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CANTO 5: IM WIRBELSTURM. DIE LIEBENDEN
ОглавлениеFRAU JELINEK WANDERTE MIT einem Stoizismus, der ihr in einem Hopper-Gemälde auch gut gestanden wäre, hinein in den Terminal drei, der vor einigen Jahren an den alten Flughafen drangeklotzt worden war und allen die große, weite Welt vorspielte, in die man sich aber erst hineinfliegen musste. Es sollte wohl nach Metropole aussehen, obwohl jeder wusste, dass die Schlagzeilen, die wie Running Sushi über den Köpfen der – zu anderen Zeiten ständig – Ankommenden entlangliefen, von der Kronenzeitung bespielt wurden, einem Medium, das so kleinformatig war wie das Land, in dem es erschien.
Aus irgendeinem Grund ging geisterhaft eine Schiebetür auf, ein Windstoß fegte uns durchs Haar. Frau Jelineks Zöpfe regten und reckten sich wie schmale Schlängelchen. »Zu diesem Handel«, sagte sie und nahm das Möchtegern-Shoppingareal in den Blick, das sich bemühte, einen Hauch von wenigstens Frankfurt zu verströmen, »und Verwandel gehört der Fremdenverkehr, bei dem die Leute, statt abgenützt und weggeschmissen zu werden, neuer und besser zurückkommen, als sie hineingegangen sind, aber weniger für sich kriegen, denn ihr Budget ist aufgebraucht.«
Ich dankte dem Himmel leise dafür, dass ich gerade erst »Die Kinder der Toten« zu lesen begonnen hatte. Sie lagen in meinem Köfferchen, die Kinder der Toten; so erkannte ich das Zitat aus dem Prolog und konnte gewandt anschließen mit »Es hat sich aber ausgezahlt.«3 Ich sah sie von der Seite an, diese eigentlich zarte, eigentlich schöne Person, die mindestens eine Generation der Österreicher so leicht erkannte wie, sagen wir, die Mona Lisa. Stolz wallte auf in mir. Und Zuneigung. Ich erinnerte mich daran, wie ich mit einem Freund in einer – ja – Sushibar gesessen war, einer von diesen billigen, in denen man in Plastikboxen abgepack-te Lachssushis kaufen kann, als auf meinem kleinen Nokiahandy eine SMS ankam mit dem Wortlaut »Ja hurra elfriede jelinek bekommt den literaturnobelpreis.« Ich weiß noch, wie ich meinem Freund wortlos das Handy reichte, wir beide uns je eine Hand vor den Mund klappten vor Freude und Überraschung, und die Augen aufrissen. Ich weiß noch, wie die Kronenzeitung tags da-rauf die Nachricht in einem winzigen Kästchen unterbrachte – neben einer fast schon subversiven Baumax-Werbung für eine Pflanze namens Erica Gracilis. »Der Führerschein kann schnell weg sein!« – das war die Schlagzeile.
Sie müssen sich das von mir gerade Geschilderte als das Gedankenkondensat von zwei Sekunden vorstellen, und sogar die sind zu lang, um das leichte Rümpfen einzuschließen, das ich an Frau Jelineks Nase sehen konnte. Kummervoll klammerte ich mich an meinen Trolley, während ich dachte. »Manche stürzen leider auch ab dabei«, murmelte sie dann, um zu seufzen und mit »So, und jetzt genug zitiert, es sollen ja neue Bücher kommen auf die Welt« weiterzustapfen.
Die Windstöße kamen aus den hektisch sich öffnenden und schließenden Schiebetüren, aus denen normalerweise die Ankommenden, die Wien-Neugierigen oder Wien-Konsumentinnen, die Stadt-Abhakerinnen und To-do-List-Reisenden, die Musiknarrischen, die Schnitzelsüchtler, die Heimkehrenden in gebückter, aufrechter, abwesender oder feierlicher Haltung strömten. Jetzt strömte gar nichts.
Über das Kronenzeitung-Band rutschte eine einzige Schlagzeile in Dauerschleife: Pandemienotstand ausgerufen. Rettung naht nicht.
Zwei junge, sehr junge Leute lungerten herum, blass und ganz in Schwarz, ich sah sie erst nach der traurigen Lektüre des Kronenzeitung-Ergusses.
