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Kapitel 2

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Onawutakuto

Es ist schon sehr lange her, als am Ufer des Huronsees

ein alter, zum Totem der Biber gehöriger

Odjibwa lebte, der einen einzigen Sohn besaß, dem er

den Namen Onawutakuto – d.h. einer, der die Wolken

fängt – gegeben hatte. Dieser Knabe war sein einziger

Stolz, und er gedachte ihn daher auch zu einem berühmten

Medizinmann zu erziehen. Doch als er das

bestimmte Alter erreicht hatte, wo er fasten sollte,

wollte er sich unter keiner Bedingung dazu bequemen.

Die Kohlen, die ihm sein Vater vorlegte, um sein Gesicht

damit zu schwärzen, berührte er nicht, und als

ihm darauf alle Speise verweigert wurde, suchte er

sich Vogeleier oder abgeschnittene Fischköpfe, die

zahlreich am Seeufer umherlagen. Als ihn aber sein

Vater auch dieser Nahrungsmittel beraubte, verließ er

traurig den elterlichen Wigwam, und zwar, um nie

wieder zurückzukehren.

Die erste Nacht brachte er in einem hohlen Baum

zu. Dort erschien ihm eine wunderschöne Frau im

Traum und sprach zu ihm: »Onawutakuto, ich habe

deinetwegen eine weite und beschwerliche Reise unternommen;

steh auf und folge mir!«

Der junge Mann erhob sich und folgte ihr, und bald

sah er sich hoch über den Bäumen und den Wolken.

Eine Öffnung am Firmament führte ihn auf eine unermeßliche

Ebene, auf der er ein niedliches Häuschen

erblickte. Dieses bestand aus zwei geräumigen Zimmern;

in dem einen hingen allerlei feine Jagd- und

Kriegs Werkzeuge, und in dem anderen lagen kostbare

Frauensachen.

Onawutakuto ließ sich in dem letzteren nieder, und

seine schöne Führerin breitete eine glänzende, schön

bestickte Decke über ihm aus und sagte: »Ich muß

dich, mein lieber Knabe, eine Zeitlang verbergen,

denn mein Bruder wird bald hier sein; er darf dich

nicht sehen.«

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, so trat

auch schon ein munterer Jüngling herein, dessen Kleider

so hell strahlten, als ob sie aus Sonnenstrahlen geflochten

seien. Er nahm den Beutel mit Apakosekun

oder Tabaksblättern von der Wand, stopfte dann seine

kunstvoll verzierte Steinpfeife und sprach: »Nemissa,

hast du schon wieder vergessen, daß dir der größte

der Geister streng verboten hat, Kinder der Erde heraufzuholen?

Oder denkst du etwa, daß ich nicht weiß,

wen du dort unter deiner Decke verborgen hältst?

Wenn du mich also nicht beleidigen willst, dann bringe

Onawutakuto schnell wieder in seine Heimat!«

Aber die Schwester kümmerte sich wenig um diese

Worte und wollte um keinen Preis ihren liebenswürdigen

Gefangenen wieder freilassen. Als der Bruder nun

einsah, daß sie einmal mit aller Gewalt ihren Willen

haben wollte, rief er den jungen Mann aus seinem

Versteck hervor und überreichte ihm eine prächtige

Pfeife. Dies war das Zeichen, daß er ihn als Schwager

anerkannte.

Onawutakuto blieb also, war es ja doch in jeder

Beziehung so wunderschön und angenehm hier, und

er hatte weder Sorgen noch Hunger, noch Kälte auszustehen.

Etwas war ihm jedoch unerklärlich: Sein

Schwager verließ jeden Morgen in aller Frühe die

Hütte und kam erst spät am Abend wieder zurück,

und dann ging seine Frau weg und kam erst am anderen

Morgen wieder. Da er nun gar zu gerne hinter dieses

Geheimnis zu kommen wünschte, so erlaubte ihm

einst sein Schwager, ihn zu begleiten.

Als sie einen halben Tag über eine grenzenlose

Ebene gegangen waren, verspürte Onawutakuto Hunger

und wollte wieder zurückkehren.

»Noch einen Augenblick Geduld, mein Lieber«,

sagte sein Schwager, »denn wir werden bald eine

Stelle erreichen, an der ich gewöhnlich mein Mittagsmahl

verzehre.«

Bald darauf kamen sie an einen mit den feinsten

Matten belegten Platz, auf dem sie sich niederließen.

Onawutakuto bemerkte hier ein Loch, durch das er

auf die Erde hinabsehen konnte. Da sah er die fünf

Großen Seen mit den vielen Dörfern an den Ufern vor

sich, sah auch mehrere Haufen wilder Krieger und

eine Menge junger Knaben, die sich am Ballspiel ergötzten.

Auf den schönsten dieser Knaben ließ sein

Schwager plötzlich ein Sandkörnchen fallen, worauf

jener gleich hinfiel und leblos in die Hütte getragen

wurde.

Nun gab es ein allgemeines Durcheinander auf der

Erde; eine Masse alter Weiber sammelte sich vor dem

Wigwam, und die Medizinmänner schrien und rasselten

aus Leibeskräften, um den Knaben wieder ins

Leben zurückzurufen. Darauf schrie Onawutakutos

Begleiter zu ihnen hinab: »Opfert mir schnell einen

weißen Hund!«

Augenblicklich arrangierten die Eltern des toten

Kindes ein großartiges Fest; alle Medizinmänner der

Umgebung wurden zusammengerufen, der weiße Opferhund

wurde getötet und sein Fleisch gebraten.

»Siehe«, sagte Onawutakutos Schwager darauf,

»dort unten sind viele Medizinmänner, die wegen

ihrer Kunst in großem Ansehen stehen; aber das

kommt nur daher, daß sie ihre Ohrlappen stets nach

oben richten und hören, was ich ihnen zuflüstere.

Habe ich einen der Erdenbewohner mit Krankheit geschlagen,

so befehlen sie den Leuten, mir ein köstliches

Brandopfer zu schicken, und ich nehme darauf

meine strafende Hand wieder von ihm weg.«

Darauf nahm der Meister des Festes den Hundebraten,

sah in die Höhe und rief: »Das opfern wir dir,

Meister des Lebens, damit du uns deinen Beistand

nicht versagst!« Sogleich flog das gebratene Tier hinauf,

und beide hatten oben ein köstliches Mittagsmahl.

Auf diese Art lebten sie lange Zeit fort. Aber endlich

schien Onawutakuto dieses Leben doch unerträglich

und langweilig zu werden; er sehnte sich innigst

zu seinen Freunden und Eltern zurück und bat seine

Gemahlin eines Tages um seinen Abschied.

Nach langem Bitten sagte diese: »Wenn dir einmal

die Sorgen und die Krankheiten der Erde besser behagen

als die Freuden des Himmels, dann geh zurück.

Da ich dich hierher gebracht habe, so werde ich dich

auch auf deinem Heimweg begleiten. Aber bedenke,

daß du stets mein Ehemann bist und daß ich dich

ständig an einem geheimen Faden halte, an dem ich

dich zu jeder Zeit wieder heraufziehen kann. Hüte

dich aber hauptsächlich, eine Tochter der Erde zu heiraten,

wenn du meine Macht nicht fühlen willst!«

Darauf leuchteten ihre Augen so hell wie die

Sonne, sie wurde immer größer und größer, bis Onawutakuto

zuletzt von seinem Traum erwachte. Seine

Mutter stand neben ihm und erzählte ihm, er sei ein

ganzes Jahr lang weg gewesen. Aber Onawutakuto

glaubte ihr nicht, vergaß auch, was ihm seine himmlische

Gemahlin befohlen hatte, und ging hin und heiratete

ein junges Mädchen aus seinem Stamm. Doch

schon nach vier Tagen war jene Frau eine Leiche.

Tief betrübt verließ Onawutakuto seinen Wigwam

und kehrte nie wieder zurück. Man sagt, daß ihn seine

Traumgemahlin zu sich hinaufgezogen habe.

3

Schinschibiss

Der Wigwam von Schinschibiss stand am Ufer des

Eriesees. Es war ein grimmig kalter Winter, doch da

sich Schinschibiss vier große Baumstämme herbeigeschleppt

hatte, von denen jeder wenigstens einen

Monat brannte, so war er immer guten Mutes und unbesorgt

und pfiff und sang den ganzen lieben Tag.

Wenn er Hunger hatte, hackte er das Eis des Sees auf,

tauchte unter und fing sich Fische, so viele er nur

brauchte. Ob das Wasser kalt oder warm war, kümmerte

ihn wenig.

Dies ärgerte nun Kabibonocca, den Nordwind,

ganz gewaltig, und er sprach: »Dieser Schinschibiss

ist doch ein Teufelskerl; das kälteste Wetter, das ich

auf ihn herabschicke, geniert ihn nicht im geringsten,

und er ist immer so vergnügt und zufrieden dabei, als

ob es ewig Sommer bei ihm wäre. Versuchen will

ich's aber doch noch einmal, ob ich nicht Herr über

ihn werden kann.« Und damit schickte er den kältesten

Sturmwind zu ihm, den er je über die Erde sausen

ließ.

Doch das Feuer von Schinschibiss erlosch nicht,

und obwohl seine ganze Kleidung nur aus einem ein-

zigen dünnen Fell bestand, das ihm notdürftig die

Lenden bedeckte, ging er nach wie vor aus und fing

sich seine Fische.

