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Kapitel 4
ОглавлениеTschibi
oder die zwei fettessenden Geister
Hoch oben am Michigansee in einer waldigen, wilden
Gegend stand einsam ein netter Wigwam, den ein biederer
Jäger mit seiner braunen Gattin bewohnte. Da
ihre kleine Hütte wenigstens sieben Sonnenuntergänge
von der nächsten entfernt war, so blieb das glückliche
Ehepaar stets von unlieben Nachbarn verschont
und lebte recht zufrieden. Da es ringsum Wild jeder
Art in Hülle und Fülle gab und er ein sicherer Schütze
war, so hatten beide vollauf zu essen und Pelze
genug, um sich schöne und warme Kleider zu machen.
Als einst an einem Abend der Jäger nicht zur gewöhnlichen
Zeit nach Hause gekommen war, erschienen
zwei fremde Frauen vor seinem Wigwam und begehrten
Einlaß. Trotzdem ihr ganzes Wesen einen unheimlichen
Charakter trug, wurden sie doch eingelassen.
Sie setzten sich scheu und zurückhaltend in eine
dunkle Ecke, verhüllten ihre Gesichter und sprachen
kein Wort.
Soweit die Frau bemerken konnte, waren sie hohl-
äugig und fleischlos. Sie zitterte und bebte vor Furcht,
und eine heisere Stimme raunte ihr zu: »Barmherziger
Gott, das sind ja zwei Skelette, in Lumpen gehüllt!«
Sie sah sich um, konnte aber niemand erblicken.
Endlich kam nun ihr Gemahl mit einem fetten
Hirsch nach Hause. Augenblicklich fielen die beiden
Geister darüber her, rissen dem Tier alles Fett aus
dem Leib und verschlangen es gierig. Der Jäger verhielt
sich ganz ruhig, denn er glaubte, die beiden
Fremden seien ausgehungert und könnten ihrem
Drang nicht widerstehen.
Aber am folgenden Tag ging es ebenso und am
dritten auch, so daß der Jäger gar nicht wußte, was er
eigentlich von diesen seltsamen Gästen denken sollte.
Sonst waren sie ganz still und benahmen sich auch
sehr bescheiden; sie lachten und scherzten nicht,
gaben überhaupt kein Sterbenswörtchen von sich. Am
Abend gingen sie jedesmal aus, suchten dürres Holz
für den anderen Tag und legten sich dann wieder geräuschlos
auf ihre bestimmten Schlafplätze nahe am
Feuer.
Wieder einmal kam der Jäger mit einem fetten
Hirsch nach Hause, dem ebenfalls wieder alles Fett
herausgerissen wurde. In der Nacht darauf fingen aber
die Fremden an zu wehklagen und jämmerlich zu
stöhnen und zu seufzen, so daß der gutmütige Mann
aufwachte und fragte: »Warum klagt ihr denn so?
Haben wir euch vielleicht beleidigt oder euch nicht
genug Speise gereicht?«
»O nein«, erwiderten sie, »wir sind mit seltener
Höflichkeit behandelt worden und weinen nicht deshalb.
Aber wir müssen fort, denn der Herr der Toten,
aus dessen Land wir kommen, hat uns nur erlaubt,
neunzig Tage auf der Erde zu wandeln, um die Menschen
zu prüfen. Ihr habt eure Probe gut bestanden;
denn ihr habt uns nicht gezürnt, als wir das viele Fett
vor euren Augen verschlangen.«
Darauf schieden sie, und der Segen, den sie hinterließen,
bestand in langem Leben, in Frieden, Gesundheit
und zahlreicher Nachkommenschaft.
31
Pakwadschininis
Einst waren alle Leute auf der Erde gestorben, mit
Ausnahme zweier kleiner Kinder; jene Kinder waren
ein Knabe und ein Mädchen, die während der allgemeinen
Sterblichkeit geschlafen hatten. Das Mädchen
erwachte zuerst, sah aber sonst niemand um sich als
seinen Bruder, der wie ein Klotz dalag und sich nicht
regte und bewegte. Nach zehn Tagen drehte er sich
stillschweigend um und schlief zehn weitere Tage auf
der anderen Seite; dann erst erwachte auch er.
Das Mädchen wuchs sehr schnell zu einer blühenden
Jungfrau heran; aber der Knabe blieb ein kleiner
Knirps, und es dauerte bei ihm ungemein lange, bis er
den Gebrauch seiner kurzen Beine gelernt hatte. Danach
machte ihm seine Schwester Pfeil und Bogen,
hängte ihm eine Muschel um den Hals und gab ihm
den Namen Wadäsäninid oder der kleine Mann mit
der Muschel.
Nun ging er täglich aus und schoß auf alles, was
ihm in den Weg lief oder in den Bereich seines Pfeils
flog. Anfänglich hatte er es hauptsächlich auf kleine
Vögel abgesehen, doch da er mit der Zeit Pfeil und
Bogen besser zu führen lernte, wagte er sich auch an
größere Tiere und entfernte sich mitunter tagelang von
seinem heimatlichen Wigwam.
Als er einst wieder einmal auf die Jagd gegangen
und an einen großen See gekommen war, sah er einen
mächtigen Riesen vor sich, der Biber fing. Der Kleine
setzte sich unbemerkt ans Ufer hin und beobachtete
seine Bewegungen. Im Vergleich mit jenem Mann
war er nicht größer als ein Insekt, und doch war er so
frech, sich leise an ihn heranzuschleichen und ihm mit
Hilfe seiner magischen Muschel einen Biberschwanz
zu stehlen.
Der Riese war am Abend ganz erstaunt, als er bemerkte,
daß einem Biber der Schwanz fehlte, da er
doch niemanden in seiner Nähe gesehen hatte. Als es
ihm am anderen Tag ebenso ging, sagte er zu sich selber:
»Ich möchte doch wissen, was das für ein vermaledeiter
Hund ist, der mir jedesmal einen Biberschwanz
abbeißt; wenn ich den erwische, soll er sich
sicherlich auf meinem Spieß zu Tode zappeln.«
Er paßte also auf, und unser Zwerg mußte nun sehr
auf seiner Hut sein, um abermals, ohne Schaden zu
nehmen, einen Schwanz wegstibitzen zu können. Als
der Riese darauf seine Ladung nach Hause brachte
und sah, daß er trotz aller Wachsamkeit doch bestohlen
worden war, fing er an, so fürchterlich zu fluchen
und zu schimpfen, daß sein ganzes Haus wackelte und
das Laub der umstehenden Bäume abfiel. Auch nicht
einmal eine Spur war ringsum von einem Tier oder
einem Menschen zu entdecken, denn Wadäsäninid
war so federleicht, daß er über das Gras wie eine
Mücke über den Schnee marschieren konnte.
Am folgenden Tag ging der Riese ein paar Stunden
früher auf den Biberfang und war schon weg, als der
Kleine ankam. Dieser eilte ihm nun nach und fand ihn
vor seiner Hütte stehen, wo er den Bibern die Felle
abzog.
»Wer bist du, kleiner Mann?« fragte ihn der Riese.
»Ich habe große Lust, dich an einen meiner Pfeile
zu stecken!«
Da machte sich denn der Zwerg, so schnell er
konnte, aus dem Staub, und der ihm nachgeschickte
Pfeil flog über seinen Kopf hinweg, ohne daß er ihm
den geringsten Schaden zufügte.
Zu Hause angekommen, sagte er zu seiner Schwester:
»Liebe Schwester, es ist Zeit, daß wir uns trennen,
denn ich werde verfolgt. Auch du mußt fliehen,
und das gleich. Sage mir, wohin du gehen willst.«
»Ich gehe dahin, Bruder, wo die Sonne aufgeht;
dort ist der schönste Teil des Himmels, den ich von
jeher geliebt habe; und wenn du zuweilen dort die
schönen glänzenden Wolken erblickst, so denke, es
ist deine Schwester, die sich bemalt hat.«
»Und ich, Schwester, ziehe hinauf auf die hohen
Berge; dort ist das Wasser klar und die Luft rein, und
ich kann dich von dort in aller Frühe an sehen. Dann
wird man mich Pakwadschininis oder den wilden
Mann der Berge nennen. Doch ehe wir scheiden, muß
ich noch einmal ausziehen, um mächtige Manitus aufzusuchen.
