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In der letzten Zeit waren wir selten im Untergeschoss des riesigen Gebäudekomplexes der Europäischen Union in Straßburg gewesen, und noch nie war es passiert, dass wir zu dritt einberufen worden waren. Ich saß neben meinem Freund und Kollegen Stefan Crenz auf einem bequemen Stuhl, vor uns stand ein ovaler gläserner Tisch mit verschiedenen Getränken und und Papieren.

Auch unsere britische Kollegin Lita Ashton befand sich bei uns. Sie hatte uns bereits einige Male bei unseren Fällen unterstützt. Stefan und ich hatten erst bei unserem Eintreffen erfahren, dass auch sie dabei war. Unsere Wiedersehensfreude wurde nur von der allgemeinen Verblüffung übertroffen, und wir ergingen uns in Spekulationen, welcher Art die Gefahr diesmal sein mochte.

Ich mochte Lita sehr gerne und freute mich jedes Mal, sie zu sehen, auch wenn die Anlässe meist bedrohlicher Art waren. Obwohl sie recht klein war, ging von ihr eine mitreißende Dominanz aus, der man sich nur schlecht entziehen konnte. An Mut fehlte es ihr ebenfalls nicht, wie sie während unserer Einsätze bewiesen hatte.

Ich kam nicht umhin, ihr in unregelmäßigen Abständen einen Blick zu widmen. Sie hatte ihr halblanges, leicht gewelltes Haar im Nacken zusammengebunden, was vermutlich der Hitze geschuldet war, die wie eine Glocke seit Tagen über Europa lag.

Immer wieder erinnerte mich die sonore Stimme unseres Chefs, Jules Vernon, daran, dass wir nicht zu unserem Vergnügen hier waren. Wir befanden uns in den Räumlichkeiten des IPA, dem Institute for paranormal Activities, einer noch relativ neuen, von der Europäischen Union ins Leben berufenen Organisation, deren Agenten sich um die paranormalen Auffälligkeiten kümmerten, zu denen es in den vergangenen Jahren immer häufiger gekommen war. Wir, Stefan Crenz und ich, waren ausschließlich in Deutschland tätig; kürzlich noch waren wir in München unterwegs gewesen, wo ein Toter aus dem Jenseits heraufbeschworen worden war, um einen Rachefeldzug gegen seine Freunde zu beginnen. Dieser Fall war erledigt, die Akten lagen im Archiv und waren längst ausgewertet.

Nun warteten im Norden Deutschlands Aufgaben auf uns. Ich konzentrierte mich auf Vernons Worte. Neben ihm saß, wie fast immer, sein Stellvertreter Albert Armstrong, ein bleichgesichtiger Brite mit einer unangenehm näselnden Stimme. Ich mochte den Mann nicht und wich ihm aus, so weit es möglich war. Den meisten Agenten, mit denen ich mich über Armstrong unterhalten hatte, ging es so; trotzdem gab es doch einige Befürworter seiner arroganten Art, mit der er sich mit Menschen auseinandersetzte.

Ich war froh, dass er sich bislang zurückgehalten hatte und ausschließlich Vernon das Wort überließ.

»Im Süden Schleswig-Holsteins liegt ein kleiner Ort namens Briststedt. Er befindet sich im Norden von Norderstedt und nordöstlich von Quickborn. Sehr beschaulich, aber es geht dort grausig zu. Etwas scheint mit diesem Ort nicht zu stimmen, und das schon seit Jahrhunderten.«

»Seit Jahrhunderten?«, fragte Stefan nach, in seiner Stimme hörte man die Ungläubigkeit heraus.