Da beschloß denn Kabibonocca, ihm einen Besuch

abzustatten, und er kam am Abend zum ihm. Schinschibiss

lag neben einem brennenden Baumstamm

und sang:

»Blase, Windgott, immerzu,

Bist ja doch nur meinesgleichen!

Daß du mich erfrieren machst,

Wirst du nimmermehr erreichen;

Vor Hunger, Wind und Schlangenbiß

Da fürchtet sich kein Schinschibiss.«

Schinschibiss wußte, daß Kabibonocca an seiner Tür

war, denn er merkte es an seinem kalten Atem; aber er

sang ruhig weiter. Nun trat Kabibonocca herein in die

Hütte und setzte sich ihm gegenüber; Schinschibiss

tat, als sähe er ihn nicht, schürte lustig sein Feuer und

sang: »Bist ja doch nur meinesgleichen!«

Da wurde es Kabibonocca zuletzt doch ein wenig

zu langweilig; grimmig verließ er die Hütte wieder

und schickte darauf eine solche Kälte, daß das Eis auf

dem See noch dreimal so dick gefror. Schinschibiss

wußte sich aber immer wieder zu helfen, so daß Kabibonocca

zuletzt den Kampf aufgab und sagte: »Schinschibiss

ist ein seltsamer Mensch; ich kann ihn weder

erfrieren machen noch ihn aushungern; er muß von

einem gewaltigen Manitu beschützt sein, und es ist

wohl das Beste, ich lasse ihn in Ruhe!«

4

Unätsi

Unätsi war das schönste Mädchen unter den Wyandot-

Indianerinnen. Alle jungen Männer dieses Stammes

machten ihr daher auch fleißig den Hof, doch keiner

davon konnte sich einer besonderen Begünstigung

rühmen. Die heiratslustigen Jünglinge beriefen daher

eine heimliche Versammlung ein, um über die Art und

Weise zu konferieren, wie Unätsi zu einer bestimmten

Erklärung zu zwingen sei. Nach langem Debattieren

wurde dann beschlossen: erstens, daß jeder von ihnen

seine Bewerbungen einzustellen habe, und zweitens,

daß ihr alter Chief beredet werden sollte, die schöne

Jungfrau zu freien.

Der letzte Beschluß gefiel dem alten Häuptling außerordentlich;

gleich bemalte er sich mit den schönsten

Farben und nahm seine besten Waffen zur Hand,

als ob er in einen gefährlichen Krieg zöge. Aber er

marschierte sichtlich doch nur halb so freudig, als

wenn er der Kriegstrommel folgte oder dem fliehenden

Feind nachjagte. Der Gang kam ihn offenbar

recht hart an; aber der erste Tag des Liebäugelns und

Scharmierens noch härter. Am zweiten wurde es ihm

schon bedeutend leichter ums Herz, und am dritten

schwor er sogar bei Homendisu und Dairschuuruno,

der liebenswürdigen Unätsi jeden Wunsch zu erfüllen,

den sie an ihn richten würde.

Das war denn gerade, was die Schöne wollte; sie

nahm ihn daher auch gleich beim Wort und befahl

ihm, ihr in Bälde den Skalp eines bestimmten Seneca-

Chiefs zu bringen, den sie bitter haßte.

Nun bereute der verliebte Wyandothäuptling seine

Voreiligkeit zu spät und suchte sie mit dem ganzen

Aufwand seines Rednertalents und der untertänigsten

Liebenswürdigkeit, deren er fähig war, zu bewegen,

doch um alles in der Welt davon abzustehen, denn

jener Chief sei sein bester und intimster Freund, sie

seien zusammen aufgewachsen, hätten zusammen gegessen,

getrunken und sich in ihrem Leben noch nie

beleidigt; einen solchen Freund könne er unmöglich

umbringen.

Aber er predigte tauben Ohren; das einzige, was

Unätsi erwiderte, war, daß, wenn er nicht bei allen

Leuten seines Stammes als unverschämter Lügenhund

ausgeschrien werden wolle, er schleunigst sein Versprechen

erfüllen müsse.

Und er erfüllte es auch. Gegen Abend schlich er

sich ungesehen in die Hütte seines Freundes und skalpierte

ihn. Doch als er den erschütternden Skalpruf ertönen

ließ, wurde er von einigen schnellfüßigen Senecas

ergriffen und ebenfalls skalpiert. Darauf entspann

sich zwischen beiden Stämmen ein dreißigjähriger

Krieg, der damit endete, daß die Wyandots fliehen

und ihre Weiber und Kinder größtenteils zurücklassen

mußten, die dem unbarmherzigen Tomahawk und

dem Skalpiermesser der Senecas zum Opfer fielen.

Auch Unätsi teilte dieses Schicksal.

5

Die Osagen

oder der Stamm, der einer Schnecke entsprang

Nahe am Ufer des Missouri lebte einst eine junge

Schnecke sorgenfrei und mühelos. Sie amüsierte sich

köstlich nach Schneckenart, streckte ihre Fühlhörner

so weit aus, wie sie konnte, und labte sich reichlich an

stärkender Nahrung, die ringsum im Überfluß vorhanden

war. Plötzlich aber kam über Nacht eine starke

Überschwemmung, und das arme Tierlein mußte

schnell, um nicht zu ersaufen, auf einen nahe liegenden

Baumstamm klettern, mit dem es nun weit fortgetrieben

wurde.

Als sich nach drei Tagen das Wasser so ziemlich

wieder verlaufen hatte, blieb die Unglückliche in

Schlamm und Dreck stecken, und zwar so tief, daß sie

sich gar nicht bewegen konnte. Dann kam auch noch

die Sonne und trocknete sie mit ihren brennenden

Strahlen so fest ein, daß sie alle Hoffnung aufgab und

sich in großer Resignation mit dem Gedanken an den

Hungertod vertraut machte.

Als sie so eine Weile besinnungslos dagelegen

hatte, öffnete sich auf einmal auf geheimnisvolle Art

ihr Häuschen; sie fühlte ihre Lebenskräfte wieder erwachen,

ihr Kopf wuchs merkwürdig schnell in die

Höhe, und unten bildeten sich zwei Beine daran. An

beiden Seiten erschienen Arme mit vollständigen Gelenken

und Fingern, und so war in wenigen Augenblicken

ein schöner Jüngling fix und fertig.

Anfangs war er etwas unbeholfener Natur und hatte

sehr unklare Gedanken; doch entwickelte er sich bald

unter dem Einfluß der Sonne so weit, daß er sich zur

Reise in seine Heimat vorbereiten konnte. Aber er war

nackt und in vielen Dingen unwissend, auch fühlte er

unbeschreiblichen Hunger in seinem Magen. Er sah

eine Masse fetter Tiere und Vögel an sich vorüberziehen,

wußte aber nicht, wie er sie töten sollte. Da

wurde er denn abermals sterbenstraurig und legte

sich, von Anstrengungen und Entbehrungen zu Tode

ermattet, nieder und wünschte sich wieder in seinen

ehemaligen Schneckenzustand zurück, in dem er doch

wenigstens die Kunst verstand, sich ernähren zu können.

Als er sich nun wieder mit dem Gedanken an den

baldigen Tod zu befreunden suchte, kam es ihm vor,

als höre er jemand neben sich rufen. Er wandte sich

um und sah den Großen Geist vor sich auf einem ganz

weißen Pferd sitzen. Seine Augen leuchteten wie blendende

Sterne, und sein langes Haar bestand aus lauter

Sonnenstrahlen. Der Schneckenmann zitterte am gan-

zen Leib und wagte kaum seine Augen aufzuschlagen.

»Wascha1«, sagte der Große Geist in freundlichem

Ton, »mein Sohn, warum fürchtest du dich so sehr?«

»Ach«, erwiderte er, »es wird mir schwer, meinen

Schöpfer anzusehen; auch bin ich elend und hungrig,

denn seitdem mich die Wasserflut forttrieb, habe ich

noch keinen Bissen zu mir genommen.«

Da hob der Große Geist seine Hand, zeigte ihm

Pfeil und Bogen und winkte ihm, auf ihn zu sehen. In

kurzer Entfernung saß ein großer Vogel auf einem

Baum, den schoß er herunter, und dann erschien ein

fetter Hirsch, den er mit einem zweiten Pfeil erlegte.

»Das sei in Zukunft deine Nahrung«, sagte er darauf

und gab ihm jene Waffen. Auch lehrte er ihn, wie man

den Tieren das Fell abzieht und sich Kleider daraus

macht, und er gab ihm Feuer, damit er sich das

Fleisch braten konnte. Zum Abschied hing er ihm eine

glänzende Wampumschnur um den Hals, wodurch er

ihn zum König über alle Tiere machte. Darauf verschwand

der Große Geist.

Nachdem sich Wascha wieder gründlich restauriert

hatte, setzte er seine Reise fort und kam an das Ufer

eines großen Flusses. Als er sich dort eine Weile hinsetzte,

um ein wenig auszuruhen, kam ein großer

Biber aus dem Wasser und sagte: »Wer bist du, der

sich erfrecht, hierherzukommen, um mein Königreich

zu zerstören?«

»Ich bin ein Mensch und war ehemals eine unglückliche

Schnecke«, antwortete Wascha. »Aber wer

bist du denn eigentlich?«

»Ich bin der König aller Biber und führe mein

Volk stromaufwärts und stromabwärts, und dieser

Fluß hier bildet mein Königreich.«

»Dieses Reich muß ich mit dir teilen«, erwiderte

Wascha, »denn der Große Geist hat mich zum Beherrscher

aller Tiere, Vögel und Fische gemacht und mir

auch Mittel und Kraft verliehen, meinen Rechten Geltung

zu verschaffen.« Dabei deutete er auf Pfeil,

Bogen und Wampum.

