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KAPITEL 1

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»Boss?«, erklang es vor seiner Tür, die im selben Moment auch schon aufgestoßen wurde. Kein Anklopfen, kein Zögern. Nichts. Savior stützte den Kopf in die Hände. Konnte er nicht mal für ein paar Minuten seine Ruhe haben? Seit er in das Clubhaus gezogen war, welches sein Vater Gavin Ward, alias Reaper, vor zig Jahren aufgebaut hatte, wollte ständig jemand was von ihm. Hätte er das verdammte Haus bloß nicht seiner sehr fordernden, sehr schwangeren Schwester Cassidy überlassen. Aber er wollte, dass es ihr gut ging und sie ein Dach über dem Kopf hatte, wenn der kleine Scheißer erst mal auf der Welt war. Dass Troy mit einzog, war nicht Bestandteil des Plans gewesen. Hatte der Kerl überhaupt Arbeit? Jetzt war es zu spät – in jeglicher Hinsicht. Wenigstens war seine kleine Schwester in Sicherheit. Das musste für den Moment reichen. Um alles andere würde er sich später kümmern.

»Es gibt schon wieder Probleme mit den Betreibern in der Stadt.«

Savior hob eine Augenbraue. »Und was habe ich damit zu tun?« Wozu hatte er denn seine Jungs, die er für solche Dinge bezahlte?

Thug, sein Vize und bester Freund, stutzte kurz. Er war der Mann fürs Grobe. Jemand, der sich nicht zu fein war, zuzuschlagen. Jemand, dem Savior schon verdammt oft sein Leben anvertraut hatte. »Sie unterschlagen Geld. Schon wieder.«

»Dann tut, was auch immer getan werden muss. Wo liegt das Problem? Sonst kommt ihr doch auch nicht wegen jeder Scheiße angerannt.«

Thug war von Saviors Ausbruch nicht beeindruckt und ließ sich unaufgefordert auf den Stuhl vor dem Schreibtisch fallen. »Ich wollte nur wissen, ob wir an unserer Methode festhalten, oder ob du einen Schritt weiter gehen willst?«

Savior tippte mit dem Zeigefinger nachdenklich auf den Tisch. In den letzten Wochen hatte er anscheinend nicht mehr hart genug durchgegriffen. Sonst würden die Betreiber es niemals wagen ihn zu hintergehen. Cassys ganzer Babykram hatte ihn weichgespült. Das musste geändert werden, in der Hinsicht hatte sein Vize recht. Und er hasste es, wenn sein Vize recht hatte. Er stand auf und bedeutete Thug mitzukommen.

Ihr Clubhaus war ein Saustall. Überall leere Dosen, Verpackungen, benutzte Kondome und anderer Müll. Die Ader unter seinem Auge zuckte. Seine Jungs waren entweder in den oberen Zimmern mit irgendwelchen Club-Matratzen beschäftigt oder fickten sie inmitten dieser Müllberge. Warum war ihm nicht viel eher aufgefallen, dass sein Haus vor die Hunde ging?

Savior griff sich einen Stuhl, schleuderte ihn an die Wand und beobachtete, wie die im Raum verbliebenen Leute hochschreckten und nach ihren Waffen griffen, weil sie einen Angriff vermuteten. Beinahe hätte er gelacht – wenn der Grund für seinen Ausbruch nicht so verdammt traurig gewesen wäre. Er musste dafür sorgen, dass hier Zucht und Ordnung herrschten!

»Wenn ich wiederkomme, ist der Saustall hier sauber und aufgeräumt. Ist mir scheißegal wie ihr das regelt. Und wenn ich so etwas noch mal sehen muss, herrscht hier Pussy-Verbot bis ihr kapiert habt, dass das hier unser Zuhause ist und nicht die Müllkippe der verfickten Raiders.«

Eilig wurden willige Frauenkörper beiseite geschoben und Hosen geschlossen.

Hatte er nicht eine der Reinigungsfirmen für die unterste Etage beauftragt? Das musste er unbedingt prüfen.