Vernon nickte. »Sie haben richtig gehört. Immer wieder kommt es dort zu Verbrechen oder Unfällen, manchmal herrscht dort über mehrere Jahre idyllische Ruhe, dann gab es Phasen, in denen es binnen weniger Monate zu auffälligen Geschehnissen kam, die unerklärlich waren. Das Besondere ist, dass die Bewohner dieser Stadt das mit ungewöhnlicher Gelassenheit zur Kenntnis nehmen und wie immer ihrem Tagwerk nachgehen. Man sollte doch vermuten, dass es in mehr oder weniger großem Ausmaß zu einer Flucht käme, aber dem ist nicht so. Die Bewohner leben weiterhin ihr Leben, als sei nichts Böses geschehen.

Manchmal kommen Fremde zu Schaden, manchmal auch die dort lebenden Menschen. Die Behörden sind ratlos, legen jedoch auch kein Übermaß an Emsigkeit an den Tag, diese eigenartigen Vorkommnisse aufzuklären.

Es sieht fast so aus, als habe man sich mit den Fällen arrangiert. Wir haben von diesen Vorkommnissen nur aus dem Grund erfahren, weil wir Daten aus den Nachbarorten erhalten und ausgewertet haben. Aus Briststedt hingegen liegen kaum Daten vor.«

»Und wir sollen nun dem Geheimnis auf den Grund gehen«, mutmaßte Stefan und erntete ein Nicken von Vernon und Armstrong.

»Klingt so, als würden wir nach Castle Rock fahren«, sagte ich.

Ich erntete mit meiner Bemerkung verwirrte, überraschte oder missbilligende Blicke und sah mich gezwungen, eine Erklärung abzugeben. »Eine fiktive Stadt in vielen Romanen und Erzählungen von Stephen King.«

»Hm«, murmelte Vernon.

»Ein wenig mehr Ernsthaftigkeit wäre wünschenswert«, zischte Armstrong. Ich schenkte ihm ein herzliches Lächeln, was ihn noch mehr zu verbittern schien.

»Wir haben trotz aller Forschungen überhaupt keinen Ansatzpunkt dafür, was der Grund für all diese Vorkommnisse sein könnte.« Vernon schlug eine vor ihm liegende Akte auf. »Im Jahr 1985 lief ein Bewohner des Ortes plötzlich Amok und ermordete im Laufe von zwei Tagen neun Menschen, darunter seine Frau und seine sechsjährige Tochter. Er wurde schließlich von der Polizei erschossen. Der Grund für diese Irrsinnstat liegt völlig im Dunkeln.

Genauso auch im Fall Petra Meuchler, die zu einem Gartenfest einlud und ihre Gäste vergiftete, einschließlich sich selbst. Am Ende waren sechs Leichen zu beklagen.«

»Immerhin«, bemerkte ich und rüstete mich für den nächsten Rüffel, »die Frau hatte den passenden Namen.«

Niemand sagte etwas, nur Armstrong schüttelte seinen farblosen Schädel.

»Auch Touristen kamen immer wieder zu Schaden. Durchreisende, die plötzlich für immer verschwanden, mutmaßlich fanden sie ihr Ende in Briststedt, wenngleich es hierfür keine handfesten Belege gibt. Die Ermittlungen verliefen alle im Sand, auch begründet wegen des offenkundigen Misstrauens der Einwohner. Zahllose Fälle von häuslicher Gewalt liegen in unseren Archiven, auch Kindesmisshandlungen, ebenso sind Tierquäler dort zahlreich vorhanden. Doch es wurde nie etwas getan, was zur Aufklärung beigetragen hätte. Für Aufsehen erregte ebenfalls ein Massaker im örtlichen Schlachthof vor einigen Jahren, als aus unbekannten Gründen ein Mitarbeiter durchdrehte und etliche Kollegen ermordete.«

»Möglicherweise ein Fluch?«, fragte Stefan. »Etwas, das in grauer Vorzeit dort vorgefallen ist und bis heute seine Wirksamkeit entfaltet?«

»Durchaus möglich, aber auch hier gilt: Wir wissen es nicht. Die Stadtarchive geben diesbezüglich nichts Nützliches her. Von der Entwicklung würde man sagen, es handelt sich um einen ganz normalen Ort, in dem nichts Weltbewegendes geschieht.«