»O komm her!« sagte darauf der Biber in äußerst

mildem Ton. »Ich glaub' es ja gerne, daß wir Brüder

sind; wir müssen uns daher näher kennenlernen.

Komm mit mir in meine Wohnung, und erhole dich

von deiner langen Reise.«

Wascha folgte der freundlichen Einladung des Biberchiefs

und ging mit ihm in seine Hütte. Diese bestand

in einem geräumigen, fein ausstaffierten Zimmer,

dessen Boden mit fein geflochtenen Matten belegt

war. Als sie sich niedergesetzt hatten, befahl der

Chief seiner Frau und seiner Tochter, dem Gast ein

recht nahrhaftes Mahl zu bereiten.

Während nun wacker gekocht und gebraten wurde,

sann der alte Biber hin und her, wie er mit Wascha

einen dauernden Freundschaftsbund schließen könne,

und er erzählte ihm allerlei vom großen Fleiß seines

Volkes, wie seine Untertanen mit ihren Zähnen die

dicksten Bäume fällten, große Dämme bauten usw.

Darauf erschienen Mutter und Tochter mit saftigem

Weidenholz und köstlichem Sassafras, und alle setzten

sich nieder und aßen.

Wascha aß jedoch sehr wenig, denn die Biberkost

mundete ihm nicht recht. Desto mehr Gefallen fand er

aber an der schönen, reinlichen und folgsamen Tochter,

die ihm gerade gegenüber saß. Beide gewannen

sich lieb, und zur größten Freude des alten Biberkönigs

wünschten sie sich, zu heiraten. Darauf wurde

das großartigste Fest, das je das Biberreich gesehen

hatte, veranstaltet, und alle Biber der ganzen Welt

wurden dazu eingeladen.

Als Wascha und die Bibertochter eine Zeitlang

Mann und Weib gewesen waren, wurden sie, wie alte

Medizinmänner erzählen, die Stammeltern der Osagen.

Fußnoten

1 ein anderer Ausdruck für Osage

6

Von dem Knaben, der die Sonne in einer

Schlinge fing

Zur Zeit, als noch die Tiere auf der Welt die Oberhand

hatten, waren sie sehr grausam gegen die Menschen

und töteten sie alle mit Ausnahme eines Mädchens

und eines Knaben. Dieser Knabe war ein Zwerg

und nahm wohl täglich zu an Alter, aber nie an Kraft

und Größe. Deshalb mußte die Schwester alle Arbeiten

allein verrichten; sie mußte Holz holen, die nötigen

Kleider anfertigen und den Wigwam rein halten.

Wenn sie ausging, nahm sie ihren schwächlichen Bruder

jedesmal mit, damit ihn nicht etwa während ihrer

Abwesenheit ein großer Vogel wegschleppe oder ihm

ein sonstiges Unglück passiere.

Eines Tages machte sie ihm Pfeil und Bogen und

sagte ihm, er solle damit die Guanadsch-Binessiwag

oder die schönen großen Vögel schießen, die bald

herbeikommen würden, um die Würmer aufzupicken,

die sie aus dem dürren Holz gezogen habe. Er versuchte

es, konnte aber am ersten Tag mit seinen Waffen

nichts ausrichten. Die Schwester ermahnte ihn

darauf, nicht gleich zu verzagen und den Mut zu verlieren,

sondern am folgenden Tag sein Glück aber-

mals zu probieren.

Da schoß er denn auch einen mächtigen Vogel und

sagte zu seiner Schwester: »Höre, ich wünsche, daß

du mir die Haut davon aufhebst, um mir, wenn ich

deren mehrere habe, ein stolzes Kleid daraus zu machen.

«

»Aber was sollen wir mit dem Fleisch tun?« fragte

sie darauf; denn die Menschen jener Zeit aßen noch

kein Fleisch, sondern:

Schmausten lauter Pflanzenkost

Und tranken würz'gen Blütenmost.

»Vermische es mit unserer Suppe; ich denke, das wird

sie nahrhafter und schmackhafter machen«, meinte der

Zwerg, und sie folgte ihm auch.

Als er zwölf Vögel geschossen hatte, machte sie

ihm auch ein stattliches Röcklein ganz nach seinem

Geschmack.

»Schwester«, fragte eines Tages darauf der Kleine,

»sind wir denn so ganz allein in der Welt, und lebt

außer uns kein menschliches Wesen mehr?«

Die Schwester erzählte ihm von einigen bösen Verwandten,

die sich in einer entfernten Gegend aufhielten,

wohin er um keinen Preis gehen sollte. Aber er

kümmerte sich wenig um die Entfernung, nahm Pfeil

und Bogen und ging.

Als er eine Weile gegangen war, wurde er müde,

legte sich nieder und schlief ein. Die Sonne schien

aber so heiß auf ihn, daß sie ihm alle Federn seines

Rocks versengte und außerdem noch ein großes Loch

hineinbrannte. Als er nun darauf erwachte und seinen

Schaden besah, wurde er sehr zornig und schwor bei

allen Raubvögeln und Raubfischen, sich an der unverschämten

Sonne zu rächen, und wenn sie noch einmal

so hoch am Himmel hinge. Grimmig eilte er darauf

nach Hause, aß nicht und trank nicht und beantwortete

die tröstenden Zusprüche seiner Schwester mit den

racheschnaubendsten Blicken.

Zehn Tage lang legte er sich regungslos mit der linken

Seite auf die Erde, und dann drehte er sich um

und legte sich noch weitere zehn Tage auf die rechte

Seite. Danach stand er auf und sagte seiner Schwester,

sie möge ihm eine Schlinge machen, damit er die

Sonne damit fangen könne. Sie verfertigte ihm auch,

so gut sie konnte, eine aus starken Schlingpflanzen,

aber der Kleine war damit nicht zufrieden. Da schnitt

sie ihre langen Zöpfe ab und gab sie ihm.

Dies gefiel ihm schon besser; er nahm sie, zog sie,

um sie etwas anzufeuchten, durch seine Lippen, wodurch

sie ganz rot wurden und sich allmählich ein langes

metallenes Seil daraus bildete, das er um seinen

Körper wickelte. Um Mitternacht begab er sich auf

die Reise, damit er die Sonne noch vor ihrem Aufgang

erwische. Und richtig – er hatte Glück! Er fing sie

und hielt sie so fest, daß sie sich weder regen noch bewegen

und also auch nicht aufgehen konnte.

Nun war große Not im Tierreich. Die Vögel sahen

die Bäume und die Felsen nicht vor sich und zerschlugen

sich die Köpfe daran, und die übrigen Tiere liefen

bei dieser Finsternis größtenteils in den nahen See

und ertranken.

Es wurde also eine große Versammlung aller Vierfüßer

abgehalten und beschlossen, das verhängnisvolle

Seil abzuschneiden. Aber das war keine Kleinigkeit,

denn jeder, der sich in die Nähe der Sonne

wagte, wurde von ihrer Glut beinahe völlig geröstet.

Zuletzt übernahm denn der Hamster diese lebensgefährliche

Aufgabe. Er war zu jener Zeit das stärkste

und größte Tier der Welt und sah, wenn er sich aufrichtete,

wie in hoher Berg aus. Er kam auch wirklich

an die betreffende Stelle und befreite die Sonne,

wurde aber dabei zu jener unbedeutenden Figur zusammengebrannt,

in der wir ihn heute noch sehen.

7

Omakaki Ikwe

oder die Krötenfrau

Eine schöne junge Frau lebte einsam und verlassen im

Wald, und das einzige lebende Wesen, das sie um

sich hatte, war ein treuer Hund. Doch sie konnte von

großem Glück sagen, denn jeden Morgen, nachdem

sie aufgestanden war, fand sie ein großes Stück

Fleisch vor ihrem Wigwam liegen. Da sie nun die

Neugier plagte, wer ihr dieses eigentlich bringe, so

stand sie einst sehr früh auf und bemerkte einen schönen

Jüngling, der sich langsam ihrer Hütte nahte. Sie

begegneten sich, grüßten sich – und heirateten auch

bald danach. Nach Verlauf eines Jahres waren sie

auch im Besitz eines munteren Sohnes.

Nun begab es sich einst, daß der glückliche Gatte

eines Abends nicht zur gewöhnlichen Zeit von der

Jagd nach Hause kam. Da er auch am folgenden Tag

noch nicht zurückkam, sang die ängstliche Frau ihr

Söhnlein in den Schlaf und befahl ihrem Hund, auf es

achtzugeben und es zu schaukeln, wenn es schreie.

Dann verließ sie ihre Hütte.

