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KAPITEL 4 Eine Weihnachtsgeschichte
ОглавлениеDen Jahreswechsel und das Weihnachtsfest 2017 wollte ich nach dem ereignisreichen Jahr in Ruhe und ohne großes Tamtam begehen. Meine Eltern hatten sich über die Feiertage angekündigt, und in der Grünen Ferienwohnung waren mit Barbara und Gert Stammgäste einquartiert. In der Blauen waren neue Gäste eingezogen, um beschauliche Weihnachtstage auf der Hallig, fernab vom Festlandstrubel, zu verbringen.
Am Tag vor Heilig Abend gab es noch allerhand zu erledigen. Ein stattlicher Tannenbaum stand bei mir im Pesel, und ich wuselte voller Vorfreude geschäftig zwischen Küche, Garten und Gästebehausungen hin und her. Vor dem Haus und bei der Treppe zum Stellplatz meines Autos hatte ich Lichterketten befestigt, die in der dunklen Jahreszeit ein heimeliges Licht um meine alte Reetdachkate zaubern. Im Hausflur hingen Weihnachtsmänner und Engel aus Holz, und die Kerzenleuchter im Treppenhaus waren bereits mit dunkelroten Kerzen bestückt. Das ist für mich das Schönste an der dunklen Jahreszeit: Kerzenlicht! Das Wärme und Gemütlichkeit ausstrahlende Licht von echten Kerzen ist für mich ein absolutes Muss. Winter und Kerzen gehören zusammen, so wie Sommer und Holunderblütenschorle.
Auch in den Ferienwohnungen war weihnachtliches Flair eingezogen. Dort stelle ich zwar alljährlich keine echten Weihnachtsbäume auf, aber jeweils einen Julbaum, einen typisch friesischen Weihnachtsbaum aus Holz. Er besteht aus einem kleinen Holzgestell, das jedes Jahr mit frischen Buchsbaumzweigen umwickelt wird. Außerdem wird noch eine Kette drangehängt. Je nachdem, wie viel Mühe man sich machen möchte, wird eine fertige Bernsteinkette verwendet oder eine auf einem Bindfaden frisch aufgezogene Rosinenkette. Eine klebrige und zeitaufwendige, aber effektvolle Angelegenheit. Die Gestaltung der Kette hat in früheren Zeiten den Reichtum einer Familie widergespiegelt. Bernstein konnte man an der Halligkante, am besten im Spülsaum, ausreichend finden und somit großzügig verwenden. Rosinen hingegen waren teuer und nur schwer zu bekommen.
Der Buchs bildet den halbrunden Rahmen um die drei oder vier waagrechten Streben. Eine senkrechte Holzstrebe, zwanzig bis vierzig Zentimeter lang, dient als Mittelsäule. Rechts und links von dieser werden Figuren aus Salzteig in den Baum gehängt. Es gibt Tiermotive oder auch Motive aus der Seefahrt und Landwirtschaft. An meine Julbäume hänge ich jeweils ein Segelboot und eine Mühle sowie Kuh, Schwein, Fisch und Hahn. Jedes Symbol hat natürlich eine besondere Bedeutung. Allgemein sagt man, dass sie für Fruchtbarkeit, Glück und gute Wünsche für das neue Jahr stehen. Das Glück besteht für mich auch darin, dass meine Eltern mir die Arbeit des Julbaum-Schmückens für die Ferienwohnungen abnehmen. Bei einem meiner Besuche bei ihnen in Husum bringe ich die leeren Holzgestelle mit und kann sie rechtzeitig vor den Festtagen prachtvoll geschmückt wieder abholen.
Auch bei mir im Erdgeschoss ist Weihnachtsstimmung eingezogen. Neben dem in Rot, Gold und mit Strohsternen geschmückten Baum, selbstverständlich mit echten Bienenwachskerzen, finden sich Engel, Weihnachtsmänner, Rentiere und viele andere Figuren auf den Fensterbänken. Ich mag diese stille Zeit, die ich auf Hooge sehr genießen kann, denn dann kehrt wirklich etwas Ruhe und Besinnlichkeit ein. Auch wenn ich viel Zeit mit dem Lesen und Beantworten der zahlreichen Post verbringe, die nicht nur als E-Mail, sondern auch auf dem üblichen Postweg im Haus am Landsende ankommt.
