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Wie alt darf ein Wein sein? Und wie alt ein Coach?

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Sollte es sich bewahrheiten, dass in unserer Gesellschaft die leistungsoptimierte Jugend den Erfahrungen und der Abgeklärtheit des Alters vorgezogen wird, dann ist die Entwicklung im Weinsektor deren Spiegelbild. Weine werden eher für den frühen Verbrauch produziert. Den Vorstellungen alter Weinhasen, sich von edelfirnen und ausgereiften Weinen begeistern zu lassen, begegnet man zunehmend mit Unverständnis. Und die tagtäglichen Erfahrungen bestätigen diese Erkenntnis. Einige Weinliebhaber haben sich vor Jahren einen Weinkeller angelegt, Geburtsjahrgänge und Weine für bestimmte Gelegenheiten zurückgelegt und müssen nun feststellen, dass diese Weine leider ihre besten Jahre im Keller zugebracht haben. Die ursprünglich violett-rote Farbe präsentiert sich in einem undurchsichtigen Braun, der Wein schmeckt schal, nach Frucht oder Säure sucht man vergebens.

In der Tat gibt es Weine, die für einen alsbaldigen Verbrauch produziert werden, und Weine, die auch heute noch tunlichst gelagert werden sollten. Die Lagerfähigkeit hängt von verschiedenen Faktoren ab, z.B. von den Rebsorten oder der Art des Ausbaus. Wein ist ein lebender Organismus, und auch in der Flasche verändert sich die Qualität in die eine oder andere Richtung. Säuren und Tannine werden abgebaut, einige Rebsorten (z. B. Cabernet Sauvignon und Mourvedre) scheinen ihr volles Potenzial erst in der Flasche zu entfalten. Das einzigartige Zusammenspiel von Säuren, Alkohol, Luftzufuhr, Schwefel und unterschiedlichen anderen natürlichen Inhaltsstoffen lässt Weine reifen und führt bisweilen erst nach Jahren zu einem optimalen Genuss. Weine werden dadurch komplexer, bauen Ecken und Kanten ab und entwickeln Aromen, die zu grandiosen Geschmackserlebnissen führen können. Weinkenner behaupten, dass ganz große Weine ihr Potenzial und ihre Komplexität auch schon in der Jugend erkennen lassen.

Analogien zur menschlichen Entwicklung legen aber nahe, dass je nach »Reife« sehr unterschiedliche Aromen im Vordergrund stehen können, die primären (fruchtbetonten) Aromen der Jugend, die sekundären (würzigen) des mittleren Lebensalters und die tertiären (balsamischen) Aromen des Vorruhestands mit ihren Anklängen an Waldboden, Unterholz und Leder. Und nicht bei allen läuft die Entwicklung – wie im richtigen Leben – immer glatt und geradlinig. Einige pubertieren früher oder später, beginnen sich wieder zu verschließen, werden sperrig und wenig genießbar, und man tut gut daran, sich mit ihnen auf später zu vertrösten. Aber all das sind Weine, die eine Veranlagung zur Komplexitätsentwicklung mitbringen, und auch hier gilt Tante Klaras Maxime: »Man ist immer so alt, wie man sich fühlt.«

Ich habe es auch damals schon so verstanden, dass es weniger auf das chronologische Alter als vielmehr auf das biologische und psychologische Alter ankommt. Sicher gehört zum biologischen Alter auch die genetische Grundausstattung in ihrem Wechselspiel mit Umweltbedingungen. Auch bei den Weinen gibt es Exemplare, die ihr Potenzial in der Jugend, und andere, die es erst im reifen Alter entfalten. Und es gibt ganz große Beispiele, gewissermaßen die Goethes und Beethovens unter den Weinen, die auf jeder Altersstufe eine gewaltige Komplexität erkennen lassen und die man, je nach Vorlieben und Stimmung, auf unterschiedlichen Stufen genießen kann.

Dennoch gilt: Angebot und Nachfrage im Spiegel unserer gesellschaftlichen Vorstellungen haben dazu geführt, dass gegenwärtig mehr Weine produziert werden, die schon in der Jugend ihr volles Potenzial entfalten und denen man im Alter nichts sehnlicher wünscht, als dass sie baldmöglichst in den wohlverdienten vorgezogenen Ruhestand gehen.

Da viele Weine jedoch nach der Abfüllung in einen schockähnlichen Ruhezustand verfallen, empfiehlt es sich, die meisten zumindest ein paar Monate liegen zu lassen. Es ist wie bei einer zu flotten Geburt, bei der ein neuer Erdenbürger erst noch eine gewisse Zeit mit einer ausreichenden Sauerstoffsättigung zu kämpfen hat und ein Verbleib auf der Intensivstation zu erwägen ist.

Gibt es aber Kriterien, um beim Erwerb eines Weines dessen Lagerfähigkeit und Entwicklung im Keller vorherzusehen?

Ein burgundischer Winzer hat mir einmal seine Daumenregel verraten:

 ▸ Unter der Voraussetzung eines dunklen und genügend feuchten (ca. 60–70 %) Weinkellers, der erschütterungs- und geruchsfrei relativ konstante Temperaturen von 10–16° C bietet, empfiehlt sich folgendes Vorgehen:

 ▸ Man öffnet die gekaufte Flasche nach den Regeln der Kunst und probiert ca. 0,1 l.

 ▸ Dann verkorkt man die Flasche leicht und stellt sie in den wohltemperierten Keller.

 ▸ Am nächsten Tag verfährt man ebenso und prüft die Geschmacksveränderung gegenüber dem Vortag. So verfährt man auch an den Folgetagen, bis man den Eindruck hat, der Höhepunkt des Genusses sei erreicht und werde nun überschritten. Die Anzahl der Tage bis zu diesem Zeitpunkt soll nun der Anzahl der Jahre entsprechen, in denen der gelagerte Wein sich wie verkostet entwickelt.