Doch als sie ungefähr zehn Minuten lang weg war,

hörte sie auf einmal ein heftiges Gebell ihres treuen

Hundes, worauf sie augenblicklich zurückeilte, zu

ihrem größten Schreck aber weder Hund noch Kind

vorfand. Auf dem Boden lagen zahlreiche Stücke der

reich bestickten Kinderdecke verstreut, die wahrscheinlich

der Hund bei seinem Kampf mit der berüchtigten

Omakaki Ikwe oder der Krötenfrau abgerissen

hatte; denn jene allbekannte teuflische Hexe

war es gewesen, die das Kind gestohlen hatte. Die

Mutter lief nun eilends weiter und kam in eine Hütte,

die von alten Weibern bewohnt war, die ihr mitteilten,

daß die alte Diebin soeben hier vorbeigeeilt sei. Dann

gaben sie ihr schnelle Mokassins, womit sie dreimal

so schnell laufen konnte, und zeigten ihr auch den

Weg zum Wigwam der nächsten Noko oder Großmutter.

Dort angekommen, fand sie neue Mokassins, die

noch schneller waren. Ihre alten stellte sie mit den

Zehen rückwärts zeigend vor die Tür, und sogleich

traten diese ihren Heimweg allein an.

So reiste sie lange Zeit über Berge, Felder und

Flüsse, bis ihr zuletzt eine dieser medizinenen Großmütter

sagte, daß die von ihr verfolgte Hexe nicht

weit von ihr wohne. Dabei gab sie ihr den Rat, sich

ebenfalls ein kleines Häuschen zu bauen und eine hölzerne

Schüssel vor die Tür zu stellen, die sie mit ihrer

Milch füllen sollte. Ihr erstes Kind, nämlich der

Hund, würde diese bald entdecken, sie selbst erkennen

und ihr dann sicherlich zur Rettung seines Bruders

behilflich sein.

So kam es denn auch. Sie setzte dem Hund die

Milch vor und sagte: »Sieh, mein lieber Sohn, das ist

von der Speise, wie sie dir deine rechte Mutter gab!«

Der Hund verstand sie und lief zu seinem jungen

Herrn zurück, der eben mit schwerer Beute beladen

von der Jagd nach Hause eilte. Er erzählte ihm nun

seine ganze Familiengeschichte haarklein; daß er, als

er noch in den Windeln gelegen habe, von der Krötenfrau

geraubt worden und daß jetzt seine rechte Mutter

gekommen sei, um ihn wieder zu holen.

Darauf warf der Jüngling seine Beute nieder und

sagte seiner vermeintlichen Mutter, der alten Hexe,

sie solle der armen Fremden, die dort in der Nähe

wohne, auch etwas davon abgeben. Das wollte aber

die Krötenfrau durchaus nicht; doch als ihr Sohn fest

darauf bestand, warf sie ihr mürrisch ein Stück

Fleisch vor die Tür und rief: »Hört da, fremde Frau,

das schickt Euch mein Sohn!«

Jene ließ es jedoch ruhig liegen.

Nach einiger Zeit besuchte sie auch ihr wirklicher

Sohn, dem sie ebenfalls von ihrer Milch zu trinken

gab und ihm dabei die Geschichte seiner eigentlichen

Herkunft erzählte, die ihm etwas unglaublich vorkam.

»Stelle dich krank, mein Sohn, wenn du nach Hause

kommst«, sagte sie; »und wenn dich die Hexe fragt,

was dir fehlt, so antworte, du möchtest gern die Decke

sehen, in die sie dich als Kind gewickelt habe. Dein

Hundebruder hat einige Fetzen davon abgerissen, die

ich dir jetzt zeigen will.«

Nachdem sie ihm diese gezeigt hatte, ging er nachdenklich

heim und fragte die Krötenfrau: »Sag,

warum bin ich denn so verschieden von deinen übrigen

Kindern?«

»Oh, es war gerade schönes Wetter, als du geboren

wurdest; das ist die Ursache. Aber, mein Sohn, dir

scheint etwas zu fehlen?«

»Ja, Mutter, ich möchte gern mein Wiegenzeug

einmal sehen.«

Sie ging fort und holte das ihrer anderen Kinder,

und als er damit nicht zufrieden zu sein schien, holte

sie auch die reich verzierte, an mehreren Stellen zerrissene

Decke, deren Farben genau dieselben waren,

die er an den Fetzen bei seiner echten Mutter bemerkt

hatte.

Nun tat er, als sei ihm wieder wohl, ging fort auf

die Jagd und tötete einen fetten Bären. Mit Hilfe seines

Hundebruders hob er seine Jagdbeute auf einen

dick beasteten Baum, schnitt dem Tier die Zunge heraus

und nahm sie mit nach Hause. Dort erzählte er der

Alten, daß er einen großen, mächtigen Bären erlegt

habe, ihn aber sehr weit, beinahe am Ende der Welt,

habe liegen lassen.

»Oh, es ist sicher nicht so weit, daß ich ihn heute

nicht mehr holen könnte«, antwortete sie und lief eilends

nach der angegebenen Richtung.

Als sie nun fort war, erschlugen der junge Mann

und sein Hund die vier anderen Kinder der Hexe,

stopften jedem einen Klumpen Fett in den Mund und

stellten die toten Körper aufrecht gegen die Tür. Danach

liefen sie zur rechten Mutter des jungen Mannes,

die nun schnell mit ihnen entfloh.

Die Krötenfrau hatte viel Zeit und Mühe gebraucht,

den toten Bären vom Baum herabzuholen und nach

Hause zu schleppen. »Aber warum freßt ihr eurem

Bruder sein Haarfett weg?« rief sie fuchsteufelswild

ihren Kindern entgegen; denn sie meinte, sie lebten

noch und äßen den ganzen Fettvorrat auf. Bald bemerkte

sie aber das Unheil, das die Entflohenen angerichtet

hatten, und wutentbrannt rannte sie ihnen nach.

Da sie nun ungeheuer schnell laufen konnte, so

holte sie sie auch bald ein. Der junge Mann warf ihr

einen großen Stein in den Weg, so daß sie niederstürzte;

doch da sie keinen erheblichen Schaden

nahm, war sie ihnen bald wieder auf den Fersen. Nun

warf er sein Messer hinter sich; sie fiel hinein und

verwundete sich, kam ihnen aber doch wieder nach.

Da versteckte sich denn der Hund ungesehen im Gesträuch

am Weg und fiel sie, als sie an ihm vorbeilief,

plötzlich im Rücken an und zerriß sie in tausend Fetzen.

Aus jenen Fetzen entstanden später giftige Disteln

und gefährliche Dornbüsche.

Die Fliehenden konnten nun gemächlich ausruhen,

sich in Frieden eine wohnliche Hütte bauen und ungestört

ein glückliches Leben führen.

8

Boschkwädosch

Einst lebte ein Mann ganz allein auf der Welt. Er

wußte nicht, woher er kam, nicht, wer seine Eltern

waren, und auch nicht, ob es außer ihm jemals andere

Menschen gegeben hatte. Er irrte ständig im Wald

umher, seine Augen drehten sich forschend nach allen

Seiten; was er aber eigentlich suchte, wußte er selbst

nicht zu sagen.

Als er sich einst müde und erschöpft neben eine

dicke Eiche gelegt hatte, schlief er sanft ein und hatte

einen merkwürdigen Traum. »Nokomis«, sprach eine

Stimme zu ihm, »warum bist du so trübe und traurig?

Steh auf; ich will dir helfen!«

Darauf erwachte er und sah ein winziges haarloses

Tierlein vor sich, das war doch so klein, daß man es

kaum mit den bloßen Augen sehen konnte. »Nokomis!

« schrie es mit lauter Stimme. »Hebe mich auf,

und wickle mich in deine Bauchbinde, und solange du

mich so bei dir tragen wirst, wird dir alles gelingen,

was du anfängst.«

Das tat denn auch der gute Mann, und er wanderte

darauf weiter.

Nach langem Hinundherirren entdeckte er ein gro-

ßes Dorf dicht vor sich, das von einer breiten Straße

durchschnitten war. Was ihm bei diesem hauptsächlich

merkwürdig vorkam, war, daß die Häuser auf der

einen Seite ganz mit Menschen überfüllt waren, während

die auf der anderen vollständig leer standen.

Als ihn die Bewohner sahen, liefen sie alle auf die

Straße und schrien: »Seht, das ist Anischinabo, der

Mann, von dem uns unsere Propheten erzählt haben!

Seht seine Augen, seht, wie seine Zähne im Halbkreis

stehen und wie ihm die Gedärme in seinem Bauch zusammengerollt

sind!« Es schien, als konnten jene

Leute durch seinen ganzen Körper sehen.

Mudschikihwis, der Sohn des Königs, schien besonderen

Gefallen an ihm zu finden; denn er nahm ihn

mit in das Haus seines Vaters, setzte ihm allerlei

nahrhafte Erfrischungen vor und gab ihm die schönste

seiner Schwestern zur Frau.

Die ganze Beschäftigung jenes Volkes bestand in

Jagen und Spielen, und als sich unser Held von den

Strapazen seiner anstrengenden Reise vollständig erholt

hatte, wünschte er ebenfalls daran teilzunehmen.

Doch da sollte er zuerst eine merkwürdige Frostprobe

bestehen. Er sollte nämlich mit einigen anderen jungen

Leuten eine Nacht nackt auf einem zugefrorenen

Teich vor dem Dorf zubringen. Zwei Jünglinge begleiteten

ihn hin, zogen sich dann aus, legten sich nieder

und befahlen ihm, dasselbe zu tun.