»Das gilt auch für euch, Club-Matratzen«, setzte er noch hinterher, bevor er das Clubhaus verließ und auf seinen Wagen zusteuerte.

Club-Matratzen nannten sie die Frauen im Club, die von den Männern für ihr privates Vergnügen benutzt wurden. Die meisten der Frauen arbeiteten für die Sinners in den Laufhäusern und Tanzbars.

Thug lachte leise. »Obwohl BigTits gerne auf den Knien ist, wird ihr dieser Job gar nicht gefallen. Sie sieht sich als zukünftige Mrs Savior.«

Verständnislos blickte Savior ihn an. »Was geht es mich an, was sie will? Sie ist nur eine willige Tussi, die ihre Beine breit macht, wenn wir es wollen. Genau wie jede andere Frau, die sich für das Clubhaus entscheidet. Wo müssen wir als erstes hin?«

»Ins Triple D. Du weißt schon, dass sie in dich verknallt ist, oder? Es entsteht ein echter Bitch-Fight, wenn eine andere von dir gebumst wird.«

Savior schnaubte belustigt. »Deshalb rutscht auch der gesamte Club über sie. Mir steht nicht der Sinn nach einer festen Freundin, da habe ich auch nie einen Hehl draus gemacht. Verdammte Weiber.«

Er startete den Wagen und fuhr durch das offene Tor. Das dämliche Gequatsche von Thug ging ihm auf die Nerven. Gefühle! Die brachten nur Probleme mit sich. Wer sich in ihn verliebte, war selbst schuld. Savior sagte immer offen, dass er Frauen nur für zwei Sachen brauchte: Zum Ficken und zum Geldverdienen.

Er parkte vor dem Triple DDance Dance Dance. Wer war eigentlich auf diesen bescheuerten Namen gekommen? Genervt schlug er die Autotür hinter sich zu.

»Das Auto kann auch nichts für deine Laune, Boss.«

Savior warf Thug einen vernichtenden Blick zu und öffnete die Tür zur Tanzbar. Innerlich lachte er. Hier wurde eine Menge gemacht, tanzen jedoch gehörte eher selten dazu. Es sei denn, einer der Gäste wollte einen privaten Lapdance und ließ anständig Geld dafür springen.

Das Triple D war einer der besten Umschlagplätze für ihre Waffendeals und die Prostitution. Wobei sie sich hier von ihren Feinden, den Raiders, unterschieden. Frauenhandel und Vergewaltigung gehörte nicht zum Stil der Sinners. Die Frauen arbeiteten bei ihnen, weil sie gutes Geld verdienten und Spaß am Sex hatten. Sie suchten sich ihre Kunden selbst aus. Ganz einfach. Die Sinners kassierten lediglich fünfzig Prozent der Einnahmen. Dafür hatten sie eine Menge Frauen, die freiwillig für sie arbeiteten.

Die Putzkolonne war gerade dabei, den klebrigen Boden zu schrubben. Die älteren Damen grüßten ihn breit lächelnd. Er nickte höflich zurück. Es war ihm wichtig die externen Firmen, die für ihn tätig waren, entsprechend zu entlohnen. Für den Fall, dass sie mal Dinge sahen, die nicht den gängigen Gesetzen entsprachen. Nicht, dass es ihnen was genützt hätte zu den Bullen zu rennen. Ein paar von den Gesetzeshütern standen auf seiner Gehaltsliste und schauten in die andere Richtung, wenn eine Waffenlieferung kam, jemand mit gebrochenen Körperteilen ins Krankenhaus eingeliefert wurde oder irgendeine Pfeife eine Anzeige erstatten wollte.

Savior und Thug gingen durch den Club auf die Hinterzimmer zu. Dort suchten sie nach der einzigen Tür, die geschlossen war und stießen sie auf.

Tony, der Betreiber des Triple D, saß auf der Couch, ein Mädchen das höchstens achtzehn war, lag über seinem Schoß und ließ sich den Arsch versohlen. Erschrocken richtete Tony sich auf, die Augen angstgeweitet. Sein kleiner Pimmel fiel in sich zusammen, als er ihn hastig zurück in die Hose stopfte.