«
Darauf verließ er sie und bereiste die ganze Oberfläche
der Erde. Überall, wo er sich nur blicken ließ,
wurde er freundlich aufgenommen; doch als er in die
Mitte der Erde kam, ging's ihm anders. Dort saß nämlich
ein gräßlicher Manitu vor einem ewig siedenden
Wasserkessel, in den er ihn ohne weitere Umstände
hineinwarf. Zum großen Glück war jedoch sein
Schutzgeist gegenwärtig, der ihn schnell rettete und
wieder zurück zu seiner Schwester führte, der er nun
sein Unglück erzählte.
Darauf trennten sich beide. Er ging hinauf in die
wilden Berge, und seine Schwester wurde vom Wind
nach Osten geführt, wo man sie heute noch in Gestalt
des Morgensterns erblickt.
32
Bibon und Sigwan
oder Winter und Frühling
Es war Winter. Überall war es tot und öde, und das
einzige, was man hörte, war der Nordwind, der die
Bäume schüttelte und den Schnee vor sich hertrieb.
Am Ufer eines zugefrorenen Flusses stand ein halb
zerfallener Wigwam, aus dem nur noch wenig Rauch
aufstieg, denn der Greis, der ihn bewohnte, war so
schwach und erschöpft, daß er sich die Schneeschuhe
nicht mehr fest binden konnte, viel weniger, daß er
imstande war, einen Baum umzuhauen und ihn heimzuschleppen.
Als seine letzten Kohlen am Verlöschen waren und
er seiner baldigen Erstarrung entgegensah, ging plötzlich
die Tür seiner Hütte auf, und ein junger Mann
hüpfte leicht wie eine Feder herein. Seine Wangen
strahlten von Jugendfülle und Jugendkraft; aus seinen
Augen funkelte allbeglückende Liebe, und seine Lippen
umspielte ein unschuldiges Lächeln. Seine Stirn
umgab ein lieblicher Kranz von frischem Waldgras,
und in jeder Hand hielt er einen duftenden Strauß frischer
Frühlingsblumen. Alle seine Bewegungen
waren tanzend.
»O du guter, schöner Fremdling«, sagte der Greis,
»setze dich eine Weile zu mir, und erzähle mir von
dem fernen Land, aus dem du kommst. Laß uns die
Nacht zusammenbleiben, und ich werde dich auch mit
dem Geheimnis unterhalten, in dem meine Kraft besteht.
«
Darauf stopfte er dem Jüngling seine beste Pfeife,
und die Unterhaltung begann.
»Wenn ich atme«, sagte der Alte, »stehen Bäche
und Flüsse still, und ihr Wasser wird so hart und rein
wie Kristall.«
»Der Hauch meines Mundes macht Berge und
Täler grün«, erwiderte der Jüngling.
»Wenn ich meine weißen Locken schüttle, so deckt
Schnee das ganze Land, und alle Blätter fallen von
den Bäumen. Mein Atem treibt die Vögel in ein fremdes
Land, die wilden Raubtiere verbergen sich vor
ihm, und die Erde wird so hart wie Feuerstein.«
»Doch wenn ich, Großvater, meine Locken schüttle,
so ergießt sich ein belebender Regen auf die Erde;
die Pflanzen strecken ihre zarten Köpflein heraus und
sehen so munter drein wie unschuldige Kinderaugen.
Mein Ruf bringt die Vögel wieder zurück; mein Atem
taut Bäche und Ströme auf, und wohin du dann siehst,
erblickst du die reinste Freude.«
Der Alte schwieg. Allmählich ging die Sonne auf
und verbreitete eine angenehme Wärme. Rotkehlchen
und Blaumeise sangen, die Flüsse erwachten aus ihrer
winterlichen Erstarrung, und Blumen und Kräuter
schössen lustig aus der weichen Erde empor.
Der Tag zeigte den wahren Charakter des Greises
vollständig; denn als ihn der Jüngling aufmerksam
betrachtete, hatte er nur das eisige Bild Bibons vor
sich. Seine Augen tropften; er wurde immer kleiner
und kleiner, bis er sich zuletzt ganz und gar auflöste.
Auf seinem Feuerplatz erblühte die weiße Miskodid1,
eine kleine Blume, die man gewöhnlich an der Grenze
der kalten Zone erblickt.
Fußnoten
1 Claytonia virginica, die Lenzschönheit
33
Akukodschisch
oder die Familie der Ferkelkaninchen
Weit oben im Norden lebte ein weibliches Ferkelkaninchen
mit seinen Jungen in einer Höhle. Es war
Winter und sehr kalt. Da die Kleinen noch zu
schwach waren, um sie in dieser rauhen Jahreszeit vor
die Tür zu lassen, suchte die Mutter tagtäglich allerlei
Wurzeln und sonstige eßbare Dinge, die sie eben finden
konnte, damit sie nicht verhungerten.
Aber die Jungen waren sehr ungeduldiger Natur;
das Leben in der eintönigen Höhle war ihnen zu langweilig,
und sie wollten mit aller Gewalt hinaus in die
freie Natur. »Verhaltet euch doch ruhig!« rief ihnen
die Mutter zu. »Was wollt ihr denn draußen tun? Es
schneit und hagelt ja, als ob die Welt untergehen
wollte. Wartet doch, bis der Frühling kommt.«
Da sie ihnen jedoch schon seit längerer Zeit dasselbe
gesagt hatte, so argwöhnten die Kleinen irgendeine
Betrügerei; und sie hatten auch recht, denn als ihre
Mutter einst im Schlaf lag und ihr dabei der Mund offenstand,
bemerkten sie in ihren Zähnen die Überreste
zarter weißer Wurzeln, die man nur im Frühjahr fin-
det. Augenblicklich wanderten sie alle hinaus in den
grünen Wald, und als die Mutter erwachte, hatte sie
niemanden mehr um sich.
34
Opitschi
oder die Entstehung des Rotkehlchens
Ein alter Mann hatte einen einzigen Sohn namens Opitschi,
der war gerade in dem Alter, in dem der allgemeine
Brauch verlangte, sich durch Fasten eines
Schutzgeistes für das weitere Leben zu versichern.
Der Vater bildete sich viel auf seinen Knaben ein,
und da er sehr ehrgeizig war, so hoffte er ihn durch
außergewöhnlich langes Fasten dereinst zu einem berühmten
Mann zu machen, der alle seine Vorfahren an
Weisheit und Tapferkeit überträfe. Er baute ihm also
für den betreffenden Zweck eine kleine Hütte, führte
ihn hinein und sagte zu ihm: »Mein Sohn, sei standhaft
in dieser heiligen Zeit, damit sich ein mächtiger
Manitu deiner erbarme! Nach zwölf Tagen werde ich
dir nahrhafte Speisen und meinen Segen bringen!«
Opitschi legte sich ruhig hin, kehrte sein Gesicht
der Erde zu und wartete geduldig auf beglückende
Träume. Sein Vater besuchte ihn regelmäßig jeden
Tag und redete ihm von seinem künftigen Ruhm allerlei
schmeichelhafte Dinge vor, damit er seine Leiden
vergäße. Der Knabe sagte kein Wort dazu; doch am
Morgen des neunten Tages, als ihn Hunger und Durst
schon halb getötet hatten, seufzte er: »Ach Vater,
meine Träume bedeuten nichts Gutes; laß mich aufhören
zu fasten.«
Der Vater aber hatte ein Herz aus Stein und beschwor
ihn, zu gehorchen und noch weitere drei Tage
auszuhalten. Traurig nickte ihm Opitschi zu und verhüllte
sein Gesicht.
Am Abend des elften Tages wiederholte er nochmals
seine Bitte, und zwar so leise, daß sie der Vater
kaum hören konnte; aber er mußte gehorchen. Er lag
da wie ein Toter, und nur ein schwaches Atmen zeigte,
daß der Lebensfunke noch nicht ganz in ihm erloschen
war.
Als am folgenden Morgen der Vater wiederkam,
hörte er, wie sein Sohn laut mit sich selbst sprach. Er
schlich sich daher leise vor die Tür und sah durch eine
Ritze, wie er sich den Hals mit roter Farbe bemalte,
wobei er seufzte: »Mein Vater hat mein Glück als
Mensch zerstört; nur er allein ist der Verlierer und der
Leidende, denn er setzte meinen Bitten taube Ohren
und ein kaltes Herz entgegen. Aber ich bin ihm gehorsam
gewesen, und dafür werde ich auch in meinem
neuen Stand recht glücklich sein. Mein Schutzgeist ist
mächtig und gerecht.« Darauf flog Opitschi wie ein
Vogel auf die höchste Stange seines Wigwams, verwandelte
sich in ein Rotkehlchen und rief seinem un-
glücklichen Vater zu: »Bedaure nicht, was du getan
hast! Ich werde stets der Freund der Menschen sein,
werde mich stets in ihrer Nähe aufhalten, sie mit meinem
Gesang erfreuen und ihnen Frieden und Freude
bringen!«
Darauf schwang es seine Flügel und flog lustig ins
nächste Wäldchen.