Er zog sich nun ebenfalls aus, behielt jedoch seine

dünne Binde mit dem Boschkwädosch – seinem

Schutzgeist – um den Leib, denn er wußte nur zu gut,

daß darin seine ganze Kraft bestand. Seine Gesellschafter

verlachten und verscherzten die erste Hälfte

der Nacht und schienen dabei sehnlichst das Erstarren

des Fremden zu erwarten. Aber eine angenehme

Wärme verbreitete sich aus dem Amulett des Jünglings

über seinen ganzen Körper, und als er seine Gefährten

kurz nach Mitternacht anrief, waren ihnen die

Zungen schon so steif gefroren, daß keiner ein Wort

mehr lallen konnte. Doch er blieb ruhig liegen bis

zum Tagesanbruch; dann stand er auf und rüttelte und

schüttelte sie aus Leibeskräften. Aber diese waren so

hart wie Eis; das Fleisch war ihnen unter den Nägeln

hervorgequollen, und ihre Augen standen weit aus

dem Kopf. Als er sich jedoch den Schlaf recht aus den

Augen gerieben und sie etwas genauer betrachtet

hatte, fand er zu seinem größten Erstaunen, daß sich

beide in riesige Büffel verwandelt hatten.

Er band sie nun zusammen, lud sie auf seine Schultern

und schleppte sie in das Dorf. Dort freute sich

aber nur einer aufrichtig über seine Wiederankunft,

nämlich sein Schwager Mudschikihwis, denn die anderen

hatten alle mit seinem Tod gerechnet.

Unser Glückskind legte nun seine Bürde ruhig nieder;

doch bald verschwand diese wieder vor seinen

Augen auf unerklärliche Weise, und in einem gegenüberstehenden

Haus, das vorher leer war, zeigten sich

auf einmal zwei neue Bewohner. Weitere Frostproben,

denen er sich unterziehen mußte und die einen

ähnlichen Verlauf nahmen, bevölkerten jene Straßenseite

allmählich vollständig.

Nun hatte sich unser Held auch noch der Probe des

Schnellaufens zu unterwerfen. Er fand sich auf dem

bestimmten Platz ein und begann den Wettlauf. Sein

Rivale verwandelte sich aber plötzlich in einen

Schwarzen Bären und riß den Boden hinter sich auf,

so daß er ihn natürlich in kurzer Zeit weit zurückließ.

Nun gedachte der Jüngling seines Schutzgeistes und

wünschte sich die Schnelligkeit Käkäks oder des Habichts.

Augenblicklich hob er sich in Gestalt dieses

Vogels in die Luft und erreichte das Ziel noch eine

halbe Stunde vor dem Bären.

Mudschikihwis empfing ihn wieder freundschaftlich;

den zu Tode erschöpften Bären aber, dem die

Zunge ellenlang aus dem Hals hing, schlug er erbarmungslos

mit seiner Keule nieder. Dann holte er seine

dickste Kriegskeule herbei, hielt allen Leuten, die den

Tod seines Freundes gewünscht hatten, eine donnernde

Strafpredigt und zerschmetterte sie darauf alle

ohne Gnade und Barmherzigkeit. In dem Augenblick,

wo sie niederstürzten, waren sie jedoch keine Männer

mehr, sondern Hunde, Füchse, Wölfe, Jaguare, Luch-

se, Mäuse, Ratten, Frösche usw.

Als die übrigen Bewohner des Dorfes das traurige

Schicksal ihrer Brüder erfuhren, beriefen sie eine

große Versammlung ein und unterzogen den Verlauf

der Frostprobe und der Schnelläuferei einer eingehenden

Untersuchung. Jeder strengte sein Redetalent nach

Kräften an, und nach langem Debattieren wurde denn

beschlossen, daß, da es bei der ersten Probe nicht mit

richtigen Dingen zugegangen zu sein schien, diese

noch einmal zu wiederholen sei.

Der Fremde ging abermals darauf ein, vergaß aber

an dem bestimmten Tag, seinen kleinen Schutzgeist

mitzunehmen. Da wurden denn gegen Mitternacht

seine Glieder steif wie Eisen, sein Blut hörte auf zu

zirkulieren, und als man ihn am anderen Morgen aufhob,

war er mausetot. Stolz trugen ihn nun seine Feinde

in das Dorf, wo sie mit Jubel empfangen wurden.

Der Körper wurde in ganz kleine Stücke zerschnitten,

so daß jedermann einen Bissen davon kosten konnte.

Mudschikihwis war zu Tode betrübt; seine Schwester

aß und trank nicht mehr und war wie von Sinnen.

Als sie nun einst weinend und schluchzend in der

Nacht ihres ermordeten Gatten gedachte, kam es ihr

vor, als höre sie etwas in ihrer Nähe wispern. Sie

horchte aufmerksam und fand, daß jene Stimme aus

der zurückgelassenen Bauchbinde kam. Sie wickelte

sie auf, und das kleine haarlose Tierlein kroch hervor.

Boschkwädosch war so klein und unbeholfen wie

ein neugeborenes Mäuslein, und wenn er drei Zoll

weit ging, war er so müde, daß er ausruhen mußte.

Dabei wiegte er sich aber immer hin und her und

wurde darauf allmählich immer größer, und als er auf

diese Art zuletzt die Größe eines gewöhnlichen Hundes

erreicht hatte, lief er eilends fort.

Boschkwädosch besuchte nun in seiner Hundegestalt

alle Häuser des Dorfes, sammelte alle Knochen

seines geliebten Herrn und legte diese nach ihrer natürlichen

Ordnung wieder zusammen. Bald hatte er

sie auch alle beisammen; nur ein Fuß fehlte noch, der

einer außerhalb des Dorfes wohnenden Frau geschenkt

worden war. Boschkwädosch eilte nun zu ihr

und fand sie gerade an dem bewußten Knochen nagend.

Schnell sprang er auf sie zu, entriß ihr diesen

samt ihren Backen, wonach er das Skelett komplettieren

konnte. Dann stellte er sich vor dieses und begann

so laut zu bellen, wie er nur vermochte. Da wuchsen

die Knochen allmählich fest zusammen, und Muskeln

und Fleisch bildeten sich ebenfalls daran.

Nun sah Boschkwädosch eine Zeitlang wehmütig

den Himmel an, und bald bekam unser Held wieder

Atem, konnte aufstehen und sich bewegen. »Du lieber

Himmel, ich habe mich verschlafen!« sagte er. »Wer

weiß, wie es jetzt um die Probe steht!«

»Probe?« erwiderte der Hund. »Die ist schon längst

vorbei; da denkt kein Mensch mehr dran. Du hast sie

nicht bestanden; dein erfrorener Körper ist zerschnitten

und gegessen worden, und nur meiner Kunst hast

du es zu verdanken, daß du jetzt wieder lebst. Nun

will ich dir auch zeigen, wer ich bin!«

Darauf schüttelte sich Boschkwädosch gehörig,

und sein Körper wuchs zu einem kleinen Berg; seine

Beine wurden so dick wie ein Baumstamm, sein Kopf

verlängerte sich zu einem gewaltigen Rüssel, und aus

seinem Maul kamen zwei große glänzende Zähne hervor.

Seine Haut blieb haarlos.

»Ich würde«, sagte er, »die ganze Erde füllen,

wenn ich meine ganze Kraft anwendete; aber das wäre

unklug, denn nichts vermöchte dann meinen Hunger

zu stillen. Darum will ich dir meine übrige Kraft und

meinen übrigen Einfluß über die Schöpfung verleihen,

und Vögel und Tiere sollen hinfort deine Nahrung

sein – aber meine Art mußt du verschonen!«

9

Miskwandib

oder Rotkopf und seine beiden Söhne

Miskwandib war ein tüchtiger Jäger und liebte auch

die Jagd über alles. Nun klagten ihm seine Söhne

einst, daß sie ihre Mutter immer allein ließe, wenn er

im Wald umherstreife, und daß sie ihn lieber begleiten

möchten, als sich zu Hause zu langweilen. Der

Jäger wußte dies recht gut, wollte jedoch seine Kinder

nicht wissen lassen, daß ihre Mutter den Weg der

schlechten Frauen wandle. Doch stand er am anderen

Morgen recht früh auf und verbarg sich unbemerkt in

einem nahe stehenden dichten Gebüsch.

Es dauerte nicht lange, so erschienen der Störer seines

häuslichen Glücks und seine Frau dicht in seiner

Nähe. Beide begrüßten sich auf die liebevollste

Weise, und als sie sich in der süßesten Umarmung befanden,

sprang Miskwandib aus seinem Versteck hervor

und tötete beide mit einem einzigen Keulenschlag.

Dann band er sie zusammen, schleppte sie in seine

Hütte und vergrub sie neben dem Feuerplatz.

»Jetzt, meine lieben Kinder«, sagte er darauf, »ist

es Zeit, daß ich fliehe; meine Sicherheit hängt nur

davon ab, daß ihr den ganzen Vorgang geheimhaltet.

Ich werde mich in den Himmel flüchten. Wenn jemand

kommt und nach mir fragt, so sagt ihm, daß ich

auf die Jagd gegangen sei und gegen Abend wieder

zurückkehre. Dies werden die Leute glauben und,

ohne Verdacht zu schöpfen, wieder weggehen. Auch

ihr müßt später fliehen; ich werde euch jeden Tag aus

den Wolken den rechten Weg zeigen. Wenn ihr Feuer

braucht, so legt nur einfach ein Stückchen Holz auf

die Erde, und mein Manitu wird es sogleich anzünden.