»Geh in dein Zimmer«, wies Tony das Mädchen an. »Ich komme später zu dir.«

Als sie steifbeinig an Savior vorbeikam, sah er die Tränenspuren auf ihren Wangen und die Angst im Gesicht.

Savior presste die Lippen zusammen. Im Bereich Spanking war die Kleine definitiv nicht eingeteilt. Er selbst mochte die Frauen willig und manchmal auch unterwürfig. Doch niemals würde er sich einer Frau aufzwingen. Schon gar nicht, wenn sie noch so jung war. Tony mit seinem dicken Bauch und der Halbglatze könnte locker ihr Vater sein. Was seine Frau und die Kinder dazu sagen würden? Er sollte ihnen mal einen netten Hinweis in Form eines Videos zukommen lassen.

»Was kann ich für euch tun? Lasst uns doch in mein Büro gehen.« Tony deutete auf die Tür und ging selbst voran.

Der nervöse Unterton entging Savior nicht. Der Fettsack wusste ganz genau, weshalb er persönlich gekommen war. Thug warf ihm einen amüsierten Blick zu.

Der Stuhl knarzte, als Tony sich schnaufend und plump fallen ließ und auf die Plätze vor seinem Schreibtisch deutete. Wichtigtuerisch breitete er die Arme aus. »Setzt euch doch bitte. Wollt ihr einen Drink? Joint? Koks? Mädels?«

»Ich will mein Geld.«

Tony traten Schweißperlen auf die Stirn, die er fahrig mit einem Tuch abwischte. Sein Ärmel rutschte hinunter. Er stammelte: »Der Laden wirft nicht so viel ab. Ich gebe dir schon soviel wie ich kann. Mehr ist einfach nicht drin.«

»Hübsche Uhr.« Savior nickte mit dem Kinn zu dem Ärmel. »Audemars Piguet, vermute ich.«

»Nicht billig«, meinte Thug zustimmend und zündete sich eine Zigarette an.

»Was mag die wohl kosten?« Savior zog sein Smartphone aus der Tasche, tippte ein paar Mal darauf herum, und ermittelte den allgemeinen Preis des Uhrenherstellers. »Nun sieh dir das an, Thug.«

Dieser pfiff durch die Zähne. Mit einer einzigen fließenden Bewegung stand er auf, zog Tony am Kragen quer über den Tisch und präsentierte Savior die Uhr. Er tippte erneut auf dem Smartphone herum, um den Preis für diese spezielle Ausführung zu finden.

»Heilige Scheiße, die kostet um die fünfzigtausend. Nicht schlecht für jemanden, dessen Geschäft schlecht läuft.«

»Ich kann das erklären«, stotterte Tony. Schweiß tränkte sein Hemd und lief ihm über das feiste Gesicht. Thugs Griff war gnadenlos. Er war nicht umsonst Saviors persönlicher Vollstrecker. Er kannte kein Mitleid und Gefühle waren für ihn ein Fremdwort. Etwas, wofür ihn Savior in bestimmten Situationen beneidete – und manchmal bemitleidete.

»Sicher kannst du das.«

»Das können sie alle«, bestätigte Thug. Mit perverser Neugier musterte er erst die glühende Zigarette und dann Tonys fleischige Hand. »Was soll´s.« Erbarmungslos drückte er die Zigarette auf dem Handrücken aus. Tony jammerte und wurde kreidebleich.