35
Die himmlischen Geschwister
Wabi oder der weiße Falke war ein berühmter Jäger,
der sich seine einsame Hütte tief in einem finsteren
Wald aufgeschlagen hatte. Einst kam er auf der Jagd
in eine große Prärie, auf der er schön geformte Fußstapfen
erblickte, die er, von Neugier getrieben, weiter
verfolgte. Sein Weg führte ihn über weiches Gras und
reizende Blumen zu einem geheimnisvollen Kreis, der
das Ende seiner Reise bildete, da dort die Fußstapfen
aufhörten. Er setzte sich ruhig hinter einen dicken
Baum und wartete geduldig der Dinge, die da kommen
würden.
Bald hörte er eine süße Musik in der Luft, die
klang so schön, wie er sie von Medizinmännern nie
gehört hatte; dabei schwebte ein großer Körper langsam
der Erde zu, und je näher dieser kam, desto lieblicher
klang die Musik. Der betreffende Körper war
ein geräumiger Korb, in dem zwölf wunderschöne
Mädchen saßen, die, sobald sie auf der Erde waren,
munter heraushüpften und unter den Klängen eines
helleuchtenden Feuerballs, der wie eine Trommel geschlagen
wurde, allerlei lustige Tänze aufführten.
Obwohl sie alle in gleicher himmlischer Schönheit
erglänzten, gefiel Wabi die Jüngste doch am besten,
weshalb er sich auch gleich wie toll auf sie stürzte,
um sie zu erhaschen; aber die lieben Kinder waren
viel schneller als er; wie der Blitz saßen sie alle wieder
im Korb und segelten eilig dem Himmel zu.
Am nächsten Tag fand sich Wabi abermals in der
Nähe des magischen Kreises ein, hatte sich aber, um
die holden Mädchen zu täuschen, in ein Opossum verwandelt.
Der Korb senkte sich auch wieder herunter,
und die netten Geschwister tanzten noch anmutiger
als am Tag vorher. Wabi kroch inzwischen langsam
heran, aber sobald sie ihn bemerkten, hüpften sie wieder
in ihren Korb, und fort ging's, hinauf in die Höhe.
Das betrübte Wabi so sehr, daß er in der darauffolgenden
Nacht kein Auge zutun konnte.
Als er sich am Morgen darauf wieder in aller Frühe
an jenem Ort eingefunden hatte, bemerkte er einen
alten halbverfaulten Baumstamm in der Nähe des
Kreises liegen, der von einer Menge Mäuse bewohnt
war. Er bewunderte die kleinen schnellfüßigen Tierlein
und dachte bei sich: Eine solche Gestalt wird
nicht so leicht auffallen und von den schönen Mädchen
auch nicht weiter beachtet werden. Er schleppte
also den Baumstumpf in die Mitte des Kreises und
verwandelte sich in ein niedliches Mäuslein. Kurz danach
ertönte die Musik, und die himmlischen Geschwister
ließen sich wieder hernieder.
»Aber wo kommt denn dieser alte Baumstamm
her?« sagte die Jüngste. »Der war doch gestern nicht
da.«
Doch die anderen achteten nicht darauf, sondern
setzten sich neben ihn und schlugen mit ihren Stöcken
darauf, so daß die erschrockenen Mäuse eilig fortliefen.
Die Mädchen eilten ihnen nun nach und töteten
alle mit Ausnahme Wabis, der sich schnell seine eigentliche
Gestalt wiedergab und die jüngste seiner
Verfolgerinnen mit beiden Armen festhielt.
Als dies ihre Geschwister sahen, sprangen sie
schnell in ihren himmlischen Korb, der sie bald in Sicherheit
brachte.
Wabi war nun überglücklich und bot seine ganze
Liebenswürdigkeit auf, seiner Frau die himmlische
Heimat vergessen zu machen. Er wischte ihr in zärtlichster
Weise die Tränen aus den Augen, erzählte ihr
die interessantesten Jagdabenteuer, machte ihr aus den
feinsten Fellen ein weiches Lager in seinem Wigwam
und hatte auch mit der Zeit dafür die beseligende Genugtuung,
daß es ihr in seiner Nähe gefiel und sie ihn
ebenfalls liebte.
So verstrichen Sommer und Winter schnell, und als
der Frühling seine Blumen ersprießen ließ, blühte
auch in Wabis Wigwam ein allerliebster Knabe, der
Vater wie Mutter gleich viel Freude machte.
Aber am Herzen des Weibes nagte doch sichtlich
ein geheimer Kummer; sie war eine Tochter der Sterne,
und ihr alter Vater dort oben weinte täglich bittere
Tränen zu ihr herunter. Doch sie sagte ihrem armen
Mann nichts davon.
Als sich dieser nun einst auf der Jagd befand und
sie ihren Vater wieder laut weinen und wehklagen
hörte, konnte sie sich der Sehnsucht nicht enthalten,
ihn wiederzusehen. Sie flocht also einen magischen
Korb, tat allerlei Kuriositäten der Erde hinein, nahm
ihren Sohn an der Hand, ging damit hin in den heiligen
Kreis und ließ sich durch ihren wehmütigen Gesang
hinauf in den Himmel tragen.
Wabi hörte diesen Gesang, und da er die Stimme
sehr wohl kannte, eilte er mit Windesschnelle zurück
– aber er kam zu spät; kaum daß er sah, wie sie
von den Sterngeistern in Empfang genommen wurde.
Einsam und verlassen stand er nun da; niemand hörte
seine Klagetöne, und niemand sah seine Tränen, die
er ein ganzes Jahr lang weinte. Kein himmlisches
Wesen ließ sich mehr in seiner Nähe blicken; der magische
Kreis blieb unbesucht, und seine Frau schien
ihn unter den Freuden des Himmels auf immer vergessen
zu haben. So war es denn auch. Nur ihr kleiner
Sohn erinnerte sie zuweilen an das Leben auf der Erde
und äußerte sogar, als er größer und stärker geworden
war, einmal den Wunsch, hinabzugehen und seinen
Vater zu besuchen.
Das gefiel seinem Großvater sehr, und er erlaubte
auch seiner Tochter, mitzureisen. Darauf setzten sie
sich in den magischen Korb und ließen sich gerade
vor der Hütte Wabis nieder, der darüber vor Freude
ganz außer sich war. Sie erzählten ihm nun von den
Schönheiten der Sterne und den oberen Regionen, wo
man ihn ebenfalls zu sehen wünsche; doch solle er,
wenn er kommen wolle, von jedem Tier und jedem
Vogel der Erde irgendein Stück – entweder Fuß, Flügel
oder Kralle – mitbringen.
Wabi war's zufrieden, ging Tag und Nacht auf die
Jagd und hatte bald die verlangten Gegenstände gesammelt.
Ein magischer Korb trug ihn dann ebenfalls
in die Höhe, wo er vom Chief der Sterne äußerst
freundlich empfangen wurde. Dann wurde ein großes
Fest ihm zu Ehren veranstaltet, und der allmächtige
Gastgeber befahl allen Eingeladenen, sich ein beliebiges
Stück von einem Erdentier auszusuchen, was
denn auch geschah.
Darauf gab es denn eine ungeheure Konfusion,
denn diejenigen, die sich Flügel genommen hatten,
wurden Vögel und flogen fort; diejenigen, die
Schwänze oder Klauen erwischt hatten, wurden zu
verschiedenen Vierfüßlern, je nach dem Ursprung des
betreffenden Stückes, usw.
Wabi nahm die Feder eines weißen Falken, und
Frau und Sohn folgten seinem Beispiel. Danach flo-
gen sie herab auf die Erde und wurden die Stammeltern
des berühmten Stammes der Wabis oder der Weißen
Falken.
36
Odschig Annang
oder der Sommermacher
Am südlichen Ufer des Oberen Sees lebte ein berühmter
Jäger namens Odschig, den alle seine Nachbarn
für einen mächtigen Manitu hielten, da ihm nämlich
alles gelang, was er unternahm.