«

Darauf stieg er durch einen hohlen Baum hinauf in

den Himmel. Kurz danach erschienen zehn Männer in

seinem Wigwam und fragten die Knaben nach ihren

Eltern. »Mein Vater ist ausgegangen«, sagte der älteste,

»und meine Mutter sammelt Holz.«

Darauf entfernten sich die Männer wieder, um, wie

sie sagten, nach ihnen zu suchen. Als sie jedoch nirgends

Spuren von ihnen entdecken konnten, kamen

sie wieder zurück und bemerkten zu ihrem größten

Erstaunen, daß nun auch die beiden Knaben weg

waren, was ihnen sehr verdächtig vorkam. Auch hatte

einer der Besucher bemerkt, daß der jüngste ständig

zum Feuerplatz geblickt habe, was sicherlich etwas zu

bedeuten hatte.

Sie beschlossen nun, jene Stelle augenblicklich

einer genauen Untersuchung zu unterwerfen. Zu ihrem

größten Schrecken zogen sie auch das verbrecherische

und ermordete Paar hervor. Sie schworen nun, jene

Schandtat Miskwandibs blutig zu rächen. Auch bemerkten

sie bald die bewußte Baumhöhle, durch die

sie ebenfalls in den Himmel kletterten, während der

Geist der getöteten Mutter die Kinder verfolgte, die

nach Süden geflohen waren. Der Vater sprach ständig

mit ihnen und ermahnte sie, sich ja nicht aufzuhalten,

damit sie ihrer Verfolgerin nicht in die Hände fielen.

Doch die Knaben waren von dem ständigen Laufen

zuletzt so müde und lahm geworden, daß sie sich fast

nicht mehr bewegen konnten, und ihre Mutter war

ihnen bereits so nahe, daß sie sie eben an den Haaren

fassen wollte. Da warf der älteste schnell sein kleines

Steinmesser hinter sich, das sich augenblicklich in

eine undurchdringliche Dornenhecke verwandelte, an

der sie sich so zerriß, daß nur noch der Kopf von ihr

übrigblieb.

Am Abend warf der Vater einen brennenden Baumstamm

vom Himmel herab, damit sich die beiden

Kleinen einen Vogel braten konnten, den sie geschossen

hatten. Dabei hörten sie ständig ein grauenhaftes

donnerartiges Getöse in der Luft, das von ihrem Vater

und seinen Verfolgern herrührte.

Am folgenden Morgen, als sie aufgestanden waren

und ihre Reise fortsetzten, eilte auch der Kopf ihrer

Mutter wieder hinter ihnen her und versuchte alle

Überredungskünste, sie zum Stehen zu bringen; aber

sie horchten lieber auf die Ratschläge, die ihnen

Miskwandib von oben gab.

Am dritten Tag, als ihre Mutter sie abermals eingeholt

hatte, warf der älteste Knabe schnell einen medizinenen

oder magischen Stein weg, den ihm sein

Vater zu diesem Zweck gegeben hatte, und es bildete

sich jener hohe Felsgrat daraus, den man noch heute

in der Nähe von Sault-Ste-Marie sieht. Dieser hinderte

nun den Kopf an der Verfolgung der Knaben, so

daß diese sicher die Stromschnellen von Bawating1

erreichten. Hier erschien ihr Vater in Gestalt eines

Mama oder Spechtes und machte ihnen die traurige

Mitteilung, daß seine Feinde ihn eingeholt und getötet

hätten und daß sie von nun an Oschuckä, der mächtige

Schutzgeist, in seine Obhut nehmen werde. Darauf

sahen sie eine kolossale Gestalt inmitten der Stromschnellen,

die sich allmählich zu ihnen herüberneigte

und sie einlud, sich auf ihren Rücken zu setzen. Das

taten sie denn auch, und Oschuckä trug sie hinüber

und setzte sie sanft am anderen Ufer wieder ab.

Kurz danach kam auch die wütende Kopffrau wieder

angeflogen und verlangte von Oschuckä, ebenfalls

hinübergetragen zu werden. Aber jener Manitu kannte

ihren sauberen Charakter bereits und hielt ihr wegen

ihres unmoralischen Lebenswandels eine recht derbe

Strafpredigt, in der er sie als die alleinige Ursache des

geschehenen Unglücks hinstellte. Trotzdem aber bestand

sie hartnäckig auf ihrer Bitte, bot all ihre Liebenswürdigkeit

auf und sagte Oschuckä die süßesten

Schmeicheleien; aber der tat, als habe er ein Herz aus

Stein und Eisen, und hob sie nur unter der Bedingung,

daß sie sich von nun an nach seinen Lehren richten

wolle, auf seine Achsel, um sie so – gegen eine scharfe

Felskante zu schleudern, daß Blut, Gehirn und

Knochen nach allen vier Winden spritzten. Die kleinen

Fische des Sees fraßen diese Stückchen gierig

auf, worauf sie zu dicken Weißfischen wurden, die

sich heute noch zahlreich in jenem Wasser finden.

Nachdem darauf Oschuckä mit einem Manitu höheren

Ranges konferiert hatte, ließ er zwei blühende Mädchen

aus dem Stamm der Wässissiks kommen und

gab sie seinen beiden Schützlingen zu Frauen. Bald

erfreuten sich diese einer großen Menge hoffnungsvoller

Sprößlinge, die in verhältnismäßig kurzer Zeit

einen mächtigen Stamm bildeten, der die Ufer des

Huron- und des Ontariosees bewohnte.

Nun kam einst eine merkwürdige weißgekleidete

Gestalt in einem an einem unsichtbaren Faden hängenden

Korb vom Himmel zu ihnen herab und machte

sie in mildem Ton auf das große Unglück aufmerksam,

das der böse Schlafgeist über sie bringen würde,

wenn sie sich seiner nicht beizeiten entledigten. Sie

lud auch mehrere ein, sie hinauf in den Himmel zu be-

gleiten und die dortige Herrlichkeit in Augenschein zu

nehmen, was jedoch allen wegen des dünnen Fadens

eine viel zu gefährliche Luftfahrt zu sein schien.

Darauf nahm nun der himmlische Abgesandte Pfeil

und Bogen zur Hand und verwundete einige Rothäute

damit, zog dann aus den Wunden lange dünne Würmer

und sagte: »Seht, das ist das teuflische Gewürm,

das der Schlafgott in euer Fleisch gehext hat, um euch

zu verderben!«

Ehe die Frau nun wieder abzog, gab sie ihnen noch

folgende Lehren: »Seid wohltätig und friedfertig gegeneinander;

keiner nehme des anderen Eigentum,

sondern erwerbe sich alles in redlicher Weise!«

Das gefiel den Leuten; sie versprachen, gehorsam

zu sein und zu Ehren des großen Lehrers jährlich

einen Medizintanz zu veranstalten – ein Versprechen,

das sie auch bis heute gehalten haben.

Aber der Schlafgott war auch nicht untätig gewesen

und hatte sich unter den jungen Leuten zweifelhaften

Charakters einige Anhänger zu verschaffen gewußt,

die ihm auch einen jährlichen Tanz, den sogenannten

Wabanotanz, gelobten, der eigentlich dem Teufel gilt.

Als sich später im Lauf der Zeiten die Teilnahme

an diesem letzteren Tanz mehr und mehr verallgemeinerte

und der Einfluß der besser denkenden Männer

tagtäglich schwand, erschien jener himmlische Bote

abermals auf der Erde und verkündete folgendes:

»Hört, ihr gottlosen, sündhaften Menschen, was der

Große Geist beschlossen hat! Zuerst werden fünf

Jahre des gräßlichsten Winters kommen; Tag und

Nacht wird es schneien, und zwar so dicht, daß keiner

mehr einen Atemzug tun kann! Dann werden fünf

Jahre unaufhörlichen Regens kommen, und das Wasser

wird die ganze Erde zerstören mit allen Bäumen,

Menschen und Tieren. Dann soll die Sonne zehn

Jahre lang ihre trocknenden Strahlen aussenden und

eine neue Erde bilden, die den aus ihren Gräbern wieder

hervorgehenden guten Indianern ergiebige Jagdgründe

bieten soll. Die Bösewichter aber werden teuflischen

Geistern überantwortet werden, und dazu gehören

hauptsächlich diejenigen, die dem Wabanotanz

huldigen!«

Fußnoten

1 die Stromschnellen bei Sault-Ste-Marie am Lake

Superior oder Oberen See

10

Wäwäbisowin1

oder die Schaukel am Seeufer

Hoch oben am nördlichen Ufer des Huronsees lebte

ein altes Weib mit ihrem Sohn und dessen Frau nebst

einem kleinen Waisenknaben, den sie aus Mitleid angenommen

hatte. Ihr Sohn ging tagtäglich auf die

Jagd und brachte seiner Gemahlin stets fette Hirschlippen,

wohlschmeckende Bärennieren und sonstige

Leckerbissen mit, die sie sich dann braun und hart

röstete. Diese zärtliche Aufmerksamkeit war aber der

Alten ein Dorn im Auge, und sie beschloß daher, ihre

Schwiegertochter umzubringen.