Savior schnaubte spöttisch. »Mach dir mal nicht ins Hemd. Dir geht einer ab, wenn du kleine Mädchen versohlen kannst, also stell dich nicht so an. Wo ist mein Geld? Und ich warne dich, lass mich nicht noch einmal nachfragen. Ich bin selbst an guten Tagen nicht gerade für meine Geduld bekannt.«

»Im Safe«, keuchte er. »Und ein Teil ist weg. Familie. Drogen. Schweigegeld. Meine Ausgaben sind immens.«

Savior blickte, um Geduld flehend, in Richtung Decke. »Du hast eine Woche, um mein Geld plus Zinsen aufzutreiben. Was schuldet er uns, Thug?«

»Siebzigtausend.«

»Siebzigtausend, Arschloch. Nicht weniger. Und das nächste Mal, wenn du dich an einem meiner Mädchen vergreifst, sie für etwas benutzt, was sie nicht will, knipse ich dir mit einer rostigen Zange jeden Finger einzeln ab, verstanden?«

»Sie arbeitet für mich«, schnaufte Tony mutig und hielt sich die Hand.

Savior verdrehte die Augen. »Und du arbeitest für mich. Vergiss nicht, dass das hier mein Laden ist. Wenn du mit mir noch mal so eine Scheiße abziehen willst, bist du weg vom Fenster. Jetzt geh zum Safe und gib mir ein Teil meines Geldes.«

Tony zitterte am ganzen Leib, als er sich umdrehte und das Bild von seiner Wand abhängte, um an den Safe zu gelangen. Nervös tippte er ein paar Zahlen ein und zog ein Bündel Geldscheine hervor, welches er auf den Tisch warf.

»Für deine Respektlosigkeit sollte ich dir die nächste Zigarette im Auge ausdrücken«, meinte Thug, der schon wieder eine Kippe in der Hand hielt und boshaft lächelte. Von seinem attraktiven Äußeren sollte man sich besser nicht täuschen lassen. Zu viele hatten diesen Fehler schon gemacht.

Tony wurde noch blasser, hob das Bündel schnell auf und reichte es an Savior weiter.

Dieser steckte das Geld in die Tasche. »In einer Woche kommt mein Freund Thug zum Abkassieren. Dann hast du das Geld.« An der Tür drehte er sich noch mal zu Tony. »Beinahe hätte ich es vergessen. Solltest du irgendwelche miesen Tricks versuchen, ficke ich vor deinen Augen erst deine Frau, dann deine Tochter und im Anschluss breche ich deinem begnadeten Footballer-Sohn beide Beine, bevor ich dich in meinen Spezialkeller sperre.«

Tony taumelte keuchend zurück und plumpste erneut auf seinen Sessel. Brauchte der Wichser ja nicht zu wissen, dass Savior niemals eine Frau vergewaltigen würde. Dem Sohn hingegen würde er tatsächlich die Beine brechen.

Draußen vor der Tür zündete Savior sich eine Zigarette an und blickte an der bröckelnden grauen Putzfassade hoch. »Ich trau dem Kerl nicht.«

»Ich auch nicht.« Thug ließ die Schultern kreisen, dehnte seine Halsmuskulatur. Er war seit längerem rastlos und auf Streit aus. Savior hatte ihn schon mehrfach davon abhalten müssen, irgendeinen Waschlappen tot zu prügeln. Irgendetwas ging in seinem Kopf vor, was er Savior nicht anvertrauen wollte. Für gewöhnlich störte es ihn nicht, wenn niemand über Gefühle und so´n Quatsch mit ihm reden wollte. Allerdings war es etwas anderes, wenn es den Club in Gefahr brachte. Auch wenn sie Bullen und Richter schmierten, waren sie oft genug auf dem Radar des Gesetzes und mussten Hausdurchsuchungen und Übernachtungen im Knast über sich ergehen lassen. Ein randalierendes Bandenmitglied würde nur dafür sorgen, dass ein neuer Grund gefunden wurde, um ihr Clubhaus auseinanderzunehmen.

Savior warf die Kippe auf den Gehweg und stieg ins Auto. »Am besten du gehst nicht zum vereinbarten Termin, sondern einen Tag später hin und nimmst noch zwei Leute mit. Soll der fette Sack ruhig ein bisschen ins Schwitzen kommen. Und tu mir den Gefallen und halt dich ein bisschen zurück, Kumpel, wir wollen keine Leichen verscharren. Wo müssen wir jetzt hin?«

»Zu Russels Corner. Dann haben wir noch zwei Läden.«

Savior warf seinem Vize einen nachdenklichen Seitenblick zu. »Ihr habt euren Job in der letzten Zeit nicht sonderlich gut gemacht, oder?«

Thug streckte ihm zur Antwort den Mittelfinger entgegen.