Auch sein Sohn schien viel für die Zukunft zu versprechen,
denn obgleich er erst dreizehn Jahre alt war,
machte er doch schon auf die stärksten Tiere Jagd,
und selten flog sein Pfeil am Ziel vorbei. Das einzige
nun, was diesem in der Welt nicht gefiel, war der
kalte, lange Winter alljährlich; denn da erfror er sich
stets die Finger so sehr, daß er den Bogen nicht mehr
spannen und folglich auch nichts mehr schießen konnte.
Dann saß er oft tagelang zu Hause und weinte über
den tiefen Schnee, über die anhaltende Kälte und über
die Seltenheit des Wildes in den unwegsamen Wäldern.
Eines Tages, als er sich wieder einmal vergebens
auf der Jagd müde gelaufen hatte und sich nun niedergeschlagenen
Herzens an einen Baumstamm lehnte,
bemerkte er ein rotes Eichhörnchen vor sich, das be-
gierig an einem Tannenzapfen nagte.
»Mein Enkel«, sagte das Tierlein zu ihm, »töte
mich nicht, sondern merke auf meine Worte. Ich habe
deine Klagen gehört und deine Tränen gesehen und
kenne auch deinen heißesten Wunsch: Du sehnst dich
nämlich nach dem Sommer. Wohlan denn! Wenn du
meinem Rat folgst, so wirst du dich des ewigen Sommers
erfreuen und Vögel und Tiere in Hülle und Fülle
zu schießen haben; auch ich, da ich nahe am Verhungern
bin, werde mich dann stets zu sättigen wissen.
Höre also: Sobald du nach Hause kommst, wirfst du
Pfeil und Bogen unwillig weg, legst dich weinend in
eine Ecke und weist jede Speise und jeden Trank mürrisch
zurück. Wenn dich deine Mutter fragt, so antwortest
du ihr nicht. Dann wird dich dein Vater bitten,
ihm doch mitzuteilen, was dir fehle, und dir auch
zugleich sagen, daß er dir sicherlich helfen könne, da
er ein mächtiger Geist sei. Darauf erzählst du ihm in
gebrochenen Worten, daß du deshalb so traurig seist,
weil die Kälte so anhalte und der Schnee nicht wegschmelze,
und bittest ihn dann um den ewigen Sommer.
Dann wird er dir sagen, daß er, obgleich dies
eine harte Arbeit sei, sein möglichstes zur Erfüllung
deines Wunsches tun wolle.«
Hier hielt das Eichhörnchen inne. Der Knabe versprach,
seinen Rat zu befolgen, und er tat es auch.
»Du verlangst viel von mir, mein Sohn«, sagte Od-
schig; »aber bei meiner großen Liebe zu dir kann ich
dir nichts abschlagen, obwohl ich wegen des Erfolgs
im Zweifel bin.«
Am folgenden Tag veranstaltete Odschig ein großes
Fest und lud alle seine Freunde dazu ein. Sie erschienen
auch alle recht pünktlich, taten sich am fetten
Hirsch- und Bärenfleisch gütlich und versprachen
ihm, an seiner Reise teilzunehmen – ein Versprechen,
das sie auch nach drei Tagen wirklich erfüllten.
Als sie sich nun zwanzig Tage auf der Wanderschaft
befanden, kamen sie an den Fuß eines Berges
und erblickten dort die Fußstapfen eines Menschen
und die Blutstropfen eines frisch getöteten Wildes. Da
sie sehr hungrig und erschöpft waren, so folgten sie
jenen Spuren in der Hoffnung, irgendeine mitleidige
Menschenseele zu finden, die sie zur Fortsetzung ihrer
Reise stärken sollte. Bald sahen sie auch eine kuriose
Hütte vor sich, und Odschig riet seinen Begleitern,
sich beim Hineingehen ja recht ernst zu verhalten und
beileibe nicht zu lachen.
Diese Ermahnung war übrigens auch sehr nötig,
denn an der Tür stand ein Mensch von so merkwürdiger
Figur, daß sie im Zweifel waren, ob sie ihn überhaupt
zur Menschenrasse rechnen sollten. Sein Kopf
war ganz abscheulich groß und häßlich, die Zähne
standen ihm nach auswärts, die Augen waren vierekkig,
und Arme hatte er gar keine. Alle wunderten sich,
wie dieser Mensch Tiere töten könnte. Doch dieses
Geheimnis klärte sich bald auf.
Der Alte lud darauf alle freundlichst ein, bei ihm zu
übernachten, und kochte ihnen ein treffliches Mahl in
seinem hölzernen Topf. Doch beim Herumreichen des
Fleisches machte er solche possierliche Bewegungen,
daß sich einer namens Otter des Lachens nicht enthalten
konnte und laut damit herausplatzte.
Der Alte sah ihn wütend an, sprang mit einem Satz
auf und suchte ihm den Kopf einzutreten. Aber Otter
war auch sehr flink, schüttelte den bösen Manitu ab
und entfloh durch die offene Tür. Die anderen verbrachten
die Nacht in angenehmster Unterhaltung,
und der Alte versicherte Odschig, daß er ihm zur Erreichung
seines Zweckes behilflich sein wolle, obgleich
es ihn unzweifelhaft das Leben kosten würde.
Am anderen Morgen zeigte er ihnen den Weg, auf
dem sie auch bald den unglücklichen Otter wieder antrafen,
der beinahe verhungert war. Odschig hatte aber
glücklicherweise heimlich ein Stück Fleisch eingesteckt,
so daß er nun seinem Freund doppelt willkommen
war.
Nun reisten sie abermals zwanzig Tage lang weiter
und ließen sich dann auf einem hohen Berg nieder,
von dem ihnen der Alte vorher erzählt hatte. Sie
stopften sich gemütlich ihre Pfeifen, verneigten sich
der Sitte gemäß gegen alle vier Himmelsgegenden
sowie gegen die Erde und den Himmel und baten
dabei inbrünstig den Großen Geist um Erfolg. Dann
fingen sie an zu rauchen.
Der Himmel schien auf dieser hohen Bergspitze so
nahe zu sein, daß es ihnen vorkam, als könnten sie
mit Leichtigkeit hineinspringen. »Odschig«, sagte
Otter, »laß uns doch einmal versuchen, ob wir kein
Loch hineinmachen können.«
Odschig nickte und bat ihn, gleich den Anfang zu
machen. Otter sprang also hinauf, konnte aber oben
unglücklicherweise keinen Halt fassen und fiel besinnungslos
den Berg hinunter. Als er seine Lebensgeister
wieder gesammelt hatte, dachte er: Das ist das
letztemal, daß ich einen solchen Todessprung unternehme,
und er begab sich allein auf den Heimweg.
Nun kam die Reihe an Biber, dem ging's aber ebenso,
und Luchs und Dachs erlitten dasselbe Schicksal.
»Vielfraß«, sagte darauf Odschig, »ich verlasse
mich auf deine Geschicklichkeit und Behendigkeit;
springe du nun.«
Vielfraß tat's, aber sein Sprung war erfolglos; doch
verlor er den Mut nicht und sprang zum zweitenmale,
und die Himmelsdecke gab ein wenig nach. Dann
sammelte er alle seine Kräfte zum letzten Sprung, der
vollständig gelang; der Himmel bekam ein Loch, und
beide marschierten mutig hinein.
Dort fanden sie sich auf einer großen, weiten
Ebene, die so weit, wie ihre Augen reichten, über und
über mit den herrlichsten Blumen bedeckt war. Die
Ströme enthielten das klarste Wasser; ihre Ufer wimmelten
von allerlei prächtigen Tieren, und von den
hohen Bäumen ertönten die anmutigsten Lieder lieblicher
Singvögel. Aber die allerschönsten Vögel flogen
nicht frei umher, sondern waren in große Käfige gesperrt,
die vor den Häusern der Himmelsbewohner
hingen. Als Odschig dies bemerkte, wurde er so ärgerlich,
daß er jeden Käfig ohne weiteres öffnete und
die Vögel durch das himmlische Loch entfliehen ließ.
Auch die warme Himmelsluft verflüchtigte sich allmählich
durch jene Öffnung; es fing an, oben empfindlich
kalt zu werden, und die Leute flüchteten
ängstlich in ihre warmen Wohnungen. Doch das half
gerade soviel, als wenn der verfolgte Strauß seinen
Kopf in den Sand steckt, und einige klügere Leute liefen
so schnell wie möglich zu jenem Loch, um es zuzustopfen
und zu retten, was noch zu retten sei. Aber
es war damit beinahe zu spät; Frühlings-, Herbst- und
Sommerluft waren schon entwichen, ja sogar die
Hälfte des ewigen Sommers war schon weg, ehe sie
das Unglücksloch erreichten.
