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Was ist ein guter Coach? Und ein guter Wein?
ОглавлениеZur Beantwortung dieser Fragen mag es allgemeine Qualitätsüberlegungen geben – aber auch subjektive, den eigenen Bedürfnissen und Vorlieben entsprechende. Ein wichtiges Kriterium ist unser Eindruck darüber, ob der Winzer bzw. der Coach »sein Handwerk versteht«. Es ist die Frage nach der Professionalität. Während man den Eindruck hat, dass in den USA, wo das Coaching ja seinen Ausgang genommen hat, eher die Frage im Vordergrund steht: »Was kann der Coach?«, stellt sich bei uns zunächst die Frage: »Was hat der Coach für eine Ausbildung?« Auch bei uns war im Mittelalter ein »Professor« eher einer, der für eine bestimmte Meinung, Überzeugung, »Berufung« und für besondere Fähigkeiten einstand (von lat. profiteri), heute ist ein Professor jemand, der – sicherlich aufgrund seiner speziellen Fähigkeiten und Motivation – eine bestimmte akademische Karriere durchlaufen hat, die sich inzwischen auch nach europäisch vergleichbaren Qualitätskriterien (EQR)4 einstufen lässt und das Berufsbild umschreibt. Und so meint »professionell« hierzulande auch ein Qualitätsmerkmal, das sich anhand bestimmter Kriterien beschreiben lässt.
Zu diesen Kriterien, wann man von einer bestimmten Profession bzw. von professionell spricht, gehören:
▸ Es gibt einen bestimmten verbindlichen Wissensbestand z. B. über die Tätigkeitsmerkmale und die erforderlichen Kompetenzen der Berufsausübenden. Dieser manifestiert sich günstigstenfalls in einer gemeinsamen Theorie über eine Praxis, die unterschiedlichen Theorien zur Art der Berufsausübung noch genügend Platz lässt.
▸ Es gibt – zumeist staatlich geregelte – Aus- und Weiterbildungsvorschriften, die in Curricula transparent nachvollziehbar und überprüfbar sind.
▸ Auf dem Wege zur Professionalisierung arbeiten die damit befassten Institutionen auf ein Leistungsmonopol hin. Nur derjenige, der die genannten Voraussetzungen erfüllt, darf entsprechend tätig sein.
▸ Die Nachfrage einer Profession wird durch ein allgemein anerkanntes gesellschaftliches Bedürfnis bestimmt, das im gesamtgesellschaftlichen, staatlichen Kontext durch ein Mandat zur Berufsausübung festgelegt ist (vgl. hierzu auch Migge 2011, S. 19).
Die Psychotherapeuten haben in der Auseinandersetzung mit dem Heilpraktikergesetz die Schritte zur Professionalisierung vorangebracht. Die Winzer haben allgemeine Berufsqualifikationen von der Meisterprüfung bis hin zum Önologiestudium mit Bachelor- und Masterstudiengängen, die sich den europäischen Qualitätskriterien EQR und DQR5 vergleichbar zuordnen lassen. Die Beratungsverbände, zunächst die der Berufsberatung, sind auf einem guten Weg zur Professionalisierung (vgl. die Bemühungen der DGfB). Und auch die Coachingverbände (z. B. der RTC6) diskutieren die nächsten Schritte eingehend.
Was hier verhandelt wird, sind zunächst die notwendigen allgemeinen Ausbildungs- bzw. Ausbaukriterien. Aber diese bilden zunächst nur einen allgemeinen Rahmen: So, wie es unterschiedlich sorgfältige und (kosten)intensive Produktionsprozesse beim Wein gibt, finden wir auch sehr unterschiedliche Ausbildungsgänge auf dem Weg zum professionellen Coach. Die Einigung auf einige grundlegende Qualitätskriterien tut not, wie man den Bestrebungen der Dachverbände des Coachings entnehmen kann. Andererseits sollte darauf geachtet werden, dass durch solche Vorgaben unterschiedliche Angebote – die Innovation, Fragestellung, Kontext und Andersartigkeit repräsentieren – nicht nivelliert werden.
Steht man dem umfangreichen Angebot also hilflos gegenüber?
Was wären Kriterien, die uns helfen, Enttäuschungen zu vermeiden?