Abby wartete. Auf was, wusste sie selbst nicht genau. Besseres Wetter. Oder auf den nächsten Tag. Vielleicht auch auf eine Antwort ihres Dads. Ein Lebenszeichen wäre nett. Ein kleines: Hey Krümel, ich lebe noch. Liebe Grüße Dad.

Könnte ein Anfang sein. Aber nein. Stattdessen saß sie im Studio, tauchte die Nadel in Farbe und tätowierte dieser Tusse vor sich ein Einhorn auf das Steißbein. Ein verdammtes Einhorn!

Als wäre das noch nicht schlimm genug, jammerte und heulte das Mädchen ohne Ende, drückte die Hand ihrer Freundin fast zu Brei und wischte sich theatralisch die Tränen von den Wangen. Musste nicht erwähnt werden, dass ihr Make-up sich längst über das Gesicht verteilte. Hatte ein bisschen was von einem Waschbär.

»Musst du mir so weh tun?«, schnauzte sie gerade und zog ihre Nase hoch. Anscheinend hatte sie für einen Moment ihren Mumm wiedergefunden.

»Willst du ein Tattoo oder nicht?« Abby unterbrach die Arbeit. Sie musste noch eine Vorlage für ein gigantisches Rückentattoo zeichnen. Wenn die Tussi die Schmerzen nicht aushielt, war es besser abzubrechen, bevor sie noch auf den Boden kotzte oder ohnmächtig wurde.

»Dauert es noch lange?«, schniefte die Kundin, nun wieder kleinlaut und wehleidig. Die Freundin tätschelte ihr mitleidig die Schulter.

»Nope«, antwortete Abby. »Vielleicht noch fünfzehn Minuten.«

Sie fuhr mit ihrer Arbeit fort. Wann waren Einhörner in Mode gekommen und wieso? Sie konnte es fast selbst nicht glauben, dass sie in diesem Monat schon drei verdammte Einhörner tätowiert hatte. Drei! Und der Monat war gerade mal zur Hälfte herum.

Mit einem Tuch wischte sie Blut und Farbe weg, trug eine Salbe auf und machte ein Bild von ihrer Arbeit, bevor sie mit einer Folie das frisch gestochene Tattoo abdeckte.

»Fertig.« Abby zog sich die Handschuhe aus und warf sie in den Mülleimer.

»Hatten wir schon über einen Preis gesprochen?«, wollte die Tussi jetzt wieder affektiert wissen.

»Jepp, zweihundert.« Was ein bisschen übertrieben war, normalerweise nahm sie hundert für so ein winziges Ding. Aber sie hatte schon beim Beratungsgespräch mitbekommen, dass Geld keine Rolle spielte und die Mädels ohnehin keine Ahnung von den gängigen Preisen hatten.

»Einhundertfünfzig.«

»Nein, zweihundert.«

»Einhundertsiebzig.«

Abby setzte ihren besten bösen Blick auf und knurrte: »Wir sind hier nicht auf dem türkischen Basar wo du feilschen kannst, Mädel. Zweihundert und das Ganze ein bisschen zackig, ich habe noch einen Haufen Arbeit zu erledigen.«

Die Kundin gab ihr das Geld und verschwand mit den Worten, sie wäre total unhöflich und nie wieder würde sie hierherkommen. Sollte Abby nur recht sein, sie hatte ihre Stammkunden und die ihres Vaters. Stammkunden brachten neue Stammkunden. Das war ein ungeschriebenes Gesetz. Ihr wurde nie langweilig und das Geschäft lief ausgesprochen gut.