Vielfraß, der die wütenden Leute noch zur rechten
Minute kommen sah, gewann in aller Eile soviel Zeit,
um glücklich durchzubrennen. Odschig aber war nicht
so glücklich; das öffnen der vielen Vogelkäfige hatte
ihn so in Anspruch genommen, daß er weder hörte
noch sah, was um ihn vorging, und als er zur Öffnung
kam, war diese bereits verstopft.
Wie ein gehetztes Wild rannte er nun über die endlosen
Ebenen des Himmels und mußte zuletzt, da ihn
seine Feinde zu hart bedrängten, auf einem dicken
Baum Schutz suchen. Die Pfeile der Angreifer pfiffen
ihm zu Hunderten um die Ohren; viele trafen ihn
auch, verwundeten ihn aber nicht, da sein Körper, mit
Ausnahme der Schwanzspitze, unverwundbar war.
Doch gegen Abend hatte er das große Unglück, an
der bezeichneten Stelle getroffen zu werden. Er sah
herunter, und da er zufällig einige Leute seines Totems
– des Fischtotems nämlich – bemerkte, so bat er
sie kläglich, doch von der Verfolgung abzulassen,
was sie denn auch mit Anbruch der Nacht taten.
Odschig kletterte nun herab und suchte nach einem
besseren Zufluchtsort, fand aber leider keinen. Seine
Schwanzwunde schmerzte ihn unsäglich, denn sie war
tödlich, weshalb er sich zum Sterben bereit hinlegte
und seufzte: »Mein Sohn, ich habe mein Versprechen
erfüllt, aber es hat mein Leben gekostet. Doch ich bin
zufrieden und sterbe gelassen, denn ich habe nicht allein
dir, sondern allen Menschen und Tieren der Erde
Gutes gestiftet, und diese werden sich jährlich nur
noch wenige Monate über Schnee und Kälte zu beklagen
haben.«
Am anderen Morgen fand man ihn tot mit einem
Pfeil im Schwanz, und seit jener Zeit erblickt man das
Zeichen des Fisches am Sternenhimmel.
37
Schihm
oder der Wolfsbruder
Auf dem See lag Totenstille; nicht der leiseste Windhauch
spielte zwischen den Blättern der Waldbäume,
und weder Vogel noch Tier regte sich. Das einzige,
was man hörte, waren schwere, tiefe Seufzer, die aus
einem einsam stehenden Wigwam kamen, wo ein alter
Jäger in den letzten Zügen lag. Alle Künste der Medizin
waren erschöpft, und Weib und Kinder, die weinend
sein kümmerliches Pelzlager umstanden, erwarteten
mit jeder Minute die Abfahrt des Geistes und
hatten deshalb schon die Tür geöffnet, damit er unbehindert
hinaus könne.
Doch der Kranke fühlte sich durch die hereinströmende
frische Luft etwas gestärkt, richtete langsam
den Kopf auf und sprach: »Meine lieben Angehörigen,
ich lasse euch jetzt in einer Welt voll Hunger und
Sorgen zurück, die schwere Forderungen an euch stellen
wird. Meiner betagten Gemahlin wegen ist mir
nicht bange, denn ihre Tage sind gezählt, und sie wird
mir bald nachfolgen. Aber wer wird der Führer meiner
armen Kinder sein, die kaum ins Leben gesehen
haben? Mißgunst, Undankbarkeit und jede erdenkliche
Schlechtigkeit harren ihrer. Deshalb hatte ich
mich vor vielen Jahren von meinem Stamm getrennt
und war hierher in die Einsamkeit gezogen, damit ich
das wilde Kriegsleben mit ungestörter Ruhe vertauschen
konnte. Jetzt ist mein Leben zu Ende, und ich
werde meine Augen in Frieden schließen, wenn ihr,
meine Kinder, mir feierlich gelobt, euch lebenslang
gegenseitig zu lieben, eure alte Mutter nicht darben
und euren jüngsten Bruder nicht hilf- und schutzlos
zu lassen.«
Darauf sank er tot nieder, und Mutter und Tochter
trafen weinend die nötigen Anstalten zur Beerdigung.
Der älteste Sohn griff rüstig zu den Waffen seines Vaters
und hatte auch Erfolg damit. Nach sechs Monaten
schon starb die Mutter, und die Kinder hatten auch ihr
vorher geloben müssen, dem Wunsch ihres Vaters
gemäß zu leben.
Der Winter ging vorüber, und der Frühling erschien
mit seinen mannigfachen Freuden. Der älteste
Junge ging täglich auf die Jagd, die Schwester besorgte
den Haushalt und pflegte ihren schwächlichen Bruder.
So lebten sie zufrieden und ruhig; aber dem Ältesten
behagte diese Einsamkeit doch nicht, denn er
sagte eines Tages zu seiner Schwester: »Höre, unser
Leben ist ein wenig zu langweilig, und ich habe große
Lust, in die weite Welt zu wandern und die Dörfer
und Städte der anderen Menschen aufzusuchen.«
»Das wäre unrecht von dir«, erwiderte das Mädchen,
»denn wir haben unseren Eltern versprochen,
stets beieinander zu bleiben und hauptsächlich unseren
schwächlichen Bruder nicht zu vernachlässigen,
der doch unsere Hilfe so sehr benötigt.«
Der Knabe hörte diese Worte stillschweigend an,
griff dann nach Pfeil und Bogen und ging fort, ohne
wiederzukommen. Da wurde denn auch die Schwester
des einsamen Lebens überdrüssig und sehnte sich
ebenfalls nach größerer Gesellschaft. Sie suchte für
den Kleinen so viele Lebensmittel zusammen, als sie
nur finden konnte, packte ihre Siebensachen zusammen
und verließ unter dem Vorwand, daß sie zu
ihrem Bruder gehen wolle, den elterlichen Wigwam.
Sie verheiratete sich bald und vergaß ihren kränklichen
Bruder gänzlich.
Als dieser den zurückgelassenen Vorrat aufgegessen
hatte, ging er traurig im Wald umher und suchte
sich Beeren und eßbare Wurzeln; als aber der Winter
mit seinen Schrecken kam und überall tiefer Schnee
das Land bedeckte, war er gezwungen auszuwandern
und sein ferneres Leben dem Zufall zu überlassen. Er
brachte die Nächte in hohlen Bäumen zu und suchte
sich bei Tag solche Knochen, an denen die Wölfe
noch etwas Fleisch gelassen hatten. Dadurch wurde er
mit den Wölfen so vertraut, daß er sich getrost in ihre
Nähe wagte und später sogar mit ihnen zusammen aß
und wohnte.
Die Wölfe gewannen ihn mit der Zeit recht lieb und
versorgten ihn reichlich mit allem, was er brauchte,
und als der belebende Frühling wieder erschien, nahmen
sie ihn mit ans nahe Seeufer.
Gegenüber stand der Wigwam seines ältesten Bruders.
Jener Jäger befand sich eben auf der Jagd, als er
plötzlich das Schreien eines Kindes – seines verlassenen
Brüderleins – hörte. »Nisia, Nisia!« rief der Kleine.
»Scheikwuh gusu nei mei in kwun iw!« Das heißt:
»Mein Bruder, mein Bruder! Sieh her, wie ich zum
Wolf werde.«
Und das wurde er auch richtig. Seine Stimme klang
wie die eines Wolfs, sein Körper wurde behaart, und
an seinem Hals wuchsen noch zwei weitere Beine heraus.
Sein Bruder, der ihn gleich erkannte, lief so schnell
wie möglich zu ihm; doch als er bei ihm ankam, war
er bereits zum vollständigen Wolf geworden und verschwand
als solcher im Dickicht des Waldes.
38
Mitscha-Makwe
oder der Krieg mit dem Riesenbären, der den
Wampumgürtel besaß
Hoch oben im Nordwesten lebte ein großer Magier
namens Jamo mit seiner Schwester, die außer ihm nie
ein anderes menschliches Gesicht gesehen hatte. Jamo
führte ein recht bequemes Leben; auf der Jagd brauchte
er sich nicht hungrig und müde zu laufen, denn
wenn ihm Fleisch mangelte, so steckte er einfach am
Abend einige Pfeile vor seinem Wigwam in den
Boden, und am anderen Morgen fand seine Schwester
an jedem davon ein fettes Tier stecken.