Das Problem beginnt ja schon im Vorfeld: Woran erkenne ich einen guten Winzer bzw. einen guten Coach? Der Önologe mit einem Masterstudiengang (EQR 8) macht ja nicht kraft seiner Ausbildung einen besseren Wein als der Winzermeister (EQR 6). Wie praxisrelevant und hilfreich bei der Qualitätssicherung und -steigerung sind denn die einzelnen Ausbildungsgänge? Auch dies wird Gegenstand wissenschaftlicher Forschung in den einzelnen Professionen sein, aber derjenige, der vor einem Weinregal oder dem Klingelschild eines Coachs steht, wird deren Befunde nur selten als hilfreich ansehen.
Es liegt nahe anzunehmen, dass diese Beurteilung mit meinen Erwartungen zu tun hat. Und die lassen sich wie bei einer guten Auftragsklärung anhand der »vier großen A« konkretisieren:
1 1. Was ist der Anlass?
2 2. Was ist das Anliegen?
3 3. Was ist das Angebot?
4 4. Was ist der Auftrag?
Auf dem Weg zur Weinverkostung ist der Anlass wie im richtigen Leben zumeist unterschiedlich: Suche ich einen Wein zum abendlichen Kerzendinner? Will ich mich besaufen, wenn ich zum erstgenannten Ereignis eine Absage erhalten habe? Will ich mit Gleichgesinnten eine herausfordernde Weinprobe veranstalten oder suche ich zur abendlichen Lektüre auf dem Balkon einen unkomplizierten Sommerwein?
Wenn es denn stimmt, dass die menschliche Spezies sich u.a. dadurch auszeichnet, dass sie ständig auf der Suche nach neuen Erfahrungen ist, wird man sich am ehesten bei einem Weinhändler seines Vertrauens einfinden, der je nach Anliegen maßgeschneiderte Angebote macht – vielleicht auch die von ihm gewählten Beschränkungen aufzeigt, dass er z.B. aus guten Gründen keine Besäufnisweine im Sortiment hat.
Es gilt jedoch vor allem, dass der Anlass sehr stark mit unseren Erwartungen verknüpft ist (die sind es ja auch, die enttäuscht werden können). Aber ein guter Weinhändler wird die Auswahl als Co-Konstruktionsprozess begreifen, in dem er Erwartung, Anlass und Anliegen auf dem Hintergrund seiner Expertise und seines Angebots reflektiert. Möglicherweise wird das Anliegen spezifiziert und unmerklich modifiziert, und dieser Prozess wird einen Einfluss darauf haben, ob der Wein in der nachfolgenden Verkostung als gut, d.h. angemessen und zielführend erlebt wird.
Natürlich kann ich diese »probatorische Sitzung« auch umgehen und direkt als selbst ernannter Weinkenner aus den Regalen des Supermarkts eine Auswahl treffen. Inzwischen gibt es hier unendlich viele verschiedene Weine, und ich treffe häufig Bekannte, die mir mit leuchtenden Augen berichten, dass sie dort beispielsweise einen Merlot gefunden hätten, der dem von mir neulich präsentierten, doch etwas tanninhaltigen Wein deutlich überlegen sei – und der sie nun, da sie sich reichlich damit eingedeckt hätten, als täglicher Weingenuss begleiten würde. Die leuchtenden Augen meines Gegenübers halten mich dann zumeist davon ab, dieses Gespräch fortzusetzen. Das liegt zum einen daran, dass ich mein Sendungsbewusstsein und meine Besserwisserei in Bezug auf Wein nach Aussagen meiner Frau doch etwas zügeln sollte. Zum anderen habe ich beim Coaching gelernt, dass (abstruse) Ideen leichter der Selbstreflexion zugänglich sind, wenn man sie nicht ständig kommentiert, sondern unwidersprochen im Raum stehen lässt. Und wenn diese arrogante Haltung für mein Selbstwertgefühl noch nicht ausreicht, denke ich an eine Aussage der Sommeliere und Weinautorin Paula Bosch:
» Solche Massenweine, die sich überall in den Regalen großer Handelsketten finden, muss es selbstverständlich auch geben. Allerdings haben sie mit einem komplexen, nachhaltigen Geschmackserlebnis ebenso wenig gemein wie ›Scheibletten‹ mit einem handgeschöpften Rohmilchkäse aus den Vogesen. Massenfertigung ist nun einmal das Synonym für Uniformität, und das beantwortet auch die Frage, was eigentlich von ›Aldi‹-Weinen zu halten ist« (Bosch 2001, S. 80).