Der Brief lag inmitten eines großen Schwungs von Briefen, Paketen und bunten Weihnachtskarten. Ich war beeindruckt, wer alles an mich dachte. Das Öffnen und Lesen der Post glich einer wunderbaren Bescherung, denn bis auf ein paar wenige Rechnungen bereiteten mir alle Zeilen ein Lächeln und ein schönes Gefühl. Das große weiße Kuvert wartete noch darauf, geöffnet zu werden. Zwei weihnachtliche Aufkleber schmückten den Umschlag, ein glänzender Engel und der Weihnachtsmann mit einem langen weißen Bart. Meine Adresse war mit grüner Tinte geschrieben, einen Absender fand ich nicht. Mir fiel nur auf, dass die Briefmarke nicht abgestempelt war. Neugierig öffnete ich das Kuvert, entnahm ihm einen Stapel Papier und obenauf ein ebenfalls mit grüner Tinte verfasstes Anschreiben.
Hallo, Frau Just. Unser Telefonat im November hat mich sehr nachdenklich, aber auch sehr traurig gemacht.
Mein Blick ging hinunter zur letzten Zeile, und ich sah, dass der Brief nicht mit einem Namen, sondern nur mit Initialen unterschrieben war. Ein anonymer Brief. Keine Unterschrift, kein Absender. Dennoch wusste ich sofort, wer sich hinter diesem Kürzel versteckte. Ich kannte die Dame nicht persönlich, erinnerte mich in diesem Moment auch nicht an ihren Namen, sondern nur an drei mit ihr geführte Telefonate. Sie musste, so mutmaßte ich, zwischen Mitte sechzig und Mitte siebzig sein. Sie hatte mich zum ersten Mal im Frühjahr angerufen und meinte, ich sei für sie die richtige Ansprechpartnerin, da sie bisher mit ihren Anliegen bei anderen Adressaten nicht auf fruchtbaren Boden gestoßen sei. Sie habe erfahren, dass ich mich für den Tourismus auf Hooge einsetzen würde, also wende sie sich nunmehr an mich. Es lag ihr auf der Seele, dass eine Badestelle im Westen der Hallig nach baulichen Veränderungen für ältere Badegäste nicht mehr bequem zugänglich sei und dass ihr die rückläufigen Öffnungszeiten der hiesigen Gaststätten Sorge bereiten würden. Wir unterhielten uns eine Weile über die Qualität des momentanen touristischen Angebots auf Hooge, ich gab ihr bei dem ein oder anderen Punkt Recht und versprach, ihre Anregungen an die entsprechende Stelle weiterzuleiten. Das tat ich auch, worüber ich sie im zweiten Telefonat informierte, denn sie rief mich im Sommer erneut an.
Und dann folgte das dritte Gespräch im November, das Telefonat, in dem sie mir von ganz anderen Sorgen berichtete. Sie beschrieb eine Situation, die sich während ihres letzten Urlaubs Ende September im Halligkaufmann abgespielt hatte.
Die Dame stand an der Kasse, und in ihrer unmittelbaren Nähe befand sich ein kleines Mädchen. Dieses Mädchen war in ihren Augen »eine ganz freche Göre«. Es war patzig, beschimpfte sie und streckte ihr die Zunge heraus. Die Dame am Telefon schilderte mir sehr ausführlich, dass sie von dieser Situation mehr als entsetzt gewesen sei, denn so etwas habe sie auf Hooge noch nie erlebt. Bis dato seien die Kinder niemals so frech und ungezogen gewesen, und diese Entwicklung sei nun wirklich tourismusschädigend. So ein respektloses Verhalten Erwachsenen gegenüber sei beleidigend und unerhört. Die Anruferin war kaum zu bremsen, auch nicht, als ich versuchte anhand einiger Beispiele aufzuzeigen, dass es auch auf Hooge immer schon freche Kinder gegeben hat. Zu früheren Zeiten war es nicht ungewöhnlich, dass Kinder rohe Eier warfen, wobei nicht selten Gäste oder zumindest deren Kinder als Zielscheibe dienten. Dieses Verhalten sei doch bei Kindern nichts Ungewöhnliches, versuchte ich sie mit Humor zu beruhigen. Dem widersprach sie vehement.