Weil sie ein bisschen paranoid war, schloss sie die Vorder- und Hintertür ab und setzte sich an den Tresen, um die Vorlage fertigzustellen.

Unaufhörlich tickte die Uhr. Tick. Tack. Tick. Tack. Abby seufzte. Sie wusste nicht mal, an wen sie sich wenden sollte. Ihr Vater pflegte kaum Freundschaften. Und die wenigen, die er hatte, wussten nichts von seiner Mission. Das hatte sie längst geprüft. Es hätte sie ehrlich gesagt auch gewundert, hätte er jemanden ins Vertrauen gezogen. Trotzdem. Er konnte doch nicht einfach von der Bildfläche verschwinden. Sie wollte auch nicht bei den Bullen anrufen und fragen, ob er zufällig im Knast saß oder tot in irgendeinem Graben aufgefunden worden war.

Bloß nicht unnötig Aufmerksamkeit erregen. Ihr Vater wusste schon, was er machte, das tat er immer.

Er war aber auch noch nie solange weg gewesen, mischte sich eine fiese Stimme in ihrem Kopf ein.

Stimmt.

Verdammt.

Abby stieß einen langen Seufzer aus. In einer Stunde würde ihr nächster Kunde kommen. Das Tattoo war genug Arbeit, um sie den Rest des Tages zu beschäftigen. Zumindest bis sie alleine in ihrem Bett lag und wieder ins Grübeln verfiel.

»Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken«, zitierte sie aus ihrer momentanen Lieblingsserie Game of Thrones.

Ein plötzliches Rütteln an der Tür erschreckte sie. Ihr nächster Kunde konnte das noch nicht sein. Sie kannte den Mann nicht, der dort stand. Vorsichtig und misstrauisch ging sie um den Tresen herum zur Tür. Nur selten traute sie Menschen über den Weg. Eine Angewohnheit, die sie von ihrem Dad hatte.

Der Mann mit dem zotteligen blonden Haar, das an den Seiten kahl rasiert und oben zu einem Dutt frisiert war, blickte sie aus braunen Augen forschend an. Seine Kleidung war nicht schmutzig, wirkte aber heruntergekommen. Verschlissene Jeans und ein ausgeblichenes Shirt mit kleinen Löchern am Saum. Der war sicher nicht wegen eines Tattoos hier.

»Mach auf, mein Täubchen.«

»Ich bin kein Täubchen, schon gar nicht Ihres.« Sie verschränkte die Arme. Etwas an der Art des Mannes war ihr nicht geheuer. Vielleicht war es der abgestumpfte Ausdruck in den Augen oder das humorlose Lächeln im Gesicht, mit dem er seine gelben Zähne entblößte. Nicht die »Ich scheiße auf den Zahnarzt«-Art, sondern die »Ich rauche täglich zwei Schachteln Kippen und trinke dazu zehn Liter Kaffee«-Art.

»Was wollen Sie?«, fragte sie als er keine Anstalten machte, etwas zu sagen. Sie standen sich fast direkt gegenüber, getrennt durch die Glastür.

Sein Blick glitt anzüglich über ihre Figur und das Lächeln wurde noch breiter. Abby wurde schlecht.

Zeitlupenartig hob er die Hand, ballte sie zur Faust und schlug gegen die Scheibe – auf Höhe ihres Gesichts. Sie zuckte zusammen und stolperte erschrocken zurück.

Auf einmal war sie dankbar für die ständige Paranoia ihres Dads. Die gesamten Fensterscheiben im Haus waren mit Sicherheitsglas ausgestattet. Fenster und Türen hatten zusätzlich spezielle Sicherungen.

Der Mann vor der Tür war zunächst verwirrt, ehe er erneut die mit Ringen besetzte Faust hob und gegen die Scheibe schlug. Nicht der kleinste Kratzer war zu sehen. Abby eilte zur Theke, schnappte sich das Gewehr, lud es durch und zielte damit auf den Mann. Sie wusste, er konnte nicht herein. Jedenfalls nicht auf die herkömmliche Art. Sie wollte ihm nur zeigen, dass sie bewaffnet war und nicht davor zurückschreckte, ihm eine Kugel zu verpassen. Er sah zur Seite, schüttelte den Kopf und ging weg. Er besaß sogar die Frechheit zu zwinkern und zu winken. Seine Lippen formten das Wort bald.