Eines Tages sagte Jamo: »Schwester, ich ahne, daß
die Zeit nicht mehr fern ist, in der du krank werden
wirst, deshalb beachte meinen Rat: Nimm einige notwendige
Geräte zu dir und mache dir irgendwo im
Wald ein Feuer an. Wenn du Fleisch brauchst, so will
ich dir zeigen, wo welches ist; wenn du unwohl bist,
so meide meine Wohnung und bringe auch nichts von
deinen Sachen hinein. Was mich anbelangt, so werde
ich alles für dich tun, was ich kann; doch wenn du
meinem Rat nicht folgst, so ist dies mein Tod.«
Sie versprach, ihm zu gehorchen. Kurze Zeit danach,
als ihr Bruder einmal ausgegangen war, um dem
Gesang der Vögel zu lauschen, und sie ihr langes
Haar kämmte, nahte jener Augenblick, von dem er gesprochen
hatte. Gleich lief sie aus der Hütte, vergaß
jedoch in der Eile ihren Gürtel mitzunehmen. Als sie
dies später bemerkte, stand sie eine Zeitlang unschlüssig
da und wußte nicht recht, ob sie wieder umkehren
oder den Gürtel im Stich lassen sollte. Doch,
dachte sie, mein Bruder ist ja nicht da und sieht mich
nicht; ich kann ihn also holen.
Das tat sie denn auch, und kurz darauf kam der
Bruder. Er wußte gleich, was ihr fehlte, und rief weinend:
»O Schwester, jetzt hast du mich getötet; es ist
nun einerlei, ob du gehst oder bleibst.«
Dann legte er sein Jagdgewand ab und setzte sich
traurig in die Ecke. Bald fingen seine Füße und Beine
an zu schwellen, so daß er sich nicht rühren konnte.
Die Geschwulst verbreitete sich allmählich über den
ganzen Körper, und er fühlte sein Ende herannahen.
Da sagte er zu seiner Schwester: »Dort in jenem
Winkel hängen mein Medizinsack und meine Streitaxt,
die sehr scharfe Ecken hat. Sobald die Geschwulst
meine Brust erreicht hat, schlägst du mir
damit den Kopf ab, steckst ihn dann in jenen Sack,
den du aber etwas offen lassen mußt, und dann hänge
mich mit dem Kopf so, daß ich stets die Tür sehen
kann; und vergiß auch nicht, Pfeile und Bogen in
meine Nähe zu legen. Behalte nur einen Pfeil für dich;
er wird dir schon genug Lebensmittel verschaffen.«
Die Schwester versprach, seinem Willen nachzukommen,
doch fürchtete sie sich ein wenig, als der bezeichnete
Moment kam. Aber der Bruder lächelte ihr
Mut zu, und mit einem gewaltigen Hieb wurde der
Kopf vom Rumpf getrennt. Danach hängte sie ihn an
den besagten Ort, wo er immer aus seinem Sackloch
hervorsah, als ob er noch lebe. Das war übrigens auch
der Fall, denn er sprach sogar ständig mit seiner
Schwester, unterhielt sich über allerlei, gab ihr mancherlei
Ratschläge und erzählte ihr auch, daß ihm
noch verschiedene weitere unangenehme Schicksale
bevorständen, die ein mächtiger Manitu, dessen Willen
er sich beugen müsse, über ihn verhängt habe. –
Lassen wir ihn nun einige Minuten hängen.
In einer waldigen Gegend des Nordens hatte sich ein
kriegslüsternes Volk niedergelassen, das mit allen
Nachbarstämmen in ständigem Kampf und Streit lag.
Zu jenem Stamm gehörte auch eine Familie, die aus
zehn kräftigen Männern bestand. Der jüngste davon
hatte erst kürzlich sein Gesicht geschwärzt, sich zum
Fasten hingelegt und dabei außergewöhnlich günstige
Träume gehabt.
Als er diese seinen anderen Brüdern erzählte, er-
kannten sie darin die Fingerzeige des Kriegsgottes
und wünschten unter seiner Anführung einen Kriegszug
zu unternehmen. Darauf setzten sie sich nieder,
sangen ihre wilden Lieder und schlugen ihre weithin
hallenden Trommeln dazu. Der drittälteste davon, mit
Namen Mudschikihwis – bekannt durch seine Dummheit
und Hanswursterei –, nahm eine dicke Keule, zerschmetterte
damit den dicksten Pfosten der Hütte und
rief: »Seht, so wird es allen Feinden meines jüngsten
Bruders ergehen!«
Doch von dieser Heldentat wurde weiter keine
Notiz genommen.
»Ihr müßt euch«, sagte der jüngste Bruder darauf,
»im geheimen vorbereiten, so daß eure Weiber nicht
merken, was ihr vorhabt.«
Das versprachen sie denn auch alle; Mudschikihwis
wie gewöhnlich zuerst. Dann wurde eine bestimmte
Nacht festgesetzt, in der sie sich zur Abreise
versammeln sollten.
Als diese Zeit erschien, sagte Mudschikihwis zu
seiner Frau: »Hol mir schnell meine neuen Mokassins
herbei, denn du mußt wissen, daß ich den Kriegspfad
betreten will.«
So verriet er also das Geheimnis.
Bei ihrer Abreise schneite es, so daß man ihre Spuren
deutlich sehen konnte. Da machte denn der Anführer
einen großen Schneeball, warf ihn in die Luft
und rief: »Seht, solche Schneeflocken sah ich in meinen
Träumen fallen!« Und bald fielen auch wirklich
Flocken von dieser Größe.
So schneite es nun einen ganzen Tag und eine
ganze Nacht; die Brüder hielten sich stets nahe beisammen,
damit sie sich bei diesem Unwetter nicht aus
den Augen verlören. Mudschikihwis war dabei stets
der letzte. Doch einst lief er hastig an die Spitze, ließ
den wilden Kriegsruf ertönen, spaltete mit seiner
Keule einen dicken Baumstamm und rief: »Brüder, so
will ich unsere Feinde zerschmettern!«
»Langsam, langsam, Mudschikihwis«, sagte der
Anführer; »mit dem Feind, den ich dir vorführen
werde, wirst du nicht so leicht fertig werden.«
Darauf blieb Mudschikihwis allmählich wieder zurück;
sein Gesicht zog sich bedenklich in Falten, und
er wünschte heimlich, daß er lieber zu Hause geblieben
wäre.
Nachdem sie noch einige Tage lang weitergewandert
waren, kamen sie auf eine große Ebene, an deren
Grenze die menschlichen Knochen haufenweise umherlagen.
»Das sind«, sagte der jüngste Bruder, »die
Gebeine derjenigen, die vor uns hierher gekommen
sind.«
Mudschikihwis wurde nun immer unruhiger, doch
um seine Furcht die anderen nicht merken zu lassen,
ließ er abermals den Kriegsruf ertönen, zerschmetterte
einen mächtigen Felsen am Weg und rief: »Brüder, so
werde ich unsere Feinde zermalmen!«
Aber der Anführer erwiderte: »Dieser Fels hält mit
unserem Feind keinen Vergleich aus!«
Nun wurde Mudschikihwis noch ängstlicher zumute;
was das für ein furchtbarer Feind sein müsse,
konnte er sich gar nicht erklären.
Inzwischen waren die Brüder auf einer kleinen Anhöhe
angelangt, von wo aus sie auf einem gegenüberliegenden
Berg den schlafenden Mammutbären entdeckten.
Obwohl die Entfernung bedeutend war, so
konnten sie das Riesentier noch ganz deutlich erkennen.
»Seht«, sagte darauf der jüngste, »dort liegt der
Feind, dem ich euch entgegenführe; es ist Mitscha-
Makwe oder der große Bär mit dem kostbaren Wampumgürtel,
dem schon so mancher tapfere Kämpfer
sein Leben geopfert hat. Doch fürchtet euch nicht,
denn meine Träume haben mir den Sieg verkündet!«
Da der Bär sehr fest schlief, so konnten sie sich unbemerkt
heranschleichen und sogar der Reihe nach
probieren, ihm den heiligen Wampumgürtel über den
Kopf zu ziehen, was sie jedoch nicht fertigbrachten.
Der jüngste zog ihn glücklich bis zum Kopf, aber
drüberbringen konnte er ihn nicht. Da halfen ihm
denn die anderen zusammen aus Leibeskräften ziehen,
und das Werk gelang. Dann packte der Stärkste den
heiligen Schatz auf die Schulter, und dann liefen sie
fort, so schnell, wie sie ihre Beine nur tragen konnten.