Obwohl: Die Supermarktketten bieten heutzutage, vornehmlich in Frankreich, zunehmend anspruchsvollere Käsesortiments an. Dennoch, wer nicht vornehmlich nach eingeschweißten Käsescheiben sucht, sollte in den Vogesen über die Route des Cretes fahren und vor Ort, bei einem Glas Riesling oder Gewürztraminer den dortigen Bargkass probieren. Bei »Lidl France« wird man ihn wahrscheinlich jetzt, 20 Jahre nach Boschs Aussage, ebenfalls vorfinden.
Was also ist ein guter Wein? Neben den Kriterien, dass er frei von offensichtlichen Geschmacksbeeinträchtigungen (Weinfehlern) sein sollte, ist ein guter Wein wohl einer, der Anlass, Anliegen und Erwartungen entspricht. Auch hier gibt es wohl kein richtig oder falsch (sogar über Weinfehler lässt sich trefflich streiten, s.u.), sondern ein angemessen bzw. viabel. Ein guter Wein wäre demnach ein Wein, der dem Anlass und den Anliegen genügt.
Aber ist gut dann nicht nur genügend? Gibt es auch Kriterien, die einen sehr guten Wein ausmachen? Hierzu eine kleine Achtsamkeitsübung (so nennt man das gegenwärtig) mit unterschiedlichen Käsesorten:
Stellen Sie sich vor, Sie hätten die oben zitierten Käsescheiben aus der Plastikfolie befreit und neben ein Stück Rohmilchkäse, z. B. einen mittelalten Comté, gelegt. Sie können, wenn Sie wollen, die Augen schließen und an beiden Käsesorten riechen. Welchen Unterschied nehmen Sie wahr? Beide Käse riechen nicht schlecht, aber die Komplexität der Geruchswahrnehmung – nicht nur die Intensität, sondern die Vielfalt der Geruchsempfindungen – dürfte für den Rohmilchkäse sprechen. Genießen Sie die Vielfalt, und ich bin sicher, Sie haben zunächst das Bedürfnis, den Comté in den Mund zu stecken. Sie kauen darauf herum, behalten ihn im Mund und spüren mit all Ihren zur Verfügung stehenden Rezeptoren ein Bouquet an Sinneseindrücken, die sich zu verändern scheinen, die einladen, von einer Geschmacksnuance zur anderen zu wandern. Sie werden Assoziationen haben, Sie müssen diese nicht unbedingt benennen. Genießen Sie weiterhin die unterschiedliche Vielfalt und das sich einstellende harmonische Erlebnis.
Und nun, wenn Sie mögen, schlucken Sie den Käsebissen herunter, spüren Sie dem Abgang und dem nachhaltigen verbleibenden Geschmack im Munde nach. Wo überall spüren Sie noch etwas: Genießen Sie diese Erfahrung, solange Sie mögen, und kommen Sie dann, ganz in Ihrem Tempo, hierhin zu uns zurück.
Natürlich hätten Sie diese Erfahrung auch mit den Käsescheiben beginnen können, wenn Sie hätten vergleichen wollen. Es wäre sicherlich ein Unterschied, ob Sie - im Vergleich - die Scheibletten vor oder nach dem Comté probieren. Im ersteren Falle hätten die Käsescheiben noch eine gewisse Chance.
Das Besondere an solchen Achtsamkeitsübungen ist, dass mit zunehmender Übung die Sinne geschärft und immer mehr Nuancen wahrgenommen werden. Es ist also wichtig, dass Sie sich auf eine solche Erfahrung einlassen wollen: Sie sind es, der zum Experten für bestimmte Genüsse und Sinneswahrnehmungen wird. Nicht jeder will das, und das ist auch in Ordnung: Wenn Sie sich betrinken wollen, wenn Sie einen »leichten« Rosé zum Piquenique mitnehmen wollen, möchten Sie sich zumeist gar nicht auf obige Geschmackserlebnisse einlassen. Sie fokussieren vielleicht lieber auf Ihren Weltschmerz oder auf die Sie umgebende Natur, und der Wein ist Ihr treuer Begleiter. Das ist in Ordnung.
Aber vielleicht möchten Sie auch einmal der Qualität von Wein nachspüren und Ihre Weinkennerschaft nicht nur dadurch erweitern, dass Sie Etiketten und Jahrgänge mit den dazugehörenden Beschreibungen sammeln.