»Seit nunmehr 25 Jahren, Frau Just, reise ich regelmäßig mit meinen Freunden auf die Hallig, aber so ein freches Kind ist mir hier noch nie begegnet!«, sagte sie in harschem Ton. »Gegen diesen Zustand muss man etwas tun, und vor allem müssen Sie als Halligleute dieser Entwicklung Einhalt gebieten, denn das ist ja nur der Anfang!«
»Was meinen Sie damit?«, fragte ich, schon ahnend, in welche Richtung ihre Klage nun gehen würde.
Ich wusste von Anfang an, von welchem Mädchen sie gesprochen hatte, ihre Beschreibung machte es leicht, dies zu erraten. Ja, dieses kleine Mädchen war tatsächlich ein sehr aufgewecktes und unternehmungslustiges Kind, das mit seinen sechs Jahren gerade im Begriff war, die Halligwelt und das eigene Leben zu entdecken. Das Mädchen lebte zu diesem Zeitpunkt erst zwei Jahre auf Hooge. Auf einer Hallig, einem Fleckchen Erde, das dieses Mädchen nach monatelanger beschwerlicher Reise mit seinen Eltern und drei weiteren kleinen Geschwistern erreicht hatte, kurz nachdem sie ein Gebiet verlassen mussten, in dem sich sogenannte Erwachsene bis aufs Blut bekämpften. Ohne zu wissen, warum und wohin, verlor dieses Kind die vertraute Heimat, die beschützende große Familie und vieles mehr. Bei Sturm und entsprechendem Wellengang kam dieses Mädchen kurz vor Weihnachten mit einem Schiff auf Hooge an. Mit Habseligkeiten, die in ein paar Plastiktüten verteilt waren, mit gerade einmal fünf ihm vertrauten Menschen um sich. Alles andere war für dieses Kind fremd. Ich möchte nicht wissen, was dieses Mädchen und seine drei Geschwister bis zu diesem Zeitpunkt alles hatten sehen und erleben müssen. Jasina. Aus Afghanistan.
»Damit meine ich, dass da noch mehr kommen. Nach Hooge«, erklärte sie spitz.
Ich spürte, wie ich verspannte. Ich holte tief Luft. Mein bis dahin ruhiger und besänftigender Tonfall veränderte sich augenblicklich. Ebenso wie meine Stimmung. Mein Geduldsfaden war gerissen.
»Liebe gnädige Frau«, setzte ich an, »ich will Ihnen mal eines sagen: Wenn Sie meinen, dass Sie in mir jemanden gefunden haben, bei dem Sie sich erstens über freche Kinder beschweren können und zweitens Ihre aus welchem Grund auch immer mit Fremdenhass geschwängerten Gedanken abladen können, dann haben Sie sich getäuscht. Außerdem ist meine persönliche Empfehlung, sich ein anderes touristisches Urlaubsziel zu suchen, wenn Sie sowohl mit dem einen als auch mit dem anderen Thema ein Problem haben sollten. Ich habe Verständnis dafür, dass die momentanen gesellschaftlichen Veränderungen gerade in Ballungsgebieten zu Schwierigkeiten führen, und ich bin ganz Ihrer Meinung, dass hier noch längst nicht alles Menschenmögliche getan wurde beziehungsweise getan wird, um nachhaltige Lösungen zu finden. Für alle Seiten. Aber ich werde es nicht akzeptieren, dass Sie ein sechsjähriges Kind, egal ob frech oder nicht frech, zum Anlass nehmen, um Ihre politische Gesinnung in einem Atemzug mit der touristischen Gemeinde Hallig Hooge und deren Bewohnern zu nennen, und Letztere in die Verantwortung nehmen wollen, diesen, wie Sie es nennen, Zustand in Ordnung zu bringen!«
Mann, war ich sauer!
Unser Telefonat war dementsprechend schnell beendet. Wir hatten uns in einem durchaus vernünftigen Ton voneinander verabschiedet, aber mein Pulsschlag war in einem alles andere als vernünftigen Rhythmus.