Der Bär schlief noch immer; doch als die Abenteurer
die Knochenhaufen erreicht hatten, sahen sie, wie
er sich langsam erhob und seinen Verlust bemerkte.
Bald ertönte auch seine Donnerstimme, und die Erde
krachte unter seinen Sprüngen.
Die Brüder suchten sich nun gegenseitig Mut zuzusprechen,
und der jüngste fragte: »Hat denn keiner
von euch je von einem guten Manitu geträumt, der
ihm versprochen hat, zur Stunde des Unglücks Hilfe
und Schutz zu gewähren?« Doch es erfolgte keine
Antwort. »Gut«, sprach er weiter; »ich habe kürzlich
im Traum eine rauchende Hütte gesehen, in der ein
alter Mann wohnte, der mich beschützte.«
Dieser Traum bewahrheitete sich nun auch bald,
denn die Hütte mit dem alten Bewohner stand plötzlich
vor ihnen. »Memescho«, sagte der Führer, »gewähre
uns Schutz, denn ein mächtiger Bär verfolgt
uns.«
»Seid unbesorgt«, erwiderte der Alte freundlich;
»laßt euch nur ruhig nieder, denn es gibt keinen
mächtigeren Manitu auf der ganzen Erde, als ich bin.«
Darauf stellte er ihnen Speise und Trank vor und
ging vor die Tür, um sich seinen Feind einmal anzusehen.
»Ja, meine Kinder«, sagte er, als er wieder hereintrat,
»das ist wahrhaftig ein kräftiger und gefährli-
cher Manitu, der mir zu schaffen machen wird. Aber
ich habe euch einmal meines Schutzes versichert und
werde auch mein Wort halten, und wenn es mich mein
Leben kostet. Wenn jetzt der Bär vor die Hütte
kommt, so entschlüpft ihr durch die Hintertür und laßt
mich dann für das übrige sorgen.«
Darauf öffnete er seinen großen Medizinsack und
nahm zwei kohlschwarze Hunde heraus, die er gewöhnlich
brauchte, wenn er Krieg führte. Er streichelte
sie, wodurch sie allmählich so groß wurden, daß sie
zuletzt die ganze Hütte ausfüllten. Ihre Knochen wurden
so fest wie Feuerstein und ihre Zähne so lang und
so spitz wie Wurfspieße. Sie sprangen dem Bären
entgegen, und es entspann sich ein so schrecklicher
Kampf, daß Himmel und Erde erdröhnten und Sonne
und Mond herunterzufallen drohten.
Die zehn Brüder hatten sich glücklich durch die
Hintertür in Sicherheit gebracht. Bald aber hörten sie
den Todesschrei des einen Hundes, dem auch kurz danach
der des anderen folgte. Auch der alte Manitu
wurde getötet, und der Bär holte darauf die Fliehenden
in kurzer Zeit wieder ein.
»Kann denn keiner etwas zu unserer Rettung tun?«
fragte der jüngste Bruder wieder; doch er erhielt keine
Antwort. »Nun«, fuhr er fort, »ich habe im Traum
einen mächtigen Manitu gesehen, der mir half, und
ich glaube, dort steht seine Hütte.«
So war es denn auch.
»Kinder«, sagte der Alte, »kommt herein, eßt und
trinkt, und seid nicht ängstlich, denn es gibt keinen
stärkeren Manitu auf der ganzen Welt, als ich bin!«
Sie gingen auch hinein und setzten sich nieder, und
bald zitterten alle Pfosten des Wigwams von den gewaltigen
Sprüngen des Bären.
»Wahrhaftig«, sagte der Alte, zur Tür hinaussehend,
»dieses Tier wird mir den Angstschweiß heraustreiben.
Sobald der Bär kommt, entflieht ihr durch
die Hintertür, damit ihr bei unserem Kampf keinen
Schaden nehmt.«
Darauf holte er seinen großen Medizinsack herbei
und nahm seine Kriegskeulen heraus, die in seinen
Händen immer größer und größer wurden. Dann trat
er damit vor die Tür und versetzte dem Bären einen so
kräftigen Schlag, daß die eine Keule in tausend Stükke
sprang. Nun nahm er die andere und versetzte dem
Bären abermals einen furchtbaren Schlag, worauf dieser
besinnungslos zu Boden stürzte. Aber er erholte
sich bald wieder und setzte den Kampf mit erneuten
Kräften fort. Bald verkündete ein gellender Schrei den
Fliehenden, daß ihr Schutzgeist sein Leben für sie geopfert
hatte, und kurz darauf war der Bär auch schon
wieder dicht hinter ihnen.
»Ach«, klagte der Anführer, »meine Träume sind
nun bald erschöpft, und wenn wir uns nicht schnell in
Sicherheit bringen, so sind wir verloren. Ich sehne
mich jetzt nach einem großen, tiefen See, an dessen
Ufer ein geräumiges Kanu mit zehn Rudern steht.«
Es kam wieder so; sie setzten sich in das Schifflein
und fuhren ab. Der Bär stand eine Weile unschlüssig
am Ufer und überlegte, was hier zu tun sei. Er versuchte
hineinzuwaten, aber seine Beine waren zu
kurz. Danach wollte er schnell auf die andere Seite
des Ufers laufen, doch die zehn waren klug und blieben
stets in der Mitte des Sees.
Nun blieb ihm kein anderes Mittel übrig, als den
ganzen See auszusaufen. Er öffnete seinen Rachen
himmelweit, und das Wasser strömte so reißend in
diesen hinein, als liefe es in einen bodenlosen Abgrund.
Die Brüder gaben sich alle mögliche Mühe, schnell
ans andere Ufer zu kommen, aber die Strömung war
zu stark und trieb sie pfeilschnell dem Bärenmaul zu.
»Mudschikihwis«, rief der jüngste Bruder, »jetzt ist
es Zeit, deinen Mut und deine Kraft zu zeigen. Setz
dich vorn an die Spitze des Kanus und versuche,
wenn wir nahe genug sind, deine Keule am Hirnschädel
des Bären.«
Mudschikihwis folgte und versetzte ihm auch wirklich
einen solchen Schlag, daß er ohnmächtig hin und
her taumelte. Doch als er gerade zum zweiten Schlag
ausholen wollte, gab der Bär plötzlich das gesoffene
Wasser wieder von sich, und sie wurden mit ihrem
Kanu mit Blitzesschnelle ans andere Ufer getrieben.
Dort verließen sie das Boot und liefen weiter.
Doch bald war ihnen der Bär wieder auf den Fersen,
und der Jüngste seufzte: »Ach, jetzt kommt mein
letzter Traum, in dem mir geholfen wurde. Der letzte
Zufluchtsort, den ich weiß, ist der Wigwam Jamos
oder des unsterblichen Kopfes, der hier in der Nähe
sein muß.«
So war es auch. Jener lebende Kopf, der von Pfeilen
und Kriegsfedern umgeben in seiner Wigwamecke
hing und die jungen Leute kommen sah, sprach zu
seiner Schwester: »Liebe Schwester, ich bin in einer
traurigen Lage, denn bald werden mich zehn verfolgte
Krieger um Schutz anflehen, und ich kann doch nicht,
wie ich will; drum tu, was ich dir befehle. Zuerst
nimm zwei starke Pfeile, und stecke sie vor die Tür,
damit du mit dem Wild, das sich daran aufspießen
wird, unseren Gästen ein stärkendes Mahl bereiten
kannst. Wenn dann der schreckliche Bär kommt, so
nimmst Du ruhig meinen Medizinsack von der Wand,
gehst damit vor die Tür, legst alle darin enthaltenen
Federn, Farben, Pfeilspitzen usw. um dich herum und
nennst dabei stets meinen Namen. Sollte dies nun
nicht die erwünschte Wirkung haben, so wirfst du
dem Bären meinen Kopf entgeten und rufst: ›Das ist
der Kopf meines verstorbenen Bruders!‹ Dann wird er
besinnungslos hinfallen, und die fremden Leute, die
inzwischen wohl gegessen haben werden, können
dann zu deinem Beistand herbeieilen und ihn vollends
töten. Danach zerschneidest du seinen Körper in kleine
Stücke und streust diese über die ganze Erde; denn
wenn du das nicht tust, wird er wieder lebendig.«
Die Schwester versprach, ihm zu gehorchen, und
gleich darauf erschienen die erwarteten zehn Brüder
und der grimmige Bär ebenfalls. Sie stellte den Männern
ein prächtiges Mahl vor, ging dann vor die Tür
und zog mit dem Inhalt des Medizinsacks einen magischen
Kreis um sich. Der Bär schauderte, als er diese
Dinge erblickte; doch als sie ihm nun gar den Kopf
entgegenhielt, fiel er ohnmächtig nieder, und der
Schaum kam ihm aus Maul und Nase.
