mehr schlecht als recht artikulierte Worte vernehmen musste.
„Hey Kleiner, wo hassu denn deine nweue Freundin gelassen?“ Ralfii hatte offensichtlich schon ein Bier zu viel getrunken. Er starrte wie hypnotisiert auf Ritas Ausschnitt, während er mich ansprach. Ich beachtete ihn nicht weiter, übte lieber Stöckchenholen mit dem Hundeersatz. Irgendwann, es musste bereits auf Mitternacht zugehen, setzte Suvaneci sich zu mir auf den Rasen. Sie versuchte nicht, mit mir zu reden, das wäre ja auch zwecklos gewesen. Vielmehr sah sie mir kurz und ernsthaft in die Augen und stand dann auf. Berta baumelte mitleiderregend schmutzig und von Dackelzähnen angeknabbert in ihrer linken Hand. Wie selbstverständlich folgte ich ihr.
Wir nahmen den Feldweg, die einzige Zufahrt zur Forschungsstation. Als die Geräusche der Station nicht mehr zu vernehmen waren, blieb Suvaneci stehen. Um uns herum herrschte eine Lautlosigkeit, wie ich sie zuvor nicht erlebt hatte. Kein Flugzeug, keine Musik, keine Fahrzeuge, kein klavierübendes Kleinkind, kein plappernder Karl, keine Wischiwaschigeräusche verbreitende Waschmaschine und auch keine lästig polternden Nachbarn. Vollkommene Stille. Und über dieser Stille ein berstendes Feuerwerk. Das Licht der Sterne reichte völlig aus, unseren Weg hell zu erleuchten. Mein Gott, diese Ruhe. Und doch - je länger ich dort stand, umso deutlicher bohrte sich ein Kraspeln in meine jugendlichen Ohren.
Es klang, als würden hunderte Schulkinder mit Tausenden Fingernägeln zaghaft an Millionen Eierpappen schaben. Ich bemühte mich, die Herkunft des Geräusches zu orten. Es kam vom Boden her. Da bewegte sich etwas. Oder jemand. Und dann sah ich sie plötzlich, es mussten Milliarden von ihnen sein. Weiße Ameisen mit merkwürdigen Nasenhörnern an braunen Köpfen. Sie hasteten die Sandpiste entlang und über starre, welke Blätter. Das billionenbeinige Gewimmel wirkte auf mich zunächst vollkommen ungeordnet. Bei näherer Betrachtung jedoch erkannte ich, dass sich ihre Bewegung auf unsichtbaren Linien, ja wie auf Schienen vollzog. Merkwürdig, die Tiere trugen weder irgendetwas Sichtbares durch die Gegend, noch wanderten sie alle in die gleiche Richtung. Nein, vielmehr erkannte ich allmählich ein anderes Muster im heimlich-unheimlichen Getue der blassen Sechsbeiner. Es musste sich um einen Formationsmarsch handeln, ganz klar. Vielleicht eine Parade. Das waren ganz sicher alles Soldaten eines gigantischen Volkes. Die Chinaer des zentralbrasilianischen Hochlandes. Worin aber bestand der Sinn der mondwandlerischen Militäraktion?
So sehr ich auch grübelte, so lange ich dem Treiben der Soldaten zusah, ich kam nicht dahinter. Ich konnte lediglich die autobahnähnliche Anordnung der inzwischen ein wahres Getöse verbreitenden Aktion ausmachen. Es gab sechs Fahrbahnen. Die einzelnen Spuren hatten jeweils eine Breite, die es etwa fünf bis sechs der Krabbler ermöglichte, nebeneinander in die gleiche Richtung zu hasten. Nun glich jedoch die Anordnung der einzelnen Spuren nicht derjenigen unserer Autobahnen. Vielmehr wechselte sich eine Laufstrecke entlang des Feldweges in Richtung der Feldstation jeweils mit einer entgegengesetzt ausgerichteten, also von unserer Forschungsbasis wegführenden Piste ab.
Diese Regelung sorgte nicht nur bei mir für einige Verwirrung. Auch die Termiten selbst konnten das Schema nicht überall einhalten. Kurz gesagt: es kam zu Geisterläufern. Gemeinsam mit Suvaneci beschloss ich, den Tieren zu helfen. Wir berieten uns für einen Augenblick des gegenseitigen Nichtverstehens, denn wir redeten in unseren jeweiligen Landessprachen aufeinander ein. Dann schnappte ich mir einen Stock und deutete auf den Boden. Ein paar in den Sand gekritzelte Striche und Pfeile später sendeten zwei leuchtend schwarze Sterne aufgeregt zwinkernde Signale der Zustimmung. Wir hatten beschlossen, die niederen Tiere in die Geheimnisse menschlicher Verstandesleistungen einzuführen und ihnen das deutsche Autobahnsystem nahe zu bringen.
In diesem Moment jedoch näherten sich schlurfende Schritte und unterbrachen gewaltsam unser sinnreiches Tun. „Ach hier seids ihr zwei Süßen. Habs euch schon überall gsesucht. Ihr sollt in die Betten, weils schon fast wieder hell wird. Los, ich ssag das nich sweimal!“ Während diese wohl gewählten Worte beinahe hilflos über Ralfiis Lippen purzelten, zerscharrten weißbestrumpfte Füße in hellbraunen, ausgetretenen Mokassins den interkontinentalen Traum einer sechsspurigen Termitenautobahn. Auf unserem Weg zurück ins Hauptquartier streichelte ich Suvanecis struppigen Haarschopf, während ein Nachtfalke dicht über unsere Köpfe hinweg strich.