Ihre Hände zitterten, als sie das Gewehr sicherte und zurück an seinen Platz legte.

Heute würde sie niemanden mehr tätowieren. Selbst unter der größten Anstrengung würde sie ihre Hand nicht ruhig halten können. Sie musste sich etwas einfallen lassen. Was, wenn der Typ zurückkam? Wenn er spezielles Werkzeug dabeihatte, um ins Haus zu gelangen?

Sie rief ihren Kunden an und sagte den Termin ab.

Ihr Smartphone kündete eine eingegangene Nachricht an. Sie wischte über das Display. Ihr Dad. Endlich!

Leise las sie: »Geh zu den Sinners. Sag ihrem Chef Savior, dass ich den Gefallen einfordere. Er wird dich beschützen. Such nicht nach mir.«

Was zur Hölle?

Unschlüssig biss sie sich auf die Lippe. Dann wählte sie die Rufnummer ihres Vaters. Sein Telefon war aus. Er musste es direkt nach dem Verschicken der Nachricht ausgeschaltet haben. Na toll!

Nervös trommelte sie auf dem Tresen herum. Schön. Sie würde zu den Sinners fahren. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Sie wusste nicht, was an den Gerüchten über diese Leute dran war. Sie sollten dick im Geschäft sein, wenn es um Prostitution, Waffenschmuggel, Drogen und Erpressung ging. Aber niemand hatte ihnen bisher etwas Handfestes nachweisen können. Angeblich standen sogar Politiker, Richter und Cops auf deren Gehaltslisten.

Sehr vertrauenswürdig.

In einer Stadt, die gefühlt die Größe einer Erdnuss hatte, redeten die Leute gerne. Abby hatte längst aufgehört, sich darüber Gedanken zu machen. Der Wahrheitsgehalt bei Stadtgesprächen lag unter zehn Prozent.

Allerdings waren die Sinners kein harmloser Strickverein, die mit ein bisschen Prollgehabe ihr Image aufpolieren wollten. Wollte sie sich in die Höhle des Löwen begeben? Ihre Alternative bestand darin, hier zuhause auf den Typen zu warten, der vorhin aufgetaucht war. Sie konnte genauso gut zu den Sinners gehen. Da wüsste ihr Dad wenigstens, wo er sie suchen musste, sollte er je wieder auftauchen.

Hoffentlich wusste er, was er tat.

Fast erwartete Abby, jemand würde ihr auflauern und sie davon abhalten, ins Auto zu steigen. Aber nichts geschah. Niemand folgte ihr.

Manchmal vermisste sie das Rauchen. Dann könnte sie sich jetzt genüsslich eine Zigarette anzünden, tief den Rauch inhalieren und entspannen. Doch sie hatte keine Zigaretten mehr im Auto liegen. Selbst die Musik, die sonst für die nötige Entspannung sorgte, war ihr heute zu laut, zu aufdringlich, zu … alles. Kurzerhand schaltete sie das Radio aus. Die Stille war fast noch schlimmer als der Lärm.

Die Sinners hatten ihr Clubhaus außerhalb der Stadt. Jeder kannte es, obwohl es sich fernab von vernünftig befahrbaren Straßen befand. Es lag in einem Waldstück. Die Fahrt dauerte zwanzig Minuten – die für ihren Geschmack viel zu schnell vergingen.

Das hell erleuchtete Haus tauchte als bedrohlicher, grauer Klotz vor ihr auf. Sie hatte erwartet, das Tor bewacht oder verschlossen vorzufinden. Doch Fehlanzeige. Es stand offen und war für jeden zugänglich.

Wahrscheinlich war keiner so dumm, die Sinners anzugreifen oder zu beklauen.