»Jetzt fangen die harten Stationen an«, seufzte neben mir Frau Jelinek, »aber so ist das halt, man schreibt, und schwupps hat man Verantwortung in Zentnersäcken auf den Schultern liegen. Schauen Sie sich die zwei da gut an. Ich weiß ja nicht, ob Sie meine Bücher kennen, Frau Tiwald, es ist mir auf eine Weise wurscht, wie es Buddha wurscht wäre, aber die da, das sind die von mir in die Welt gestoßenen, weil aus dem Limbo der Unbeschriebenheit herausgeholten, Zwillinge Witkowski. Anna und Rainer Maria, die …«
»… die im Wien der 1950er mit einem Vater leben, der im Krieg ein Bein verloren hat«, sprudelte es aus mir hervor, »und der die Mutter dauernd und exzessiv pornografisch fotografieren muss« – ich hatte zwar ein Entspannbuch einschieben müssen nach den »Ausgesperrten«, aber dafür waren die zwei Horrorteenies wie durch Pflugscharen in meinem Hirn eintätowiert.
»Hallo«, sagte Frau Jelinek, »liebe Anna, lieber Rainer, da bin ich wieder, und ich hab diesmal die Frau Tiwald mitgebracht.«
»Servus, Alte«, sagte das Gräuel, das Anna hieß und alles Mitleid verdiente, »ist das eigentlich auch eine so untervögelte Person, die Frau Tiwald, wie Sie? Soll mich das noch irgendwie interessieren?«
»Lass, Annaspätzchen«, sagte das männliche Zwillingsmonster, dem sich die Liebe hätte erfüllen sollen, um alles aushaltbar zu machen und das furchtbare Ende des Romans zu verhindern, »die Gelegenheitsschreiberinnen da, die können uns schon wieder nicht das Wasser reichen, nicht das Trinkwasser, nicht das Brauchwasser, nicht das Brackwasser.«
Sie wandten sich ab und starrten auf die Smartphones, die sie im Roman noch nicht gehabt hatten. Ich knetete mir die Nasenwurzel und rieb mir über die Augenlider. »Wie«, flüsterte ich, »ist das möglich?« Vor uns saßen ein Familienauslöscher und seine Schwester, die eigentlich aus Papier und Tinte waren.
»Ich hab nicht die geringste Ahnung«, flüsterte Frau Jelinek zurück, »wenn ich früher gewusst hätte, dass Monster aus den Buchseiten springen können und die Guten nicht, dann hätt ich auf jeden Fall nur über die Guten geschrieben und mit Lavendelromanen für Frauen vielleicht ein kleines Vermögen verdient. Und Österreich wär sowieso dasselbe geblieben. Dann wären alle glücklich gewesen.«
»Aber man muss schon«, flüsterte ich zurück, »denen, die auch so verzweifelt sind, wie man selbst, einen Anker hinwerfen. Also, ein Buch als Punkt, wo man sich trifft zum Ja-Sagen zur Verzweiflung, mein ich. Damit man nicht glaubt, man ist komplett allein in einer Wüste aus Lavendel. Verstehen Sie?«
»Du, Rainer, die zwei alten Tanten gaffen uns an, glaub ich«, sagte da die Anna zu ihrem Bruder, der nur kurz seinen leeren Blick vom Smartphone hob. Ich dachte, ich würde unter so einem Blick erschauern; ich hatte schon halb und halb daran gedacht, dass ich mich unter Überwindung meiner ehrfürchtigen Distanz an den Oberarm von Frau Jelinek würde klammern müssen, war das nicht auch beim Zauberlehrling so, dass der Meister den wilden Besen wieder in die Ecke schickt? Sollte sie mich beschützen vor diesen zwei fleischgewordenen Albträumen von Pubertieren. Aber ich erschauerte nicht. Ich machte vorsichtig zwei Schritte, nachdem ich Frau Jelineks Zeigefinger in meinem Rücken gespürt hatte.
»Darf ich fragen«, sagte ich, »was ihr da auf dem Handy anschauts? Ist das … ist das noch sehr neu für euch? Weil im Buch seids ihr in den Fünfzigerjahren.«
»Rainer, die Alte fragt uns was.«
Ich setzte ein geduldiges Lächeln auf.