Nahe am Seeufer stand ein großer Baum, an dem

sie mit langen Lederriemen eine Schaukel befestigte.

Dort setzte sie sich nun hinein und befahl der jungen

Frau, sie hin und her zu stoßen, was diese auch,

nachdem sie ihren Säugling dem Waisenknaben zur

Aufsicht übergeben hatte, bereitwilligst tat. Danach

mußte sie sich ebenfalls hineinsetzen, und als die

Schaukel recht weit über den See hin und her flog,

schnitt die heimtückische Schwiegermutter plötzlich

die Riemen ab, und das Opfer ihrer List stürzte hinab

in die brausenden Wellen.

Nun ging sie vergnügt nach Hause, zog dort die

zurückgelassenen Kleider der Unglücklichen an,

ahmte ihren Gang und ihre Manieren so gut sie konnte

nach und suchte das Geschrei des Säuglings mit

ihrer milchlosen Brust zu stillen. Als der Waisenknabe

darauf nach der Mutter des Kindes fragte, sagte sie

ihm, daß diese noch schaukele; sie verbot ihm aber

gleichzeitig, hinzugehen und nachzusehen.

Am Abend kam der Jäger nach Hause, und da er

bei der schlechten Beleuchtung seines Wigwams die

Alte für seine Frau hielt, übergab er ihr seiner Gewohnheit

nach die mitgebrachten Leckerbissen. Was

ihm jedoch etwas auffiel, war, daß seine Frau ihr Gesicht

soviel wie möglich zu verbergen suchte und daß

das Kleine nicht ruhig war, obwohl sie es ständig an

die Brust hielt.

Der Waisenknabe war inzwischen zum Seeufer gelaufen,

hatte aber niemanden dort gesehen, und da bei

seiner Rückkehr die Alte ausgegangen war, um Holz

zu sammeln, erzählte er dem Jäger die ganze Geschichte.

Dieser schwärzte sein Gesicht, steckte seinen

Jagdspieß in die Erde und flehte den Großen

Geist an, Donner, Blitz und Regen zu schicken und

den Wellen zu befehlen, seine arme Frau wieder an

Land zu spülen. Dann legte er sich stumm zum Fasten

nieder.

Als seine Frau ins Wasser gefallen war, hatte sie

der große Wasserjaguar in Empfang genommen, sie

mit seinem langen Schwanz in die Tiefe seiner Wohnung

hinabgezogen und dort geheiratet.

Nun begab es sich einst, daß der Waisenknabe das

kleine Kind ans Ufer setzte und zu seiner Belustigung

flache, runde Steine ins Wasser warf, als plötzlich ein

großer Wasservogel aus den Wellen tauchte, dann

dem Land zuflog und dabei immer mehr und mehr die

Gestalt einer Frau annahm, in der er zuletzt die Mutter

des Kleinen erkannte. Um ihre Lenden hatte sie

einen großen metallenen Gürtel; dies war nämlich der

Schwanz ihres Jaguargemahls, an dem er sie festhielt,

damit sie nicht etwa auf der Erde zurückbliebe. Die

Frau nahm ihr Söhnchen auf den Arm, säugte es und

sagte dem Knaben, er solle es jedesmal, wenn es

schreie, ans Ufer bringen, dann würde sie kommen

und es stillen.

Dies erzählte der Knabe seinem Pflegevater, und

als das Kind wieder schrie, ging er heimlich mit und

verbarg sich hinter einem dicken Baumstamm. Nachdem

seine Frau herausgekommen war, sprang er

schnell aus seinem Versteck hervor, zerschnitt den

Gürtel, an dem sie der Wasserjaguar festhielt, und

nahm sie mit nach Hause.

Als dies die Alte, die ihrem Sohn immer auf Weg

und Steg nachschlich, sah, machte sie sich so schnell

wie möglich über alle Berge, und es hat seit jener

Zeit niemand mehr eine Spur von ihr gesehen.

Fußnoten

1 Wäwäbisowin heißt eigentlich »schaukelnd«

11

Matschi Manitu

oder der Böse Geist

Metowäk oder, wie die weißen Leute sagen, die

Lange Insel (Long Island) war ursprünglich eine unwirtliche

Sandwüste, in die sich gewöhnlich Gitschi

Manitu, der Meister des Lebens, flüchtete, wenn er

den Plan zur Erschaffung einer neuen Kreatur aushekken

wollte. Die Insel war geräumig und durch das sie

umgebende Wasser vor jedem störenden Besuch gesichert.

Es ist allgemein bekannt, daß die ersten Tiere der

Schöpfung ganz kolossal waren und ungeheuren

Schaden an den Pflanzen anrichteten, denn sie fraßen,

um ihren Hunger zu stillen, ganze Gegenden kahl. Da

es natürlich sehr beschwerlich war, solche Riesentiere

stets in der gehörigen Zucht und Ordnung zu halten,

so war Gitschi Manitu auf die Idee gekommen, jedes

frisch gebaute Geschöpf zuerst auf der Insel zu probieren;

wenn es ihm dann nicht gefiel, so konnte er ja

leicht das Leben wieder herausnehmen und es anderweitig

benützen. Long Island bildete also seinen Arbeitstisch,

und in den zahlreichen Hügeln darauf

glaubt man noch heute Spuren verworfener Mammutmodelle

zu finden.

Hatte er ein Tier fertig, so trocknete er es gehörig

an der Sonne, öffnete es darauf wieder an der Seite

und setzte sich mehrer Tage lang hinein, damit er

dessen Bewegungen beobachten und regulieren konnte.

War er dann mit der ganzen Konstruktion zufrieden,

so ließ er das Tier zu den jenseitigen Wäldern

schwimmen, wo es sich selber weiterhelfen konnte.

Einst baute Gitschi Manitu ein furchtbar riesiges

Tier, das sich von weitem wie ein hoher Berg ansah

und alle neugierigen Manitus der ganzen Umgebung

anlockte. Die Pakwadschinnis oder Elfen schlichen

sich ebenfalls ganz nahe herbei, und einige davon

krabbelten sogar dem Monstrum hinter die Ohren

oder setzten sich in sein Maul zwischen die Zähne

oder in die Augenwinkel und glaubten, der Große

Geist, der auf der anderen Seite beschäftigt war, sähe

sie nicht. Doch da irrten sie sich sehr, denn er kann

durch alles, was er machte, geradesogut wie durch die

Luft sehen. Aber er ließ die kleinen Geisterchen ruhig

gewähren, freute sich sogar über ihre Lustigkeit und

Lebendigkeit und überdachte nebenbei noch weitere

Pläne zu neuen Gestalten.

Als er nun seine Arbeit mit viel Mühe vollendet

hatte, fürchtete er sich doch ein wenig, dem Tier

Leben einzuhauchen, und er ließ es daher vorderhand

eine Zeitlang als leblosen Koloß ruhig stehen. Bald

aber brach es unter seinem eigenen Gewicht zusammen,

und nur ein Hinterviertel, in dem sich ein geräumiges

Loch befand, blieb ganz und wurde später als

Ronkomkomon benützt, wo der Schöpfer seine mißratenen

und überflüssigen Geschöpfe hineinwarf. Er

amüsierte sich nämlich zuweilen, wenn er gerade

nichts Besseres zu tun wußte, mit dem Schaffen

schnellfüßiger Kleinigkeiten, die er, solange es ihm

gefiel, auf der Insel herumlaufen ließ, dann aber wieder

einfing und in jene Höhle schmiß.

Eines Tages nahm er einmal zwei große Tonklumpen

und formierte zwei Füße daraus, die denen der

Jaguare ähnelten. Da sich mit diesen, wie er bei der

Probe herausfand, sehr schnell marschieren ließ, ohne

daß sie Lärm verursachten, so baute er noch zwei

weitere Beine dazu, die gerade so lang waren wie die

seinigen, und ließ sie eine Zeitlang auf und ab spazieren.

Diese Bewegung stellte ihn vollkommen zufrieden,

und er fügte darauf auch noch den Rumpf daran.

Eine Schlange, die gerade vorbeikroch, hängte er der

neuen Schöpfung als Schwanz an, und weil diese

ziemlich schwer war, so hielt sie den Körper ständig

in schöner, stattlicher Stellung. Die behaarten Schultern

waren so breit und dick wie die des Büffels, der

Hals war kurz und dick.

So weit war die Arbeit ohne besondere Anstren-

gung recht gut gediehen; doch als der Kopf aufgesetzt

werden sollte, mußte erst wieder nachgedacht werden.

Aber Gitschi Manitu war auch damit bald im reinen;

er nahm einen Stierkopf dazu und klebte diesem die

Augen von außen an, damit er bequem nach allen

Seiten sehen konnte. Die Stirn machte er breit und

voll, aber auffallend niedrig; die Kinnbacken machte

er außerordentlich stark; die Nase nahm er vom

Schnabel des Adlers, und das Stachelschwein lieferte

die Skalplocke.

Inzwischen war es Nacht geworden. Zahlreiche

Fledermäuse flogen auf und ab, und das ferne Gebrüll

blutgieriger Raubtiere war vernehmbar. Den Mond

hielt eine schwarze Wolke umschlossen, und ein

brausender Wind wirbelte den leichten Sand der Insel

hoch in die Luft. Ein Jaguar ging vorbei und betrachtete

neugierig das neue Produkt des Schöpfers, das

seine Füße hatte; Schlangen krochen massenhaft herbei

und wunderten sich über den ihnen ähnlichen

Schwanz; Stachelschweine und Adler erkannten ebenfalls

ihre Körperteile und wußten sich nicht zu erklären,

warum Gitschi Manitu für diese Gestalt Fragmente

so vieler Tiere genommen habe.