Im Schritttempo fuhr sie auf das Gelände, entdeckte rechts gleich die Abstellplätze und parkte ihren Wagen in Fluchtrichtung. Sicher war sicher. Obwohl sie nicht glaubte eine Chance zur Flucht zu haben, sollten die Sinners sie hierbehalten wollen.

Abigail blickte an dem Haus hoch, das wie ein umgekehrtes „L“ gebaut war. Es hatte drei Etagen, in einigen Zimmern brannte Licht. Laute Musik und Gelächter drangen aus dem Inneren.

Sie ging den unbefestigten Weg lang, stieg die eine Stufe hoch, bis sie nach zwei Schritten vor der Tür stand. Sollte sie klopfen? Würde sie überhaupt jemand hören bei dem Krach?

Ach was soll´s, dachte sie und drückte einfach die Klinke hinunter. Problemlos ließ die Tür sich öffnen.

Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte. Sie war kein Kind von Traurigkeit und hatte schon einiges ausprobiert. Mit Männern, Klamotten, Haarfarben und Drogen experimentiert.

Doch was sich hier abspielte, war ein ganz anderes Kaliber. Überall saßen Männer mit Frauen auf den Schößen, tranken, rauchten, lachten, grölten. Manche von ihnen vögelten die Frauen direkt vor den Augen der anderen Leute. Auf dem Billardtisch, dem Kicker, den Sofas und Sesseln.

Eine Frau kniete zwischen den Beinen eines Mannes und blies ihm einen, während sie von einem zweiten Mann von hinten genommen wurde.

Ach du Schande! War sie in den Orgien-Dienstag geplatzt oder ging das hier immer so zu?

Abigail stieg über einen Mann hinweg, der schlafend auf dem Boden lag.

Sie spürte einige Blicke auf sich, aber niemand machte sich die Mühe, sie anzusprechen. Zumindest solange, bis ein wahrer Schrank von einem Mann sich ihr in den Weg stellte.

»Ich glaube du bist hier falsch, Prinzessin.«

Abby blickte auf. Wow. Der Mann sah aus wie Ryan Reynolds. Nur breiter, größer, muskulöser. Tätowiert, gepierct. So ungern sie es auch zugab, der Kerl passte in ihr Beuteschema.

Sie nahm all ihren Mut beisammen und blickte ihm in die kalten grauen Augen. »Ich möchte gerne zu Savior.«

Der Typ lächelte verschlagen. »Bist du schwanger oder willst du einfach nur von ihm gefickt werden?«

Empört stemmte sie die Hände in die Hüften. »Wie bitte? Was ist denn dein Problem, Arschgesicht?«

Ups. Hatte sie das gerade wirklich laut gesagt? Sie riss erschrocken die Augen auf. Doch der Typ grinste bloß. »Ich bin Thug.«

»Abby.«

Die sehnigen Arme ließ er fallen, als er in eine Richtung deutete. Die unbekleideten Stellen seines Körpers waren zum großen Teil mit Tattoos bedeckt. Alte, neue, schwarze und bunte. Ihren geübten Augen entgingen solche Details nie. Einige waren so schlecht gestochen, dass sie im Kopf schon ein vollständiges Cover-up fertigstellte. Bei anderen bräuchte sie nur die Farbe auffrischen.

»Schätzchen, so wie du mich anstarrst, kann ich mir deine Gedanken schon vorstellen.« Thug lächelte. Charmant. Sexy. »Ich kann dir versichern, mit mir hast du mehr Spaß als mit dem Boss.«

Abby grinste frech zurück. Auch wenn der Typ wie ein Verbrecher aussah, spürte sie irgendwie, dass von ihm keine Gefahr für sie ausging. Zumindest nicht im Moment. Verschwörerisch lehnte sie sich dichter zu ihm und flüsterte: »Schätzchen, ich wette du kannst meine Gedanken nicht annähernd erraten. Ich bin ein ganz anderes Kaliber, als die Mädels mit denen du sonst zusammen bist und jetzt bring mich zu Savior.«

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