Ein paar Tage beschäftigte mich dieses Telefonat noch, aber dann hatte ich es zum Glück vergessen. Bis zum Tag vor Heilig Abend. Bis zu diesem Moment, in dem ich jetzt den Stapel Papier von besagter Dame in Händen hielt. Ein handbeschriebener linierter DIN-A4-Bogen, auf dem sie ihre Enttäuschung über meine Haltung zum Ausdruck brachte, und das mit unmissverständlichen Worten. Ich sei ein Gutmensch, der Maßstäbe setzen würde, die ich gar nicht verantworten könne, las ich da, und ein paar Zeilen weiter stellte sie klar, dass Hooge zwölf Stammgäste verlieren würde und ich mit meiner Einstellung nicht nur der Hallig, sondern der Nation einen Schaden zugefügt hätte. Um das noch zu unterstreichen und mich vermutlich doch noch auf den »rechten Weg« zu leiten, hatte sie Zeitungsmaterial beigefügt, mit Inhalt, der auf polemischste Weise den Untergang sämtlicher deutscher Urlaubsparadiese und in Konsequenz der abendländischen Hochkultur prophezeite. Ich habe diesen Berichten noch nicht einmal eine Minute meiner Zeit gewidmet, nachdem ich erkannt hatte, um was es sich handelte.
So etwas hatte ich bis dato noch nie erfahren. Wut und ein anderes Gefühl machten sich in mir breit. Ich drehte das Kuvert noch einmal in meiner Hand, und mein Blick blieb erneut an der ungestempelten Briefmarke hängen. Wie konnte das sein? Wie kam dieser Brief, vermutlich aus Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen, wenn ich das richtig in Erinnerung hatte, ohne entwertete Briefmarke in mein Haus? Zum ersten Mal, seit ich auf der Hallig lebte, hatte ich ein mehr als mulmiges Gefühl, und für einen kurzen Moment fühlte ich mich in meinem Haus nicht sicher. Einmal mehr vermisste ich meinen Hund Chico an meiner Seite. Und das lag nicht an den in meinen Augen dummen Papieren, die sich innerhalb des Kuverts befanden, sondern daran, dass ich für einen Moment glaubte, dass sich eine Person in meinem Hausflur hatte aufhalten können, die ich eigenhändig im hohen Bogen rausgeschmissen hätte, wenn ich ihr persönlich begegnet wäre.
Alsbald verflüchtigte sich dieses Gefühl wieder und machte Platz für Wut und Ärger. Was für eine feige Art und Weise, so einen Mist anonym zu versenden! Das sagte ja eigentlich schon alles über den Charakter der Absenderin. Ich warf den Brief mitsamt den unsäglichen Zeitungsausschnitten kurzerhand in den Papierkorb und beschloss, der Dame und ihren Ausführungen keinen weiteren Gedanken zu »gönnen«. Im Gegenteil. Ich dachte an Jasina und erfreute mich an der Gewissheit, dass sie und ihre Geschwister bereits ein Weihnachtsfest auf Hooge erlebt hatten. Mit vielen ihnen zugewandten und wohlwollenden Menschen um sich herum, mit Frieden, Musik und Kerzenschein und auch mit Gottes Segen. Denn diese Kinder haben Weihnachten in Hooges wunderschöner und für alle Menschen offener Kirche verbracht. So, wie Kirche sein soll, und das vor allem zu Weihnachten. Und vor allem Kindern gegenüber. Und ich wünschte mir von ganzem Herzen, dass diese Kinder auch in diesem Jahr zum zweiten Mal ein Weihnachtsfest in Frieden würden verbringen können. Und das ist für mich eine Weihnachtsgeschichte, die aus dem wahren Leben kommt und weihnachtlicher gar nicht sein kann.
Nachtrag: Im März 2018 hielt ich zum zweiten Mal ein großes weißes Kuvert in Händen, wieder ohne Absender, dafür aber mit Aufklebern, die mich sofort erahnen ließen, in welche Richtung mich der Inhalt leiten sollte. Wenigstens war diesmal die Briefmarke abgestempelt. Die beigelegten Zeitungsausschnitte würdigte ich keines Blickes, aber ich musste zugeben, dass ich den Brief der anonymen Schreiberin mit gewisser Neugierde las. Schon bei der vierten Zeile musste ich lachen, denn sie hatte ja in ihrem ersten Brief noch von zwölf Gästen geschrieben, die sich geschlossen abwenden und Hooge nie wieder bereisen würden. Jetzt waren es nur noch acht. Also hatte sie entweder beim ersten Mal gelogen, oder vier ihrer Freunde hatten sich anders entschieden. Oder sie war einfach eine alte tüdelige Frau, die sich nicht mehr so ganz daran erinnern konnte, was sie noch vor drei Monaten geschrieben hatte. Das konnte ich gut nachvollziehen, denn ihre Zeilen konnte man nur vergessen.