Guter Wein enthält unendlich viele Geschmacksnuancen, welche durch unterschiedliche Inhaltsstoffe und Ausbauprozesse entstehen (s.u.). Weinkenner sind der Überzeugung, deren wahrgenommene Qualität als Kriterium für guten und sehr guten Wein zu nehmen. Je mehr Sie im Mund an Komplexität und Vielfalt wahrnehmen, die tunlichst zu einem harmonischen Blumenstrauß geordnet werden kann, desto »größer« ist der Wein. Und dazu gehört auch, wie lange er uns in angenehmer Erinnerung bleibt – zunächst, wie lang der Abgang ist. Ein guter Wein ist nicht einfach weg, wenn er den Mund verlässt. Wenn wir ihn hinunterschlucken, spüren wir am Gaumen das, was der Franzose mit caudalie (von lateinisch cauda = »der Schweif«) bezeichnet. Die Länge des Schweifs, das heißt die Zeitdauer des Nachklangs (eine caudalie entspricht einer Sekunde), ist ein Qualitätskriterium. Die meisten Weine schaffen keine 20 Sekunden. Wenn Sie 60 und mehr caudalies zählen, sind Sie in ihrer Weinwahl ein Glückspilz gewesen, und ich hoffe, Sie haben den Wein nicht selber gekauft, sondern wurden dazu eingeladen. Und natürlich ist ein subjektiv großer Wein häufig einer, der, unter welchen (auch Kontext-)Bedingungen auch immer, nach Jahren noch in der Erinnerung als rundes, einmaliges Geschmackserlebnis auftaucht. So der 1966er Chambolle-Musigny, den ich vor Jahren probierte und dessen Verkostungsanlass ich hier nicht weiter ausführen möchte.
Und was ist nun ein guter Coach? Wo und wie entwickelt sich in einem Erstgespräch dieses runde Gefühl nach Komplexität, Vielschichtigkeit und Harmonie?
Neben der Erfüllung bestimmter Qualitätskriterien, die die Ausbildung und professionelle Haltung bestimmen, richtet sich die Beurteilung ebenfalls nach den Kriterien der Angemessenheit: Inwieweit kann ein Coach meinen Anlässen und den co-konstruktiv gefundenen Anliegen entsprechen? Inwieweit kann ich nach einer möglichen probatorischen Sitzung feststellen, ob er in der Lage ist, mit mir gemeinsam meine Neugier und Zuversicht auf Veränderung zu stärken, mich zu motivieren und mich auf neue Erfahrungen einzulassen?
Und die Erwartungen und Anliegen sind sehr unterschiedlich. Auch hier gibt es Ratsuchende, die Scheibletten bevorzugen und in den Illustrierten oder Bahnhofsbuchhandlungen nach Coachingtipps in Form gedruckter Ratgeber suchen. Es gibt auch Suchende, die im Sinne bunter und interessanter Weinetiketten (sieht der Coach aus wie George Clooney oder Julia Roberts? Oder ist er ein Motivationsspeaker wie Bruce Willis?) sehr zufrieden sind oder sich sicher fühlen, wenn sie die angesagten Gurus kontaktieren dürfen wie bei einer ehrfürchtigen Begegnung mit hoch klassifizierten Châteaux aus dem Bordeaux. Und das sind, wie die Therapieforschung zeigt, relevante Kriterien. Eine vertrauensvolle und zuversichtliche Beziehung erklärt ein gehöriges Maß an Veränderungsvarianz, welches den Einfluss der durchgeführten Methoden deutlich übertrifft. Erste, etwas überschwängliche Studien lagen bei ca. 30 %, neuere Befunde zeigen einen Varianzanteil von 5–12 % für diesen sogenannten Beziehungsaspekt. Das scheint auf den ersten Blick nicht viel zu sein, und dieser Anteil erklärt eben nicht alles. Aber auch die spezifischen »therapeutischen« Interventionen bewegen sich »nur« in einem Prozentsatz von 1–15 % der Erfolgsvarianz. Bedeutsamer zeigen sich demgegenüber die Varianzanteile für die Persönlichkeitsmerkmale der Klienten (ca. 30 %) sowie außertherapeutische kontextuelle Faktoren von bis zu 47 % (z. B. Norcross a. Lambert 2011).