Ich kratzte mich am Kopf. »Und das geht tatsächlich schon seit Jahrhunderten so?«

Vernon nickte. »Kaum zu glauben, aber so ist es wohl. Schon im sechzehnten Jahrhundert wurde darüber berichtet. Briststedt stand zumindest damals völlig auf sich allein gestellt da. Die umliegenden Städte und Gemeinden sahen den Ort wohl als Hort des Bösen an und mieden ihn, so gut es ging. Geschäfte mit Briststedt waren für eine lange Zeit völlig verpönt. Das geht aus Berichten der Nachbarorte hervor. Nur in Briststedt zog man es vor, diesbezüglich zu schweigen. Heute ist das anders. Die Leute glauben nicht an den Teufel oder an Flüche. Für die meisten Menschen dürfte Briststedt ein verschlafenes Kaff sein, in dem nichts Außergewöhnliches passiert. Auch hier ist es seltsam, dass all die Verbrechen aus der nahen Vergangenheit keinen Argwohn weckten. Es scheint beinah so, als nehme man Nachrichten aus Briststedt nur beiläufig zur Kenntnis, als geschähe all das nicht.«

»Nun«, sagte Stefan lapidar, »dann nichts wie hin.«

»So ist es«, sagte unser Chef, »ich glaube nicht, dass Sie dem Kern der Sache auf den Grund gehen können, aber das ist auch nicht Ihre Hauptaufgabe.«

»Sondern?«, hakte ich nach.

»Aktuell scheint dort wieder etwas im Gange zu sein. Menschen verschwinden, sowohl Einheimische als auch möglicherweise Durchreisende. Im Moment sind uns drei Fälle von verschwundenen Personen bekannt. Die Namen finden Sie in den Ihnen vorliegenden Akten. Wir können nicht abschätzen, ob dies wirklich der Auftakt einer Reihe von weiteren Vermisstenmeldungen sein wird, doch wir sollten diesmal gewappnet sein.«

»Warum soll auch ich mit?«, fragte Lita Ashton. Es war das erste Mal, dass sie etwas sagte. Normalerweise hatte ich sie als sehr gesprächige, lebhafte Frau kennengelernt, hier jedoch hielt sie sich auffällig im Hintergrund.

»Eine reine Vorsichtsmaßnahme. Da wir Ihnen so gut wie keine Anhaltspunkte mit auf den Weg geben können, scheint es angeraten, mit einem größeren Team anzureisen. Falls es nötig sein sollte, können wir zu einem späteren Zeitpunkt auch noch mehr Leute loseisen und zu Ihnen schicken.«

»Sie glauben wirklich, dass dort etwas Großes im Gange ist?«, fragte ich.

Vernon nickte. »Absolut. Briststedt könnte sich als heißes Eisen bewahrheiten, das ist meine Überzeugung. Sie sollten sich keineswegs auf einen Erholungsurlaub einstellen, auch dann nicht, wenn Sie nichts Verdächtiges ausmachen können. Hinter jedem Baum könnte eine tödliche Gefahr auf Sie lauern. Seien Sie auf der Hut.«

Für einen nüchternen Mann wie Vernon klangen diese Worte ungewöhnlich düster und pessimistisch, und ich fragte mich insgeheim, ob er uns alle Details mitgegeben hatte. »Und wann startet unser großes Abenteuer?«

»Morgen früh um acht Uhr. Sie fliegen von Straßburg, wie Ihnen bereits mitgeteilt wurde. Wegen der Dringlichkeit stellt Ihnen die Armee ein Flugzeug bereit. Ihr Gepäck haben Sie ja bereits dabei, wie ich sehen konnte. In Hamburg wartet ein Mietwagen auf Sie. Genießen Sie derweil die Stadt ein wenig; Straßburg ist ein lohnenswertes Ziel.«

Stadt des Unheils: Phenomena 7

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