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ALLES IST EINMAL – VORGESCHICHTE

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AM 14. SEPTEMBER 1321 SCHLOSS, wie man so schön sagt, Dante Alighieri »die Augen für immer«, er schaut sich also seit 700 Jahren die patate von unten an, er hat den cucchiaio abgegeben, sie haben ihm den Mantel aus Holz angezogen.

Riposa in eterno.

Dante kennt man, wenn man die Hölle kennt. Oder das Fegefeuer. Vom Paradies ganz zu schweigen. Ich bin mir aber nicht sicher, wer denn eine Ahnung von Hölle, Fegefeuer, Paradies hat; ich habe den Eindruck, man starrt heutzutage auf die eigenen Schuhspitzen, während die Uhr tickt.

Als er Mitte dreißig war, schickte Dante sich selbst auf eine Reise durchs Jenseits, wobei er sich von seinem Idol, dem römischen Dichter Vergil, begleiten ließ, einer Person, der man schon damals nur im Jenseits begegnen konnte (die Begegnung in der Dichtung ausgenommen), und nannte das Ganze »Göttliche Komödie«. In Vergils Begleitung besichtigt Dante darin steinerne Abgründe, niedergebrochene Mauern, Sünder, die durch Scheißemeere schwimmen; er begegnet Schemen und Monstern, lässt sich unterwegs von einem Drachen fliegen und macht sich unwissentlich zur Fundgrube und zum Steinbruch der Filmindustrie des 20. Jahrhunderts. Er wandert einen sich windenden Turm hoch bis ins gleißende Licht, am Schluss begegnet er seiner toten Geliebten, Beatrice, die ihn bis zu den allerhöchsten Gestaden mitnimmt. Dorthin, wo Gott wohnt.

Mindestens zwei Erkenntnisse können praktische Gemüter aus der »Göttlichen Komödie« ziehen: erstens, dass es Mumpitz ist, wenn behauptet wird, »die Menschen« hätten im Mittelalter »geglaubt«, dass die Erde »eine Scheibe« sei, und zweitens, dass es schon im ausgehenden 13. Jahrhundert emanzipierte Beatrices gab. Zumindest, wenn sie tot waren.

Extra für diese Reise hat Dante eine bestimmte Reimform entwickelt, nämlich den »terza rima«, die Terzine. In der Praxis sehen Endreime nach dem Prinzip des terza rima (immer drei – auch unreine – Reimwörter überkreuz, los geht’s ab Zeile 2) zum Beispiel so aus:

Katze

Haus

Tatze

Maus

Finanzwesen

Saus und Braus

Bilanz lesen

Gevatter

Bar-Tresen

Bestatter

Kurz

Geratter

Lurz

und so weiter.

Wikipedia meint, einige hätten Dante diese modische Reimweise nachgemacht, Giovanni Boccaccio zum Beispiel, dessen »Decamerone« zu Zeiten des Corona-Lockdowns von 2020 nach mehr als 600 Jahren wieder hochaktuell war (Adelige sperren sich vor der Pest weg und auf einem Landsitz ein, wo sie sich die Zeit mit Geschichtenerzählen vertreiben), auch Petrarca, der König des Sonetts. Schlussendlich wird da auch Hugo von Hofmannsthal zitiert als Terzinenschreiber; so weit reichen Dantes knochige Finger. Es heißt aber auch, dass Dante von altokzitanischen sirventes beeinflusst war, also von französischer Troubadourdichtung, und wovon waren die Troubadoure beeinflusst? Von arabischer Dichtung, die wiederum über die Mauren nach Spanien und dann … alles fließt ineinander.

A Einundvierzig war ich in dem crazy Jahr,
B in dem ein Virus klein und kleiner
A faltete, was uns, wie sagt man?, »lieb und teuer« war;
B ich gondelte hinaus nach Schwechat; ein feiner
C Flug, dacht ich, wär jetzt das Richtige; du lieber
B Körper, Beuteltasche voll Materie, fremd, doch meiner,
C du brauchst schwer Urlaub, Rast, Verschiebung
D von schüttkistweise Pflichten, Zetteln, E-Mails,
C versteck, entzieh dich, Tiwald, zeitumfriedet
D zieh dich zurück, flieg fort – und alle ihr, quält’s
E jemand anderen. Die Zeit war satt von Frust,
D alle erschöpft wie nach Montur von zehn Zahn-Inlays,
E Corona! – Kein Kuscheln, keine Party und kein Kuss,
F auch keine Wirtschaftsleistung, brummt nix,
E auf manchen Schaufenstern wuchs krus-
F tendick der Staub, und nirgends summen Fix-
G sterne, die automatisch glücklich machen.
F Einsam, leer, kein Austausch, rundum keine Kicks.
G Es war die Zeit zum Weinen, nicht zum Lachen.

Und so weiter. Wir leben nicht in der Zeit der Terzinen.

Was aber wahr ist, ist die Grundstimmung, ist der brennende Wunsch, diese Stadt zu verlassen, aus diesem Gefühl fortzufliegen; was wahr ist, ist der Antritt meiner Reise. Ich packte einen kleinen Koffer, den ich online bestellt und mir hatte liefern lassen, ein ausgemergelter Pakistani hatte ihn mir bis zur Tür gebracht. Klein, funkelnd und mit einem Maximum an Praktikabilität: Noch praktischer ging nicht.

Aber ich. Ich ging.

Mit Elfriede durch die Hölle

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