»Wie ich euch kenn aus dem Roman von der Frau Jelinek, seids ihr eigentlich zwei gscheite junge Leut. Da gibt’s sicher einen Haufen zu entdecken, wenn man so ein Smartphone in die Hand kriegt und irgendwann rauskriegt, wie man’s am besten verwendet. Man kann natürlich seine Zeit verscheißen mit allem möglichen Wahnsinn. Vielleicht habts ihr von Fake News schon was gehört.«
»Blabla, blabla«, sagte Rainer und fuhr weiter mit dem Finger auf dem Ding herum, »wir brauchen euer Gelaber nicht. Wir sind die Neuen. Wir sind immer schon die Neuen gewesen, da warts ihr noch gar nicht auf der Welt.«
»Mit Verlaub, in den Fünfzigern war ich schon auf der Welt«, sagte Frau Jelinek, »deswegen hab ich euch ja so geschrieben, wie ich euch geschrieben hab.«
»Schönen Dank, kann ich nur sagen«, sagte Anna und wischte, »das ist ja das reinste Gräuel, in das du uns reingeschrieben hast, das Allerletzte, das Miefigste und Verstunkenste, das Widerlichste und Graueste.«
»Aber damit ist jetzt Schluss«, sagte Rainer, »wir lassen uns das nicht länger gefallen, wir lassen uns nicht in die Liebesunmöglichkeit hineinschreiben, in die du uns hineingeschrieben hast, Jelinek, wir suchen uns jetzt was Besseres.«
»Genau«, zischte Anna, »diese Klovögeleien und dieser abartige Vater, dieser untreue Hans und dieser verzwickte Bruder. Ich mag nimmer. Ich find mir was Besseres.« Sie fasste sich, während sie sprach, ins dünne Haar und entfernte ein Stück ihres Gehirns, das dort herumklebte wie faules Ei.
»Und deshalb, Jelinek«, sagte Rainer und hob kurz den Kopf, »schreiben wir jetzt unsere Zukunft selbst. Genau. Ganz kurz. Und setzen uns in die Welt und schauen, was passiert.«
Er reckte sein Smartphone in die Luft in einer Mischung aus Siegergeste, Pokal, Stockerlplatz und einem Rest von Aufzeigen wie in der Schule. Drehte den Bildschirm uns zu.
Er war auf Tinder.
Er saß da und wischte. Sie saß da und wischte. Sie waren blass und hühnerbrüstig, so wie ich sie mir vorgestellt hatte. Sie lebten. Und sie lebten nicht. Sie waren die papierensten Untoten, die mir jemals begegnet waren (und die einzigen. Bisher). Aus meinem Brustkorb fühlte ich ein Seufzen steigen; eines, dessen Kommen sich wie aus dem Erdinneren anfühlte, wo heiße Steine sich aneinanderpressen; eines, dessen Ausatmen nicht so schnell vorbei sein würde wie eine Wischbewegung.
Obwohl ich Rainer Witkowski mit seinen funkelnden Augen ab und zu innehalten sah über einem der kleinen Bilder auf der Maschine in seiner Hand.
Und dennoch dauerte mein Seufzen länger.
»Ich lebe!«, schrie er plötzlich, sprang auf, fuchtelte mit dem Handy herum. »Ich lebe, und ihr alten, vertrockneten Ex-Lebedamen könnt mir in meiner Gier nie und nimmer das Wasser reichen! Ich werde ficken! Lieben! Und ihr nicht! Amen!«
Er schrie herum, fuchtelte, dann setzte er sich. Wischte.
Frau Jelinek stand neben mir und sagte nichts, schaute nur und blinzelte ab und zu. Ich hörte mich »Der arme Bub« sagen, als stünde ich neben mir, als hörte ich mir selbst beim Auswerfen von Plattitüden zu. Sie schaute. Sie blinzelte. »Das wahre Glück«, sagte sie dann, »ist das Gefühl, das Beste im Leben gewollt zu haben.«4
Dann zupfte sie mich am Ärmel, und wir gingen weiter.