Es gibt Hinweise darauf, dass auch in Beratungssituationen von ähnlichen Anteilen auszugehen ist. Von daher dürfte ein kontextueller Ansatz, der im Sinne systemischen Denkens die Wechselwirkungen der Variablen berücksichtigt, eine angemessene Vorgehensweise sein. Die Veränderungsmotivation beispielsweise – die Lust auf Neues und das Zutrauen in das Andere – kann im Coachingprozess durch zielgerichtete Interventionen angeregt werden – vorausgesetzt, es gelingt, diese mit den bisherigen Erfahrungen, den Ressourcen und bisherigen Lösungsversuchen der Klienten angemessen zu verbinden. Und je authentischer und in der Klientenwahrnehmung kompetenter ein Coach zu einer anregenden Veränderungsbereitschaft beiträgt, desto erfolgversprechender scheint der gemeinsame Coachingprozess zu sein.
Und was bedeuten diese Überlegungen für die Weinverkostung? Vielleicht bewegen sich auch die Varianzanteile für das Geschmackserlebnis, die wir an objektiven Merkmalen des Weins festmachen können, nur im mittleren Bereich. Empfehlungen, Persönlichkeitsvariablen und der soziale Kontext mögen ebenfalls nicht unerheblich zur Gesamtvarianz beitragen. Und so kommt es, dass, wie Tante Klara schon damals betonte, »Geschmäcker eben verschieden sind«. Es gibt einige, die einen moussierenden Lambrusco mögen, andere bevorzugen auch Lambrusco, aber den anderen. Ich kenne Leute, die vor allem auf den Wein von Günther Jauch bei Aldi schwören, andere wiederum beißen gerne in tanninige junge Bordeaux, vor allem wenn »Châteaux« auf dem Etikett steht. Und wenn man nun als Gastgeber zu einer Weinprobe einlädt, die bei den Gästen Lust auf Neues wecken soll, dann sollte man zum einen authentisch die Auswahl begründen – z. B. mit einer kleinen Geschichte, wie man zu dem Wein sehr persönlich in Kontakt gekommen ist –, zum anderen dies aber immer mit den Erfahrungen und Vorlieben seiner Gäste verknüpfen, um die Lust, sich auf etwas Neues einzulassen, nicht zu riskant werden zu lassen.
Die Grundannahme ist: Lust auf etwas Neues ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. In typischen Beratungssituationen ist sie häufig aufgrund der geschilderten Problemsituation blockiert, Widerstände bei Weintrinkern sind auch nicht selten. Oftmals kann man jedoch deutlich machen, dass ein Widerstand gegenüber neuen Erfahrungen (»Das haben wir schon immer so gemacht«, »Bei dem Wein wissen wir, was wir haben«) um einiges anstrengender ist, als sich auf Neues einzulassen. Nur darf man die Einladung zu neuen Erfahrungen nicht besserwisserisch und apodiktisch ankündigen. Man wird ein gemeinsames erfolgreiches neues Erlebnis am ehesten erreichen, wenn man neben dem Kontext weitere Grundbedürfnisse seiner Mitmenschen berücksichtigt: das Bedürfnis nach Kompetenzerleben, das nach Autonomie und Individualität sowie das Bedürfnis nach sozialem Eingebundensein (vgl. Deci u. Ryan 1993; Grawe, Donati u. Bernauer 1994). Ach – beinahe hätte ich ein zentrales Bedürfnis vergessen: das nach Lustgewinn und Unlustvermeidung (Epstein 1993). Schließlich soll das Ganze ja auch Spaß machen.
Bei der Beratung und beim Coaching gelingt es mir schon recht gut, diese Variablen einzubeziehen. Bei den Weinverkostungen scheitere ich häufig daran – und meine Frau erklärt mir dann im Nachhinein: »Du hättest nicht so viel über dich und deinen Wein erzählen sollen, deine Gäste wollten lieber probieren und auch mal über ihre Eindrücke und Erfahrungen mit ähnlichen Weinen berichten. Du hättest Fragen stellen sollen und nicht Antworten geben.«
Sicherlich ist eine angemessen zurückhaltende Kommunikation Teil der Ausbildung von Weinverkäufern und Sommeliers. Aber gibt es eigentlich Supervisionen für sendungsbewusste, aber unglückliche Weingastgeber?