Meine bisherigen Erfahrungen mit dieser Methode lassen mich annehmen, dass man so zumindest Hinweise darauf bekommt, ob ein Wein über einen überschaubaren Zeitraum hinweg Entwicklungspotenzial hat.

Die Frage, ob nun der junge oder der alte Wein der angemessenere ist, lässt sich also aufgrund der Komplexität der Bedingungen nicht einfach beantworten.

Lässt sich die Frage nach dem optimalen Alter eines Coachs nun leichter und eindeutiger beantworten? Wohl kaum. Auch hier haben wir eine gewisse Tradition und implizite Vorannahmen. Da Erfahrung wohl mit dem Alter korreliert, Feldkompetenzen erst mal erworben werden müssen und die erfolgreich Innovativen zumeist eine längere Odyssee bis zur Anerkennung hinter sich gebracht haben, gehen viele Ratsuchende davon aus, dass Kompetenz etwas mit Alter zu tun hat. Auch die Coachingverbände scheinen, zumindest implizit, dieser Meinung zu sein. Erstrebenswert ist die Ausbildung als »Senior-Coach«, die Anforderungen an eine solche Qualifikation sind zumeist ein Mehr an Praxiserfahrung und zusätzliche, auf die vorherigen Weiterbildungsgänge aufbauende Kriterien. Die bereits oben erwähnte jugendorientierte Leistungsgesellschaft goutiert zwar die jungen, dynamischen Shooting-Stars. Aber es ist wie bei den jungen enthusiastisch aufgebauten Fußballtrainern, die viel kreatives und motivationsförderndes Potenzial mitbringen, bei denen das mehr oder weniger sachkundige Umfeld jedoch mahnend darauf hinweist, doch erst mal die ersten Krisen nach anfänglich euphorischen Erfolgen abzuwarten.

Und doch ist es wie beim Wein: Junge wie alte haben ihre spezifischen »Aromen«, und die Konsumenten haben bestimmte Erwartungen und Anlässe, die nicht allgemein mit der komplexen Strukturiertheit des Gegenübers, die sich ja erst im Alter zu voller Blüte entfaltet, bedient werden können.

Wir hatten bereits gehört, dass bei außergewöhnlichen Weinen diese Komplexität ja auch schon in sehr jungen Jahren aufscheinen kann. Und komplexe Strukturiertheit kann auch zum Selbstzweck werden, wenn etwa der Senior-Coach vor lauter selbstgefälliger Komplexität die ebenso komplexen Bedürfnisse seines Gegenübers gar nicht angemessen wahrnehmen kann.

Andererseits gibt es auch junge Shooting-Stars – ich denke da an einige sogenannte Motivationscoachs, die ihren Mangel an fundiertem Wissen lautstark mit Binsenweisheiten und Bullshit aus dem Esoterikkästchen der Psychologie und Neurowissenschaften kaschieren. Wenn ein Weinkenner einen Wein als laut oder zu laut bezeichnet, dann meint er damit häufig, dass statt Komplexität etwas im Vordergrund steht, das auf den allerersten Blick Aufmerksamkeit erheischt, dann aber die Unausgewogenheit des Gesamtkonzepts sehr schnell deutlich werden lässt.

Auch hier also das Fazit wie beim Wein: Es gibt gute und sehr gute junge wie alte Coachs. Aber neben dem Methodenrepertoire tragen ja nun auch noch andere Variablen zur Veränderungsvarianz bei. Je nach Fragestellung und persönlichen Vorlieben ist eine gelingende Beziehungsgestaltung von sehr vielen Bedingungen abhängig. Erlebte Authentizität und wahrgenommene Empathie, das subjektive Gefühl, dass die wahrgenommene Beziehung tragfähig sein kann, wird nur mittelbar vom Alter beeinflusst.

Vor Jahren machte ich eine Weiterbildung bei Frank Farelly, dem Begründer der provokativen Therapie. Ich war neugierig auf die Workshops, da mir humorvolle Provokationen eine Bereicherung meiner Interventionen versprachen. Zunächst war ich jedoch enttäuscht und fand keinen Bezug zu den Beispielen in den Therapiegesprächen. Bisweilen hatte ich den Eindruck, dass die in die Therapien eingestreuten Provokationen platteste und derbe Witzchen waren, die vielleicht Klienten aus dem mittleren Westen goutierten. Es war nicht mein Humor, und ich war trotz allem überrascht, wie diese Direktheiten bei den »mitteleuropäischen« Klienten zu Veränderungsprozessen führten. Kurz: Ich habe mich nach einiger Zeit aus dieser Art Provokation ausgeklinkt, aber es war auch etwas für mich dabei. Auf meine Frage nach der Qualifikation eines erfolgreichen Therapeuten sagte Farelly (pers. Mitteilung):

» Als ich meine grauen Haare bekam, wusste ich, dass ich die zwei wesentlichen Eigenschaften hatte, die einen guten Therapeuten auszeichnen: Die grauen Haare für das würdevolle und die Hämorrhoiden für das sorgenvolle Aussehen.«

Nun muss eine langjährige sitzende Lebensweise nichts mit Kompetenzsteigerung zu tun haben, Psychotherapie ist ja auch nicht Coaching. Dennoch geistert der etwas unscharfe Begriff der Lebenserfahrung durch die Professionalisierungsdebatten der Coaching-Verbände. Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür: die Seniorität (vgl. Migge 2011).

Aber nicht jeder sucht – wie oftmals die Führungselite selbsternannter Weinkenner – die Edelfirne der Großen Gewächse.

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