Doch das Geschöpf war noch nicht fertig. Eine

große Fledermaus setzte sich aus Versehen auf den

Kopf des Großen Geistes; der Schöpfer ergriff sie, riß

ihr unbarmherzig die Flügel aus und setzte sie dem

Tier als Ohren an. Dann machte er ihm noch ein feines,

rundes Kinn, gab ihm Lippen, die den Mund

verschließen und lachen konnten, und Arme und

Hände wie die seinigen.

Nun wurde Gitschi Manitu recht traurig. Arme und

Hände hatte er nämlich noch keinem seiner Geschöpfe

gegeben, weil es zu gefährlich gewesen wäre; denn

wie leicht konnte ein solches durch seine bessere Organisation

alle anderen beherrschen oder wohl gar,

wenn er nicht ständig auf der Hut war, sie umzubringen

versuchen. Deshalb gab er auch das Leben nicht

gleich hinein, sondern vorerst nur ein starkes Feuer,

das die Gestalt trocknete und ihr ein rötliches Aussehen

verlieh. Dann erst gab er ein ganz klein wenig

Leben hinein und ließ sie einige Minuten auf der

Insel auf und ab laufen.

Das neue Werk sah so vollkommen aus, daß es im

höchsten Grad bedenklich gewesen wäre, ihm die

vollständige Freiheit zu lassen oder wohl gar das

rechte Quantum Leben zu geben; deshalb warf er es,

so schnell er konnte, in die Ronkomkomon, vergaß

jedoch in der Eile, den Lebensfunken wieder herauszunehmen.

Da lag denn nun das arme Geschöpf, das

kaum ein paar Atemzüge getan hatte, einsam unter

leblosen Bruchstücken und konnte für die erste Zeit

kein Glied rühren, denn es war abscheulich hart gefallen

und hatte die schrecklichsten Schmerzen auszu-

stehen. Doch es erholte sich wieder und fing einen

greulichen Skandal an, worauf die Manitus haufenweise

herbeiflogen, um zu sehen, was eigentlich in

der Rumpelkammer los sei.

Da erst fiel Gitschi Manitu seine Vergeßlichkeit

ein, und er gedachte nun in aller Eile die Öffnung der

Ronkomkomon mit einem Sandhaufen zu verstopfen

– aber das half nichts mehr. Die Erde zitterte und

bebte; der Himmel wurde so schwarz wie ein Rabe,

und plötzlich brach ein zischendes Feuer aus der

Höhle hervor, und jene Gestalt trat heraus und verheerte

und verwüstete alles in der Nähe.

Gitschi Manitu trat tiefbetrübt zur Seite; die Manitus

aber flohen in wilder Hast und riefen: »Matschi

Manitu der Teufel, kommt!«

12

Der kleine Geist

In einer einsamen Hütte, die weit im Norden am Ufer

eines von hohen Felsen umgebenen Sees stand, lebten

zwei arme Waisenkinder, ein Mädchen und ein

Knabe, der nicht höher als ein Grashalm war. Eines

prächtigen Wintertages sagte er zu seiner Schwester:

»Mach mir einen kleinen Ball, damit ich mir auf dem

glatten, hellen Eis die Zeit verkürzen kann!«

Die Schwester tat es auch, bat ihn aber, ja nicht

weit von ihrer Wohnung zu gehen, damit ihm nicht

ein Unglück zustoße. Der Zwerg hörte nicht darauf,

stieß in kindischer Freude den Ball rasch vor sich her

und eilte ihm ebenso schnell wieder nach.

Als er so ungefähr eine halbe Stunde lang immer

nach einer Richtung hin gelaufen war, sah er auf einmal

vier große Männer vor sich, die auf dem Eis

lagen und Fische speerten. Der eine davon drehte sich

spöttisch um und rief: »Seht doch, was da für ein

winziger Knirps herumhüpft!« Doch die anderen

kümmerten sich nicht darum und fischten ruhig weiter.

Diese Nichtbeachtung ärgerte aber den Kleinen so

fürchterlich, daß er, um sich zu rächen, dem einen

einen seiner größten Fische stahl und eilends damit

nach Hause lief. Seine Schwester kochte den Fisch,

und beide hatten nun ein treffliches Essen für den

ganzen Tag.

Am folgenden Morgen ließ der Kleine seinen Ball

wieder auf dem Eis tanzen und sah auch wieder die

vier Fischer. Da er nun das Unglück hatte, daß sein

Spielzeug in eins dieser Fischlöcher flog, so bat er

den einen freundlichst, ihm den Ball doch wieder zuzuwerfen;

der stieß ihn aber erst recht unter das Eis.

Als dies der Zwerg sah, hüpfte er flink herbei und

brach dem Fischer den linken Arm. Nun erhielt er

seinen Ball wieder und lief damit eilends nach Hause.

Die Fischer konnten ihn trotz der größten Anstrengungen

nicht einholen und beschlossen daher, das

Unglück ihres Bruders am nächsten Morgen blutig zu

rächen. Ihre Mutter riet ihnen aber, von ihrem Vorhaben

abzustehen, denn der kleine Kerl sei sicherlich

ein verkappter Manitu, der sie noch alle vernichten

würde. Doch die Fischer hörten nicht auf ihre Warnung

und gingen am anderen Tag mit ihrem verwundeten

Bruder vor die Hütte des Zwergs.

Als dessen Schwester die Männer kommen sah,

lief sie in Todesangst zu ihrem Bruder und fragte ihn

um Rat; er antwortete ihr aber kaltblütig: »Was kümmert

dich das? Geh hin und hol mir etwas Gutes zum

Essen!«

»Aber wie kann man in einem solchen Augenblick

noch Appetit haben?« erwiderte sie verwundert.

»Tu, wie ich dir sage, und laß mich für das übrige

sorgen!«

Nun gab sie ihm eine riesige Muschel mit mannshoher

Schale, und als er eben anfangen wollte, sich's

recht gut schmecken zu lassen, hoben die vier Fischer

gerade die Türdecke auf, um hereinzukommen. Als er

das sah, warf er schnell seine große Muschel in die

Türöffnung, und da seine Hütte eigentlich aus einer

Felsenhöhle bestand, so war diese nun uneinnehmbar.

Die vier zerbrachen alle ihre Werkzeuge und mühten

sich zum Sterben ab; aber alles, was sie fertigbrachten,

war ein winzig kleines Loch, an dem sie

einen halben Tag gemeißelt hatten. Der erste, der nun

seinen Kopf hindurchzustecken suchte, wurde so mit

einem Pfeil begrüßt, daß sein Gehirn im ganzen Zimmer

herumspritzte. Den anderen dreien ging es ebenso.

Da die Schwester des Kleinen sie nicht für ganz

tot hielt, so getraute sie sich nicht eher hinauszugehen,

als bis sie ihr Bruder in kleine Stücke zerhauen

hatte, die die großen Raubvögel gierig aufpickten.

Im nächsten Frühjahr machte sich der Zwerg einen

großen Bogen und mehrere Pfeile, welch letztere er

zum größten Ärger seiner Schwester alle in den See

schoß. Dann schwamm er ihnen nach und tat dabei,

als ob er am Ertrinken wäre, damit seine am Ufer stehende

Schwester recht um ihn weine und klage. Auch

rief er noch ständig: »Mämis kwonschegonä benowäkonschischin!

« Das heißt: »Großer Fischkönig,

komm und verschlucke mich!«

Der große Fischkönig ließ auch nicht lange auf

sich warten; er schwamm herbei und verschluckte

ihn. Ehe er nun im Maul jenes Fisches verschwand,

glaubte seine Schwester noch das Wort

»Mesuschkisinens« zu hören, das sie aber nicht sofort

zu deuten wußte. Nach längerem Nachdenken

meinte sie, er wünsche vielleicht einen alten Mokassin.

Sie suchte also einen hervor, band ihn an ein

Seil, warf ihn ins Wasser und befestigte das Seil an

einem nahe stehenden Baum.

Der Fischkönig war ungeheuer neugierig, was das

für ein kurioser Gegenstand sei, der dort herumschwimme,

und er bat den Knaben in seinem Bauch

deshalb um Auskunft.

»Schwimm schnell hin und friß es!« raunte ihm

dieser in die Ohren, und der alte Fisch, der als König

mehr Klugheit hätte besitzen sollen, schluckte den

alten Schuh auch wirklich hinunter. Da lächelte denn

der Kleine recht schalkhaft, ergriff mit beiden Händen

das Seil und zog sich so mitsamt seinem Fresser an

Land.

Die Schwester erstaunte ob der ungeheuren Größe

dieses Fisches, nahm aber beherzt ihr Messer und

stach ihn tot. Darauf kroch ihr Bruder wohlbehalten

aus dem Bauch und befahl seiner Schwester, das

Fleisch zu trocknen und fortan nie mehr an seinen außerordentlichen

Fähigkeiten zu zweifeln.

Das hat sie denn auch nicht mehr getan, und damit

endet die Geschichte.


Amerikanische Märchen auf 449 Seiten

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