Als dies die Krieger sahen, sprangen sie schnell
herbei, und Mudschikihwis versetzte ihm mit seiner
gewaltigen Keule solche Hiebe, daß das Gehirn nach
allen vier Richtungen spritzte. Darauf zerschnitten die
anderen seinen Körper und verstreuten die Stücke in
alle Weltgegenden. Aber sobald ein Stück den Boden
berührte, wurde ein kleiner Schwarzer Bär daraus,
woraus sich denn der Umstand erklärt, daß diese
Tiere im Norden einst so zahlreich waren.
Darauf gingen sie wieder in die Hütte zurück und
aßen ruhig weiter. Das Mädchen sammelte inzwischen
die Sachen des Bruders wieder ein und gab sie
in den Sack; aber der Kopf sprach nicht mehr.
Die Krieger freuten sich ungemein über ihre glückliche
Rettung, doch wußten sie nicht recht, was sie
nun eigentlich mit ihrem heiligen Wampumgürtel machen
sollten. Da sie sich sehr weit von ihrer Heimat
entfernt hatten, so gaben sie die Idee völlig auf, wieder
dahin zurückzukehren.
Eines Tages, als sie sich auf der Jagd befanden und
ihren Wampumschatz der Obhut des Mädchens anvertraut
hatten, sagte der eine: »Kommt, laßt uns zu
unserer Schwester gehen und den Kopf ihres Bruders
holen, dem es zu Hause doch zu langweilig sein
mag.« Das geschah denn auch. Sie nahmen ihn mit
auf ihre Jagdzüge und suchten ihn durch allerlei
Spaße zu erheitern; aber nur selten bewegte er seine
Augen.
Nun wurden sie einst auf einem solchen Zug von
feindlichen Indianern angefallen und, trotzdem sie wie
die Löwen fochten, nach verzweifeltem Widerstand
alle getötet. Einer der feindlichen Krieger eroberte den
Medizinsack und nahm alle schönen Farben und Federn
heraus, schmückte sich damit und rief dann die
anderen herbei, die nun allerlei Unsinn mit dem Kopf
trieben. Ja zuletzt gingen sie sogar so weit, daß sie
ihn wie einen Ball umhertanzen ließen und ihm alle
Haare ausrissen. Doch ihre Strafe blieb nicht aus;
denn alle, die sich entweder mit den Farben oder den
Federn Jamos geschmückt hatten, starben plötzlich.
»Werft nur alle Sachen weg, die ihr von unseren toten
Feinden genommen habt!« schrie darauf der Chief.
»Nur den Kopf laßt uns mit nach Hause nehmen,
damit wir ihm die Augen für immer schließen können.
« Sie nahmen ihn also mit und hängten ihn über
das heilige Feuer ihrer Medizinhütte, um ihn zu braten.
Während dieser Zeit saß Jamos Schwester einsam
in ihrer Hütte und wartete auf die Rückkehr der zehn
Brüder. Doch da diese zu lange ausblieben, ging sie
ihnen entgegen und fand sie alle erschlagen. Die
Skalps waren ihnen abgezogen, und der Kopf und der
Medizinsack ihres Bruders schienen ebenfalls in die
Hände der Feinde gefallen zu sein.
Nun färbte sie ihr Gesicht schwarz, lief weinend
und klagend auf der ganzen Erde herum und kam zuletzt
wieder in ihrer alten Hütte an. Dort sah sie zu
ihrer größten Freude noch einen magischen Pfeil und
einen Bogen ihres Bruders in der Ecke liegen – die
besten Werkzeuge, mit denen sie den Unglücklichen
wiederfinden konnte.
Nachdem sie nun abermals eine bedeutende Strecke
gewandert war, fand sie wirklich einige bekannte medizinene
Farben und Federn, die sie sorgfältig sammelte
und in einem Baum versteckte. Gegen Abend
erreichte sie auch die erste Hütte der Feinde, wo sie
besonders von den bejahrten Indianern sehr freundlich
aufgenommen wurde. Ja einer davon versprach ihr
sogar, zur Erlangung des Kopfes behilflich zu sein,
und führte sie auch darauf vor die Tür der betreffenden
Medizinhütte.
Dort sah sie nun, wie die wilden Krieger um ein
kolossales Feuer standen und den Kopf zu rösten versuchten.
Dabei rollten ihr die Tränen über die Wangen,
und auch der Kopf des Bruders weinte.
»Ha«, rief lachend der Chief, »endlich beginnt er
doch die Hitze zu fühlen; seht doch, was für dicke
Tränen er schwitzt!«
Während sie so darüber ihre Spaße machten, bemerkte
der Chief den alten Mann mit dem Mädchen.
»Wer ist das«, fragte er ihn, »den du bei dir hast? Ich
habe diese Frau noch nie in unserem Dorf gesehen.«
»O ja«, erwiderte der Alte, »es ist ja eine Verwandte
von mir, die aber sehr selten ausgeht.«
»Ja, ja!« schrien einige alberne Bürschlein, die
neben ihm standen. »Das ist wahr; sie geht sehr selten
aus, und wir machen ihr dafür allabendlich den Hof in
ihrem eigenen Wigwam.«
Jamos Schwester entfernte sich nun und bereitete
sich wieder zu Heimreise vor. Als sie wieder an jene
Stelle kam, wo die Knochen ihrer zehn Adoptivbrüder
lagen, las sie diese sorgfältig auf und legte sie mit den
Gesichtern nach Osten. Dann nahm sie einen Stein,
warf ihn in die Luft und rief: »Brüder, erwacht und
springt auf, damit ihr nicht zerschmettert werdet!«
Plötzlich sprangen auch alle wieder gesund und munter
auf, und Mudschikihwis rieb sich verwundert die
Augen und sprach: »Brüder, ich habe mich verschlafen.
«
»Dummkopf«, erwiderte ein anderer, »weißt du
denn nicht, daß wir erschlagen worden sind und daß
uns unsere Schwester wieder lebendig gemacht hat?«
Aber Mudschikihwis konnte dies weder begreifen
noch sich eines solchen Vorfalls entsinnen.
Nun trugen die zehn alle Körper der gefallenen
Feinde auf einen Haufen zusammen und verbrannten
sie. Dann ging die Schwester in ein fremdes Land und
holte jedem ein Weib. Mudschikihwis hätte sich zwar
gern die Schönste ausgesucht, aber er mußte nehmen,
was er bekam, und war zuletzt ganz zufrieden damit.
Nun befahl Jamokwa den Frauen, die sich alle unsichtbar
machen konnten, jeden Abend zum Kopf
ihres Bruders zu gehen und zu versuchen, ihn loszubinden,
was sie auch alle bereitwilligst versprachen.
Die älteste flog sogar gleich hin, konnte aber nur
einen Knoten des Seils lösen. Dann kam die nächste,
die ebenfalls nur einen Knoten löste, und so ging es
fort, bis die Reihe an die jüngste Frau kam, die, da die
Hütte voll dicken Rauchs war, die übrigen Knoten
öffnete und dann den Kopf glücklich entführte.
Darauf suchten sie auch die anderen Körperteile
Jamos zusammen, aber sie waren bereits ganz
schwarz geworden. Sie schnitten daher mehrere Öffnungen
hinein, daß das Blut hervorquoll, das ihnen
die natürliche Farbe wiedergab. Dann steckte Jamokwa
den Kopf darauf, und ihr Bruder bekam seine frühere
Gestalt und Schönheit wieder.
»Da wir einmal gestorben sind«, sagte er, »so werden
wir nun ewig leben; aber nicht als Menschen,
sondern als Geister, und jedem wird sein bestimmter
Wohnort für alle Zeiten angewiesen werden.«
Jeder nahm sich nun ein Stück des heiligen Wampumgürtels
und ließ sich dann von einem göttlichen
Boten seine neue Wohnung anweisen. Nur von Mudschikihwis
weiß man bestimmt, daß er jetzt den Westwind
regiert; doch das Tun und Treiben der übrigen,
die teils in die Höhe, teils in die Tiefe wanderten, ist
bis auf den heutigen Tag unbekannt geblieben.